Carl Hauptmann | Namenlos

Namenlos bin ich wie der Sonnenstrahl.
Namenlos bist du wie eine flinkernde Welle.
Nicht deinen Namen kenn ich –
Nur deine Seele –
Und deine sammetschimmernde Haut –
Und deine frischen Lippen –
Und deine Kinderaugen, du Frühe.
Deine junge Seele glüht in deinem Wangenblut
Und drängt nach mir.
Wir lieben einander. –
Wie der goldene Sonnenstrahl den Bach liebt.
So liebe ich dich.
Wie er tändelnde Sonnennetze ihm in den Grund malt
So tändle ich in deinen goldnen Haaren, du Frühe,
Und werfe sie in frohem Übermute auseinander
Wie Sonnengeringel.
Unsere Augen sehen einander in ihre Tiefen.
Unsere Seelen lieben sich – namenlos.
Dein lieblicher Leib schmiegt sich an meine atmende Brust
Wie weiche Frühlingswellen,
In zeitlosem, raumlosem Traum …
Und aus deinem Schoße erblüht träumend
Eine Menschenseele –
Eine neue Seele aus zweier Frühling –
Das Wunder der Liebe –
Die neue Seele, die »Ich« und »Du« heißt.

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Carl Hauptmann –  Aus meinem Tagebuch
Verlag – Paul List Verlag Leipzig
Dritte erweiterte Auflage – 1929

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