Briefmarken – Vom Sinn und Wert des Sammelns – Gastbeitrag

Erste Bayerische Briefmarke 1849
Erste Bayerische Briefmarke 1849

Wollte man die Geschichte des Sammelns schreiben, so müsste sie zweifellos in Urzeiten beginnen : bei den Sammlern der Urgesellschaft, für die das Zusammentragen von Beeren und Früchten – also ihr Nahrungserwerb – eine Lebensnotwendigkeit war. Von dort bis zur modernen Briefmarkensammlung aus Liebhaberei und zum Freizeitvergnügen ist es freilich ein sehr langer Weg. Doch an einer Behauptung scheint nicht zu rütteln zu sein: Der menschliche Sammeltrieb ist so alt wie die Geschichte der Menschheit selbst.

Briefmarken_FrankreichAus der Antike sind zum Beispiel große Daktyliotheken bekannt, Kollektionen von Gemmen; also von Edelsteinen und Halbedelsteinen mit geschnittener bildlicher Darstellung, die zum Siegeln oder als Schmuck verwandt wurden. Ebenfels im Altertum entstanden bei den Griechen und Römern. bedeutende Schrift- und Buchsammlungen. Im Mittelalter widmeten sich vielfach Ritter dem Zusammentragen von Rüstungen und Waffen. Und zu Goethes Zeiten war es eine allgemeine Mode, Mineralien, aber auch Münzen und andere Gegenstände von naturwissen­schaftlichem oder kulturhistorischem Wert und Interesse zu sammeln. Heute ist die Zahl der Semmelgegenstände Legion. Sie reicht von Grafiken und Exlibris bis zu Straßenbahnfahrscheinen und Bierdeckeln, von Käfern und Schmetterlingen bis zu Pfeifenköpfen und Abziehbildern, von Porzellan und Zinngeschirr bis zu Autogrammen und Ansichtspostkarten. Kein Sammelgebiet hat jedoch eine derartige Breitenwirkung erreicht wie die Philatelie. Das Briefmarkensammeln überlebte alle kurzfristigen Modeerscheinungen im Reiche der Sammelleidenschaften und gewann im Laufe seiner Entwicklung immer mehr und immer neue Anhänger, die sich begeistern ließen von der bunten Weit der kleinen Marken und vom Reiz postalischer Dokumente und Urkunden.

Bereits im September 1841, also wenig mehr als ein Jahr nach dem Erscheinen der ersten Briefmarken, dokumentierte ein junger Mann in einem Inserat der Londoner .,Times“ seine Leidenschaft für die neuen Gebührenquittungen der Post. Und er hatte damals schon – darf man den Chronisten glauben – mehr als 16 000 Stück zusammengebracht, allerdings zu einem recht eigenartigen Zweck: zum Tapezieren seines Schlafzimmers! Der Beginn des ernsthaften Briefmarkensammelns liegt jedoch nicht sehr viel später, wobei es in den ersten Jahren nicht einmal sonderlich schwer war, eine Sammlung .,Alle Weit“ komplett zusammenzubekommen, erschienen doch von 1840  bis 1849 unter Einschluss der amerikanischen Postmeisterausgaben gerade 90 verschiedene Marken. 

Um 1850 wurde auch der Briefmarkenhandel geboren, der zunächst meist nebenbei in Tabakwarenläden, Papiergeschäften und ähnlichen Unternehmen betrieben wurde. Im September 1861 erschien in Frankreich der erste Briefmarkenkatalog von Oscar Berger Levroult und Alfred Potiquet, der bereits 1080 Briefmarken und 132 Ganzsachen registrierte. Die erste Briefmarkenfachzeitschrift kam ein Jahr später in Liverpool unter dem Titel .. The Monthly Advertiser“ {Der monatliche Anzeiger) heraus. ln Leipzig beschäftigte sich zum gleichen Zeitpunkt das Münzen und Antiquitätengeschäft Zschiesche & Köder mit der Herausgabe einer Sammlerzeitschrift und eines brauchbaren Katalogs ; mit dem Erfolg, dass beides 1863 zu haben war. Die ersten Sammelalben für Briefmarken, deren Blätter mit vorgedruckten Feldern zunächst ungebunden in Kartons aufgehoben wurden, dotieren ebenfalls aus jenen frühen sechziger Jahren des  19. Jahrhunderts. ln Leipzig gab G. Wuttig 1862 sein erstes Briefmarkenalbum heraus,, das später von Gustav Bauschke als Schaubek-Album weiterentwickelt wurde. Im Zusammenhang mit dieser ganzen Entwicklung prägte der französische Sammler M. Herpin 1864 als Bezeichnung für Briefmarkenkunde und Briefmarkensammeln zum ersten Male das Wort Philatelie, das von da ob zum international verständlichen Begriff wurde und sich in fast allen Sprachen einbürgerte. Dieser Begriff „Philatelie“ setzt sich aus den griechischen Wortbestandteilen .,philos“ (Freund) und .,ateleia“ (Gebührenfreiheit) zusammen. Es gab über diese Begriffsverbindung und über die richtige Auslegung der griechischen Wörter bis in jüngere Zeit unterschiedliche Auffassungen, doch ist dies ein müßiger Streit, da wir heute überall unter dem Nomen PHILATELIE die Beschäftigung mit Briefmarken und anderen postalischen Belegen verstehen.

Daß sich Briefmarkensammler in Vereinen zur Pflege ihrer gemeinsamen Interessen zusammenschlossen, ist aus der Zeit um 1 860 gleichfalls nachweisbar. Allerdings handelt es sich dabei meist um ollgemeine Sommlervereinigungen, deren Mitglieder neben Postwertzeichen auch vieles andere zusammentrugen. Die erste ausschließlich der Philatelie gewidmete Sammlergemeinschaft entstand 1866 in St. John im heutigen Kanada als „The Excelsior Stamp Association“ (Die Excelsior-Briefmarken-Gesellschaft), und sie hatte schon ihre eigene Zeitschrift! Der erste deutsche Philatelistenverein wurde 1869 in Heidelberg gegründet, dem zwei Jahre später ein Verein in Dresden folgte. Seitdem hat das Sammeln von Briefmarken und anderen postalischen Belegen monehe Wandlung durchgemacht. Heute gibt es bereits eine ganze Philateliegeschichte, die zu schreiben des Aufwandes wohl wert wäre. Ist es doch recht aufschlussreich, den ersten Keimen von Philatelistenvereinen in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts nachzuspüren und zu untersuchen, in welcher Weise sich die  Sammelleidenschaft ausgebreitet hat.

Anfänglich waren alle Philatelisten mehr oder weniger Generalsammler. Sie klebten die Marken chronologisch geordnet nach Ausgabegebieten der ganzen Welt oder doch wenigstens eines Erdteiles oder mehrerer Kontinente in ihre Alben. Das ergab sich einfach daraus, weil bis 1869 in aller Welt erst 2770 und bis 1879 weitere 2400 verschiedene  Postwertzeichen in Umlauf gebracht waren. 1879 entfielen davon 2107 Briefmarken auf Europa, 728 auf Asien, 416 auf Afrika 1496 auf Amerika und 426 auf Australien. Wenn man dann noch bedenkt, daß zu diesem Zeitpunkt im ehemaligen Deutschland bereits 534 verschiedene Marken, in Spanien 272 und in den USA 237 erschienen waren – zusammengenommen sind das fast ein Viertel, aller damaligen Postwertzeichen dann wird deutlich, dass für die Mehrzahl der Ausgabegebiete eine Ländersammlung von ihrem möglichen Umfang her noch gar nicht gegeben war! Dänemark hatte damals gerade 38, Schweden 47, Chile 18, das zaristische Russland 30, Japan 56 und Bulgarien ganze 5 verschiedene Briefmarken ausgegeben, um einige Beispiele zu nennen. Um bei diesen relativ wenigen Neuerscheinungen pro Jahr überhaupt „richtig“ sammeln und tauschen zu können,, waren auch die Ganzsachen – Briefe und Postkarten sowie Streifbänder mit eingedruckten Wertzeichen – begehrte philatelistische Objekte. Das alles gab auch noch genug Spielraum, um beliebte Markengebiete philatelistisch recht gründlich zu bearbeiten.
ln kaum einer der ehemaligen Generalsammlungen fehlten deshalb Typen-, Farb-, Zähnungs-, Wasserzeichen- und Papierunterschiede; ja auch interessante Stempeltypen und – Formen wurden in die Sammlungen aufgenommen. Die gründliche Bearbeitung der alten klassischen Gebiete in den Katalogen ist noch ein Überbleibsel aus dieser Zeit. Damals war, von wenigen Ausnahmen abgesehen, der Aufbau einer  fast kompletten Weltsammlung noch durchaus möglich.
Kurz vor der Jahrhundertwende setzte dann die erste große Speziali­sierung ein. Aus den Sammlungen verschwanden nach und nach zugunsten der immer mehr zunehmenden Neuerscheinungen die Ganzsachen.

Besonders seit Einführung der .,Correspondenz-Karte“ 1869 und ihrer Zulassung für den Weltpostverkehr im Jahre 1875 schwollen die Ausgaben von Ganzsachen lawinenartig an. Von da ab blieben sie bis zum heutigen Tage Stiefkinder der Philatelie. Und erst in den letzten Jahren bemühen sich Philatelisten wieder ernsthaft darum, dass sie als gleichwertiges philatelistisches Sammelgut allgemein anerkannt werden. Aber noch hielten um die Jahrhundertwende die meisten Sammler an der Generalsammlung fest, obwohl der alte Traum des „Komplettseins“ damals bereits ausgeträumt war. Zu dieser Zeit setzte vereinzelt schon eine weitere Spezialisierung ein: aus der Sammlung wurden zuerst schwer erreichbare Länder, später ganze Kontinente ausgeschlossen. Immerhin gab es am Ende des 19. Jahrhunderts, also 60 Jahre nach der Penny-block, auf der Weit bereits 16135 verschiedene Briefmarken. Kein Wunder, wenn in den folgenden Jahren immer mehr Generalsammler vor der „Briefmarkenflut“ ehrenhaft kapitulierten und ihren Sammlerfleiß auf immer weniger Länder konzentrierten. Diese philatelistisch objektiven Bedingungen wurden durch die Folgeil des verheerenden 1 . Weltkriegs noch weiter zugespitzt: Alte freundschaftliche Bande mit aus­ländischen Tauschpartnern wurden jäh zerrissen, gewohnte Privat- und Geschäftspost mit begehrten fremdländischen Marken blieb aus, Sammlungen gingen in den Kriegswirren verloren und schließlich verleideten Hunger, Inflation und allgemeine Destabilität in den meisten Ländern auch das Sammeln von Briefmarken. Hinzu kam, dass gerade in jenen Jahren durch Krieg und Nachkrieg bedingt, die Neuerscheinungen von Postwertzeichen in aller Weit rasch zunahmen. Allein zwischen 1920 und 1929 erschienen 19059 Marken ; das waren fast 3000 Marken mehr als in den ersten 60 Jahren zusammengenommen! So schnellte die Gesamt­zahl der von allen Markenländern ausgegebenen Postwertzeichen am Ende der zwanziger Jahre auf rund 59300 verschiedene hoch.

Die Spezialisierung ging unter diesen Bedingungen immer weiter: nunmehr wurden nur noch bestimmte, ausgewählte Länder gesammelt oder – wenn der Geldbeutel praller gefüllt war – hielt man an den Ausgaben eines Kontinentes fest. Aber immer dominierte bis dahin die Ländersammlung; auch die Generalsammlung setzte sich von der Sammel­form her letztlich aus einzelnen Ländersammlungen zusammen.

Zwei gänzlich neue Grundrichtungen philatelistischen Sammelns beginnen sich in den zwanziger Jahren abzuzeichnen. Einerseits wendet man sich bestimmten Markengattungen oder Beförderungsarten unabhängig vom Ausgabeland zu.  In dieser Richtung sind die damals entstandenen Zeppelin- und Luftpostsammlungen heute fast klassische Vorbilder. Andererseits beginnen einige Sammler die Marken nach den auf ihnen abgebildeten Motiven zusammenzufassen. Die ersten Beispiele für solche Sammlungen wurden in der Mitte der 1920er Jahre vor allem von sowjetischen Philatelisten sowie von dem durch seine Motivsammlungen bekannt gewordenen Luxemburger Bernard Fetter geschaffen. Damit war der moderne Zweig der Motivphilatelie und des thematischen Sammelns geboren. Schon auf der ersten Allunions-Briefmarkenausstellung in Moskau 1924 traten Sammler mit Motivthemen auf. Dazu zählten die Titel ., Flora und Fauna“, .,Die sozialistische Revolution“, .,Wasser und Landtransport“, ., Die Geschichte der ersten Kopeken-Marken“ und anderes mehr. Im Gästebuch der zitierten. Moskauer Ausstellung konnte man daher auch lesen, dass „es besonders angenehm war, Sammlungen zu sehen, die  sich mit Ethnographie, Geschichte, Naturwissenschaften“ beschäftigten., Gerade deshalb sei „die Ausstellung sehr wertvoll für die Aufklärung und das Studium der Geschichte“, sei sie „der Übergang zur wirklich vielseitigen bildenden Rolle der Philatelie“ gewesen.

Es bedurfte aber noch vieler Jahre, ehe sich das Motiv oder gar das thematische Gestalten als Sammelform durchsetzte. Das lag daran, dass selbst in den 1920er Jahren noch zu wenig sammelwürdige Motive auf Briefmarken abgebildet waren. Bis dahin dominierten die Porträts der Herrscher oder Präsidenten, Wappen, Zahlen und immer wieder sinnbildliche Darstellungen (Allegorien). Die reinen Motivmarken, wie wir sie heute als Sonder- und Dauermarken aus allen Ländern kennen, setzten  sich weltweit erst in den 1940er und -fünfziger Jahren durch. Bis dahin bildeten sie noch die Ausnahme und konnten alle in die nachfolgenden neun großen Motivgruppen eingeordnet werden, die in der aufgeführten Rangfolge in den meisten Ausgabeländern das Briefmarkenbild nach und nach eroberten und bereicherten:

Bauwerk/Denkmale
Persönlichkeiten Landschaften
Schiffe/Lokomotiven
Flugzeuge
Fauna und Flora
Werktätige
Sport
IndustrieanIagen/Bergwerke/Häfen

Ende der 1920er Jahre waren kaum mehr als 7 Prozent der bis dahin in allen Ländern ausgegebenen rund 59300 Postwertzeichen reine Motivmarken. Selbst solche klassischen Markenländer wie Frankreich hatten von den bisher emittierten 327 Marken erst 21 , die Niederlande von 361 nur 27 und das Deutsche Reich einschließlich der altdeutschen Staaten von 1502 grade 43 verschiedene Motivmarken an die Schalter gebracht. Mit 101 Motiven bei 584 ausgegebenen Marken bestimmten . die USA mit die Spitze. Demgegenüber hatte Großbritannien bis dahin überhaupt noch keine Motivmarken aufgelegt!

Seit den fünfziger Jahren hat sich das Bild jedoch grundlegend verändert. Fast alle Bereiche von Gesellschaft, Natur und Technik haben nunmehr auf Briefmarken ihren Platz gefunden. Breite und Vielfalt der Motive nahmen so zu, dass es heute schon fast unmöglich ist, selbst die eingeengtesten Motivgebiete komplett zusammenzutragen. Deshalb begannen immer mehr Philatelisten ihr Augenmerk auf das thematische Sammeln zu verlegen. Damit konnte die allzugroße Beschränkung im Sammeln, die ein einmal gewähltes Motiv wie zum Beispiel „Sport auf Briefmarken“ mit sich brachte, überwunden werden. Was aber noch viel wichtiger war: Das Gestalten thematischer Objekte engte das Briefmarkensammeln nicht mehr in, sondern drängte geradezu danach, neben der Briefmarke auch Ganzsachen, Ganzstücke, Stempel und andere postalische Belege in die Sammlungsgestaltung mit einzubeziehen. Das thematische Sammeln erwies sich als echte Alternative zur immer einseitiger werdenden Ländersammlung.

Das Sammeln von Briefmarken und anderen postalischen Belegen vollzieht sich in vielfältiger Form. Sammlungen werden als Länder-, Spezial-, Forschungs-, Motivsammlungen oder thematische Sammlungen aufgebaut und gestaltet, wobei jede Form zur Vermittlung von Kenntnissen geeignet ist. Besonders gute Möglichkeiten, alle Bereiche aus Natur und Gesellschaft zu behandeln und mit philatelistischen Mitteln zu politischen, ökonomischen, weltanschaulichen und kulturellen Fragen Stellung zu nehmen, bietet dabei die thematische Philatelie. „ln diesem Zusammenhang taucht aber noch ein anderer Aspekt auf: Briefmarken sind seit jeher nicht nur Gebührenzettel, sondern als Sammelgut auch Handelsware, und sie haben einen von ihrer Häufigkeit oder Seltenheit abhängenden Wert sowie einen von Angebot und Nachfrage diktierten Preis. Das hat in der Entwicklung der Philatelie oftmals zu sehr spekulativen Tendenzen geführt. Besonders seit dem 1 . Weltkrieg wurde die Beschäftigung mit Postwertzeichen immer mehr auch zu einer Kapitalanlage. Und neben dem echten Sammler, der vor allem auf den inneren Wert und die Aussage seiner Sammlung sah, trat der Typ des auf Briefmarkenorientierten, ja man möchte sagen „Beute jagenden“ Spekulanten, für den der Preis zum Sinn der Philatelie wurde. So verwundert es auch nicht, daß die Briefmarke nicht nur bei „Philatelisten“ zu einem Mittel der Kapitalanlage wurde. In den 1960er Jahren priesen beispielsweise geschäftstüchtige  Briefmarkenhändler Briefmarken, paketweise zusammengestellt, wie Aktien an und versprachen vertrauensseligen Käufern, die oft von Briefmarken gar keine Ahnung hatten, nicht unbeträchtliche Gewinne in den folgenden Jahren.

Für den „echten“ Philatelisten wird der Wert der Briefmarke nicht mehr allein durch ihren Preis, sondern in zunehmendem Maße vor allem durch ihren Platz, den sie infolge ihrer inhaltlichen Aussage in einer Sammlung einnimmt, ausgedrückt. Der Sammler betrachtet die Briefmarke immer mehr als Zeugnis der Kleingrafik, das in ihm Begeisterung für das Schö­ne weckt und ästhetisches Empfinden und Urteilsvermögen fördert. Er beschäftigt sich mit ihr, weil sie als kleine Visitenkarte des Landes, aus dem sie kommt, ihm vielfältige Kenntnisse und Erkenntnisse vermittelt.
Er betreibt seine Liebhaberei Philatelie vor allem, weil sie als sinnvolle Freizeitbeschäftigung Erholung, Entspannung sowie Freude und Unterhaltung schenkt und weil sie als Bestandteil der Kultur große Möglichkeiten zu eigenständigem Forschen und zur Vermittlung wichtiger Ideen und Gedanken bietet.

Briefmarken sind – wie bereits gesagt – als Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens Träger der Ideologie und Kultur der herrschenden Klassen ihrer Herkunftsländer. Sich mit ihnen zu beschäftigen, bedeutet daher unausweichlich Stellung zu beziehen. In diesem Sinne gibt es auch keine unpolitische Philatelie, wie früher immer behauptet wurde: Ob man den weltweiten Kampf gegen die Stationierung neuester Waffentechnologie der USA in Europa  anhand von Briefmarken und Stempeln für Atomausstieg und Friedenssicherung zusammenträgt oder sich beispielsweise für die Marken des südafrikanischen Rassistenregimes begeistert, bedeutet objektiv eine Wahl zwischen Fortschritt und Reaktion. Und so geben Briefmarken und andere postalische Belege heute jedem Philatelisten in vielfältiger Weise Anlass und Anstoß zur Auseinandersetzung mit den großen geistigen Fragen unserer Zeit. Die Philatelie gewinnt – so betrachtet und betrieben – ständig an kulturpolitischer Bedeutung und- gesellschaftlicher Wirksamkeit. Dies um so mehr, je klarer der Sammler erkennt, dass die Briefmarken eines jeden Landes zweckbestimmte Mitteilungen und Ideen zu verbreiten haben, mit dem Ziel, bei den Empfängern bestimmte Gefühle, Parteinahmen und Verhaltensweisen hervorzurufen. 

Autor: Hans-Willem Keuning – Sammler – Saarbrücken

 

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