Blinde Instinkte – Ungewöhnliches im Alltäglichen

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In geschlossener Formation bewegen sich auf der Suche nach Futter die Raupen der Kiefernprozessionsspinner. Dicht aufgerückt folgt jede Raupe der vor ihr kriechenden, wobei sie diese mit ihren Härchen berührt. Die Raupen sondern dünne Spinnfäden ab, die den Nachfolgenden als eine Art Leitseil dienen. Die Leitraupe führt diese ganze hungrige Armee auf neue »Weideplätze« in die Wipfel von Kiefern.
Der namhafte französische Naturforscher Jean Fabre hat einmal den Kopf der vordersten Raupe an den »Schwanz« der in der Kolonne geschoben. Die bisher vordere ergriff das »Leitseil« und verwandelte sich sogleich aus einem »Anführer« in einen »Gemeinen«, folgte jener Raupe dichtauf, mit der sie jetzt Kontakt hatte. Kopf und Schwanz der Kolonne waren so  miteinander verbunden, und die Raupen krochen nun sinnlos im Kreise am Ort – am Rand einer großen Vase entlang. Warum konnten sich die Raupen nicht aus dieser unsinnigen Situation befreien‘? Man legte Futter neben sie, aber sie beachteten es gar nicht.
Eine, zwei Stunden vergingen,. es vergingen Tage, die Raupen aber krochen und krochen wie unter einem Bann immerfort ihre Runden. Eine ganze Woche zogen sie so ihre Kreise, dann zerfiel die Kolonne: Die Raupen waren derart entkräftet, dass sie sich nicht mehr weiterbewegen konnten.

Mistkäfer - Foto: zdenetMistkäfer haben viele Leute schon einmal gesehen, aber nicht  jeder hat sie bei der Arbeit beobachtet. Die Mistkäfer formen aus Kot Kugeln und rollen sie mit den Hinterbeinen —vornweg die Kugel und hinterher im Rückwärtsgang der Käfer. Die Kugeln aus Kot minderer Qualität, wenn man so sagen will, dienen dem Käfer als Nahrung. Er vergräbt eine solche in einer kleinen Höhle, kriecht selbst hinein und bleibt dort mehrere Tage sitzen, bis er die ganze Kugel aufgefressen hat.
Für die Frnährung der Larven wählen die Käfer den besten Mist vorzugsweise Schafsmist. Seinetwegen tragen sie regelrechte Kämpfe aus und stehlen fremde Kugeln. Hat einer sein Eigentum erfolgreich verteidigt oder dem Nachbarn die Kugel weggenommen, rollt er diese schnell weg. Der Käfer verfügt über erstaunliche Kräfte. Selbst wiegt er nur zwei Gramm, die Kugel aber kann bis zu vierzig Gramm schwer sein.  Der englische Verhaltensforscher R. W. Hingston hat die Fähigkeiten von Mistkäfern folgendermaßen getestet: Zwischen eine kleine Höhle und einen Käfer, der gerade seine Kugel auf sie zu rollte, stellte er ein Stück steifes Papier, das nur zwei Zentimeter über den Höhleneingang hinweg ragte. Die Käfer (Hingston unternahm diesen Versuch mit vielen Käfern) stemmten sich gegen das Hindernis und versuchten, es zu durchbrechen. Nicht einer von ihnen kam darauf, das Blatt Papier seitlich zu umgehen. Sie gingen stur auf die Barriere los und versuchten, sie zu durchlöchern. Drei Tage lang stemmten sie sich mit aller Kraft gegen das Papier, am vierten ließen viele, da sie sich nicht auf direktem Wege zu ihrer Höhle durchschlagen konnten, ihre Kugeln im Stich. Einige allerdings setzten das nutzlose Unterfangen auch noch die folgenden Tage fort. Nun ja, Käfer sind, so wird manch einer vielleicht meinen, eben dumm.
Da scheint die Tätigkeit von solitären Wespen schon einen überdurchschnittlichen »Verstand« zu erfordern. Sie machen auf die verschiedensten Insekten Jagd (viele auch auf Spinnen), lähmen ihr Opfer durch einen Stich mit dem Stachel und tragen es zu ihrer Höhle. Dort legen sie auf dem Körper des so konnservierten Beutetiers ihre Eier ab und verscharren es. Mit diesen geschickten Chirurgen« hat Hingston ein höchst einfaches Experiment unternommnen, das zeigt, wie starr hier der Verhaltensablauf ist.
Aus dem unterirdischen Versteck, in dem die Wespe ihr Opfer mit dem Ei abgelegt hatte, holte er sowohl die Beute als auch das Wespenei heraus, als die Wespe die Höhle gerade verschließen wollte. Hatte sie bemerkt, dass das Versteck leer war? Keineswegs.
Als ob nichts geschehen wäre, schüttete sie das leere Erdloch zu. Eine der Wespen bei diesem Experiment trat beim »Versiegeln« ihrer Vorratskammer in dem Durcheinander sogar auf das zuvor von ihr herangebrachte und von Hingston aus der Höhle herausgenommene Beutetier, beachtete dieses aber überhaupt nicht und arbeitete unbeirrt weiter an ihrem Erdloch, obgleich diese Arbeit ja nun völlig sinnlos geworden war. Mörtelbienen bauen ihre Nester gewöhnlich auf Bäumen und tarnen diese so geschickt im Farbton der Borke, dass sie kaum auszumachen sind. Mitunter aber errichten sie ihre Wohnstätten auch in Häusern, zum Beispiel an einer polierten Kaminverkleidung oder auch an der Holztäfelung eines Zimmers. In diesem Fall gereicht ihnen ihre übliche Tarnung jedoch nur zum Schaden, da sie farblich vom Ton des polierten Holzes abweicht. Begreifen die Mörtelbienen, daß sie hier ihre übliche Tarnung unterlassen müssen ? Nein. Einem inneren Antrieb und nicht dem Verstand folgend, nehmen sie wie gewohnt ihre Tarnung vor, die allerdings in diesem Falle das Nest sehr auffällig macht.
Wollkrabbe_kleinTarnung ist auch bei der Wollkrabbe, der Dromia, Brauch. Ausgewachsene Krabben tragen ständig ihre »Tarnhemden«. Die einen bedecken sich oben mit einer auf dem Meeresgrunde auf-gesammelten Muschelschale, andere schmücken ihren Rücken mit einem Schwamm. Es gibt auch Krabben, die geschickt mit den Scheren kleine Zweige von Wasserpflanzen oder Hydroidpolypen abrasieren und sie sich »aufpflanzen«, wobei sie sie mit den Hinterfüßen festhalten. Urplötzlich wird so aus einer Krabbe ein Busch!
Im Aquarium sammeln die Dromia, falls es dort weder Wasserpflanzen noch Polypen gibt, jedweden Abfall und legen ihn sich ebenfalls auf den Rücken. Gibt man farbige Stoffstückchen, es können sogar rote sein, in das Aquarium, sammelt die Krabbe auch diese auf und schmückt sich obenauf mit ihnen. So kommt es zu einer Enttarnung, doch die Krabbe »weiß« das nicht.

Viele Vögel lassen sich leicht folgendermaßen irritieren: Man braucht in ihrer Abwesenheit nur ihr Nest zur Seite zu rücken. Zurückgekehrt, suchen sie dieses an der alten Stelle, wobei sie ihr eigenes Nest, das lediglich ein, anderthalb Meter weit von seinem früheren Standort entfernt wurde, völlig ignorieren. Wird das Nest an die Stelle zurückversetzt, wo es sich vor dem Experiment befunden hat, benutzen die Vögel es unbeirrt weiter. Wird das Nest nicht zurückversetzt, bauen sie ein neues.
dunnock-100008_640_Heckenbraunelle_HansVögel kennen auch ihre eigenen Eier schlecht. Adler, Enten und Hühner beispielsweise können einen beliebigen Gegenstand bebrüten, sofern er nur annähernd wie ein Ei geformt ist. Schwäne versuchen sogar, Flaschen anzubrüten, Möwen Steine und Tennisbälle, die man ihnen anstelle ihrer Eier in ihre Nester gelegt hat.
Man hat die Eier im Nest einer Gartengrasmücke gegen die Eier eines anderen Singvogels, der Braunelle, ausgetauscht. Daraufhin legte die Gartengrasmücke ein weiteres Ei, das den anderen Eiern im Nest überhaupt nicht ähnelte. Die Gartengrasmücke betrachtete interessiert das »verdächtige« Ei und warf es hinaus. Sie hielt es für ein fremdes!
Auch die Kuh kann nicht immer ihr Neugeborenes von einer groben Nachahmung unterscheiden (später verwechselt eine Kuh ihr Kalb allerdings mit niemandem und nichts mehr!). Der britische Zoologe Frank Lane schreibt dazu folgendes : Einer Kuh wurde ihr Kalb weggenommen, und die Mutter schien es sehr zu vermissen. Als Ersatz stellte man ihr den mit Heu ausgestopften Balg eines Kalbes in den Stall, Die Kuh beruhigte sich und begann die grobe Imitation zu belecken, und das mit so großer Zärtlichkeit, dass die ausgestopfte Kalbshaut zerriss und das Heu herausfiel. Da fraß die Kuh seelenruhig das Heu und nach und nach so ihr ganzes »Kalb« auf.

Ratten werden zu den »klügsten« Nagern gezählt. Wie es mit ihrer »Klugheit« bestellt ist, zeigt folgende für uns lustige Episode :
roof-rat-961502_640cwhiteharpEine weiße Ratte war mit dem Nestbau beschäftigt. Vom Baufieber gepackt, durchstöberte sie auf Suche nach geeignetem Materialden Käfig und stieß plötzlich auf ihren eigenen langen Schwanz. Sofort packte die Ratte ihn mit den Zähnen und trug ihn ins Nest. Danach ging sie aufs neue auf Suche, den Schwanz zog sie dabei selbstverständlich hinter sich her. Die Ratte »fand« ihn ein zweites Mal, trug ihn ins Nest, und das wiederholte sich sage und schreibe zwölfmal. Jedesmal, wenn die Ratte auf ihn stieß, ließ ein sturer innerer Antrieb sie diesen einer kleinen Rute ähnlichen Gegenstand aufnehmen. Und doch sieht es so aus, als hätte man im Tierreichein vernunftbegabtes Wesen gefunden! In Amerika lebt die kleine Wüstenratte Neotoma albigula. Kein Raubtier wagt sich in ihre Höhle, denn in den Wänden stecken Dornen, deren Spitzen zum Eingang gerichtet sind. Diese stachligen Barrieren baut die Ratte selbst. Sie klettert auf einen Kaktus, nagt die Dornen ab, trägt sie zu ihrem Loch und rammt sie mit den Spitzen zum Eingang zu in die Wände. Wenn das kein kluges Verhalten ist!
Man gebe der Neotoma aber statt der Kaktusdornen andere spitze Gegenstände, beispielsweise Stecknadeln oder kleine Nägel, die ja die Kaktusdornen als Mittel zum Versperren durchaus ersetzen könnten, aber darauf kommt die Neotoma nicht. In ihrem Verhaltensprogramm ist festgelegt, nur Kaktusdornen zubenutzen. Doch da taucht ein gewandter Räuber auf, ein Skunk. Die Neotoma nimmt Reißaus und flüchtet instinktiv zu ihrem Loch.
Das aber ist weit! Sie macht kehrt und versteckt sich flink im stachligen Kaktusdickicht.

Wie das? Wieso kann ein Tier, das doch gerade seine totale Unfähigkeit zu »vernünftigem« Handeln demonstriert hat, bei Gefahr jedoch den besten Weg zu seiner Rettung wählen?
Diese scheinbare Unvereinbarkeit im Verhalten von Tieren vermochte der bekannte russische Physiologe Iwan Pawlow zu erklären. Er stellte fest, dass das Verhalten höherer Tiere nicht nur von Instinkten gesteuert wird. Wirbeltiere und einige Wirbellose verfügen nämlich über die Fähigkeit, sich Fertigkeiten, die sie sieh als Lebenserfahrungen erworben haben, gut einzuprägen. Vielleicht hat sich die Wüstenratte zufällig einmal vor einem Raubtier unter einen Dornbusch gerettet und dann auch in der Folgezeit im Notfall hier Zuflucht gesucht. Bei dem Tier, so behauptet Pawlow, hat sich im Gehirn ein bedingter Reflex herausgebildet, in diesem Falle also eine Art Erinnerung daran, dass ein Dornbusch ihm als zuverlässiger Schutz vor Raubtieren dienen kann.

Bedingte Reflexe helfen den Tieren, sich ständig wechselnden neuen Bedingungen anzupassen. Die vom Gehirn gespeicherte Erinnerung an erlebte Erfolge und Misserfolge befähigt das Säugetier, sich in veränderlichen Situationen besser zu orientieren.

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