Bei der Lebensberatung Ω Franz Liebau Ω Eine humorlose Kurzgeschichte

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Frau Sommer seufzt. Frau Sommer zögert. Dann zieht sie ihre Handschuhe an und geht zum „Institut für praktische Lebensberatung“. Der Inhaber, Dr. Max Prior, empfängt mit professionellem Auftritt.
„Mein Mann liebt mich nicht mehr“, sagt Frau Sommer.
„Wissen Sie das genau?“ fragt Dr. Prior.
„Ich vermute es nur“, murmelt Frau Sommer, „und eben deswegen komme ich zu Ihnen.“
„Machen Sie doch die Probe“, schlägt Dr. Prior vor. „Verreisen Sie. Irgendwohin. Und mit irgendeinem jungen Mann.“
„Mit einem jungen Mann?“ erschrickt Frau Sommer.
„Und dann? Und wenn ich zurückkomme?“
„Entweder“, doziert Dr.  Prior und schlägt in einem Büchlein nach, „verzeiht Ihnen Ihr Gatte im Handumdrehen. Dann hat er sie nie geliebt.“
„Oder?“flüstert Frau Sommer.
„Oder“, fährt Dr. Prior fort, „er lässt sich scheiden. Dann wog seine Liebe leicht wie eine Feder.“
„Aber wenn“, meint Frau Sommer noch, „wenn er in Raserei verfällt, mich an den Schultern packt, und aus dem dritten Stock aufs Straßenpflaster wirft?“
„In diesem Falle können Sie zufrieden sein“, erwidert Dr. Prius und schlägt das Büchlein zu. „In diesem Fall haben Sie den Beweis für die unverwandelbare Liebe Ihres Gatten.“

Autor: Franz Liebau 1941

  1. Hm… ich weiß nicht. Liebe heißt auch „Freiheit lassen“ und das, was im unteren Teil beschrieben wird, „befürwortet“ ja häusliche Gewalt – wenn man den Text nun nicht ironisch liest.

    • Redaktionsbeitrag

      Daher auch der Hinweis auf das Erscheinungsjahr 1941. So tickten die Menschen damals noch. Als wir den Text aufgenommen haben, verstanden wir ihn als Zeitdokument.

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