Autor: Redaktionsbeitrag

Kunst | Katsukawa Shunsho | Japan

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Katsukawa Shunsho 勝川 春章 | Japan | 1726-1792

The actors Ichikawa Danjuro V as a skeleton, spirit of the renegade monk Seigen (left), and Iwai Hanshiro IV as Princess Sakura (right), in the joruri „Sono Omokage Matsu ni Sakura (Vestiges of Pine and Cherry),“ from part two of the play „Edo no Hana Mimasu Soga (Flower of Edo: An Ichikawa Soga),“ performed at the Nakamura Theater from the first day of the second month, 1783, 1783

Farbiger Holzdruck|Hosoban Format|Diptychon|SIGNATUR Shunshô-ga | Links: 32.9 x 15 cm; Rechts: 32.9 x 15.2 cm

Bettina Schnerr – Rezensentin & Fachautorin

Bettina Schnerr - Foto:Privat
Bettina Schnerr – Foto:Privat

Ob Papier, Reader, Tablet oder Mobiltelefon: Bücher vertrage ich in jeder Form und habe eigentlich immer eines dabei. Meine Rezensionen veröffentliche ich seit mehreren Jahren im Internet und bin in verschiedenen Communities aktiv.

Meiner Leselust verdanke ich einen persönlichen Rekord von zwischenzeitlich vier Bibliotheksausweisen gleichzeitig. Wie man sieht, bin ich Vielleserin, aber nicht unbedingt Allesleserin: Mein großer Schwerpunkt waren, sind und bleiben Krimis – damit hatte ich als Kind schon angefangen und dieses vielfältige Genre hat mich nie losgelassen.

Seit einiger Zeit bin ich auf literarischer Weltreise und versuche, jedes Land dieser Welt mit je einem Buch zu besuchen. Aus den ursprünglich vorgesehenen 25 Ländern sind inzwischen mehr als 70 geworden, weil mich diese Form der Entdeckungstour nicht mehr loslässt.

Beruflich bin ich als selbständige Fachjournalistin tätig, die auf Themen aus Produktion und Maschinenbau spezialisiert ist.

Zur Zeit lebe ich mit meiner Familie in Tokyo und genieße es, eine neue Kultur und eine neue Sprache kennen zu lernen. In meiner aktuellen Bücherwahl spiegelt sich das übrigens intensiv wieder. Ihre Artikel finden Sie hier.

 

Kunst | EDGAR DEGAS | Bildnis des Diego Martelli | 1879

EDGAR DEGAS (1834-1917): Ganzfigurenbildnis des Diego Martelli. 1879. Öl auf Leinwand; 110,3 x 101 cm.

***

Zum Gemälde | Degas lag sehr viel daran, seine Modelle in unbefangenen, natürlichen Stellungen, die ihre körperlichen Vorzüge unterstrichen oder ihre Mängel aufzeigten, darzustellen. «Ich will durch das Schlüsselloch beobachten», pflegte der Maler zu sagen und bewies damit, dass er die Modelle in Momenten zu zeichnen liebte, in denen sie sich unbeobachtet fühlten.

Diego Martelli, den Degas vor seinem Arbeitstisch sitzend malte, war ein neapolitanischer Kupferstecher, der in Paris lebte. Als Künstler trat er nicht in Erscheinung, doch nahm er offenbar in der damaligen Pariser Künstlerwelt die Stellung eines «Originals» ein. Welche Beziehungen Degas, der selbst im Rufe eines kauzigen Originals stand, und aus dem die üble Nachrede einen bösartigen, unausstehlichen Menschen machte, zu Martelli hatte, ist nicht bekannt. Vermutlich aber war es, trotz der ausgeprägten Nüchternheit, die den Charakter des Degas bezeichnete, eine kleine Sentimentalität: Degas nämlich, der pariserischste aller Pariser Maler, war von Herkunft gar kein reiner Franzose. Die Großmutter war Neapolitanerin, und der Vater, obwohl er jung nach Paris gekommen war, blieb Neapolitaner. Dem Maler, der einen Teil seiner Jugend in Italien zugebracht hatte, blieb die italienische Sprache in der Neapler Mundart stets geläufig, und von hier aus könnte sich ein Weg zu Martelli aufzeigen, indem Degas mit diesem in der Sprache seiner Jugend reden konnte.

Das Bildnis Martellis ist 1879 entstanden, in einer Zeit also, in der die für Degas bezeichnenden Themen der Modistinnen und Tänzerinnen den grössten Raum seines Schaffens einnahmen. Die eigentliche Zeit seiner Porträtkunst, die Periode, in welcher ihm das Studium des menschlichen Antlitzes das grösste künstlerische Anliegen war, ist das Jahrzehnt von 1860 bis 1870 gewesen. Dann werden die Porträts in seinem Werke immer seltener, ohne aber je ganz zu verschwinden. Niemals malte Degas ein Bildnis auf Bestellung; er wählte seine Modelle frei, und was ihn daran interessierte, war die genaue und scharfe Analyse von Gesicht und Haltung. Dabei verzichtete er auf jede repräsentative Wirkung und erzielte damit eine Tiefe der psychologischen Erfassung seines Modells, die ihn in die Reihe der großen Porträtisten aller Zeiten stellt. Max Liebermann, der ein großer Verehrer von Degas gewesen ist, schrieb über ihn: «Nach akademischen Begriffen kann er weder zeichnen noch malen.» Und tatsächlich gibt das Bildnis Martellis ein gutes Beispiel, wie Degas alle akademischen Überlieferungen bewusst verleugnete: der Bildausschnitt scheint zufällig gewählt, Bildelemente – hier der Arbeitstisch – werden vom Bildrand scharf abgeschnitten, der Blickpunkt scheint zu hoch gewählt und der Maler zu nahe am Modell gestanden zu sein.
Aber gerade diese Elemente zeugen von der unerhört kühnen Darstellungsweise des Künstlers. Indem er den Blickpunkt zu hoch wählte, konnte er die kurzbeinige Gestalt um so drastischer treffen. Dadurch, dass der Dargestellte an den Rand der Komposition gerückt wurde, ist die Spannung im Bild erhöht worden. Durch die ungewöhnliche Darstellungsweise nahm aber nicht die Genauigkeit des Werkes Schaden, sondern Degas verstärkte damit im Gegenteil die wesentlichen Züge des Dargestellten. Die kühnste Neuerung aber, die in diesem Bilde durch die Wahl des hohen Blickpunktes erzielt worden war, ist die Art und Weise, in der sich der Bildraum der Fläche anzugleichen beginnt. Cezanne, 1839 geboren, hatte sich mit diesem künstlerischen Problem immer mehr zu beschäftigen, und kurze Zeit nach der Entstehung unseres Gemäldes werden die beiden Künstler geboren werden, die das zu Ende führen, was Degas in seinem Bildnis Martellis nur andeuten konnte: Picasso (geboren 1881 und Braque (geboren 1882).

Selbstporträt |1895 | Fotografie
Selbstporträt |1895 | Fotografie

DER MALER | Edgar-Hilaire-Germain Degas wurde am 19.Juli 1834 in Paris geboren. Er entstammte dem Pariser Großbürgertum, hatte aber durch seine Großmutter starke Bindungen zu Italien. Die Familie war wohlhabend, und zeitlebens konnte sich Degas seiner Kunst widmen, ohne von finanziellen Überlegungen geleitet zu werden. Zunächst studierte Degas die Rechte, bis er endlich vom Vater die Einwilligung erhielt, Maler werden zu dürfen. Kurze Zeit besuchte er die Ecole des Beaux-Arts und wurde dann von einem Maler namens Lamothe unterrichtet, der, einst Schüler von Ingres, dem jungen Degas die Lehre Ingres‘ übermitteln konnte.
Von 1856 bis i860 reiste der Künstler durch Italien, wo er sich an den italienischen Meistern des Quattrocento schulte. Seit 1860 lebte er in Paris, das er, abgesehen von einigen Reisen, bis an sein Lebensende nicht mehr verließ: 1872 bis 1873 weilte er mehrere Monate in New Orleans, dann besuchte er mehrmals Neapel und unternahm Reisen nach Spanien, Belgien und Holland. Gegen Ende seines Lebens begann sich der Zustand seiner Augen immer mehr zu verschlechtern. Fast blind lebte er in tiefer Traurigkeit, bis ihn der Tod am 27. September 1917 erlöste.

Fotografie | HERBERT MÄDER | Frühmorgens in einer Straße Marseilles

HERBERT MAEDER | Frühmorgens in einer Straße Marseilles.

«Nach einigenJahren Mittelschule und ständigem Wechsel der Zukunftspläne machte ich aus Verlegenheit und auf Wunsch der Eltern eine vierjährige Drogistenlehre — vier qualvolle Jahre. Nur die Berge, die ich jeden Sonntag aufsuchte, brachten mir Glück, sie verführten mich auch zur Photographie. Es blieb lange Zeit bei Aufnahmen von schönen Bergen und vom Gefährten in steiler Wand. Als die Lehre fertig war, schwor ich mir, diesen Beruf nie auszuüben. Mit wenig Wäsche, zwei Büchern und einer alten Rollei zog ich auf Wanderschaft. Frankreich, Spanien, Algerien. Die Sorgen um das tägliche Brot ließen mich nur wenig photographieren. Im Spätherbst desselben Jahres trat ich in eine Photoschule ein, die ich aber schon nach vier Monaten wieder verließ.
Nein, diese technische Photographie war nicht das, was ich suchte. Ich wollte nun jenes Leben mit der Kamera einfangen, das mich auf der Wanderschaft so stark ergriffen hatte. Gleich nach dem Weggang von der Schule trieb ich mich einige Zeit in Marseille herum. Erstmals erlebte ich nun das faszinierende Leben der morgendlichen Großstadt auf der Mattscheibe meiner Kamera: Katzen und Hunde auf Raubzug, Lumpensammler, dicke Frauen beim ersten Schwatz, seltsame Gerüche aus Meeresluft und faulenden Abfällen. Alle meine Marseiller Photos sind Zufallsaufnahmen. Ich bin durch die Gassen geschlendert, habe mit der Marktfrau, dem Straßenwischer geplaudert. Plötzlich kamen Bilder, die mich zutiefst erregten, Bilder, in denen die ganze Atmosphäre dieses alten Marseille in gedrängter Form enthalten war. Drei Katzen, eine fleckige Mauer, der Steckbrief eines Mörders — ein Beispiel nur. Mit viel Mühe habe ich mich als Photograph selbständig gemacht. In einem alten Bauernhaus, weit weg von der Stadt, habe ich mir Labor und Wohnung eingerichtet. Meine Vergrößerungen wässern im gleichen Trog, aus dem die Kühe saufen.» | Herbert Mäder

Herbert Mäder, oft auch Maeder geschrieben, wurde 1930 in Rorschach / Galgenen [Schweiz] geboren. Er ist ein Fotograf, Fotojournalist und Politiker.
Aufnahme & Bildbeschreibung stammen aus den 1950er Jahren.

Denis Diderot | Meine kleinen Ideen über die Farbe

Denis Diderot | Meine kleinen Ideen über die Farbe

Denis Diderot | Gemälde von Louis-Michel van Loo, 1767. Darunter die Unterschrift von Denis Diderot Signatur
Denis Diderot | Gemälde von Louis-Michel van Loo, 1767. Darunter die Unterschrift von Denis Diderot Signatur

Diderot, ein Mann von großem Geist und Verstand, geübt in allen Wendungen des Denkens, zeigt uns hier, daß er sich, bei dieser Materie, seiner Stärke und seiner Schwäche bewußt sei. Schon in der Überschrift gibt er uns einen Wink, daß wir nicht zu viel von ihm erwarten sollen.
Wenn er in dem ersten Kapitel uns mit bisarren Gedanken über Zeichnung drohte, so war er sich seiner Übersicht, seiner Kraft und Fertigkeit bewußt, und wirklich fanden wir an ihm einen gewandten und rüstigen Streiter, gegen den wir Ursache hatten alle unsere Kräfte aufzubieten; hier aber kündigt er selbst, mit einer bescheidnen Gebärde, nur kleine Ideen über die Farbe an; jedoch näher betrachtet tut er sich unrecht, sie sind nicht klein, sondern meistenteils richtig, den Gegenständen angemessen und seine Bemerkungen treffend; aber er steht in einem engen Kreise beschränkt, und diesen kennt er nicht vollkommen, er blickt nicht weit genug und selbst das nahe liegende ist ihm nicht alles deutlich.
Aus dieser Vergleichung der beiden Kapitel folgt nun von selbst daß ich, um auch dieses mit Anmerkungen zu begleiten, mich einer ganz andern Behandlungsart befleißigen muß. Dort hatte ich nur Sophismen zu entwickeln, das Scheinbare von dem Wahren zu sondern, ich konnte mich auf etwas anerkannt gesetzliches in der Natur berufen, ich fand manchen wissenschaftlichen Rückenhalt an den ich mich anlehnen konnte; hier aber wäre die Aufgabe: einen engen Kreis zu erweitern, seinen Umfang zu bezeichnen, Lücken auszufüllen und eine Arbeit selbst zu vollenden, deren Bedürfnis von wahren Künstlern, von wahren Freunden der Wissenschaften längst empfunden worden.
Da man aber, gesetzt auch man wäre fähig dazu, eine solche Darstellung, bei Gelegenheit eines fremden, unvollständigen Aufsatzes, wohl schwerlich bequem finden würde, so habe ich einen andern Weg eingeschlagen um meine Arbeit, bei diesem Kapitel, Freunden der Kunst nützlich zu machen.
Diderot wirft auch hier, nach seiner bekannten sophistischen Tücke, die verschiednen Teile seiner kurzen Abhandlung durch einander, er führt uns, wie in einem Irrgarten, herum, um uns auf einem kleinen Raum eine lange Promenade vorzuspiegeln. Ich habe daher seine Perioden getrennt und sie unter gewisse Rubriken, in eine andere Ordnung, zusammengestellt. Es war dieses um so mehr möglich, da sein ganzes Kapitel keinen innern Zusammenhang hat und vielmehr dessen aphoristische Unzulänglichkeit nur durch eine desultorische Bewegung versteckt wird.
Indem ich nun auch in dieser neuen Ordnung meine Anmerkungen hinzufüge, so mag eine gewisse Übersicht desjenigen, was geleistet ist, und desjenigen, was zu leisten übrig bleibt, möglich werden.

Einiges Allgemeine

   Hohe Wirkung des Kolorits. Die Zeichnung gibt den Dingen die Gestalt, die Farbe, das Leben; sie ist der göttliche Hauch der alles belebt.
Die erfreuliche Wirkung, welche die Farbe aufs Auge macht, ist die Folge einer Eigenschaft, die wir an körperlichen und unkörperlichen Erscheinungen, nur durch das Gesicht, gewahr werden. Man muß die Farbe gesehen haben, ja man muß sie sehen, um sich von der Herrlichkeit dieses kraftvollen Phänomens einen Begriff zu machen.
   Seltenheit guter Koloristen. Wenn es mehrere treffliche Zeichner gibt, so gibt es wenig große Koloristen. Eben so verhält sichs in der Literatur, hundert kalte Logiker gegen Einen großen Redner, zehen große Redner gegen Einen fürtrefflichen Poeten. Ein großes Interesse kann einen beredten Menschen schnell entwickeln und, Helvetius mag sagen was er will, man macht keine zehen gute Verse ohne Stimmung, und wenn der Kopf darauf stünde.
Hier spielt Diderot nach seiner Art, um das Mangelhafte seiner besondern Kenntnisse zu verbergen, die Frage, über die man unterrichtet werden möchte, ins allgemeine, und blendet mit einem falsch angewendeten Beispiel aus den redenden Künsten. Immer wird alles dem guten Genie zugeschoben, immer soll die Stimmung alles leisten. Freilich sind Genie und Stimmung zwei unerläßliche Bedingungen, wenn ein Kunstwerk hervor gebracht werden soll; aber beide sind, um nur von der Malerei zu reden, zur Erfindung und Anordnung, zur Beleuchtung, wie zur Färbung und zum Ausdruck, so wie zur letzten Ausführung nötig. Wenn die Farbe die Oberfläche des Bildes belebt, so muß man das genialische Leben in allen seinen Teilen gewahr werden.
Auch könnte man überhaupt jenen Satz gerade umwenden und sagen: Es gibt mehr gute Koloristen als Zeichner; oder, wenn wir anders billig sein wollen: es ist in einem Fall so schwer als in dem andern vortrefflich zu sein. Stelle man übrigens den Punkt, auf welchem einer für einen guten Zeichner oder Koloristen gelten soll, so hoch, oder so tief als man will, so wird man immer zum wenigsten gleiche Zahl der Meister finden, wenn man nicht etwa gar mehr Koloristen antrifft. Man darf nur an die niederländische Schule und überhaupt an alle diejenigen denken, welche Naturalisten genannt werden.
Hat es damit seine Richtigkeit und gibt es wirklich eben so viel gute Koloristen als Zeichner, so führt uns dies zu einer andern wichtigen Betrachtung. Bei der Zeichnung hat man in den Schulen, wenn auch keine vollkommene Theorie, doch wenigstens gewisse Grundsätze, gewisse Regeln und Maße die sich überliefern lassen; bei dem Kolorit hingegen weder Theorie noch Grundsätze, noch irgend etwas das sich überliefern läßt. Der Schüler wird auf Natur auf Beispiele, er wird auf seinen eignen Geschmack verwiesen. Und warum ist es denn doch eben so schwer gut zu zeichnen als gut zu kolorieren? Darum dünkt uns, weil die Zeichnung sehr viel Kenntnisse erfordert, viel Studium voraussetzt, weil die Ausübung derselben sehr verwickelt ist, ein anhaltendes Nachdenken und eine gewisse Strenge fordert; das Kolorit hingegen ist eine Erscheinung, die nur ans Gefühl Anspruch macht und also auch durchs Gefühl gleichsam instinktmäßig hervor gebracht werden kann.
Ein Glück daß es sich also verhält! Denn sonst würden wir, bei dem Mangel von Theorie und Grundsätzen, noch weniger gut kolorierte Bilder haben. Daß es ihrer nicht mehr gibt hat mancherlei Ursachen. Diderot bringt in der Folge verschiednes hierüber zur Sprache.
Wie traurig es aber mit dieser Rubrik in unsern Lehrbüchern aussehe, kann man sich überzeugen wenn man z. B. den Artikel Kolorit, in Sulzers allgemeiner Theorie der schönen Künste, mit den Augen eines Künstlers betrachtet, der etwas lernen, eine Anleitung finden, einem Fingerzeig folgen will! Wo ist da nur eine theoretische Spur? wo ist da nur eine Spur, daß der Verfasser auf das, worauf es eigentlich ankommt, wenigstens hindeute? Der Lernbegierige wird an die Natur zurück gewiesen, er wird aus einer Schule, zu der er ein Zutrauen setzt, hinaus auf die Berge und Ebenen, in die weite Welt gestoßen, dort soll er die Sonne, den Duft, die Wolken und wer weiß was alles betrachten, da soll er beobachten, da soll er lernen, da soll er, wie ein Kind das man aussetzt, sich in der Fremde durch eigne Kräfte forthelfen. Schlägt man deswegen das Buch eines Theoristen auf, um wieder in die Breite und Länge der Erfahrung, um in die Unsicherheit einzelner zerstreuter Beobachtungen, in die Verirrungen einer ungeübten Denkkraft zurück gewiesen zu werden? Freilich ist das Genie, im allgemeinen, zur Kunst, so wie im besondern, zu einem bestimmten Teile der Kunst unentbehrlich; wohl ist eine glückliche Disposition des Auges zur Empfänglichkeit für die Farben, ein gewisses Gefühl für die Harmonie derselben von Natur erforderlich, freilich muß das Genie sehen, beobachten, ausüben und durch sich selbst bestehen; dagegen hat es Stunden genug in denen es ein Bedürfnis fühlt, durch den Gedanken, über die Erfahrung, ja, wenn man will, über sich selbst erhoben zu werden. Dann nähert es sich gern dem Theoretiker, von dem es die Verkürzung seines Wegs, die Erleichterung der Behandlung in jedem Sinne erwarten darf.
Urteil über die Farbengebung. Nur die Meister der Kunst sind die wahren Richter der Zeichnung, die ganze Welt kann über die Farbe urteilen.
Hierein können wir keinesweges einstimmen. Zwar ist die Farbe in doppeltem Sinne, sowohl in Absicht auf Harmonie im Ganzen, als auf Wahrheit des Dargestellten im Einzelnen, leichter zu fühlen, in so fern sie unmittelbar an gesunde Sinne spricht; aber von dem Kolorit, als eigentlichem Kunstprodukte, kann doch nur der Meister, so wie von allen übrigen Rubriken urteilen. Ein buntes, ein heiteres, ein durch eine gewisse Allgemeinheit, oder ein im besondern harmonisches Bild, kann die Menge anlocken, den Liebhaber erfreuen, jedoch urteilen darüber kann nur der Meister, oder ein entschiedner Kenner. Entdecken doch auch ganz ungeübte Menschen Fehler in der Zeichnung, Kinder werden durch Ähnlichkeit eines Bildnisses frappiert, es gibt gar vieles das ein gesundes Auge im einzelnen richtig bemerkt, ohne im Ganzen zulänglich, in Hauptpunkten zuverlässig zu sein. Hat man nicht die Erfahrung, daß Ungeübte Tizians Kolorit selbst nicht natürlich finden? und vielleicht war Diderot auch in demselben Falle, da er nur immer Vernet und Chardin als Muster des Kolorits anführt.
Ein Halbkenner übersieht wohl in der Eile ein Meisterstück der Zeichnung, des Ausdrucks, der Zusammensetzung; das Auge hat niemals den Koloristen vernachlässigt.
Von Halbkennern sollte eigentlich gar die Rede nicht sein! Ja, wenn man es streng nimmt, gibt es gar keine Halbkenner. Die Menge, die von einem Kunstwerke angezogen oder abgestoßen wird, macht auf Kennerschaft keinen Anspruch, der echte Liebhaber wächst täglich und erhält sich immerfort bildsam. Es gibt halbe Töne, aber auch diese sind harmonisch im Ganzen; der Halbkenner ist eine falsche Saite, die nie einen richtigen Ton angibt, und grade beharrt er auf diesem falschen Ton, da selbst echte Meister und Kenner sich nie für vollendet halten.
Seltenheit guter Koloristen. Aber warum gibt es so wenig Künstler, die das hervor bringen könnten was jedermann begreift?
Hier liegt wieder der Irrtum in dem falschen Sinne, der dem Worte begreifen gegeben ist. Die Menge begreift die Harmonie und die Wahrheit der Farben eben so wenig als die Ordnung einer schönen Zusammensetzung. Freilich werden beide nur desto leichter gefaßt je vollkommner sie sind, und diese Faßlichkeit ist eine Eigenschaft alles Vollkommenen in der Natur und der Kunst, diese Faßlichkeit muß es mit dem Alltäglichen gemein haben; nur daß dieses reizlos, ja abgeschmackt sein kann, lange Weile und Verdruß erregt, jenes aber reizt, unterhält, den Menschen auf die höchsten Stufen seiner Existenz erhöht, ihn dort gleichsam schwebend erhält und um das Gefühl seines Daseins so wie um die verfließende Zeit betrügt.
Homers Gesänge werden schon seit Jahrtausenden gefaßt, ja mitunter begriffen und wer bringt etwas ähnliches hervor? Was ist faßlicher, was ist begreiflicher als die Erscheinung eines trefflichen Schauspielers ? Er wird von tausenden und aber tausenden gesehen und bewundert und wer vermag ihn nachzuahmen?

Eigenschaften eines echten Koloristen

Wahrheit und Harmonie. Wer ist denn für mich der wahre, der große Kolorist Derjenige, der den Ton der Natur und wohl erleuchteter Gegenstände gefaßt hat und der zugleich sein Gemälde in Harmonie zu bringen wußte.
Ich würde lieber sagen: Derjenige welcher die Farben der Gegenstände am richtigsten und reinsten, unter allen Umständen der Beleuchtung, der Entfernung u.s.w. lebhaft faßt und darstellt und sie in ein harmonisches Verhältnis zu setzen weiß.
An wenig Gegenständen erscheint die Farbe in ihrer ursprünglichen Reinheit, selbst im vollsten Lichte, sie wird mehr oder minder durch die Natur der Körper, an denen sie erscheint, schon modifiziert und überdies sehen wir sie noch, durch stärkeres oder schwächeres Licht, durch Beschattung, durch Entfernung, ja endlich sogar durch mancherlei Trug auf tausenderlei Weise, bestimmt und verändert. Alles das zusammen kann man Wahrheit der Farbe nennen, denn es ist diejenige Wahrheit, die einem gesunden, kräftigen, geübten Künstlerauge erscheint. Aber dieses Wahre wird in der Natur selten harmonisch angetroffen, die Harmonie ist in dem Auge des Menschen zu suchen, sie ruht auf einer inne(r)n Wirkung und Gegenwirkung des Organs, nach welchem eine gewisse Farbe eine andere fordert und man kann eben so gut sagen, wenn das Auge eine Farbe sieht, so fordert es die harmonische, als man sagen kann die Farbe welche das Auge neben einer andern fordert ist die harmonische. Diese Farben, auf welchen alle Harmonie und also der wichtigste Teil des Kolorits ruht, wurden bisher von den Physikern zufällige Farben genannt.
Leichte Vergleichung. Nichts in einem Bilde spricht uns mehr an, als die wahre Farbe, sie ist dem Unwissenden wie dem Unterrichteten verständlich.
Dieses ist in jedem Sinne wahr; doch ist es nötig zu untersuchen, was denn diese wenigen Worte eigentlich sagen wollen? Bei allem, was nicht menschlicher Körper ist bedeutet die Farbe fast mehr als die Gestalt, und die Farbe ist es also wodurch wir viele Gegenstände eigentlich erkennen, oder wodurch sie uns interessieren. Der einfarbige, der unfarbige Stein, will nichts sagen, das Holz wird durch die Mannigfaltigkeit seiner Farbe nur bedeutend, die Gestalt des Vogels ist uns durch ein Gewand verhüllt, das uns durch einen regelmäßigen Farbenwechsel vorzüglich anlockt. Alle Körper haben gewissermaßen eine individuelle Farbe, wenigstens eine Farbe der Geschlechter und Arten; selbst die Farben künstlicher Stoffe sind nach Verschiedenheit derselben verschieden, anders erscheint Cochenille auf Leinwand, anders auf Wolle, anders auf Seide. Taft, Atlas, Samt, obgleich alle von seidnem Ursprung, bezeichnen sich anders dem Auge und was kann uns mehr reizen, mehr ergötzen, mehr täuschen und bezaubern, als wenn wir auf einem Gemälde das bestimmte, lebhafte, individuelle eines Gegenstandes, wodurch er uns zeitlebens angesprochen, wodurch er uns allein bekannt ist, wieder erblicken? Alle Darstellung der Form ohne Farbe ist symbolisch, die Farbe allein macht das Kunstwerk wahr, nähert es der Wirklichkeit.

Farben der Gegenstände

Farbe des Fleisches. Man hat behauptet, die schönste Farbe in der Welt sei die liebenswürdige Röte womit Unschuld, Jugend, Gesundheit, Bescheidenheit und Scham die Wangen eines Mädchens zieren, und man hat nicht nur etwas feines, rührendes, zartes, sondern auch etwas wahres gesagt; denn das Fleisch ist schwer nachzubilden; dieses saftige Weiß, überein, ohne blaß, ohne matt zu sein; diese Mischung von rot und blau, die unmerklich durch (das gelbliche) dringt, das Blut, das Leben, bringen den Koloristen in Verzweiflung. Wer das Gefühl des Fleisches erreicht hat, ist schon weit gekommen, das übrige ist nichts dagegen. Tausend Maler sind gestorben, ohne das Fleisch gefühlt zu haben, tausend andere werden sterben, ohne es zu fühlen.
Diderot stellt sich mit Recht hier auf den Gipfel der Farbe die wir an Körpern erblicken. Die Elementarfarben, welche wir bei physiologischen, physischen und chemischen Phänomenen bemerken und abgesondert erblicken, werden, wie alle andere Stoffe der Natur, veredelt, indem sie organisch angewendet werden. Das höchste organisierte Wesen ist der Mensch, und man erlaube uns, die wir für Künstler schreiben, anzunehmen, daß es unter den Menschenrassen innerlich und äußerlich vollkommner organisierte gebe, deren Haut, als die Oberfläche der vollkommenen Organisation, die schönste Farbenharmonie zeigt, über die unsere Begriffe nicht hinaus gehen. Das Gefühl dieser Farbe des gesunden Fleisches, ein tätiges Anschauen derselben, wodurch der Künstler sich zum Hervorbringen von etwas ähnlichen geschickt zu machen strebt, erfordert so mannigfaltige und zarte Operationen, des Auges sowohl als des Geistes und der Hand, ein frisches jugendliches Naturgefühl und ein gereiftes Geistesvermögen, daß alles andere dagegen nur Scherz und Spielwerk, wenigstens alles andere in dieser höchsten Fähigkeit begriffen zu sein scheint. Eben so ist es mit der Form. Wer sich zu der Idee von der bedeutenden und schönen menschlichen Form empor gehoben hat, wird alles übrige bedeutend und schön hervor bringen. Was für herrliche Werke entstanden nicht wenn die großen, sogenannten Historienmaler sich herabließen Landschaften, Tiere und unorganische Beiwerke zu malen!
Da wir übrigens mit unserm Autor ganz in Einstimmung sind so lassen wir ihn selbst reden.
Ihr könntet glauben daß um sich im Kolorit zu bestärken ein wenig Studium der Vögel und der Blumen nicht schaden könnte. Nein, mein Freund! niemals wird euch diese Nachahmung das Gefühl des Fleisches geben. Was wird aus Bachelier wenn er seine Rose, seine Jonquille, seine Nelke aus den Augen verliert? Laßt Madame Vien ein Portrait malen und tragt es nachher zu Latour. Aber nein bringt es ihm nicht! Der Verräter ehrt keinen seiner Mitbrüder so sehr um ihm die Wahrheit zu sagen; aber bewegt ihn, der Fleisch zu malen versteht, ein Gewand, einen Himmel, eine Nelke, eine duftige Pflaume, eine zart wollige Pfirsiche zu malen ihr werdet sehen wie herrlich ersieh heraus zieht. Und Chardin! warum nimmt man seine Nachahmung unbelebter Wesen für die Natur selbst? eben deswegen weil er das Fleisch hervorbringt wann er will.
Man kann sich nicht muntrer, feiner, artiger ausdrucken; der Grundsatz ist auch wohl wahr. Nur steht Latour nicht als glückliches Beispiel eines großen Farbekünstlers, er ist ein bunt übertriebner oder vielmehr manierierter Maler aus Rigauds Schule, oder ein Nachahmer dieses Meisters.
In dem folgenden geht Diderot zu der neuen Schwierigkeit über, die der Maler findet indem das Fleisch an und für sich nicht allein so schwer nachzuahmen ist, sondern die Schwierigkeit noch dadurch vermehrt wird, daß diese Oberfläche einem denkenden, sinnenden, fühlenden Wesen angehört, dessen innerste, geheimste, leichteste Veränderungen sich blitzschnell über das Äußere verbreiten. Er übertreibt ein wenig die Schwierigkeit, doch mit besonderer Anmut und ohne sich von der Wahrheit zu entfernen.
Aber was dem großen Koloristen noch endlich ganz den Kopf verrückt das ist der Wechsel dieses Fleisches, das sich von einem Augenblick zum andern belebt und verfärbt. Indessen der Künstler sich an sein Tuch heftet, indem sein Pinsel mich darzustellen beschäftigt ist, habe ich mich verändert und er findet mich nicht wieder. Ist mir der Abbé Leblanc in die Gedanken gekommen, so mußte ich vor langer Weile gähnen, zeigte sich der Abbé Trublet meiner Einbildungskraft, so sehe ich ironisch aus. Erscheint mir mein Freund Grimm, oder meine Sophie, dann klopft mein Herz, die Zärtlichkeit und Heiterkeit verbreitet sich über mein Gesicht, die Freude scheint mir durch die Haut zu dringen, die kleinsten Blutgefäße wurden erschüttert und die unmerkliche Farbe des lebendigen Flüssigen hat über alle meine Züge die Farbe des Lebens verbreitet. Blumen und Früchte schon verändern sich vor dem aufmerksamen Blick des Latour und Bachelier. Welche Qual ist nicht für sie das Gesicht des Menschen! Diese Leinwand, die sich rührt, sich bewegt, sich ausdehnt und so bald erschlafft, sich färbt und mißfärbt, nach unendlichen Abwechslungen dieses leichten und beweglichen Hauchs den man die Seele nennt.
Wir sagten vorhin, daß Diderot die Schwierigkeit einigermaßen übertreibe, und gewiß, sie wäre unüberwindlich wenn der Maler nicht das besäße was ihn zum Künstler macht, wenn er von dem hin- und wiederblicken zwischen Körper und Leinwand allein abhinge, wenn er nichts zu machen verstünde als was er sieht. Aber das ist ja eben das Künstlergenie, das ist das Künstlertalent, daß es anzuschauen, festzuhalten, zu verallgemeinen, zu symbolisieren, zu charakterisieren weiß, und zwar in jedem Teile der Kunst, in Form sowohl als Farbe. Dadurch ist es eben ein Künstlertalent, daß es eine Methode besitzt, nach welcher es die Gegenstände behandelt, eine, sowohl geistige, als praktisch mechanische Methode, wodurch es den beweglichsten Gegenstand fest zu halten, zu determinieren und ihm eine Einheit und Wahrheit der künstlichen Existenz zu geben weiß.
Aber bald hätte ich vergessen euch von der Farbe der Leidenschaft zu reden und doch war ich ganz nahe dran. Hat nicht jede Leidenschaft ihre eigne Farbe? verändert sie sich nicht auf jeder Stufe der Leidenschaft? Die Farbe hat ihre Abstufungen im Zorn. Entflammt er das Gesicht, so brennen die Augen, ist er auf dem höchsten Grad, so verengt er das Herz, anstatt es auszudehnen. Dann verwirren sich die Augen, die Blässe verbreitet sich über die Stirn, über die Wangen, die Lippen zittern und verbleichen. Liebe und Verlangen, süßer Genuß, glückliche Befriedigung! färbt nicht jeder dieser Momente mit andern Farben eine geliebte Schönheit?
Von diesem Perioden gilt was von dem vorigen gesagt worden; auch hier ist Diderot zu loben, daß er dem Künstler die großen Forderungen zeigt, die man an ihn zu machen berechtigt ist; wenn er ihn auf die Mannigfaltigkeit der Naturerscheinungen aufmerksam macht und ihn dadurch vor dem Manierierten zu hüten sucht. Ein gleiches hat er im folgenden zur Absicht.
Die Mannigfaltigkeit unserer gewirkten Stoffe, unserer Gewänder hat nicht wenig beigetragen das Kolorit vollkommner zu machen.
Schon oben ist in einer Anmerkung hierüber etwas gesagt worden.
Der allgemeine Ton der Farbe kann schwach sein ohne falsch zu sein.
Daß die Lokalfarbe, sowohl in einem ganzen Bilde, als durch die verschiednen Gründe eines Bildes gemäßigt werden, und doch noch immer wahr und den Gegenständen gemäß bleiben kann, daran ist nicht der mindeste Zweifel.

Von der Harmonie der Farben

Wir kommen nunmehr an einen wichtigen Punkt, über den wir oben schon einiges geäußert, der aber nicht hier sondern in der Folge der ganzen Farbenlehre nur vorgetragen und erörtert werden kann.
Man sagt daß es freundliche und feindliche Farben gebe, und man hat recht wenn man darunter versteht: daß es solche gibt die sich schwer verbinden, die dergestalt neben einander absetzen daß Licht und Luft, diese beiden allgemeinen Harmonisten, uns kaum die unmittelbare Nachbarschaft erträglich machen können.
Da man auf den Grund der Farbenharmonie nicht gelangen konnte und doch harmonische und disharmonische Farben eingestehen mußte, zugleich aber bemerkte daß stärkeres oder schwächeres Licht den Farben etwas zu geben oder zu nehmen und dadurch eine gewisse Vermittlung zu machen schien, da man bemerkte daß die Luft, indem sie die Körper umgibt, gewisse mildernde und sogar harmonische Veränderungen hervorbringt, so sah man beide als die allgemeinen Harmonisten an, man vermischte das von dem Kolorit kaum getrennte Helldunkel, auf eine unzulässige Weise, wieder mit demselben, man brachte die Massen herbei, man redete von Luftperspektiv, nur um einer Erklärung über die Harmonie der Farben auszuweichen. Man sehe das Sulzerische Kapitel vom Kolorit und wie dort die Frage, was Harmonie der Farben sei? nicht heraus gehoben, sondern unter fremden und verwandten Dingen vergraben und verschüttet wird. Diese Arbeit ist also noch zu tun, und vielleicht zeigt es sich, daß eine solche Harmonie, wie sie unabhängig und ursprünglich im Auge, im Gefühl des Menschen existiert, auch durch Zusammenstellung von gefärbten Gegenständen äußerlich hervor gebracht werden kann.
Ich zweifle daß irgend ein Maler diese Partie(n) besser verstehe als eine Frau, die ein wenig eitel ist, oder ein Sträußermädchen die ihr Handwerk versteht.
Also ein reizbares Weib, ein lebhaftes Sträußermädchen, verstehen sich auf die Harmonie der Farben! die eine weiß was ihr wohl ansteht, die andere, wie sie ihre Ware gefällig machen soll. Und warum begibt sich der Philosoph, der Physiolog nicht in diese Schule? Warum nimmt er sich nicht die kleine Mühe zu beobachten wie ein liebenswürdiges Geschöpf verfährt um diesen Elementarkreis zu ihren Gunsten zu ordnen? Warum beobachtet er nicht was sie sich zueignet und was sie verschmäht? Die Harmonie und Disharmonie der Farben ist zugestanden, der Maler ist darauf hingewiesen, jeder fordert sie von ihm und niemand sagt ihm was sie sei. Was geschieht? Sein natürliches Gefühl führt ihn in manchen Fällen recht, in andern weiß er sich nicht zu helfen. Und wie benimmt er sich? Er weicht der Farbe selbst aus, er schwächt sie und glaubt sie dadurch zu harmonieren, indem er ihr die Kraft nimmt ihre Widerwärtigkeit gegen eine andere recht lebhaft an den Tag zu legen.
Der allgemeine Ton der Farbe kann schwach sein ohne daß die Harmonie zerstört werde, im Gegenteil läßt sich die Stärke des Kolorits mit der Harmonie schwer verbinden.
Man gibt keineswegs zu, daß es leichter sei ein schwaches Kolorit harmonischer zu machen als ein starkes; aber freilich wenn das Kolorit stark ist, wenn die Farben lebhaft erscheinen, dann empfindet auch das Auge Harmonie und Disharmonie viel lebhafter; wenn man aber die Farben schwächt, einige hell, andere gemischt, andere beschmutzt im Bilde braucht, dann weiß freilich niemand ob er ein harmonisches oder disharmonisches Bild sieht; das weiß man aber allenfalls zu sagen daß es unwirksam, daß es unbedeutend sei.
Weiß oder hell zu malen sind zwei sehr verschiedne Dinge. Wenn unter zwei verschiednen Kompositionen übrigens alles gleich ist, so wird euch die lichteste gewiß am besten gefallen; es ist wie der Unterschied zwischen Tag und Nacht.
Ein Gemälde kann allen Anforderungen ans Kolorit genugtun und doch vollkommen hell und licht sein. Die helle Farbe erfreut das Auge, und eben dieselben Farben in ihrer ganzen Stärke, in ihrem dunkelsten Zustande genommen, werden einen ernsten, ahndungsvollen Effekt hervor bringen; aber freilich ist es ein anderes hell malen als ein weißes, kreidenhaftes Bild darstellen.
Noch eins! Die Erfahrung lehrt daß helle, heitere Bilder nicht immer den starken, kraftvollen Effektbildern vorgezogen werden. Wie hätte sonst Spagnolett zu seiner Zeit den Guido überwiegen können?
Es gibt eine Zauberei vor der man sich schwer verwahren kann, es ist die, welche der Maler ausübt der seinem Bilde eine gewisse Stimmung zu geben versteht. Ich weiß nicht wie ich euch deutlich meine Gedanken ausdrücken soll! Hier auf dem Gemälde steht eine Frau, in weißen Atlas gekleidet! deckt das übrige Bild zu und seht das Kleid allein, vielleicht erscheint euch dieser Atlas schmutzig, matt und nicht sonderlich wahr. Aber seht diese Figur wieder in der Mitte der Gegenstände von denen sie umgeben ist und alsobald wird der Atlas und seine Farbe ihre Wirkung wieder leisten. Das macht daß das Ganze gemäßigt ist, und indem jeder Gegenstand verhältnismäßig verliert, so ist nicht zu bemerken was jedem einzelnen gebricht, die Übereinstimmung rettet das Werk. Es ist die Natur bei Sonnenuntergang gesehen.
Niemand wird zweifeln daß ein solches Bild Wahrheit und Übereinstimmung, besonders aber große Verdienste in der Behandlung haben könne.
Fundament der Harmonie. Ich werde mich wohl hüten in der Kunst die Ordnung des Regenbogens umzustoßen. Der Regenbogen ist in der Malerei was der Grundbaß in der Musik ist.
Endlich deutet Diderot auf ein Fundament der Harmonie, er will es im Regenbogen finden und beruhigt sich dabei was die französische Malerschule darüber ausgesprochen haben mag. Indem der Physiker die ganze Farbentheorie auf die prismatischen Erscheinungen und also gewissermaßen auf den Regenbogen gründete, so nahm man wohl hier und da diese Erscheinungen gleichfalls bei der Malerei als Fundament der harmonischen Gesetze an, die man bei der Farbengebung vor Augen haben müsse, um so mehr als man eine auffallende Harmonie in dieser Erscheinung nicht leugnen konnte. Allein der Fehler den der Physiker beging, verfolgte mit seinen schädlichen Einflüssen auch den Maler. Der Regenbogen, so wie die prismatischen Erscheinungen, sind nur einzelne Fälle der viel weiter ausgebreiteten, mehr umfassenden, tiefer zu begründenden harmonischen Farbenerscheinungen. Es gibt nicht eine Harmonie, weil der Regenbogen, weil das Prisma sie uns zeigen, sondern diese genannten Phänomene sind harmonisch, weil es eine höhere, allgemeine Harmonie gibt, unter deren Gesetzen auch sie stehen.
Der Regenbogen kann keineswegs dem Grundbaß in der Musik verglichen werden, jener umfaßt sogar nicht einmal alle Erscheinungen die wir bei der Refraktion gewahr werden, er ist so wenig der Generalbaß der Farben als ein Durakkord der Generalbaß der Musik ist; aber weil es eine Harmonie der Töne gibt, so ist ein Durakkord harmonisch. Forschen wir aber weiter so finden wir auch einen Mollakkord, der keineswegs in dem Durakkorde, wohl aber in dem ganzen Kreise musikalischer Harmonie begriffen ist.
So lange nun in der Farbenlehre nicht auch klar wird daß die Totalität der Phänomene nicht unter ein beschränktes Phänomen und dessen allenfallsige Erklärung gezwängt werden kann, sondern daß jedes Einzelne sich in den Kreis mit allen übrigen stellen, sich ordnen, sich unterordnen muß; so wird auch diese Unbestimmtheit, diese Verwirrung in der Kunst dauern, wo man im praktischen das Bedürfnis weit lebhafter fühlt, anstatt daß der Theoretiker die Frage nur stille bei Seite lehnen und eigensinnig behaupten darf: alles sei ja schon erklärt!
Aber ich fürchte daß kleinmütige Maler davon ausgegangen sind um auf eine armselige Weise die Grenzen der Kunst zu verengen und sich eine leichte und beschränkte (kleine) Manier zu bereiten, das was wir so unter uns ein Protokoll nennen.
Diderot rügt hier eine kleine Manier in welche verschiedene Maler verfallen sein mögen, welche sich an die beschränkte Lehre des Physikers zu nahe anschlössen. Sie stellten, so scheint es, auf ihrer Palette die Farben in der Ordnung, wie sie im Regenbogen vorkommen und es entstand daraus eine unleugbare harmonische Folge, sie nannten es ein Protokoll, weil hier nun gleichsam alles verzeichnet war was geschehen konnte und sollte. Allein da sie die Farben nur in der Folge des Regenbogens und des prismatischen Gespenstes kannten, so wagten sie es nicht bei der Arbeit diese Reihe zu zerstören, oder sie dergestalt zu behandeln daß man jenen Elementarbegriff dabei verloren hätte, sondern man konnte das Protokoll durchs ganze Bild wieder finden; die Farbe blieb auf dem Gemälde, wie auf der Palette, nur Stoff, Materie, Element und ward nicht durch eine wahre genialische Behandlung in ein harmonisches Ganze organisch verwebt. Diderot greift diese Künstler mit Heftigkeit an. Ich kenne ihre Namen nicht und habe keine solche Gemälde gesehen, aber ich glaube mir nach Diderots Worten wohl vorzustellen was er meint.
Fürwahr es gibt solche Protokollisten in der Malerei, solche untertänige Diener des Regenbogens, daß man beständig erraten kann, was sie machen werden. Wenn ein Gegenstand diese oder jene Farbe hat, so kann man gewiß sein diese oder jene Farbe ganz nahe daran zu finden. Ist nun die Farbe der einen Ecke auf ihrem Gemälde gegeben, so weiß man alles übrige. Ihr ganzes Lebenlang tun sie nichts weiter als diese Ecke zu versetzen; es ist ein beweglicher Punkt der auf einer Fläche herum spaziert, der sich aufhält und bleibt wo es ihm beliebt, der aber immer dasselbe Gefolge hat. Er gleicht einem großen Herrn, der mit seinem Hof immer in einerlei Kleidern erschiene.
Echtes Kolorit. So handelt nicht Vernet nicht Chardin. Ihr unerschrockner Pinsel weiß mit der größten Kühnheit die größte Mannigfaltigkeit und die vollkommenste Harmonie zu verbinden und so alle Farben der Natur mit allen ihren Abstufungen darzustellen.
Hier fängt Diderot an die Behandlung mit dem Kolorit zu vermengen. Durch eine solche Behandlung verliert sich freilich alles stoffartige, elementare, rohe, materielle, indem der Künstler die mannigfaltige Wahrheit des einzelnen, in einer schön verbundnen Harmonie des ganzen verborgen, vorzustellen weiß, und so wären wir zu denen Hauptpunkten von denen wir ausgingen, zu Wahrheit in Übereinstimmung zurückgekehrt.
Sehr wichtig ist der folgende Punkt, über den wir erst Diderot hören und dann unsere Gedanken gleichfalls eröffnen wollen.
Und demohngeachtet haben Vernet und Chardin eine eigne und beschränkte Art der Farbenbehandlung! Ich zweifle nicht daran und würde sie wohl entdecken wenn ich mir die Mühe geben wollte. Das macht, daß der Mensch kein Gott ist und daß die Werkstatt des Künstlers nicht die Natur ist.
Nachdem Diderot gegen die Manieristen lebhaft gestritten, ihre Mängel aufgedeckt und ihnen seine Lieblingskünstler, Vernet und Chardin entgegen gesetzt, so kommt er an den zarten Punkt daß denn doch auch diese mit einer gewissen bestimmten Behandlungsart zu Werke gehen, der man wohl etwas eignes, etwas beschränktes Schuld geben könnte, so daß er kaum sieht wie er sie von den Manieristen unterscheiden soll. Hätte er von den größten Künstlern gesprochen, so würde er doch in Versuchung geraten sein eben dasselbe zu sagen; aber er wird billig, er will den Künstler nicht mit Gott, das Kunstwerk nicht mit einem Naturprodukte vergleichen.
Wodurch unterscheidet sich denn also der Künstler, der auf dem rechten Wege geht von demjenigen, der den falschen eingeschlagen hat? Dadurch daß er einer Methode bedächtig folgt, anstatt daß jener leichtsinnig einer Manier nachhängt.
Der Künstler, der immer anschaut, empfindet, denkt, wird die Gegenstände in ihrer höchsten Würde, in ihrer lebhaftesten Wirkung, in ihren reinsten Verhältnissen erblicken, bei der Nachahmung wird ihm eine selbstgedachte, eine überlieferte, selbstdurchdachte Methode die Arbeit erleichtern, und wenn gleich bei Ausübung dieser Methode seine Individualität mit ins Spiel kommt, so wird er doch durch dieselbe, so wie durch die reinste Anwendung seiner höchsten Sinnes- und Geisteskräfte, immer wieder ins allgemeine gehoben, und kann so bis an die Grenzen der möglichen Produktion geführt werden. Auf diesem Wege erhüben sich die Griechen bis zu der Höhe auf der wir besonders ihre plastische Kunst kennen, und warum haben ihre Werke aus den verschiednen Zeiten und von verschiednem Werte einen gewissen gemeinsamen Eindruck? Doch wohl nur daher weil sie der Einen, wahren Methode im Vorschreiten folgten, welche sie selbst beim Rückschritt nicht ganz verlassen konnten.
Das Resultat einer echten Methode nennt man Styl, im Gegensatz der Manier. Der Styl erhebt das Individuum zum höchsten Punkt, den die Gattung zu erreichen fähig ist, deswegen nähern sich alle große Künstler einander in ihren besten Werken. So hat Rafael wie Tizian koloriert, da wo ihm die Arbeit am glücklichsten geriet. Die Manier hingegen individualisiert, wenn man so sagen darf, noch das Individuum. Der Mensch, der seinen Trieben und Neigungen unaufhaltsam nachhängt, entfernt sich immer mehr von der Einheit des Ganzen, ja sogar von denen die ihm allenfalls noch ähnlich sein könnten, er macht keine Ansprüche an die Menschheit und so trennt er sich von den Menschen. Dieses gilt so gut vom sittlichen als vom künstlichen, denn da alle Handlungen des Menschen aus Einer Quelle kommen so gleichen sie sich auch in allen ihren Ableitungen.
Und so edler Diderot wollen wir bei deinem Ausspruch beruhen, indem wir ihn verstärken.
Der Mensch verlange nicht Gott gleich zu sein, aber er strebe sich als Mensch zu vollenden. Der Künstler strebe nicht ein Naturwerk aber ein vollendetes Kunstwerk hervor zu bringen.

Irrtümer und Mängel

Karikatur. Es gibt Karikaturen der Farbe wie der Zeichnung und alle Karikatur ist im bösen Geschmack.
Wie eine solche Karikatur möglich sei, und worin sie sich von einer eigentlich disharmonischen Farbengebung unterscheide, läßt sich erst deutlich aus einander setzen, wenn wir über die Harmonie der Farben und den Grund, worauf sie beruht, einig geworden; denn es setzt voraus daß das Auge eine Übereinstimmung anerkenne, daß es eine Disharmonie fühle und daß man, woher die beiden entstehen, unterrichtet sei. Alsdann sieht man erst ein, daß es eine dritte Art geben könne, die sich zwischen beide hinein setzt. Man kann mit Verstand und Vorsatz von der Harmonie abweichen und dann bringt man das Charakteristische hervor, geht man aber weiter, übertreibt man diese Abweichung, oder wagt man sie ohne richtiges Gefühl und bedächtige Überlegung, so entsteht die Karikatur, die endlich Fratze und völlige Disharmonie wird und wofür sich jeder Künstler sorgfältig hüten sollte.
Individuelles Kolorit. Warum gibt es so vielerlei Koloristen? indessen es nur Eine Farbenmischung in der Natur gibt.
Man kann nicht eigentlich sagen daß es nur Ein Kolorit in der Natur gebe, denn beim Worte Kolorit denken wir uns immer zugleich den Menschen der die Farbe sieht, im Auge aufnimmt und zusammen hält. Aber das kann und muß man annehmen, um nicht in Ungewißheit des Raisonnements zu geraten, daß alle gesunde Augen alle Farben und ihr Verhältnis ohngefähr überein sehen. Denn auf diesem Glauben der Übereinstimmung solcher Apperzeptionen beruht ja alle Mitteilung der Erfahrung.
Daß aber auch in den Organen eine große Abweichung und Verschiedenheit in Absicht auf Farben sich befindet, kann man am besten bei dem Maler sehen, der etwas ähnliches mit dem was er sieht hervor bringen soll. Wir können aus dem Hervorgebrachten auf das Gesehene schließen und mit Diderot sagen:
Die Anlage des Organs trägt gewiß viel dazu bei. Ein zartes und schwaches Auge wird sich mit lebhaften und starken Farben nicht befreunden und ein Maler wird keine Wirkungen in sein Bild bringen wollen die ihn in der Natur verletzen; er wird das lebhafte Rot, das volle Weiß nicht lieben, er wird die Tapeten, mit denen er die Wände seines Zimmers bedeckt, er wird seine Leinwand mit schwachen, sanften und zarten Tönen färben und gewöhnlich durch eine gewisse Harmonie ersetzen was er euch an Kraft entzog.
Dieses schwache, sanfte Kolorit, diese Flucht vor lebhaften Farben, kann sich, wie Diderot hier angibt, von einer Schwäche der Nerven überhaupt herschreiben. Wir finden daß gesunde, starke Nationen, daß das Volk überhaupt, daß Kinder und junge Leute sich an lebhaften Farben erfreuen; aber eben so finden wir auch daß der gebildetere Teil die Farbe flieht, teils weil sein Organ geschwächt ist, teils weil er das auszeichnende, das charakteristische vermeidet.
Bei dem Künstler hingegen ist die Unsicherheit, der Mangel an Theorie oft Schuld wenn sein Kolorit unbedeutend ist. Die stärkste Farbe findet ihr Gleichgewicht, aber nur wieder in einer starken Farbe und nur wer seiner Sache gewiß wäre wagte sie neben einander zu setzen. Wer sich dabei der Empfindung, dem Ohngefähr überläßt bringt leicht eine Karikatur hervor, die er, in so fern er Geschmack hat, vermeiden wird; daher also das Dämpfen, das Mischen, das Töten der Farben, daher der Schein von Harmonie die sich in ein Nichts auflöst, anstatt das Ganze zu umfassen.
Warum sollte der Charakter, ja selbst die Lage des Malers nicht auf sein Kolorit Einfluß haben? Wenn sein gewöhnlicher Gedanke traurig, düster und schwarz ist, wenn es in seinem melancholischen Kopf und in seiner düstern Werkstatt immer Nacht bleibt, wenn er den Tag aus seinem Zimmer vertreibt, wenn er Einsamkeit und Finsternis sucht, werdet ihr nicht eine Darstellung zu erwarten haben die wohl kräftig aber zugleich dunkel, mißfarbig und düster ist? Ein Gelbsüchtiger, der alles gelb sieht, wie soll der nicht über sein Bild denselben Schleier werfen den sein krankes Organ über die Gegenstände der Natur zieht und der ihm selbst verdrießlich ist, wenn er den grünen Baum, den eine frühere Erfahrung in die Einbildungskraft drückte, mit dem gelben vergleicht, den er vor Augen sieht?
Seid gewiß, daß ein Maler sich in seinem Werke eben so sehr, ja noch mehr, als ein Schriftsteller in dem seinigen zeige. Einmal tritt er wohl aus seinem Charakter, überwindet die Natur und den Hang seines Organs. Er ist wie ein verschloßner, schweigender Mann, der doch auch einmal seine Stimme erhebt; die Explosion ist vorüber, er fällt in seinen natürlichen Zustand in das Stillschweigen zurück. Der traurige Künstler, der mit einem schwachen Organ geboren ist, wird wohl Einmal ein Gemälde von lebhafter Farbe hervor bringen, aber bald wird er wieder zu seinem natürlichen Kolorit zurückkehren.
Unterdessen ist es schon äußerst erfreulich, wenn ein Künstler einen solchen Mangel bei sich gewahr wird und äußerst beifallswürdig wenn er sich bemüht ihm entgegen zu arbeiten. Sehr selten findet sich ein solcher und wo er sich findet, wird seine Bemühung gewiß belohnt und ich würde ihm nicht, wie Diderot tut, mit einem unvermeidlichen Rückfall drohen, vielmehr ihm, wo nicht einen völlig zu erreichenden Zweck, doch einen immerwährenden glücklichen Fortschritt versprechen.
Auf alle Fälle wenn das Organ krankhaft ist, auf welche Weise es wolle, so wird es einen Dunst über alle Körper verbreiten, wodurch die Natur und ihre Nachahmung äußerst leiden muß.
Nachdem also Diderot den Künstler aufmerksam gemacht hat was er an sich zu bekämpfen habe, so zeigt er ihm auch noch die Gefahren die ihm in der Schule bevorstehen.
Einfluß des Meisters. Was den wahren Koloristen selten macht ist daß der Künstler sich gewöhnlich Einem Meister ergibt. Eine undenkliche Zeit kopiert der Schüler die Gemälde des Einen Meisters, ohne die Natur anzublicken, er gewöhnt sich durch fremde Augen zu sehen und verliert den Gebrauch der seinigen. Nach und nach macht er sich eine gewisse Kunstfertigkeit die ihn fesselt und von der er sich weder befreien noch entfernen kann; die Kette ist ihm ums Auge gelegt, wie dem Sklaven um den Fuß, und das ist die Ursache daß sich so manches falsche Kolorit verbreitet. Einer der nach la Grenee kopiert wird sich ans glänzende und solide gewöhnen, wer sich an le Prince hält wird rot und ziegelfarbig werden, nach Greuze grau und violett, wer Chardin studiert ist wahr! Und daher kommt diese Verschiedenheit in den Urteilen über Zeichnung und Farbe selbst unter Künstlern; der eine sagt daß Poussin trocken, der andere daß Rubens übertrieben ist, und ich, der Liliputianer, klopfe ihnen sanft auf die Schulter und bemerke daß sie eine Albernheit gesagt haben.
Es ist keine Frage daß gewisse Fehler, gewisse falsche Richtungen sich leicht mitteilen, wenn Alter und Ansehen besonders den Jüngling auf bequeme, unrechte Wege leiten. Alle Schulen und Sekten beweisen daß man lernen könne mit andern Augen sehen; aber so gut ein falscher Unterricht böse Früchte bringt und das manierierte fortpflanzt, eben so gut wird auch durch diese Empfänglichkeit der jungen Naturen die Wirkung einer echten Methode begünstigt. Wir rufen dir also wackrer Diderot abermals, so wie beim vorigen Kapitel zu: indem du deinen Jüngling vor den Afterschulen warnst, so mache ihm die echte Schule nicht verdächtig.
Unsicherheit im Auftragen der Farben. Der Künstler, indem er seine Farbe von der Palette nimmt, weiß nicht immer welche Wirkung sie in dem Gemälde hervor bringen wird und freilich! womit vergleicht er diese Farbe, diese Tinte auf seiner Palette ? Mit andern einzelnen Tinten, mit ursprünglichen Farben! Er tut mehr, er betrachtet sie an dem Orte wo er sie bereitet hat und überträgt sie in Gedanken an den Platz wo sie angewendet werden soll. Wie oft begegnet es ihm nicht daß er sich bei dieser Schätzung betrügt! Indem er von der Palette auf die volle Szene seiner Zusammensetzung übergeht wird die Farbe modifiziert, geschwächt, erhöht, sie verändert völlig ihren Effekt. Dann tappt der Künstler herum, hantiert seine Farbe hin und wieder und quält sie auf alle Weise. Unter dieser Arbeit wird die Tinte eine Zusammensetzung verschiedner Substanzen welche mehr oder weniger (chemisch) auf einander wirken und früher oder später sich verstimmen.
Diese Unsicherheit kommt daher, wenn der Künstler nicht deutlich weiß was er machen soll und wie er es zu machen hat, beides, besonders aber das letzte, läßt sich auf einen hohen Grad überliefern. Die Farbenkörper, welche zu brauchen sind, die Folge, in welcher sie zu brauchen sind, von der ersten Anlage bis zur letzten Vollendung, kann man wissenschaftlich, ja beinahe handwerksmäßig überliefern. Wenn der Emaillemaler ganz falsche Tinten auftragen muß und nur im Geiste die Wirkung sieht, die erst durchs Feuer hervor gebracht wird, so sollte doch der Ölmaler, von dem hauptsächlich hier die Rede ist, wohl eher wissen was er vorzubereiten und wie er stufenweise sein Bild auszuführen habe.
Fratzenhafte Genialität. Diderot mag uns verzeihen daß wir unter dieser Rubrik das Betragen eines Künstlers den er lobt und begünstigt aufführen müssen.
Wer das lebhafte Gefühl der Farbe hat heftet seine Augen fest auf das Tuch, sein Mund ist halb geöffnet, er schnaubt, (ächzt, lechzt,) seine Palette ist ein Bild des Chaos. In dieses Chaos taucht er seinen Pinsel und zieht das Werk seiner Schöpfung hervor. Er steht auf, entfernt sich, wirft einen Blick auf sein Werk. Er setzt sich wieder und ihr werdet so die Gegenstände der Natur lebendig auf seiner Tafel entstehen sehen.
Vielleicht ist es nur der deutschen Gesetztheit lächerlich einen braven Künstler hinter seinem Gegenstande, gleichsam als einen erhitzten Jagdhund hinter einem Wilde her, mit offnem Munde schnauben zu sehen. Vergebens versuchte ich das französische Wort haleter in seiner ganzen Bedeutung auszudrücken, selbst die mehreren gebrauchten Worte fassen es nicht ganz in die Mitte; aber so viel scheint mir doch höchst wahrscheinlich daß weder Rafael bei der Messe von Bolsena, noch Coreggio vor dem heiligen Hieronymus, noch Tizian vor dem heiligen Peter, noch Paul Veronese vor einer Hochzeit zu Cana mit offnem Munde gesessen, geschnaubt, geächzt, gelechzt, gestöhnt, haletiert habe. Das mag denn wohl so ein französischer Fratzensprung sein, vor dem sich diese lebhafte Nation in den ernstesten Geschäften nicht immer hüten kann.
Nachfolgendes ist nicht viel besser.
Mein Freund! geht in eine Werkstatt und seht den Künstler arbeiten. Wenn er seine Tinten und Halbtinten recht symmetrisch, rings um die Palette, geordnet hat, oder wenn nicht wenigstens nach einer Viertelstunde Arbeit die ganze Ordnung durch einander gestrichen ist; so entscheidet kühn daß der Künstler kalt ist und daß er nichts bedeutendes hervor bringen wird. Er gleicht einem unbehülflichen schweren Gelehrten der eben die Stelle eines Autors nötig hat. Der steigt auf seine Leiter, nimmt und öffnet das Buch, kommt zum Schreibetisch, kopiert die Zeile die er braucht, steigt die Leiter wieder hinan und stellt das Buch an den Platz zurück. Das ist fürwahr nicht der Gang des Genies.
Wir selbst haben dem Künstler oben zur Pflicht gemacht die materielle Farbenerscheinung der abgesonderten Pigmente, durch wohlverstandene Mischung, zu tilgen, die Farbe, seinen Gegenständen gemäß, zu individualisieren und gleichsam zu organisieren; ob aber diese Operation so wild und tumultuarisch vorgenommen werden müsse, daran zweifelt wie billig ein bedächtiger Deutscher.

Rechte und reinliche Behandlung der Farben

Überhaupt wird die Harmonie eines Bildes desto dauerhafter sein je sichrer der Maler von der Wirkung seines Pinsels, je kühner, je freier sein Auftrag war, je weniger er die Farbe hin und wieder gehantiert und gequält, je einfacher und, kecker er sie angewendet hat. Man sieht moderne Gemälde in kurzer Zeit ihre Übereinstimmung verlieren, man sieht alte die sich, ohnerachtet der Zeit, frisch, kräftig und in Harmonie erhalten haben. Dieser Vorteil scheint mir nicht sowohl eine Wirkung der bessern Eigenschaft ihrer Farben, als eine Belohnung des guten Verfahrens bei der Arbeit zu sein.
Ein schönes und echtes Wort von einer wichtigen und schönen Sache. Warum stimmst du, alter Freund, nicht immer so mit dem Wahren und mit dir selbst überein? Warum nötigst du uns mit einer Halbwahrheit, mit einem paradoxen Perioden zu schließen?
O mein Freund, welche Kunst ist die Malerei! Ich vollende mit einer Zeile was der Künstler in einer Woche kaum entwirft und zu seinem Unglück weis er, sieht er, fühlt er, wie ich und kann sich durch seine Darstellung nicht genug tun. Die Empfindung, indem sie ihn vorwärts treibt, betrügt ihn über das was er vermag, er verdirbt ein Meisterstück, denn er war, ohne es gewahr zu werden, auf der letzten Grenze seiner Kunst.

Freilich ist die Malerei sehr weit von der Redekunst entfernt und wenn man auch annehmen könnte der bildende Künstler sehe die Gegenstände wie der Redner, so wird doch bei jenem ein ganz anderer Trieb erweckt als bei diesem. Der Redner eilt von Gegenstand zu Gegenstand, von Kunstwerk zu Kunstwerk, um darüber zu denken, sie zu fassen, sie zu übersehen, sie zu ordnen und ihre Eigenschaften auszusprechen. Der Künstler hingegen ruht auf dem Gegenstande, er vereinigt sich mit ihm in Liebe, er teilt ihm das Beste seines Geistes, seines Herzens mit, er bringt ihn wieder hervor. Bei der Handlung des Hervorbringens kommt die Zeit nicht in Anschlag, weil die Liebe das Werk verrichtet. Welcher Liebhaber fühlt die Zeit in der Nähe des geliebten Gegenstandes verfließen? Welcher echte Künstler weiß von Zeit indem er arbeitet? Das was dich den Redner ängstigt das macht des Künstlers Glück; da wo du ungeduldig eilen möchtest fühlt er das schönste Behagen.
Und deinem andern Freunde der, ohne es zu wissen, auf den Gipfel der Kunst gerät und durch Fortarbeiten sein treffliches Werk wieder verdirbt, dem ist am Ende wohl auch noch zu helfen. Wenn er wirklich so weit in der Kunst, wenn er wirklich so brav ist, so wird es nicht schwer halten ihm auch das Bewußtsein seiner Geschicklichkeit zu geben und ihn über die Methode aufzuklären, die er dunkel schon ausübt, die uns lehrt, wie das beste zu machen sei und uns zugleich warnt nicht mehr als das beste machen zu wollen.
Und so sei auch für diesmal diese Unterhaltung geschlossen. Einstweilen nehme der Leser das, was sich in dieser Form geben ließe, geneigt auf, bis wir ihm sowohl über die Farbenlehre überhaupt, als über das malerische Kolorit im besondern, das Beste was wir haben und vermögen, in gehöriger Form und Ordnung, mitteilen und überliefern können.

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Denis Diderot | Traktate | Diderots Versuch über die Malerei | 1799 | Übersetzung Johann Wolfgang von Goethe

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Denis Diderot (* 5. Oktober 1713 in Langres; † 31. Juli 1784 in Paris) war ein französischer Schriftsteller, Übersetzer, Philosoph, Aufklärer, Literatur- und Kunsttheoretiker, Kunstagent für die russische Zarin Katharina II. und einer der wichtigsten Organisatoren und Autoren der Encyclopédie.

Lyrik | Johann Wolfgang von Goethe | Entoptische Farben

Lass dir von den Spiegeleien
Unsrer Physiker erzählen,
Die am Phänomen sich freuen,
Mehr sich mit Gedanken quälen.

Spiegel hüben, Spiegel drüben,
Doppelstellung, auserlesen;
Und dazwischen ruht im Trüben
Als Kristall das Erdewesen.

Dieses zeigt, wenn jene blicken,
Allerschönste Farbenspiele;
Dämmerlicht, das beide schicken,
Offenbart sich dem Gefühle.

Schwarz wie Kreuze wirst du sehen,
Pfauenaugen kann man finden;
Tag und Abendlicht vergehen,
Bis zusammen beide schwinden.

Und der Name wird ein Zeichen,
Tief ist der Kristall durchdrungen:
Aug in Auge sieht dergleichen
Wundersame Spiegelungen.

Lass den Makrokosmus gelten,
Seine spenstischen Gestalten!
Da die lieben, kleinen Welten
Wirklich Herrlichstes enthalten.

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Johann Wolfgang von Goethe (* 28. August 1749 in Frankfurt am Main als Johann Wolfgang Goethe; † 22. März 1832 in Weimar, geadelt 1782) gilt als einer der bedeutendsten Repräsentanten deutschsprachiger Dichtung.

Menschenbilder | Else Lasker-Schüler über Karl Kraus

Über Karl Kraus | Im Zimmer meiner Mutter hängt an der Wand ein Brief unter Glas im goldenen Rahmen. Oft stand ich als Kind vor den feinen pietätvollen Buchstaben wie vor Hieroglyphen und dachte mir ein Gesicht dazu, eine Hand, die diesen wertvollen Brief wohl geschrieben haben könnte. Darum auch war ich Karl Kraus schon wo begegnet –in meinen Heimatjahren, beim Betrachten der kostbaren Zeilen unter Glas im goldenen Rahmen. Den Brief hatte ein Bischof an meine Mutter geschrieben; ein Dichter. Blau und mild waren seine Augen, und sanftbewegt seine schmalen Lippen und sein Stirnschatz wohlbewahrt, wie bei Karl Kraus; der trägt frauenhaft das Haar über die Stirn gekämmt. Und immer empfangen seine Augen wie des Priesterdichters Augen gastlich den Träumenden. Immer schenken Karl Kraus‘ Augen Audienz. Ich sitze so gerne neben ihm, ich denke dann an die Zeit, da ich den Schreiber des Briefes hinter Glas aus seinem goldenen Rahmen beschwor. Heute spricht er mit mir. Ich bewundere die goldgelbe Blume über seinem Herzen, die er mir mit feierlicher Höflichkeit überreicht. Ich glaube, sie war bestimmt für eine blonde Lady; als sie an unseren Tisch trat, begannen seine Lippen zu spielen. Karl Kraus kennt die Frauen, er beschaut durch sie zum Denkvertreib die Welt. Bunte Gläser, ob sie fein getönt oder vom einfachsten Farbenblut sind, behutsam behütend, feiert er die Frau. Verkündet er auch ihre Schäden dem Leser seiner Aphorismen – wie der wahre Don Juan, der nicht ohne Frauen leben kann, sie darum haßt – im Grunde aber nur die Eine sucht. Ich begegne Karl Kraus am liebsten unter »kriegsberatenen Männern«. Seine dichterische Strategie sind Strophen feinster Abschätzung. Ein gütiger Pater mit Pranken, ein großer Kater, gestiefelte Papstfüße, die den Kuss erwarten. Manchmal nimmt sein Gesicht die Katzenform eines Dalai-Lama an, dann weht plötzlich eine Kühle über den Raum – Allerleifurcht. Die große chinesische Mauer trennt ihn von den Anwesenden. Seine chinesische Mauer, ein historisches Wortgemälde, o, plastischer noch, denn alle seine Werke treten hervor, Reliefs in der Haut des Vorgangs. Er bohrt Höhlen in den Samt des Vorhangs, der die Schäden verschleiert schwer. Es ist geschmacklos, einen Papst zu hassen, weil sein Raunen Flüsternde stört, weil sein Wetterleuchten Kerzenflackernden heimleuchtet. Karl Kraus ist ein Papst. Von seiner Gerechtigkeit bekommt der Salon Frost, die Gesellschaft Unlustseuche.

Karl Kraus - Fotoquelle: wikipedia
Karl Kraus – Fotoquelle: wikipedia

Ich liebe Karl Kraus, ich liebe diese Päpste, die aus dem Zusammenhang getreten sind, auf ihrem Stuhl sitzen, ihre abgestreifte Schar, flucht und sucht sie. – Männer und Jünglinge schleichen um seinen Beichtstuhl und beraten heimlich, wie sie den grandiosen Zynismusschädel zu Zucker reiben können. O, diese Not, heute rot – – morgen tot! Unentwendbar inmitten seiner Werkestadt ragt Karl Kraus ein lebendiges, überschauendes Denkmal. Er bläst die Lufttürme um und hemmt die Schnellläufer, den Königinnen mit gewinnendem Lächeln den Vortritt lassend. Er kennt die schwarzen und weißen Figuren von früher her von neuem hin. Mit ruhiger Papsthand klappt er das Schachbrett zusammen, mit dem die Welt zugenagelt ist.

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Titelbild: Dunkles Wachen von Ursula Stock | Öl, 80 x 100 cm, 1980 | CC BY-SA 3.0 de | Quelle: wikipedia
Ursula Stock (* 28. Juli 1937 in Stuttgart) ist eine deutsche Bildhauerin, Malerin und Zeichnerin.

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Stanislaus Stückgold: Else Lasker-Schüler 1916
Stanislaus Stückgold | Else Lasker-Schüler | 1916

Else Lasker-Schüler, eigentlich Elisabeth Lasker-Schüler (geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld; gestorben am 22. Januar 1945 in Jerusalem) war eine bedeutende deutsch-jüdische Dichterin. Sie gilt als herausragende Vertreterin der avantgardistischen Moderne und des Expressionismus in der Literatur. Sie trat aber auch als Zeichnerin hervor.

Der erste Satz | Ljudmila Ulitzkaja

„Das Kind hatte Ähnlichkeit mit einem Igel: störrisches, stachliges dunkles Haar, eine neugierige lange, spitze Nase, das amüsante Gebaren eines selbstständigen Geschöpfs, das ständig an allem herumschnüffelte, und schließlich eine totale Unzulänglichkeit für Zärtlichkeiten, Berührungen, geschweige denn mütterliche Küsse.“

Aus: Ljudmila Ulitzkaja | Die Lügen der Frauen | 4. August 2003
Übersetzung: Ganna-Maria Braungardt | Hanser Literaturverlage
ISBN-10: 3446203605

Rosa Mayreder | Von der Männlichkeit

„Die beiden Geschlechter stehen in einer zu engen Verbindung, sind voneinander zu abhängig, als dass Zustände, die das eine treffen, das andere nicht berühren sollten“

Rosa Mayreder | 1905

Von der Männlichkeit

I

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Rosa Mayreder | 1905

Man wird die Wandlung, die sich in der Stellung des weiblichen Geschlechtes vollzieht, nicht in ihren tiefsten Ursachen begreifen, solange man die Wandlung in den Lebensbedingungen des männlichen Geschlechtes unbeachtet läßt. Die beiden Geschlechter stehen in einer zu engen Verbindung, sind voneinander zu abhängig, als daß Zustände, die das eine treffen, das andere nicht berühren sollten. Vielleicht ist eine der wichtigsten Entstehungsbedingungen der Frauenbewegung in Veränderungen innerhalb des männlichen Geschlechtes zu suchen. »Die Geschlechtslaster der Frauen sind nun die der Männer geworden,« hat schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein tieferblickender Mann geschrieben; »unsere Bildung ist eine vorwiegend lyrische, weibliche, die den Mann zum zarten Genossen des Weibes, nicht das Weib zur starken mannlichen Gesellin des Mannes erzieht. Das Männische, wo es nicht zu ersticken war, muß als unberechtigt und ausgeschlossen zu barer Roheit entarten; und da die Männer Frauen geworden sind, was sollen die Frauen, durch diese geschlechtliche Völkerwanderung aus ihrer natürlichen Sphäre verdrängt, tun –? .. Bleibt denjenigen Frauen, die keine Kinder werden wollen oder können, etwas anderes, als das Feld zu erobern, das die Männer verließen, um das Gebiet einzunehmen, welches ehedem das ihre war?« (Otto Ludwig, Shakespearestudien.)

Und Goethe ist von einer ähnlichen Auffassung ausgegangen, als er sagte: »Es ist keine Frage, daß bei allen gebildeten Nationen die Frauen im ganzen das Übergewicht gewinnen müssen. Denn bei einem wechselseitigen Einfluß muß der Mann weiblicher werden, und dann verliert er; denn sein Vorzug besteht nicht in gemäßigter, sondern in gebändigter Kraft. Nimmt dagegen das Weib von dem Manne etwas an, so gewinnt es; denn wenn es seine übrigen Vorzüge durch Energie erheben kann, so entsteht ein Wesen, das sich nicht vollkommener denken läßt.«
Die Bedeutsamkeit dieser Aussprüche liegt nicht so sehr in dem Urteil zugunsten der Frauen, als vielmehr in der Bestätigung, daß etwas an der Männlichkeit nicht in Ordnung ist. Im allgemeinen kommt das den Männern nicht zum Bewußtsein. Es widerstrebt dem naiven Geschlechtsdünkel des gewöhnlichen Mannes, einzuräumen, daß zwischen ihm und dem Manne anderer Epochen im Grade der Männlichkeit ein Abstand sein sollte. Was ihm von Kindesbeinen an als Maßstab seines männlichen Wertes suggeriert wird, daran hält er sich, ohne zu fragen, ob es sich mit den Bedingungen und Einflüssen verträgt, denen er sein ganzes Leben lang ausgesetzt ist.
Wie ein altes Götterbild, das noch öffentlich verehrt und mit den vorgeschriebenen Opfern bedient wird, obgleich es längst aufgehört hat, seine Wunder zu verrichten, regiert der Begriff der Männlichkeit in der modernen Kulturgesellschaft. Der Vorstellungsinhalt, der sich damit verbindet, ist erfüllt von Überbleibseln vergangener Zeiten, von Rückständen alter Verhältnisse. Ja man kann wohl behaupten, daß das Mißverhältnis zwischen den modernen Lebensbedingungen und den herrschenden Normen bei dem männlichen Geschlecht noch größer ist als bei dem weiblichen. Durch seine soziale Natur steht aber der einzelne Mann ebenso wie das Weib in einem Abhängigkeitsverhältnis; sofern er zum Durchschnitt gehört, ist er der Tyrannei der Norm ebenso unterworfen, empfindet die Bestimmungen der Sitte und Moral ebenso als Herren über sich. Nur die Bestimmungen selbst sind andere.
Betrachtet man den Begriff der Männlichkeit, wie er sich in allgemeinen Umrissen im gewöhnlichen Leben oder in jenen Schriften darstellt, die einer normativen Grundlage bedürfen, in pädagogischen, populär-medizinischen, didaktisch-moralischen, so findet man den primitiven teleologischen Geschlechtstypus, der sich von Generation zu Generation forterbt, ohne an den Zuständen der Wirklichkeit geprüft zu werden. Da ist Männlichkeit gleich Aktivität, Weiblichkeit gleich Passivität. Alles Männliche verhält sich der Außenwelt gegenüber aggressiv, alles Weibliche defensiv; der Mann hat expansive Impulse und starken Willen, er ist unternehmend, eroberungslustig, kriegerisch und verträgt keinen Zwang; das weibliche Geschlecht aber, durch seine Willensschwäche untergeordnet und unterordnungsbedürftig, ist zaghaft, friedfertig, geduldig u. dgl. m.

Wiewohl dieser Geschlechtstypus nicht einmal für alle sogenannten Naturvölker unbedingt zutrifft, läßt sich doch sagen, daß er sich desto deutlicher und reiner ausprägt, je tiefer die Lebensweise steht. Allein nur bei Völkern, deren Leben sich noch auf der Stufe unter der Kultur abspielt, ist die Arbeitsteilung dieser Sonderung der Geschlechter angemessen; die Aufgaben und Beschäftigungen des Mannes entsprechen da vollkommen den Tendenzen des primitiven Geschlechtscharakters. Man könnte sie nicht bündiger zusammenfassen, als es in dem Ausspruche jenes australischen Kurnai geschieht, den Ellis in seinem Buche über Mann und Weib zitiert: »Der Mann jagt, fischt, kämpft und sitzt herum; alles übrige ist Sache der Weiber.« Alles übrige – nämlich die Arbeit im eigentlichen Sinn, der Ackerbau, die Gewerbstätigkeit.
Die männlichsten Beschäftigungen sind die des Wilden, der männlichste Mann ist der Wilde, wie er ja auch der freieste ist, der unbeschränkteste. Erst wenn sich eine Modifikation in den Grundinstinkten seiner Geschlechtsnatur vollzogen hat, wird der Mann zur Kultur fähig; und schon mit den ersten Anfängen der Kultur, indem er einen Teil des weiblichen Arbeitsfeldes übernimmt, verzichtet er auf den vollen Gehalt seiner Männlichkeit. Er wird seßhaft, gebunden, abhängig. Kultur und Bildung nähern den Mann dem Weibe, verweiblichen ihn; sie sind antiviril. Und je mehr die Kultur wächst und sich verfeinert, desto stärker werden ihre antivirilen Einflüsse. »Wilde und barbarische Völker sind gewöhnlich vorwiegend kriegerisch, d. h. männlich in ihrem Charakter, während die moderne Zivilisation ihrem Wesen nach industriell, d. h. weiblich ist; denn die Gewerbe gehören eigentlich und ursprünglich dem Weibe und haben die Tendenz, den Mann dem Weibe gleich zu machen.« (Ellis, Mann und Weib.)

Das Kulturleben hat an der Männlichkeit langsam aber unaufhörlich eine Veränderung vollzogen, in der die femininen Einwirkungen immer mehr das Übergewicht erlangen, und die kriegerischen, also im engeren Sinne männlichen Tendenzen immer mehr zurücktreten.
Man muß in dieser Veränderung einen historischen Prozeß erkennen, der mit Notwendigkeit den Weg der Kultur begleitet – einen Niedergang, wenn man die primitive und ursprüngliche Art der Männlichkeit als die stärkste betrachtet, als diejenige, in welcher die Kraft der menschlichen Gattung ihren absoluten Ausdruck findet. Es ist leicht aus der Geschichte zu beweisen, wie oft die kriegerische Männlichkeit barbarischer und halbbarbarischer Völker den Sieg über Kulturvölker davongetragen hat, deren kriegerische Instinkte erloschen waren. Das scheint ein Einwand gegen die Differenzierung zu sein, welche die Kultur an der Männlichkeit bewirkt. Und so käme man zu dem paradoxen Schluß, daß durch die Zivilisation – die ja fast ausschließlich ein Werk der männlichen Intelligenz ist – der Mann selbst an der Zerstörung seiner Männlichkeit arbeitet.
Aber man würde den Inhalt dieses Begriffes zu einseitig begrenzen, wenn man nur seine primitive Seite berücksichtigen wollte. Schon in den Anfängen der Kultur macht sich eine andere Seite der männlichen Natur geltend und scheidet die einzelnen Individuen in verschiedene Gruppen. Es zeigt sich, daß innerhalb des männlichen Geschlechtes selbst zwei entgegengesetzte Grundtriebe herrschen. Der primitiven Männlichkeit, die in dem Ausleben des physischen Vermögens besteht, tritt eine differenzierte Männlichkeit gegenüber, die auf die Entfaltung und Steigerung des intellektuellen Vermögens gerichtet ist – der Macht aus körperlicher Überlegenheit die Macht aus geistiger Überlegenheit.
Dieser Gegensatz unter den Männern ist in seinen sozialen Wirkungen nicht weniger wichtig und belangreich, als der vermeintlich so tiefgehende Gegensatz zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht. Er äußert sich als ein beständiger Kampf der beiden Grundtriebe um die Vorherrschaft in der menschlichen Gesellschaft. Die Lebensideale, die sie in die Welt stellen, bewegen sich in entgegengesetzter Richtung, schließen sich in ihren Endkonsequenzen gegenseitig aus. Dennoch bestehen sie während der ganzen Kulturentwicklung nebeneinander fort, nehmen die verschiedensten Gestalten an, verwandeln sich, vermischen sich und erzeugen die seltsamsten Widersprüche.

Die ältesten Repräsentanten dieser Lebensideale sind der Krieger und der Priester. In ihnen tritt der Gegensatz der männlichen Grundtriebe am stärksten hervor. Auch der Kampf um die Vorherrschaft läßt sich an der Stellung erkennen, die sie in der Organisation der frühesten Gesellschaftsordnungen einnehmen. Während bei barbarischen Völkern der Krieger auf der obersten Stufe der sozialen Bewertung steht, erscheint schon bei sehr alten Kulturvölkern der Priester im Range dem Krieger übergeordnet. Unter der Form des Priestertums hat die differenzierte Männlichkeit zuerst den Sieg über die primitive davongetragen. Allerdings wird das Ideal eines Standes oder einer Kaste nicht durch jeden Einzelnen verwirklicht; gerade im Priestertum hat der Zwiespalt zwischen der äußeren Lebensstellung und der inneren Anlage des Individuums oft zu den schlimmsten Entartungserscheinungen geführt.
Für die abendländische Kulturgesellschaft bedeutet die christliche Epoche in der Theorie die Oberherrschaft des priesterlichen Lebensideales. In der Praxis hat aber die kriegerische Männlichkeit sich niemals – und auch nicht zur Zeit, als der christliche Gedanke als solcher die stärkste suggestive Gewalt besaß – von der Lebensführung abwendig machen lassen, die ihr entsprach. Das ganze Mittelalter hindurch tritt der Gegensatz dieser heterogenen Lebensideale deutlich hervor; und wenn die Männer des frühen Mittelalters Schreiben und Lesen als eine Beschäftigung für Geistliche und Weiber ablehnten, so hatten sie vom Gesichtspunkt der kriegerischen Männlichkeit alle Ursache dazu. Sie witterten hier mit Recht die Fallstricke, in denen die elementaren Impulse der Männlichkeit unvermerkt gefangen und gebrochen werden, die Verführung zu einer Lebensweise, die den Unterschied zwischen dem Manne und dem Weibe aufhebt.
Die Verwandtschaft zwischen dem geistigen Lebensideal und dem weiblichen hat immer in den Augen der kriegerischen Männlichkeit etwas Herabsetzendes gehabt. Für sie sind die Friedfertigen und Beschaulichen keine ganzen Männer. Jene hingegen, die aus dem tiefsten Bedürfnis ihrer Wesensart, von Kampf und Gewalttätigkeit verschont zu bleiben, ein Himmelreich schufen, wo das Leben in der Form der sublimiertesten Geistigkeit als ein ewiges entzücktes Schauen gedacht war, betrachteten die Kriegerischen mit der gleichen Geringschätzung als die schlechtere Gattung, die nicht für die Nähe des Göttlichen taugte. Die christliche Vorschrift hat die Konsequenz der Vergeistigung so weit getrieben, daß sie, streng genommen, jede Betätigung der primitiven Männlichkeit ausschließt. Daher ist die Gestalt des frommen Kriegers, der mit der Anwartschaft auf das Himmelreich dem Berufsmord nachgeht, eine christliche Absurdität; sie zeigt nur, wie sich Instinkte, die in den Untergründen des Bewußtseins wirken, mit theoretischen Anschauungen paaren, die von außen in das Seelenleben hineingetragen werden.
Etwas von dieser Absurdität haftet auch an den modernen Anschauungen über die Männlichkeit. Die Gegenwart wird ganz und gar durch die differenzierte Männlichkeit charakterisiert. Ihre Auszeichnung vor anderen Epochen liegt in der Entwicklung des Denkens und in der Tendenz, die Mittel der Bildung möglichst allgemein zu machen. Sie hat einen technisch-intellektuellen und einen ästhetisch-kontemplativen Charakter; außerhalb dieser Gebiete ist das Leben in vollem Verfall begriffen – am stärksten auf jenen, welche die Domäne der primitiven oder kriegerischen Männlichkeit sind.
Der Kampf mit den elementaren Gewalten der Natur, in dem die primitive Männlichkeit sich zu sittlicher Größe erhob, wird durch die technische Beherrschung der Naturkräfte beinahe ganz auf das intellektuelle Gebiet verlegt, wo er nicht eine Sache des Mutes und der Körperkraft, sondern des Scharfsinnes und der Erfindungsgabe ist. Auch die Arbeit des Mannes wird durch die Maschine ersetzt. Der Maschinenarbeiter ist bloß der Vollstrecker eines Handgriffes, der meistens durch Weiber oder Kinder ebensogut verrichtet werden kann. Es liegt ganz in der Natur der Sache, daß auf dem Gebiet der Maschinenarbeit die Männer von den Frauen verdrängt werden.
Nicht weniger verliert die ethische Seite der physischen Überlegenheit, durch die der Mann sich zum Herrn und Beschützer von Weib und Kind machte, unter den Voraussetzungen des modernen Rechtsstaates ihre Bedeutung. Die »starke Faust«, die in anderen sozialen Zuständen für den einzelnen Mann unentbehrlich und das rechtmäßige Fundament seiner Herrschaft war, ist vollkommen überflüssig geworden.
Aber wenn auch das moderne Leben den Wirkungskreis der primitiven Männlichkeit mit jedem Tage mehr einschränkt, wenn auch die Kultur selbst als der fortschreitende Sieg der differenzierten Männlichkeit zu betrachten ist – die barbarische Bewertung besteht doch in den Sitten und Normen noch immer fort. Noch immer genießt das Militär den Platz als erster Stand; noch immer steht der Krieg hoch in Ehren, und alles, was damit zusammenhängt, ist von einem Nimbus überragender Wichtigkeit und Auszeichnung umgeben.

II

Als Friedrich Nietzsche versuchte, den kommenden Generationen ein kanonisches Buch neuer Lebensbewertung zu geben, ließ er Zarathustra sagen: »Der Mann soll zum Kriege erzogen werden und das Weib zur Erholung des Kriegers«. Er wollte die primitiven männlichen Instinkte rehabilitieren; in dem alten Gegensatz zwischen Krieger und Priester hat er für den Krieger Partei ergriffen und dem Priester die Schuld an der Vergiftung des Lebens zugeschrieben.
Aber gesetzt auch, jene Formel Zarathustras wäre der Beschaffenheit der großen Mehrzahl angemessen, eine Anweisung für die Groben, Gewöhnlichen, Ungeistigen, der Versumpfung zu entgehen, oder sogar für die Differenzierten ein Weg, sich vor den Übelständen der Feminisation zu retten – besteht denn irgend eine Möglichkeit, innerhalb des modernen Lebens die primitive Männlichkeit wieder aufzuzüchten und ihren Niedergang hintanzuhalten?
Man kann in dem Verlaufe dieses Niederganges drei Phasen unterscheiden. Die erste reicht in die Periode zurück, als der Ackerbau und die Gewerbe aus den Händen der Frau an den Mann übergehen; damit wird der Boden geschaffen, auf welchem der Gegensatz in den Grundtrieben der Männlichkeit heranwächst, indem die unkriegerischen Individuen, die vorher unnütz und verachtet waren, eine soziale Funktion erhalten und positive Werte schaffen. Die zweite Phase läßt sich für die europäische Kulturgesellschaft von der Zeit an rechnen, als das Schießpulver sowohl dem Kriege als der Jagd, diesen beiden bezeichnendsten Äußerungen der primitiven Männlichkeit, einen völlig veränderten Charakter verlieh; die dritte Phase, und zugleich diejenige, in welcher der Ruin der primitiven Männlichkeit offen zutage tritt, wird durch die Herrschaft der Maschine herbeigeführt und beginnt ungefähr in der Zeit, als der zivile Mann den Degen ablegte – ein äußeres Zeichen dafür, daß er das wichtigste Vorrecht der kriegerischen Männlichkeit, das Recht der Selbstverteidigung, endgültig an den Staat verloren hatte.
Es ist für die asiatischen Männer ein ehrendes Zeugnis, daß sie innerhalb ihres originären Kulturkreises die Erfindung des Pulvers hauptsächlich ästhetischen Zwecken dienstbar machten und seine tödlichen Eigenschaften in Feuerwerkskünsten spielerisch zu verpuffen liebten. Waren die europäischen Männer um soviel kriegerischer, um soviel todesmutiger, als sie die furchtbarste Mordwaffe daraus schufen? Oder waren sie nur von allen guten Instinkten der primitiven Männlichkeit schon zu sehr verlassen?
Ein wahrhaft kriegerischer Mannessinn hätte diese Waffe nie angenommen. Das kriegerische Element der männlichen Natur hat seinen Ursprung in der neuromuskulären Beschaffenheit; im allgemeinen ist das männliche Geschlecht tapfer und aggressiv auf Grund seiner Muskelstärke, wie das weibliche furchtsam und passiv auf Grund seiner Muskelschwäche. Aus dem Bewußtsein der physischen Kraft und dem Bedürfnis, sie zu äußern, stammen alle jene Erscheinungen gesteigerter Vitalität, die den Mann antreiben, sich im Kampf auszuleben. Für den primitiven Mann ist der Krieg der Zustand, in dem er sich selbst am intensivsten genießt – weshalb in der Anschauung der meisten barbarischen Völker der Krieg als die dem Mann entsprechendste Lebensweise, als die normale gilt.
Aber dieser Krieg besteht eben in einer Auslösung aggressiver Impulse, und die Waffen, mit denen er geführt wird, sind dem Zustand angemessen, dem sie dienen. Sie ermöglichen eine individuelle Tapferkeit, die über den Vorrang der Tüchtigkeit entscheidet; und sie gestatten dem Kämpfenden eine Verteidigung durch persönliche Geschicklichkeit oder auch durch äußere Hilfsmittel, wie die Bewehrung durch den Schild und die Umpanzerung der wichtigsten Körperteile. Das Schwert, der Degen, die Lanze, der Speer, selbst auch Bogen und Armbrust sind ehrliche, mannhafte Waffen.
Nicht so die Feuerwaffe. Die Feuerwaffe ist feig; sie macht den Angriff zu einem meuchlerischen Überfall aus dem Hinterhalt, die Verteidigung zu einer fatalistisch-passiven Ergebung in das Unvermeidliche. Der Mut, der den mit Schild und Schwert bewaffneten Mann zum Kampfe antrieb, war eine natürliche Äußerung der Mannhaftigkeit; der Mut, den der moderne Mann zeigen will, wenn er seine bloße Brust der Pistole eines Gegners bietet, ist gar kein Mut im eigentlichen Sinne mehr – er ist ein krankhaftes Verfallsprodukt aus christlich asketischer Selbstüberwindung und atavistisch männlicher Prahlerei. Nicht umsonst läßt ein spanischer Dichter – Pedro de Alarcon in seinem Manuel Venegas –, als er den Inbegriff der stolzen, hochgesinnten, selbstherrlichen Männlichkeit darzustellen unternimmt, selbst im Kampfe gegen Bären seinen Helden die Schußwaffe verschmähen, weil sie ihm zu feige und heimtückisch erscheint.
Welches Unheil aber hat diese feige und heimtückische Waffe in die Welt gebracht, seit das Raffinement der modernen Technik sie zu einer grauenhaften Vollendung entwickelte! Die ungeheuerliche Entartung des Krieges, die durch die technische Vervollkommnung der Feuerwaffen in Verbindung mit der allgemeinen Wehrpflicht herbeigeführt worden ist, steht in der Weltgeschichte beispiellos da. Der Söldnerkrieg, der eine Ableitung für alle unbändigen, abenteuerlustigen, den friedlichen Beschäftigungen abgeneigten Individuen bildete, war immerhin, welche Plagen er auch mit sich brachte, nicht mehr als ein Exzeß der elementaren Männlichkeit, der eben wie ein Elementarereignis ertragen werden mußte. Aber der molochistische Wahnwitz, der die moderne Kriegführung beherrscht, hat mit den Instinkten der Männlichkeit nichts mehr gemein. Kann denn gegenüber diesen rasenden Mordmaschinen, diesen Sprenggeschossen, durch welche die menschlichen Leiber haufenweise niedergemetzelt werden, wehrlos und wahllos wie Gräser durch die Sense des Schnitters – kann da noch von Tapferkeit des einzelnen die Rede sein? Diese greuelvollen Waffen würdigen den Mann zu einem bloßen Fleischklumpen herab, der sich ohne Widerstand zerfetzen lassen muß, um Ordre zu parieren. »Vom Heldentum hat sich uns nichts als Blutvergießen und Schlächterei vererbt – ohne allen Heroismus, dagegen alles mit Disziplin.« (Richard Wagner) Es ist nicht mehr die höchste physische Steigerung der männlichen Aktivität, die sich im Kriege betätigt, es ist die äußerste Passivität, die Erduldung eines übermächtigen Zwanges – das heißt, der moderne Krieg hat den Typus der Männlichkeit verloren und einen weiblichen, also widernatürlichen, Charakter angenommen.
Man lese nur einmal eine der wenigen wahrhaften, von der Suggestion des militärischen Ehrbegriffes nicht umnebelten Schilderungen, wie es bei der in Schlachtreihe aufgestellten Mannschaft aussieht, und man wird begreifen, daß hier keine Spur von den ursprünglichen Empfindungen mehr vorhanden sein kann, die den primitiven Krieg zu einer Schule der Mannhaftigkeit machten. Emile Zola hat im »Débâcle« eine solche Darstellung gegeben; sie wird mit überzeugender Unmittelbarkeit durch die Worte eines preußischen Soldaten bestätigt, der an der Schlacht von Spichern am 6. August 1870 teilnahm: »Herzzerreißendes Weh, Verzweiflung, Angst, Entsetzen, verbissene Scheu, alles dies konnte man in den Blicken dieser dem Tod Geweihten lesen, nur keine glühende Begeisterung mehr, keine fanatische Lust zu morden oder sich morden zu lassen … Wie die Küchlein, wenn der Raubvogel eines der ihrigen geholt, sich zitternd und ängstlich aneinanderschmiegen, so drängten wir uns instinktiv zusammen, um einer hinter dem andern Schutz zu suchen … Bleich wie der Tod, schwer atmend, mit klopfendem Herzen und zitternden Gliedern harrten wir mit Bangen der Dinge, die da kommen würden. Fürwahr, der Selbsterhaltungstrieb ist oft stärker als alle guten Vorsätze – und nur eines Anstoßes hätte es in diesem Moment gebraucht, um die Bande der Disziplin zu lösen. Da, diesen kritischen Augenblick gewahrend, der sich in einer gewissen Unruhe im Bataillon bemerkbar machte, sehe ich unsern Kommandeur die Bataillonskolonne heruntersprengen, und ›die Herren Offiziere bitte die Revolver ziehen‹ höre ich seine befehlende, Gewehrsalven und Kanonendonner übertönende, scharfe Stimme erschallen « … (»Mehr Licht in unsere Welt« von Gustav Müller.)
So zwischen zwei Feuern, vor sich die Gewehrläufe des Feindes, hinter sich die Revolver der Vorgesetzten, wird der moderne »Krieger« in die Schlacht getrieben. Bei den ganz Rohen, durch Bildung nicht Verfeinerten, erzeugt der Anblick des Blutes allenfalls eine blinde Berserkerwut, in der sie besinnungslos ihre Munition verschießen. Ganz furchtbar aber ist die Situation für jene, die, durch alle Einflüsse des modernen Geisteslebens den Instinkten der primitiven Männlichkeit entfremdet, an eine geschützte Lebensweise gewöhnt, zu intellektuellen Berufen erzogen, trotz alledem für den Kriegsfall die gleichen Aufgaben erfüllen sollen, wie der Berufssoldat. Die allgemeine Wehrpflicht ist ein Turm Babel an Instinktverwirrung. Was hat ein Künstler, ein Gelehrter, ein Beamter, ein Lehrer mit den Eigenschaften zu tun, die zum Kriege tauglich machen? In jeder Kultur war bisher der Krieg die Sache einer bestimmten Klasse, und die zu den Beschäftigungen des Friedens Erzogenen blieben davon verschont, wenn sie sich nicht freiwillig anwerben ließen. Aber die allgemeine Wehrpflicht, wie sie auf dem europäischen Festland besteht, ist die schlimmste Sklaverei, mit der je der freie Mann beladen wurde. Durch sie werden die Männer insgesamt zu Leibeigenen des Staates; sie müssen sich in regelmäßig wiederholten Abständen ihrer bürgerlichen Freiheit begeben, um sich der Disziplin und den Vorurteilen einer Klasse zu unterwerfen, an deren Vorrechten sie für gewöhnlich nicht teilnehmen. Da sie aber gezwungen sind, den Begriff der militärischen Ehre, der ganz auf den Instinkten der primitiven Männlichkeit basiert, in ihr bürgerliches Leben herüberzunehmen, erleiden sie einen wesentlichen Nachteil gegenüber den Berufssoldaten. Besäße die zivile Männerschaft noch mehr von den primitiven Impulsen des Geschlechtes, so wäre das Verbot des Waffentragens, dem sie trotz ihrer militärischen Dienstpflicht unterworfen ist, etwas Entehrendes für sie, und die Vorstellung, unbewaffnet dem Umgang mit bewaffneten Geschlechtsgenossen ausgesetzt zu sein, müßte ihr unerträglich sein.
Wenn aber das Militär in der modernen Gesellschaft alle Ehren genießt, die nach der primitiven Auffassung dem Krieger als der vollendetsten Verkörperung der Männlichkeit zukommen, so kann man das nur als Atavismus bezeichnen. Denn der Krieg ist so selten geworden, daß ihn im eigenen Lande kaum jede Generation wehrfähigen Alters erlebt; und die Beschäftigungen des Militärs in Friedenszeiten rechtfertigen diese Bevorzugung nach keiner Richtung.
Nicht weniger als bei dem modernen Kriege zeigt sich der Niedergang in den Instinkten der primitiven Männlichkeit bei der modernen Jagd. Zum mindesten die Treibjagd hat unter dem Gesichtspunkte der Gefahr, deren Überwindung neben dem Gewinn der Beute für den Mann früherer Zeiten den Wert der Jagd ausmachte, etwas Verkehrtes und Lächerliches; wenn es dabei noch Gefahr und Strapazen gibt, so fallen sie ganz in die Beschäftigung des Treibers und nicht des Jägers. Für den intakten Mannesinstinkt müßte es eher etwas Abstoßendes, ja Verächtliches haben, so aus sicherer Ferne wehrlos-unschädliche Geschöpfe, die da in Massen vorübergetrieben werden, niederzupfeffern; das Vergnügen an der eigenen Treffsicherheit könnte einen in diesem Punkte noch nicht abgestumpften Mann über das Unmännliche dieses Verfahrens nicht hinwegtäuschen. Aber ganz als ob es sich noch um Bären oder Wölfe, um die mannhaftunerschrockene Bekämpfung wilder und gemeingefährlicher Bestien handelte, gilt die Jagd als eine ausgezeichnet männliche Beschäftigung und wird immerzu das »edle Weidwerk« genannt.
Nicht viel besser in Ansehung der männlichen Qualität ist es um alle Arten von Sport bestellt, die durch heftige Leibesbewegungen und physische Anstrengungen als Remeduren der primitiven Männlichkeit gelten können. Als Remeduren wohl, sofern sie Abhärtung, Anspannung der Muskel- wie der Willenskraft bedingen – als Taten nicht. Der Sport ist stets nur ein Spiel; deshalb werden selbst die äußersten Leistungen auf seinem Gebiete – wenn sie auch in mancher anderen Hinsicht hoch anzuschlagen sind – nie einen heroischen Charakter haben, wie ihn die Tapferkeit gegenüber ernsten Gefahren verleiht. Was dabei herauskommt, ist im besten Fall eine Männlichkeit der Bravourstücke.
Als eine völlige Karikatur, in ihrer widersinnigsten und lächerlichsten Gestalt, erscheint die primitive Männlichkeit bei dem studentischen Kommentwesen. Denn hier tritt sie nur mehr als ein atavistischer Auswuchs im Leben solcher Individuen auf, die durch ihre Berufswahl Repräsentanten der differenzierten Männlichkeit werden sollen. Das Mißverständnis, das hier obwaltet, könnte als eine Jugendeselei hingehen, wenn es sich bloß in den Paukereien äußerte, die der »unbändigen Mannesnatur« durch kleine unschädliche Aderlässe Luft machen; da es aber gleichzeitig einen unwürdigen Zwang zum Alkoholmißbrauch mit sich bringt, der oft die depravierendsten Folgen hat, stellt das ganze Kommentwesen in seiner heutigen Gestalt eines der schlimmsten Verfallssymptome der Männlichkeit dar.
Niedergang, unaufhaltsamer Niedergang! Verträgt sich denn die Lebensweise, welche die Männer der geistigen Berufe führen, überhaupt noch mit irgend einem der Instinkte, durch die sich die primitive Männlichkeit auszeichnet? Das Bureau, das Kontor, die Kanzlei, das Atelier – lauter Särge der Männlichkeit. Ihre monumentale Grabstätte aber ist die Großstadt selbst. Hier sind die Gefahren des Lebens – das Element und die hohe Schule der Männlichkeit – ganz aus dem Wege geräumt; hingegen wirken alle Einflüsse des Großstadtlebens dahin, jenes Gebrechen zu fördern, das sich am wenigsten mit dem Charakter der Männlichkeit verträgt, die Nervenschwäche.
An dieser Wirkung läßt sich erkennen, wie labil im Grunde der angeblich ein- für allemal feststehende Geschlechtscharakter ist. Man pflegt das männliche Nervensystem für widerstandsfähiger zu halten als das weibliche und einen wichtigen Geschlechtsgegensatz darin zu erblicken, daß das weibliche größere Irritabilität zeigt, das heißt, die Neigung, auf Reize von außen rascher und ungehemmter zu reagieren. Was man als »männlichen Sinn« im allgemeinen bezeichnet, obgleich es sich keineswegs ausschließlich beim Manne findet, das Aufsichselbstberuhen, die Ruhe und Fassung gegenüber äußeren Eindrücken, ist hauptsächlich auf die Widerstandsfähigkeit des nervösen Apparates zurückzuführen. Die Schwächung und Überreizung des Nervensystems aber, die das moderne Großstadtleben erzeugt, steigert die Irritabilität auch beim Manne und verändert auf diese Weise das Bild des Geschlechtscharakters, das als das traditionelle der Männlichkeit gilt.
Deshalb ist der vehementeste Angriff auf sie die typische Großstadtkrankheit, die Neurasthenie. Man braucht nur die psychischen Erscheinungen, die zum Krankheitsbild der Neurasthenie gehören, daraufhin anzusehen, die Niedergeschlagenheit und Unsicherheit, das Angstgefühl, die Launenhaftigkeit, Willenlosigkeit und Entschlußunfähigkeit – lauter Symptome, die aus der reizbaren Schwäche entspringen – und man wird erkennen, daß der Neurastheniker einen nach der konventionellen Auffassung völlig weiblichen, ja weibischen Typus annimmt.
Für die Männer der geistigen Berufe bedeuten die Schädlichkeiten des Großstadtlebens keine so wesentliche Beeinträchtigung; die Bedingungen, unter denen sie ihren Beruf ausüben, vertragen sich auch mit den leichteren Graden der Neurasthenie. Denn diese Bedingungen selbst setzen vielfach eine wesentliche Herabminderung der aggressiven Impulse voraus, und der volle Gehalt männlicher Impetuosität wäre eher ein Hindernis dabei.
Ein Niedergang der differenzierten Männlichkeit wird also durch das Großstadtleben an sich nicht verursacht; nur mit den Idealen der primitiven Männlichkeit läßt es sich durchaus nicht vereinigen. Diese Ideale anerkennen, heißt den ganzen Entwicklungsgang der Kultur verneinen. In ihnen ist nichts Zukunftsmächtiges. Der Heroismus im Kampf gegen physische Gefahren, der die schönste Blüte der primitiven Männlichkeit ist, hat seine Wirkungssphäre zum größten Teil verloren; die Aufgaben, die ihm noch zufallen können, treten zurück, andere Ziele beherrschen das Leben und heben jene empor, die geschaffen sind, sie zu erfüllen.
Die Schattenseiten der primitiven Männlichkeit aber haben zu allen Zeiten ihre Vorzüge schwer verdunkelt. Sie ist es, die aus dem Menschen das bösartigste Raubtier unter allen Geschöpfen der Erde macht; sie ist es, die das Leben in einen Kriegsschauplatz verwandelt; sie ist es, die den Mord heiligt und das Blutvergießen zur Lust erhebt. Erst wenn die Konsequenzen ihres Niederganges sich im sozialen Bewußtsein vollzogen haben, wird ein neuer Tag für die Menschheit anbrechen.

III

Und so wäre denn die Möglichkeit für eine unendlich höhere Wirksamkeit der differenzierten Männlichkeit gegeben, als sie irgendeine frühere Kulturperiode bot. Die Umstände, die den Verfall der primitiven Männlichkeit bedingen, müßten den differenzierten Mann an die Spitze der Kultur stellen, auf jenen Rang, der ihm als ihrem Schöpfer zukommt.
Betrachtet man aber die differenzierte Männlichkeit, oder konkreter ausgedrückt, die Männer der geistigen Berufe im Spiegel der herrschenden Anschauungen und Zustände, so erfährt man eine große Enttäuschung. Fast zu allen Zeiten und in allen Kulturländern ist die Bestimmung des Mannes für ein Leben in der Region der Geistigkeit durch die soziale Tradition höher eingeschätzt worden als in der europäischen Kultur der Gegenwart. Sie steht in dieser Hinsicht, wiewohl sich vielleicht das menschliche Leben noch niemals weiter von seinen primitiven Formen entfernt hat, hinter den Kulturen des Altertums und des Orients beträchtlich zurück. Ob es nun wie in China der Literat ist, der in der Anschauung der Allgemeinheit den ersten Rang einnimmt, oder wie in Indien der Asket, oder wie im alten Ägypten der Priester – es ist die geistige, die differenzierte Art Mann, diejenige, deren Lebensinhalt die höchste Steigerung des geistigen Vermögens bildet, welcher die Krone des Lebens gehört. Selbst das Mittelalter erkannte den Geistlichen als den höheren Menschen an, wie selten der einzelne die Vorstellungen tatsächlich verwirklichen mochte, denen er seine Bevorzugung verdankte.
Vergeblich suchen wir in der sozialen Tradition der modernen europäischen Kultur nach dieser Bewertung. Es ist nicht mehr das priesterliche Lebensideal, in dessen Bereich die Männlichkeit ihre kulturschöpferische Macht entfaltet. Denn die Kluft, die zwischen dem modernen Denken und der überlieferten Religion gähnt, hat den Priester als Repräsentanten der Geistigkeit herabgesetzt. Seine Existenz ruht auf einer überlebten Weltinterpretation, die ihn von der Teilnahme an dem lebendigen Prozeß der geistigen Entwicklung ausschließt; und der Nimbus, der ihn als den Vermittler zwischen dem Reich Gottes und dem gemeinen Erdendasein umgab, ist zugleich mit dem Reich Gottes verblichen. Dennoch besitzt er immer noch eine ausgesprochene Überlegenheit in der Machtstellung gegenüber jenen, deren geistige Arbeit die alte Weltinterpretation überwunden hat: denn diese Machtstellung gründet sich auf die bewußte, sittlich-praktische Anerkennung eines höheren Menschentums, dessen Träger der Priester ist, auf den in seinem Lebensideale konsequent durchgebildeten Gegensatz zur primitiven Männlichkeit – was freilich nicht hindert, daß in einer mit Verfallsprodukten angefüllten Zeit, wie die Gegenwart, äußere Machtrücksichten eine paradoxe Interessengemeinschaft zwischen dem Militär und dem Klerus herstellen.
Den Männern der profanen Geistigkeit aber fehlt das Bewußtsein dieses Gegensatzes; daher sind sie unvermögend, aus ihren Lebenszielen heraus eine neue, mit normativer Gewalt ausgerüstete Rangordnung der Männlichkeit zu schaffen. So groß das männliche Denken in der Gestalt ist, die es als moderne Wissenschaft besitzt, so gering ist der sittlich-praktische Einfluß, den es unter den Mächten der Gegenwart hat. Der moderne Mann leidet an seiner Intellektualität wie an einer Krankheit. Entweder artet sie zur geistigen Ausschweifung aus, wie bei dem Typus des Gelehrten, der durch eine ins Extrem gesteigerte Einseitigkeit der geistigen Anspannung jedes Verhältnis zur Totalität des Lebens verliert, oder sie macht ihn, wie es bei dem gebildeten Mann des Durchschnitts so häufig geschieht, zu einer unvollkommenen und disharmonischen Erscheinung. Dieser Halb- und Halbe, der nirgends etwas Ganzes und Selbstgewisses vorstellt, nicht in der Region der Geistigkeit und nicht in der Region der primitiven Männlichkeit, der immer zwischen zwei Welten hängt, durch Neigung oder Nötigung bald hierhin, bald dorthin geschwenkt, er wird durch seine Zucht zur Verfeinerung, zur höheren Bildung, zur Überordnung des Denkens in einen unheilbaren Zwiespalt mit sich selbst gesetzt.
Ist es nicht auffallend, daß die Männer, durch ihre intellektuelle Entwicklung auf allen Gebieten zur Kritik geneigt, dem Begriffe der Männlichkeit gegenüber am längsten unkritisch bleiben? Sie nehmen die Übelstände, die sich für sie aus der Inkongruenz zwischen den herrschenden Normen und den tatsächlichen Verhältnissen ergeben, lieber stillschweigend hin, ehe sie sich dem Verdachte der Unmännlichkeit aussetzen. Männlich zu sein, männlich so sehr als möglich, unbedingt, ungemischt männlich, das gilt ihnen als Auszeichnung; sie sind unempfindlich für das Brutale oder Niedrige oder Verkehrte einer Handlung, wenn sie mit dem traditionellen Kanon der Männlichkeit übereinstimmt. Diese Furcht, unmännlich zu erscheinen, einen Mangel an den Tugenden des primitiven Geschlechtsideales zu zeigen, erhält alle atavistisch ungereimten Vorurteile, alle sinnlos unangemessenen Einrichtungen, an denen das Leben des modernen Mannes so reich ist.
Wie schwankend und unbestimmt sind aber die Vorstellungen, die diesem Ehrgeiz der Männlichkeit zugrunde liegen! Man braucht nur die Bewertung: je männlicher desto überlegener, einmal dort zu prüfen, wo sie sich nicht mit dem weiblichen Geschlechte mißt – am nationalen Eigendünkel beispielsweise. Es ist bekannt, daß die romanischen Nationen sich gegenüber den germanischen als die männlicheren fühlen; Mantegazza sagt den »blonden Deutschen« sogar eine mehr weibliche Art zu lieben nach. Die Deutschen hingegen erkennen diese mehr weibliche Art den slavischen Männern zu – eine nationale Überhebung, der Bismarck in seiner Anrede an die steirische Deputation im April 1895 Ausdruck gab, indem er sagte: »Ich glaube, wir Germanen sind durch Gott von Hause aus stärker, ich will sagen, männlicher ausgestattet; Gott hat den Dualismus in allen Erscheinungen der Schöpfung zwischen männlich und weiblich dargestellt, und so auch in den europäischen Konstellationen … Ich will keinen Slaven damit kränken, aber sie haben viele der weiblichen Vorzüge, sie haben die Grazie, die Klugheit, die Schlauheit, die Geschicklichkeit« – und deshalb riet er den Deutschen in Österreich, gegenüber den Slaven mit dem tiefinnerlichen Gefühl zu verfahren, daß sie die Überlegenen sind und das leitende Element bleiben werden, »wie es der Mann in der Ehe sein soll«.
Wer aber die slavische Literatur kennt, der weiß, welches minder schmeichelhafte Bild die Slaven von dem deutschen Mann haben; in ihren Augen ist seine nationale Eigenart nicht überlegene Männlichkeit, sondern kalte Berechnung, Habgier, Dünkelhaftigkeit, Empfindungsroheit. Und in der Tat – gemessen an den Äußerungen einer verfeinerten Menschlichkeit, einer über den Geschlechtsdünkel mit seinen Vorurteilen hinausgereiften Gemütskultur, wie sie etwa in Gontscharows »Absturz«, in Dostojewskys »Idiot«, in Tschernischewskys »Erzählungen von neuen Menschen« erscheint, hätten die Deutschen wenig Ursache, sich als die Überlegenen zu fühlen!
Sucht man nach einem positiven Inhalt für die Vorstellungen, die sich, im Gegensatze zur primitiven Männlichkeit, mit der differenzierten verbinden lassen, so könnte man allenfalls mit einer Übertragung aus dem Physischen und Materiellen ins Geistige das Auslangen finden. Vor allem der Krieg als der auszeichnendste Beruf des Mannes scheint eine solche Deutung im übertragenen Sinne zuzulassen. Der Kampf mit materiellen Waffen verwandelt sich in einen Kampf mit ideellen; der Kriegsschauplatz wird aus dem realen Leben in das Gebiet des Gedankens verlegt. Das männliche Element bleibt das streitbare auch in der geistigen Welt.
Allein das gilt nur mit großen Einschränkungen. Zu allen Zeiten haben sich an den Kämpfen um ideale Güter die Frauen, soweit es die jeweilige soziale Tradition gestattete, hervorgetan; und die Geschichte der religiösen Bewegungen nicht minder wie der revolutionären ist reich an Frauengestalten. Umgekehrt ist für gewisse Typen der Geistigkeit, für den Künstler wie für den Forscher, ein Leben abseits von allen Kämpfen das förderlichste; und nur ein banausisches Zeitalter, in dem jeder, der etwas bedeuten will, Partei ergreifen muß, kann den Respekt vor der kontemplativen Gemütsstimmung, aus der die edelsten Blüten der Geistigkeit hervorgehen, so weit vergessen, daß es auch dem Künstler und dem Gelehrten eine Kampfrolle zumutet.
Wie es aber mit der Politik, die am ehesten als ein Krieg im übertragenen Sinn angesprochen werden kann, in Ansehung der Männlichkeit bestellt ist, beleuchtet der Ausspruch Burdachs, daß die Frauen sich aller Wahrscheinlichkeit nach besser für die Politik eignen würden als die Männer – ein Ausspruch, den Havelock Ellis mit der Bemerkung kommentiert, daß das Spiel der Politik bei jenen, die es ausüben, spezifisch weibliche Eigenschaften zu entwickeln scheint. Damit wird den Frauen durchaus kein Kompliment gemacht – namentlich angesichts des modernen Repräsentativsystems, dessen Wahlmethode ganz darauf hinzielt, die Schwätzer und Maulhelden ans Ruder zu setzen und die Komödianten auszuzeichnen, die am besten den Masseninstinkten zu schmeicheln verstehen.
Ebensowenig wie der Krieg in Gestalt der Politik, ist der Krieg, der mit der Feder geführt wird, geeignet, spezifisch männliche Eigenschaften nach Analogie des primitiven Geschlechtsideales zu entwickeln. Das moderne Zeitungswesen, in dem der Angreifer gewöhnlich durch die Anonymität unsichtbar gemacht wird und ein bezahlter Strohmann für eventuelle Konflikte mit dem Gesetz aufzukommen hat, bildet nicht gerade eine Schule der Mannhaftigkeit und des persönlichen Mutes – außer, man wollte etwa die Leistungen der Kriegskorrespondenten und ähnliche mit Strapazen verbundene Aufgaben nach dieser Hinsicht anrechnen.
Näher vielleicht wird man dem Wesen der differenzierten Männlichkeit kommen, wenn man sie als die Kraft bezeichnet, das Leben nach dem eigenen Willen zu gestalten, als die Kraft, Herr über sich selbst zu sein und die Verantwortung für das eigene Handeln zu tragen. Zu führen, das ist männlich, sich führen zu lassen, weiblich. Nach der intellektuellen Seite läge das spezifisch Männliche in der größeren Helligkeit des Bewußtseins, vermöge welcher die Motive des eigenen Handelns klar erkannt und das Erkennen zum Leiter des Handelns gemacht wird.
In Wirklichkeit treffen freilich diese Kriterien nur als relative, nur bis zu einem gewissen Grade zu, sofern man ganz im allgemeinen die Mehrzahl der Männer der Mehrzahl der Frauen gegenüberstellt. An sich, ohne den weiblichen Vergleichstypus, würden sie auch die Mehrzahl der Männer von der Männlichkeit ausschließen. Das Verhältnis der Starken zu den Schwachen ist unter den Männern wie unter den Frauen das der Wenigen zu den Vielen. Soweit die Kultur reicht, ist das Herrentum – das innerliche wie das äußere – auch unter den Männern das Vorrecht einzelner; die große Mehrzahl, auch der Männer, lebt in der Unfreiheit und mit dem Bedürfnisse der Abhängigkeit.
In der sozialen Gemeinschaft sind weitaus die meisten Männer nichts weniger als freie Herren ihres Tuns und Lassens. Der Staat, dieses schauerliche, abstrakte Gespenst, das sie mit eiserner Faust von der Wiege bis zur Bahre umklammert, erhält seine Realität eben durch das männliche Abhängigkeitsbedürfnis. Ja die Form, die der Staat im Leben der modernen Völker als konstitutionelle Monarchie angenommen hat, schafft das oberste Prinzip der ideellen Männlichkeit, die Initiative und den Willen zur freien Verantwortung, einfach aus der Welt. Prinzipiell hat in einer Verfassung, in welcher der Monarch für jede öffentliche Handlung den Ministern, die Minister dem Parlamente, die Parlamentsmitglieder den Wählern verantwortlich sind, jede Selbständigkeit aufgehört; was sich kundgibt ist – zum mindesten angeblich – nie der eigene persönliche Wille, das eigene persönliche Urteil, sondern immer ein anderer Wille, eine übergeordnete Macht. Die Persönlichkeit muß sich hinter dem nebulosen und phrasenhaften Begriff eines »Willens der Gesamtheit« verstecken, um öffentlich wirksam zu werden.
Selbst die geistigen Schöpfungen, die der männliche Geist aus sich hervorgebracht und als objektive Gebilde in die Welt versetzt hat, sind vielfach Symptome dafür, daß es mit dem Willen zum Herrentum und zur freien Verantwortung bei ihm schlecht bestellt ist. Welch ein Bedürfnis der Anlehnung, der Unterordnung, der Unselbständigkeit spricht nicht aus dem Glauben an einen transzendenten Gott, der als zorniger oder gnädiger Gebieter, als strenger oder barmherziger Vater die menschlichen Angelegenheiten ordnet! Der Mann, der vermeintliche Herr der Welt, hat sich diesem Gotte so in die Gewalt gegeben, wie nach seiner Meinung das Weib sich in die Gewalt des Mannes gibt.
Und wenn es nicht der Gottesgedanke war, dem er sich unterwarf, so schuf er sich irgend einen anderen Begriff, den er als Herrn über sich setzte. Denn auch die Philosophie, diese reinste Ausstrahlung der männlichen Intellektualität, hat das Herrentum und die freie Verantwortung der Männlichkeit nicht immer auf das beste gewahrt. Durch den kategorischen Imperativ, den Kant lehrte, wurde der ideelle Mann unter die Zuchtrute einer dürren Abstraktion gestellt, um endlich, kraft der unumschränkten Herrschaft der Kausalität, wie Schopenhauer sie verstand, zu einem völlig nichtigen Hampelmann herabzusinken, den der Weltwille am Gängelbande des Wahnes zappeln läßt, je nachdem er es für seine Zwecke braucht. Friedrich Nietzsche selbst, der entschiedenste Anwalt des männlichen Herrentumes, hat den Gemütszustand des Übermenschen auf das Gefühl der Unverantwortlichkeit bauen wollen, das die Einsicht in die unbedingte Notwendigkeit alles Geschehens begleitet.
Ganz im allgemeinen hätte also der Mann keinen Anlaß, sich im Punkte der Unfreiheit und des Abhängigkeitsbedürfnisses als ein vom Weibe grundverschiedenes Wesen zu betrachten. Immerhin könnte man einwenden, daß zwischen der Unterwerfung unter eine höhere ideelle Macht und der Unterwerfung unter eine endliche Person, wie auch der willensgewaltigste Mann es ist, ein wesentlicher Unterschied bestehe. Dann bliebe aber noch immer die große Schar der subalternen Männerschaft, deren freiwillige und unfreiwillige Abhängigkeit von sehr endlichen Personen nicht zu bezweifeln ist.
Der Mann als Herr und Gebieter ist eine Vorstellung, die ihren Ursprung vornehmlich in sexuellen Gründen hat. Dem Weibe gegenüber pflegt sich auch in dem abhängigsten Durchschnittsmann ein Herrschafts- und Überlegenheitsbedürfnis zu regen. Da die Stärke physisch wie intellektuell eine relative Größe ist, fällt es keinem Manne schwer, unter den Frauen das schwächere Wesen zu finden, an dem er seine Überlegenheit messen kann. Deshalb erscheint im Bewußtsein der großen Mehrzahl das weibliche Geschlecht als das inferiore, dessen Lebensweise und Arbeitsleistung von der des Mannes qualitativ weit geschieden ist – obwohl schwerlich jemand sagen könnte, was denn an der Tätigkeit eines Lehrers, eines Arztes, eines Beamten, eines Advokaten, unter modernen Lebensbedingungen so spezifisch männlich sei. Der große Unterschied zwischen Mann und Weib, und damit zugleich das soziale Herrentum des Mannes über das Weib, liegt in der Sphäre der primitiven Männlichkeit und hat innerhalb der differenzierten keine andere Berechtigung, als sie das sexuelle Verhältnis im engsten Sinne mit sich bringt.
Wenn sich also die Männer im allgemeinen einzuräumen scheuen, daß ihre Lebensweise innerhalb der modernen Kultur sich von derjenigen der Frauen nicht mehr durch das Wesentliche, sondern nur durch Äußerlichkeiten unterscheidet, wenn sie ihre Berufe so hartnäckig vor dem Eindringen der Frauen verteidigen, so ist das, was sich eingestanden oder uneingestanden dagegen sträubt, nicht zuletzt jenes Bedürfnis nach Abstand, das aus dem Bewußtsein der sexuellen Gewalt entspringt.
Mit seinen sexuellen Instinkten lebt der Mehrzahlsmann noch in einer anderen Welt, auf einer anderen Kulturstufe. Die geistige Kultur legt dem Manne Zumutungen auf, die seiner teleologischen Geschlechtsnatur widerstreiten. Zur Teleologie seiner primitiven Geschlechtsbestimmung gehört die Unbändigkeit des Triebes, der über alle Hemmungen hinweg sich in der Psyche des Individuums behauptet und die Persönlichkeit seinem Zwecke dienstbar macht. Die höhere Auffassung der Männlichkeit hingegen setzt ein ganz anderes Verhältnis von Triebleben und Persönlichkeit voraus, als es in den Untergründen der männlichen Psyche unbeschadet aller geistigen Differenzierung herrscht.
Und hier verbirgt sich vielleicht die tiefste Ursache, warum die differenzierte Männlichkeit nicht vermag, das Leben nach den Konsequenzen ihrer Wesenheit neu zu gestalten, hier die unterirdische Quelle des Zwiespaltes, den die Wenigsten überwinden, weil er ihnen nicht klar zum Bewußtsein kommt.
Es ist eine Erscheinung, die zu denken gibt, daß das männliche Geschlecht in demselben Grade, als es sich von seinen primitiven Zuständen entfernt, das natürliche und rechtschaffene Verhältnis zu seiner eigenen Sexualität verliert. Gibt es etwas Verkehrteres, ja Unsinnigeres als die Stellung, welche die modernen Kulturvölker den geschlechtlichen Dingen gegenüber einnehmen? Die heillose Verlogenheit und Heuchelei, die da herrscht, deutet auf einen folgenschweren Mangel in der Anpassung der Individuen an die sozialen Lebensbedingungen. Daß die Unbefangenheit und Unschuld des sexuellen Lebens in dem Maße verloren gehen konnte, wie es während des verhältnismäßig kurzen Zeitraumes von der Antike bis auf die Gegenwart geschehen ist, läßt sich nur aus einem abnormen Zustand der männlichen Psyche erklären – vorausgesetzt, daß sie es ist, welche bisher in der menschlichen Gesellschaft die führende und organisatorische Kraft bildete.
Wenn die männliche Geisteskultur, zu scholastisch-abstrakten Auswüchsen neigend und durch einseitige Spezialisierung aus dem Ebenmaß gebracht, die Gefahr in sich schließt, das Verhältnis des Einzelnen zur Totalität des Lebens zu stören, so wirkt die männliche Gemütskultur noch mehr als Gleichgewichtsstörung, indem sie das Individuum in ein Geistwesen, das zu einem gesteigerten Intellektualismus hinaufgezüchtet wird, und in ein Tierwesen spaltet, das mit seiner Sexualität auf der niedrigsten Stufe des Trieblebens zurückgehalten wird. Als unlösbare Dissonanz besteht in der männlichen Psyche die alte Feindschaft zwischen Geist und Geschlecht fort, der Krieg zwischen Gattung und Persönlichkeit, der die europäische Kulturmenschheit in ein so erstaunlich verschrobenes und unaufrichtiges Verhältnis zu den geschlechtlichen Dingen gesetzt hat.
Es gibt zwei Wege, auf denen die Freiheit der Persönlichkeit vor der Vergewaltigung des Geschlechtstriebes zu retten ist: die Askese, die »Ertötung des Fleisches«, zugleich eine Verneinung der Forderung, welche die Gattung an das Individuum stellt – wobei Abstinenz nur als ein anderer Ausdruck für Askese gelten kann – oder die Versöhnung jener beiden feindlichen Interessensphären, die Bejahung der Gattung im Geiste der Persönlichkeit, welche die Liebe bewirkt, indem sie die geschlechtlichen Beziehungen mit Persönlichkeitsgehalt erfüllt.
Weder der eine noch der andere dieser beiden Wege ist es, auf dem die Entwicklung des Jünglings zum Manne sich vollzieht. Für eine asketische Ordnung seines sexuellen Lebens vor der Ehe fehlen außerhalb der grundlegenden religiösen Vorstellungen irgendwelche sittliche Werte von suggestiver Gewalt, die allein den Mut der Selbstüberwindung so hoch entfachen können; eine Gesellschaftsordnung aber, die in der Ehe das einzige legitime Geschlechtsverhältnis anerkennt und die Erfüllung der Liebe an wirtschaftliche Bedingungen knüpft, gewährt das Anrecht auf Liebe nicht in jenem Alter, in dem es die Natur am gebieterischsten fordert. Somit verurteilt diese Gesellschaftsordnung den Mann in seiner blühendsten Lebensperiode, sich an die tiefststehenden und niedrigsten Wesen des weiblichen Geschlechtes zu halten, an jene, die durch die geschlechtliche Preisgebung ihren Lebensunterhalt erwerben. Daß ein solcher Erwerb nach der sozialen Bewertung als entehrend gilt, ist insofern berechtigt, als er ja einen atavistischen Rückfall des Weibes in die rohesten Zustände des Empfindens zur Voraussetzung hat; daß aber die soziale Verdammung dabei nur das Weib trifft und nicht den Mann, der gleicherweise an diesem atavistischen Rückfall beteiligt ist, gehört zu den Widersinnigkeiten, die nur aus der Vorherrschaft der primitiven Männlichkeit und der ihren Instinkten entsprechenden Anschauungen erklärbar sind.
Für den primitiven Mann liegt in der Promiskuität des geschlechtlichen Verkehres nichts Herabsetzendes. Einen so breiten Raum die Sexualität in seinem Leben einnimmt, so lose ist sie innerlich mit seiner Persönlichkeit verknüpft. Das Mißverhältnis zwischen seiner unentwickelten Erotik und der Gewalt eines ursprünglich polygamen Triebes ist so groß, daß keine Notwendigkeit, ja nicht einmal die Möglichkeit für ihn besteht, jedes Geschlechtsabenteuer mit einem persönlichen Empfindungsgehalt auszustatten, und seine grobschlächtige seelische Konstitution erleidet keine Erschütterung durch eine Art der Befriedigung, die erst auf einer höheren Stufe des Empfindens zu einem Zwiespalt zwischen den elementaren Forderungen des Geschlechtes und den Tendenzen einer verfeinerten Persönlichkeitskultur führt.
Bei denjenigen aber, an welchen sich diese Verfeinerung auch in der sexuellen Sphäre vollzogen hat, ist die Wirkung der seelenlosen Promiskuität eine ganz andere; denn bei ihnen entsteht ein verhängnisvoller Gegensatz zwischen den äußeren Lebensbedingungen, in die sie hineingebannt sind, und den inneren Bedingungen des Empfindens.
Nicht umsonst haben, soweit die Kultur zurückreicht, die Repräsentanten der differenzierten Männlichkeit, die Priester, immer die Nötigung gefühlt, sich in ein besonderes Verhältnis zur Sexualität zu setzen. Was für seltsame Formen die religiösen Vorstellungen darüber auch annehmen mochten, »Reinheit« in dieser Hinsicht, oder mit anderen Worten: die Unterordnung unter eine strengere Lebensregel als die des gemeinen Mannes, bildet das erste Gebot für den Mann der Geistigkeit. Die hohe Bewertung der Keuschheit, die sich als religiöses Gebot auf die metaphysische Bestimmung des Menschen gründen will, scheint darauf zu deuten, daß sie eine Umsetzung materieller Kräfte in geistige bewirkt. Wenn die höhere Männlichkeit in der Entfaltung und Steigerung des geistigen Vermögens besteht, in der Macht aus geistiger Überlegenheit, so muß sie sich von dem gewöhnlichen, grobmateriellen Mannestum zu allererst hier unterscheiden; denn hier, in der Überwindung eines die Persönlichkeit unterjochenden Triebes, liegt der Ursprung und das Mittel aller Vergeistigung. Die gefährlichste Beeinträchtigung der Macht über sich selbst in der männlichen Psyche ist aber der Geschlechtstrieb. Indem er das Individuum verleitet, unter das Niveau seiner Persönlichkeit herabzusteigen, nimmt er die Gestalt eines unwiderstehlichen Zwanges an, und hebt das Bewußtsein der inneren Freiheit auf, das aus dem Widerstehenkönnen, aus der Überordnung der höheren Willensantriebe über die niedrigeren entspringt.
In einer sozialen Ordnung, die dem Manne nur die Wahl läßt zwischen einer unabsehbaren und daher unmöglichen Enthaltung oder einer unwürdigen Befriedigung, solange seine ökonomische Lage ihm eine Eheschließung verwehrt, werden gerade die edelsten und feinfühligsten Individuen am schwersten getroffen. Das Geschlechtliche ist ein wunder Punkt in der Seele des verfeinerten Mannes – darüber darf man sich durch die herrschenden Allüren der Männlichkeit nicht hinwegtäuschen lassen. Diese Allüren sind Außenseite und Oberfläche; sie gehören zur Konvenienz im Auftreten der Männlichkeit. Aber daß auch die Männer der Geistigkeit von allem Geschlechtlichen als Problem peinlich berührt werden, daß sie, die unter sich so freigebig mit Zoten und faunischen Grimassen sind, nichts so sehr scheuen, wie eine ernsthafte Erörterung der sexuellen Fragen und lieber vor den greuelvollen Zuständen nach dieser Richtung die Augen schließen – das deutet darauf, daß hier etwas faul ist an dem Empfindungsleben der Männlichkeit. Ziehen es denn nicht die meisten Väter vor, ihre jungen Söhne der Führung des Zufalls zu überlassen und sie den schlimmsten physischen und psychischen Gefahren preiszugeben, ehe sie den Entschluß fassen, an diesen Punkt zu rühren –?
Es gibt keine Worte, um das Verhalten der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber den heranwachsenden Knaben zu brandmarken. Die Erziehung der Mädchen in sexueller Hinsicht mag eine Unzulänglichkeit sein, eine Verkehrtheit, ein Unrecht selbst – die der Knaben ist ein Verbrechen. In einem Alter, in dem ihr Organismus unter den Erschütterungen der beginnenden Mannbarkeit bebt, werden sie wie geschlechtslose Maschinen behandelt, zur Langweile eines verknöcherten Schulstudiums, zur Überreizung einer sitzenden Lebensweise verurteilt, die ganz danach angetan ist, ungesunde Regungen zu nähren, um endlich ihre ersten männlichen Erfahrungen in den Armen eines käuflichen Weibes zu machen. Und so stumpfen sie sich schon im eindrucksfähigsten Alter gegen die schmachvolle Entwürdigung ab, die in diesem Wegwerfen des eigenen Leibes liegt, und so werden sie taub gegen das Veto der Natur, die mit Donnerworten gegen die Promiskuität redet und sie mit ihrem furchtbarsten Fluch verfolgt – mit Krankheiten, denen das Individuum und seine Nachkommenschaft in unabsehbarem Siechtum erliegt.
Man kann es dahin gestellt sein lassen, ob in der Tat »die männliche Natur ohne Verirrungen nicht zur Vollendung gelangen« kann, wie es ein älterer Moralist schmeichelhaft formuliert; ebenso kann es unentschieden bleiben, ob die »gleiche Moral für beide Geschlechter«, die das Leitwort einer sittlichen Bewegung bildet, wirklich ein gerechtes Postulat darstellt. Nicht moralische Gesichtspunkte allein lassen die Bedingungen, unter welchen sich das sexuelle Leben fast aller Männer entwickelt, verwerflich erscheinen. Oft genug, und mit Recht, hat man eingewendet, daß die Ehe in manchen Fällen moralisch kaum höher steht als die käufliche Liebe. Aber ein psychologisches Moment fällt dabei schwer ins Gewicht. Das Bewußtsein der inneren Freiheit und zugleich das Selbstgefühl der Persönlichkeit wird eine zuverlässige Grundlage nur in jenen Menschen haben, die aus den Anfechtungen des Geschlechtes als Sieger im Sinne einer höheren Willensentscheidung hervorgegangen sind. Damit eine solche Willensentscheidung möglich werde, müssen die Lebensbedingungen dem Einzelnen zu Hilfe kommen. Wenn sie aber, wie im modernen Leben, nur danach angetan sind, ihn mit den Ansprüchen seiner Sexualität den unwürdigsten Zuständen auszuliefern, dann wird eine Depression unvermeidlich eintreten, sobald einmal Persönlichkeit und Triebleben entzweit sind. Wie sollte das Lichtscheue, Heimliche, Unlautere, das dem bezahlten Geschlechtsverkehr anhaftet, auf die freie Mannhaftigkeit des Empfindens ohne Einfluß bleiben? Unter diesem Einfluß wird der Mann durch seine Sexualität entweder frivol, oder verlogen, oder unselig. Ein Flecken liegt auf ihm, der um so zerstörender wirkt, je feiner seine Persönlichkeit organisiert ist.
Diese Anschauung könnte als eine einseitig weibliche erscheinen. Es fehlt zwar auch nicht an Männern, die ähnlich urteilen; aber die Rigoristen sind ihren eigenen Geschlechtsgenossen immer der Unmännlichkeit und Muckerei verdächtig. So sei dafür ein Gewährsmann zitiert, dem gewiß niemand moralistische Strenge der Lebensauffassung nachsagen kann. Guy de Maupassant läßt – in der Erzählung »Der Riegel« – einen alten Junggesellen über den bezahlten Geschlechtsverkehr sagen: »Man behält innerlich eine Empfindung moralischen und physischen Ekels zurück, wie wenn man zufällig mit pechbeschmutzten Dingen in Berührung gelangte und man kein Wasser bei der Hand hat, um sich zu waschen. Man mag noch so fest reiben, der Flecken bleibt zurück.«
Um sich diesen Flecken nicht eingestehen zu müssen, flüchtet sich auch der Mann der Geistigkeit mit seiner Geschlechtsmoral in die Sphäre der primitiven Männlichkeit, obgleich er im übrigen nichts mehr mit ihr gemein hat. Aber da er in diesem Punkte vor ihr kapituliert, gibt er auf der ganzen Linie das Feld verloren. Er, der Repräsentant der höchsten menschlichen Entwicklungsstufe, der prädestinierte Führer der Welt, unterliegt seinem eigenen Geschlechte – nicht Herr, sondern Opfer einer sozialen Ordnung, in der die primitive Männlichkeit triumphiert, das gemeine Elementare, das zu sublimieren und dienstbar zu machen das Ziel einer ungeheuren Arbeit ist, die Leistung der Jahrtausende, die der Mensch an die Kultur gewendet hat.
Aber noch mehr! Der Bevorzugte der Natur, dem sie die Pflichten der Gattung um soviel leichter als dem Weib machte, um auf ihn alle Möglichkeiten der geistigen Entfaltung zu häufen, er verliert durch seine Halbheit und Inkonsequenz auch den Vorrang vor dem weiblichen Geschlecht. Wie überlegen die differenzierte Männlichkeit – der Mehrheit nach – ist, soweit es sich um intellektuelle Vorzüge handelt, in ihrer sittlichen Kultur kann sie sich mit dem edlen Frauentume nicht messen.
Gleichviel, ob in der weiblichen Natur selbst die Sexualität ein anderes Verhältnis einnimmt als in der männlichen, oder ob die geschlechtliche Differenzierung nur unter dem Druck entstanden ist, den die Forderungen des Mannes auf das Weib ausübten – die strenge Zucht zur geschlechtlichen Reinheit, zur Ausschließlichkeit der Hingebung an eine auserwählte Person hat unter den Frauen eine Verfeinerung und Veredlung des sexuellen Gewissens bewirkt; und der Heroismus der Selbstüberwindung, den die Frauen einsetzen, um die geschlechtliche Integrität der Persönlichkeit zu behaupten, ist ein Vorzug, der sich mit Notwendigkeit geltend machen muß, sobald die konventionellen Einschränkungen ihrer sozialen Stellung fallen, ein Vorzug, der ihnen gegenüber der differenzierten Männlichkeit ein Übergewicht verleiht.
Nach einer hergebrachten Anschauung soll diese sittliche Überlegenheit der Frauen das Äquivalent für die geistige Überlegenheit des Mannes bilden, wodurch das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern hergestellt sei. Das aber ist nur eine Ausflucht, die Bemäntelung eines Notstandes, über den der Mann nicht Herr werden kann.
Vielleicht wird in dem Punkte, wo die einseitige Männerkultur versagt, das Eintreten der Frau als soziale Mitarbeiterin eine Wendung schaffen. Daß der Wille dazu unter den Frauen, die sich ihrer sozialen Aufgaben bewußt sind, besteht, haben sie bewiesen; ob sie die Macht dazu gewinnen können, muß die Zukunft lehren. Der Mann der Geistigkeit aber wird erst dann wieder eine harmonische und machtvolle Erscheinung werden, sobald die Konsequenzen der Verfeinerung sich auch an seiner sexuellen Persönlichkeit vollziehen. Freilich müßte er, um als Phönix einer neuen Menschlichkeit wiedergeboren zu werden, vorher in sich alle Vorurteile und alle Schwächen verbrennen, die der primitiven Männlichkeit angehören, um nur das von ihr zu behalten, was von seinem Manneswesen unzertrennlich ist.

Aus:  Rosa Mayreder | Zur Kritik der Weiblichkeit | 1922 | Verlag Eugen Diederichs

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Rosa Mayreder (geb. Obermayer, Pseud.: Franz Arnold) (* 30. November 1858 in Wien; † 19. Jänner 1938 ebenda) war eine österreichische Schriftstellerin, Frauenrechtlerin, Kulturphilosophin, Librettistin, Musikerin und Malerin.

In ihren Büchern, aber auch in Gesprächen, die sie in ihren Tagebüchern niederlegte, versuchte sie als Kulturschaffende, ein gleichwertiges Verhältnis der Geschlechter durchzusetzen, durch das weder der Mann die Frau noch diese den Mann nur körperlich begehrt. Mit ihrem Ansinnen stieß sie in literarischen Kreisen auf Anerkennung und Zustimmung. Ihre Gegner sah sie vor allem unter Vertretern der Medizin, die von Mayreder als ein Hort seelischer Willkür und der Herabwürdigung von Frauen zum Sexualobjekt empfunden wurde. Sie wandte sich gegen die Diskriminierung ihres Geschlechts und die bestehende Doppelmoral. Ihre Werke fanden weite Verbreitung und wurden auch ins Englische übertragen. Auf der letzten herausgegebenen 500-Schilling-Banknote fand sich neben ihrem Abbild das Zitat „Die beiden Geschlechter stehen in einer zu engen Verbindung, sind voneinander zu abhängig, als dass Zustände, die das eine treffen, das andere nicht berühren sollten“ (1905). Allerdings liebte Rosa Mayreder selbst durchaus auch großbürgerliche Sitten, die sie mit ihren inneren Anliegen in eins zu verschmelzen suchte.

Lyrik | Max Dauthendey | Sommerelegie

Max Dauthendey | Sommerelegie

Jeder kommt einmal zu der Erde Rand,
Wo das Land aufhört, Wirklichkeit und Zahl,
Zur Versenkung, drinnen Jahr um Jahr verschwand;
Wo kein Wegmal und auch keine Wahl
Zwischen Nacht und Sonnenstrahl,
Zwischen Berg und Tal.

Sieh, das Sommergrün steht schon grob und groß,
Manche Ranke, derb und kühn, in den Himmel schoß,
Zuchtlos brüsten sich Unkraut und Gedanke.
Berge Laub sind aufgebaut, Wachstum ohne Schranke,
Als bringt nichts sie um, die sich aufgerafft vom Staube;
Strotzend gafft der Baum aus der Blätterhaube.

Gib mir deine Hand, dran die Adern blauen,
Deine Hand,
Die ich nicht am Wege blindlings fand;
Deine Augen,
Die auf Augenblicke wie goldsuchend schauen
Und zum Sand. —
Gleich sind aller Dinge Endgeschicke,
Aller, welche sich zu leben trauen.

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Aus: Weltspuk | Lieder der Vergänglichkeit

Max_Dauthendey | Foto: Nicola_Perscheid | 1910
Max Dauthendey | Foto: Nicola Perscheid | 1910

Max Dauthendey (* 25. Juli 1867 in Würzburg; † 29. August 1918 in Malang auf Java) war ein deutscher Dichter und Maler.
Die von Farben und Tönen bestimmte ungebundene und rhythmische Lyrik und Prosa machte Dauthendey zu einem der bedeutendsten Vertreter des Impressionismus in Deutschland. Seine Werke sind bestimmt von der Liebe zur Natur und deren Ästhetik. Mit virtuoser Sprachbegabung setzte er seine Sensibilität für sinnenhafte Eindrücke in impressionistische Wortkunstwerke um.
Über seine Gedichte sagte Stefan George, sie „seien das einzige, was jetzt in der ganzen Literatur als vollständig Neues dastehe […] eine eigenartige Kunst, die reicher genießen lasse als Musik und Malerei, da sie beides zusammen sei.

Lyrik | Rainer Maria Rilke | Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

***

Rainer Maria Rilke, 20.9.1899, Berlin-Schmargendorf

Unsere Erde | Der Weltuntergang von 1524|25

Der Weltuntergang von 1524/25

Dass die Erde nicht ewigen Bestand haben kann, wissen wir. Viel früher noch als die großen astronomischen Umänderungen mit ihr vorgehen, wird alles Leben auf unserm Heimatstern erloschen sein. Der Menschheit bleibt also nur eine gewisse Spanne Zeit bis zu ihrer Vernichtung. Doch dieser Untergang dürfte sich kaum katastrophal, sondern ganz allmählich abspielen, und sicherlich liegt selbst sein Beginn noch ungeheure Zeiten von uns Heutigen entfernt.
Das hat aber die Sternkundigen des Mittelalters nicht abgehalten, oft genug den Untergang der Erde innerhalb kurzer Zeit vorauszusagen. Bei dem großen Ansehen, das die astrologischen Windbeutler in jener düstern Periode genossen, war es kein Wunder, dass sie durch solche Prophezeiungen schlimmste Verwirrung in vielen Köpfen anrichteten. Wenn die Menschen fest überzeugt sind, dass alles Lebende in kurzem mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden wird, so haben sie gewiss alle Ursache, sich absurd zu gebären. Viele kuriose Berichte über solche Weltuntergangsperioden sind uns erhalten.

Johannes Stöffler (Ioannes Stoflerus)
Johannes Stöffler (Ioannes Stoflerus)

Ein ziemlich komischer Hergang dieser Art sei hier dem von Bürgel wiedergegebenen Bericht des Chronisten Haftitz nacherzählt:
„Im Jahre 1518 hatte der damals hochberühmte Sterndeuter Stöffler prophezeit, dass im Februar des Jahres 1524 eine große Sintflut alles Irdische vernichten werde. Stöffler hatte berechnet, dass Saturn, Jupiter und Mars im Februar des genannten Jahrs im Hinweiszeichen der Fische zusammenkommen würden, und diese Annäherung der Planeten musste nach seiner Meinung unfehlbar eine Sintflut herbeiführen. Eine allgemeine Niedergeschlagenheit bemächtigte sich der Bevölkerung in allen Landen, und je näher der ominöse Termin rückte, um so mehr stieg die Angst, und um so törichter bewegten sich die vom Weltuntergang Bedrohten.
Handel und Wandel wurden arg dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Die Bauern bestellten ihre Felder nicht mehr, man unternahm keine größeren Arbeiten mehr, die Schuldner mochten nicht bezahlen und verjubelten angesichts des nahen Tods lieber das Geld, und aus eben diesem Grund lieh auch niemand mehr etwas her. Sehr klug taten die Reichen! Sie reisten ins Gebirge, um dort den Wassern zu entgehen, und einige ließen sogar eine Arche Noah bauen.
Aber der Februar 1524 verging, und die Sintflut kam nicht. Alles atmete auf, und es war, als ob ein entsetzlicher Alp von allen genommen wäre. Nur im Kurfürstlichen Schloß zu Berlin-Cölln an der Spree herrschte nach wie vor dumpfe Beklemmung und Angst. Kurfürst Joachim I., der sich selber mit Sterndeuterei beschäftigte und in einem Schloßtürmchen sogar eine Art Sternwarte besaß, hatte durch seinen hochgelahrten und hochgeschätzten Hofastrologen Johann Carion erfahren, daß sich Stöffler verrechnet habe, und daß die Sintflut erst am 15. Juli 1525 zu erwarten sei. Sie werde auch nicht die ganze Erde, sondern nur die deutschen Lande und speziell das flach gelegene Berlin-Cölln heimsuchen. Der Kurfürst befahl, diese Prophezeiung geheim zu halten, und als am 15. Juli nachmittags eine Wolkenwand im Westen hochstieg, öffneten sich plötzlich die Schloßportale, und eine ganze Reihe von Staatskarossen raste in aller Eile dem Berliner Ararat, dem Kreuzberg, zu, der ja damals noch ziemlich weit draußen vor den Toren der Stadt lag. Die kurfürstliche Familie, die hohen Beamten und die Staatskasse sollten auf der schwindelnden Höhe des genannten »Bergs« in Sicherheit gebracht werden.

Tafelbild des Johannes Stöffler im Stile eines Ideal- und Standesportraits, entstanden 1614 für die Tübinger Professorengalerie
Tafelbild des Johannes Stöffler im Stile eines Ideal- und Standesportraits, entstanden 1614 für die Tübinger Professorengalerie

Die guten Bürger standen starr vor Staunen ob dieses seltsamen Beginnens. Als man aber später erfuhr, was die hohen Heerschaften zur Flucht veranlasst hatte, trat lähmendes Entsetzen ein und nicht geringe Wut darüber, dass die edlen Herren sich so aus dem Staub gemacht hatten ohne Warnung für den Bürger, der sozusagen wie eine Maus ersaufen konnte und durfte. Gegen Abend kam ein kleiner Gewitterregen, und es wurde den Herren auf dem Ararat en miniature recht ungemütlich und bänglich; als aber die Sonne wieder durch die Wolken brach, da ermannte sich der einzige Mann unter den Herrschaften, die Kurfürstin Elisabeth, und überredete ihren Gemahl zur Heimkehr, da offenbar der Weltuntergang abgesagt worden sei.
Man fuhr also, von der Bürgerschaft der Schwesterstädte nicht eben freudigen Blicks begrüßt, ins Schloß zurück, und – welch seltsamer Zufall – kurz vor der Schloßeinfahrt fuhr plötzlich der Blitz eines heraufziehenden Gewitters nieder, tötete den Reitknecht und erschlug die vier Pferde vor dem kurfürstlichen Wagen.
Totenbleich wankte der Kurfürst ins Schloss, wäre er doch beinahe ein Opfer seiner Furcht geworden!”

Erzählung | Franz Kafka | Ein Hungerkünstler

Franz Kafka | Ein Hungerkünstler

Nicht das Hungern ist das Problem, sondern die richtige Speise zu finden.

Franz Kafkas Zeichnungen, wie sie in Eugene Jolas' Avantgarde-Zeitschrift „transition“, Nr.27 (1938), veröffentlicht wurden: „Sketches by Franz Kafka, Courtesy Max Brod.“
Franz Kafkas Zeichnungen, wie sie in Eugene Jolas‘ Avantgarde-Zeitschrift „transition“, Nr.27 (1938), veröffentlicht wurden: „Sketches by Franz Kafka, Courtesy Max Brod.“

In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen. Während es sich früher gut lohnte, große derartige Vorführungen in eigener Regie zu veranstalten, ist dies heute völlig unmöglich. Es waren andere Zeiten. Damals beschäftigte sich die ganze Stadt mit dem Hungerkünstler; von Hungertag zu Hungertag stieg die Teilnahme; jeder wollte den Hungerkünstler zumindest einmal täglich sehn; an den späteren Tagen gab es Abonnenten, welche tagelang vor dem kleinen Gitterkäfig saßen; auch in der Nacht fanden Besichtigungen statt, zur Erhöhung der Wirkung bei Fackelschein; an schönen Tagen wurde der Käfig ins Freie getragen, und nun waren es besonders die Kinder, denen der Hungerkünstler gezeigt wurde; während er für die Erwachsenen oft nur ein Spaß war, an dem sie der Mode halber teilnahmen, sahen die Kinder staunend, mit offenem Mund, der Sicherheit halber einander bei der Hand haltend, zu, wie er bleich, im schwarzen Trikot, mit mächtig vortretenden Rippen, sogar einen Sessel verschmähend, auf hingestreutem Stroh saß, einmal höflich nickend, angestrengt lächelnd Fragen beantwortete, auch durch das Gitter den Arm streckte, um seine Magerkeit befühlen zu lassen, dann aber wieder ganz in sich selbst versank, um niemanden sich kümmerte, nicht einmal um den für ihn so wichtigen Schlag der Uhr, die das einzige Möbelstück des Käfigs war, sondern nur vor sich hinsah mit fast geschlossenen Augen und hie und da aus einem winzigen Gläschen Wasser nippte, um sich die Lippen zu feuchten.

Außer den wechselnden Zuschauern waren auch ständige, vom Publikum gewählte Wächter da, merkwürdigerweise gewöhnlich Fleischhauer, welche, immer drei gleichzeitig, die Aufgabe hatten, Tag und Nacht den Hungerkünstler zu beobachten, damit er nicht etwa auf irgendeine heimliche Weise doch Nahrung zu sich nehme. Es war das aber lediglich eine Formalität, eingeführt zur Beruhigung der Massen, denn die Eingeweihten wußten wohl, daß der Hungerkünstler während der Hungerzeit niemals, unter keinen Umständen, selbst unter Zwang nicht, auch das geringste nur gegessen hätte; die Ehre seiner Kunst verbot dies. Freilich, nicht jeder Wächter konnte das begreifen, es fanden sich manchmal nächtliche Wachgruppen, welche die Bewachung sehr lax durchführten, absichtlich in eine ferne Ecke sich zusammensetzten und dort sich ins Kartenspiel vertieften, in der offenbaren Absicht, dem Hungerkünstler eine kleine Erfrischung zu gönnen, die er ihrer Meinung nach aus irgendwelchen geheimen Vorräten hervorholen konnte. Nichts war dem Hungerkünstler quälender als solche Wächter; sie machten ihn trübselig; sie machten ihm das Hungern entsetzlich schwer; manchmal überwand er seine Schwäche und sang während dieser Wachzeit, solange er es nur aushielt, um den Leuten zu zeigen, wie ungerecht sie ihn verdächtigten. Doch half das wenig; sie wunderten sich dann nur über seine Geschicklichkeit, selbst während des Singens zu essen. Viel lieber waren ihm die Wächter, welche sich eng zum Gitter setzten, mit der trüben Nachtbeleuchtung des Saales sich nicht begnügten, sondern ihn mit den elektrischen Taschenlampen bestrahlten, die ihnen der Impresario zur Verfügung stellte. Das grelle Licht störte ihn gar nicht, schlafen konnte er ja überhaupt nicht, und ein wenig hindämmern konnte er immer, bei jeder Beleuchtung und zu jeder Stunde, auch im übervollen, lärmenden Saal. Er war sehr gerne bereit, mit solchen Wächtern die Nacht gänzlich ohne Schlaf zu verbringen; er war bereit, mit ihnen zu scherzen, ihnen Geschichten aus seinem Wanderleben zu erzählen, dann wieder ihre Erzählungen anzuhören, alles nur, um sie wachzuhalten, um ihnen immer wieder zeigen zu können, daß er nichts Eßbares im Käfig hatte und daß er hungerte, wie keiner von ihnen es könnte. Am glücklichsten aber war er, wenn dann der Morgen kam und ihnen auf seine Rechnung ein überreiches Frühstück gebracht wurde, auf das sie sich warfen mit dem Appetit gesunder Männer nach einer mühevoll durchwachten Nacht. Es gab zwar sogar Leute, die in diesem Frühstück eine ungebührliche Beeinflussung der Wächter sehen wollten, aber das ging doch zu weit, und wenn man sie fragte, ob etwa sie nur um der Sache willen ohne Frühstück die Nachtwache übernehmen wollten, verzogen sie sich, aber bei ihren Verdächtigungen blieben sie dennoch.

Dieses allerdings gehörte schon zu den vom Hungern überhaupt nicht zu trennenden Verdächtigungen. Niemand war ja imstande, alle die Tage und Nächte beim Hungerkünstler ununterbrochen als Wächter zu verbringen, niemand also konnte aus eigener Anschauung wissen, ob wirklich ununterbrochen, fehlerlos gehungert worden war; nur der Hungerkünstler selbst konnte das wissen, nur er also gleichzeitig der von seinem Hungern vollkommen befriedigte Zuschauer sein. Er war aber wieder aus einem andern Grunde niemals befriedigt; vielleicht war er gar nicht vom Hungern so sehr abgemagert, daß manche zu ihrem Bedauern den Vorführungen fernbleiben mußten, weil sie seinen Anblick nicht ertrugen, sondern er war nur so abgemagert aus Unzufriedenheit mit sich selbst. Er allein nämlich wußte, auch kein Eingeweihter sonst wußte das, wie leicht das Hungern war. Es war die leichteste Sache von der Welt. Er verschwieg es auch nicht, aber man glaubte ihm nicht, hielt ihn günstigenfalls für bescheiden, meist aber für reklamesüchtig oder gar für einen Schwindler, dem das Hungern allerdings leicht war, weil er es sich leicht zu machen verstand, und der auch noch die Stirn hatte, es halb zu gestehn. Das alles mußte er hinnehmen, hatte sich auch im Laufe der Jahre daran gewöhnt, aber innerlich nagte diese Unbefriedigtheit immer an ihm, und noch niemals, nach keiner Hungerperiode – dieses Zeugnis mußte man ihm ausstellen – hatte er freiwillig den Käfig verlassen. Als Höchstzeit für das Hungern hatte der Impresario vierzig Tage festgesetzt, darüber hinaus ließ er niemals hungern, auch in den Weltstädten nicht, und zwar aus gutem Grund. Vierzig Tage etwa konnte man erfahrungsgemäß durch allmählich sich steigernde Reklame das Interesse einer Stadt immer mehr aufstacheln, dann aber versagte das Publikum, eine wesentliche Abnahme des Zuspruchs war festzustellen; es bestanden natürlich in dieser Hinsicht kleine Unterschiede zwischen den Städten und Ländern, als Regel aber galt, daß vierzig Tage die Höchstzeit war. Dann also am vierzigsten Tage wurde die Tür des mit Blumen umkränzten Käfigs geöffnet, eine begeisterte Zuschauerschaft erfüllte das Amphitheater, eine Militärkapelle spielte, zwei Ärzte betraten den Käfig, um die nötigen Messungen am Hungerkünstler vorzunehmen, durch ein Megaphon wurden die Resultate dem Saale verkündet, und schließlich kamen zwei junge Damen, glücklich darüber, daß gerade sie ausgelost worden waren, und wollten den Hungerkünstler aus dem Käfig ein paar Stufen hinabführen, wo auf einem kleinen Tischchen eine sorgfältig ausgewählte Krankenmahlzeit serviert war. Und in diesem Augenblick wehrte sich der Hungerkünstler immer. Zwar legte er noch freiwillig seine Knochenarme in die hilfsbereit ausgestreckten Hände der zu ihm hinabgebeugten Damen, aber aufstehen wollte er nicht. Warum gerade jetzt nach vierzig Tagen aufhören? Er hätte es noch lange, unbeschränkt lange ausgehalten; warum gerade jetzt aufhören, wo er im besten, ja noch nicht einmal im besten Hungern war? Warum wollte man ihn des Ruhmes berauben, weiter zu hungern, nicht nur der größte Hungerkünstler aller Zeiten zu werden, der er ja wahrscheinlich schon war, aber auch noch sich selbst zu übertreffen bis ins Unbegreifliche, denn für seine Fähigkeit zu hungern fühlte er keine Grenzen. Warum hatte diese Menge, die ihn so sehr zu bewundern vorgab, so wenig Geduld mit ihm; wenn er es aushielt, noch weiter zu hungern, warum wollte sie es nicht aushalten? Auch war er müde, saß gut im Stroh und sollte sich nun hoch und lang aufrichten und zu dem Essen gehn, das ihm schon allein in der Vorstellung Übelkeiten verursachte, deren Äußerung er nur mit Rücksicht auf die Damen mühselig unterdrückte. Und er blickte empor in die Augen der scheinbar so freundlichen, in Wirklichkeit so grausamen Damen und schüttelte den auf dem schwachen Halse überschweren Kopf. Aber dann geschah, was immer geschah. Der Impresario kam, hob stumm – die Musik machte das Reden unmöglich – die Arme über dem Hungerkünstler, so, als lade er den Himmel ein, sich sein Werk hier auf dem Stroh einmal anzusehn, diesen bedauernswerten Märtyrer, welcher der Hungerkünstler allerdings war, nur in ganz anderem Sinn; faßte den Hungerkünstler um die dünne Taille, wobei er durch übertriebene Vorsicht glaubhaft machen wollte, mit einem wie gebrechlichen Ding er es hier zu tun habe; und übergab ihn – nicht ohne ihn im geheimen ein wenig zu schütteln, so daß der Hungerkünstler mit den Beinen und dem Oberkörper unbeherrscht hin und her schwankte – den inzwischen totenbleich gewordenen Damen. Nun duldete der Hungerkünstler alles; der Kopf lag auf der Brust, es war, als sei er hingerollt und halte sich dort unerklärlich; der Leib war ausgehöhlt; die Beine drückten sich im Selbsterhaltungstrieb fest in den Knien aneinander, scharrten aber doch den Boden, so, als sei es nicht der wirkliche, den wirklichen suchten sie erst; und die ganze, allerdings sehr kleine Last des Körpers lag auf einer der Damen, welche hilfesuchend, mit fliegendem Atem – so hatte sie sich dieses Ehrenamt nicht vorgestellt – zuerst den Hals möglichst streckte, um wenigstens das Gesicht vor der Berührung mit dem Hungerkünstler zu bewahren, dann aber, da ihr dies nicht gelang und ihre glücklichere Gefährtin ihr nicht zu Hilfe kam, sondern sich damit begnügte, zitternd die Hand des Hungerkünstlers, dieses kleine Knochenbündel, vor sich herzutragen, unter dem entzückten Gelächter des Saales in Weinen ausbrach und von einem längst bereitgestellten Diener abgelöst werden mußte. Dann kam das Essen, von dem der Impresario dem Hungerkünstler während eines ohnmachtähnlichen Halbschlafes ein wenig einflößte, unter lustigem Plaudern, das die Aufmerksamkeit vom Zustand des Hungerkünstlers ablenken sollte; dann wurde noch ein Trinkspruch auf das Publikum ausgebracht, welcher dem Impresario angeblich vom Hungerkünstler zugeflüstert worden war; das Orchester bekräftigte alles durch einen großen Tusch, man ging auseinander, und niemand hatte das Recht, mit dem Gesehenen unzufrieden zu sein, niemand, nur der Hungerkünstler, immer nur er.

Briefmarke Deutsche Post
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So lebte er mit regelmäßigen kleinen Ruhepausen viele Jahre, in scheinbarem Glanz, von der Welt geehrt, bei alledem aber meist in trüber Laune, die immer noch trüber wurde dadurch, daß niemand sie ernst zu nehmen verstand. Womit sollte man ihn auch trösten? Was blieb ihm zu wünschen übrig? Und wenn sich einmal ein Gutmütiger fand, der ihn bedauerte und ihm erklären wollte, daß seine Traurigkeit wahrscheinlich von dem Hungern käme, konnte es, besonders bei vorgeschrittener Hungerzeit, geschehn, daß der Hungerkünstler mit einem Wutausbruch antwortete und zum Schrecken aller wie ein Tier an dem Gitter zu rütteln begann. Doch hatte für solche Zustände der Impresario ein Strafmittel, das er gern anwandte. Er entschuldigte den Hungerkünstler vor versammeltem Publikum, gab zu, daß nur die durch das Hungern hervorgerufene, für satte Menschen nicht ohne weiteres begreifliche Reizbarkeit das Benehmen des Hungerkünstlers verzeihlich machen könne; kam dann im Zusammenhang damit auch auf die ebenso zu erklärende Behauptung des Hungerkünstlers zu sprechen, er könnte noch viel länger hungern, als er hungere; lobte das hohe Streben, den guten Willen, die große Selbstverleugnung, die gewiß auch in dieser Behauptung enthalten seien; suchte dann aber die Behauptung einfach genug durch Vorzeigen von Photographien, die gleichzeitig verkauft wurden, zu widerlegen, denn auf den Bildern sah man den Hungerkünstler an einem vierzigsten Hungertag, im Bett, fast verlöscht vor Entkräftung. Diese dem Hungerkünstler zwar wohlbekannte, immer aber von neuem ihn entnervende Verdrehung der Wahrheit war ihm zu viel. Was die Folge der vorzeitigen Beendigung des Hungerns war, stellte man hier als die Ursache dar! Gegen diesen Unverstand, gegen diese Welt des Unverstandes zu kämpfen, war unmöglich. Noch hatte er immer wieder in gutem Glauben begierig am Gitter dem Impresario zugehört, beim Erscheinen der Photographien aber ließ er das Gitter jedesmal los, sank mit Seufzen ins Stroh zurück, und das beruhigte Publikum konnte wieder herankommen und ihn besichtigen.

Wenn die Zeugen solcher Szenen ein paar Jahre später daran zurückdachten, wurden sie sich oft selbst unverständlich. Denn inzwischen war jener erwähnte Umschwung eingetreten; fast plötzlich war das geschehen; es mochte tiefere Gründe haben, aber wem lag daran, sie aufzufinden; jedenfalls sah sich eines Tages der verwöhnte Hungerkünstler von der vergnügungssüchtigen Menge verlassen, die lieber zu anderen Schaustellungen strömte. Noch einmal jagte der Impresario mit ihm durch halb Europa, um zu sehn, ob sich nicht noch hie und da das alte Interesse wiederfände; alles vergeblich; wie in einem geheimen Einverständnis hatte sich überall geradezu eine Abneigung gegen das Schauhungern ausgebildet. Natürlich hatte das in Wirklichkeit nicht plötzlich so kommen können, und man erinnerte sich jetzt nachträglich an manche zu ihrer Zeit im Rausch der Erfolge nicht genügend beachtete, nicht genügend unterdrückte Vorboten, aber jetzt etwas dagegen zu unternehmen, war zu spät. Zwar war es sicher, daß einmal auch für das Hungern wieder die Zeit kommen werde, aber für die Lebenden war das kein Trost. Was sollte nun der Hungerkünstler tun? Der, welchen Tausende umjubelt hatten, konnte sich nicht in Schaubuden auf kleinen Jahrmärkten zeigen, und um einen andern Beruf zu ergreifen, war der Hungerkünstler nicht nur zu alt, sondern vor allem dem Hungern allzu fanatisch ergeben. So verabschiedete er denn den Impresario, den Genossen einer Laufbahn ohnegleichen, und ließ sich von einem großen Zirkus engagieren; um seine Empfindlichkeit zu schonen, sah er die Vertragsbedingungen gar nicht an.

Ein großer Zirkus mit seiner Unzahl von einander immer wieder ausgleichenden und ergänzenden Menschen und Tieren und Apparaten kann jeden und zu jeder Zeit gebrauchen, auch einen Hungerkünstler, bei entsprechend bescheidenen Ansprüchen natürlich, und außerdem war es ja in diesem besonderen Fall nicht nur der Hungerkünstler selbst, der engagiert wurde, sondern auch sein alter berühmter Name, ja man konnte bei der Eigenart dieser im zunehmenden Alter nicht abnehmenden Kunst nicht einmal sagen, daß ein ausgedienter, nicht mehr auf der Höhe seines Könnens stehender Künstler sich in einen ruhigen Zirkusposten flüchten wolle, im Gegenteil, der Hungerkünstler versicherte, daß er, was durchaus glaubwürdig war, ebensogut hungere wie früher, ja er behauptete sogar, er werde, wenn man ihm seinen Willen lasse, und dies versprach man ihm ohne weiteres, eigentlich erst jetzt die Welt in berechtigtes Erstaunen setzen, eine Behauptung allerdings, die mit Rücksicht auf die Zeitstimmung, welche der Hungerkünstler im Eifer leicht vergaß, bei den Fachleuten nur ein Lächeln hervorrief.

Im Grunde aber verlor auch der Hungerkünstler den Blick für die wirklichen Verhältnisse nicht und nahm es als selbstverständlich hin, daß man ihn mit seinem Käfig nicht etwa als Glanznummer mitten in die Manege stellte, sondern draußen an einem im übrigen recht gut zugänglichen Ort in der Nähe der Stallungen unterbrachte. Große, bunt gemalte Aufschriften umrahmten den Käfig und verkündeten, was dort zu sehen war. Wenn das Publikum in den Pausen der Vorstellung zu den Ställen drängte, um die Tiere zu besichtigen, war es fast unvermeidlich, daß es beim Hungerkünstler vorüberkam und ein wenig dort haltmachte, man wäre vielleicht länger bei ihm geblieben, wenn nicht in dem schmalen Gang die Nachdrängenden, welche diesen Aufenthalt auf dem Weg zu den ersehnten Ställen nicht verstanden, eine längere ruhige Betrachtung unmöglich gemacht hätten. Dieses war auch der Grund, warum der Hungerkünstler vor diesen Besuchszeiten, die er als seinen Lebenszweck natürlich herbeiwünschte, doch auch wieder zitterte. In der ersten Zeit hatte er die Vorstellungspausen kaum erwarten können; entzückt hatte er der sich heranwälzenden Menge entgegengesehn, bis er sich nur zu bald – auch die hartnäckigste, fast bewußte Selbsttäuschung hielt den Erfahrungen nicht stand – davon überzeugte, daß es zumeist der Absicht nach, immer wieder, ausnahmslos, lauter Stallbesucher waren. Und dieser Anblick von der Ferne blieb noch immer der schönste. Denn wenn sie bis zu ihm herangekommen waren, umtobte ihn sofort Geschrei und Schimpfen der ununterbrochen neu sich bildenden Parteien, jener, welche – sie wurde dem Hungerkünstler bald die peinlichere – ihn bequem ansehen wollte, nicht etwa aus Verständnis, sondern aus Laune und Trotz, und jener zweiten, die zunächst nur nach den Ställen verlangte. War der große Haufe vorüber, dann kamen die Nachzügler, und diese allerdings, denen es nicht mehr verwehrt war, stehenzubleiben, solange sie nur Lust hatten, eilten mit langen Schritten, fast ohne Seitenblick, vorüber, um rechtzeitig zu den Tieren zu kommen. Und es war kein allzu häufiger Glücksfall, daß ein Familienvater mit seinen Kindern kam, mit dem Finger auf den Hungerkünstler zeigte, ausführlich erklärte, um was es sich hier handelte, von früheren Jahren erzählte, wo er bei ähnlichen, aber unvergleichlich großartigeren Vorführungen gewesen war, und dann die Kinder, wegen ihrer ungenügenden Vorbereitung von Schule und Leben her, zwar immer noch verständnislos blieben – was war ihnen Hungern? –, aber doch in dem Glanz ihrer forschenden Augen etwas von neuen, kommenden, gnädigeren Zeiten verrieten. Vielleicht, so sagte sich der Hungerkünstler dann manchmal, würde alles doch ein wenig besser werden, wenn sein Standort nicht gar so nahe bei den Ställen wäre. Den Leuten wurde dadurch die Wahl zu leicht gemacht, nicht zu reden davon, daß ihn die Ausdünstungen der Ställe, die Unruhe der Tiere in der Nacht, das Vorübertragen der rohen Fleischstücke für die Raubtiere, die Schreie bei der Fütterung sehr verletzten und dauernd bedrückten. Aber bei der Direktion vorstellig zu werden, wagte er nicht; immerhin verdankte er ja den Tieren die Menge der Besucher, unter denen sich hie und da auch ein für ihn Bestimmter finden konnte, und wer wußte, wohin man ihn verstecken würde, wenn er an seine Existenz erinnern wollte und damit auch daran, daß er, genau genommen, nur ein Hindernis auf dem Wege zu den Ställen war.

Ein kleines Hindernis allerdings, ein immer kleiner werdendes Hindernis. Man gewöhnte sich an die Sonderbarkeit, in den heutigen Zeiten Aufmerksamkeit für einen Hungerkünstler beanspruchen zu wollen, und mit dieser Gewöhnung war das Urteil über ihn gesprochen. Er mochte so gut hungern, als er nur konnte, und er tat es, aber nichts konnte ihn mehr retten, man ging an ihm vorüber. Versuche, jemandem die Hungerkunst zu erklären! Wer es nicht fühlt, dem kann man es nicht begreiflich machen. Die schönen Aufschriften wurden schmutzig und unleserlich, man riß sie herunter, niemandem fiel es ein, sie zu ersetzen; das Täfelchen mit der Ziffer der abgeleisteten Hungertage, das in der ersten Zeit sorgfältig täglich erneut worden war, blieb schon längst immer das gleiche, denn nach den ersten Wochen war das Personal selbst dieser kleinen Arbeit überdrüssig geworden; und so hungerte zwar der Hungerkünstler weiter, wie er es früher einmal erträumt hatte, und es gelang ihm ohne Mühe ganz so, wie er es damals vorausgesagt hatte, aber niemand zählte die Tage, niemand, nicht einmal der Hungerkünstler selbst wußte, wie groß die Leistung schon war, und sein Herz wurde schwer. Und wenn einmal in der Zeit ein Müßiggänger stehenblieb, sich über die alte Ziffer lustig machte und von Schwindel sprach, so war das in diesem Sinn die dümmste Lüge, welche Gleichgültigkeit und eingeborene Bösartigkeit erfinden konnte, denn nicht der Hungerkünstler betrog, er arbeitete ehrlich, aber die Welt betrog ihn um seinen Lohn.

Doch vergingen wieder viele Tage, und auch das nahm ein Ende. Einmal fiel einem Aufseher der Käfig auf, und er fragte die Diener, warum man hier diesen gut brauchbaren Käfig mit dem verfaulten Stroh drinnen unbenutzt stehenlasse; niemand wußte es, bis sich einer mit Hilfe der Ziffertafel an den Hungerkünstler erinnerte. Man rührte mit Stangen das Stroh auf und fand den Hungerkünstler darin. »Du hungerst noch immer?« fragte der Aufseher, »wann wirst du denn endlich aufhören?« »Verzeiht mir alle«, flüsterte der Hungerkünstler; nur der Aufseher, der das Ohr ans Gitter hielt, verstand ihn. »Gewiß«, sagte der Aufseher und legte den Finger an die Stirn, um damit den Zustand des Hungerkünstlers dem Personal anzudeuten, »wir verzeihen dir.« »Immerfort wollte ich, daß ihr mein Hungern bewundert«, sagte der Hungerkünstler. »Wir bewundern es auch«, sagte der Aufseher entgegenkommend. »Ihr solltet es aber nicht bewundern«, sagte der Hungerkünstler. »Nun, dann bewundern wir es also nicht«, sagte der Aufseher, »warum sollen wir es denn nicht bewundern?« »Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders«, sagte der Hungerkünstler. »Da sieh mal einer«, sagte der Aufseher, »warum kannst du denn nicht anders?« »Weil ich«, sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein wenig und sprach mit wie zum Kuß gespitzten Lippen gerade in das Ohr des Aufsehers hinein, damit nichts verlorenginge, »weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle.« Das waren die letzten Worte, aber noch in seinen gebrochenen Augen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze Überzeugung, daß er weiterhungere.
»Nun macht aber Ordnung«, sagte der Aufseher, und man begrub den Hungerkünstler samt dem Stroh. In den Käfig aber gab man einen jungen Panther. Es war eine selbst dem stumpfsten Sinn fühlbare Erholung, in dem so lange öden Käfig dieses wilde Tier sich herumwerfen zu sehn. Ihm fehlte nichts. Die Nahrung, die ihm schmeckte, brachten ihm ohne langes Nachdenken die Wächter; nicht einmal die Freiheit schien er zu vermissen; dieser edle, mit allem Nötigen bis knapp zum Zerreißen ausgestattete Körper schien auch die Freiheit mit sich herumzutragen; irgendwo im Gebiß schien sie zu stecken; und die Freude am Leben kam mit derart starker Glut aus seinem Rachen, daß es für die Zuschauer nicht leicht war, ihr standzuhalten. Aber sie überwanden sich, umdrängten den Käfig und wollten sich gar nicht fortrühren.

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Aus: Franz Kafka – Das Urteil
Fischer Bücherei – Frankfurt am Main und Hamburg – 1964

Fauna | Das wirbelnde Meerschweinchen

Die Raumfrage, so gefasst: lässt sich der Raum als solcher sinnlich wahrnehmen? bildet eins der schwierigsten Probleme der Lebenskunde und leitet weiterhin in die tiefsten Gründe der Erkenntnistheorie.
Es handelt sich hier nicht um abtastbare, den Raum erfüllende Körper, sondern um den Raum selbst, der nach bekannter Lehrmeinung eine Denkform »a priori«, eine Vorstellung außerhalb der Erfahrung darstellt.
Stünde dies unwiderleglich fest, so käme ein menschlicher, ein animalischer Sinn als direkter Empfänger und Wahrnehmer des absoluten Raums gar nicht in Betracht. Es ist aber im Gegenteil nachgewiesen worden, dass dieser Sinn existiert, und zwar auf Grund eines Experiments im Forschungsgebiet des großen Physikers Ernst Mach.
Dieser von Cyon angestellte Versuch führt zu einem ganz verblüffenden Ergebnis: jener Sinn ist nicht – wie man zunächst vermuten könnte – im Auge, sondern im Ohr lokalisiert!
Rüsten wir uns zu diesem Versuch. Wir nehmen vier Meerschweinchen, setzen sie in einen Rotationsapparat und wirbeln sie mit ungeheurer Geschwindigkeit im Kreis umher. Von diesen vier Geschöpfen ist das eine ganz gesund und normal; beim zweiten wurde vorher ein bestimmter Teil im rechten Ohr, das sogenannte »Labyrinth«, zerstört, beim dritten wurde dieselbe Operation am linken Ohr vorgenommen, und dem vierten fehlen beide Labyrinthe.
Die Tiere werden samt ihrem Futter in die mit Glaswänden umgebene Zentrifuge gesperrt und mehreren hundert Umdrehungen in der Minute ausgesetzt.

Und nun begibt sich das Erstaunliche.
Das doppelseitig operierte Tier nimmt von der Drehung gar keine Notiz, frißt vielmehr ruhig und unverdrossen. Das linksseitig operierte hört bei Rechtsdrehung zu fressen auf, läßt sich’s aber bei Linksdrehung gut schmecken, das rechtsseitig operierte verhält sich umgekehrt. Nur das ganz gesunde Meerschweinchen protestiert gegen jede Nahrungsaufnahme, solange überhaupt gedreht wird. Dieses hat sich die Raumempfindung bewahrt, während seine Genossen teilweise oder gänzlich raumtaub gemacht worden sind.
Zur Beobachtung des experimentellen Vorgangs gehört eine Spiegelvorrichtung, die durch Gegenrotation die Bewegung umkehrt. Trotz der enormen Kreisbewegung erscheinen die Meerschweinchen mit ihrer Nahrung, als ob sie durchaus in Ruhe befindlich wären. (Der Spiegel arbeitet so vollkommen synchron, daß man durch ihn eine Zeitung bequem lesen könnte, selbst wenn sich das Blatt zehnmal in der Sekunde drehte.)
Im Vergleich mit allen anderen Sinneserfahrungen beweist das Experiment: der Raum an sich wirkt auf den Organismus und in diesem einzig durch das Ohr. Das Tier, dem beide Labyrinthe fehlen, zeigt durch seinen guten Appetit, daß eine jähe und sonst geradezu betäubende Raumveränderung für seine Wahrnehmung nicht mehr existiert. Vergegenwärtigt man sich das Verhalten des ganzen Quartetts, innerhalb dessen jedes Meerschweinchen als Kontrolle des anderen auftritt, so gelangt man unweigerlich zu dem Schluß: der Raum ist sinnfällig und offenbart sich als etwas Wirkendes durch einen Teil des Gehörorgans.
Diese Erkenntnis verdankt man den Meerschweinchen, die sich einer so peinlichen Operation unterwarfen, um bei der Auffindung einer ins Gebiet der Philosophie schlagenden Wahrheit mitzuhelfen.

Stundenbuch | Wim Wenders | Akt des Sehens

Etwas wurde wie von einer Zentrifugalkraft nach außen getrieben, von irgendetwas weggetrieben, von einem Zentrum, welches man vielleicht auch als Heimat definieren kann, und wo die Bewegung davon weg Genugtuung geschafft hat; wo gleichzeitig auch immer eine Reflexion über die Rückkehr zu diesem Zentrum ansetzt.
Und Reisen ist ja immer per Definition sowohl ein Sich-auf-etwas-Zubewegen als auch ein Sich-von-etwas-Wegbewegen. Es taucht die Frage auf, ob man nicht auch zurückkommen kann und ob nicht letzten Endes in einer Rückkehr des Sinn der Reise gelegen hat: nämlich um Abstand haben zu können, um den Ausgangspunkt besser oder überhaupt erst sehen zu können.

Wim Wenders – The Act of Seeing

Parabel | Franz Kafka | Auf der Galerie

Auf der Galerie

Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind – vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das – Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.

Foto: jacqueline macou
Foto: jacqueline macou

Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will – da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.

Erstveröffentlichung 1935

Franz Kafka (jüdischer Name: אנשיל, Anschel; * 3. Juli 1883 in Prag, Österreich-Ungarn; † 3. Juni 1924 in Kierling, Österreich) war ein deutschsprachiger Schriftsteller. Sein Hauptwerk bilden neben drei Romanfragmenten (Der Process, Das Schloss und Der Verschollene) zahlreiche Erzählungen.

Stundenbuch | Pierre-Jean David d’Angers | Da der Mensch alles auf sich bezieht

„Da der Mensch alles auf sich bezieht, findet er sich selbst verkörpert in den großen Krisen der Natur. (…) Den großen Szenen der Natur ist nichts hinzuzufügen; die Rolle ist nirgends größer, als wenn er die Tragödie der Landschaft für sich darstellt. Es gibt sehr wohl einen trauernden Mond und Schreie der Verzweiflung und des Schmerzes in Formationen der Wolken.“

– Pierre-Jean David d’Angers: Tagebuchaufzeichnungen, 1834

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Kunstwerk: Caspar David Friedrich | Das Eismeer
Caspar David FriedrichThe Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002.ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. – Quelle: wikipedia

unterwegs | Annemarie Schwarzenbach | In Aleppo, Syrien

Aleppo, 8. Dezember

Annemarie Schwarzenbach
Annemarie Schwarzenbach

Hinter uns die kilikischen Waldgebirge, weit weg der nüchterne Höhenrausch, hier die Stadt der sarazenischen Zitadelle, der mächtigen Torbrücke, hallender Gewölbetreppen, der kleinen Falken über dem Trümmerfeld. Von den Mauern sieht man auf die Stadt hinab; eine Strasse läuft rings um den steilen Hügel, da gehen die langsamen Kamele, die schreienden Esel, die Reiter auf weißen Pferden, die Soldaten, große Nubier in Turbanen, die Frauen, schwarz verschleierte Nachtvögel, und die singenden Straßenhändler. Hinter der Strasse die Gassen, die in den gedeckten Basar führen, die Kuppeln der Bäder, die Türme der Moscheen und Höfe mit farbigen Brüstungen voller Teppiche und gelb gefärbter Tücher, unten die Kaufleute und die Kameltreiber, weiße Kamele geduldig ruhend zwischen den Warenballen. Wir besuchten einen reichen Textilkaufmann; hinter dem Kontor, wo er uns Kaffee anbot, waren die halbdunklen Gewölbe angefüllt mit gestreiften Tuchen aus der Türkei, Seide aus Japan, Baumwolle aus Alexandrien, draußen im Hof lagen große verschnürte Ballen blauer Wolle aus Bombay. »Aus der Schweiz kaufen wir Kunstseide«, erklärte er mir, und buchstabierte die Namen Steckborn und Rorschach.
Ein anderer Hof gehörte einem Wollhändler, der syrische Schafwolle nach Europa schickte. »Dieses Jahr«, erzählte er, »haben wir zum erstenmal grosse Geschäfte mit den Sowjets gemacht.«

In den feuchten Gewölben seines Hofs sassen, in Wolken von Staub und eingebettet in Haufen schmutziger Wolle, Beduinenfrauen mit grossen Scheren. »Sie arbeiten wie Tiere«, sagte der Händler und rief Namen auf – die Gerufenen senkten scheu das Gesicht –, er fuhr fort: »Sie bringen das Geld, welches sie bei mir verdienen, ihren Männern. Es ist eine ungesunde Arbeit; die meisten sterben mit 35 Jahren.«

Der Mann mit dem Fes zuckte die Achseln.

Jacques hieß unser junger Freund, ein blasser, kraushaariger Libanese griechischer Abstammung, der uns in Aleppo von früh morgens bis spät in die Nacht begleitete. Am Abend führte er uns in alle Clubs der Stadt, zu den syrischen Nationalisten etwa, wo man kein Französisch, sondern nur Arabisch hörte und wo der europäische Hut verpönt war. Cercle de famille hieß der Club, wo keine Muslime zugelassen waren. Christen und Juden spielten dort Tischbillard, tranken Raki, der mit Wasser gemischt weiß im Glas schäumte, und aßen heiße Würstchen und gebratene Fleischklösse in warmem, aufgeschnittenem Brot.

Am späten Abend sassen wir mit Jacques, seinen Freunden und dem blonden Mädchen Maria bei Ibor, und Jacques erzählte uns von Musslimija: eine kleine Station, ich erinnere mich, traurig in gelbem Dämmerlicht, die Sonne schien zwischen den kahlen Zweigen schwarzer Bäume. Dort ist eine junge Fliegerin gestorben – sie landete, ihre Maschine erlitt einen kleinen Unfall, die Offiziere stürzten herbei, halfen ihr heraus, nichts war geschehen. »Drei Tage Reparatur«, sagte man ihr. Sie ging scherzend mit den Offizieren zur Baracke, man trug ihr Gepäck in ein kleines Zimmer und liess sie allein. Gleich darauf hörte man zwei Schüsse. Sie hatte sich getötet.

Jacques klopfte mit der geballten Hand auf den Tisch. »Ich habe das Mädchen nachher gesehen«, sagte er, verzerrt, »draussen in Musslimija.«

»Sie hiess Marga von Etzdorf«, sagten wir.

»Sie war noch jung . . .«

Ein junger algerischer Offizier begleitete uns auf dem Heimweg – ein auffallend schöner Mensch, blondhaarig, mit hellen Augen, die das Licht des Wassers, des Eises und des afrikanischen Himmels vereinigten. Der weisse Turban umrahmte ein schmales, dunkles Gesicht. Er redete knabenhaft und schwärmerisch, als gelte es die Sterne anzusprechen, dann zu uns, sich besinnend, eindringlich, männlich. »Ich liebe Algier«, sagte er, »und ich bin Soldat. Aber können Sie verstehen, dass dies eine Entschuldigung für den Krieg ist?« Wir beschwichtigten ihn, niemand behauptet das, sagten wir. »Ich habe es mitgemacht«, sagte er eigensinnig, »Krieg ist abscheulich, glauben Sie mir, es geht gegen die Ehre.«

Er blieb stehen und verabschiedete sich. Wir hörten seinen raschen Schritt auf dem Pflaster. Es war drei Uhr – um fünf Uhr musste er bei den Pferden sein.

Einige Tage später fuhren wir nach dem Dorfe Rihanija, welches auf halbem Wege zwischen Aleppo und Antiochia liegt. Dort, als Gast der amerikanischen Expedition, lernte ich in den nächsten Wochen die Grundlagen der praktischen Archäologie.

Wir harten in Rihanija zwei Chauffeure, beides Türken, und beide hiessen Hussein. Wir liebten Hussein den Jüngeren, der während des Fahrens türkische Lieder sang und uns Zigaretten verkaufte, hundert Stück zu zwanzig Centimes.

Aleppo Bazzar | Olivenseife
Aleppo Bazzar | Olivenseife

Wir fuhren während der Weihnachtsferien zu viert mit Hussein durch ganz Syrien und lernten alle Städte von Homs und Damaskus bis Latakia und Antiochia kennen. Keine verdarb uns den Geschmack an unserer Stadt Aleppo, die mit der weitschauenden Warte ihrer Zitadelle zwischen Meer und Wüste liegt, den Taurus im Rücken, nicht weit vom Euphrat: eine Grenzstadt, wo sich Türken und Araber hassen, vertriebene Armenier sich aufhalten und Juden, die nach Palästina wollen; Kaufleute aus allen Gegenden zwischen Japan und Russland, Irak und der Türkei, afrikanische Soldaten und französische Offiziere – alle unfreiwillig hier, alle bereit, über die Grenze zu wechseln, nach Beirut oder Ägypten zu fahren. Ja selbst die bunten Mädchen werden aus Beirut für kurze Zeit nach Aleppo geschickt und kehren in jene mildere und reichere Stadt zurück, wenn sie genug Geld verdient haben.

Daher kommt es, dass in Aleppo mehr gearbeitet wird als in anderen orientalischen Städten. Eine fast europäische Geschäftigkeit herrscht am Tag; am Abend und des Nachts gibt es leicht Streit. Man kann das im Laden von Leon beobachten, dem braven Mann mit den grossen Narben im Gesicht (sie kommen von den berüchtigten Aleppobeulen, im Basarviertel sieht man sie besonders häufig): Leon verkauft Raki, Whisky, Bier, Konserven, Hühner, Gewürze, Oliven und Fische. Des Nachts öffnet er seinen Laden gegen zwölf Uhr, brät Hühner, bereitet Sandwichs für seine späten Gäste und hört wortlos ihren geschwätzigen und streitsüchtigen Disputen zu. Um zwei Uhr, wenn die Bars und Dancings geschlossen werden, ist sein Laden voll von Offizieren und Mädchen, Kutschern und den dicken, französischen Barbesitzerinnen. Solange die Leute sich über Leon lustig machen, geht alles gut. Es wird gefährlich, sobald sie sich gegeneinander wenden. Ich sah dort einen Streit zwischen einem Libanesen und einem türkischen Kutscher. Der Kutscher war ein wüster Bursche, nicht älter als sechzehn. Er schimpfte den Libanesen einen sale Arabe – worauf dieser aufsprang und ihn drohend fragte: »Und du? Du nennst dich Franzose? Du bist nichts als ein Türke.« – Der blonde Algerier brachte die Streitenden auseinander und schob den fluchenden Türken auf die Strasse hinaus.

Zitadelle Aleppo
Zitadelle Aleppo

Die Türken sind hier sehr verhasst. Man hat mir erzählt, dass die meisten Banditen, die des Nachts die Automobile überfallen, aus der Türkei herüberkommen. Vor kurzer Zeit nahm ein französischer Leutnant etwa zehn solcher Leute gefangen und ließ sie auf der Stelle köpfen. Die Fotografie dieser schauerlichen Exekution wurde auf seinen Befehl an der Grenze in jedes Automobil gereicht, das in die Türkei hinüber fuhr. Der Mann ist später ohne Bestrafung versetzt worden.

Dieses Jahr wird es viele Beduinenüberfälle geben, weil die Schafherden durch den langen Regenmangel zusammengeschmolzen sind und die Nomaden schon jetzt Hunger leiden. Für gewöhnlich ist es weniger gefährlich, durch die Wüste zu fahren als des Nachts hier auf den grossen Strassen . . .

Immerhin haben wir mit Hussein, dem Türken, eine Reihe von Nachtfahrten gemacht, ohne dass uns etwas geschehen ist. Wir sind in vier Tagen durch ganz Syrien und zweimal über das Gebirge gefahren. Am ersten Tag verliessen wir Rihanija um fünf Uhr morgens und waren fünfzehn Stunden unterwegs. Ich kann mich an keine merkwürdigere Dämmerung erinnern als an die dieses langen Wintermorgens. Bei uns ist es um diese Jahreszeit um acht Uhr noch dunkel, und der Tag beginnt ohne Aufwand und allmählich – in Anatolien war es ein Feuer, ein Konzert von Farben, ein dramatischer Wechsel. Fast immer gab es Wind und fliehende Wolkenstreifen, und die Hügel, die schwarz die Ebene umkränzten, wurden plötzlich von goldenem Licht übergossen, während die Nacht sich in das sanfte und durchsichtige Blau des Gebirgshimmels auflöste.

Hier aber begann die Dämmerung schon um sechs Uhr, es wurde hell, Hussein drehte das Licht aus – aber die Ebene blieb grau, stumpf und leblos. Wir fuhren eine Stunde, zwei Stunden, ohne dass sich etwas veränderte. Das fruchtbare Ackerland von Rihanija ging in eine felsige Hochfläche über, und diese bald darauf in eine Steinwüste. Ein endloser Tag schien uns zu erwarten, ein grauer Dämmertag in dieser dumpfen Lichtlosigkeit, die an Traumlandschaften erinnerte.

Dann stieg plötzlich, dort, wo wir die irakische Wüste vermuteten, die Sonne wie eine kreisende Kugel empor, unwirklich rasch, ohne Strahlen, nur einen flimmernden Hof gelben Lichts um sich sammelnd. So schwebt das geflügelte Sonnensymbol auf den schönen Reliefs über den Göttern und Königinnen der Hethiter . . .

Simoinskloster bei Aleppo
Simoinskloster bei Aleppo

Nach einiger Zeit kam der Nebel und verschlang gierig das Land. Araberdörfer lagen an der Strasse; die sonderbaren, spitzen Bienenkorbhäuser wirkten nun durchaus gespenstisch, und als wir vor einem solchen Dorf haltmachten, kamen die Männer aus den Hoftüren, in ihre langen Mäntel gehüllt, blieben in einiger Entfernung stehen und riefen uns in ihrer rauhen Sprache ein paar Worte zu. Wir gingen näher, nur um uns von der Wirklichkeit ihrer Höfe und Lehmkuppeln zu überzeugen; sie folgten uns ernst, nun ganz schweigsam, und wieder war uns, als seien es keine Menschen, sondern Traumbilder.

Wir stiegen in den Wagen, einen Augenblick hellte sich alles auf, die Strasse wurde sichtbar, ein weisses Band, welches gerade über die Hügel lief. Gleich darauf war wieder alles von Nebel überströmt, Kamele traten plötzlich auf uns zu, reckten ihre langen Hälse empor oder schritten in stummer Kette, gravitätisch und grotesk, seitwärts durch das Feld.

Wir waren nachmittags in Damaskus; die schönen Ölhaine vor der Stadt versprachen viel, nachher war alles enttäuschend: die nüchternen Strassen, die Geschäfte, Taxihalteplätze, englischen Anschriften. Wir hielten uns nicht auf; eine herrliche Gebirgslandschaft führte uns hinüber in das grosse Tal von Baalbek. Daran hatten wir vielleicht den ganzen Tag gedacht – aber Baalbek gehört zu jenen heroischen Namen, die man nicht leichtfertig ausspricht, zu den Evokationen, den Anrufungen in der Wüste unserer Zweifel. Viele sind nachher enttäuschend, wie die Stadt Damaskus, andere werden gewaltsam profaniert und beraubt und sind anklägerisch wie geschändete Heilige . . . Ich glaube, dass für die üblichen Reisenden Baalbek schon zu den Plätzen gehört, die man gesehen haben muss – Palmyra, weit draussen in der Wüste, ist besser geschützt. Beide werden standhalten und vielleicht einmal vergessen und wiederentdeckt werden.

Ich hatte, wie jedermann, Fotografien von Baalbek gesehen. Aber man kann Dimensionen nicht fotografieren und Erlebnisse der Schönheit und der Vollkommenheit nur unvollkommen vermitteln.

Es war dunkel, als wir in Baalbek ankamen. Wir waren furchtbar müde und dachten, dass kein Bauwerk der Welt solche Strapazen wert sei. Wir stiegen zwischen den Häusern hinunter und folgten einem Fussweg, der einem Bach entlang führte. Aus einer Hütte kam Feuerschein und Gesang. Ein Araber folgte uns eine Weile und verschwand dann im Dunkeln. Nun gab es Bäume; es roch herbstlich nach feuchtem Gras und Nussblättern. Wir sahen zum Himmel empor, der hell und von Wind erfüllt war, und fast zufällig empfingen wir jetzt den mächtigen Anblick des Tempels.

Thronend erhöht der Rumpf über einem Feld zusammengestürzter Säulen; die letzten aufrecht stehenden ruhten gewaltig vollendet im nächtlichen Himmel. Durch eine Bresche in der Mauer erblickten wir eine andere Säulenreihe, ein einsames Bruchstück; aber was wir sahen, war vollkommen und gigantisch und fast übermenschlich. Ein Gefühl von Ohnmacht und Hingerissenheit erfüllte mich ganz – und die »Wüste des Unglaubens« schrumpfte zusammen wie die berühmte Haut des Wildesels. Aber was zurückblieb, war der ewige Zwiespalt jener Stufenreihe vom Verächtlichen bis zum Anbetungswürdigen, die das menschliche Wesen verurteilt und auszeichnet.

Noch in derselben Nacht fuhren wir nach Damaskus zurück, schweigsam diesmal; nur Hussein sang vorn das Lied vom betrunkenen Hodscha und trank dazu den Rest unseres Raki – man sollte nicht glauben, wie gut ihm das nach fast fünfzehnstündigem Fahren bekam. Am nächsten Tag sahen wir einiges in der Paulus-Stadt, aber ohne rechte Lust, denn es waren zuviel Führer da, die uns wie reiche Amerikaner betreuten; als wir jedoch Deutsch sprachen, zeigten sie uns in der Grabkammer des weisen Saladin eine Bronzelampe mit den Insignien Wilhelms II. Auch der Basar gefiel uns nicht. So blieb der Hof der grossen Omajjaden-Moschee mit den grünen Mosaiken, den Landschaften, Wasserläufen und Flüssen von bezaubernder, fast japanischer Zartheit; der Hof selbst aber, ein Festsaal unter dem leuchtenden Himmel, erinnerte uns an Venedig, und die Moschee, die einst eine christliche Kirche war, an die Hagia Sophia und an Byzanz.

Am Nachmittag fuhren wir auf herrlichen Strassen durch die blaue Kette des Libanon und erblickten noch vor der Dämmerung das Meer. Terrassenförmig senkte sich das Gebirge hinab, auf flachen Felsplatten und geschützten Erdhügeln standen die letzten Zedern Salomos; kleine Dörfer wechselten mit Lagern schwarzer, viereckiger Nomadenzelte, tiefer unten sahen die Ortschaften französisch aus; es gab kleine Restaurants an der Strassenseite, auch Tankstellen, Gärtnereien, Weekendhäuser. Die meisten Dörfer, nur im Sommer bewohnt, waren ausgestorben. Dann wieder Wald, und über das dunkle Laub der Orangenhaine hinweg erblickte man Beirut, vorgebaut auf die Landzunge einer weissen Bucht, eine südliche Küstenstadt, geschützt durch das Gebirge, reich an Gärten, Palmen, Pinien, hellen Häusern, kleinen Hotels. Im Hafen schaukelten die Maste der Fischer- und Handelsboote, Dampfer stiessen langatmige Sirenenrufe aus, Matrosen gab es, auch Offiziere und Negersoldaten . . . Bald sassen wir auf der besonnten Terrasse des Hotels Metropol und lernten Machmud kennen, einen Araber, zwanzig Jahre alt, der uns allen die Schuhe putzte. Wir fühlten uns schnell heimisch in Beirut.

Am nächsten Morgen fuhren wir in die Amerikanische Universität, um eine Keilschrifttafel abzuliefern, die man uns in Rihanija anvertraut hatte.

Professor Ingholdt zeigte uns dort sein archäologisches Museum: zuerst die Funde aus Hama, wo er jeden Winter einige Monate für Kopenhagen gräbt, dann die Säle mit den wunderbar vielseitigen Gegenständen aus ganz Syrien, von der Grenze Palästinas bis zur östlichen Wüste und der vielumkämpften Nordgrenze. Nebeneinander und in gleicher Vollendung findet man hier die schönen, bemalten Tongefässe Kretas und Mykenes, ägyptische Götter und den blitzschleudernden Teschup der Hethiter, und allein die Vergangenheit der Seestädte und jener grossen Heerstrasse, deren Reliefs und Bilderinschriften wir am Hundefluss sahen, ist eines der erregendsten Kapitel der orientalischen Geschichte.

Mir scheint dieses Land bei weitem gefährlicher als Anatolien, weil es gemischter und empfänglicher ist – gleichsam weiblich, eine Versuchung und Verführung des Geistes. Dort oben, in der rauheren Landschaft, herrschte eine durchaus männliche Kraft, eine, die sich widersetzte und sich nicht besiegen liess. Alle Durchziehenden, Eroberer und wandernde Völker, mussten dem Boden einen Tribut zahlen; die, welche blieben, veränderten sich und empfingen ihrerseits das Siegel Kleinasiens. Obwohl die Rassenmischung dort kaum geringer ist als in Syrien und die türkischen Einwanderer nur einige tausend betrugen, scheint uns doch die Bezeichnung, jemand sei Türke, durchaus befriedigend, während man jeden Syrer oder Libanesen danach fragt, ob er Araber, Grieche, Armenier, Jude sei.

Was sich dort oben zutrug, war stets Kampf, Sieg, Unterwerfung; Syrien aber war der grosse Raum der Umarmung und eines sonderbar faszinierenden Liebesspiels zwischen den Elementen der alten Kulturen.

Später kam die fruchtbare und leidenschaftliche Vermischung griechischen und orientalischen Geistes, aus der eine Quelle der Lieblichkeit entstand: griechische Anmut mit der religiösen Inbrunst des Ostens gepaart, und die schmalen geneigten Jünglinge vertauschten die lächelnde Trauer ihrer halboffenen Lippen mit der nach innen gekehrten Weisheit des östlichen Antlitzes.

Symbol jener liebenden Eroberung ist immer Alexander.

Wir hatten vom ersten Augenblick an grosse Sympathie für Beirut; das Leben muss dort leicht sein, der syrische Winter dringt nicht bis über den Libanon, und das Meer verspricht die milde Dauer von Riviera und Côte d’Azur. Wir wären gern einige Tage dageblieben, aber Bob bekam ein Telegramm, dass wir spätestens am nächsten Morgen in Rihanija zurück sein sollten. Wir fuhren den ganzen Nachmittag der Küste entlang nordwärts. Wir hatten herrliches Wetter, eine gute Strasse und die wechselnde Aussicht auf Meer und Gebirge. Unterwegs fotografierten wir ein arabisches Dorf, etwa in der Mitte zwischen Tripoli und Latakia. Der Küstenstrich ist dort nicht mehr so fruchtbar wie unten in Beirut; ein starker Wind wehte über die kahle Fläche, wo die niederen, langgestreckten Strohhäuser standen. Die arabischen Bewohner kamen mir sehr schön vor, besonders die halbwüchsigen Mädchen und die Kinder. Die Männer liessen sich gern fotografieren; sie erklärten Bob, dass wir ihnen Bilder schicken sollten, und jeder verlangte, allein aufgenommen zu werden. Mit den Mädchen war es schwieriger. Sie trugen keine Schleier, aber sie wandten das Gesicht ab, sobald sie den Apparat sahen. Als wir weiterfuhren, begleiteten uns alle Männer und Knaben zum Auto und gaben uns die Hand.

Es fing an zu dämmern, als wir nach Tartus kamen, aber wir hatten noch Zeit, die Kathedrale zu sehen, dieses ausserordentliche Bauwerk, welches die Kreuzritter hier zurückgelassen haben: einsamer und halbzerstörter Zeuge inbrünstigen Glaubens. Der grösste Teil der Ornamentik, die in Stein gehauenen Umrahmungen der Fenster und der Türe, sind herausgebrochen – aber irgendwo über einer leeren Fensterhöhle hockt noch ein Affenfrätzchen, ein winziger Verwandter der Chimären von Notre-Dame.

Wir liessen das Tor öffnen und fanden uns staunend in einer gotischen Kathedrale. Nur die griechischen Säulenkapitelle erinnerten daran, dass wir weit weg vom Boden Frankreichs waren. Über eine enge und steile Treppe gelangten wir auf das Dach eines der Seitenschiffe; nun war es schon dunkel, Schatten sanken über Gärten, Felder und Gebirge, aber das Meer glänzte mit tausend Schaumspitzen bis dorthin, wo die Nachtwolken es berührten. Wir fuhren noch zwei Stunden bis Latakia und übernachteten dort in einem grossen Hotel, wo wir die einzigen Gäste waren. Wir rauchten zu dritt eine Wasserpfeife; Bob tat es meisterlich, offenbar mit Erfahrung, aber auch er gab es auf, das Häufchen dunklen Krautes zu Ende zu bringen.

Ich schlief in einem Zimmer, welches auf eine grosse Terrasse mündete. So habe ich einmal in Südfrankreich geschlafen, und am Morgen flogen Schwalben vom Meer her in mein offenes Fenster.

Wir verliessen Latakia vor Morgengrauen und fuhren über das nebelumhüllte Gebirge wieder in die winterlichen Regionen. Hussein war schweigsam und nachdenklich. Erst als der Nebel dichter und der Weg immer schlechter wurde, begann er belustigt mit den Schultern zu zucken und uns einige verächtliche Bemerkungen zuzurufen. Kamele begegneten uns, ihre Treiber hatten die Gesichter zum Schutz gegen Wind und Kälte verhüllt. Endlich senkte sich die Strasse, wir sahen Daphne und das Tal des Orontes in der Tiefe liegen; die Sonne stand bleich über dem Fluss. Hussein begann rascher zu fahren; wir hielten uns in Antiochia nicht auf und kamen um elf Uhr vormittags nach Rihanija.

Quelle: Annemarie Schwarzenbach | Winter in Vorderasien | 1934

Annemarie Schwarzenbach (* 23. Mai 1908 in Zürich; † 15. November 1942 in Sils im Engadin; heimatberechtigt in Thalwil) war eine Schweizer Schriftstellerin und Journalistin.

Lyrik | Kurt Tucholsky | Gefühle

Gefühle

Kennen Sie das Gefühl: ›déjà vu‹ –?
Sie gehen zum Beispiel morgens früh,
auf der Reise, in einem fremden Ort
von der kleinen Hotelterrasse fort,
wo die andern alle noch Zeitungen lesen.
Sie sind niemals in dem Dorf gewesen.
Da gackert ein Huhn, da steht eine Leiter,
und Sie fragen – denn Sie wissen nicht weiter –
eine Bauersfrau mit riesiger Schute …
Und plötzlich ist Ihnen so zumute
– wie Erinnerung, die leise entschwebt –:

Das habe ich alles schon mal erlebt.

Kennen Sie das Hotelgefühl –?
Sie sitzen zu Hause. Das Zimmer ist kühl.
Der Tee ist warm. Die Reihen der Bücher
schimmern matt. Das sind Ihre Leinentücher,
Ihre Tassen, Ihre Kronen –
Sie wissen genau, dass Sie hier wohnen.
Da sind Ihre Kinder, Ihre Alte, die gute –
Und plötzlich ist Ihnen so fremd zumute:

Das gehört ja alles gar nicht mir …
Ich bin nur vorübergehend hier.

Kennen Sie … das ist schwer zu sagen.
Nicht das Hungergefühl. Nicht den leeren Magen.
Sie haben ja eben erst Frühstück gegessen.
Sie dürfen arbeiten, für die Interessen
des andern, um sich Brot zu kaufen
und wieder ins Büro zu laufen.
Hunger nicht.
Aber ein tiefes Hungern
nach allem, was schön ist: nicht immer so lungern –
auch einmal ausschlafen – reisen können –
sich auch einmal Überflüssiges gönnen.
Nicht immer nur Tag-für-Tag-Arbeiter,
ein bißchen mehr, ein bißchen weiter …
Sein Auskommen haben, jahraus, jahrein … ?
Es ist alles eine Nummer zu klein.
Hunger nach Farben, nach der Welt, die so weit –
Kurz: das Gefühl der Popligkeit.

Eine alte, ewig böse Geschichte.
Aber darüber macht man keine Gedichte.

Theobald Tiger
Die Weltbühne, 27.01.1925, Nr. 4, S. 123,

MakroVideo | Schwebfliege bei der Nahrungsaufnahme

 

An den modernden Wurfboden einer Fichte schmiegt sich der Mann an und harrt mit halb geschlossenen Augen. Müdigkeit reißt seinen Kopf herab, er wirft ihn wieder hoch. Seltsame Bilder tauchen vor ihm auf, die ihm seine überreizten Nerven vormalen. Die rote Spinne, die dicht vor seinen Augen hängt, erscheint ihm als ein rotes Stück Wild, das dort hinten auf der Lichtung steht, bis er lächelnd seinen Fehlblick gewahr wird. Und wieder werden seine Augen groß, denn da unten schwebt der Schwarzstorch. Aber es war nur eine Schwebfliege, die vor seiner Stirn in der Luft stand. Dann hört er Lieder aus dem Gebrumme der Fuhren, Lieder aus seiner Burschenzeit, und dazwischen einen schluchzenden Ruf von einer, die einst von ihm unter Tränen Abschied nahm. Und Wellen hört er schlagen gegen das Schiff, das ihn der Blonden entführte. – Aus: Hermann Löns: Tiergeschichten

Peter Altenberg | Prosaskizzen – Japanisches Papier & Pflanzerfaser

Er hatte ihr bereits alles geschenkt, was eine liebevolle zärtlichste Seele sich auserdenken könnte – – –. Nun war er am Ende seiner liebevollen Phantasie, und er hätte sich nur noch wiederholen können – – –. Sie hatte in wunderbarer moderner Auffassung alles angenommen; denn sie fühlte es, daß es eine heilsame Medizin sei für seine erkrankte Seele, besondere Dinge zu schenken, zu schenken, zu schenken – – –. Sie nahm es an, wie eine Verpflichtung gegenüber einem Herzen, das man, wenn auch unabsichtlich, krank gemacht hat; und sie sträubte sich daher auch nicht gegen solche Geschenke, die unter andern Umständen einen zu intimen Charakter gehabt hätten, wie Schirm, Handschuhe, Gürtelschnalle, Taschentücher und so weiter, und so weiter, und so weiter – – –. Nun aber war er zu Ende mit Realität und Phantasie, insofern seine Geldmittel es gestatteten – – –. Da las er in einer Zeitung eine Annonce eines echt japanischen Klosettpapiers, aus japanischen Pflanzenfasern, unerhört zart und dennoch fest im Gefüge, wovon ein Paket freilich eine Krone achtzig Heller kostete, während die einheimischen besten Sorten für eine Krone zu haben sind – – – Er kaufte zehn Pakete und schickte sie ihr. Sie war anfangs ganz entsetzt, beleidigt und gekränkt. Aber allmählich gewann das natürliche Denken die Oberhand. Und sie schrieb einfach zurück:

»Nunmehr, Zartfühlendster, wird es Ihnen aber wirklich sehr schwer fallen, noch irgend etwas sich auszudenken, was mein Leben mir erleichtern könnte – – –.«

Kunst | Carlo Mense | Abendliches Vorstadtbild | 1930

Carlo Mense (* 13. Mai 1886 in Rheine, Westfalen; † 11. August 1965 in Königswinter) war ein deutscher Maler desRheinischen Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit. Er war Professor an der Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe Breslau.

Im Zuge der Beschlagnahmung von Werken, die als entartete Kunst diffamiert wurden, zogen 1937 die Nationalsozialisten 34 Gemälde des Künstlers aus öffentlichen Sammlungen ein und vernichteten sie.

Erzählung | Maria Konopnicka | Ebbe an der Küste der Normandie.

Normandie - Mont St Michel
Normandie – Mont St Michel

Das Meer ist zurückgegangen. Ein stiller, nebliger Morgen. Es ist zurückgelaufen, eilig, wie verwirrt, mit hastigem Getöse seine mächtigen Wogenberge einziehend, um dann nur mit feiner, ungleich zurückgebogener Welle über die sandige Uferdecke hinweg zu sprühen, einem schäumenden Weine ähnlich, dessen helle Perlen zischend bersten und verlöschen.
Schon ist es weit weg und noch einmal dehnt es sich heran, noch stöhnt es auf, rafft eine Handvoll Sand zusammen, läuft fort, kehrt wieder, flüstert, enteilt abermals, noch einmal – – – und wieder, einmal – – – Sand aber wird immer mehr. – – Jedes Heranklatschen der Woge deckt ihn mit kürzerem Wurf, jedes Zurücktreten fügt seinen Ufern etwas hinzu.
Da liegt er nun – hier zusammengeschoben, dort ausgebreitet, in schmalen Schichten trocknend, gekerbt, in krumme Linien gebogen, einem auseinandergeworfenen Ballen grauer Moireseide ähnlich, dessen dunkleren Rand eine dahinlaufende Spule mit Silberfransen säumt.
Das Meer aber ist immer ferner, immer stiller, meldet sich mit immer kürzerem Rauschen; es sammelt sich, schwillt an, wird immer mächtiger, zieht die auseinanderstiebenden Wogen in sich ein und, hat es sie endlich alle in seine kompakte Wellenburg zusammengezogen, so schaukelt es sich langsam, schwer auf seiner in dunkler Tiefe ruhenden Achse, vollstrahlig wie ein Auge, abgrundtief, fast regungslos.
Über seinen zusammengehaltenen Wellentiefen tauchen, gleichsam auch unbeweglich, zu dreien, vieren, große Fischerboote, mit ausgebreiteten Segeln auf, wie sie der Morgenwind auf die hohe See getragen.
Am Ufer aber beginnt ein Winden und Rauchen bläulicher Dünste, welche eine ganze Scala zarter lilafarbiger Töne in die Perlenhelle des Maimorgens träufeln. Der Himmel sinkt tief herab, am Rande etwas heller, dämmert eine Weile im blassen Licht, das er aus den Dünsten eingeathmet, dann verstummt ringsum die Welt, umschleiert sich, erlischt und taucht endlich in neblige Versunkenheit.
Die tiefen, leicht von Kies überglitzerten Sandbänke treten hervor, dehnen sich aus, blühen, plötzlich dunkler geworden, auf, wie lange, lange Hyacintenbeete, die sich gegen Villers, gegen Berezival, gegen Houlgate, Cabourg und weiter hinziehen, bis über die Felshänge hinaus, die den Ocean einkerben.
Rechts die verschlungenen Bänder und Arkaden des großen Dammes, wie eine zarte Spitze über den veilchenblauen Luft-Hintergrund geworfen links die schweren Dünsten schwankende Rhede, deren Masten, Raaen und gereffte Segel eine Vision gigantischer, über dem Abgrund sich wiegender Irisblumen hervorrufen.
Dort aber weit, weit hinaus, so weit das Auge reicht, dunkelt hinter den Nebeln das Meer wie ein ungeheures, in flüssigem Dunkel erzitterndes Etwas. – – –
Es ist was musikalisches in diesem Augenblick, etwas symphonisches – wie ein ungeheurer eintöniger Untergrund vibrierender Harmonie, durch welche kaum wahrnehmbar, eine gedämpfte, süße Melodie fließender Linien, dunkelnder Farben und halb verwischter Umrisse hervorleuchtet.
Eine unendlich weiche, wiegende, bald anschwellende, bald sinkende Melodie unfaßbarer, ungreifbarer geradezu gespenstischer Formen.

Foto: Thomas Ulrich
Foto: Thomas Ulrich

Eine Scala subtilster zerstäubter Töne und Halbtöne, von den Silberblitzen der Mövenflügel, die im Lila der Lüfte aufleuchten, bis zum tiefen Violett der wildbewachsenen zerklüfteten Zinnen der »Roches Noires« , die hoch oben dämmern wie ein Nest von Amethysten.
Und plötzlich ein Lied. Ein einfaches, stilles, mehr gesprochenes, als gesungenes Lied, das in unvergleichlicher Harmonie mit der Musik des Augenblicks zusammenfließt.

– – – Ils ont choisi la mer
Ils ne reviendront plus – – –
Et puis, s’ils vous reviennent,
Les reconnaitrez vous?

Or ils n’ont plus leur àme
Elle est restèe en mer – – –
Ils ne vous reviendront plus
Ils ont choisi la mer …

Ich kenne das Lied und ich kenne die Stimme. Es ist eine junge Stimme, eine Frauenstimme; die blasse schlanke Yvette ist’s, die da in ihrem vom dunkelgrünen Buxbaum beschatteten Gärtchen singt, wo auf den großen vom Sturm durcheinandergewirrten Lavendelstauden die kleinen Blüthen von den kahlen Ruthen hervorleuchten, wie bei uns die Frühlingstriebe der geköpften Weiden.
Yvette ist zart, elend; sie hat keine Kinder, ich sehe sie oft, wie sie an der grünen Hecke ihres Gärtchens steht, auf das Meer hinausschaut und singt, und je weher sie singt, desto weiter schweift ihr Blick über die Linie der Fischerflotte hinaus – weit, weit hinaus – diese Augen sind ganz erfüllt von tiefer, grenzenloser Sehnsucht.
Anfangs hatte ich gedacht, daß Yvette sich so sehr nach ihrem Gatten sehne. Allein, der Mann kam zurück, war zuhause, rauchte, auf der kleinen Haustreppe sitzend, aus seiner kurzen Tabakspfeife und das Weib stand, nachdem sie ihn bedient, ebenso an ihrer grünen Hecke und sang ebenso, auf das Meer hinausschauend, ihre Lieder. Im Gegenteil, ihre Stimme wurde dann tiefer, voller, durchdringender schmerzlich und der hoffnungslose Blick ihrer eingesunkenen, umränderten Augen schweifte noch weiter hinaus.
»Vielleicht hat sie einen Liebsten und nach ihm also …« Aber unsere Wirtin läßt mich nicht einmal ausreden und schüttelt abwehrend Kopf und Hände.
»Non, non, non! Oh que non! C’est seuletment, vous savez, qu’elle a le mal du lointain – – – –«
Da enthüllte sich plötzlich vor meinen Augen ein seltsamer Winkel in der Menschenseele, die der zitternde grünliche Reflex der ewig zurück weichenden Meereswellen mir beleuchtete.
Das junge, kinderlose Fischerweib fühlt Sehnsucht. Anfangs sehnt sie sich nach dem Gatten, nach dem Gatten wie sie ihn besitzt und wie sie ihn einmal der Woche, einmal in mehreren Wochen und, in der Zeit der großen Winter-Fischzüge noch weit seltener sieht.
Das ist ein einfaches, natürliches, unmittelbares und in seinem ersten Stadium durchaus uncompliciertes Gefühl.
Allein die Sehnsucht erlangt, in dem Masse als sie andauert und sich im Herzen einnistet, die Zaubergewalt, ihrem Gegenstande wunderbare Reize zu leihen, so sehr, daß der Ersehnte der Sehnenden endlich als ein ganz anderer, wie verwandelt und vergeistert vor der Seele steht. Denn, was auch ein sehnendes Herz an Gefühl, an Blütenpracht und Glanz in sich trägen möge, das überträgt es alles auf den Entfernten und betrachtet ihn so im Lichte des eigenen Reichtums. Bis endlich jener Entfernte nicht nur ein unendlich Ersehnter und Geliebter, sondern zugleich auch etwas ganz andres, von der Wirklichkeit ungeheuer Verschiedenes und ihr Fernstehendes wird; so verschieden und so entfernt, daß, wenn die Barken an’s Land stoßen und der Mann in eigener Person die Schwelle des Hauses betritt, er der Sehnenden als ein Fremder erscheint, als sei es nicht der, nach dem sie sich gesehnt.

– »Et puis s’ils vous reviennent
Les reconnaîtrez – vous?«

Und in der That: wie ist sein Gesicht mit der vom Seewind rissig gewordenen Haut, wie sind seine geröteten Augen, seine von der salzigen Feuchtigkeit verklebten Haare, seine schwarzen Zähne mit der immer darin steckenden Pfeife, sein unaufhörliches Spucken, seine nach Schlamm und Thran riechenden Kleider, sein schwerer, klappernder Gang, seine Gefräßigkeit und jene Festlands-Dummheit, welcher die Seeleute im Hause unterworfen sind; wie ist, dies alles so ungeheuer verschieden von dem Bilde, das der Sehnenden vor der Seele stand, als sie ihr Sehnsuchtslied sang.
Da wendet sie den Blick von der Wirklichkeit ab und läßt ihn weit, weit hinaus schweifen, um die Vision ihrer Sehnsucht zu erschauen.
Wiederholt sich dies nun im Lauf der Zeit, nicht nur als eine passive Erscheinung, sondern im Gegenteil, wächst es gleichsam mit den Quadraten der Entfernung als ein actives, sich entwickelndes psychisches Element, das notwendige Folgen hervorruft, so gehen Wirklichkeit und idealer Gegenstand der Sehnsucht immer weiter, immer wesentlicher und vollständiger auseinander, so daß das Weib sich endlich nicht nach dem Fischer, der ihr Mann ist, auch nicht in seiner Abwesenheit nach ihm, sondern an seiner Seite nach der Vision ihrer Seele sehnt. Und so fluthet zwischen ihnen – das Meer.
Allein die Zeit vergeht und jene, von der Sehnsucht hervorgerufene Vision, die Anfangs so farbig war, daß sie die Wirklichkeit verdeckte, verblaßt. Es ist gerade so, als ob sie mit dem Meere dort immer ferner und ferner zurückträte. Im Herzen der einfachen Fischersfrau mehrt sich weder Glanz noch Farbenspiel, womit sie die Ausgeprägtheit des idealen Bildes nähren könnte. Das Bild selbst also verblaßt und verwischt sich, aber das Gefühl des Abstandes zwischen ihm und der Wirklichkeit bleibt zurück. Es bleibt als Eindruck einer ungeheuren, nebligen Weite, einer unermeßlichen Ferne, nach welcher die Seele hinstrebt, immer weiter und weiter, ohne sie jemals zu, erreichen. Was es ist, dem sie zustrebt, das sie in jenen Fernen sieht, das sie, von ihm umfangen, zu umfangen sich sehnt – sie weiß es nicht. Sie fühlt nur, daß sie etwas hinzieht, etwas ruft, etwas zu sich heranzaubert, daß etwas ihren Blick, ihre Seele, ihre Lieder an sich reißt. – – –
So entsteht die allergefährlichste Sehnsucht, die gegenstandslose Sehnsucht, die nichts beschwichtigen kann und die bei der geringen Complicirtheit einer solchen einfachen Seele bald nicht nur deren mächtigster und hervorragendster, sondern deren einziger Ausdruck wird.
Da strömt in jedem Atemzug des Weibes Sehnsucht aus – nur um der Sehnsucht willen. Sie ist davon verzaubert, besessen, verhext, sie wird elend, blaß, krank.
Krank ist sie nach der Ferne, wie das Mere Poutaint in ihrer knappen, treffenden, aber tief psychologischen Diagnose bezeichnet. Das Meer aber tritt immer mehr und mehr zurück, der düstere, bebende Abgrund wird immer größer, immer ungeheurer und sein Donnern und Tosen braust aus immer ferneren, uferlosen Unendlichkeiten heran.
Dort aber, am fernsten Horizont, taucht immer und ewig ein nebelhaftes Segel, die Vision eines Segels auf, das immer dahintreibt, aber niemals an irgend einem Ufer landen wird.
Diesem Segel nach, ihm zu, schweift durch die öden, geheimnisvollen Weiten Yvette’s Auge und ihr Lied.

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Maria_Konopnicka001Maria Konopnicka – geb. Wasiłowska (* 23. Mai 1842 in Suwałki, damals Russland; † 8. Oktober 1910 in Lemberg, damals Österreich-Ungarn – war eine polnische Schriftstellerin. Ihr Pseudonym als Poetin war Jan Sawa.

***

Quelle: Ebbe an der Küste der Normandie
Maria Konopnicka
Übersetzung: Nina Hoffmann-Matscheko (Pseud.: Norbert Hoffmann)
Zeitschrift: Neues Frauenleben, hrsg. von Auguste Fickert, Wien – 1903

Menschenbilder | Vom Wandregal meines Kinderzimmers zur Bionik ¦ Gastbeitrag

Das Zimmer, in dem ich aufwuchs hatte ein großes Wandregal. Neben den üblichen Bestandteilen eines Kinderzimmer sind dort so einige skurrile Erinnerungsstücke abgelegt worden: Fußballtrophäen (die Art, die sie einem allein für die Teilnahme überreichen – also keine Siegerpokale), verschiedene Henkelmänner, und ein Paar Stepptanz-Schuhe, die ich während einer Grundschulaufführung von „Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten“ trug. Der prominenteste Platz war jedoch für ein altes Paar Rennwagen reserviert – eines in blau, das andere in rot.

Diese Autos haben für mich eine besondere Rolle in meiner Adoleszenz gespielt. Sie wurden montiert und hatten nur eine Aufgabe: zu repräsentieren. Zufriedengeben wollte ich mich damit dann doch nicht. Wenn meine Mutter in die Wäscherei ging, drehte ich die Schrauben heraus, die die Wagen auf ihren Sockeln fest hielt um ein Rennen zu veranstalten.
Mein bevorzugter Veranstaltungsort war der Flur der zur Küche führte. Er hatte solide Dielen, und war ein perfekter Ort für Blau und Rot um richtig auf Touren zu kommen. Auf dieser Strecke erlebte ich einige ziemlich mutige, ja waghalsige Kämpfe. Die beiden Autos taten alles um zu gewinnen; oft ineinander verheddert um sich dann loszureißen oder sie nahmen riskante Abkürzungen unter den Möbeln hindurch. Die Auseinandersetzungen wurden besonders brutal, wenn ich eine kleine Rampe aus Comic-Büchern gebaut hatte; dann verlagerte sich der Kampf zeitweilig in der Luft.
Am Ende aber zollte die Härte der Rennen ihren Tribut. In meiner Pubertät angelangt, wurden die Autos bis zur Unkenntlichkeit zerschrottet. Die vorderen Kotflügel wurden durch die Kollisionen mit den Fußleisten abgerissen, und es gab sogar Zahnabdrücke auf ihren Reifen, verursacht durch meinen Hund Calvin, der die Rennen all zu oft als Spielaufforderung sah. Zu diesem Zeitpunkt erschien es nur fair, sie endlich in ihren verdienten Ruhestand zu schicken. Ich ließ sie nur auf ihren Sockeln stehen und den Staub des Frieden über sie rieseln.

Die Erfahrung, die ich mit diesen Autos hatte bei mir mehr als den Spieltrieb geweckt. Es war der Beginn einer lebenslangen Liebe zu Modellbauten. Nach Blau und Rot kam das Piratenschiff; ein perfekte Ausgabe der Blackbeard; eine Miniatur-Rakete und ein paar Dinosaurier in angemessener Größe. Wenn es sich um ein Modell von etwas war, das einmal real existierte, war ich vollkommen fasziniert. Ich liebte und liebe diese Kunstfertigkeit, die in der Herstellung der Nachbauten steckt. Heute lasse ich Dronen fliegen und entwickle eigene Modelle.

Seither beschäftigt mich eine grundlegende Frage: Ist es möglich, wirklich überzeugend und massetauglich die Feinheiten der Natur reproduzieren? Eine schwierige Frage. Genau wie die Frage, ob Rot oder Blau der Schnellste war. Vermutlich hat mich das dazu bewogen Bionik zu studieren und die Übertragung von Mechanismen und Techniken der Natur zu meinem Lebensinhalt zu machen. Derzeit belege ich Gastsemester in den USA.

–  Jörg Francke derzeit Kalifornien

Max Dauthendey ¦ Die Kurzsichtige und der Komet ¦ Tatort Berlin

Max Dauthendey ¦ Die Kurzsichtige und der Komet

Aus: Geschichten aus den vier Winden – 1915

Max Dauthendey
Max Dauthendey

Es war in einem Winter, als die Astronomen von Europa einen bisher unbekannt gewesenen kleinen Kometen entdeckt hatten, der kurz nach Sonnenuntergang am Abendhimmel mit bloßen Augen zu sehen sein sollte, später in der Nacht aber hinterm Horizont verschwand.
In jenem Winter sah man täglich um die fünfte Abendstunde die Leute mit Operngläsern in den Händen auf verschiedenen freien Plätzen von Berlin sich zusammenrotten. Und einer versuchte vom andern die Stellung des neuen Kometen zu erfahren. Indessen der Wagenstrom laut und lärmend wie immer auf dem Straßendamm rollte, stockte auf den Bürgersteigen der Verkehr. Die Leute schoben und drängten und standen den Eilenden im Wege, und niemals haben zu gleicher Zeit nachts so viele Augen in den Sternen gesucht als in jenen Winterabenden in der Stunde nach Sonnenuntergang in Berlin und in ganz Europa.
Ich hatte mehrmals am Potsdamer Platz versucht, den Kometen für mich zu entdecken, aber die Lichtreklamen, die dort über den Kaffeehäusern und über den Dächern der Potsdamer Straße und der Königsgrätzer Straße gegen den Himmel auf- und abflammten, erschwerten das ruhige Betrachten des Nachthimmels.
Deshalb war ich eines Abends mit der elektrischen Straßenbahn nach dem südlichen Teil der Stadt zum Kreuzberg gefahren, um dort von den Parkanlagen des Hügels aus beschaulicher nach dem Kometen suchen zu können.
Als ich in der Nähe des Kreuzbergs aus der Straßenbahn stieg, bemerkte ich, daß viele Leute denselben Weg nahmen wie ich. Ganze Familien gingen in Reihen vor mir her. Auch laute Schulknaben, die sich zusammengerottet hatten, und stille Liebespaare stiegen dort in den Parkwegen hügelaufwärts, und Hunderte kamen vom Kreuzberg herunter. Es war ein allgemeines Wandern, als wäre da oben ein Jahrmarkt.
Die Wege waren ziemlich dunkel; selten brannte eine Laterne. Schnee lag in dünner Schicht vor den finstern Tannengruppen, und der klare, eisige Winterhimmel war trotz der späten Stunde noch leicht hell und schimmerte zwischen den finstern Bäumen.
Dort, wo es in den Anlagen ganz dunkel war und Treppenstufen zwischen künstlichen aufgetürmten Stufen emporstiegen, halfen sich die Menschen mit lautem Gelächter weiter. Die Heruntersteigenden lachten, und die Hinaufkletternden lachten. Und man tastete sich aneinander vorüber, und die jungen Mädchen, in Pelzmäntel vermummt, kicherten, und die jungen Männer erschreckten sie mit plötzlichen Zurufen; und mancher zündete ein Streichholz an, um ein Geländer oder eine Treppenstufe zu beleuchten.
Ich hatte mich an meinem Spazierstock bergauf getastet und traf, bald oben, auf der Höhe des Hügels unter den Bäumen eines verschneiten Grasplanes wohl hundert Menschen, die über die Häuserwelt von Berlin wegsahen und, gen Westen gewendet, den Himmel absuchten, wo die Sonne untergegangen war und ein Stückchen vom zunehmenden Mond blinkte.
Mir kam es aber vor, als ob keiner den Kometen wirklich fände, alle aber ihn im Geiste sahen. Und da sie ihn heftig gern zu sehen wünschten, deuteten sie auch alle nach einer Richtung, wo hier und da ein Stern blitzte, und jeder vermeinte, in diesem oder jenem Stern den Kometen zu sehen. Ich glaube, jeder fand sich seinen eigenen Kometen. Die, die keinen am Himmel entdeckten, fanden ihn sicher auf der Erde. Denn es streifte im Dunkeln manch blitzendes Auge umher. Alle Menschen hier hatten den einen Zweck, herumzustehen, und manche durften sich anreden und ihrer Redelust Luft machen und ihrer Wissenslust und ihrem Gefühlsdrang Raum geben beim Schauen in den aufrichtigen Nachthimmel, auf diesem Hügel, der da im weiten steinernen Häuserkranz Berlins wie eine Insel zwischen Wellenkämmen lag.
Man lieh sich gegenseitig Gläser und Brillen und Fernrohre. Man half sich, im nächtlichen Garten des Himmels spazierenzugehen, wobei die Augen als Füße dienten, und man unterstützte sich gegenseitig hilfreich im Lustwandeln am Nachtfirmament.
Manche Pärchen sonderten sich ab und setzten sich trotz Kälte und Schnee auf einsame Bänke, die da auf der Hügelhöhe standen.
Einige Knaben bildeten Gruppen, einzelne rauchten verbotene Zigaretten, und die anderen leisteten ihnen neidisch Gesellschaft.
Ältere Herren im Kreise von Bekannten erzählten von früheren Kometenjahren, und auch Fremde stellten sich um sie herum und gaben ihre Weisheit dazu.
Von der Stadt sah man nur einige mattgelb erleuchtete Straßenzüge mit unzähligen glitzernden Fenstern. Aber eigentlich fühlte man von der großen Stadt hier oben nichts mehr. Berlin war nur noch ein gespenstiger Körper rund um den Hügel, ein Körper, der sich ins Unendliche verlor und hier und da aus seinen Poren Feuerstaub zu atmen schien.
Ich hatte so eine Weile in Betrachtung der Stadt, der Menschen und des Himmels mich an meinem Stock gelehnt, den ich wagrecht gegen den Stamm eines Kiefernbaumes gestemmt hatte.
Vor mir lichtete und verdichtete sich das Gedränge der Menschen. Nur der Himmel über mir blieb immer gleich klar und unbeweglich.
Ich stellte mir eben vor: so aller Berufe entkleidet, so gleichgemacht und von dem einen einzigen Gedanken der Ewigkeit und Unendlichkeit entrückt, müßten auf irgendeinem Eiland, wenn es das gäbe, die Schatten der Gestorbenen umhergehen, aufgestiegen in Höhen, wo sich keine Weltunrast mehr findet, und hingegeben einzig dem Betrachten der Ewigkeit in uns und um uns . . .
Schatten gingen und neue Schatten kamen über den weißen, leicht beschneiten Grasflächen. Menschen lösten sich aus Bäumen, und andere schienen in Bäume zu verschwinden.
Der Schnee, der fein bläulich schimmerte wie eine Phosphormasse, schien mir aus weißen, eisigen Blüten zu bestehen, den Blumen der Vergessenheit, die diesem Eiland im Weltraum unklares Licht gaben, und über denen die Schatten der Menschen sich lautlos begegneten.
Sobald wir vergessen können, sind wir selbst nicht mehr und werden unendliches Gefühl ohne Wissen . . .
Wie ich noch diesem Gedanken nachhing, sah ich eine Dame, ein wenig vorgebeugt, mit unsicheren kleinen Schritten über den Schnee kommen, und ich erkannte sie sofort, trotzdem ich nichts sah als den schwarzen Schattenriß ihrer Gestalt. Sie war aus einer dunklen Baummasse hervorgetreten, und wie ein Teil des Dunkels erinnerte sie mich an Geschehnisse, an Herzenserlebnisse, die in meiner Vergangenheit lagen, in jener gespenstigen Vergangenheit, die wir im Rückblick Jugend nennen.
Wer kann aber sagen, daß er jemals altert!
Die zierliche kleine Dame kam näher, und ich sah, wie sie sich bückte. Zu beiden Seiten ihrer Füße stand je ein kleiner Hund, und sie band diese beiden Tierchen an einen Riemen. Die Tiere liefen dann aneinandergekoppelt vor ihr her, indessen sie die Riemenschnur in der Hand hielt.
Sie kam gerade auf den Baum zu, an dessen Stamm gestützt ich meinen Stock hielt. Mir schien es, als wollte sie die Hunde an den Baumstamm anbinden.
An ihrem Gang und ihrer Art merkte ich, daß sie noch immer sehr kurzsichtig war, und ich erinnerte mich jetzt, daß sie schon viele Abenteuer infolge dieser starken Kurzsichtigkeit hatte erleiden müssen.
Ich wollte abwarten, bis die Dame ihre Hunde an den Baum gebunden habe, und wollte dann zu ihr treten und sie begrüßen.
Wir hatten uns viele Jahre nicht gesehen, seit langen Jahren uns aus den Augen verloren, und vielleicht wäre es gar nicht gut, wenn ich die beinah Vergessene begrüßen würde. Vielleicht würden die Erinnerungen, die wir aufwühlen mußten, Martern werden.
Man lernt sein eigenes Wesen niemals ganz kennen und weiß niemals, wie tief die Wunden zuheilen. Wir wissen auch nicht, ob wir Unheilbares in uns tragen, oder ob wir unverwundbar sind. Solange wir atmen in diesem warmen Leibe, den wir uns aufgebaut haben, studieren wir diesen Leib, von dem wir wissen, daß er nur künstlich und vergänglich ist. Aber wir schaudern oft im geheimen vor seinem Dasein, weil unser Leib uns ebenso fremd bleibt wie unser ewiges Teil. Weil der Leib plötzlich im Blut Sehnsüchte wie Abgründe öffnen kann.
Gottlob, daß Leib und Seele nicht mit Zahlen, nicht mit Gesetzen, nicht mit Maßstäben, nicht mit Erfahrungen zu begreifen und zu ergründen sind. In seiner Unbegreiflichkeit ergänzt der sterbliche Teil den ewigen Teil.
Ich wußte nicht, sollte ich jene Dame grüßen oder sollte ich ihr ausweichen. Ich wollte eben meinen Spazierstock, den ich in der Höhe meiner Hüfte wagrecht gegen den Baumstamm gestellt hatte, zurückziehen und wollte einige Schritte weitergehen.
Da sehe und fühle ich erstaunend, daß die Dame ihre Foxterrier an meinen Spazierstock, den sie wohl für einen Baumast hielt, festband.
Ich hielt den Stock jetzt belustigt still, während mich der eine Hund beschnüffelte und der andere an seine Herrin hochsprang.
Diese war ganz in ihre mühsame Arbeit vertieft und band die Riemenschnur um meinen Stock zu einem festen Knoten. Vorher hatte sie ganz flüchtig mit ihrer behandschuhten Hand meinen nicht glatten, sondern etwas knorrigen Stock abgetastet und sich überzeugt, daß er fest genug war, um die beiden Hunde zu halten.
Viele Leute kamen und gingen. Ich fiel der Dame nicht weiter auf, sie hielt mich eben für einen der vielen Herumstehenden, die nach dem Kometen suchten.
Wie seltsam war dieses Wiedersehen! Tragisch-komisch, wie alle kurzsichtigen Abenteuer jener Dame.
Ich sah, daß sie ein Opernglas umhängen hatte, und zugleich baumelte an einer langen Kette über ihrem Mantel ein Lorgnon, das ich so gut aus früheren Jahren kannte.
Die Dame entfernte sich jetzt einige Schritte, nachdem sie ihren Hunden geboten hatte, sich niederzulegen.
Die Tiere aber gehorchten nicht gleich. Sie zerrten an der Schnur, und ich mußte mich mit meiner ganzen Kraft mit dem Stock gegen den Baum stützen und hatte alle Mühe, meinen Spazierstock festzuhalten.
Sie aber sah nichts anderes als ihre Hunde. Sie rief ihnen nochmals zu, und da sie glaubte, daß sie sie an einem Baumast festgebunden, ging sie weiter, wobei sie ihr Opernglas aus dem Lederbehälter nahm.
Ich kannte die Hunde beim Namen, und als die Dame weit genug über den Schnee fortgegangen war, flüsterte ich den Tieren ihre Namen zu. Sie sahen erstaunt nach mir und stellten das gemeinsame Kläffen ein, beschnüffelten mich nochmals, wedelten ein wenig belustigt mit ihren Schweifstummeln und setzten sich still zu meinen Füßen nebeneinander.
Ich nahm mir vor, die Terrier festzuhalten und meinen Stock einen Baumast vorstellen zu lassen, bis die Hunde von der Kurzsichtigen wieder abgeholt wurden.
Ich sah die zierliche Gestalt der Dame sich am Rand der Hügelfläche gegen den Nachthimmel abzeichnen und sah, wie sie abwechselnd das Lorgnon nahm und dann wieder das Opernglas, um unter den Menschen zu suchen und unter den Sternen am Himmel.
Es war eine Unruhe über ihr, die mir von ihrer Kurzsichtigkeit auszugehen schien. Und während alle Leute den Kometen im Westen finden wollten, hatte sie sich allein nach der östlichen Himmelsrichtung gewendet, wo sie den Kometen sicher niemals erblicken konnte. –
Wir hatten uns vor Jahren auf eine sonderbare Weise kennen gelernt.
Ich saß damals eines Tages auf der Terrasse des Café Josti am Potsdamer Platz. Es war an einem Nachmittag zur Pfingstzeit. Frühlingslebhaftigkeit war über allen Menschen. Blumenverkäuferinnen mit Flieder, Schneeballen und Pfingstrosen standen mit ihren breiten Körben draußen vor der Terrassenbrüstung neben den Zeitungsverkäufern. Damen mit neuen Sommerhüten und Herren mit neuen Strohhüten spazierten, eilten und schlenderten vorüber.
Die langen Reihen der Straßenbahnen, die Autos und Lastkarren stockten manchmal, wenn einer der vielen Polizisten an den breiten Straßenmündungen die weißbehandschuhte Hand hob.
Ich sah zufällig über den Platz hin und bemerkte, daß ein Schutzmann eine junge Dame, die mit zwei Foxterrier den Fahrdamm überschreiten wollte, herübergeleitete, und daß die Dame, am Trottoirrand angekommen, ihr Portemonnaie zog, um den Schutzmann ein Trinkgeld zu geben.
Die Umstehenden lachten. Der vielbeschäftigte Schutzmann aber grüßte nur kurz und ließ die Dame stehen. Diese erkannte die Verlegenheit, in die sie den Schutzmann und die Umstehenden gebracht hatte, und darüber etwas ratlos, gab sie das Geldstück, das sie nun einmal in der Hand hielt, einer Blumenverkäuferin.
Diese meinte natürlich, die Dame wolle eines ihrer kleinen Moosrosensträußchen kaufen, und beeilte sich, ihr einen Strauß aus ihrem Korb zu geben. Indessen schritt aber die Kurzsichtige schon zum Eingang der Terrasse des Cafés. Die Blumenverkäuferin wußte nun nicht, wem sie das Sträußchen geben sollte, und gab es einem Herrn, der den Verkauf beobachtet hatte, und bat ihn, der Dame nachzueilen.
Der Herr lachte und holte die Dame gerade am Eingang des Cafés ein. Dort zog er höflich den neuen Strohhut, verneigte sich und reichte der Kurzsichtigen den kleinen Rosenstrauß. Sie sah den Herrn erstaunt von der Seite an. Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, ließ sie ihn mit den Blumen stehen, denn sie hielt ihn augenscheinlich für einen Zudringlichen und glaubte wahrscheinlich, die Überreichung des Sträußchens bezwecke eine Annäherung. Dann stieg die Dame die wenigen Stufen zur Caféhausterrasse empor, und die Foxterrier, die in der Hitze mit offenen Mäulern stoßweise atmeten, zogen die Dame seltsamerweise nach meinem Tisch hin.
Vielleicht hatten die Terrier mein Interesse, das ich an ihrer Herrin nahm, in Fernwirkung empfunden. Denn ich hatte die Ankommende zwischen, über und neben den Köpfen der um mich Sitzenden mit meinen Augen aufmerksam verfolgt.
Und nun saß sie nach einer Weile neben mir. Die Hunde lagen unter dem Tisch. Sie entnahm einer Handtasche ein kleines Taschentuch und säuberte eifrig die Gläser ihres Lorgnons.
Sie war unauffällig geschmackvoll gekleidet. Ich erinnere mich, daß ein großer, brauner Strohhut mit sehr breiter Krempe mir ihr Gesicht verdeckte, das ich nur einen Augenblick vorher gesehen hatte. Es war mild und blaß, und zwei dunkelbraune Augen schauten aus ihm in die Welt, ohne die Welt genau zu sehen.
Die Dame kam mir damals vor, als ginge sie in einer Dunkelheit und müsse sich im Gehen und Handeln mehr auf ihren Instinkt als auf ihre Augen verlassen.
Sie hatte bei dem vorüberrennenden Kellner eine Limonade bestellt. Der Kellner hatte mir eben auch meine Limonade gebracht. Ich las dann aber in meiner Zeitung weiter und wurde für ein paar Augenblicke von einem Artikel gefesselt. Als ich wieder aufsah, trank die Kurzsichtige neben mir meine Limonade aus meinem Glase.
Ich rührte mich nicht und ließ die Dame im Glauben, daß das ihre Limonade war. Bis der Kellner kam, hatte sie das Glas ausgetrunken. Und als er die bestellte Limonade vor sie hinsetzte, sah sie ihn erstaunt an, nahm ihr Lorgnon vor die Augen und bemerkte nun auch mich. Aus ihren Bewegungen konnte ich ersehen, wie sie sich über sich ärgerte. Ich dachte, sie würde mir jetzt ihre Limonade anbieten und eine Entschuldigung vorbringen. Sie aber ließ ihr Lorgnon fallen, zuckte mit der einen Schulter, legte rasch Geld aus ihrem Portemonnaie auf den Tisch und murmelte dabei: »Das ist doch unverschämt.« Dann stand sie mit einem Rucke auf, zog ihre Hunde, die sich eben zum Schlafen hingestreckt hatten, hinter sich her und verließ offensichtlich geärgert die Terrasse.
In der Schnelligkeit hatte sie nicht bemerkt, daß ihr Taschentuch von ihrem Schoß unter den Tisch gefallen war. Ich war aber durch den Ausspruch »Das ist unverschämt« so verwundert, daß ich mich nicht gleich bücken mochte. Dann aber belustigte mich das Ganze. Ich nahm das Taschentuch an mich, und als der Kellner kam, fragte ich ihn, ob er die Dame kenne, die eben da gesessen.
»Ja,« sagte er, »sie hat ein paar Mal morgens ihren Kaffee hier getrunken. Sie scheint sehr zerstreut zu sein. Neulich hat sie in Gedanken unsere Getränkekarte beim Aufstehen mitgenommen, und als einer von uns sie darauf aufmerksam machte, zeigte es sich, daß sie geglaubt hatte, ihr Notenheft in der Hand zu halten. Sie ist Musikschülerin, und ich sah sie auch schon öfters mit einem Geigenkästen vorübergehen. Sie muß hier in der Nähe wohnen.«
Ich hatte das Taschentuch zu mir gesteckt und mir vorgenommen, es der jungen Dame selbst auszuhändigen, wenn ich sie einmal wieder sehen sollte.
Gleich am nächsten Nachmittag, ungefähr um die selbe Stunde, traf ich die Kurzsichtige wieder. Diesmal war sie ohne ihre Hunde.
Sie stand an dem Schaufenster eines Photographen und betrachtete durch ihr Lorgnon die Bilder. Der Kasten befand sich dicht an einer Straßenecke.
Ich war auf der anderen Seite der Straße und mußte einige Automobile vorüberfahren lassen, ehe ich den Fahrdamm überschreiten konnte. Als ich dann durch das Wagengedränge hinüberkam, sah ich, wie die Dame, immer noch mit dem Lorgnon vor den Augen, um die Ecke der Straße ging. Dort mußte sich ein zweiter Photographenkasten befinden, denn sie sah mit voller Aufmerksamkeit gegen das Haus.
Ich zögerte einen Augenblick, ihr sofort zu folgen, und stellte mich vor die Bilder an den Kasten, vor dem sie vorher gestanden. Mein Herz klopfte ein wenig, als ich überlegte, mit welchen Worten ich ihr das Taschentuch überreichen sollte hier an der Straßenecke. Wahrscheinlich würde sie mich gar nicht anhören, wenn ich mich verbeugen und meinen Hut ziehen würde. Vielleicht würde sie mich kurz angebunden stehen lassen, wie sie den Herrn neulich mit dem von ihr selbst bezahlten Rosenstrauß hatte stehen lassen.
Nur wenige Augenblicke überlegte ich das alles und stellte mir vor: wenn ich jetzt um die Ecke des Hauses treten würde, wollte ich mich zuerst neben sie stellen und die Widerspiegelung ihres Gesichtes in dem Schaukasten ein wenig beobachten, ehe ich sie anspräche. Ich konnte sehen, daß sie noch dort stand, denn ich sah die Spitze ihres grünseidenen Sonnenschirms.
Zugleich bemerkte ich aber jetzt, daß die meisten Leute, die an der Dame vorübergegangen waren und um jene Straßenecke bogen, sich erstaunt, verblüfft oder belustigt lachend nach ihr, die nur mir noch verborgen war, umsahen.
Es war doch nicht möglich, daß sie alle diese Leute kannte! Auch sah ich nicht, daß ein einziger von ihnen grüßte oder gegrüßt hatte. Einige sogar kehrten um, und ich sah an den Schatten, die über den weißen Asphalt der Straße fielen, daß sich Menschen dort ansammelten, wo sie stand.
Was ist da nur so Urkomisches an dem Schaukasten des Photographen zu sehen, fragte ich mich.
Ich trat nun um die Ecke des Hauses. Da war gar kein Photographenkasten an der Wand. Da war auch kein Plakat, keine Inschrift. Da war nur eine leere Mauer, eine einfach gekalkte Wand, an deren Mörtel für mich nichts zu sehen war. Aber vor der Wand stand jene Dame, die ich suchte, mit ihrem Lorgnon vor den Augen und sah so hin und her an der Wand, ein wenig hinauf, ein wenig zur Seite, ebenso wie sie es vorher vor dem Schaufenster getan hatte.
In einigem Abstand hinter ihr waren die Leute stehen geblieben, vorübergehende Herren und Damen, Dienstboten und Arbeiter, die sich mit Gesten und Blicken stumme Zeichen machten.
Ich begriff nun: die Kurzsichtige mußte tief in Gedanken sein, und weil sie an der einen Seite der Ecke vorher Bilder betrachtet hatte, schien sie auch hier Bilder erwartet zu haben, und schien im Geist auch solche zu sehen.
Das Ganze spielte nur wenige Sekunden. Dann schien die Dame sich bewußt zu werden, daß die Wand leer war.
Auf diesen Augenblick mußten alle Umstehenden gewartet haben. Mit demselben Ruck, mit dem die Kurzsichtige gestern vom Tisch aufgestanden war, trennte sie sich plötzlich von der leeren Wand, erleuchtet von einer schreckhaften Erkenntnis ihrer Zerstreutheit. Dann schob sie das Lorgnon zusammen und schritt energisch an den Leuten vorbei, in Flucht vor dem grausamen Lächeln der anderen. Sie überquerte den Fahrdamm und trat drüben mit demselben Ruck und Eifer in einen Schreibwarenladen ein.
Nun wußte ich, ich würde ihr öfters begegnen, und ich beeilte mich nicht, ihr mit dem Taschentuch nachzulaufen. Ich hatte an ihrem Gang gemerkt, daß sie in dieser Straße zu Hause war. Sie schien immer zu dieser Stunde Besorgungen oder einen Spaziergang zu machen.
Ich hatte aber nicht gedacht, daß ich bald ihren Namen erfahren würde, ohne sie danach gefragt zu haben.
Einen Tag später merkte ich zu meinem Erstaunen, daß von dem Schreibwarenladen, in welchem jene Dame neulich eingetreten war, bis zu einem Haus nahe bei jenem, in welchem meine Wohnung lag, Visitenkarten reihenweise hingefallen lagen. Es regnete, und einige Karten waren von den Füßen der Straßengänger in den Rinnstein geschoben worden. Dort schwammen sie im Regenbach entlang der Straße, wie weiße, kleine Gondeln.
Als ich eben an der Haustüre, wo das letzte Visitenkartenhäufchen lag, vorübergehen wollte, öffnete sich diese und eine Frau trat heraus, die die Hausmeisterin jenes Hauses sein mußte. Sie schlug die Hände zusammen und sah schmunzelnd und lachend auf die verlorenen Karten. Und als sie mich auch staunen sah, erklärte sie mir, in ihrem Hause wohne eine kurzsichtige und sehr zerstreute Geigenspielerin. Die habe ein Paketchen Visitenkarten so ungeschickt nach Hause getragen, daß sie alle Karten auf dem Wege zwischen dem Laden und der Haustüre verloren habe. Die Schachtel, die seitlich zu öffnen gewesen, habe sie leer nach Hause gebracht, da die Gummischnur unterwegs zerrissen war, die das Päckchen zusammengehalten hatte. Die Dame schäme sich nun fürchterlich oben in ihrem Zimmer, und darum habe sie die Hausmeisterin gebeten, hinauszugehen und die Visitenkarten aufzulesen.
Ich benützte die Gelegenheit und gab der Hausmeisterin, als sie mir eine Visitenkarte gezeigt hatte, das Taschentuch, das die Dame neulich im Café hatte liegen lassen.
»O,« sagte die Frau, »sie weiß nie, wohin ihre Taschentücher verschwinden. Aber über die ganze Stadt liegen ihre Taschentücher zerstreut.«
Dann fragte mich die Hausmeisterin, ob ich der Herr sei, der im Nebenhause die Atelierwohnung gemietet habe.
Als ich es bejahte, sagte sie, das kurzsichtige Fräulein habe die gleiche Wohnung in diesem Hause, Atelier, Schlafzimmer und Küche. Die Häuser seien Zwillingshäuser und hätten dieselbe Einteilung.
Da schoß es mir durch den Kopf, daß vor einigen Wochen jemand nachts um zwölf Uhr, als ich mich ausgekleidet hatte, um zu Bett zu gehen, am Schloß meiner Flurtür mit einem Schlüssel herumgestochert hatte. Erst hatte ich geglaubt, es wäre ein Einbrecher, dann war mir das Geräusch doch zu selbstverständlich erschienen, und ich dachte, es müßte sich jemand im Stockwerk geirrt haben. Als nun die Hausmeisterin weiter erzählte, daß die kurzsichtige Dame eines Nachts die Haustüren verwechselt hätte, wußte ich, daß es die Kurzsichtige gewesen war, die mich an meiner Tür erschreckt hatte.
Am nächsten Nachmittag war schönes Wetter, und ich stellte mich ans Fenster, um die Dame, wenn sie ausgehen würde, zu beobachten. Sie kam auch, wie ich mir gedacht hatte. Sie hielt in der einen Hand einen Brief, und dann sah ich, wie sie den Brief in ihre Seitentasche schob und langsamen Schrittes am Bürgersteig hinging bis zum nächsten Briefkasten. Dort aber steckte sie nicht den Brief in den Kasten, sondern ein kleines Futteral, das nur ein Brillenfutteral sein konnte.
Ich mußte herzlich für mich lachen. Ich sah der Dame weiter nach. Sie überschritt die Straße und ging in eine Konditorei, wo sie in einem stillen Hinterzimmer ungestört ihren Nachmittagskaffee trinken wollte.
Die Arme hat ihre Brille in den Briefkasten geworfen und wird sie sehr bald vermissen! Ich muß ihr die Brille wieder verschaffen und sie ihr in die Konditorei bringen.
Sie war wie eine hübsche kleine Japanerin, harmlos und gedankenvoll, scheinbar immer der Welt entrückt.
Ich nahm Hut und Stock und ging hinunter an den Briefkasten und wartete, bis der Radler auf seinem Postrad kam, der den Briefkästen in seine große braune Leinwandtasche leeren sollte. Ich sagte ihm, ich hätte aus Versehen mit einem Brief zusammen mein Brillenfutteral in den Briefkasten gesteckt.
Er begriff mich erst nicht, und ich mußte meine Rede wiederholen. Dann lachte er, und mich ein wenig geringschätzig von Kopf bis zu Fuß ansehend, wie man einen bedauerlichen Dummkopf betrachtet, händigte er mir, nachdem er den Kasten aufgeschlossen, ein viel gebrauchtes und abgenütztes Brillenfutteral ein, in welchem eine Brille klapperte.
In der Konditorei drüben fand ich die Dame dann bei einer Zeitung sitzend.
Ich näherte mich ihr. Sie hatte ihr Lorgnon schnell bei der Hand, und es kam mir vor, als habe sie mich erstaunlicherweise erkannt; und doch war sie ein wenig sprachlos, denn wir kannten uns ja gar nicht. Aber die Hausmeisterin mußte ihr erzählt haben, daß ich ihr Taschentuch aufgehoben hatte.
»Können Sie denn meinen Brief schon haben?« fragte sie. Bin ich denn stundenlang hier gesessen und weiß es gar nicht? setzten ihre unruhigen Augen hinzu.
»Nein, Ihren Brief habe ich nicht bekommen. Aber ich habe Ihr Brillenfutteral, das ich Ihnen hier bringe.«
»Um Gottes willen, wo habe ich das wieder liegen lassen?« stieß sie gequält hervor und sank auf einen Stuhl.
»Im Briefkasten lag es,« sagte ich und zwang mich, ein möglichst harmloses Gesicht zu machen.
Sie begriff sofort, und mit jenem Ruck, den es ihr immer gab, wenn eine blitzartige Erkenntnis über sie kam, griff sie nach ihrer Manteltasche und tastete darin nach dem Brief, den ich knistern hörte.
Ohne aber den Brief aus der Tasche zu ziehen, bat sie mich, Platz zu nehmen, und berichtete mir, sie habe mir geschrieben und für das Taschentuch gedankt und zugleich um Entschuldigung gebeten, daß sie einen harten Ausdruck gegen mich gebraucht habe. Das Wort »unverschämt« sei ihr aber entfahren, weil sie mich für jenen Herrn gehalten habe, der ihr unverschämterweise einen Rosenstrauß am Eingang des Cafés angeboten. Sie hätte im Brief dazugesetzt, daß sie sich persönlich entschuldigen wollte, wenn wir uns einmal begegnen würden.
Dann erzählte sie mir seufzend, daß ihre Kurzsichtigkeit und ihre Zerstreutheit ihr schon viel Schabernack gespielt habe.
Das wußte ich schon. Wir sprachen dann von etwas anderem, von Musik, von Tagesangelegenheiten, und waren nach einer Weile wie alte Bekannte geworden.
Die Konditorei hatte noch ein kleines Nebenzimmer, in welchem an einer Säule ein Springbrunnen plätscherte, um den Wassergläser standen, die zum Kaffee gereicht wurden.
Der Springbrunnen störte mich ein wenig mit seinem plätschernden Laut, der so einförmig wie ein Regenfall war. Es fiel mir auf, daß während unseres Gespräches die kurzsichtige Dame öfters leicht bekümmert zur Seite horchte, und dann sprach sie vom schlechten Wetter der letzten Tage.
Ich hielt das für eine Eigenart von ihr und dachte, sie leide vielleicht bei schlechtem Wetter an Gliederreißen oder etwas Ähnlichem.
Nach einer Weile stand ich auf und verabschiedete mich von ihr. Sie sagte, daß sie das Wetter erst abwarten wollte.
Ich glaubte, sie fühle ein heraufziehendes Gewitter kommen und fürchte sich zu Hause allein zu sein.
Ich ging, und als ich nach ein paar Stunden wieder am Laden vorüberkam – es war inzwischen kein Unwetter gewesen, schöner stiller Himmel und Sommerabend voll Sterne und Klarheit –, da stand der Konditor unter der Türe und blinzelte mir mit den Augen zu und sagte:
»Ihre Dame ist eben erst fortgegangen!«
»Welche Dame?« fragte ich ganz in Gedanken und erstaunt.
»Nun, die Kurzsichtige, die im Hause neben Ihnen wohnt. Sie hat beim Geräusch von meinem Springbrunnen geglaubt, daß es regnet, und hat Kaffee getrunken und Chokolade getrunken und Limonade getrunken und alle Zeitungen gelesen, weil sie bei dem trostlosen Regenabend, wie sie sagte, nicht zu Hause sitzen wollte, und weil sie ein Kleid anhatte, von dem sie behauptete, daß es von den Regentropfen Flecken bekommen könnte. Dann hat sie gegessen und getrunken und gelesen. Endlich hat sie einen meiner Gehilfen zu sich gerufen und hat ihn zu ihrer Hausmeisterin hinübergeschickt und hat sich ihren Schirm holen lassen. Die Frau konnte gar nicht begreifen, warum das gnädige Fräulein bei dem schönen klaren Abend einen Schirm nötig habe. Wir waren ebenfalls sehr erstaunt, bis die Dame beim Fortgehen zur Ladentür kam und verwundert entdeckte, daß kein Tropfen Regen fiel. Dann ist sie aber ganz wütend über sich selbst fortgerannt, und war wahrscheinlich ärgerlich, daß sie den schönen Abend im Laden verbracht und den plätschernden Springbrunnen für einen Regen gehalten hatte.
Sie lebte das Leben auf ihre eigene Weise. Und als ich sie einmal befragte, ob sie sich nicht fürchte, überfahren zu werden, wenn sie so in Gedanken sei, sagte sie: »Nein, ich habe meinen eigenen Gott, dessen Schutz ich mich immer empfehle.«
»Was ist das für ein Gott?« fragte ich.
»Der Gott der Idioten,« sagte sie schmunzelnd und kicherte ein feines Lachen, das ihr sehr gut stand.
Unter anderem war ihr auch einmal passiert, daß sie nach einem Mittagessen in einem Restaurant beim Fortgehen einen großen silbernen Löffel senkrecht vor sich hergetragen. Und als der Kellner sie aufmerksam gemacht, daß sie ja einen silbernen Löffel mitnähme, war sie zu Tod erschrocken gewesen, denn sie hatte geglaubt, sie halte den silbernen Griff ihres Sonnenschirms in der Hand.
Als ich sie dann zum letztenmal sah, es war an einem Hochsommerabend, da ich von einem Ausflug heimradelte, begegnete sie mir in unserer Straße. Sie schien sehr in Hast zu sein, als wenn sich wieder etwas ereignet hätte, was sie kopflos machte.
Ich ließ meine Fahrradklingel trillern, vielleicht etwas heftiger als sonst, da ich die Dame zum Aufschauen zwingen wollte, um sie grüßen zu können. Aber mein Schrecken war groß. Kaum, daß meine Glocke schrillte, lag die junge Dame flach auf der Erde wie umgeklappt, als wenn ein unsichtbares Fahrrad über sie fortgeradelt wäre.
Ich sprang ab und half ihr auf und entschuldigte mich, sie erschreckt zu haben.
Sie war tief in Gedanken gewesen, sagte sie, und das laute Klingeln schien ihr so nah, daß sie sich geduckt hatte, ausgeglitten und gefallen war mit dem Gefühl, sie sei überfahren worden.
Nachdem sie sich aufgerichtet und ein wenig erholt hatte, erklärte sie mir, sie wäre so schreckhaft, weil oben bei ihr ein betrunkener Mensch auf der Treppe läge. Sie wolle morgen aufs Land reisen und habe ihren Koffer gepackt, und sie würde erst im Herbst in die Stadt zurückkehren. Sie fürchtete, der Betrunkene sei vielleicht ein Einbrecher gewesen, der sie bestohlen habe. Sie habe die Hausmeisterin rufen wollen, diese sei aber nicht zu Hause gewesen, und nun wäre sie fortgerannt, um an der nächsten Straßenecke einen Polizisten zu holen, denn jener liege quer über den Treppenabsatz, und sie getraue sich nicht, über ihn hinwegzusteigen.
Ich erbot mich mit ihr hinaufzugehen, um den Betrunkenen aufzuwecken und fortzuweisen.
Sie dankte mir, und wir gingen in ihr Haus, und atemlos horchend stiegen wir zusammen hinauf.
In dem Stockwerk, das unter ihrer Wohnung lag, sagte ich, sie solle warten. Mit meinem Stock tüchtig aufstampfend, um den unverschämten Eindringling zu stören, ging ich allein höher.
Nichts regte sich in der Dämmerung des Treppenhauses. Auf dem Treppenabsatz stand in der Ecke ein gepackter Korbkoffer und quer bei der Treppe, in einen Plaidriemen eingeschnallt, lag ein langer zusammengerollter Reiseschal. Diesen muß die Kurzsichtige für einen Menschen gehalten haben.
Ich rief ins Treppenhaus hinunter, und die Dame kam scheu und vorsichtig heraufgestiegen und wollte es mir nicht glauben, daß kein Mensch da wäre und daß nur ihr zusammengerollter Reiseschal sie erschreckt hätte. Sie behauptete, der Mensch wäre fortgelaufen.
Ich sah es ihr an, wie sie sich schämte, es sich selbst einzugestehen, daß sie wieder getäuscht worden sei. Ich fragte, ob sie den Menschen durch ihr Lorgnon gesehen hätte. Nein, sie hatte ihr Lorgnon vergessen, wollte aber trotzdem nicht zugeben, daß sie den Reiseschal für einen Menschen angesehen hatte. Dann bat sie mich, da ich mal oben war, einen Augenblick bei ihr einzutreten.
Drinnen in den Zimmern war alles in größter Unordnung. Wie buntes Gemüse lagen die Dinge durcheinander, und sie entschuldigte sich, daß sie mit dem Packen noch nicht fertig sei. Ich mußte zwischen verschiedenen Gegenständen in einer Ecke des Sofas Platz nehmen.
Dann ging sie in die Küche, wo die Terrier eingeschlossen waren, die ihr sehr zugetan schienen. Sie konnte aber den Knoten der Schnur, die an die Türklinke angebunden war, nicht aufmachen, und so ging ich hinzu und half ihr.
Mein Blick fiel zufällig, während ich den Knoten löste, auf einen Kohlenkasten, der da stand, und ich wurde von ein paar seltsam blauen Papieren, die dort lagen, angezogen. Es schienen zerknitterte Geldscheine zu sein. Ich hob dann auch wirklich ein paar Hundertmarkscheine auf, die, wie sich herausstellte, das ganze Reisegeld der Dame waren. Das Geld hatte sie vorher erst von der Bank geholt. In der Meinung, es seien alte blaue Briefumschläge, hatte sie die Geldscheine in der Hast des Packens fortgeworfen, während sie den leeren Briefumschlag sorgfältig in ihre Handtasche gesteckt hatte.
Nun begann sie vor Schrecken zu weinen, und wie zu ihrer Entschuldigung sagte sie:
»Jemand hat mir nicht nur mein Herz, sondern auch meinen Kopf gestohlen.«
Später, als sie mir sehr schön auf ihrer Violine vorgespielt hatte, sagte ich ihr, sie müsse mir das Bild dessen zeigen, der sie dem Gott der Idioten ausgeliefert habe.
Sie zeigte mir das Bild eines jungen Kapellmeisters, der außer einem großen Haarbüschel, der ihm in die Stirn hing, nichts besonderes zu bieten schien. Und ich war sicher, daß auch hier, in der Liebe zu dem Musikanten, ihre Kurzsichtigkeit ihr einen Streich spielte. Sicher liebte sie mehr die unklare Vorstellung, die sie sich von dem Menschen machte, als das klare Bild des Mannes selbst, das sie niemals sehen konnte.
Ich war eifersüchtig auf diesen Haarmenschen, das fühlte ich, und ich fühlte auch, wie leicht es sein würde, diesen Nebenbuhler zu verdrängen, der, wie mir schien, seine Rolle im Herzen der jungen Dame bereits ausgespielt hatte. Ich tat, wozu mich mein Herz drängte, und warb von dieser Stunde an um jenes Mädchen. Ich folgte ihr nach aufs Land, wo sie den Sommer verbrachte, und im nächsten Winter besuchte ich in Berlin mit ihr Konzerte und Vergnügungen.
Nachdem wir glückliche Monate verlebt hatten, in denen ich ihre Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit zuerst als eine belustigende Lebenswürze genossen hatte, wurde ich allmählich von dem Doppelleben, das sie führte, nervös, denn es war auf die Dauer unheimlich, wieviel Zeit und Lebenskraft sie aufwenden mußte, um die Abenteuer zu überstehen, die ihr ihre Zerstreutheit und Kurzsichtigkeit bereiteten. Und Tage reichten oft nicht aus, gut zu machen, was sie in Sekunden der Zerstreutheit harmlos sich und anderen angetan hatte.
Sie ging später auf Konzertreisen, und wir schrieben uns immer seltener. Ohne daß wir uns Vorwürfe machten, fühlten wir beide, daß die Zeit unserer Innigkeit vorüber war. Die junge Dame fand viele Verehrer, denn sie war liebreizend und von heiterer Gemütsart und wurde nicht einmal verstimmt, wenn sie an ihre Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit erinnert wurde. –
Nun stand sie dort, nicht weit von mir, im Schnee und suchte den Kometen, der im Westen stand, mit ihrem Opernglas im Osten. Und ich hielt ihre beiden Terrier, die zitternd zu meinen Füßen saßen, an meinem Spazierstock, den sie für einen Baumast gehalten hatte, fest.
Bald aber bemerkte ich, daß meine Freundin ihr Opernglas gar nicht mehr zum Himmel richtete, sondern daß sie den Hügelabhang hinuntersah, wo immer noch einzelne Menschen bergauf stiegen.
Während ihre Augen noch suchten, trat die dunkle Gestalt eines jungen Mannes an ihre Seite. Er hielt einen Schneeballen in der Hand. Er schien sie zu begrüßen und schien der zu sein, den sie mit ihrem Opernglas im Himmel und auf Erden gesucht hatte. Er streckte ihr den Schneeballen hin, den sie in ihrer Kurzsichtigkeit für seine Hand hielt, worüber er laut auflachte. Worauf sie den Schneeballen nahm und ihm denselben vertraulich an die Brust warf.
Da zog ich meinen Stock vom Baum zurück und streifte den Riemen, an denen die Hunde gebunden waren, vom Spazierstock ab und sagte zu den beiden Tieren: »Lauft!«
Die munteren Tiere verstanden mich sofort und sprangen kläffend zu ihrer Herrin. Ich ging indessen langsam zu einer Bank, wo ich mich niedersetzte.
Von der Kurzsichtigen hörte ich einen Ausruf des Erstaunens. Sie glaubte, die Hunde hätten den Baumast abgebrochen.
Der junge Mann lachte und rief laut: »Das glaube ich niemals. Du wirst die Hunde an die Luft angebunden haben.«
Ich hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige geben mögen, da er so respektlos zu ihr sprach. Aber ich sagte mir, er wird wahrscheinlich mit ihr schon hundert ähnliche Fälle erlebt haben und hatte das Recht zum Lachen.
Nun hörte ich, wie die junge Dame sagte, sie wolle den Baumast ansehen. Er könne sich überzeugen. Der Ast müsse abgebrochen sein.
Ich sah, wie sie zum Baum ging und dort in die Luft fühlte, wo mein Stock gewesen. Aber da war in ihrer Handhöhe weder oben noch unten irgendein Zweig am Stamm. In doppelter Menschenhöhe erst setzten die Zweige der Tanne an.
Sie sah sprachlos am Baum empor und begriff jetzt erst, daß sie sich getäuscht haben müsse.
»Aber es war doch ein daumendicker Ast da,« hörte ich sie versichern.
»Was du gesehen und gefühlt hast, braucht noch lange nicht ein Ast gewesen zu sein,« höhnte der junge Mann.
»Es war ein Ast. Ich habe das Holz gefühlt. Wo ich bin, ist die Welt immer verhext,« erklärte sie zuletzt. »Denke dir, was mir gestern wieder passiert ist!«
Sie kamen beide im Sprechen näher zur Bank, auf der ich mit hochgeschlagenem Mantelkragen und mit in die Stirn gezogener Pelzmütze saß und in den Himmel starrte. Ich brauchte bei ihrer Kurzsichtigkeit nicht zu fürchten, daß sie mich erkennen würde. Sie ließ sich in der Mitte der Bank nieder, kaum eine Handbreite von mir weg, während ihr Begleiter sich neben sie setzte.
»Gestern abend, als du nicht kamst, wollte ich mir die Zeit vertreiben, und da ich Appetit auf einen Pfannkuchen hatte und ich seit Ewigkeit keinen selbstgebackenen Pfannkuchen gegessen habe, ging ich aus, um alles zum Backen Nötige einzukaufen. Ich kaufte die Sachen gleich in allernächster Nachbarschaft, Milch, Mehl und Eier. Unterwegs kam ich an einem Postkartenstand vorbei, wo in kleinen offenen Kasten Ansichtspostkarten geschlichtet lagen. Ich bücke mich mit Milchflasche, Mehltüte und Eiertüte und gehe langsam an dem Kasten entlang und betrachte mir die Postkarten. Plötzlich höre ich einen glucksenden Laut und sehe, daß die letzten Tropfen meiner Milchflasche auslaufen. Ich hatte beim Entlanggehen an dem Kasten meinen ganzen Milchvorrat über die verschiedenen Serienfächer des Ansichtskartenverkaufes gegossen, denn der Kork hatte sich von der Flasche gelöst. Ich war außer mir vor Schrecken und rannte davon.
In meiner Aufregung presse ich aber unterwegs die Mehltüte und das Eierpaket fest an mich, um sie ja nicht zu verlieren. Bei meiner Haustür angekommen, scheint mir die Mehltüte unverhältnismäßig dünn geworden zu sein. Ich ahne nichts Gutes und bemerke auch zugleich hinter mir eine weiße Mehlfährte, die von der Postkartenhandlung bis zu meiner Haustüre führte. Die Tüte war geplatzt, und das Mehl war ausgelaufen. Ich warf die leere Tüte in den Rinnstein. Als ich oben in meinem Zimmer die Eiertüte öffnete, war nur noch eine gelbe Brühe und zerbrochene Eierschalen im Papier. Verzweifelt habe ich mich aufs Sofa gesetzt, habe gehungert und geweint und endlich musiziert.«
Diese letzten Worte sprach die Kurzsichtige zu mir, denn sie hatte wahrscheinlich vergessen, auf welcher Seite der Bank ihr Begleiter saß. Dann nahm sie ihr Lorgnon, und ich dachte schon, sie wolle sich klar machen, daß sie nach der falschen Seite hinsprach. Aber nein. Sie betrachtete meinen Stock, griff mit der Hand danach, immer noch meinend, daß ich ihr Begleiter sei und rief jubelnd:
»Da hast du ja den Baumast in der Hand! O, du Falscher, du hast ihn heimlich abgebrochen, damit ich glauben sollte, ich hätte mich geirrt.«
»Entschuldigen Sie, das ist mein Stock,« erwiderte ich ruhig und stand auf.
Ich wußte, sie hatte meine Stimme erkannt, denn es wurde grabstill neben mir. Da rief der junge Mann, der während der ganzen Zeit mit dem Opernglas den Himmel abgesucht hatte, laut:
»Ich habe den Kometen gefunden!«
Ich hörte noch wie sie tief aufatmete und doppelsinnig sagte: »Ich habe auch einen entdeckt, trotz meiner Kurzsichtigkeit, aber er ging so schnell, wie er einmal kam.«

Reisen | Max Dauthendey ¦ Himalajafinsternis

Max Dauthendey ¦ Himalajafinsternis

Aus: Geschichten aus den vier Winden – 1915

Max Dauthendey
Max Dauthendey

Das ist der Fluch und zugleich die Wollust des Reisens, daß es dir Orte, die dir vorher in der Unendlichkeit und in der Unerreichbarkeit lagen, endlich und erreichbar macht. Diese Endlichkeit und Erreichbarkeit zieht dir aber geistige Grenzen, die du nie mehr los werden wirst.
Wenn sich deine Seele, ohne daß dein Leib reist, an einen Ort hin versetzt, in dem du nie warst, so kann sie an dem Ort bald im Sonnenschein, bald im Regen, bald im Winter, bald im Frühling wandern, geisterleicht in einer Geisterlandschaft. Hast du aber den Ort einmal reisend mit deinem Leib erreicht und wirkliche Tage dort erlebt, so bist du dem Gefängnis der Wirklichkeit verfallen. Sobald du dich in späteren Jahren an den bereisten Ort im Geist zurückversetzt, kommst du nicht über die Grenzen der ehemaligen wirklichen Tage hinaus. Du siehst jenen Ort immer wieder, in ermüdender Wiederkehr, in derselben Tages- oder Jahreszeitstimmung, in der du ihn damals gesehen. Du kannst ihn nicht willkürlich mehr verwandeln. Du bist verdammt, ihn ewig genau so zu sehen, wie er sich dir auf der Reise gezeigt hat. Dies ist der Fluch, der die Seele des Reisenden belastet. Die Flügel der Geistigkeit werden ihm von der Wirklichkeit beschnitten. Der Vielgereiste haftet mehr an der Erde als der Niegereiste. Er erscheint mir sterblicher als die übrigen Sterblichen.
Es gibt eine einzige Möglichkeit, den Wirklichkeitsbann des Reisens zu durchbrechen und abzuschütteln. Das geschieht, wenn wir unsterbliche Erlebnisse heimbringen; wenn sich das Schicksal des Reisenden mit Menschenschicksalen fremder Orte so verknüpft, daß der Ort, die Landschaft, das Gesehene ganz an Bedeutung verlieren, ins Nichts sinken, und das am eigenen Schicksal Erfahrene Zeit, Ort und Wirklichkeit überragt.
Solche Erlebnisse sind selten, aber eins, zwei solcher Erlebnisse auf großen Reisen bleiben einem im Blut und Geist haften und überfallen einen zeitweise in der Erinnerung, und solche Erlebnisse können uns modernen Menschen den Schauer, die Ehrfurcht und die Erhebung ersetzen, die die früheren naiven Menschen in Gotteshäusern vor ihren Altären und Göttern empfanden, vor Göttern, die wir Modernen längst zum alten Eisen gelegt haben.

Mount Everest - Himalaya - Nuptse -Lhotse - Sagarmatha Foto: Simon Steinberger
Mount Everest – Himalaya – Nuptse -Lhotse – Sagarmatha Foto: Simon Steinberger

Ehe ich auf meinen Reisen oben im Himalajagebirge gewesen, konnte ich mir diese höchsten Erdzinken immer nur tief in weißem Schnee und unter ewig eisigblauem Himmel vorstellen, ähnlich den Erinnerungsbildern, die ich vom Montblanc, von den Dolomiten und den Schweizer Alpen mit mir trug. Jetzt aber, nachdem ich vor Jahren am Himalaja war, sehe ich dort im Geist keine ehernen Gletscher, keinen eisblauen Himmel mehr. Ich sehe dort die Erde grau in grau wandern, denn es war im Februar, als die Nebel aus der indischen Talsohle wie graue Felder heraufstiegen, Nebel in allen Schattierungen, in Schatten und Beleuchtungen wechselnd. Es war, als flögen die Berge; dann wieder versanken sie. In den Sternennächten wirbelten diese Nebel im Mondschein. Der riesige Himalaja schien sich fortzuwälzen. Bald stellten sich die Nebel wie Riesentreppen auf, schlugen sich zum Himmel hinauf und drehten sich um ihre Achsen wie ungeheuere Windmühlenflügel. Es blieb kein Oben, kein Unten, kein Links und kein Rechts mehr bestehen, als wäre der Himalaja eine Gedankenwelt geworden, in der sich fluchtartig Bilder und Eindrücke, Wirklichkeit und Unwirklichkeit jagten.
Siebentausend Fuß hoch oben in Darjeeling, dem weltbekannten Erholungsort der englisch-indischen Beamten, Offiziere und reichen Kaufleute, waren im Februar die meisten Villen geschlossen. Sie liegen mit ihren Glaswänden und Glasveranden wie aus Bergkristall aufgebaut an der Berglehne der hohen Gelände von Darjeeling. Dazwischen ziehen sich Teegärten mit niedrigem Teegebüsch hin, denn der Tropenbrodem, der vom großen indischen Reiche am Fuße des Himalaja zu den Höhen von Darjeeling heraufraucht, bringt einen Atem von Fruchtbarkeit über diese Südabhänge des Himalaja.
Heimgekehrt nach Europa, wäre ich jetzt, wenn ich an den Himalaja zurückdenke, ewig dazu verbannt, dort droben in Darjeeling den unendlichen, lautlosen, träufelnden Februarregen zu sehen, der aus den Nebelschwaden niedertroff, und ich müßte immer in die nebelwandernden Berge schauen, die mir nie mehr stillstehen würden, wäre mir nicht dort jenes Erlebnis begegnet, das mich zeitlos und weltlos ansieht, nicht gebunden an Tag und Jahreszeiten, sondern nur gebunden an die Allmenschlichkeit, an das Menschenherz, das rund um die Erde, an allen Orten gleich handelnd liebt und leidet, als wäre es ein einziges Herz.
darjeeling-197611_640Eines Nachmittags hatten mich die fünf Tibetaner, die meine Rikscha schoben, nach dem einzigen tibetanischen Tempel gefahren, der an einem Ende des Bergdorfes Darjeeling, nach langen Fahrten, auf verschlungenen Wegen erreicht wird. Der Tempel war einfach wie ein weißgekalktes Scheunenhaus und unterschied sich fast in nichts von tibetanischen Bauernhäusern. Er lag am senkrechten Abhang, von einigen verwilderten Bäumen umstanden, ein wenig einfach, und man hätte ihn ebensogut von weitem für einen kleinen Gasthof halten können.
Ich mußte einen nassen Vorgarten durchschreiten und hörte von weitem einen regelmäßig klingenden Ton. Es war der Laut der Gebetsmühlen, die nach jeder Umdrehung antönen. Unter dem Vordach des Tempelhauses stand eine mannshohe und mannsdicke gelbe Röhre aufgerichtet. Sie war von oben bis unten eng mit Gebeten beschrieben. Ein Tempelknabe in gelber Kutte drehte mit der Hand den gelben Zylinder, der sich auf einem Gestell rund um eine Achse bewegte. Jede Umdrehung des Zylinders galt soviel als das vollständige Ablesen der tausend Gebete, die eingedrängt auf ihr geschrieben waren.
Drinnen im Tempel war es dunkel wie in einem Stall. Hinter dicken Holzgittern standen die geschnitzten Götter, deren alte gebräunte Vergoldung kaum noch glänzte. Da war kein friedlicher Gott darunter. Alle Götter standen oder hockten in wilden verrenkten Stellungen, als wären sie den verzerrten Nebeln draußen nachgebildet.
tibet-811685_640Aus unzähligen Ölnäpfchen, voll kleiner Nachtlichter, flimmerten winzige Flämmchen. Wie die Futtertröge der Götter, so standen sie da vor den Gittern und nährten die speckigen Goldgesichter mit ihrem Ruß und belebten sie mit dem Gewimmel ihrer knisternden Flämmchen.
Nicht an allen Wänden standen Götterbilder. Es waren da Lücken, und dort am berußten und schmutzigen Wandkalk entdeckte ich Photographien, Ansichtspostkarten und Holzschnitte aus illustrierten englischen Zeitungen. Es waren Bilder von englischen, deutschen, französischen, russischen Prinzen und Generälen und Abbildungen von neuerfundenen Maschinen, Bilder, welche von den tibetanischen Priestern heilig gesprochen waren, vielleicht um den Europäern zu schmeicheln, vielleicht auch aus abergläubischer Furcht vor unbekannten fremden Seelenkräften.
Am Fußboden in einer Ecke bemerkte ich geleerte englische Bierflaschen. Ein paar tibetanische Priester mit glattrasierten kahlen Köpfen, in schmutziggelben Kutten, hockten am Boden und rauchten, lehnten mit dem Rücken an der Wand und stierten zur offenen Tür hinaus, zu der ein wenig Tageslicht in den fensterlosen Raum hereinfiel und glasig auf den Augäpfeln der Priester glänzte.
Die knisternden Reihen von Nachtlichtern, die blöden Augen der Priester und hie und da hinter den Gittern ein Götterbauch, an dessen abgenütztem Gold sich die Ölflämmchen spiegelten, der süßliche Tabakrauch aus den Priesterpfeifen und ein noch süßlicherer Geruch von erkaltetem Räucherwerk, die grotesken Papierfetzen aus illustrierten europäischen Zeitschriften, – dieser Wirrwarr von zeitlosem Spuk –, und draußen im Türviereck die ewig im Nebel fortwandernden Himalajaberge wie Spuklandschaften, die bald in den Himmel stiegen, bald zur Erde fielen, ein Nebelgekröse, das plötzlich bis zur Tür herankroch; die gelben Ungeheuer der Gebetmühlen, die sich einförmig drehten und in regelmäßigen Zwischenräumen mit einem dünnen Metallton anschlugen, – all das sah abenteuerlich aus, einfältig und ungeheuerlich zu gleicher Zeit. Denn es bestand schon seit Tausenden von Jahren und schien unvergänglich wie die Götter der Dummheit, die neben den Göttern des Verstandes und des Gefühls ewig die Erde beherrschen.

Foto: Monika Neumann
Foto: Monika Neumann

Aber wie die Abgründe draußen vor der Tempeltür, an deren Rändern das Schwindelgefühl saß, das Menschen, Tiere und Steinmassen in die Himalajaschluchten reißen konnte, so lag hinter dem Gefühl der dumpfen Dummheit, die in dieser stallartigen Tempelstube hockte, zugleich eine kaltblütige Grausamkeit. Sie blickte beinahe schelmisch aus den stieren Augen der kahlköpfigen tibetanischen Priester und grinste grotesk freundlich aus den lachenden Mäulern der Gesichtsmasken der im Halbdunkel hockenden Götterfiguren.
Meine fünf tibetanischen Wagenschieber, die wie Eskimos in sackartigen Kleidern vermummt steckten und von hünenhaften Kräften waren, fuhren mich dann im Rikschawagen zurück, an fast senkrechten Bergwegen hinauf. Dabei wieherten sie wie Pferdchen, meckerten wie Geißböcke und prusteten wie Walrosse. Zugleich verfolgten meinen Wagen drei tibetanische Riesenweiber, die ihre Schmuckketten aus kleinen blauen Türkisen, Brocken Bergkristall und Stücken ungereinigter Silberbronze, mit rötlichem Carneol verarbeitet, vom Hals und von den Armgelenken rissen und mir zum Verkauf vor mein Gesicht hielten. Immer gestikulierend sprangen die Tibetfrauen neben meinen Wagenrädern hin und her, umgeben von einer bellenden Schar wilder Himalajahunde.
Eine der Frauen nahm sich während des Springens die Türkisenohrringe ab, eine andere drehte von ihrer Hand einen plumpen Silberring mit rotem Carneolstein, die dritte zog sich bronzene Haarpfeile aus ihrem ungekämmten, verwilderten und vom Regen nassen Haarknoten. Einige Worte Englisch und hundert geschnatterte tibetanische Worte, durchsetzt mit Hundegebell und begleitet vom Gelächter und Geschnauf meiner schwitzenden Wagenschieber, schallten mir unausgesetzt vor den Ohren.
Endlich kaufte ich dem einen Weib einen Ring ab, und da der Rikschawagen an den Abhangwegen im Fahren keinen Augenblick halten konnte, wurde der bewegte Handel durch Zuwerfen des Ringes und Zurückwerfen des Geldes abgeschlossen.
Zwei der Frauen blieben jetzt zurück. Nur das dritte Weib, das immer noch ihre Haarpfeile verkaufslustig in der Luft schwang, haftete noch an der Seite meines Wagens, vom Gekläff der Hunde umgeben.
Als die Tibetanerin mich kaufunlustig sah, lockte sie mit den Augen, so daß ihr die Wagenschieber tibetanische Scherzworte zuriefen, gegen die sie sich eifrig verteidigte. Da mich die Haarpfeile nicht reizten und des Weibes Augen mich nicht überreden konnten, fuhr sie, immer neben dem Wagen herspringend, mit den Händen in die Falten ihres sackgroben Mantelkleides und fand in irgend einer Tasche eine kleine Silberkette, die mir aber ebensowenig gefiel. Zugleich aber, wie sie die Kette in der Luft schüttelte, flog, zwischen ihren Fingern durch, ein kleines Bronzeamulett, das an einer Darmseite angebunden gewesen, und flog zu mir in den Wagen auf meinen Schoß.
Mit einem Blick sah ich, daß das Amulett ein echtes kleines Bronze-Götzenbild war, nicht größer als ein Fingerglied. Es stellte in viereckigen primitiven Formen zwei winzige Menschen dar, einen nackten Mann, an welchem eine nackte Frau emporkletterte.

Foto: 简体中文
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Ich schloß meine Hand, in die das Amulett gefallen war, griff mit der andern Hand in meine Westentasche, in der ich loses Silbergeld trug, und warf dem Weib ein paar große Silbermünzen zu. Sie sah mich erstaunt an, fing blitzschnell das Geld auf und blieb zurück. Zufällig bog der Wagen um eine Wegecke. Ich konnte jetzt das Weib, das in dem Haufen der bellenden Hunde stillstand, noch einmal von weitem sehen. Sie schüttelte fortwährend den Kopf, als verstünde sie nicht, wie sie zu dem Gelde gekommen sei. Sie hielt die Haarpfeile im Mund zwischen den Zähnen und wickelte die Geldstücke in ein kleines Stückchen gelben Tuches. Vielleicht war es dasselbe Stückchen Tuch, in welchem vorher die Silberkette und das Amulett eingewickelt gewesen.
Ich vergaß die Begebenheit, denn es ereignete sich jeden Augenblick viel Neues in der mich umgebenden Reisewelt. Ich entsinne mich nur, daß, als ich eine halbe Stunde später im Hotel das Amulett betrachtete, mir nicht mehr dieses eine Weib in Erinnerung kam, sondern die zwei anderen, die zurückgeblieben waren, und deren Wangen mit einer roten Masse eingerieben waren. Ich fragte einen der tibetanischen Fellverkäufer, die in der Vorhalle des Hotels bei ihren Pelzwaren kauerten, und die alle Englisch sprachen, mit was sich die Weiber hier die Wangen einrieben, daß sie so braunrot würden. Er sagte, daß die Farbe Ochsenblut sei. Aber nur die Witwen bestreichen sich die Wangen mit Ochsenblut und nur diejenigen Witfrauen, die den Männern zeigen möchten, daß sie wieder heiraten wollen.
Während ich noch sprach, läutete die erste Dinnerglocke im Stiegenhaus des Hotels, die Glocke, welche die reisenden Damen und Herren darauf aufmerksam macht, daß es an der Zeit ist, sich für das Mittagessen, daß um 7 Uhr serviert wird, umzukleiden. Denn auch hoch oben im Himalaja erscheinen die englischen Herren abends in Frack und Smoking und die Damen in Schleppkleidern, tief ausgeschnitten und frisiert, als wären sie für eine Galaoper geschmückt.
Ich ging in mein Zimmer, wo eben ein tibetanischer Zimmerbursche das Kaminfeuer angezündet hatte und jetzt nebenan im Baderaum, welcher zum Zimmer gehörte, Wasser in die Badewanne schleppte.
Der Baderaum hatte einen besonderen Eingang durch einen Balkon, der an der Rückseite des Hauses entlang lief. Nachdem das Bad hergerichtet war, murmelte der tibetanische Diener sein »all right Sir« und verschwand durch die Hintertür des Badezimmers.
Nachdem ich ins Bad gestiegen war und aufrecht im dampfenden Wasser stand und einige Turnübungen ausführte, fühlte ich im Rücken einen eiskalten Luftstrom, als ob jemand die Hintertür des Baderaumes zum Balkon geöffnet habe. Ich rufe auf Englisch: »Tür zu!« Und um mich vor dem eisigen Luftstrom zu schützen, tauche ich im heißen Wasser der Badewanne bis zum Hals unter. Ich bemerke zugleich durch den Dampf, der das Zimmer füllte, den Schatten einer Gestalt und frage: »Wer ist da?«
Nur der Strahl des Kaminfeuers fiel von meinem Schlafzimmer in den Baderaum herein, und ich merkte zu meinem Erstaunen, daß die kleine Lampe, welche der Diener in eine Fensternische gestellt hatte, die aber vorher kaum leuchtete, jetzt vollständig ausgegangen war.
Als ich auf meine zweimaligen Zurufe keine Antwort bekam, erhob ich mich wieder aus dem dampfenden Wasser. Im selben Augenblick fühlte ich wieder den Eishauch von der Türe her, die wahrscheinlich wieder hinter dem Dampfnebel geöffnet worden war. Der menschliche Schatten, den ich vorher gesehen hatte, war aber verschwunden.
Mir schien, wenn ich mir die Gestalt vergegenwärtigte, als wäre es eine Frau gewesen, die vorher eingetreten und die jetzt wieder verschwunden war.
Ich tastete in den Dampfnebel, fragte noch ein paar Mal, beendete dann mein Bad schneller, als ich es sonst getan hätte, wickelte mich ins Badelaken, machte Licht im Schlafzimmer und leuchtete in den Baderaum, fand aber niemand. Dann kleidete ich mich an, klingelte und fragte den Diener, ob man jemand hereingelassen, während ich im Bad war.
Dieser schüttelte den Kopf und wußte von nichts.
Ich vergaß auch diese Begebenheit wieder. Aber nach Mitternacht, als ich mich zu Bett legte, schloß ich vorsichtig alle Türen.
Das Amulett hatte ich genau betrachtet, und nach dem Alter der Darmseite zu schließen, an die es gebunden und die vom Tragen sehr abgenützt war, konnte ich mir vorstellen, daß das Amulett wohl schon mehrere Menschenalter um den Hals verschiedener Personen gehangen und auf der Brust verschiedener Leute geruht haben mußte. Bis diese starke Darmseite sich abnützen und durchwetzen konnte, mußten manche Menschenleben dahingegangen sein.
Die an der Männergestalt emporkletternde kleine Frauengestalt war von geschwärzter Silberbronze. Der Mann schien aus Eisenbronze zu sein.
Klobig, simpel, primitiv war die nußgroße Figurengruppe zusammengeschweißt, wahrscheinlich in irgend einer Bergschmiede tief im Himalajagebirge. Vielleicht war sie in einer tibetanischen Klosterschmiede gearbeitet, in einem jener ungeheuerlichen Klöster, die an unzugänglichen Stellen, an Bergabhängen und Bergseen zerstreut liegen auf der Straße nach Lassa hin, jener Straße, die zu der geheimnisvollsten Klosterstadt der Welt führt.
Ich mußte wieder an das stattliche Tibetweib denken, wie es da mitten im Haufen bellender Hunde gestanden und gedankenvoll mein Geld in das gelbe Tuch gewickelt hatte.
Plötzlich fiel mir ein: nach ihrem verwunderten Gesicht zu schließen, hatte die Frau, als mir das Amulett zuflog, vielleicht gar nicht gewußt, daß sie es mir zugeworfen hatte. Sie hatte eine Silberkette in der Hand geschüttelt, und wenn ich jetzt darüber nachdachte, so schien es mir, als wäre ihr unbewußt das Amulett aus den Fingern geglitten, denn ihr Gesicht war verblüfft und nachdenklich, als sie meine Silbermünzen auffing und einsteckte. Jedenfalls aber hatte ich das Amulett mit meinem Gelde bezahlt, und es war mein. So sagte ich mir und legte mich beruhigt zu Bett.

Foto: 日本語
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Ich weiß nicht, wie viel Stunden ich geschlafen hatte, als ich durch einen Knall und ein Scherbenklingen geweckt wurde. Ich fuhr auf und hörte ein Geräusch wie von flatternden Flügelschlägen.
Das Kaminfeuer war vollständig niedergebrannt, und der kleine Glutbrocken leuchtete nicht mehr an die Zimmerdecke und nicht mehr an die Wände, von wo aus das klatschende Flügelschlagen herkam.
Ich machte Licht und sah ein schwarzes Tier, groß wie eine Eule, von Winkel zu Winkel fliegen. Als ich auf einen Stuhl stieg, sah ich, daß es eine große Vampirfledermaus war. Ich öffnete die Schlafzimmertüre, die nach der Treppe ging, weit, und rief ins Treppenhaus hinunter, indessen ich mich in meinen Mantel wickelte. Drunten am Kaminfeuer saßen immer einige Diener, die die Nachtwache hatten. Einer von den Männern kam nun herauf, riß die Bettdecke von meinem Bett und schlug mit dem Tuch nach dem Tier in die Luft und scheuchte die Riesenfledermaus durchs geöffnete Fenster in die Nacht hinaus.
Im Fenster selbst fanden wir dann eine Ecke der Scheibe eingestoßen. Doch unerklärlich war es mir, wie die weiche und zartknochige Fledermaus es fertig gebracht hatte, die harte Fensterscheibe einzustoßen.
In dieser Nacht schlief ich nicht mehr. Ich ließ das Licht brennen und befahl dem Diener, das Kaminfeuer zu schüren. Ich setzte mich dann an den Kamin und las, das heißt, ich wollte lesen, um nicht einzuschlafen. Aber mehrmals mußte ich aufhorchen. Es war mir, als hörte ich Schritte auf dem Balkon, auf welchen das zerbrochene Fenster führte.
Ich sah vom Lesen nicht auf. Ich sagte mir, es wird einer der Diener sein, der sich überzeugen will, ob mein Kaminfeuer noch brennt, und der mich nicht zu stören wagt und deshalb auf dem Balkon herumschleicht und hereinsieht.
Nach einer Stunde war mir, als verbreite sich ein durchdringender Blumengeruch im Zimmer. Ich schloß die Augen, lehnte meinen Kopf im Ledersessel zurück und überlegte, ob die Nachtnebel, die aus den Himalajateegärten und aus der indischen Tiefebene heraufstiegen, solch einen betäubenden Blütengeruch mit sich führen können. Durch das zerbrochene Fenster schien der Geruch mit dem Nebelrauch hereinzuziehen, denn ich sah einen feinen bläulichen Dampf, der vom zerbrochenen Fenster her das Zimmer erfüllte. Ich wollte aufstehen, ein Handtuch oder einen Reiseschal nehmen und die zerbrochene Scheibenecke zustopfen, um den betäubenden Nebel abzuwehren.
Aber es blieb bei dem in meinem Gehirn sich immer wiederholenden Wunsch, aufzustehen. Meine Augen fielen zu. Einige Zeit hielt ich das Buch noch in der einen Hand fest. Aber das Buch schien immer größer und schwerer zu werden. Das Buch wuchs und stand vor mir wie die Wand so groß. Und immer, wenn ich mich aufrichten wollte, stand vor mir das aufgerichtete wandgroße Buch. Es war mir, als wohne ich nicht mehr in einem Zimmer. Ich wohnte in einem Buch. Und ich hatte das Gefühl, dieses Riesenbuch könnte zuklappen und mich zwischen seinen Seiten erdrücken. Das Buch roch so süß wie die Süße aus einem alten Schrank, in welchem getrocknete Blumen und Lavendel lagen. Mit diesem gemischten Gefühl von Süße und drückender Bangigkeit verbrachte ich, wie es mir schien, Jahre, ohne daß sich etwas in meinem Zustande änderte.
Ich wachte durch ein Klopfen auf. Es klopfte irgendwo jemand auf meinen Schädel. Es wurde lange und heftig geklopft. Bald war es mir auch wieder, als klopfe man schon jahrelang. Ich horchte auf. Meine Augen öffneten sich und sahen immer noch Kaminglut. Draußen war es immer noch Nacht. Das Klopfen kam von den verschiedenen Zimmertüren im Korridor. Die Hotelgäste wurden geweckt.
Ich erinnerte mich jetzt, daß unsere Reisegesellschaft, die zehn Damen und Herren, die sich hier in Darjeeling im Hotel zusammengefunden, verabredet hatten, um drei Uhr morgens bei Mondschein aufzubrechen, um auf Paßwegen zu dem zweitausend Fuß höher gelegenen »Tigerhill« zu reiten, wo man den Sonnenaufgang über dem Mont Everest und anderen Riesen des Himalaja erwarten wollte.
Im Zimmer war noch immer der süßliche Dunst. Ich kleidete mich im halbtrunkenen Zustand an. Ein Diener brachte mir dann den Morgentee und sagte, daß die Pferde gesattelt seien und unten an der Veranda warten.
Als ich ein paar Minuten später aufs Pferd stieg, freute ich mich über die klare Bergluft, über den eisklaren Halbmond, der am Himmel hing, und über den reinen Neuschnee, der gefallen war, und ich hatte bald ganz und gar den Blumendunst vergessen und die letzten Stunden jenes schweren Schlafes, der mehr einem Alpdruck als einem gesunden Schlaf ähnlich gewesen.
Auf den schmalen Paßwegen, auf denen die Pferde hintereinander schreiten mußten, schwiegen das Geplauder und Gelächter der Damen und Herren. Es war, als ritten wir nicht auf der Erde, sondern auf Wolken, an Wolkenrändern entlang. Die Mondsichel hatte nicht Kraft genug, die Himalajagründe auszuleuchten. Meere von Finsternis lagen an den Rändern der Paßwege, die nur einige Hufbreiten breit auf den Berggraten entlang zogen. Bäume, die so alt waren, daß sie kein Blatt mehr trieben und nur wie moosbehangene Skelette ragten, waren durch Nebel und Schnee wie vom Erdboden abgeschnitten und hingen in der Luft wie vom Himmel herab. Einige waren wie hausgroße Skelette ungeheuerlicher Fledermäuse. Diese Gespensterbäume und der jasminweiße Mond auf dem grünlichen Nachtäther erinnerten mich wieder an mein Nachterlebnis. Aber die großen geöffneten unergründlichen Himalajaabgründe, die den Eindruck gaben, als könnte man so tief in die finstere Erde hineinsehen, so tief wie in den Nachthimmel, diese Abgründe, an denen die Pferde zagend und tastend und lautlos im glitschigen Schnee wie balancierend zwischen Leben und Tod entlang gingen, verschluckten Rückerinnerungen und Gedanken, diese Abgründe wollten mich einschläfern, stärker noch als der Blumengeruch es vorher getan hatte.

Foto: 日本語
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Der warme, schweißdampfende Pferderücken, der mich trug und der mich rüttelte, war das einzige Stück Wirklichkeit, das ich noch fühlte, denn der Traumzustand der Gespensterlandschaft wollte sich mit dem Traumzustand meiner noch nicht völlig wachen Gedanken vermischen und mich in die Abgründe ziehen.
Endlich verflüchtete sich die Nacht, und wir erreichten in der blaugrauen Dämmerung, die dem Sonnenaufgang vorausgeht, die Höhe des Tigerhills.
Tibetanische Diener waren vom Hotel vorausgeschickt worden. Ein großer Holzstoß war angezündet worden, aber das Holz war naß und rauchte mehr als es brannte. Der Schnee war im Umkreis des Feuers weggeschmolzen. Wir versuchten, unsere vom Reiten erstarrten Füße beim Feuer zu wärmen, umwanderten stampfend den qualmenden Holzstoß, vertrieben uns die Zeit mit Teetrinken und warteten auf die ersten Zeichen des Sonnenaufgangs.
Auf einmal sagte jemand neben mir: »Das ist der Schmetterlingshändler!« Der Genannte war ein Deutsch-Engländer aus Darjeeling, der einen tibetanischen Antiquitätenladen dort hatte und zugleich einen Handel mit Himalajaschmetterlingen trieb, von denen er die schönsten Exemplare auf Bestellung nach Europa sandte.
Wie der Mann auf den Tigerhill gekommen, ob er uns auf einer Nachtreise aus dem Inneren des Gebirges begegnet war, oder ob er die Reisegesellschaft von Darjeeling aus begleitet hatte, wußte ich nicht. Ich dachte nur im selben Augenblick, wie ich das Wort »Schmetterlingshändler« hörte, an die seltsame Trommel, die ich in seinem Laden zwei Tage vorher gekauft hatte; eine Trommel, angefertigt aus den Hirnschalen zweier Menschen, aus der Hirnschale eines Mannes und aus der eines Weibes. Jede Schalenhöhle war mit einer Membrane überzogen; an der Wölbung aber waren die beiden Gehirnschalen zusammengeschweißt, so daß sie zwei kleine Trommeln bildeten. Schüttelte man diese, so schlug in jeder Schädelhöhle eine kleine, hinter der Membrane eingesperrte Elfenbeinkugel an die Schädelwand und an die Membrane und trommelte unausgesetzt. Der Schmetterlingshändler hatte mir erzählt:
»Ich habe diese Trommel von einem tibetanischen Priester in einem tibetanischen Tempel gekauft. Es sind die Schädelschalen eines treulosen Mannes und eines treulosen Weibes. Diese Trommel wurde täglich zur Gebetstunde angeschlagen, denn die Treulosen sollen, ewig aneinander gekittet, im Tode keine Ruhe haben. Der Priester, der auf dem Leichenstein beim Tempel die Leichen zu zerschneiden und den Vögeln hinzuwerfen hat, hat das Recht, die Schädelschalen zweier, die die Treue gebrochen haben, nach dem Tode zu solchen Trommeln zu verarbeiten.« –
Mit großer Mühe hatte der Schmetterlingshändler die Trommel aus dem Tempel erhalten.
Machte es die dünne hohe Gebirgsluft, daß meine Ohren jetzt plötzlich aus allen finstern Himalajaabgründen ein Donnern hörten, als seien die Bergschlünde trommelnde Schädelhöhlen von Ungetreuen?
»Hören Sie die Lawinen, die bei Sonnenaufgang sich von den Gletschern lösen und in die Tiefe donnern?« sagte ein Herr neben mir zu einer Dame. Dann war tiefe Stille. Keine Teetasse klapperte, kein Schritt im Schnee knirschte mehr. Die Pferde spitzten die Ohren und schnupperten. Drüben im Nebel, über einem tageweiten Abgrund, erschien der fleischige Arm eines Riesen, die rosige fleischige Brust einer Frau, Nacken, Schultern, Hüften in gigantischen Dimensionen. Es waren die Umrisse des Mount Everest und des Kantschindschanga, die wie ein nacktes Riesenpaar höher als der Mond im Himmel lagen.
»Die Sonne,« flüsterte eine Dame.
tibet-533084_640Ich sah über meine Schulter von den Bergen fort und entdeckte eine rote glühende Lawine, die sich auf Nebelfeldern kaum merklich fortrollte und größer und röter wurde, – die Sonne. Wie eine große rote Sintflut gab sie den Gletschern Blut und machte den Schnee zu Fleisch.
Im selben Augenblick, mitten in diesem feierlichsten Augenblick des Sonnenaufgangs, nahm jemand meine Hand, führte meine Finger in eine Westentasche und sagte: Wo ist das Amulett, das du gestern kauftest? Sehen die großen fleischfarbenen Gletscher dort nicht aus wie die Männer- und die Frauenfigur deines Amuletts, das du der Tibetfrau gestern abkauftest?
Das Amulett war nicht in meiner Westentasche. Aber das Geld, das ich dafür bezahlt hatte, die drei großen Silberstücke, befand sich wieder in meiner Westentasche.
Der Gedanke an das Amulett hatte meine Hand in die Westentasche geschoben.
Wer hat jetzt laut gelacht? Alle Gesichter sahen sich nach mir um. Es wurde mir unheimlich vor mir selbst. Wie ich meinen Pelzrock geöffnet hatte, um das Amulett zu suchen, stieg mir aus der Kleiderwärme wieder jener geheimnisvolle Blumengeruch entgegen. Aber jetzt bei der aufgehenden Sonne, in der Schneefrische des Morgens, erkannte ich in dem Geruch ein betäubendes tibetanisches Tempelräucherwerk, das, in großen Massen eingeatmet, einschläfert und Visionen verschafft, und dieser Geruch steckte noch von der Nacht her in meinen Kleidern.
Auf dem Pferderücken vorhin war mir schon der Geruch stark in die Nase gestiegen. Ich selbst war aber noch zu sehr von der Schlafzimmerluft betäubt gewesen, um seinen Ursprung zu erkennen.
Jetzt wandte ich mich mit einem energischen Ruck an den Schmetterlingshändler, um ihn zu fragen: »Glauben Sie, daß es Amulette gibt, die ihren Besitzern so teuer sind, daß sie sie für nichts verkaufen würden? Glauben Sie, daß, wenn ein tibetanisches Weib ein solches Amulett zufällig von sich geschleudert hätte, es alle Listen seiner listigen Natur anwenden würde, um das Amulett wieder zu erhalten? Glauben Sie, daß es durch Hintertüren in die Häuser eindringen würde und sich nicht scheuen würde ein Fenster einzustoßen, um das Amulett zu erhalten?
Sie werden mir sagen: ›Das zerbrechende Fenster würde jedermann wecken!‹ Aber ich sage Ihnen: Man kann zugleich durch das zerbrochene Fenster eine lebende Fledermaus ins Zimmer werfen, die die Aufmerksamkeit auf sich lenkt und nicht den Gedanken aufkommen läßt, daß ein Mensch mit Absicht das Fenster zerschlagen hätte. Betäubt man dann noch durch eine Räucherstange den im Zimmer Anwesenden, so ist es ein leichtes, nachher mit dem Arm durch die zerbrochene Fensterscheibe in das Zimmer zu langen, den Fensterknopf von innen aufzudrücken, durchs geöffnete Fenster vom Balkon hineinzusteigen, das verlorene Amulett zu suchen, zu finden und, wenn eine Kaufsumme dafür hergegeben war, das Geld wieder hinzulegen und das Amulett mitzunehmen.«
Alles dieses wollte ich mit energischem Entschluß den Schmetterlingshändler jetzt fragen. Ich öffnete den Mund. Aber die Worte, die ich sprechen wollte, verwandelten sich in Atemrauch, und ich hörte in meinen Ohren, daß ich sagte: »Wenn Sie wieder einige seltene Exemplare von Himalajaschmetterlingen haben, können Sie mir dieselben an meine Adresse nach Europa senden.« Dabei nahm ich aus meiner Westentasche dasselbe Silbergeld, womit ich gestern schon das Amulett bezahlt hatte, und bezahlte im voraus den Preis für drei Schmetterlinge.
Ich hatte nichts mehr gesprochen. Die Sonne war bald wieder in Nebeln verschwunden, und wir ritten im Tageslicht, das aber mehr dem Mondlicht glich, an den nebelnden Abgründen zurück nach Darjeeling.
Das Amulett fand ich nicht mehr. Es war nicht auf meinem Tisch zu Hause im Hotelzimmer, nicht in meinen Taschen, nicht in meinen Koffern.
Ich erinnerte mich jetzt, daß, als ich gestern abend nach dem Diner durch die Billardsäle zu den Spielzimmern gegangen war, wo die befrackten Herren und die dekolletierten Damen an den grünen Spieltischen vor den lodernden Kaminen saßen, mich einen Augenblick eine Sehnsucht gepackt hatte, fortzukommen aus den europäischen Sälen, die man hier in Asien sogar noch hoch im Himalaja für verwöhnte Millionäre und Milliardäre hingestellt hat.
Ich war dann auf die breite Hotelterrasse hinausgetreten und hatte dem Hexenspiel der rollenden Bergnebel über den Schluchten zugesehen und den Sternen, die über den bewegten Nebeln zu tanzen schienen. Dann fielen ein paar Regentropfen, mit Schneeflocken untermischt, aus fortflüchtenden Nebelwellen, die um den Mond kreiselten.
Als ich wieder ins Hotel zurückgehen wollte, war mir, als sähe ich ein großes Tier unter der Terrassenbrüstung um die Hausecke laufen. Gestern abend hatte ich gedacht, es sei ein Hund. Jetzt wußte ich aber, daß es ein Mensch gewesen, der auf allen vieren ging, eine Frau, wahrscheinlich die Frau, deren Amulett ich besaß, die während der ganzen Nacht um das Hotel geschlichen war, und die sich mit aller List das Amulett aus meinem Zimmer von meinem Tisch geholt hatte.
Dies bedachte ich jetzt nach der Rückkunft vom Mondscheinritt im Hotel und sehnte mich, mit jemandem darüber zu sprechen. Aber meine europäischen Reisegefährten schienen mir alle zu banal, als daß ich Lust gehabt hätte, sie in die Mystik dieses Nachterlebnisses einzuweihen.
Nachmittags um drei Uhr sollte mein Zug abgehen, der mich zum Abend wieder hinunter in die Kaffeegärten und Zuckerrohrpflanzungen Indiens bringen würde, und der am nächsten Morgen mit mir in Kalkutta eintreffen sollte.
Auf dem Weg zum Bergbahnhof konnte ich mich nicht enthalten, die Rikscha am Laden des Schmetterlingshändlers warten zu lassen. Ich stieg aus. Als ich die Ladentüre öffnen will, wird seltsamerweise dieselbe schon von Innen aufgemacht, und an mir vorbei läuft ein tibetanisches Weib heraus. Ich hätte aber die Frau kaum wiedererkannt, da mir alle Tibetanerinnen untereinander so ähnlich schienen, sowie auch die Neger und Chinesen für den Europäer immer einander ähnlich sehen, hätte die Frau nicht mit einer heftig erschrockenen Bewegung in die Brustfalten ihres Mantelrockes gegriffen, als wolle sie dort etwas beschützen, was ich ihr hätte entreißen können. Mir schien, als ob sie hohläugiger und blasser wäre als am Tage vorher. Laut mit sich selbst sprechend und mit den Ellenbogen in die Luft fuchtelnd, als müßte sie hundert Hände abwehren, die sich nach ihr streckten, stürzte sie die Bergstraße hinunter fort, begleitet vom Gelächter meiner Rikschaschieber, welche das Gebaren der Frau noch sonderbarer fanden als ich.
Im Laden kam ich nicht dazu, dem Schmetterlingshändler vom Amulett zu sprechen, denn ehe ich noch den Mund öffnen konnte, zeigte er mir in einem geschnitzten Kästchen einen aufgespießten sogenannten Handflächenschmetterling. Jene Frau hatte ihm eben den seltenen Schmetterling verkauft. Er wurde in einem Kästchen aus Kampferholz aufbewahrt, denn der Geruch dieses Holzes schützt die Schmetterlinge gegen zerstörende Witterungseinflüsse. Durch Generationen hindurch kann man einen solchen Schmetterling im Kampferholz bei vollem Glanz erhalten. Auch diese Frau hatte den Schmetterling schon lange als ein Erbstück ihrer Familie besessen. Warum sie ihn verkaufen wollte, da er doch unbezahlbar war, konnte der Schmetterlingshändler nicht begreifen, denn ein Handflächenschmetterling wird alle hundert Jahre einmal im Gebirge gefunden. Auf seinen Flügeln sind dunkle Linien, deren Zeichnung den Linien in der Handfläche einer Menschenhand gleichen.
»Diese Frau,« sagte der Schmetterlingshändler, »muß vielleicht für irgendeine eingebildete Schuld ein Tempelopfer bringen, da sie mit einem solchen Schmetterling ihren besten Familienschatz verkauft, um Opfergeld zu erlangen.«
Ich erstand den Schmetterling. Und kaum hatte ich ihn in Händen, so wurde mir auch, ohne daß ich fragte, eine Erklärung über meinen Amulettverlust zuteil.
Der Schmetterlingshändler erzählte mir, daß jene Frau eine sogenannte »ewige Witwe« sei, eine von jenen, die ihre Wangen nicht mit Ochsenblut bemalen und nicht mehr das Verlangen haben, einen anderen Mann als den Gestorbenen zu lieben. Um aber auch des Toten sicher zu sein, daß dieser ihr im nächsten Leben treu wird, wie sie ihm treu sein will, trägt eine solche Frau an einer unzerreißbaren Darmseite ein Amulett an der Brust, welches ein Menschenpaar darstellt. Wenn die Witwe aber dieses Amulett verliert, – denn ein Amulett wird eine Frau nie verkaufen, – hat sie damit die Treue des Toten verloren und wird ihren Geliebten im nächsten Leben nicht wieder finden.
Ein solches Amulett wird niemals verkauft, und sollte es verloren gehen, so setzt eine jede tibetanische Frau ihr Leben daran, um das kostbare Amulett der Treue wieder zu erhalten. –
Während dieses Nachmittags, als ich im Zug saß und in die finsteren Abgründe des Himalaja hinunterfuhr, sah ich im Dampf, der aus der Lokomotive kam, und der in den Dschungelwäldern und an den Urwaldästen hängen blieb, hunderte Male die Gestalt jener ewigen Witwe, wie sie bald gebückt und geduckt suchte, und wie sie aufgerichtet forttanzte über die Urwaldwipfel, wie sie die Arme an die Brust drückte und nach dem Amulett fühlte, das ihr die Treue und die Liebe ihres Geliebten im nächsten Leben versprach.
Dann, als es dunkel wurde und ich draußen keinen Wald und keinen Dampf mehr sah, betrachtete ich lange bei der trüben Wagenlampe den großen Handflächenschmetterling in dem Kampferkästchen, dessen Linien so verschlungen sind wie die Schicksalslinien in den Handflächen der Menschen und dessen Linien in dunkle Nachtränder auslaufen, in unergründliche Finsternisse, ähnlich den Himalajaabgründen, die voll Finsternis und Aberglauben draußen dicht bei den Schienengeleisen der Bergbahn drohten.

Kunst | Konstantin A. Korovin ¦ Pier in Murmansk ¦ Anno 1900

Pier mit Fabriken in Murmansk - Konstantin A. Korovin - 1900 - Öl auf Leinwand
Pier mit Fabriken in Murmansk – Konstantin A. Korovin – 1900 – Öl auf Leinwand

Konstantin Alexejewitsch Korowin (russisch Константин Алексеевич Коровин, wiss. Transliteration Konstantin Alekseevič Korovin; * 23. Novemberjul./ 5. Dezember 1861greg. in Moskau; † 11. September 1939 in Paris) war ein russischer Maler, Bühnenbildner und Pädagoge. Sein Bruder war der Maler Sergej Alexejewitsch Korowin. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des russischen Impressionismus des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ein Großteil seiner Werke ist im Russischen Museum in Sankt Petersburg ausgestellt. – Quelle: wikipedia

August Stramm ¦ Frage

August Stramm ¦ Frage

Foto: tookapic
Foto: tookapic

Und
Stämme schlanken weiten Himmel
Und
Herzen schwanken brüten Schmerz
Und
Halme hauchen welle Stürme
Und
Schweigen schrickt
Und
Beugt und geht
Und
Gehen Gehen

Wege Ziele Richtung
Und
Gehen Gehen

Lieben Leben Tod
Und
Gehen Gehen

Endlos wellen Stürme
Und
Gehen Gehen

Endlos halmt
Das
Nichts.

Paul Klee ¦ Was ich bin – fraget nicht.

Paul Klee ¦ Was ich bin – fraget nicht.

Klee-angelus-novus

*

Was ich bin – fraget nicht.
Nichts bin ich,
zu nichts stehe ich.
Nur von meinem Glücke weiß ich.
Ob ich es verdiene, fraget nicht.
Laßt Euch sagen,
daß es reich ist und tief.

Vor Sonnenuntergang wollt‘ ich am Ziel sein.
Bei ihr.
Ich war gut gegangen.
Doch schlecht hatte ich gerechnet.
Die unsagbare Sehnsucht nach dem Ziel
beschwerte die vielen Stunden.
Über einen wilden Paß will ich
ins milde Tal.

[1901]

Mein Leben auf Heroin – Peter Grau* über Alltag, Libido & Zukunft

Heroin-Medikamentenflasche von Bayer
Heroin-Medikamentenflasche von Bayer

Herr Grau*, Sie haben mit 14 Jahren erstmals Heroin genommen und sind heute 42 Jahre alt. Gab es dazwischen eine Zeit, in der Sie keine Drogen konsumiert haben?
Nein, ich führe ein Leben unter andauerndem Opiateinfluss.

Sie sind also seit 28 Jahren nie völlig nüchtern gewesen?
Ja, und ich weiß, dass das für Außenstehende tatsächlich schwer nachzuvollziehen ist. Die meisten haben ein gut funktionierendes soziales Umfeld, Familie und Arbeit – etwas, das ihr Leben erfüllt. Das hatte ich schon als Jugendlicher nicht. Heroin hat mir alles gegeben, was mir fehlte. Und es ist noch heute ein Ersatz für vieles, das ich nicht hatte.

Das klingt, als hätten Sie resigniert.
Das mag so klingen. Aber ich bin nicht unzufrieden mit der Situation. Klar wünscht man sich bisweilen, voll in der Gesellschaft integriert zu sein. Aber für mich hat sich diese Option nie ergeben.

Warum nicht?
Ich habe große Mühe, mich auf andere Menschen einzulassen oder mich einzugliedern. Das habe ich nie gelernt. Ich wurde bereits in der Schule ausgegrenzt und hatte große Probleme mit meinen Mitschülern. Zu Hause habe ich nie einen normalen, liebevollen Umgang erlebt. Mein Vater war gewalttätig und hat unsere Familie früh verlassen. Meine Mutter hat mich mit 15 Jahren in ein staatliches Heim gesteckt. Das hat mir das Herz gebrochen und es hat mich fürs Leben geprägt. Ich wurde zum Misanthrop, wollte nie ein bürgerliches Leben führen. Ich hatte auch oft den Wunsch, nicht mehr weiterzuleben. Die Drogen haben mir in solchen Momenten geholfen.

Wie muss man sich einen Heroin-Flash vorstellen?
Ich erlebe alle Glücksgefühle, die mir sonst im Leben verwehrt sind. Wärme und Geborgenheit durchströmen einen.
Sie nehmen heute im Rahmen einer Substitutionsbehandlung einer Suchtklinik zweimal täglich Heroin.

Wie sind Sie in dieses Abgabeprogramm gelangt?
In der Drogenszene ging sehr bald das Gerücht um, dass ein solches Programm starten wird. Bei der zweiten Anmeldungswelle im Jahr 1996 wurde ich in das Heroinabgabeprogramm aufgenommen. Ich war die Nummer 202. Daran erinnere ich mich noch ganz genau.

Wie hat sich Ihr Leben dadurch verändert?
Ganz ehrlich? Ich glaube, ohne dieses Programm wäre ich schon längst tot. Es war wie im Paradies. Nach dem Schock der Schließung mehrer Plätze waren wir alle froh, dass es solche Anlaufstellen gibt. Ich bekam reinen Stoff unter sehr hygienischen Bedingungen. Mein Alltag erlangte plötzlich Strukturen, was vorher nie der Fall war. Irgendwann brauchte ich auch keinen Beistand mehr und konnte in einer eigenen Wohnung leben. Das klingt alles ganz banal. Aber diese Veränderungen haben mir sehr viel abverlangt. Heute habe ich Stabilität und innere Ruhe gefunden.

War ein Umstieg auf Methadon keine Option?
Ich habe es etwa vor zehn Jahren versucht. Es hat nicht dieselbe Wirkung wie Heroin. Methadon macht träge, schläfrig und antriebslos. Deshalb konsumieren viele neben Methadon auch noch Kokain und Amphetamin. Ich persönlich vertrage es auch körperlich nicht gut. Deshalb nehme ich seit 1996 nur noch Heroin.

Wie sieht Ihr Alltag aus?
Es ist sicher nicht ein Alltag, den man als «normal» bezeichnen würde. Ich habe nie gearbeitet. Dazu bin ich weder physisch noch psychisch fähig. Ich lebe seit 1994 von einer Invalidenrente. Ich gehe regelmäßig spazieren. Sport kann ich allerdings nicht mehr treiben. Mein Körper ist zu kaputt. Aber ich habe ein Hobby gefunden, das meinen Tag erfüllt: Ich liebe Onlinegames und habe inzwischen einen Clan von etwa 40 Leuten aufgebaut, mit denen ich regelmäßig spiele.

Sind Sie Single?
Ja. Aber, ich lebe seit 20 Jahren mit einem Mann zusammen. Wir haben uns auf den Hansaplatz kennen gelernt und danach eine Zeit lang in einer städtischen Betreuungseinrichtung zusammengewohnt. Später haben wir uns wieder getroffen und leben heute in einer privaten 2½-Zimmer-Wohnung, die uns der Bruder meines Wohnpartners vermietet. Wir führen ein sehr glückliches Leben. Ich habe in ihm einen Menschen gefunden, dem ich bedingungslos vertrauen kann und der mich in allem unterstützt. Es ist aber eine rein platonische Beziehung. Ich bin heterosexuell. Meine Libido hat sich aber vor zehn Jahren verabschiedet.

Wegen der Opiate?
Ich denke schon. Heroin ist auch hier eine Art Ersatz. Wenn ich Heroin nehme, ist das wie ein erotischer Akt. Ich vermisse den Sex daher nicht. Abgesehen davon konnte ich mich als junger Mann halbwegs ausleben. Auf den Drogenstrich bin ich aber nie gegangen. Ich habe meine Sucht anders finanziert. Ein Jahr lang war ich wegen diverser Einbrüche in Haft. Ich bin nicht stolz auf dieses Kapitel in meinem Leben. Aber ich habe für meine Fehler gebüßt.

Hatten Sie nie den Wunsch, einen Entzug zu machen und ganz ohne Drogen zu leben?
Nein. Ich kenne nichts anderes und sehe darum auch nicht ein, was am Leben ohne Drogen erstrebenswert wäre.

Verstecken Sie sich hinter der Droge?
Das ist schon möglich. Und es gibt auch Tage, an denen ich es bereue, dass ich ein Leben in Abhängigkeit führe und deshalb nicht viel von der Welt sehen kann. Aber ich hatte die Wahl, und meine Wahl fiel immer auf die Drogen.

Kritiker der kontrollierten Drogenabgabe sind der Meinung, das Programm müsse auf den Ausstieg aus den Drogen hinzielen. Was sagen Sie dazu?
Man muss das etwas differenzierter sehen. Bei jungen Menschen, die frisch in die harten Drogen eingestiegen sind und den Absprung vielleicht noch schaffen, wäre ein Ausstieg als Programmziel sicher realistisch. Aber bei alten Junkies wie mir ist das keine Option mehr. Wer etwas anderes behauptet, lügt. Es gibt Menschen, die Drogen brauchen, um die Welt zu ertragen. Ich gehöre dazu. Es ist mir bewusst, dass das für Außenstehende schockierend wirkt, aber ich will nichts beschönigen.

Hatten Sie nie ein schlechtes Gewissen, das Sie komplett vom Staat leben?
Nein, weil ich dem Staat eine Mitschuld daran gebe, dass ich so geworden bin. Ich wurde in der Schule ausgestoßen und später auch von Menschen schlecht behandelt, die für den Staat arbeiten.

Ist Heroin noch angesagt?
Die Droge entspricht sicher nicht mehr dem Zeitgeist. Ich glaube, junge Leute setzen heute eher auf leistungsfördernde Drogen wie Kokain und Amphetamin. Wenn ich heute 16 Jahre alt wäre, dann hätte ich kaum Heroin genommen.

* realer Name der Redaktion bekannt.

Das Interview führte Oliver Simon

Maria Aronov ¦ Brief an Eugen Onegin ¦ Tatjanas Offenbarung ihrer Gefühle

Tatjanas Offenbarung ihrer Gefühle 

Tatjanas Brief an Onegin [A.S. Puschkin]

Kaum tratst Du ein, und ich erkannte,
Ich fühlte nichts mehr, ich entbrannte
Und sprach im Geiste: das ist Er!
Es stimmt doch, daß ich oft Dich hörte:

Sprachst Du mir nicht im stillen zu,
Wenn ich den Armen Brot bescherte
Und wenn ich im Gebet begehrte,
Daß meine Seele fände Ruh?

Und warst grad eben hier im Zimmer
Nicht Du das liebe Bild, der Schimmer,
Der, aus dem Dunkel auftaucht,
Zu meinem Kissen sanft sich neigte?

Warst Du’s nicht, der mir Trost erzeigte
Und Lieb und Hoffnung zugehaucht?
Wer bist Du? Engel, der mich hütet?
Versucher, der Verderben brütet?

Mach mich von meinem Zweifel frei.
Vielleicht ist gar nichts dran an allem,
Ist’s nur naive Schwärmerei,
Und anders ist das Los gefallen?

Wie dem auch sei! Mein Schicksal will
Ich Dir ab heute anvertrauen;
Vor Dir vergieß ich Tränen still,
Laß mich auf Deinen Schutz nur bauen….

Bedenke: Ich bin hier allein,
Kein Mensch ist da, der mich verstünde,
Und wenn ich keine Lösung finde,
Wird es mein stummes Ende sein.

Ich harre Dein: Mit einem Blicke
Laß Hoffnung neu ins Herz mir ziehn,
Wenn aber Vorwurf ich verdien,
Reiß meinen schweren Traum in Stücke!

Ich schließe! Schrecklich, was ich schrieb…
Ich sterbe fast vor Scham und Grauen…
Doch da mir Ihre Ehre blieb,
Will ich mich kühn ihr anvertrauen.

Eugen-Onegin-Lensky-und-Tatjana.Foto-gemeinfrei
Eugen Onegin Lensky und Tatjana

Tatjanas Entscheidung Eugen zu schreiben, entstammt einem unwillkürlichen Impuls. Heraus kam dabei ein naiver, jedoch edler Gefühlsausbruch. Nicht ihrem Verstand entsprungen, sondern vielmehr ihrer Ohnmacht. Tatjana wusste in jenem Moment nicht, was sie tat.

Der Brief Tatjanas ist Vorbild höchster Offenbarung eines Frauenherzens. Ihre Worte sind wahrhaft, aber simpel. Aus der Verbindung von Einfachheit und Wahrhaftigkeit erstrahlt die absolute Schönheit der Gefühle, der Handlungen und des Ausdrucks.

Wie Puschkin versucht, Tatjana für ihre Entschiedenheit den Brief zu schreiben und diesen an Eugen zu schicken rechtfertigt, ist beeindruckend. Der Dichter war ein feiner Beobachter der „Oberschicht“, über die er schrieb. Es gelang ihm immer wieder, diese perfekt in Worten festzuhalten.

Als Tatjana das verlassene Haus Eugens besucht (Kapitel 7), wird sie von ihren Gefühlen überwältigt. Alle sich dort befindenden Gegenstände verkörpern Geist und Charakter des Hausbesitzers. Diese Szene gehört zu den besten Stellen des Gedichts. Tatjana greift dieses Motiv mehr als nur ein einmal auf:

„…Schnell Abschied nahm danach Tatjana
Von Hausverwalterin, geht heim.
Am nächsten Tag, mit erstem Hahne,
Erschien sie wieder vor dem Heim,
In den verlassnen gestern Räumen,
Erneut hing nach sie ihren Träumen,
Verblieben endlich hier allein.
Und lange weinte sie dabei.
Erst dann nahm sie sich vor die Bücher.
Zunächst stand sie ganz neben sich,
Dann schien ihr etwas wunderlich
Die Wahl der Bücher. Erst nicht sicher,
Stand dann, beim Lesen, doch ihr Held
Vor ihr wie aus der andren Welt.“

Pusshkin - Eugen Onegin VI Boat - Auszug aus dem Manuskript
Pusshkin – Eugen Onegin VI Boat – Auszug aus dem Manuskript

Endlich kommt Tatjana wieder zur Besinnung. Ihr Verstand hat nun die Regie übernommen. Sie begreift, dass es für den Menschen Lebensmotive gibt: es gibt Leid und Schmerz, auch durch die Liebe verursacht. Aber hat sie auch verstanden, worin die Interessen, die Motive des anderen und „sein“ Leid bestehen? Und wenn sie es begriffen hat: hilft ihr das bei der Linderung des eigenen Leids? Natürlich hat sie es begriffen, allerdings nur mit ihrem Verstand. Es gibt nämlich Erfahrungen, die man mit eigenem Leib und seiner Seele durchleben muss, um diese gänzlich zu verstehen.
Solche Gefühle kann man nicht aus Büchern lernen. Tatjanas Kennenlernen dieser Gefühlswelt ausserhalb der Literatur; diese neue Welt bestehend aus Pein und Kummer, ist für sie eine schmerzliche und fruchtlose Offenbarung. Dies erschreckt sie, bereitet ihr Angst, denn die Leidenschaft erscheint ihr als eine Art Verderbnis und überzeugt sie davon, sich vor der Wirklichkeit niederbeugen zu müssen, sie so hinzunehmen, wie sie zu sein scheint. Wenn sie  sich also dazu entscheiden sollte, ein Leben des Herzens zu führen, dann nur in ihrem eigenen Inneren, in der Tiefe ihrer Seele. Mit sich allein.

Tatjanas Besuch in Onegins Hauses und die Lektüre seiner Bücher bereiteten ihr eine Art Wiedergeburt. Aus dem jungen, vom Lande kommenden Mädchen wurde eine Frau der Gesellschaft. Eugen drückt seine angenehme Überraschung  in seinen Briefen an sie aus, doch für seine Erweckung ist es nun zu spät.

Tatjana weist Onegin ab - Eugene Onegin Künstler: Samokish-Sudkovskaya - vor 1908
Tatjana weist Onegin ab – Eugene Onegin Künstler: Samokish-Sudkovskaya – vor 1908

Nun zu dem Gespräch zwischen Tatjana und Onegin:
Hier zeigt Tatjana all die Gefühle einer russischen Dame; ein durch die Gesellschaft geformter starker Charakter. Sie zeigt zudem die Einfachheit in ihren ehrlichen und offenen Gefühlen. Sie zeigt ihr verletztes Ego und gleichzeitig ihre Eitelkeit, die sie als Maske trägt, um sich vor der tratschenden „Upperclass“ zu verstecken. Sie zeigt ihre Wertmaßstäbe, die ihr Herz und ihre Seele lähmen. Tatjana wirft Eugen vor, dass er sich damals nicht in sie verliebte, weil er darin keinen Charme, keinen Reiz der Versuchung sah. Und jetzt führe ihn lediglich der Durst nach skandalösen Ruhm zu ihr.

Tatjana mag das Leben der Oberschicht nicht und würde es bevorzugen, für immer auf dem Land zu leben. Für sie ist in ihrem Inneren eins klar: sie als Frau möchte ein Leben des Herzens führen. Lieben bedeutet für sie „leben“ und Opfer bringen heißt zu „lieben“. Und dennoch hat sie das Leben in der gesellschaftlichen Oberschicht zunehmend und durchdringend verändert. Die Natur erschafft den Menschen, die Umwelt aber verändert ihn, zuweilen gänzlich. Ein innerer Konflikt und Reifeprozess, der nicht nur die Protagonistin lange beschäftigt.

Joseph Roth ¦ Ein Bootsmann ¦ Eine Reportage aus Frankreich

Joseph Roth ¦ Ein Bootsmann
Eine Reportage

Der Bootsmann ist alt. Seine Arme hängen schlaff wie Flossen von seinen krummen und schiefen Schultern. Seine Augen sind klein und haben den weißen Schleier, den das hohe Alter über menschliche Augen zieht. Sie haben schon genug gesehn. Aus den harten Ohrmuscheln wächst graues Moos. Die Hände sind wie zwei sehr alte Gesichter. Die Handrücken sind braungelb, und ihre dünne Haut bis zum äußersten gespannt. Die Stimme des Alten aber ist jung geblieben und männlich. Er spricht sehr kurze, sehr einfache Sätze, wie sie in Lesebüchern für Kinder stehn. Ihre Melodie ist immer ein bisschen fragend, das letzte Wort fällt jäh ab, von einer beträchtlichen Höhe – und kommt dennoch heil an:

Calvi auf Korsika - Foto: Patrick Blaise
Calvi auf Korsika – Foto: Patrick Blaise

»Ich bin aus Korsika, Herr. Korsika ist der Garten von Frankreich. Ich bin Landsmann Napoleons. Und hier ist sein Bild. Diese Münze habe ich aus dem Krieg. Von 1870. Ich war bei der Marine. Ich kenne alle diese Schiffe. Auf vielen bin ich gefahren. Ich war in vielen Ländern. In Russland auch. In England, in Deutschland, in Spanien, in Syrien, in Konstantinopel. Ich war niemals in Paris. Nach Paris kommt man nicht mit dem Schiff. Ich bin nur einmal mit der Bahn gefahren. In der zweiten Klasse. Da fährt man gut.
Ich bin fünfundsiebzig Jahre alt. Wenn ich zehn Jahre jünger wäre, bliebe ich nicht hier. Ich habe fünf Franken täglich Pension. Seit sechs Tagen sind Sie mein erster Gast. Dieses Boot hat dreihundert Franken gekostet, da hab‘ ich das Segeltuch selbst geflickt. Diese Stricke hab‘ ich selbst gedreht. Die Ruder kosten sechzig Franken das Stück. Dann hab‘ ich das Boot getauft. Auf den Namen meines Vaters. Er hieß Jacques. Da steht ›Jacques‹. Mit weißer Farbe.

Mein Vater war ein Kapitän. Auf der ›Sphinx‹. Da drüben steht sie. Wir sind zwei Brüder. Mein Bruder war auch Kapitän. Jetzt ist er in Pension. Er bekommt eine große Pension. Ich schlafe bei ihm.
Ich wollte nicht in die Marineschule. Ich wollte gleich in die Welt. Deshalb bin ich heute arm. Meine Schwägerin ist gut. Um acht Uhr essen wir Nachtmahl. Dann lese ich Romane. Ich lese den ›Grafen von Monte Christo‹. Ich glaube diese Geschichte nicht. Es ist Phantasie.

Kathedrale & Museum, Marseille -  Foto: Blandine Schillinger
Kathedrale & Museum, Marseille – Foto: Blandine Schillinger

Da sehen Sie unsere Kathedrale. Ein schönes Haus. Ich war zweimal dort. Ich geh‘ nicht oft in die Kirche. Alle Religionen sagen dasselbe. Ich bin ein Katholik. Aber ich war in einer Synagoge. Ich war in einer Moschee. Die Mohammedaner sagen Allah. Die Juden sagen Jehova. Wir sagen lieber Gott. Es ist immer dasselbe. Mein Freund ist ein Jude. Er war im Gefängnis. Seine Frau hat ihn betrogen. Er hat ihren Liebhaber beinahe erschlagen. Jetzt leben beide. Die Frau ist gestorben.

Da fahren die Fischer. Sie kommen erst morgen Mittag zurück. Sie haben viele Netze mit. Ein guter Tag zum Fischen. Bei uns sind mehr Angler als Fische. Probieren Sie einmal zu angeln. Vielleicht haben Sie Glück. Weil Sie ein Fremder sind.
Für tausend Franken könnte ich mir einen Motor in meinen »Jacques« bauen. Dann könnt‘ ich nach Korsika fahren. Unten ist es um die Hälfte billiger als in Marseille. Das ist eine teure Stadt. Aber ich zahle keine Miete.

Hier haben Sie meine Visitenkarte. Ich heiße Bouscia Pascal. Ein korsischer Name. Wir sprechen so ähnlich wie Italiener. Wir verstehn auch die Spanier. Alle Sprachen stammen aus dem Lateinischen. Englisch stammt aber aus dem Deutschen. Latein ist die älteste Sprache. Aber mein Freund sagt: Chinesisch ist älter.

Marseille - Alter Hafen - Gute Mutter. Foto: Marie Mauron
Marseille – Alter Hafen – Gute Mutter. Foto: Marie Mauron

Ich werde Sie im alten Hafen absetzen. Da können Sie abends spazierengehn. Lassen Sie das Geld zu Hause. Wenn Sie Geld haben …

Ich fahre jetzt nach Hause. Wir haben heute marinierte Heringe und junge Bohnen. Dann werde ich lesen. Um zehn werde ich schlafen gehn. Mit meinem Bruder werde ich nichts reden. Ich lebe schon fünf Jahre bei ihm. Das letzte Mal habe ich vor zwei Jahren gesprochen. Damals bekam er den vierten Enkel. Im Dezember kommt sein fünfter.

Am Sonntag kommt meine Schwester aus Ajaccio. Sie bringt mir Tabak. Ich aber brauche eine Pfeife.

Leben Sie wohl, Herr. Steigen Sie vorsichtig aus. Springen Sie nicht! Lassen Sie das Geld zu Hause!«

Frankfurter Zeitung, 17. 10. 1925