Autor: Redaktionsbeitrag

Wilhelm Busch | Am Vorabend von Rosens Geburtstag

Lauschend am Fenster sitzt der Poet. –
Draußen die Blumen und Pflänzchen
Halten ihr Abendkränzchen
Auf dem Gartenbeet.
Der Mond in Silberlivree,
Leise geschäftig,
Kredenzt den Tau, den Blütentee,
Anregend und kräftig.
Und von Kelch zu Kelche
Geht ein Geflüster:
»Also morgen ist er!«

Frau Ehrenpreis (Veronika): Ja, morgen feiert sie
Ihren werten Entsprießungstag –

Taubnessel (mit dem Hörrohr): Hä was? Hä welche?

Frau Ehrenpreis (lauter): – Drüben im Garten die schöne Frau Rose –

Taubnessel: Ah! Mit den zwei Knospen die!

Frau Ehrenpreis: – die tadel- und dornenlose –

Distel (für sich): Wer’s glauben mag!

Frau Ehrenpreis: – Von Duft und Glanz umwoben.

Distel: Man weiß, man weiß!
Die gute Frau Ehrenpreis
Muß immer loben.
Und doch hat unser Röschen, das feine,
Allerlei kleine
Grillen und Räupchen
Unter dem zierlichen Häubchen.

Gänseblümchen: O wie reizend!

Distel: Bald steht sie da so mildiglich
Und senkt die Blätter,
Bald rüttelt, schüttelt und spreizt sie sich,
Je nach dem Wetter.

Gänseblümchen: O wie reizend!

Klatschrose: Ja reizend, das wollt‘ ich meinen!
Drum sieht man auch häufig den Löwenzahn,
Den Rittersporn und den Baldrian
Dort wachsen und erscheinen.

Gänseblümchen: O wie reizend!

Klatschrose: Ja reizend, ganz recht!
Und dann dieser Musenknecht,
Dieser Dichter –

Distel: Der Versetrichter –

Klatschrose: – mit langen Locken –

Distel: – mit dem Loch im Socken.

Gänseblümchen: O wie reizend!

Klatschrose: Alltäglich kläglich mit Gefühl
In ihrer Nähe
Entlockt er seinem Saitenspiel
Lieblich Getön
Und singt so schön –

Distel: – wie n’e Mantelkrähe.

Klatschrose: Zum Beispiel, noch gestern –

Lilie (sanft): Geliebte Schwestern! –

Frau Ehrenpreis: Ihr Muster der Milde!
Ihr Tugendgebilde!

Lilie: Wen sollte der festliche Tag nicht rühren!
Ich denke doch –

Levkoje, Tulpe, Päonie, Phlox: Jaja, wir alle gratulieren!

Frau Ehrenpreis: Ein Schöngeist blüht in unsrer Mitte,
Ein hochgeschickter –
Fräulein Federnelke –

Federnelke: O bitte!

Distel (für sich): Blaustrumpf, verrückter!

Frau Ehrenpreis: – Federnelke, die wundersame,
So lautet ihr holder botanischer Name.
Vielleicht läßt sie sich freundlich erweichen
Und schreibt und dichtet ein Billett,
Duftend, geistvoll und nett.
Das möge dann die dienende Biene,
Unsere süße geflügelte Schleckerkathrine,
Hinschwebend im frühesten Morgenwind,
Dem hohen Geburtstagskind
Ehrfurchtsvoll sumsend überreichen.

Gänseblümchen: O wie reizend!

Federnelke (schreibt und liest): »Veredelte Rose und Nachbarin!
Nehmet dies Brieflein gnädig hin,
Sintemalen dasselbe geschrieben
Von allerlei Pflanzen, welche Euch lieben.
Verleihe der Himmel Euer Gnaden
Beständig ein sanftes Sonnenlicht
Und frischen Tau und meinetwegen
Auch hie und da ein wenig Regen,
Nur Sturmwind nicht,
Denn dieser tut der Schönheit Schaden.
Ergebenst mit Herz und Honigmund
Das Blumenkränzchen: Tugendbund.«

Gänseblümchen: O wie reizend!

Federnelke: Ich denke, es macht sich so!

Alle: Bravo bravissimo!

Mond: Noch ’n Täßchen Tee gefällig?

Levkoje: Ich trank schon drei.

Phlox: Ich fünf.

Tulpe: Ich acht.

Päonie: Mein Mieder kracht!

Alle: Gute Nacht, gute Nacht!

(Die Blumen nicken. Der Mond geht unter. Der Poet,
nachdem er noch einen Blick in die Nacht hinaus gebohrt,
schließt leise das Fenster.)

Rabbi Nilton Bonder |Tauschen Sie nie eine gute Frage gegen eine Antwort ein

Er wurde von schweren Zweifeln gepeinigt. Daher beschloss er den Rat des weisen Rabbis zu suchen, um eine Antwort zu erhalten. Endlich gelang es ihm zum Rabbi vorzudringen. Dieser lud ihn ein, eine Frage zu stellen. Der Ratsuchende glaubt sich am Ziel, endlich die Lösung für sein Problem zu bekommen. Jedoch staunte er nicht schlecht, als er statt der Antwort eine saftige Ohrfeige erntete. Verwirrt und enttäuscht ging er davon.  Als er einen Schüler des Rabbis traf, gab dieser ihm eine Erklärung: „Der Rabbi hat Dir eine Ohrfeige gegeben, damit Du lernst, dass man niemals eine gute Frage gegen eine Antwort eintauscht.“

Aus: Der Rabbi hat immer Recht. Die Kunst, Probleme zu lösen.
Autor: Rabbi Nilton Bonder

Johannes Pfeiffer | Über die Verantwortung dem literarischen Text gegenüber

Ein kleiner Denkanstoß, der den interpretierenden Leser zur höchsten Verantwortung dem Kunstwerk, dem Gedicht gegenüber animieren soll:

„Es ist eine weit verbreitete Unsitte: dass man sich nacherzählend im Dichterisch-Dargestellten wie in einem realen Erlebnis ergeht. An eine verwaschene Inhaltsangabe, die das vom Dichter Gesagte in pseudo-poetischer Umschreibung eben noch einmal sagt, schließen sich ein paar Wendungen von unbestimmter Allgemeinheit, in denen der Zauber des betreffenden Werkes (in „verschwommenem Gerede”) gefühlig gepriesen wird.
Solchem Nachdichten gegenüber ist die eigentliche Aufgabe gerade umgekehrt die: dass wir die dichterische Aussage in ihrer besonderen Geformtheit und damit in ihrem Zeichenwert erfassen, und dass wir unsere Ergriffenheit statt durch allgemeine Redensarten vielmehr beweisen in der Zucht einer liebevollen Versenkung und in der Hingabe an die gestalthaft-entäußerte Vision…
Wie man etwas Transrationales in begrifflich-disziplinierter Form erfassen und erhellen soll, ohne ohne es durch Rationalisierung zu verfälschen: das ist allerdings immer wieder das Problem.

Aus dem Vorwort „Wege zur Dichtung“ von Johannes Pfeiffer, Hamburg 1960.
Johannes Pfeiffer (1902 – 1970) hat als Schriftsteller über germanistische, dichterische und philosophische Fragen Bekanntheit erlangt, die er in wissenschaftlicher Weise bearbeitet hat. Seine Dissertation lautete „Das lyrische Gedicht als ästhetisches Gebilde, ein phänomenologischer Versuch“.

Romano Guardini | Über das Interpretieren von Texten

In seinem Buch „Gegenwart und Geheimnis – eine Auslegung von fünf Gedichten Eduard Mörikes” fasst Romano Guardini seine Bemerkungen über Sinn und Weise des Interpretierens dahin zusammen:

Wer interpretiert, sucht in eigener Weise zu klären, was ein Anderer in der seinen gestaltet hat… Das Gedicht ist Aussage und Ausdruck; so hat der Interpret zu zeigen, was da ausgesagt und ausgedrückt wird… In einer Dichtung aber ist das, was sie sagt, und die Weise, wie sie es sagt, ganz eins. Das Wie, die Form, gehört in das Was, den Inhalt mit hinein, und der Inhalt liegt schon in der Weise, wie er zum Ausdruck gelangt. Ja, die Form ist der Inhalt . . .
Wer interpretiert, holt etwas früher Geschaffenes in die eigene Gegenwart herein. Er stellt etwas, das sich aus sich selbst heraus gestaltet und so dem Wandel enthoben hat, wieder in die Zeit, indem er es – wie das gar nicht anders möglich ist – von den Voraussetzungen seiner eigenen Gegenwart heraus versteht . . .

Romano Guardini, Taufname Romano Michele Antonio Maria Guardini (1885 – 1968 ) war ein katholischer Priester, Jugendseelsorger, Förderer der Quickborn-Jugend, Religionsphilosoph und Theologe.

Fred Endrikat | Regeln mit Ausnahmen

Nicht jeder ist ein Dichter, der Gedichte macht,
nicht jeder ist ein Narr, den man belacht.
Nicht jeder ist ein Streber, der sich irrt,
nicht jeder, der sonst gar nichts wird, wird Wirt.
Nicht alles ist Gewissen, was uns mahnt,
nicht jeder ist ein Lohengrin, dem etwas schwant.
Nicht jeder Armleuchter ist auch ein großes Licht,
nicht alles, was zwei Wangen hat, ist ein Gesicht.

***

Fred Endrikat (1890 in Nakel – 1942) war ein deutscher Schriftsteller, Dichter und Kabarettist. Seine humoristischen Kabaretttexte und -lieder waren seinerzeit sehr erfolgreich. Zu Endrikats Lebzeiten waren seine Verse besonders beim Kleinbürgertum sehr beliebt. Später wurden einige seiner Gedichtzeilen zu geflügelten Worten: so stammt zum Beispiel der bekannte Ausspruch „Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen“ ursprünglich aus einem Gedicht Endrikats. Heute ist der Kabarettist, der die Sünde einst mit rotem Mohn im Ährenfeld verglich („Man jätet ihn als Unkraut aus und windet ihn zum Blumenstrauß“) weit weniger bekannt als mancher seiner Aussprüche oder Kabarettsongs.

***

 

Fred Endrikat trifft Ernst Ludwig Kirchner | Sinfonie des Lebens

Beherrscht man erst des Lebens große Sinfonie
und steht als anerkannter Virtuos und Meister da,
sucht man nach irgendeiner kleinen Melodie
und stümpert sie auf einer Kindermundharmonika.

***

Beitragsbild: Ernst Ludwig Kirchner | Bogenschützen
entstanden 1935- überarbeitet 1937 | Öl auf Leinwand | 150 x 195 cm

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Fred Endrikat (1890 in Nakel – 1942) war ein deutscher Schriftsteller, Dichter und Kabarettist. Seine humoristischen Kabaretttexte und -lieder waren seinerzeit sehr erfolgreich. Zu Endrikats Lebzeiten waren seine Verse besonders beim Kleinbürgertum sehr beliebt. Später wurden einige seiner Gedichtzeilen zu geflügelten Worten: so stammt zum Beispiel der bekannte Ausspruch „Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen“ ursprünglich aus einem Gedicht Endrikats. Heute ist der Kabarettist, der die Sünde einst mit rotem Mohn im Ährenfeld verglich („Man jätet ihn als Unkraut aus und windet ihn zum Blumenstrauß“) weit weniger bekannt als mancher seiner Aussprüche oder Kabarettsongs.

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Ernst Ludwig Kirchner | Bogenschützen | entstanden 1935, & überarbeitet 1937

Ich will nicht akzeptiert werden | Tagebucheintrag

Diesen Eintrag habe ich in einem meiner älteren Tagebücher gefunden. Damals war ich um die 16 Jahre alt.

Ich will nicht akzeptiert werden in einer Welt, in der Menschen wegen ihres Geschlechts Unterdrücker oder Unterdrückte sind… in der für gleiche Arbeit nicht gleicher Lohn „bezahlt wird… in der in Verstecken geliebt werden muss… in der ein bestimmtes Geschlecht geliebt werden muss… in der nicht gelacht, nicht geweint werden darf… in der Leben zum Tode verurteilt ist… in der nicht gestorben wird… in der Mann über Leichen geht… in der für Kinder und Frauen, Alte und Kranke kein Platz ist… in der gehungert wird, weil andere zu viel fressen… in der Lüge die Wahrheit ist… nein, von Euch will ich nicht akzeptiert (integriert) werden!

Auch wenn ich dies heute nicht mehr so formulieren würde; der Kerngedanke bleibt, mit einem Unterschied: ich würde nicht mehr die trotzige Konfrontation wählen.

Karl Henckell | Lebensbrandung

Wie das wilde Meer
über die Blöcke brandet!
Doch ich warf mich hierher,
atemlos bin ich gelandet.
Soll’s aufstrudelnd mich ziehn
abwärts mit gierigen Krallen?
Weltmeer, nicht will ich dich fliehn,
doch deiner Wut nicht verfallen.
Schlag mir die Krallen ins Bein,
Schicksal, erbarmungsloses!
Zäh umklammer‘ ich den Stein,
lache des tollen Getoses.
Hart granitener Grund,
du hast den Halt mir gegeben.
Rissen die Wirbel mich wund,
Jetzt sei Sieger, mein Leben!
Und Verzweiflung versinkt,
die mir das Herz schon zerrissen,
Hoffnung, die heilende, winkt,
Licht aus den Finsternissen.
Fest nun geschlossen den Bund
mit der gewaltigen Erde,
Daß dieser heulende Schlund
mir zum Triumphgesang werde!

***

Karl Friedrich Henckell, um 1900

Karl Friedrich Henckell (* 17. April 1864 in Hannover; † 30. Juli 1929 in Lindau am Bodensee) war ein deutscher Lyriker und Schriftsteller.
Die Zeitung „Volksrecht“ widmete ihm einen längeren Nachruf. Darin wurde festgehalten, dass er, der den Ehrennamen Arbeiterdichter 40 Jahre getragen habe, vom Bürgertum „als Kämpfer und Sender zum Proletariat“ gekommen sei: „Ihm ging es ums Ganze, nicht bloß um die literarische Revolution.“ Auch außerhalb der Arbeiterklasse habe man begriffen, „dass Henckell ein Dichter ist, der zum Ruhme deutschen Geistes beiträgt“.

Aus: Karl Henckell | Weltmusik | 1918 | Verlag von Franz Hanfstaengl

Karl Henckell | Weltmusik | Eine Orchesterphantasie

Weltmusik
Eine Orchesterphantasie

Unergründlich
Brütet das Schweigen,
Ballt sich zusammen
Die schwangere Nacht –
Taub und tonlos
Kauert der Reigen,
Dumpf Verdammen
Lauert und wacht.

Hinter Blöcken
Finstre Dämonen,
Nebelschleichend,
Tückisch und krumm –
Matte Monde
Aus Nebelzonen
Ziehn erbleichend,
Totenstumm . . .

Plötzlich verworren
Regt sich ein Raunen,
Lichter aufzucken,
Riesen stehn nackt,
Schreien ihr Sehnen,
Stark wie Posaunen,
Zwerge sich ducken,
Pan stampft den Takt.

Siehe, da brausen
Im Orgelorkane
Urwäldermeere,
Sonnengesäugt –
Lustschwärme jauchzen
Wilde Päane,
Isis zur Ehre,
Wollustgezeugt.

Doch aus der schäumenden
Orgien Tosen
Löst sich der zarter
Sich wiegende Bund –
Kinder der Anmut
Lagern auf Rosen,
Innig gepaarter
Sucht sich der Mund.

Reinere Ordnungen
Bilden sich leise,
Venus Urania
Wandelt die Welt –
Männer und Frauen, sie
Wählen sich weise,
Heilig Halleluja
Geister gesellt.

Milder erschallen die
Saiten des Lebens,
Rhythmen gestalten sich
Seligen Gedichts –
Völkerversöhnende
Musen durchschweben’s,
Fugen entfalten sich,
Künder des Lichts.

Freuden und Schmerzen,
Torheit und Trauer,
Aufschwung und Untergang
Tönen im Chor –
Kämpft das Orchesterheer,
Schütteln uns Schauer,
Heldentriumphgesang
Reißt uns empor.

Unergründlich
Quellende Laute
Locken die lauschend
Andächtige Schar –
Meisterhorchend,
Was Kühnheit baute,
Nimmt tiefaufrauschend
Die Menschheit wahr.

***

Karl Friedrich Henckell, um 1900

Karl Friedrich Henckell (* 17. April 1864 in Hannover; † 30. Juli 1929 in Lindau am Bodensee) war ein deutscher Lyriker und Schriftsteller.
Die Zeitung „Volksrecht“ widmete ihm einen längeren Nachruf. Darin wurde festgehalten, dass er, der den Ehrennamen Arbeiterdichter 40 Jahre getragen habe, vom Bürgertum „als Kämpfer und Sender zum Proletariat“ gekommen sei: „Ihm ging es ums Ganze, nicht bloß um die literarische Revolution.“ Auch außerhalb der Arbeiterklasse habe man begriffen, „dass Henckell ein Dichter ist, der zum Ruhme deutschen Geistes beiträgt“.

Aus: Karl Henckell | Weltmusik | 1918 | Verlag von Franz Hanfstaengl

Alexander Moszkowski | Ooch ’ne Frühlingsahnung

»Wenn rechts und links die Spiegelscheiben knallen,
Und Ihnen uf’n Kopp Klamotten fallen,
Wenn sich die Schornsteinröhren mächtig biejen,
Und Dacharbeeter uf det Flaster fliejen,
Wenn alle Zäune wackeln mit Veh’menz –
Det is der Lenz!

Wenn Ihr Zylinder, oder wat Se tragen,
Hinieberkugelt untern Schlächterwagen,
Wenn Aeste, von de Beeme abjebrochen,
Im Schneesturm Ihnen priejeln Ihre Knochen,
Wenn Blitzableiter durch de Lifte huppen,
Wenn Ihn‘ de Oogen überjehn vor Schnuppen,
Vor Rachenbräune und vor Influenz –
Det is der Lenz!

Un wenn de Meechens, wo se immer singen,
Een Kilo Dreck mit von de Straße bringen,
Nachdem se von dem »Zephyr« rumjebullert
Verschiedene Mal uf den Asphalt jekullert,
Wobei se merschtens wie de Kälber schrien –
Det is de Frühlingsahnung in Berlin!

***

Aus: Die Freiheit der Musen

Frank Adamik | Ich, der Voyeur

Mich interessiert kein Kontakt
mit anderen Menschen
vielleicht gar nackt.

Mich lockt keine Bar
kein gutes Essen
sowieso kein Altar.

Ich brauch kein Telefon
keine Frau
keinen Sohn.
Mich langweilt viel
fast jedes Gespräch
jedes Spiel.

Drogen nehmen
Geld verdienen
politische Themen
es summt im Kopf wie bei den Bienen.

Weil ich in meinem Glück – auf gewisse Art – bescheiden bin:

In der frühen Nacht
hab ich meine Lichter ausgemacht
dann nehm ich Dich mein Teleobjektiv
schauen wir uns an
ganz subversiv
was die Nachbarn tun.

Wir stehen dicht an der Wand
und hätte nie geglaubt
sehen dabei so allerhand
was mir Verstand und Atem raubt!
Es fixt mich an
und hole mir
ihr Leben ganz nah ran.

Frank Adamik
*1959 | lebt in Norderstedt bei Hamburg & übt sich seit einigen Jahren in der Lyrik.

Getragene Verschlossenheit

… Mit einer offen zur Schau getragenen Verschlossenheit, wartete er darauf angesprochen zu werden. Währenddessen beobachteten ihn Stichlinge. …

 Oliver Simon © 2016

Die Idee hinter dem Zweizeiler ist es, Sie & Euch einzuladen, den gelieferten Gedankenfaden weiter zu spinnen. Gern auch, indem Sie und Ihr uns am gesponnen Faden als Kommentar teilhaben lassen. Wenn Ihnen dazu eine gute Kurzgeschichte einfällt, würden wir diese hier auch gern veröffentlichen.

Alexander Moszkowski | Des Mathematikers Diophantos‘ Rätsel

Diophantos aus Alexandria lebte wahrscheinlich in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts n. Chr. und war der Verfasser eines arithmetischen Werks, das für ein Jahrtausend die Summe des arithmetischen und algebraischen Wissens zog. Noch heute spricht man von diophantischen Gleichungen. Ihm wurde die folgende Grabschrift gesetzt.

Durch arithmetische Kunst lehret sein Alter der Stein.
Knabe zu bleiben verlieh ein Sechstel des Lebens ein Gott ihm;
Fügend das Zwölftel hinzu, ließ er ihm sprossen die Wang‘;
Steckte ihm drauf auch an in dem Siebtel die Fackel der Hochzeit,
Und fünf Jahre nachher teilt er ein Söhnlein ihm zu.
Weh! Unglückliches Kind, so geliebt! Halb hatt‘ es des Vaters
Alter erreicht, da nahm’s Hades, der schaurige, auf.
Noch vier Jahre den Schmerz durch Kunde der Zahlen besänft’gend,
Langte am Ziele des Seins endlich er selber auch an.

Diophantos, Arithmetica in der 1296 geschriebenen Handschrift Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus graecus 191, fol. 388v
Diophantos, Arithmetica in der 1296 geschriebenen Handschrift Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus graecus 191, fol. 388v

Die Auflösung der Gleichung ersten Grads ergibt, dass Diophantos 84 Jahre alt geworden ist. Er war bis zum 14. Jahr ein Kind, bis zum 21. Jüngling und heiratete mit 33 Jahren. Im 38. Jahr wurde ihm ein Sohn geboren, der im Alter von 42 (½ von 84) Jahren starb, als der Vater selbst 80 Jahre alt war.

Aus: Alexander Moszkowski: Das Buch der 1000 Wunder | Kapitel 125

Diophantos von Alexandria (altgriechisch Διόφαντος ὁ Ἀλεξανδρεύς Dióphantos ho Alexandreús) war ein antiker griechischer Mathematiker. Er gilt als der bedeutendste Algebraiker der Antike.
Es ist nicht genau bekannt, wann Diophantos lebte. Die Angaben schwanken zwischen 100 vor Chr. und 350 nach Chr. Da Diophant jedoch Hypsikles von Alexandria zitierte, muss er nach 150 v. Chr. gelebt haben, aber vor 364 n. Chr., da Theon von Alexandria Diophants Werk erwähnte. Es wird weiterhin vermutet, dass er um 250 nach Chr. lebte, da er seine Arithmetica einem Dionysios widmete, bei dem es sich um Dionysios den Großen handeln könnte, der 248 nach Chr. Bischof von Alexandria wurde.
Über das eigentliche Leben des Diophant weiß man so gut wie nichts. Bekannt sind lediglich seine Werke.
Diophant fand gebrochen rationale Zahlen als Lösungen algebraischer Gleichungen mit mehreren Unbekannten. Heute nennt man dagegen algebraische Gleichungen, für die ganzzahlige Lösungen gesucht werden, diophantische Gleichungen. Ebenfalls nach ihm benannt ist die Theorie der diophantischen Approximation. [Quelle: wikipedia]

Der Mondkrater Diophantus ist nach ihm benannt:

Diophantus ist ein Einschlagkrater auf der nordwestlichen Mondvorderseite, am westlichen Rand des Mare Imbrium. Er liegt südlich von Delisle und nordwestlich von Euler. Foto: Die Krater Diophantus & Delisle (Detail eines LRO – WAC MondMosaiks) | NASA / LRO LROC TEAM

Hans Christian Andersen | Was die Distel erlebte

Foto: Hella Kiss

Zu dem reichen Herrensitz gehörte ein schöner, gut gehaltener Garten mit seltenen Bäumen und Blumen; die Gäste auf dem Schloss äußerten ihr Entzücken darüber, die Bewohner der Umgegend, vom Lande wie aus den Städten, kamen an Sonn- und Feiertagen und baten um Erlaubnis, den Garten zu sehen, ja, ganze Schulen fanden sich zu ähnlichen Besuchen ein.

Silberdistel – geschlossen

Vor dem Garten, an dem Gitter nach dem Feldwege hinaus, stand eine mächtige Distel; sie war so groß, von der Wurzel aus in mehrere Zweige geteilt, dass man sie wohl einen Distelbusch nennen konnte. Niemand sah sie an außer dem alten Esel, der den Milchwagen des Milchmädchens zog. Er machte einen langen Hals nach der Distel und sagte: »Du bist schön! Ich könnte dich auffressen!« Aber die Leine, an der der Esel angepflockt stand, war nicht lang genug, als dass er sie hätte fressen können.

Es war große Gesellschaft im Schloss, hochadelige Verwandte aus der Hauptstadt, junge, niedliche Mädchen und unter ihnen ein Fräulein von weit her; sie kam aus Schottland, war von vornehmer Geburt, reich an Geld und Gut, eine Braut, deren Besitz sich schon verlohne, sagte mehr als ein junger Herr, und die Mütter sagten es auch.

Die Jugend tummelte sich auf dem Rasen und spielte Krocket; sie gingen zwischen den Blumen umher, und ein jedes der jungen Mädchen pflückte eine Blume und steckte sie einem der jungen Herren ins Knopfloch; aber die junge Schottin sah sich lange um, verwarf eine Blume nach der andern; keine schien nach ihrem Geschmack zu sein; da sah sie über das Gitter hinüber, da draußen stand der große Distelbusch mit seinen rotblauen, kräftigen Blüten, sie sah sie, sie lächelte und bat den Sohn des Hauses, ihr eine zu pflücken.

»Das ist Schottlands Blume!« sagte sie. »Sie prangt in dem Wappen des Landes, geben Sie mir die!«

Und er holte die schönste, und sie stach ihn in die Finger, als wachse der stärkste Rosendorf daran.

Foto: Hans Braxmeier

Die Distelblüte steckte sie dem jungen Mann ins Knopfloch, und er fühlte sich hochgeehrt. Alle die andern jungen Herren hätten gern ihre Prachtblume hergegeben, um diese tragen zu können, die von den feinen Händen der jungen Schottin gespendet war. Und wenn sich der Sohn des Hauses geehrt fühlte, wie mochte sich da die Distel vorkommen! Es war, als durchströmten sie Tau und Sonnenschein.

»Ich bin mehr, als ich glaube!« sagte sie im stillen. »Ich gehöre wohl eigentlich hinter das Gitter und nicht draußen auf das Feld. Man wird hier in der Welt wunderlich gestellt! Aber nun ist doch eine von den Meinen über das Gitter gekommen und sitzt obendrein im Knopfloch!«

Nickende Distel, Bisamistel – Foto: Thomas B.

Jeder Knospe, die kam und sich entfaltete, erzählte sie diese Begebenheit, und es waren noch nicht viele Tage vergangen, da hörte der Distelbusch, nicht von Menschen, nicht aus dem Vogelgezwitscher, sondern aus der Luft selber, die Laute auffängt und weiterträgt, aus den innersten Gängen des Gartens und aus den Zimmern des Schlosses, wo Türen und Fenster offenstehen, dass der junge Her, der die Distelblüte aus der Hand der feinen jungen Schottin erhielt, nun auch die Hand und das Herz bekommen habe. Es sei ein schönes Paar, eine gute Partie.

»Die habe ich zusammengebracht!« meinte der Distelbusch und dachte an die Blüte, die er für das Knopfloch hergegeben hatte. Jede Blüte, die aufbrach, bekam das Ereignis zu hören.

»Ich werden gewiss in den Garten gepflanzt«, dachte die Distel, »vielleicht in einen Topf gestellt, der klemmt, das soll ja das allerehrenvollste sein!«

Und der Distelbusch dachte so lebhaft daran, dass er mit voller Überzeugung sagte: »Ich komme in einen Topf!«

Er versprach jeder kleinen Distelblüte, die aufsprosste, dass sie auch in den Topf kommen solle, vielleicht gar ins Knopfloch. Das war das Höchste, was erreicht werden konnte; aber keine kam in den Topf, geschweige denn ins Knopfloch; sie tranken Luft und Licht, sie schleckten Sonnenschein am Tage und Tau in der Nacht, blühten, bekamen Besuch von Bienen und Bremsen, die nach Mitgift suchten, nach dem Honig in der Blüte, und den Honig nahmen sie, die Blume ließen sie stehen. »Das Räubergesindel!« sagte der Distelbusch. »Könnte ich sie doch auffressen! Aber das kann ich nicht!«

Die Blüten ließen den Kopf hängen, welkten hin, aber es kamen neue. »Ihr kommt wie gerufen!« sagte der Distelbusch. »Jede Minute erwarte ich, dass man uns hinter das Gitter verpflanzt!«

Ein paar unschuldige Gänseblümchen und Wegerichpflanzen standen da und hörten mit Bewunderung zu und glaubten alles, was der Distelbusch sagte.

Der alte Esel vom Milchwagen schielte vom Wegesrande zu dem Distelbusch hinüber, aber die Leine war zu kurz, er konnte ihn nicht erreichen.

Distel, Samenstand – Foto: Brockenhexe via pixabay

Und die Distel dachte so lange an die Distel Schottlands, zu deren Familie sie sich zählte, dass sie schließlich glaubte, sie sei aus Schottland gekommen und ihre Eltern wären selber im Wappen Schottlands erblüht. Das war ein großer Gedanke, aber eine große Distel kann wohl einen großen Gedanken haben.

»Man ist oft von so vornehmer Familie, dass man es gar nicht zu wissen wagt!« sagte die Nessel, die dicht daneben wuchs; sie hatte auch eine Ahnung davon, dass sie zu ‚Nesseltuch‘ werden könne, wenn sie nur richtig behandelt würde.

Und der Sommer verging, und der Herbst verging; die Blätter fielen von den Bäumen, die Blumen bekamen stärkere Farben und weniger Duft.

Die jungen Tannenbäume im Walde fingen an, Weihnachtssehnsucht zu bekommen, aber es war noch lange bis Weihnachten.

» Hier stehe ich noch!« sage die Distel. »Es ist, als wenn niemand an mich dächte, und ich habe doch die Partie gemacht; verlobt haben sie sich, und Hochzeit haben sie gefeiert, es ist jetzt acht Tage her. Ja, ich, ich tue keinen Schritt, denn ich kann es nicht!«

Distel, Mannstreu – Foto: Alexas Fotos via pixabay

Es vergingen noch einige Wochen; die Distel stand mit ihrer letzten, einzigen Blüte, groß und voll, ganz nahe an der Wurzel war sie empogesprosst. Der Wind wehte kalt darüber hin, die Farben vergingen, die Pracht verging, der Kelch stand wie eine versilberte Sonnenblume da.

Da kam das junge Paar, jetzt Mann und Frau, in den Garten; sie gingen am Gitter entlang, die junge Frau sah darüber hinaus.

»Da steht die große Distel noch!« sagte sie. »Jetzt hat sie keine Blüte mehr!« »Ja, da ist das Gespenst von der letzten!« sagte er und zeigte auf den silberschimmernden Rest der Blüte, der selbst eine Blüte war.

»Wie schön die ist!« sagte sie. »So eine Distel muss in den Rahmen um unser Bild geschnitzt werden!«

Und der junge Mann mußte abermals über das Gitter steigen und den Distelkelch abschneiden. Er stach ihn in die Finger, er hatte ihn ja ‚Gespenst‘ genannt. Und der Kelch kam in den Garten und in das Schloss und in den Saal; da stand ein Gemälde: das junge Ehepaar. In das Knopfloch des Bräutigams war eine Distelblüte gemalt. Man sprach davon, und man sprach von dem Diestelkelch, den sie brachten, die letzte, jetzt silbern schimmernde Distelblüte, die in den Rahmen hineingeschnitzt werden sollte.

»Was man doch alles erleben kann!« sagte der Distelbusch. »Meine Erstgeborene kam ins Knopfloch, meine Letztgeborene kommt in den Rahmen! Wohin komme ich?«

Und der Esel stand am Wegesrande und schielte zu dem Busch hinüber.

»Komm zu mir, mein Fress-Schatz! Ich kann nicht zu dir kommen, die Leine ist nicht lang genug!«

Silberdistel – Foto: Hermann via pixabay

Der Distelbusch antwortete nicht. Immer mehr versank er in Gedanken; er dachte und dachte, ganz bis an die Weihnachtszeit hinan, und dann zeigte der Gedanke seine Blüte.

»Wenn die Kinder glücklich drinnen sitzen, findet eine Mutter sich darein, außerhalb des Gitters zu stehen!«

»Das ist ehrenwert gedacht!« sagte der Sonnenstrahl. »Sie sollen auch einen guten Platz bekommen!«

Im Topf oder im Rahmen?« fragte die Distel.

»In einem Märchen!« sagte der Sonnenstrahl.

Und hier ist es!

HeaderFoto: Hella Kiss

Annemarie Clarac-Schwarzenbach | Kein Platz für den Vierbeiner

An einem Pier des altmodischen Hafens von Lissabon liegt ein Hund [Tyras?] vor dem amerikanischen Dampfer «Siboney» und bewacht eine Kajütenluke, hinter welcher das Gesicht seines Herrn soeben verschwunden ist. Der Herr gehört zu den 350 Menschen, die auf dem kleinen, für die Unterbringung von höchstens der Hälfte dieser Zahl von Passagieren eingerichteten Schiff die Reise über den Atlantischen Ozean antreten, für den Hund gab es keinen Platz.

Annemarie Schwarzenbach

Die Dampfer der «American Export Lines» sind die einzigen, die noch in diesem letzten freien Hafen der europäischen Atlantik-Küste anlegen, um den Passagier-Verkehr zwischen der Alten und der Neuen Welt aufrecht zu erhalten. Außer ihnen gibt es nur die Clipper-Flugzeuge, auf denen die Plätze auf Monate im Voraus gebucht sind. Auch auf einen Schiffsplatz muss man in Lissabon oft wochenlang warten. Jeden Freitag, dem Abfahrtstag der «Export-Liners», spielen sich am Hafen schmerzliche Szenen der Trennung ab. Denn die meisten Menschen, die sich heute in Lissabon einschiffen, sind Flüchtlinge, Emigranten, unfreiwillige Auswanderer, Heimatlose aus den in diesem Krieg geschlagenen Ländern Europas, und wie viele von ihnen werden ihre Heimat nie wiedersehen! Aber sie, die ein amerikanisches Visum und eine Fahrkarte nach New York besitzen, sind beneidenswert, verglichen mit den Tausenden, die gezwungen sind, Europa zu verlassen und die in Lissabon auf einen Pass, auf Geld, eine Reisemöglichkeit warten. Sie füllen die Hotels, Pensionen, billigen Mietzimmer, die Cafés, Reisebureaux, die Wartezimmer der Konsulate in Lissabon und geben der vor kurzem noch idyllisch stillen Hauptstadt Portugals ein internationales Gepräge, eine hektische Betriebsamkeit, die seltsam und traurig eindrucksvolle Atmosphäre eines letzten Postens am Rande des fürchterlich heimgesuchten europäischen Kontinents. Vom gleichen Hafen fuhren einst die Schiffe Heinrichs des Seefahrers, von Weltumseglern und Eroberern aus. Jetzt blicken von hier aus besiegte Menschen mit kummervoller Hoffnung nach Westen.  | Annemarie Clarac-Schwarzenbach

Joseph Roth | Der Mensch aus Pappkarton

Ein Mensch aus Pappkarton ging durch die Straßen. Seine Schultern, sein Rücken, seine Brust und sein Unterleib waren aus Pappe. Nur seine Füße sah man. Statt des Kopfes saß auf dem papiernen Oberkörper des Menschen ein Würfel aus hartem Papier. Die Vorderseite dieses Würfels bildete sozusagen das Angesicht des Menschen. Es war ein sehr primitives Angesicht: zwei viereckige Löcher stellten die Augen dazu, eine dreieckige Öffnung vermittelte den Eindruck einer Nase. Er ging mit langsamen Schritten, in einem mechanischen Gleichmaß. Er hatte keinen Mund und keine Ohren. Er hatte es offenbar nicht nötig, zu essen und zu hören. Seine Aufgabe war: gehen, gehen, gehen.

Als wäre der papierne Leib ein Witz über seine eigene Tätigkeit und als würde sich die Haut aus Pappendeckel einen höhnischen Spott gegen die in zerrissenen Stiefeln steckenden Füße erlauben, – war sie an der Vorder- und an der Rückseite bemalt, gewissermaßen tätowiert: Die Tätowierung bestand aus einem großen, fast die ganze Vorderseite einnehmenden Automobil und der Überschrift: »Fix-Fix, das schnellste Auto der Welt«.

Man errät leicht, dass der Mensch, von dem ich erzähle, einer jener Männer war, die den unlogischen und mit ihren Einnahmen in Widerspruch stehenden Namen: »Sandwichman« führen. Widerspruchsvoll war seine ganze Erscheinung; er pries das schnellste Auto der Welt an und, um dessen Schnelligkeit dieser ganzen Welt zu suggerieren, musste er langsam gehen. Er hätte gar nicht schnell gehen können. Denn jene Fix-Fix-Firma, die sich seiner bediente, hatte ihm den hinderlichen steifen Körper verliehen. Er war eine wandernde Litfaß-Säule: paradox genug. Wie grotesk wäre eine laufende gewesen! Seitdem es Fix-Fix-Automobile und überhaupt eine Reklame gibt, hat man noch keine scheugewordenen Sandwichmänner gesehen.

Nein! Der Mann ging langsam und illustrierte die Schnelligkeit der Fix-Fix-Wagen. An ihm vorbei, ihn überholend, rasten viele Autos und unter ihnen wahrscheinlich auch solche der Marke Fix-Fix. Der Mann wanderte ungestört weiter und, wie er so regelmäßig Schritt für Schritt auf den Asphalt tat, war es, als würde er von einem Räderwerk betrieben. Es regnete und es hörte auf zu regnen. Die Sonne kam und verschwand hinter Wolken. Die Leute blieben stehen und sahen das lebendige Plakat und gingen weiter. Aber unermüdlich gondelte dieses die Straße entlang und zurück.

Unermüdlich? Konnte einer, der kein Gesicht mehr besaß, keinen Körper, und dem man nur die Füße belassen hatte, weil sie augenblicklich von der Fix-Fix-Fabrik gebraucht worden waren, ein Herz besitzen, das müde wurde und den Takt verlangsamte? Widersprach es nicht den Interessen der Firma? Wenn es gelungen war, ein Ebenbild Gottes so zu verwandeln, daß Gott selbst, wenn er es zufällig erblickte, glauben musste, er hätte eine Fix-Fix-Reklame auf seinem ewigen Antlitz – gelang es nicht auch, diesem angestellten Wesen einen unermüdlichen Mechanismus statt des menschlichen Herzens einzusetzen?

Nein, es gelang nicht! Denn am Nachmittag, um die zweite Stunde, sah ich das Wunderbare: der Mann blieb stehen, legte zuerst seinen vorderen Teil ab und dann seinen Rücken, dann köpfte er sich selbst, stellte sein eigenes Ich vor sich auf den mit Recht so genannten »Bürgersteig« und setzte sich als ein ganz anderer, als ein gewöhnlicher, zweibeiniger Mensch auf eine Schwelle. Niemand wunderte sich darüber, dass ein Mensch aus hartem Papier wieder einer aus Fleisch und Blut wurde. Es ist leider nichts Wunderbares an dieser ganzen Geschichte vom Sandwichmann. In China wundert man sich auch nicht über die menschlichen Zugtiere, die man Kulis nennt und deren Aufgabe es ist, die Fix-Fix-Automobile überflüssig zu machen.

Veröffentlicht: Vorwärts, 10. 2. 1924

kunst | werk  Jules Bastien-Lepage | Diogenes (1873)

Max Dauthendey | Im Mondschloss

Im Mondschloss

Die Mondnacht war wie ein goldenes Schloss gemacht,
Schwebend über der Zeit, mit offenen Toren himmelweit,
Mit Silbersaal an Saal gereiht,
Mit betressten Schatten, die waren die Diener und Mohren;
Die hatten an Treppenbergen ihren Platz in Scharen,
Mit weißem Puder in blauschwarzen Haaren.
Du und ich, wir gingen wie die Lieder und Sagen,
Von der Mondmusik durch die Räume getragen.
Und ein Saal stand voll Berge mit Nebeln im Tal.
Drunten lag als Teppich ein Strom wie Stahl,
Eine Insel als Kissen, und Pappeln als Wände;
Es spielten im Wasser vergoldete Hände.
Und zwei Augen ich tief im Mondschein fühlte,
Und eine Brust, die mir gern meine Sehnsucht kühlte.
Ich griff in die Leere, wie durch eine Wand,
Und hielt meiner Liebsten liebkosende Hand.

Aus: Max Dauthendey | Weltspuk | Lieder der Vergänglichkeit

Max Dauthendey (* 25. Juli 1867 in Würzburg; † 29. August 1918 in Malang auf Java) war ein deutscher Dichter und Maler.
Die von Farben und Tönen bestimmte ungebundene und rhythmische Lyrik und Prosa machte Dauthendey zu einem der bedeutendsten Vertreter des Impressionismus in Deutschland. Seine Werke sind bestimmt von der Liebe zur Natur und deren Ästhetik. Mit virtuoser Sprachbegabung setzte er seine Sensibilität für sinnenhafte Eindrücke in impressionistische Wortkunstwerke um.
Über seine Gedichte sagte Stefan George, sie „seien das einzige, was jetzt in der ganzen Literatur als vollständig Neues dastehe […] eine eigenartige Kunst, die reicher genießen lasse als Musik und Malerei, da sie beides zusammen sei.

Zeitgeist

Gewisse Menschen schmecken fade, gleich chemisch reinem Wasser. Was hilft es uns, dass der Kenner uns versichert, hier sei Wasser, unser Lebensquell, in seiner edelsten, geläutertsten Form, in seiner Idee gleichsam, nichts mehr sei da als reines H und reines O: wir mögen es doch nicht trinken. Lieber noch halten wir die Hand unter die Dachtraufe. Und ebenso geht es uns mit Leuten, die nur die allgemeinen Bestandteile des Menschen haben und weiter nichts. Sie sind uns eben zu destilliert, zu »abgeklärt«, wie wir höflich umschreibend sagen: in Wirklichkeit aber meinen wir damit ganz einfach, dass sie ungenießbar sind. Sie sind ohne Farbe, Geschmack und Nährwert, sie haben keine Salze und keinen Erdgehalt. Dasselbe gilt von ganzen Zeitaltern: sie sind nichts Lebendiges, keine Quellen; alles ist aus ihnen herausgeschlämmt, herausgedämpft; es fehlt ihnen an scharfen Säuren und bitteren, unlöslichen Bestandteilen: an Problemen.

Egon Friedell
(1878 – 1938) war ein österreichischer Journalist und Schriftsteller, der als Dramatiker, Theaterkritiker und Kulturphilosoph hervortrat. Außerdem wirkte er als Schauspieler, Kabarettist und Conférencier.

Jakob van Hoddis | Es hebt sich ein rosa Gesicht …

Es hebt sich ein rosa Gesicht
Von der Wand.
Es strahlt ein verwegenes Licht
Von der Wand.
Es kracht mir der Schädel
Beim Anblick der Wand.
Es träumt mir ein Mädel
Beim Anblick der Wand.

O Wand, die in meine leblosen Stunden starrt
Wand, Wand, die meine Seele mit Wundern genarrt
Mit Langeweile und grünlichem Kalk
Mein Freund. Meiner Wünsche Dreckkatafalk.

Soeben erscheint mir der Mond
An der Wand.
Es zeigt mir Herr Cohn seine Hand
An der Wand.
Es schnattert wie Schatten
Pretiös an der Wand.

Verflucht an der Wand!
Und heut an der Wand!
Was stehen denn so viel Leut
An der Wand?

Jakob van Hoddis (Geburtsname Hans Davidsohn; * 16. Mai 1887 in Berlin; † 1942 in Sobibór, Generalgouvernement) war ein deutscher Dichter des literarischen Expressionismus. Er ist besonders bekannt für das Gedicht Weltende.

Bei vielen Zeitgenossen hatte van Hoddis großen Erfolg, seine Lyrik wurde von den damaligen Literaturkritikern und Intellektuellen hoch geschätzt. So eröffnete Weltende die wohl berühmteste expressionistische, von Kurt Pinthus 1919 herausgegebene, Lyrikanthologie Menschheitsdämmerung. In der späteren Forschung trat er dagegen im Vergleich zu anderen Vertretern des Expressionismus wie Georg Heym, Ernst Stadler und Georg Trakl in den Hintergrund. Er lehnt seinen Wortschatz in seinen Gedichten in der Zeit zwischen 1910 und 1914 sehr an den des frühen Stephan George an.

discutere | Januar 2017

Wir haben uns in der ersten Redaktionssitzung seit über einem Jahr überlegt, welchen Themen wir uns in diesem Jahr im Schwerpunkt widmen wollen.

Foto: FirmBee via pixabay

Wir möchten uns mit folgenden Fragestellungen beschäftigen und sammeln derzeit Ideen:
Die kulturellen Leistungen des Menschen aus der analogen Zeit sind einfach darzustellen, da diese für uns mit diversen Sinneserfahrungen verbunden sind. Allerdings: wie lassen sich die zahlreichen digitalen Errungenschaften so darstellen, dass sie ebenfalls die Sinne ansprechen, um unserem analogen Geist eine Brücke zu bauen?

BuchCover – Goldmann

Beim Wort genommen.
Wir wollen uns die Ratgeberliteratur bzw. diverse philosophische Werke zur Brust nehmen und deren Inhalte beim Wort nehmen, in praktischem Sinne: ausprobieren und das Erlebte beschreiben. Aufhänger ist u.a. das Buch Wer nichts riskiert, verpasst das Leben: Wie ich 365 Mal meine Angst überwand von Noelle Hancock aus dem Goldmann Verlag. Ein stilistisch gruseliges Buch, aber mit einer spannenden Idee. [Wie wir finden]

Was zu einer weiteren Idee führt: einem Projekt dass genau das Grundmotiv des Buches aufgreift. 365 gegen die Angst. Diese, in Form einer wöchentlichen Kolumne, gestaltete Serie startet Anfang Februar mit einem ersten Selbstversuch.

Nun zu unserem größten Diskussionspunkt. Wir wollen das Thema Frau & Mann aufgreifen. Die Kriegsrethorik auf beiden Seiten, das Abwenden zahlreicher voneinander. Dies allerdings ohne zu separieren sondern mit dem Aspekt darauf, dass Mann und Frau einfach zusammen gehören. Und das wollen wir souverän darstellen ohne einfach nur zu wiederholen. Dabei haben wir festgestellt, dass wir oft mit den Schultern zucken. Aus Unsicherheit, weil wir den Streit zwischen Mann & Frau oft nicht verstehen und vieles selbstverständlich ist, was immer wieder eingefordert wird. Gestritten haben wir zudem über den Humor einiger Feministinnen, die gern den Mann auf einen Vibrator in ihrer Handtasche reduzieren würden. Und doch scheint vieles völlig egal zu sein. Es wird schön geredet oder in verschärftem Ton angeklagt. Und doch immer wieder das Achselzucken; na und?! Es scheint alles zur Genüge gesagt. |Wir sind gespannt, wohin uns dies führen wird.

Aktuell läuft im Hintergrund eine Relaunch der Website. Mit dem Layout sind wir vorerst zufrieden. Jetzt wird bei den Beiträgen ausgemistet. Was uns nicht mehr gefällt fliegt raus; alles andere wird überarbeitet.

Wir wünschen viel Vergnügen beim Stöbern und freuen uns über Anregungen.

Die Redaktion

 

Hans Christian Andersen | Der Rosenelf

Mitten in einem Garten wuchs ein Rosenstock, der war ganz voller Rosen; und in einer derselben, der schönsten von allen, wohnte ein Elf. Der war so winzig klein, daß kein menschliches Auge ihn erblicken konnte. Hinter jedem Blatt in der Rose hatte er eine Schlafkammer. Er war so wohlgebildet und schön, wie nur ein Kind sein kann, und hatte Flügel von den Schultern hinunter bis zu den Füßen. Oh, welcher Duft war in seinen Zimmern und wie schön und klar waren die Wände; es waren ja die blaßroten Rosenblätter.
Den ganzen Tag erfreute er sich im warmen Sonnenschein, flog von Blume zu Blume, tanzte auf den Flügeln des fliegenden Schmetterlings und maß, wie viele Schritte er zu gehen habe, um über alle Landstraßen und Stege zu gelangen, welche auf einem einzigen Lindenblatt sind. Was wir die Adern im Blatt nennen, hielt er für Landstraßen und Stege. Ja, das waren meilenlange Wege für ihn! Ehe er damit fertig wurde, ging die Sonne unter. Er hatte auch so spät damit angefangen!
Es wurde sehr kalt, der Tau fiel, und der Wind wehte. Nun war es das beste, nach Hause zu kommen. Er tummelte sich, was er konnte, aber die Rose hatte sich geschlossen, er konnte nicht hineingelangen. Keine einzige Rose stand geöffnet. Der arme kleine Elf erschrak sehr. Er war früher nie des Nachts ausgeblieben, hatte immer so süß hinter den warmen Rosenblättern geschlummert. Oh, das wird sicher sein Tod sein!
Am andern Ende des Gartens, das wußte er, befand sich eine Laube mit schönem Jelängerjelieber. Die Blüten sahen wie große bemalte Hörner aus, in eine derselben wollte er hinabsteigen und bis morgen schlafen.
Er flog dahin. Still! Es waren zwei Menschen darin, ein junger hübscher Mann und ein schönes Mädchen. Sie saßen nebeneinander und wünschten, daß sie sich nie zu trennen brauchten. Sie waren einander so gut, weit mehr noch, als das beste Kind seiner Mutter oder seinem Vater sein kann.
»Dennoch müssen wir uns trennen!« sagte der junge Mann. »Dein Bruder mag uns nicht leiden, deshalb sendet er mich mit einem Auftrag so weit fort über Berge und Seen! Lebe wohl, meine süße Braut, denn das bist du doch!«
Und dann küßten sie sich, und das junge Mädchen weinte und gab ihm eine Rose. Aber bevor sie ihm dieselbe reichte, drückte sie einen Kuß so fest und innig drauf, daß die Blume sich öffnete. Da flog der kleine Elf in diese hinein und lehnte sein Haupt gegen die feinen, duftenden Wände. Hier konnte er gut hören, daß Lebewohl gesagt wurde. Lebe wohl! Und er fühlte, daß die Rose ihren Platz an des jungen Mannes Brust erhielt. Oh, wie schlug doch das Herz darin! Der kleine Elf konnte gar nicht einschlafen, so pochte es.
Aber nicht lange ruhte die Rose ungestört an der Brust. Der Mann nahm sie hervor, und während er einsam durch den dunklen Wald ging, küßte er die Blume; oh, so oft und so heftig, daß der kleine Elf fast erdrückt wurde. Er konnte durch das Blatt fühlen, wie die Lippen des Mannes brannten, und die Rose selbst hatte sich wie bei der stärksten Mittagssonne geöffnet.
Da kam ein anderer Mann, finster und böse; er war des hübschen Mädchens schlechter Bruder. Der zog ein scharfes Messer hervor, und während jener die Rose küßte, stach der schlechte Mann ihn tot, schnitt seinen Kopf ab und begrub ihn mit dem Körper in der weichen Erde unter dem Lindenbaum.
»Nun ist er vergessen und fort!« dachte der schlechte Bruder, »er kommt nie wieder zurück. Eine lange Reise sollte er machen, über Berge und Seen. Da kam man leicht das Leben verlieren, und das hat er verloren. Er kommt nicht mehr zurück, und mich darf meine Schwester nicht nach ihm fragen!«
Dann scharrte er mit dem Fuß verdorrte Blätter über die lockere Erde und ging wieder in der dunklen Nacht nach Hause. Aber er ging nicht allein, wie er glaubte, der kleine Elf begleitete ihn. Der saß in einem zusammengerollten Lindenblatt, welches dem bösen Mann, als er grub, in die Haare gefallen war. Der Hut war nun darauf gesetzt; es war so dunkel darin, und der Elf zitterte vor Schreck und Zorn über die schlechte Tat.
In der Morgenstunde kam der böse Mann nach Hause. Er nahm seinen Hut ab und ging in der Schwester Schlafkammer hinein. Da lag das schöne, blühende Mädchen und träumte von ihm, dem sie so gut war und von dem sie nun glaubte, daß er über Berge und durch Wälder ginge. Und der böse Bruder neigte sich über sie und lachte häßlich, wie nur der Teufel lachen kann. Da fiel das trockene Blatt aus seinem Haar auf die Bettdecke nieder, aber er bemerkte es nicht und ging hinaus, um in der Morgenstunde selbst ein wenig zu schlafen. Aber der Elf schlüpfte aus dem verwelkten Blatt, setzt sich in das Ohr des schlafenden Mädchens und erzählte ihr, wie in einem Traum, den schrecklichen Mord; beschieb ihr den Ort, wo der Bruder ihn erschlagen und seine Leiche verscharrt hatte, erzählte von dem blühenden Lindenbaum dicht dabei und sagte: »Damit du nicht glaubst, daß es nur ein Traum ist, was ich dir erzählt habe, wirst du auf deinem Bett ein welkes Blatt finden!«
Und das fand sie, als sie erwachte. Oh, welche bitteren Tränen weinte sie! Und niemandem durfte sie ihren Schmerz anvertrauen. Das Fenster stand den ganzen Tag offen. Der kleine Elf konnte leicht zu den Rosen und all den übrigen Blumen in den Garten hinausgelangen. Aber er mochte es nicht über sein Herz bringen die Betrübte zu verlassen. Im Fenster stand ein Strauch mit Monatsrosen. In eine der Blumen setzte er sich und betrachtete das arme Mädchen. Ihr Bruder kam oft in die Kammer hinein. Er war so heiter und doch so schlecht, sie aber durfte kein Wort über ihren Herzenskummer sagen.
Sobald es Nacht wurde, schlich sie sich aus dem Hause, ging im Walde zu der Stelle, wo der Lindenbaum stand, nahm die Blätter von der Erde, grub dieselbe auf und fand auch den, der erschlagen worden war. Oh, wie weinte sie und bat den lieben Gott, daß auch sie bald sterben möge!
Gerne hätte sie die Leiche mit sich nach Hause genommen, aber das konnte sie nicht. Da nahm sie das bleiche Haupt mit den geschlossenen Augen, küßte den kalten Mund und schüttelte die Erde aus seinem schönen Haar. »Das will ich behalten!« sagte sie. Und als sie die Erde und die toten Blätter auf den Körper gelegt hatte, nahm sie den Kopf und einen kleinen Zweig von dem Jasminstrauch, der im Walde blühte, wo er begraben war, mit sich nach Hause.
Sobald sie in ihre Stube kam, holte sie sich den größten Blumentopf, der zu finden war. In diesen legte sie des Toten Kopf, schüttete Erde darauf und pflanzte dann den Jasminzweig in den Topf.
»Lebe wohl! Lebe wohl!« flüsterte der kleine Elf. Er konnte es nicht länger ertragen, all diesen Schmerz zu sehen, und flog deshalb hinaus zu seiner Rose im Garten. Aber die war abgeblüht, es hingen nur einige bleiche Blätter an der grünen Hagebutte.
»Ach wie bald ist es doch mit all dem Schönen und Guten vorbei!« seufzte der Elf. Zuletzt fand er wieder eine Rose, die wurde zu seinem Haus; hinter ihren feinen und duftenden Blättern konnte er hausen und wohnen.
Jeden Morgen flog er zum Fenster des armen Mädchens, und da stand sie immer bei dem Blumentopf und weinte. Die bitteren Tränen fielen auf den Jasminzweig, und mit jedem Tag, an welchem sie bleicher wurde, stand der Zweig frischer und grüner da. Ein Schößling trieb nach dem anderen hervor, kleine weiße Knospen blühten auf, und die küßte sie. Aber der böse Bruder schalt sie und fragte, ob sie närrisch geworden sei? Er konnte es nicht leiden und nicht begreifen, daß sie immer über dem Blumentopf weinte. Er wußte ja nicht, welche Augen darin geschlossen und welche roten Lippen zu Ende geworden waren. Und sie lehnte ihr Haupt gegen den Blumentopf, und der kleine Elf von der Rose fand sie dort schlummernd. Da setzte er sich in ihr Ohr, erzählte von dem Abend in der Laube, vom Duft der Rose und der Elfen Liebe. Wie träumte sie so süß, und während sie träumte, entschwand das Leben. Sie war eines stillen Todes gestorben, sie war bei ihn, den sie liebte, im Himmel.
Und die Jasminblume öffnete ihre großen, weißen Glocken; sie dufteten so eigentümlich süß, anders konnten sie nicht über die Toten weinen.
Aber der böse Bruder betrachtete den schön blühenden Strauch, nahm ihn als ein Erbgut zu sich und setze ihn in seine Schlafstube dicht an sein Bett, denn er war herrlich anzuschauen, und der Duft war gar süß und lieblich. Der kleine Rosenelf folgte mit, flog von Blume zu Blume – in jeder wohnte ja eine kleine Seele – und erzählte von dem ermordeten jungen Mann, dessen Haupt nun Erde unter der Erde war, erzählte von dem bösen Bruder und der armen Schwester.
»Wir wissen es!« sagte eine jede Seele in den Blumen, »wir wissen es! Sind wir nicht aus des Erschlagenen Augen und Lippen entsprossen? Wir wissen es! Wir wissen es!« Und dann nickten sie so sonderbar mit dem Kopfe.
Der Rosenelf konnte es gar nicht begreifen, wie sie so ruhig sein könnten. Und er flog hinaus zu den Bienen, die Honig sammelten, und erzählte ihnen die Geschichte von dem bösen Bruder. Und die Bienen sagten es ihrer Königin und diese befahl, daß sie alle am nächsten Morgen den Mörder umbringen sollten.
Aber die Nacht vorher – es war die erste Nacht, welche auf den Tod der Schwester folgte –, als der Bruder in seinem Bette dicht neben dem duftenden Jasminstrauch schlief, öffnete sich jeder Blumenkelch, und unsichtbar, aber mit giftigen Spießen, stiegen die Blumenseelen heraus und setzten sich in sein Ohr und erzählten im böse Träume, flogen alsdann über seine Lippen und stachen seine Zunge mit giftigen Spießen. »Nun haben wir den Toten gerächt!« sagten sie und flogen in des Jasmins weiße Glocken zurück.
Als es Morgen war und das Fenster der Schlafkammer plötzlich aufgerissen wurde, fuhr der Rosenelf mit der Bienenkönigin und dem ganzen Bienenschwarm hinein, um ihn zu töten.
Aber er war schon tot. Es standen Leute rings um das Bett und sagten: »Der Jasminduft hat ihn getötet.«
Da verstand der Rosenelf der Blumen Rache, und er erzählte es der Königin der Bienen, und sie summte mit ihrem ganzen Schwarm um den Blumentopf. Die Bienen waren nicht zu verjagen. Da nahm ein Mann den Blumentopf fort, und eine der Bienen stach seine Hand, so daß er den Topf fallen und zerbrechen ließ.
Da sahen sie den bleichen Totenschädel, und sie wußten, daß der Tote im Bett ein Mörder war.
Und die Bienenkönigin summte in der Luft und sang von der Rache der Blumen und von dem Rosenelf und daß hinter dem geringsten Blatte einer wohnt, der das Böse erzählen und rächen kann!

Hans Christian Andersen (* 2. April 1805 in Odense; † 4. August 1875 in Kopenhagen) ist der bekannteste Dichter und Schriftsteller Dänemarks. Berühmt wurde er durch seine zahlreichen Märchen.

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Leonardo da Vinci | taccuino_forster_III | 1490er Jahre

Wir haben verschiedene Formate ausprobiert, die sowohl als Magazin im Web als auch in einer Printversion funktionieren können. Besonders hat uns dabei interessiert, wie wir es schaffen, sowohl tiefsinnige Beiträge zu veröffentlichen, die dennoch dem sich ändernden Leseverhalten Rechnung zu tragen. Wir wollen zudem die Kultur des Fragens beleben, ohne Antworten vorzugeben. Dazu beleben wir das hypómnema  – ein antikes literarisches Genre. Der Begriff setzt sich aus der altgriechischen Präposition Hypo- (ὑπό, unter, nieder) und Mneme (Μνήμη, Erinnerung) zusammen und bedeutet wörtlich ‚niedergelegte Erinnerung‘.

Hypomnemata waren in der Antike Schreibhefte und Notizbücher. Sie dienten als Gedächtnisstützen, waren aber auch persönliche Leitfäden zur Lebensführung. In sie trug man Zitate, Teile von Arbeiten, Aphorismen und Beispiele ein. Aber auch Handlungen, deren Zeuge man gewesen war oder über die man Berichte gelesen hatte, Gedanken und Überlegungen, die man gehört hatte oder die einem selbst in den Sinn gekommen waren. Das Hypomnema bildete ein materielles Gedächtnis gelesener, gehörter und gedachter Dinge und bot diese dem Benutzer als einen angehäuften Schatz zum Wiederlesen und für spätere Meditationen an. Der französische Philosoph Michel Foucault verweist darauf u. a. im Zusammenhang mit Senecas Übungen der Selbsterkenntnis: „In dieser Zeit gab es so etwas wie eine Kultur des persönlichen Schreibens: Notizen zu gelesenen Texten, Gesprächen und Reflexionen, die man gehört oder an denen man sich beteiligt hat; das Führen von (bei den Griechen Hypomnēmata genannten) Notizbüchern über bedeutende Dinge, die von Zeit zu Zeit wiedergelesen werden mussten, um die Erinnerung aufzufrischen.“
Hypomnemata sind nicht zu verwechseln mit Tagebüchern, da sie keine Berichte waren, die der Schreiber von sich selbst gab, sondern eine Zusammenfassung von Sätzen zur Reflexion und Selbstkonstituierung bzw. Selbstbetrachtung.
Zu ihrer eigentlichen Bedeutung gelangten die Hypomnemata in der Spätantike. Sie waren für die Stoiker, aber auch für die ersten christlichen Kirchenväter ein unverzichtbares Instrument der Sammlung, Ordnung, Reflexion und Selbstbetrachtung. Die Schrift ersetzte den Blick des Freundes in der Selbstprüfung.

Lord Byron | Zwischen zwei Welten

Zwischen zwei Welten, Tag und Nacht, schwebt blind
Das Dasein gleich dem Stern am Himmelssaum:
Wie wissen wir so wenig, was wir sind
Und werden Ewig rollt der Weltflut Schaum,
Und unsrer Gischtesblasen Glanz zerrinnt,
Und neue tauchen aus dem düstern Raum,
Indess die Gräber von verstorbnen Reichen
Dem Schwellen kaum der flücht’gen Woge gleichen.

Aus: Lord Byrons Don Juan, 15. Gesang, 99. Strophe

Annemarie Schwarzenbach | IN SILS

Manchmal möchte ich mit der Hand nach meinem Herzen greifen.
Ob es noch schlägt und das gleiche ist.
Es schlägt langsam wie im Traum.
Die Schläfen beben, der Atem müht sich
Und die Brust ist so klein geworden, so schmächtig,
Damit ihre Enge dies bißchen Leben und Bewegung nicht störe,
Um das wir kämpfen müssen.
Die Bilder sagen, es sei wie das zu schwache Licht einer Kerze.
Aber plötzlich spüre ich dann, wie es emporschlagen
Und übermächtig werden könnte,
Und eine Geisterhelle verbreiten, die still und fürchterlich ist.
Ich denke an das gesprengte Rund der Bergspitzen,
Die uns mit ihrem Leuchten und ihrer Bläue gnädig waren,
Und ich denke an die Lieblichkeit des Baches,
Der in der Mittagshitze, zur Erntezeit.
So viel über silberne Steine rieselnde Kühlung verbreitete,
Und an die Schwemme,
Wo abends die goldenen Pferde standen und ihre Mähnen schüttelten.
Und an die Wüste.
Aber wenn ich in der Nacht wach werde, und mein Blick aus dem Dunkel,
In der bleischweren Luft schwebend, blind und wie vernichtet ist,
Und wenn dann dieses Weben ringsum beginnt,
Wenn meine Hände schlaff und meine Füße weit sind,
Und ich mir nicht mehr gehöre,
Und allein das einsam schlagende Herz
Wie der Kindheit Brunnen rauscht,
Und ich immer noch in solcher Heimsuchung lauschen muß,
Dann erhebt sich das Sterben über den Zauberrand
Der jetzt in tiefem Schlaf liegenden Welt,
Und ich bin nicht mehr.

Annemarie Schwarzenbach

Annemarie Schwarzenbach (* 23. Mai 1908 in Zürich; † 15. November 1942 in Sils im Engadin; heimatberechtigt in Thalwil) war eine Schweizer Schriftstellerin und Journalistin. Am 7. September 1942 stürzte sie im Engadin mit ihrem Fahrrad und zog sich eine schwere Kopfverletzung zu, an der sie, nach einer Fehldiagnose, am 15. November starb.
Schwarzenbach schrieb u. a. für die Neue Zürcher Zeitung.
Annemarie Schwarzenbachs Nachlass befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.

Zhuāngzǐ und die Elritze

Einmal stand Zhuāngzǐ mit einem Freunde auf einer Brücke. «Sieh», sagte der Weise, «wie die Elritzen umher schnellen! Das ist die Freude der Fische.» «Du bist
kein Fisch», antwortete der Begleiter, «wie kannst du also wissen, worin die Freude der Fische bestehe?» «Du bist nicht ich», erwiderte Zhuāngzǐ, «wie kannst du wissen, dass ich nicht weiß, worin die Freude der Fische bestehe?» «Ich bin nicht du», bestätigte der Freund, «und ich weiß dich nicht.
Das aber weiß ich, dass du kein Fisch bist, also kannst du auch die Fische nicht wissen.» Da meinte Zhuāngzǐ: «Du fragst mich, woher ich weiß, worin der Fische Freude besteht? Im Grunde wusstest du, dass ich es weiß, nun, wie dem auch sei: Ich weiß es aus meiner eigenen Freude über dem Wasser!»

Konfuzius trifft Laozi: Das „Zhuangzi“ enthält einige amüsante ausgedachte Geschichten über das Zusammentreffen der beiden Meister.

Zhuāngzǐ (chinesisch 莊子 / 庄子, W.-G. Chuang-tzu; * um 365 v. Chr.; † 290 v. Chr.) bedeutet „Meister Zhuang“. Sein persönlicher Name war Zhuāng Zhōu (chinesisch 莊周 / 庄周). Zhuangzi war ein chinesischer Philosoph und Dichter.

Lyrik | Georg Trakl In einem verlassenen Zimmer

Fenster, bunte Blumenbeeten,
eine Orgel spielt herein.
Schatten tanzen an Tapeten,
Wunderlich ein toller Reihn.

Lichterloh die Büsche wehen
Und ein Schwarm von Mücken schwingt
Fern im Acker Sensen mähen
Und ein altes Wasser singt.

Wessen Atem kommt mich kosen?
Schwalben irre Zeichen ziehn.
Leise fließt im Grenzenlosen
Dort das goldne Waldland hin.

Flammen flackern in den Beeten.
Wirr verzuckt der tolle Reihn
An den gelblichen Tapeten.
Jemand schaut zur Tür herein.

Weihrauch duftet süß und Birne
Und es dämmern Glas und Truh.
Langsam beugt die heiße Stirne
Sich den weißen Sternen zu.

Georg Trakl
Georg Trakl

Georg Trakl (* 3. Februar 1887 in Salzburg; † 3. November 1914 in Krakau, Galizien) war ein österreichischer Dichter des Expressionismus mit starken Einflüssen des Symbolismus. Eine eindeutige Zuordnung seiner poetischen Werke zu einer der annähernd gleichzeitigen Strömungen der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts ist aber nicht möglich.

Lyrik | Paul Klee Unendlicher Funken

O laß den unendlichen Funken
nicht ganz ersticken im Maß des Gesetzes.
Sieh dich vor!
Doch entferne dich auch nicht ganz von dieser Welt.
Denke dir, du wärest gestorben:
nach langen Jahren des Fernseins
wird dir ein einziger Blick
erdenwärts ermöglicht.

Du siehst eine Laterne stehen
und einen alten Hund, der sein Bein hebt.
Schluchzen mußt du da vor Ergriffenheit.
[1905]

MINT | Wenn Metalle verbrennen

Aluminium verbrennt
Foto: Anton Hirschner | digitalisiert

Aluminium verbrennt in Luft explosionsartig, wenn es als feines Pulver zerstäubt und angezündet wird. Der Staub wurde von rechts her in die Flamme geblasen. Der Mittelpunkt der Explosion ist aber viel weiter links, weil sich der Staub zuerst so weit ausbreiten musste, dass genug Luft zwischen die einzelnen Teilchen gelangte und die Explosion zünden konnte. Die feine Struktur zeigt die heftige turbulente Gasbewegung an, die infolge der hohen Temperatur von gegen 2000 Grad entstanden ist.

***

Natrium-Metall verbrennt mit Wasser
Foto: Anton Hirschner | digitalisiert

Natrium-Metall verbrennt mit Wasser Doch braucht es dazu einen Kunstgriff: es muss auf Löschpapier gelegt werden, damit die Verbrennungswärme nicht zu schnell fortgeführt wird. Dann kann sich das entstehende Wasserstoffgas am heißen Natrium entzünden und brennt mit gelber Flamme.

***

Die brennende Stahlfeder
Foto: Anton Hirschner | digitalisiert

Eine Stahlfeder brennt lichterloh, wenn sie in reinem Sauerstoff entzündet wird. Dabei sprühen glühende Oxydteilchen nach allen Seiten und zerplatzen oft mitten im Raum. Die Flaschenwände trüben sich durch Rostbeschlag.

Lyrik | Conrad Ferdinand Meyer – Die Füße im Feuer

Conrad Ferdinand Meyer | Die Füße im Feuer

Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Ross
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell
Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann …

– »Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!«
– »Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmerts mich?
Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!«
Der Reiter tritt in einen dunkeln Ahnensaal,
Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt,
Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib,
Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild …
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
Und starrt in den lebendgen Brand. Er brütet, gafft …
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal …

Die Flamme zischt. Zwei Fusse zucken in der Glut.
Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin
Mit Linnen blendend weiss. Das Edelmägdlein hilft.
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
Hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt …
Die Flamme zischt. Zwei Füsse zucken in der Glut.
– »Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
Drei Jahre sinds … Auf einer Hugenottenjagd …
Ein fein, halsstarrig Weib … ›Wo steckt der Junker? Sprich!‹
Sie schweigt. ›Bekenn!‹ Sie schweigt. ›Gib ihn heraus!‹ Sie schweigt.
Ich werde wild. Der Stolz! Ich zerre das Geschöpf …
Die nackten Füsse pack ich ihr und strecke sie
Tief mitten in die Glut … ›Gib ihn heraus!‹ … Sie schweigt …
Sie windet sich … Sahst du das Wappen nicht am Tor?
Wer hiess dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich.« –
Eintritt der Edelmann. »Du träumst! Zu Tische, Gast …«

Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet.
Ihn starren sie mit aufgerissnen Augen an –
Den Becher füllt und übergiesst er, stürzt den Trunk,
Springt auf: »Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt!
Müd bin ich wie ein Hund!« Ein Diener leuchtet ihm,
Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr …
Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.

Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
Die Treppe kracht … Dröhnt hier ein Tritt? Schleicht dort ein Schritt? …
Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht.
Auf seinen Lidern lastet Blei, und schlummernd sinkt
Er auf das Lager. Draussen plätschert Regenflut.
Er träumt. »Gesteh!« Sie schweigt. »Gib ihn heraus!« Sie schweigt.
Er zerrt das Weib. Zwei Füsse zucken in der Glut.
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt …
– »Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!«
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr – ergraut,
Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.

Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad,
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedselge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächtgen Wacht.
Die dunkeln Schollen atmen kräftgen Erdgeruch,
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug,
Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: »Herr,
Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
Und wisst, dass ich dem grössten König eigen bin.
Lebt wohl! Auf Nimmerwiedersehn!« Der andre spricht:
»Du sagsts! Dem grössten König eigen! Heute ward
Sein Dienst mir schwer … Gemordet hast du teuflisch mir
Mein Weib! Und lebst … Mein ist die Rache, redet Gott.«

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Conrad Ferdinand Meyer | Karl Stauffer-Bern | 1887
Conrad Ferdinand Meyer | Karl Stauffer-Bern | 1887

Conrad Ferdinand Meyer (* 11. Oktober 1825 in Zürich; † 28. November 1898 in Kilchberg bei Zürich) war ein Schweizer Dichter des Realismus, der (insbesondere historische) Novellen, Romane und Lyrik geschaffen hat.
Er entstammt einer Patrizierfamilie. Die Mutter beging Selbstmord. Meyer studierte Geschichte, Philologie und Malerei. Unter dem Eindruck des Krieges 1870/71 entschied er sich für die deutsche Sprache zum Schreiben. Meyer kam wegen einer Geisteskrankheit 1852 und 1892 in eine Nervenheilanstalt. Er starb 1898 in Kilchberg.

Menschenbilder | Karl Kraus über die Frau und August Strindberg

Karl Kraus über die Frau, die Bedrohung der Weltordnung und August Strindberg.

Karl Kraus - Fotoquelle: wikipedia
Karl Kraus – Fotoquelle: wikipedia

Die Schrift im Herzen Strindbergs hat Bibellettern. Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen. Und nahm seiner Rippen eine. Und baute ein Weib aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm. Da sprach der Mensch: Das ist nun einmal Bein von meinem Beine, und Fleisch von meinem Fleische! Sie heiße Männin; denn vom Manne ist sie genommen … Und sie sah, dass von dem Baume gut zu essen wäre … Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß … Dieses ist das Buch von des Menschen Geschlecht.

Wieder ist alles einfach wie am siebenten Tag. Es ist der Schrei Adams, der mit dem Rücken zur Menschheit das Gleichnis Gottes sucht. Er erkennt, dass er nackt sei. Dort bewahrt der Cherub den Weg zu dem Baum des Lebens. Hier draußen aber ist dem Menschen das Weib zugesellt, geschaffen aus etwas, das ihm fehlt, geschaffen aus dem Mangel. Das Weib ist die Rippe, ohne die er leben muss; also kann er ohne das Weib nicht leben. Denn sie sind Ein Fleisch: so sollen sie zwei Seelen sein! Strindberg fordert von Gott die Rippe des Mannes zurück, denn Gott ist ihm die Seele des Weibes schuldig geblieben. Die Schöpfung ist ihm im Manne beschlossen, alles Weitere ist Minderung. Strindberg glaubte schon, ehe er seinen Frieden mit Gott machte: er glaubte an zuviel Gott. Die wahren Gläubigen sind es, welche das Göttliche vermissen. Er wollte nicht wissen, dass es Tag und Nacht gibt, Mann und Weib. Er forderte von Gott eine Hälfte ein. Er war ein Gläubiger Gottes: des Schuldners. Er musste der Nacht verfallen und dem Weib, um auch dort Gott zu erleben. Und Gott rief: Adam, wo bist du? … Er war am Weibe zum Chaos geworden, das Welt wurde im Dichter. Das Weib unterbricht in Strindberg die Schöpfung, weil es aus dem Glauben erschaffen ist, dass es zerstören könne. Aber das Weib zerstört nicht den Mann. Ihr Dasein kann hindern oder unnütz sein: so wird ihr Fernsein hilfreich wie Gottes linker Arm. Der mehr als ein Mann war und mehr als den Gott wollte, brauchte den Teufel, um zur Schöpfung zu kommen. Aber er war nicht wie Gott imstande, aus dem Mangel das Weib zu erschaffen. Er hat ihn nur wie Weininger tragisch erlebt, tragischer, weil er nicht den Ausweg Weiningers fand. Immer ist dort das Geschlecht des Mannes mit sich nicht fertig geworden, wo es die Seele des Weibes beruft. Aber der Geist kann nur am Gegenteil erstarken und nur, wenn er durch alle erkannten Missformen der Weibkultur zum Ursprung strebt.

August Strindberg | Selbstporträt | 1891
August Strindberg | Selbstporträt | 1891

Denn das Geschlecht des Weibes werde Geist, und Paulus schreibt an die Korinther: »Wie das von dem Manne ist, also ist der Mann durch das Weib da; Alles aber ist von Gott.« So hat auch Strindbergs Geist von dem Ursprung gelebt, den seine Erkenntnis floh, und im Pathos dieses Widerspruchs lebte er zwischen Himmel und Erde. Hebbels bürgerlichste Bürgschaft: Darüber kommt kein Mann weg, verwandelt sich in Strindberg zum Erdbeben: Über das Weib selbst kommt kein Mann weg. Denn »darüber« nicht wegzukommen, bringt jedermann zustande. Aber nur einer trägt für sie alle, ein christlicher Titan, den Himmel auf seinen Schultern … Strindberg war immer, den Rücken zur Menschheit, auf dem Wege zu Gott, in Leidenschaft und Wissenschaft. Adam oder Faust, er sucht ihn im Laboratorium und in der Hölle der erotischen Verdammnis. Er sendet die letzte christliche Botschaft aus. Da er stirbt, geschehen am Himmel keine Zeichen, aber die Wunder der Erde wirtschaften ab. Die titanische Technik sinkt, und singt: Näher, mein Gott, zu Dir! Strindberg, sterbend, horcht auf und versucht eine Melodie. Bernhard Shaw, überlebend, zuckt die Achseln. Er glaubt nicht, dass näher zu Gott männlicher ist.

Strindbergs Wahrheit: Die Weltordnung ist vom Weiblichen bedroht. Strindbergs Irrtum: Die Weltordnung ist vom Weibe bedroht.

Es ist das Zeichen der Verwirrung, dass ein Irrender die Wahrheit sagt. Strindbergs Staunen über das Weib ist die Eisblume der christlichen Moral. Ein Nordwind blies, und es wird Winter werden.

Aus | Karl Kraus: Grimassen – Aufsätze 1902-1914 | Kapitel 2

Lyrik | Conrad Ferdinand Meyer – Der tote Achill

Conrad Ferdinand Meyer | Der tote Achill

Im Vatikan vor dem vergilbten Marmorsarg,
Dem ringsum bildgeschmückten, träumt ich heute lang,
Betrachtend seines feinen Zierats üppgen Kranz:
Thetis entführt den Sohn, den Rufer in der Schlacht,
Den Renner, dem die Knie erschlaffen, welchem schwer
Die Lider sanken – von Delphinen rings umtanzt,
Im Muschelwagen durch des Meers erregte Flut.
Tritonen, bis zum Schuppengurt umbrandete,
Bärtge Gesellen, schilfbekränztes, stumpfes Volk,
Gebärden sich als Pferdelenker. Es bedarf
Der mutgen Rosse Paar, das, Haupt an kühnem Haupt,
Die weite Flur durchrudert mit dem Schlag des Hufs,
Des Zügels nicht! In des Peliden Waffen hat
Sich schäkernd ein leichtsinniges Gesind geteilt:
Die Nereiden. Eine hebt das Schwert und ziehts
Und lacht und haut und sticht und wundet Licht und Luft.
Ein schlankes Mädchen zielt mit rückgebognem Arm,
In schwachgeballter Faust den unbesiegten Speer,
Der auf und nieder, wie der Waage Balken, schwankt.
Die dritte schiebt der blanken Schulter feinen Bug
Dem Erzschild unter, ganz als zöge sie zu Feld,
Dann deckt damit den sanften Busen gaukelnd sie,
Als schirmt‘ das Eisen eines Kriegers tapfre Brust.
Die vierte – Held, du zürntest, schlummertest du nicht! –
Setzt jubelnd sich den Helm, den wildumflatterten,
Auf das gedankenlose Haupt und nickt damit.
Scherzt Kinder! Nur mit dir ein Wort, Vollendeter!
(Denn mit der Mutter, die dein schlummerschweres Haupt
Im Schoss gebettet hält, der dir das Leben gab,
Der schmerzversunknen Mutter, plaudert es sich nicht.)
Pelide, sprich! Was ist der Tod? Wohin die Fahrt;
Wozu die Waffen? Zu erneutem Lauf und Kampf?
Zu deines Grabes Schmuck und düstern Ehren nur?
Was blitzt auf deinem Schwerte? Deine letzte Tat,
Verglimmend wie der Abend eines heissen Schlachtentags?
Die Morgensonne eines neuen Kampfgefilds?
Bedarfst du deines Schwertes noch, du Schlummernder?
Wohin der Lauf? Zum Hades? Nein, es lügt Homer!
Den Odem neiden einem kleinen Ackerknecht
Sieht nicht dir ähnlich, Heros! Eher fährst
Du einer Geisterinsel bleichem Frieden zu
Und trägst den Myrtenkranz, beseligt und gestillt,
Mit den Geweihten. Doch auch solches ziemt dir nicht!
Was einzig dir geziemt, ist Kampf und Kampfespreis –
Pelide! ein Erwachen schwebt vor deinem Boot
Und schimmert unter deinem mächtgen Augenlid!
Du lebst, Achill? Gib Antwort! Wohin wanderst du?
Er schweigt! Er schweigt. Der Wagen rollt. Ein Triton bläst
Sein Muschelhorn, dass leis und dumpf der Marmor tönt.

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Conrad Ferdinand Meyer | Karl Stauffer-Bern | 1887
Conrad Ferdinand Meyer | Karl Stauffer-Bern | 1887

Conrad Ferdinand Meyer (* 11. Oktober 1825 in Zürich; † 28. November 1898 in Kilchberg bei Zürich) war ein Schweizer Dichter des Realismus, der (insbesondere historische) Novellen, Romane und Lyrik geschaffen hat.
Er entstammt einer Patrizierfamilie. Die Mutter beging Selbstmord. Meyer studierte Geschichte, Philologie und Malerei. Unter dem Eindruck des Krieges 1870/71 entschied er sich für die deutsche Sprache zum Schreiben. Meyer kam wegen einer Geisteskrankheit 1852 und 1892 in eine Nervenheilanstalt. Er starb 1898 in Kilchberg.

Stundenbuch | Viktor E. Frankl | Schuld & Verantwortung

Der Unterschied, der zwischen verantwortlich sein und frei sein besteht, lässt sich an Hand einer Gegenüberstellung von Schuld und Willkür exemplifizieren. Während wir nämlich Willkür als Freiheit ohne Verantwortlichkeit definieren können, ist Schuld gewissermaßen Verantwortlichsein ohne Freisein; trägt doch der schuldig Gewordene  für etwas Verantwortung, ohne die Freiheit zu besitzen, es jemals wieder aus der Welt zu schaffen.

© Viktor Frankl  (1905 – 1997), Dr. med. et Dr. phil., österreichischer Neurologe und Psychiater, Professor für Logotherapie an der Universität San Diego.

Stundenbuch | Gerstenmaier & Adenauer über den Wahlkampf

››. . . Es war, glaube ich, im jahre – ich war schon Bundestagspräsident – 1957, da sagte ich Konrad Adenauer einmal: Mir gefällt es eigentlich gar nicht, diese Wahlkampferei mit dem Verzicht auf Nuancen und Differenzierungen und diese Platitüden und das ganze Hin und Her und all dieses ‚viele unwichtige Getue; das gefällt mir eigentlich gar nicht; nein, mir gefällt die ganze Politik nicht. Ich hin dabei nicht glücklich, sagte ich. Wissen Sie, was Adenauer sagte? Und da sehen Sie die Weisheit dieses Mannes. Sie war für mich selber erleuchtend. Er sagte: ›Wissen Sie, jetzt sind Sie nicht glücklich, aber wenn Sie aus der Politik ausscheiden, dann werden Sie unglücklich . . .‹«

EUGEN GERSTENMAIER, geboren am 25.August 1906 in Kirchheim/ Teck, gestorben am 13.März 1986 in Oberwinter/Rhein.
Zunächst Realschule und kaufmännische Lehre, holte 1931 in Stuttgart das Abitur nach und studierte Philosophie, Germanistik und evangelische Theologie. Arbeit im Außenamt der evangelischen Kirche, Mitglied der Widerstandsgruppe vom 20.Juli. Verurteilt zu sieben Jahren Zuchthaus. Nach 1945 Aufbau und Leitung des Hilfswerks der EKD. 1949 Beitritt zur CDU und für diese Mitglied des
Bundestages. Ab 1954 Präsident des Bundestages. Ab 1956 stellvertretendet Vorsitzender der CDU. 1969 trat er Wegen einer Wiedergutmachungsaffäre als Bundestagspräsident zurück und verzichtete auf eine weitere Bundestagskandidatur.

Lyrik | Albert Roderich | Distelstrauch

Stand ein staubiger Distelstrauch
Und eine blühende Rose auch
Auf der sonnigen Heide. –
War die Distel voll Neide. –
Fegte der Winter den eisigen Hauch
Verderblich über die Flur.
Klagte die Rose voll Leide:
„Liebe Distel, jetzt sind wir nur
Stachelgewächse beide!“

Albert Roderich (1846 – 1938), deutscher Dichter und Aphoristiker


Geplante Reiseroute START: in der Elbtalaue ⇒ …..
 Der Ort ist noch zu bestimmen | Einen Steintisch (Dolmen) schaffen. A: Minitaur erstellen und in den heimischen Garten integrieren. B: Mitstreiter suchen. Errichtung eines Dolmen  .
 
St. Peter Ording | Am Strand tannenglatte Gebilde erschaffen; anschliessend dauerhaft auf Leinwand bannen.
⇒ Ein Küstenort | Schiffsanker erstehen. Eigenhändig heimschaffen und zur Skulptur ausarbeiten – wie oben beschrieben.
⇒….

Stundenbuch | Viktor E. Frankl | Was ist nun Verantwortung?

Verantwortung ist dasjenige, wozu man „gezogen“ wird, und – dem man sich „entzieht“. Damit deutet die Weisheit der Sprache bereits an, dass es im Menschen so etwas wie Gegenkräfte geben muss, die ihn davon abzuhalten suchen, die ihm wesensgemäße Verantwortung zu übernehmen.

© Viktor Frankl  (1905 – 1997), Dr. med. et Dr. phil., österreichischer Neurologe und Psychiater, Professor für Logotherapie an der Universität San Diego.

Erzählung | Kurd Laßwitz | Kurd La – Aus dem Tagebuch einer Ameise

Aus dem Tagebuch einer Ameise

Vorbemerkung
ameise_lasswitzWir verdanken die Entdeckung der Sprache und Schrift der Ameisen den Bemühungen des berühmten Entomologen Antenna. Bekanntlich leben in den Gemeinden dieser hochorganisierten Tiere nicht bloß Männchen, Weibchen, geschlechtslose Arbeiter und sogenannte Krieger oder Führer mit größeren Köpfen, sondern auch Haustiere, insbesondere ein kleiner Käfer (Claviger), von welchem man nicht wußte, welche Bedeutung er für die Ameisen besitzt. Antenna ist es gelungen, nachzuweisen, daß dieser Käfer die lebendige Bibliothek der Ameisen vorstellt. Die Sinneswahrnehmungen der Ameisen beruhen auf Ätherwellen von 800 bis 2000 Billionen Schwingungen in der Sekunde, deren Geschwindigkeit somit jenseits derjenigen liegt, welche für unser Auge als Licht wahrnehmbar sind. Antenna ermöglichte es, durch ein Fluoreszenz-Mikroskop jene Ätherschwingungen so zu verlangsamen, daß sie für unsere Sinneswerkzeuge bemerkbar werden. Dadurch zeigte er, daß die Ameisen gegenseitig in einer Fühlersprache verkehren, die er Chemisieren oder Übertasten nennt, und daß sie dieselbe, ähnlich wie wir Schallwellen auf den Phonographen, auf die Keulenkäferchen übertragen, welche sie ihrerseits jederzeit reproduzieren können. Die Ameisen haben also den Menschen in der Kultur insoweit überflügelt, daß ihre Haustiere nicht nur zur mechanischen, sondern auch zur intellektuellen Arbeit abgerichtet werden. Wir sind in der Lage, im nachfolgenden die Übersetzung eines Ameisentagebuches zu veröffentlichen, welches auf 82 Keulenkäferchen chemisiert war. Wir haben dabei häufig die umständlichen Umschreibungen der Ameisensprache durch die uns geläufigen Ausdrücke ersetzen müssen; selbstverständlich geschah dies überall dort, wo es sich um die Wiedergabe ursprünglich menschlicher Äußerungen handelt.
Über das Nähere des sehr schwierigen technischen Verfahrens, die Tastungen der Keulenkäferchen zu fixieren, müssen wir auf das Originalwerk Antennas verweisen, welches in lateinischer Sprache unter dem Titel »De formicarum lingua et litteris« bei Gebrüder Emswind in Flausenheim erschienen ist.

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Tagebuch

Eiersonne 10.
Große Frühjahrsräumerei. Die Arbeiter sind mit den Kleinsten draußen im ersten Sonnenschein, der Stock ist fast leer. Wir Führer sitzen noch in den Winterzellen und denken nach.
Es ist jetzt die schönste Zeit im Stock, ich will sie benutzen, um mich einmal gründlich in der neueren Literatur umzusehen. Ich habe angefangen, das vielgerühmte Buch von Ssrr zu studieren: »Leben und Treiben des Menschen«. Es ist zwar rotameisenisch geschrieben, aber ich verstehe es ganz gut. Etwas idealistisch, viel Hypothese – indes, die Roten sind einmal so. Weil sie keine Sklaven halten, bilden sie sich ein, an der Spitze der Zivilisation zu marschieren.
Nun, wir sind schließlich doch alle Ameisen, und ein Boden ist unter uns allen!

Eiersonne 12.
Ssrr behauptet wahrhaftig, der Mensch besitze Intelligenz! Er soll allerdings Gehirn haben, aber dann müßten doch seine Fühler am Kopfe und nicht an den Brustringen sitzen.

Larvensonne 2.
Ich überzeuge mich mehr und mehr, daß Ssrr recht hat; der Mensch scheint in der Tat unter den ungeschlachten Bestien, die man Knochentiere nennt, den ersten Rang einzunehmen. Bisher hatte ich immer die Vögel für die bevorzugtere Klasse gehalten, nicht nur, weil sie uns am gefährlichsten sind, sondern weil sie sich in vielen Dingen den Ameisen wirklich auffallend nähern. Sie bauen Nester, haben eine äußere schützende Federhülle, besitzen Flügel und legen sogar Eier. In dieser Hinsicht steht der Mensch weit hinter ihnen zurück, mit Ausnahme des Nestbaues. Es scheint kein Zweifel, daß die Menschen sogar gleich uns gemeinsame Stöcke anlegen, welche zwar nicht geräumig genug sind, um einen ganzen Staat zu umfassen, aber doch immerhin für ein so großes Tier eine nennenswerte Leistung darstellen. Danach müßte man annehmen, daß sich die Menschen einigermaßen untereinander verständigen können; unzureichend genug mag das sein, da ihre Fühler so grob organisiert sind!
Eine Beobachtung, die ich früher einmal selbst gemacht habe, scheint dafür zu sprechen. Ich sah einen noch nicht ganz erwachsenen Menschen im benachbarten Felde auf einem Apfelbaum sitzen und fressen. Ein größerer schlich sich heran, hob den einen Fühler in die Höhe und ergriff jenen am Beine, so daß er herabfiel. Es schien mir dabei, als wenn der andere Fühler noch einen dünneren Fortsatz hätte, der sich in schwingender Bewegung befand. Beide Menschen betasteten sich hierauf lebhaft mit ihren Fühlern, worauf der kleinere plötzlich in großer Eile davonlief. Was mögen sie sich wohl zu sagen gehabt haben? Ob sie eine Sprache besitzen, oder ob alles nur auf Nachahmung beruht? Vielleicht hatte der kleinere Mensch schon in früheren Fällen die Erfahrung gemacht, daß das Davonlaufen mit irgendeinem Vorteil verbunden sei. Oder sollte es sich um einen ererbten Instinkt handeln? Ich bin neugierig, was Ssrr über diese Frage sagen wird. Vorläufig bin ich erst bei der Beschreibung des menschlichen Organismus.

Larvensonne 5.
Wie weise hat doch die Erde selbst für ihre plumpsten Geschöpfe gesorgt! Auch beim Menschen ist der edelste und ameisenähnlichste Teil, das Gehirn von einem schützenden Knochengerüst umgeben, während im übrigen Körper die festen Stützen im Innern liegen. Um wieviel höher steht somit die Organisation der Insekten, bei welchen der ganze Körper von der festen Chitinhülle umschirmt ist! Die Zoologen, welche nur den Körperbau in Betracht ziehen, wollen wirklich die Ameise zu den Tieren rechnen und ihr nur die höchste Entwicklungsstufe zusprechen. Aber ich lasse mir die Überzeugung von der ewigen Bestimmung des Ameisengeschlechts nicht rauben!
Ameise und Mensch sollen beide vom Regenwurm abstammen! Blödsinn!

Larvensonne 9.
Ob wohl die Menschen auch zu irgend etwas nutze sind? Sollte die unendliche Uremse bei der Schöpfung nicht auch ihnen eine Stelle im Weltall eingeräumt haben? Es scheint, daß sie wesentlich zur Vertilgung der so schädlichen Vögel beitragen. Und wenn sie auch keinen weiteren Zweck hätten, als uns zum Gegenstand wissenschaftlicher Studien zu dienen, so würden sie schon darum nicht überflüssig in der Welt sein. Sicherlich besitzen sie Gefühl und freuen sich ihres Daseins so gut wie wir, obwohl ihnen die höheren Ideale des Gemeinsinns sowie der Puppen- und Larvenpflege abgehen und ihnen selbstverständlich das »Unbewußtsein der unvermeidlichen Handlungsweise« fehlt. Ich kann mich daher mit der Ansicht nicht befreunden, daß man eine Expedition zur Erforschung des Menschengehirns absende. Ssrr verlangt, man solle eine Kolonie im Schädel eines lebenden Menschen anlegen, um die geistigen Fähigkeiten desselben zu ergründen. Aber mir scheint darin eine gewisse Grausamkeit zu liegen. Wie leicht könnte der betreffende Mensch darunter leiden. Es ist freilich nur ein Mensch, und sein Wohlergehen darf gegenüber dem Fortschritt der ameisenlichen Erkenntnis nicht in Frage kommen. – Während ich diese Aufzeichnungen meinem Keulenkäferchen übertaste, wendet es das Köpfchen und streichelt mich mit seinen Fühlern. Gewiß will es zeigen, daß es auch Lust und Schmerz empfindet wie unsereins. Es ist allerdings ein Insekt und steht uns näher als der Mensch, aber trotzdem sage ich: Auch der Mensch ist ein Lebewesen, auch er hat ein Recht auf unsere Schonung!
Wer weiß, ob uns das Klima des Menschengehirns zusagen würde? Unsere Mitbürger sollen sich derartigen Gefahren nicht aussetzen; mögen die Rotameisen ihre Abenteuerpolitik allein treiben!

Arbeitersonne 8.
Ärgernis mit den Sklaven. Sie haben die Zuckerkühe schlecht gemolken. Nr. 18 und 24 haben fünf Lasten Saft allein aufgegessen; wurden gründlich abgezwackt! Wahrhaftig, man wünschte manchmal ein unvernünftiger Mensch zu sein und in, den Tag hinein zu leben. Was kennt so ein Mensch für Sorgen? Sie haben weder Eier noch Larven noch Puppen, und daß sie wirklich Haustiere und Sklaven halten sollten, wie Ssrr behauptet, kann ich nicht glauben. Wozu könnten sie die brauchen? Wenn sie auch ihre Jungen mit den Fühlern bearbeiten, was auf eine gewisse rudimentäre Erziehungskunst deutet, so hat doch jeder seine eigenen Kinder – Staatskinder kennen sie nicht. Welch niedriger Standpunkt!

Arbeitersonne 15.
Ich bin ganz erstaunt und betroffen! Was hat doch unser Geist schon entdeckt! Die Menschen können sich wirklich gegenseitig Mitteilungen machen. Eine Sprache im eigentlichen Sinne haben sie freilich wohl nicht, sie müßten denn auf so langsamen Schwingungen beruhen, daß unser feineres Organ sie nicht aufzufassen vermag. Ihre Sinne müssen überhaupt sehr grob gestaltet sein. Ssrr hat z. B. nachgewiesen, daß der Mensch in der Nacht absolut nicht sehen und seine Umgebung nicht unterscheiden kann. Es kommt vor, daß Menschen, die in der Nacht nach Hause kommen, den Eingang zu ihrem Stock nicht finden.

Puppensonne 1.
Es wird wirklich eine Expedition zur Erforschung der Menschen ausgerüstet, aber man ist davon abgekommen, sie ins Gehirn zu schicken, sie soll sich vielmehr mit der Entdeckung der menschlichen Sprache beschäftigen. Man hat nämlich folgende höchst interessante Beobachtung gemacht. Wenn ein Mensch für einen andern eine Mitteilung hinterlassen will, so überträgt er nicht, wie wir, seinen Gedankenprozeß durch Fühlerschwingungen chemigraphisch auf den lebendigen Organismus eines Keulenkäferchens, welches denselben jederzeit reproduzieren kann, sondern er verändert mit Hilfe eines Saftes die Oberfläche einer hellen, blattartigen Substanz an ganz bestimmten Stellen, so daß darauf mehr oder weniger regelmäßige Zeichen entstehen. Der andere Mensch hält dieselben vor seinen Augen und ist auf eine uns unbekannte Weise imstande, daraus die Meinung des ersten zu erkennen. Es muß wohl aber dieses Mitteilungsmittel ein ziemlich unvollkommenes sein, da man nach dieser Operation Menschen häufig den Kopf schütteln sieht, was man für ein Zeichen des Mißbehagens hält. Ssrr nennt enen Saft »Tinte«, er soll bei den Menschen sehr hochgeschätzt sein und in einer besonderen Drüse, dem Tintenfaß, abgesondert werden. Diejenigen Menschen, welche das größte Tintenfaß haben, sollen im höchsten Ansehen stehen und von den andern gefürchtet werden. Ich vermute, daß jener Saft ähnlich ätzende Eigenschaften wie unsere Säure hat und im Kampfe ausgespritzt wird. Ob er auch giftig wirkt?

Puppensonne 3.
Man merkt, daß es Sommer ist. Wir haben schon eine Menge Puppen im Stock, ich glaube, es wird ein gutes Jahr. Einige von unsern Müttern fangen an, recht alt zu werden. Die gute Xrr ist seit zwei Jahren nicht aus dem Stock gekommen, einen Menschen hat sie noch nie gesehen. Daß es solche Wesen gebe, hält sie für einen Aberglauben Als ich ihr sagte, daß ein Mensch mit einem Schritt über einen ganzen Baum hinübersteigen könne, schlug sie die Fühler über dem Kopfe zusammen, und nur, daß er auf bloß zwei Beinen geht, beruhigte sie einigermaßen. Sie fand dies sehr unschicklich und wollte nichts weiter hören. Dann aber fragte sie doch, ob bei den Menschen die Weibchen in der Jugend auch Flügel hätten und sie dieselben wie bei uns nach der Hochzeit ablegten. Ich erinnerte mich, bei Ssrr gelesen zu haben, daß es geflügelte Menschen gäbe, welche sie Engel nennen, und daß die jungen Weibchen von den Männchen öfter »mein Engel« genannt würden, wenn sie älter sind, aber nicht mehr. Daraus ist wohl zu schließen, daß auch die Menschen nach der Hochzeit die Flügel verlieren.

Puppensonne 7.
Daß die Menschen auch religiöse Vorstellungen besitzen, hätte ich nicht geglaubt. Dennoch ist nach den Forschungen von Ssrr kein Zweifel daran, wiewohl es sich nur um einen ziemlich rohen Fetischdienst handeln dürfte. Sie haben nämlich eine Art runder Platten von einem schweren, glänzenden Stoffe mit der Abbildung eines menschlichen Kopfes, die sie als ihre Götzen anbeten. Sie verehren dieselben über alles und tragen immer einige bei sich. Wer keine solche Götzenbilder besitzt und vorzeigen kann, wird als ein verworfener Mensch betrachtet und aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen. Er kann es zu keiner angesehenen Stellung bringen und erhält nicht einmal die nötigsten Nahrungsmittel. Wer dagegen von jenen Götzenbildern eine große Menge in seinem Bau aufgehäuft hat, wird als ein heiliger Mann verehrt, alle beugen sich vor ihm, und er kann sogar die so hochgeschätzten Tintendrüsen für einige Götzenbilder erhalten.

Puppensonne 11.
Ein bewegter Tag. Die Arbeiter waren damit beschäftigt, unsern diesjährigen Erstlingen beim Auskriechen behilflich zu sein. Während sie ihnen die Puppenhülsen aufbissen und abzogen, saß ich wieder über meinem Ssrr, dem großen Erforscher der Menschen, den ich mehr und mehr verehren lerne. Hat er uns doch eine neue Welt eröffnet, einen Blick in den ungeahnten Reichtum der Natur an merkwürdigen Gestalten, und in jeder zeigt sich die Weisheit der unendlichen Uremse. Der Mensch, dieses riesige, täppische Tier, wie gefährlich wäre er unseren Staaten, wenn er bei seiner zweifellosen Intelligenz zugleich die idealen Triebe der Ameise besäße! So aber begnügt er sich mit der Anbetung seiner blanken Götzen, und sein ganzes Streben ist darauf gerichtet, möglichst viele derselben anzuhäufen. Und dies nicht etwa für die Gemeinschaft, sondern ein jeder sorgt nur für sich; eben hier zeigt sich die Weisheit des Schöpfers, daß er die Kräfte dieser gefährlichen Riesen zersplittert und sie zu einem Kampfe des einzelnen gegen den einzelnen antreibt. Wie dankbar müssen wir sein, daß wir als Ameisen ausgekrochen sind!
Mit derartigen Gedanken war ich beschäftigt, als wir plötzlich eine gewaltige Erschütterung des ganzen Baus verspürten. An einer Stelle drang das Tageslicht ein. Die Arbeiter stürzten sich auf die Larven und Puppen, um sie in Sicherheit zu bringen, während wir Führer zur Abwehr des Angriffs hinauseilten. Wir bemerkten, daß ein Mensch mit einem Baume – sie nennen es einen Stock – in unseren Bau gestochen hatte. Er stand ganz ruhig und sah offenbar zu, was wir beginnen würden. Sofort ging eine Anzahl Arbeiter an die Ausbesserung, während ein Häufchen mutiger Führer sich auf die Füße des Menschen stürzte und an ihm hinaufkletterte. Wir drangen durch das dicke Gewebe seiner Oberhaut und zwickten, stachen und spritzten dermaßen, daß der Mensch bald die Flucht ergriff. Leider hatten wir dabei große Verluste, nur wenigen, darunter mir, gelang die rechtzeitige Rettung. Denn, höchst seltsam, sobald sich der Mensch einige Schritte in ein Gebüsch zurückgezogen hatte, begann er sich zu häuten, unsere Truppen abzuschütteln und zu zertreten. Alsdann aber schlüpfte er wieder in seine Haut hinein und ging von dannen. Bei der Untersuchung des Kampfplatzes erkannten wir, daß auch der Mensch Verluste erlitten hatte. Unter den welken Blättern des Bodens fanden wir neben den Leichen unserer Tapferen zwei der blanken Götzenbilder und eine aufgesprungene Kapsel, in welcher sich ein weicher, gelblicher Gegenstand befand, wie es schien, eine Locke menschlichen Haares. Wir beschlossen sofort, die erbeuteten Gegenstände in den Bau zu schaffen, sie waren jedoch zu schwer, und wir mußten daher erst nach Beihilfe schicken. Inzwischen schleppten wir wenigstens die Haarlocke ein Stück vorwärts. Während wir damit beschäftigt waren, kehrte der Mensch zurück, indem er offenbar am Boden etwas suchte, vermutlich seine Götzenbilder. Da wir zu schwach waren, um den Kampf wieder aufzunehmen, verbergen wir uns. Als der Mensch endlich mit seinen blöden Augen die Kapsel erkannte, stürzte er freudig darauf zu und hob sie auf; doch schien er äußerst enttäuscht, als er die Locke nicht darin fand. Die Götzenbilder beachtete er merkwürdigerweise gar nicht. Endlich entdeckte er die Locke, wo wir sie verlassen hatten. Er nahm sie auf und drückte sie wiederholt an seine Lippen, dann barg er sie samt der Kapsel sorgfältig in einer Falte seiner Haut. Diesen Vorgang kann ich mir nicht erklären. Was konnte dem Menschen an dem bißchen Haar liegen, da er selbst einen ganzen Schopf besaß? Es müssen im Menschen noch Vorgänge stattfinden, welche uns unerklärlich sind. Instinkt oder Überlegung?
Die Götzenbilder schafften wir später mit großer Mühe in unsern Bau, wo sie den Grundstock eines Menschenmuseums bilden sollen.

Puppensonne 14.
Nachrichten von der Expedition. Es sind ganz ungeahnte Entdeckungen gemacht worden. Die Menschen haben außer dem Verkehrsmittel der Tinte in der Tat noch eine andere Sprache mit Hilfe ihrer Kiefer. Dieselben sind bei den älteren Weibchen stärker entwickelt als bei den Männchen. Die beiden eigentümlichen Hervorragungen an den Seiten ihres Kopfes dienen dazu, die Sprache zu verstehen. Wir allerdings können diese nicht wahrnehmen, aber unsere berühmten Physiker Hlmz und Krch haben ein Instrument erfunden, welches die von den menschlichen Kiefern der Luft mitgeteilten Schwingungen in Tastenvibrationen umsetzt und uns dadurch verständlich macht.
Nun ist alle Aussicht vorhanden, daß wir mit Hilfe unserer bewaffneten Fühler bald die Menschensprache vollständig beherrschen werden. Auch ein Sehrohr ist konstruiert worden, wodurch wir selbst bei Tageslicht entfernte Gegenstände wahrnehmen können.

Flügelsonne 8.
Jetzt geht es lustig im Stock zu! Wir haben wieder eine geflügelte Jugend. Mädchen und Knaben tummeln sich draußen, es ist nicht leicht, sie zu hüten. Frei schweben sie in der Luft, wir alten Führer laufen unten herum und sind nicht imstande, sie zu tasteln.
Nun, das Vergnügen ist ein kurzes – wenige Sonnen, und die Flügel müssen fallen!

Flügelsonne 9.
Von der Expedition höre ich, daß die Menschen sogar Bücher über uns Ameisen geschrieben haben. Selbstverständlich lauter Unsinn! Von unsern Verkehrsmitteln haben sie keine Ahnung, unsere Organe deuten sie ganz falsch, weil sie sich nach ihren groben Sinnen richten. Sie wissen nicht, wie fein und modulationsfähig unsere Tasterschwingungen sind und daß die Keulenkäferchen die Fähigkeit haben, diese Tasterschwingungen aufzunehmen, festzuhalten und nach Belieben wiederzugeben. Daher zerbrachen sie sich den Kopf, wozu wir die Keulenkäferchen im Stock halten und füttern, denn sie können nicht begreifen, daß diese unsere lebendige Bibliothek sind. Da bilden sie sich wer weiß was auf ein neues Instrument ein, was einer von ihnen erfunden hat, um die Töne festzuhalten und wiederzugeben.
Wir haben einen solchen Apparat an unsern Keulenkäferchen schon seit Tausenden von Rundsonnen im Gebrauch. Und dabei wollen sich die Menschen zu den Kulturtieren rechnen!

Flügelsonne 12.
Heut hatte sich eine fremde Ameise in den Stock verirrt. Sie suchte sich zu verstecken, aber ein paar Sklaven erwischten sie gleich an den Fühlern. Ehe wir sie hinauszwacken ließen, forschten wir sie über die Verhältnisse ihres Baus aus. Er liegt am Straßengraben, wo alle Tage Menschen vorüberkommen, und es scheinen dort schöne Zustände zu herrschen. Wenn dies so fortgeht, werden sie geradezu entameist. So gehen sie damit um, den Knaben gleich nach dem Auskriechen die Flügel abzubeißen, damit sie nicht mehr frei in der Luft sich umhertummeln und austoben können. Sie sollen sämtlich zu großköpfigen Gelehrten und Führern erzogen werden und werden daher mit Galläpfeln gefüttert, um womöglich eine Tintendrüse wie die Menschen zu bekommen. Von früh bis abend übertastelt man sie mit den eingetrockneten Puppenhülsen früherer Generationen, von denen man annimmt, daß besonders begabte Gelehrte aus ihnen ausgekrochen seien. Die Namen derselben werden in Verse gebracht und müssen von den armen flügelberaubten Jungen auf Käfer übertastelt werden. Der eine lautet:
Als edle Puppengreifer merk:
Psr, Klks, Mgs, Schns, Prbs, Hms und Zrk.
Kks 25 Sklaven fing,
Grx 20, 22 Lng.

So geht es weiter. Von jedem alten Führer müssen sie wissen, wieviel Sklaven und Puppen er eingebracht und wieviel Feinde er getötet hat. Ich sagte, ich fände das nicht gut, die Knaben hätten von der Natur die Flügel bekommen und verlören sie schon von selbst, wenn sie sie nicht mehr brauchten. Man solle sie nicht vor der Zeit entflügeln. Das ginge vielleicht eine Zeitlang, aber im nächsten Jahr würden sie schon sehen, was sie damit anrichten. Da erwiderte das freche Ding, bei den Menschen wäre es ebenso. Sie wurde hinausgeworfen. Hüten wir uns vor dem Vermenschen!

Flügelsonne 13.
Die Expedition hat einige hundert Stück Käfer zurückgeschickt, denen sie ihre Erfahrungen über die Menschen übertastet hat. Da gibt es zu studieren. Einzelnes ist gar nicht zu verstehen. Bei uns weiß jeder Arbeiter im Augenblick, was für den Bau zu tun ist, und ohne Zögern legt er Kiefer ans gemeinsame Werk. Bei den Menschen – und dies bemerkte schon Ssrr – hat jeder eine andere Ansicht; viele wechseln ihre Ansicht alle Tage. Aus welchem Grunde, ist nicht ganz klar, der Wechsel scheint jedoch von der Windrichtung abzuhängen.
Unbegreiflich ist folgende Äußerung, die von einem Menschen berichtet wird: »Liebe Frau, ich habe 30 000 Mark in der Lotterie gewonnen, sage aber niemand etwas davon, wir werden sonst in der Steuer erhöht.« – »Mark« sind offenbar die bekannten Götzenbilder, und »Lotterie« soll ein Volksspiel sein, wobei die Veranstalter Belohnungen erhalten. Sonst aber ist alles unklar. Erstens: Liebe Frau! Was ist »liebe« und was ist »Frau«? Ein Weibchen ohne Flügel? Dann aber ist sie doch Mutter und Königin, wie kann sich ein Männchen erdreisten, sie als seine liebe Frau anzureden? Und Steuer – was ist Steuer? Es muß doch wohl ein Übel sein, da der Mensch es vermeiden will. Nach der Erklärung unserer Gelehrten soll aber die Steuer bei den Menschen ein Hauptlebenszweck sein – wie also kann sie ein Übel heißen? Was mich indessen am allermeisten stutzig macht, ist der Ausdruck: »Sage es niemand.« Wie kann man etwas, was ist, nicht sagen wollen? Etwas, was nicht ist, kann doch überhaupt nicht gesagt werden, und was ist, kann durch die Rede nicht anders gemacht werden. Oder sollte es bei den Menschen möglich sein, daß etwas, was für einige ist, für andere nicht sein könnte? Das scheint mir ein unlösbarer Widerspruch.

Flügelsonne 15.
Mit einigen Führern und 56 Arbeitern auf der Jagd. Da sahen wir denselben Menschen, der uns einmal angegriffen hatte, aber diesmal war noch ein Weibchen bei ihm. Sie schienen sich sehr angelegentlich zu unterhalten. Mehrmals näherte er seinen Fühler dem ihrigen, den sie aber immer wieder zurückzog. Ich bewaffnete mich mit einem Krchschen Sehrohr und einem Hlinzschen Schalltaster und wagte mich bis auf das Haar des Weibchens. Es schien mir von derselben Art zu sein wie die neulich gefundene Haarlocke. Mit Hilfe des Schalltasters hoffte ich ihr Gespräch zu verstehen, aber ich konnte nur so viel wahrnehmen, daß sie mehrmals sagte: »Nein, nein – wir dürfen uns nicht wiedersehen.« Der Mensch ging darauf sehr betrübt fort, gab ihr aber vorher ein Papier, das sie in die Haut steckte oder vielmehr, wie wir jetzt wissen, in die künstliche Haut, welche die Menschen über die Naturhaut ziehen. Als er fort war, fielen einige Tropfen aus ihren Augen, wobei ich in größere Lebensgefahr geriet, weil sie sich über Gesicht und Haar strich. Dann setzte sie sich unter einen Baum und hielt das Papier vor ihre Augen. Endlich ließ sie es in den Schoß sinken und saß lange unbeweglich davor. Nun zwackte ich sie in den Hals. Sie sprang auf, das Papier fiel herab, und der Wind trug es in ein Gebüsch, wo sie es nicht wieder erreichen konnte. Die Arbeiter, welche schon Verstärkung geholt hatten, waren bei der Hand, und 200 Mann schleppten das Papier in den Bau. Wir mußten das Menschenmuseum erweitern. Auf dem Papier stand ein Gedicht, das wir mit Hilfe einiger von der Expedition zurückgekehrter Gelehrter übersetzten. Es heißt darin:
Eine Herrin hab‘ ich mir erkoren,
Lieb‘ und Lieder sind ihr zugeschworen!

Es ist gewiß merkwürdig, daß ein so rohes Tier wie der Mensch überhaupt derartige Kunstleistungen zustande bringt. Aber einen Sinn kann man freilich nicht darin finden. Erstens ist es schon Unsinn, daß ein Führer – und ein solcher muß doch der Mensch sein, denn gewöhnliche Männchen und Arbeiter können nicht Verse machen – daß ein Führer von einem Weibchen sich etwas befehlen lassen sollte. Und dann, was ist überhaupt Liebe? Ein Wort, mit dem die Menschen gern umherwerfen, aber ich glaube nicht, daß sie sich selbst dabei etwas denken. Wir wenigstens verstehen es nicht. Man sorgt für Puppen und Larven und für das Wohl des Staates, aber das ist doch alles selbstverständlich – und Liebe? Das muß wohl einer von den menschlichen Instinkten sein, über die wir, dank unserer Ameisenwürde, erhaben sind.

Flügelsonne 25.
In der Beherrschung der Sprache und Schrift der Menschen habe ich gute Fortschritte gemacht. Ich versäumte keine Gelegenheit, den Menschen zu studieren, der sich oft in unserer Nähe einfindet.

Flügelsonne 26.
Je näher ich die Menschen kennenlerne, um so mehr muß ich diese unglücklichen Geschöpfe bedauern. Nur das nehmen sie wahr, worauf sie direkt ihre Sinne richten, und wie eng begrenzt sind diese! Der Erdboden, der Träger alles Weltlebens, verschließt ihnen seine unendlichen Feinheiten, bis zu denen ihre blöden Augen nicht hinabreichen. Und selbst wenn sie es täten, wie wenig könnten sie unterscheiden! Denn all die mannigfaltigen, die schnellsten Kräuselungen des Äthers gehen spurlos an ihren groben Nerven vorüber. Sie fühlen nicht den magnetischen Pulsschlag der Erde, nicht die Kristallisationskraft der Stoffe, nicht die Verwandtschaft der Säfte und die Spannungen der Pflanzenzellen, das Gras hören sie nicht wachsen, und die Musik der sich teilenden Spaltpilze ist ihnen versagt. Nur im betäubenden Tageslicht vermögen sie ihren Pfad zu finden, und achtlos stampft ihr breiter Fuß über die Wunder der Schöpfung. Ihr Kopf ragt hinein in die hohle, gestaltlose Luft, in welcher kein Unterschied und kein Gebilde zu erkennen ist. Welch feine Symbolik der Natur liegt schon hierin, daß der Mensch den Kopf aufgerichtet hält im leeren Nichts, die Ameise aber ihn gesenkt trägt zum lebensvollen Boden, dem Wohnplatze der Uremsenheit. Und während wir hier den Gesetzen des Lebens nach sicherer Leitung folgen, irrt der Mensch, ein beklagenswertes Einzelwesen, in ewiger Unbestimmtheit umher, von schwankenden Instinkten getrieben! Einer ihrer größten Führer hat gesagt: »Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht: der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.« – Wenn dies das Beste ist, was sie haben, so sind sie zu bedauern, denn ich weiß damit keinen Sinn zu verbinden. über mir, und wenn ich auf den höchsten Baum klettere, sehe ich nicht, was sie Sterne nennen; und in mir – ich weiß nur, daß alles so ist, wie es ist. Was bedeutet das Gebot: Es soll sein? Oder sollte es noch etwas geben, was selbst wir nicht zu begreifen vermögen?

Beutesonne 22.
Nach langer Pause kehre ich zu meinem Buche zurück.
Was ist Liebe? Die Frage ließ mir keine Ruhe. Immer kehrte sie mir wieder, und immer wieder zerbrach ich mir vergeblich den Kopf. Es schien mir eine Schande für das Ameisengeschlecht, daß es uns nicht gelingen sollte, die von uns abweichenden Eigentümlichkeiten des rohen Menschen kennenzulernen und zu erklären, und da das Problem der Liebe nicht zu den Aufgaben gehörte, welche unserer Expedition ausdrücklich gestellt waren, so trieb mich Wißbegier und – gesteh‘ ich’s nur, obwohl dies fast nach menschlicher Ansteckung aussieht – auch eine Art von Ehrgeiz, die Lösung der Frage auf eigene Gefahr zu versuchen. Es war ein Leichtsinn! Mit Schaudern denke ich an die Tage zurück, welche ich verleben mußte – ein Wunder, daß ich sie überleben konnte!
Ich begab mich so oft wie möglich an die Stelle, an welcher wir die Menschen beobachtet und das Gedicht erobert hatten. Fast jeden Tag sah ich den Menschen dort auf einem Baumstamm sitzen und über das Wasser des kleinen Teiches hinweg in die Ferne schauen, ohne daß ich irgendeinen Gegenstand entdecken konnte, welcher der Aufmerksamkeit eines Menschen mir wert schien. Endlich, es war an der zweiten Beutesonne, fast der ganze Stock war auf dem Kriegspfade, und ich saß wieder über dem Menschen an dem alten Platze – endlich bemerkte ich auf dem Menschenwege am andern Ufer des Wassers jenes Weibchen, aber nicht allein, sondern in Gesellschaft eines älteren, wie ich an dem langsamen Gange bemerkte. Der Mensch sprang auf, aber sogleich setzte er sich erschrocken wieder hin und verbarg sich hinter dem Laubwerk. Lange blieb er so, den Kopf in die Hand gestützt, traurig sitzen. Sonst war er so schnell und freudig dem Weibchen – ein Mädchen nennen es die Menschen – entgegengegangen, und jetzt versteckte er sich? Es war mir unerklärlich. Er zog seine Schreibtafel hervor. Ich näherte mich unbemerkt, und da ich jetzt die nötige Übung im Übertasten der Menschenschrift besitze, gelang es mir, was er sehr langsam und in Pausen niederschrieb, zu verstehen. Es lautete:
Nach dem Wege späh‘ ich am Weiher drüben,
Ob du kommst, Geliebte, herabzuwandeln –
Ach, zu tief herniedergebeugte Zweige
Hemmen den Blick mir!

Ewig scheidet neidisch die dunkle Fläche
Voneinander uns die ersehnten Wege,
Und herüber zittert nur deines schwanken
Bildes Erscheinung.

Ja, warum denn? Er brauchte doch nur um den Teich herumzugehen. – Wie dumm doch die Menschen sind! Ich beschloß, das Äußerste zu wagen, um dieses Warum zu ergründen. Der Mensch schickte sich an fortzugehen. Ich begab mich auf ihn, ich ließ mich von ihm tragen – ins Fremde, ins Ungewisse, wahrscheinlich in den Tod! Aber ich wollte es wissen: Was ist Liebe?
Der Weg war weit, wir hätten auf eigenen Füßen wohl eine Tageswanderung gebraucht. Da blieb der Mensch so plötzlich stehen, daß ich fast herabgefallen wäre. Und ebenso plötzlich setzte er seinen Weg fort. Die beiden Weibchen kamen ihm entgegen. Nun hatte er ja seinen Wunsch erreicht, jetzt konnte er wie früher mit ihr reden. Und ich erwartete, daß sie ihm entgegenspringen werde. Aber was geschah? Sie sah ihn gar nicht an, er hob schweigend den Arm nach dem Kopfe – ich verlor das Gleichgewicht und flog durch die Luft. Als ich wieder zur Besinnung kam, was eigentlich mit mir geschehen sei, waren beide, der Mensch und die beiden Weibchen, schon ein Stück voneinander entfernt, und bald verlor ich den Menschen aus dem Gesicht. Ich saß nämlich, wie ich jetzt bemerkte, in dem Gewande des Mädchens. Hier hielt ich mich verborgen, ich weiß nicht, wie lange.
Eine plötzliche starke Erschütterung des Kleides warf mich auf den Boden. Als ich imstande war, mich umzusehen, fand ich mich in einer Menschenwohnung. Das Weibchen war allein, aber sie hatte jetzt ein weißes Gewand an. Es war dunkel im Zimmer, nur auf dem Tische, an welchem das Weibchen saß, leuchtete eine helle Flamme. Ich sah mich in meinem Schrecken zunächst nach einem Zufluchtsort um, dann aber besann ich mich meiner Aufgabe und wanderte mutig dem Lichte entgegen. Auf dem Tische angelangt, verbarg ich mich in einem dort stehenden Blumenstrauße und konnte nun das Weibchen genau beobachten. Sie hielt ein Bild – die Menschen ahmen merkwürdig geschickt alles nach, was sie sehen – in ihrer Hand.
Mit Erstaunen sah ich, daß es den Menschen darstellte, an welchem sie heute so kalt vorübergegangen war. Und jetzt – unbegreiflich – erfaßte sie es und drückte ihre Lippen darauf, gerade wie es der Mensch mit jener Haarlocke gemacht. Ich weiß jetzt, daß dies das Zeichen der höchsten Billigung bei den Menschen ist, wie aber ist es erklärlich, daß sie dies bei dem Menschen tat, den sie eben so schlecht behandelt hatte? Dabei rannen Tropfen aus ihren Augen. jetzt begann sie selbst zu schreiben. Auch ihre Zeilen hatte ich Zeit genau zu studieren:

Lieber teurer Freund!
Freuen Sie sich nicht, daß Sie einen Brief von mir erhalten, er wird Ihnen eine Enttäuschung bringen, aber es muß sein. Es ist mir klargeworden, ich kann das Leben nicht mehr ertragen, das ich führe, es ist ein Leben der Lüge. Ich betrüge meine Eltern, ich betrüge die Ihrigen, und so lebe ich in einer ewigen Furcht vor Entdeckung. Schon ist meine Mutter mißtrauisch geworden, ich habe Sie deswegen gemieden – so schwer es mir wurde. Es muß noch Schwereres geschehen, ich darf Sie nicht wiedersehen. Ich weiß keinen andern Weg. Eine Entdeckung wäre mir entsetzlich, und wir würden dann unter Schimpf und Schande getrennt. Das wird Ihre Liebe mir nicht zumuten wollen. Darum trennen wir uns freiwillig. Denn der andere Weg, daß wir den Unsern unsere Liebe bekennen, daß wir alles auf uns nehmen und der Welt um unserer Liebe willen trotzen, der ist uns verschlossen. Nie wird mein Stolz gestatten, daß Sie um meinetwillen die glänzende Laufbahn aufgeben, zu der Sie bestimmt sind, daß Sie die Pflichten versäumen, welche Sie dem Leben schulden, daß Sie alle Schranken durchbrechen, uni im.Kampfe mit Not und Elend sich ein neues Dasein zu gründen – und anders wäre es nicht möglich, das wissen Sie. Und daß ich auch die Meinigen für immer verlieren würde, wenn ich Ihnen, dem Fremden, dem Andersgläubigen, folgte.
Nein, es kann nicht sein, und Sie selbst könnten es nicht, wenn Sie auch wollten. Ihre Liebe ist nicht für die Ewigkeit. Sie werden Lydia bald vergessen. Ich weiß, die Zeit ist nicht fern, in welcher ein anderes Bild das meinige aus Ihrem Herzen verdrängt. – Werden Sie glücklich, es ist besser so.
Ich weiß, wie schuldig ich bin, ich durfte Sie nicht anhören, wenn Sie so lieb sprachen – aber Gott weiß, in Ihrer Nähe hatte ich alles vergessen, was ich sagen wollte und mußte. Verzeihen Sie mir. Nie werde ich wieder gegen einen Mann freundlich sein, das sei meine Buße. Ich liebe Sie, ich will Sie lieben wie einen Freund und Bruder und Ihnen mein Leben lang danken für die glücklichen, unendlich glücklichen Stunden Ihrer Liebe. jetzt sind wir frei, eine Zentnerlast fällt mir vom Herzen, da ich es Ihnen gesagt habe.
Schreiben Sie mir nicht wieder, an meinem Entschlusse können Sie nichts ändern, es könnte nur zu einer Entdeckung führen.

Lydia

Ich dachte immer, Liebe sei der Instinkt, wodurch man etwas allem anderen vorzieht; nun sah ich, daß Liebe die Menschen voneinandertreibt. Das verstehe, wer kann! – In meinem Forschungseifer hatte ich mich auf den Tisch gewagt, während Lydia – das ist so ein Menschenname, den man gar nicht aussprechen kann – den Brief zusammenfaltete. In diesem Augenblicke ging die Tür auf. Lydia hatte kaum Zeit, die Papiere und das Bild zusammenzuraffen und in ein Schränkchen zu verschließen, das zu dem Tische gehörte. Das alte Weibchen war hereingekommen. Dies war, wie ich bald erfuhr, Lydias »Mutter«; bei den Menschen hat nämlich jeder seine eigene »Mutter« – ein mir nicht ganz klarer Begriff. Sie war ungehalten, daß Lydia noch schrieb, und fragte, was sie da so eilig verberge? Sie griff nach einem Blatte, das liegengeblieben war, aber jetzt erblickte sie mich, und mit dem Ausrufe: »Eine Ameise! Ich kann die Tiere in den Tod nicht leiden!« schlug sie nach mir. Ich entfloh unter das Schreibzeug, sie rückte es fort, sie jagte mich weiter, endlich aber gelang es mir, mich zu verbergen, und wie’ich aus meinem Versteck bemerkte, hatte Lydia inzwischen auch das letzte Blättchen gerettet. Wieder ein Beispiel von der Eigentümlichkeit der Menschen, sich gegenseitig manches zu verbergen!
Das Licht war verschwunden. Ich konnte mich nach kurzer Ruhe hervorwagen und meine Entdeckungsreise beginnen, denn im Finstern sehen die Menschen nichts. Mein Ziel war das Schränkchen, in das ich durch das Schlüsselloch eindrang. Ich fand Kästchen mit Schmucksachen, vertrocknete Blumen, Papiere und Briefe, und ich nahm mir vor, hier eingehende Studien zu treiben. Wenn irgendwo, so mußte hier zu entdecken sein, was Liebe ist, denn Lydia schien dies ja genau zu wissen.
Vergebens sah ich mich nach Lebensmitteln um. Mich hungerte, und ich verließ wieder das Schränkchen. Weite Wanderungen legte ich unter Entbehrungen und Gefahren zurück, ich fühlte mich einsam und beklagte meinen Fürwitz. Schon nahte der Tag, und ich mußte daran denken, mich zu verbergen. Da – ich atmete auf – spürte ich die Nähe von Honig. Ich drang durch die Ritze eines Schrankes, ich fand einen großen Vorrat – aber andere Ameisen waren bereits dabei! Sie stürzten auf mich zu – ich war verloren oder wenigstens zum Sklaven gemacht! Ich wollte tapfer sterben und rüstete mich zum Kampfe. Den ersten packte ich mit den Zangen, da berührten ihn meine Fühler, und – ich erkannte Rlf! Es war unser eigener Stamm, unsre Expedition, die hier ihr Vorratslager hatte. Im Triumphe führten sie mich in.ihr Versteck unter den Dielen. Sie erzählten von ihren Entdeckungen, sie zeigten mir die große Anzahl übertasteter Keulenkäferchen, eine glänzende Bibliothek, aber vor allem hatte ich das Bedürfnis, nach Nahrung und Ruhe. Beides wurde mir zuteil.
In der nächsten Nacht führte ich eine Abteilung unserer Expedition mit den nötigen Keulenkäferchen in Lydias Geheimfach, um die Akten der Liebe zu durchstöbern und aufzunehmen. Wir begannen zu übersetzen und zu übertasten. In unserm Eifer bemerkten wir nicht, daß draußen der Tag längst angebrochen war, als wir durch die laute Stimme der Mutter aufmerksam gemacht wurden. Noch hofften wir verborgen bleiben zu können. Wir lauschten mit unsern Ferntastern. Sie stritt mit Lydia und verlangte von ihr den Schlüssel des Schränkchens. Plötzlich wurden wir vom hellen Tageslicht geblendet, das durch die geöffnete Tür schien.
Die Mutter guckte herein, aber ehe wir uns retten konnten, schlug sie die Tür wieder zu und schrie: »Wieder Ameisen! Ein ganzes Nest! Und über den Honig sind sie auch gegangen. Wo ist der Spiritus? Wir wollen Sie hineintun, Ameisenspiritus ist so gut gegen Rheumatismus. Ich will nur ein Töpfchen holen.«
Ameisenspiritus! Entsetzlich! Was wollte man mit uns? Zerquetschen? Ertränken? Und nirgends eine Rettung? Wir kletterten zum Schlüsselloch; es war unzugänglich, der Schlüssel steckte darin – kaum ein Keulenkäferchen hätte sich durchdrängen können. Nirgends ein Spalt, eine Ritze, überall die glatte Politur – wir rannten ohne Überlegung umher. Da öffnet sich noch einmal die Tür auf einen Moment, Lydias Hand greift hinein und erfaßt das Päckchen Papier, das sie schnell in ihre Tasche gleiten läßt. Einige von den unsern werden dabei hinausgeschleudert und vernichtet. Die Tür ist wieder geschlossen. Wir hören die Alte zurückkommen, sie ruft nach dem Spiritus – da, beim Herausreißen der Papiere hat sich der Deckel eines Pappkästchens verschoben, wir kriechen durch den schmalen Spalt. Auf Watte lag ein großer gewundener Wurm von blankem Stoffe, wie ihn die Menschen am Arme tragen. Am Kopf hatte er zwei Augen, in dem einen saß ein roter Stein, das andere war leer. Inwendig war der Wurm oder die Schlange hohl – hier konnten wir uns verbergen! Führer, Arbeiter und Keulenkäferchen, alle brachten wir in den Windungen des Armbands unter. Wir hörten die Mutter schelten – weder die Ameisen noch die Papiere fand sie!
Es folgten die furchtbarsten Tage meines Lebens. Der Schrank blieb verschlossen, aber auch das Schlüsselloch. Es war uns unmöglich, zu entfliehen. Wenn Geräusch entstand, verbargen wir uns in dem Armband. Hier saßen wir zusammengedrängt, vom Hunger erschöpft. Nach einer solchen Flucht fanden wir die Papiere wieder im Schranke vor, wir studierten sie weiter trotz unseres erbarmungswürdigen Zustandes. Der Schlüssel war auch wieder abgezogen, aber es war ein anderer fester Gegenstand vorgeschoben, den wir nicht beseitigen konnten. Noch immer keine Aussicht auf Rettung! Wir versuchten das Papier zu verzehren. aber es bekam uns nicht.

Beutesonne 17 starben der Führer Mrs und fünf Arbeiter. Die Käfer sind noch wohlauf. Beutesonne 18 verloren wir einen Führer und zehn Arbeiter. Wir hatten beschlossen, einen Rettungsversuch zu unternehmen. Sich beim Öffnen der Tür hinauszuwagen wäre direktes Verderben gewesen. Wir hatten jedoch bemerkt, daß, wenn die Tür aufging, an der Seite, wo sie sich drehte, ein schmaler Spalt entstand. Ein Führer und zehn Arbeiter sollten bei der nächsten Öffnung des Schrankes den Versuch machen, sich hier hinauszuschleichen. Gelang das Wagnis, so sollten die übrigen es später ebenfalls versuchen. Sie warteten an der passenden Stelle, aber – als die Tür aufging, wurden sie zu unserm Entsetzen durch die einwärts tretende Kante grausam zermalmt! Wir waren in Verzweiflung. Hoffnungslos untersuchten wir, was in den Schrank gelegt worden – neue Papiere. Was nutzten sie uns jetzt? Aber da, ein Päckchen, süß duftend – wir zernagten das Papier –, eine dunkle, süße Masse – wir kannten sie nicht, aber sie schmeckte herrlich! Wir waren vorläufig vor dem Hungertode gerettet!

Beutesonne 19.
Der Schlüssel klirrte, wir flohen in das Armband. Aber, o Schrecken! Die Schachtel wird geöffnet – wir verbergen uns in der äußersten Windung –, das Armband wird emporgehoben, Lydia hat es angelegt! Wir halten uns fest zusammen. Langsam verrinnt die Zeit, schwer werden wir durcheinandergeschüttelt, aber frische Luft dringt durch das Schlangenauge – Waldluft! Die Erschütterungen hören endlich auf – alles ruhig. Ich wage mich als Kundschafter hinaus – wir sind am Weiher! Lydia sitzt ruhig da – vielleicht können wir entfliehen; ich winke den Genossen. Da nahen Schritte, es ist jener Mensch! Lydia erblickt ihn, sie springt auf und schreitet eilig nach der anderen Seite, sie flieht ihn, und er wendet sich mit finsterem Blicke zum Gehen.
Da – ein Schrei –, Lydia schleudert das Armband von sich – der unvorsichtige Rlf hat die Genossen hinausgeführt, sie wollten entfliehen, aber bei der ersten Berührung ihres Armes bemerkt Lydia, daß sie aus dem Armband hervorquellen –, das goldne Gefängnis mit der ganzen Expedition liegt im Grase. Ich sehe noch Lydia wie versteinert stehen und auf ihren Arm starren, ich sehe den Menschen umkehren und sich ihr nähern, er fragt, ob sie verletzt sei, er ergreift ihre Hand, er blickt auf den Arm, er drückt ihn an seine Lippen – nun endlich scheint sie sich zu besinnen, daß sie fliehen wollte. – Die Genossen sind schon auf der Wanderung nach dem Stock, ich allein hafte in Lydias Gewande, ich kann mich nicht entschließen zu fliehen, bis ich gehört habe –
»Vertrau mir«, sagte er. »Ich bin dein, werde dein fürs Leben. Ich habe es durchgesetzt, mich von allen Schranken zu lösen. Ein bescheidenes Los, aber ein freies. Was ist mir die Welt ohne dich? Du bist mein Glück, meine Hoffnung, nur in deiner Liebe finde ich meine Kraft. Ich werde dich erringen, fürchte nichts!« Sie schweigt, sie weint. »Ich kann ja nicht anders«, flüsterte sie endlich. »Ich habe gerungen gegen dich, gegen mich – ich war zu schwach. Nun komme, was da wolle. Ich kenne nichts mehr als deine Liebe!« Er sank zu ihren Füßen, ich fiel zu Boden. Ich mußte den Genossen folgen.
Aber was ist Liebe? Ich habe es nicht erfahren. Das höchste Glück und das höchste Elend der Menschen? Sie werfen es fort, und dann vergessen sie alles um der Liebe willen? Den ganzen Staat für einen Menschen, die Welt um ein Weibchen? Unglückseliges, bedauernswertes Geschlecht! Wie weise sind doch die Einrichtungen der Ameisen! Wie herrlich das »Unbewußtsein der unvermeidlichen Handlungsweise!« – Morgen ist die erste Hochzeitssonne. So ist es ein Jahr wie das andere, und das ist gut so.

Hochzeitssonne 3.
Wieder ordentlich im Stock eingerichtet. Mögen die Menschen machen, was sie wollen, ich habe höhere Pflichten, als mich um den Unsinn zu kümmern, den sie Liebe nennen. Bei uns läuft alles im Stock durcheinander. Es ist Zeit, daß die unnützen Esser, die Männchen, beseitigt werden.

Hochzeitssonne 5.
Am nächsten schönen Sonnentage, den wir haben, wird das Hochzeitsfest gefeiert. Es ist eigentlich schade, daß mein guter Freund Klx ein Männchen ist. in wenigen Tagen ist es mit ihm vorbei. Wäre er als Führer ausgekrochen, so hätte etwas aus ihm werden können; für ein Männchen macht er sich viel zuviel Gedanken. Es scheint wirklich, als wären wir alle schon ein wenig angesteckt von der Zerfahrenheit und Unbefriedigung der Menschen. So fragte mich Klx, warum er nach der Hochzeit sterben müsse. Dumme Frage! Weil er dann nichts mehr nutze ist. Gewiß hat er einmal etwas von dem sogenannten Selbstzweck gehört, auf den sich die Menschen etwas einbilden. Und was dann aus ihm würde? Ob es wahr wäre, daß er in die Erde komme, in den großen Ameisenstock, wo es nur Führer gibt und keinen Winter? Und ob im nächsten Jahr und dann wieder es Männchen geben würde? Und ob hinter dem Walde noch andere Wälder und darin Ameisen und immer wieder Ameisen wären? Und warum es so viele gebe, wenn sie doch nie miteinander Krieg führen und Puppen erbeuten könnten? Es sei oft ein seltsames Gefühl in ihm, wenn er daran denke, daß alles dies wäre und geschähe und vorwärtsginge, gleichviel, ob er davon wisse oder nicht, und daß es so gar nicht auf ihn ankäme und er doch seine Flügel und Fühler habe und seines Lebens sich freue. Ich sagte ihm, das fühle freilich, ein jeder, aber man dürfe davon nicht reden, weil sich durch keine Worte sagen lasse, was das Ameisenherz in sich erlebt, und wenn er es andern übertasten wolle, so werde es etwas ganz andres werden, als er in sich fühle, und es entstünde flaches Gered‘ und eitel Gezänk, und zuletzt zwackte man sich die Fühler ab. Dann wollte er gar wissen, ob bei den Menschen die Männchen auch nach der Hochzeit stürben – da hieß ich ihn die Taster halten, von den Menschen brauchte er überhaupt nichts zu wissen, denn das sei eine Sache der Bildung, die nur die Führer anginge. Und damit schickte ich ihn fort. Soviel ich weiß, bleiben übrigens bei den Menschen die Männchen leben, sie sollen nur etwas träger werden. Es müssen dort merkwürdige Verhältnisse herrschen. Große Volksfeste haben sie wohl auch, aber an unser Hochzeitsfest dürften sie nicht heranreichen. Gerade die wichtigste soziale Frage scheinen sie als Privatsache zu behandeln. Wunderbar!

Hochzeitssonne 15.
Gestern war der große Tag. Die Sonne schien mild und warm. Hochzeitsgetümmel in den Lüften! Selige Ameisenschaft, heute Leben und Wonnesein, und dann ist’s vorbei. Die Männchen sind heute fast alle schon dahin, auch unter den Weibchen haben die Vögel tüchtig aufgeräumt. Die übriggebliebenen haben wir zum größten Teile bereits in die Winterzellen gebracht. Für die Zukunft des Stockes ist gesorgt, und nun mag das Jahr zu Ende gehen.

Wintersonne 1.
Endlich ist der Rest der Expedition von den Menschen zurückgekehrt, Tausende von eingetasteten Käfern führen sie mit sich, wir müssen unsere Bibliotheksräume durch einen Anbau erweitern. Unsere Gelehrten haben mehrere Menschenbücher übersetzt, ich habe schon viel darin gelesen, aber wenig verstanden. Vielen Menschen soll es auch so gehen. Was sich die Menschen einbilden! Sie nennen sich die Herren der Schöpfung und wissen nicht, daß sie nur aus der Erde gewachsen sind, damit wir an ihnen unsern Verstand üben und unsern Geist unterhalten. Denn sonst wüßte ich nicht, was sie eigentlich nützten.

Wintersonne 5.
Die Abrechnung über unsere Eroberungszüge ist beendet. Das Jahr war ein mittelmäßiges, viel Verluste, aber auch reichliche Sklaveneinfuhr, dagegen wenig Puppen erbeutet. In mein Tagebuch schreibe ich nichts von den Kriegsgeschäften, es lohnt sich nicht. Die Menschen machen von ihren Kriegen furchtbar viel her, das kommt aber daher, weil sie dieselben gegen ihre Freunde und nicht gegen ihre Feinde führen. Denn von den Feinden heißt es ausdrücklich, daß sie sie lieben sollen. Aber da ist wieder das unverständliche Wort!

Wintersonne 8.
Heute noch einmal im Freien, vielleicht zum letzten Male. Das Laub fällt von den Bäumen, und die Herbstspinnen fahren durch die Luft. Wir sahen unsern Menschen wieder, und das Weibchen war bei ihm. Sie schienen sehr befreundet, denn sie streichelten und liebkosten sich – dabei sprachen sie in großer Furcht davon, daß andere Menschen sie sehen könnten.
Warum nur die andern Menschen davon nichts wissen sollten? Das Unaussprechliche verhandeln sie vor dem Volke in großen Versammlungen, und das, wovon doch das Gedeihen des Stockes abhängt, scheuen sie sich zu besprechen, und nur in der Einsamkeit wagen sie ihre Liebkosungen. Trotz aller Ameisenähnlichkeit – sie bleiben doch immer bloß Menschen!

Wintersonne 16.
Es ist kalt geworden. Die Eingänge zum Stock sind verschlossen und verstopft. Heut haben wir den letzten Weibchen die Flügel abgenommen und sie in ihre Zellen gesteckt. Nun haben wir Ruhe!
Ich las in der Bibliothek in einem Menschenbuche eine seltsame Geschichte, die ich nicht glauben kann. Es war ein Mensch, wahrscheinlich ein Führer, der mehr wußte als die andern,und ihnen das alles sagte, weil er glaubte, daß es gut sein würde für den Stock; und das finde ich ganz selbstverständlich. Den andern Führern aber gefiel es nicht, weil er auch zu den Sklaven sprach, daß sie nicht geringer seien als die Führer. Da nahmen sie ihn und sagten, wenn er nicht seine Taster still halte, so würden sie ihn totzwacken. Das ist ja auch ganz richtig, denn wer den Führern und damit dem Stock schadet, muß totgezwackt werden. Nun aber kommt das, was ich nicht verstehe. Der Mensch wurde nicht etwa still, sondern er fuhr fort, seine Meinung zu behalten und zu behaupten. Wie kann das sein, daß einer von der Meinung der Führer abweicht? Und wie sie ihn nun zwackten, so hörte er doch nicht auf zu reden, sondern er hob seine Taster vor allem Volke und rief: »Ihr könnt nicht richten über mein Gewissen, das mich heißt die Wahrheit zu künden. Höher als das Leben steht die Freiheit der Überzeugung. Totzwacken könnt ihr mich wohl, aber meine Worte werden bleiben, und ich sterbe gern für die Freiheit! «

Was soll das alles heißen? Freiheit? Dummes Zeug! Ich krieche in meine Winterzelle.

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Kurd Laßwitz: Kurd La – Aus dem Tagebuch einer Ameise
Aus: Bis zum Nullpunkt des Seins
Verlag Das Neue Leben | 1979

Illustration: Klaus Ensikat

unterwegs | Persepolis – Annemarie Schwarzenbach | 1934

Persepolis

Annemarie Schwarzenbach
Annemarie Schwarzenbach

Winter in Vorderasien | Die Fahrt nach Persepolis dauerte zwei Tage. Doch mussten wir immer bis tief in die Nacht hinein fahren, denn es regnete und die Strasse war schlecht. Bäche stürzten über sie hinweg; Löcher, Gräben, richtige Flussbette bildeten sich. Es gab Reifenpannen, man sass in der Dunkelheit am Strassenrand und flickte. Oder der Magnet wurde nass – das war ein grosser Ärger. Der Chauffeur nahm ihn fluchend heraus, deckte ihn mit seinem zerrissenen Rock, um ihn vor dem Regen zu schützen, und goss Benzin darüber. Wenn ein Reifen geflickt wurde, schmierte er Leim über den Flicken und zündete ihn an; es gab eine kleine Flamme, die sich rasch ausbreitete, und der Mann blies hastig, um sie wieder auszulöschen.

persepolis-588885_1280_bakhramianBei all diesen Arbeiten half ihm das »verwahrloste Kind«. So hiess ein Junge mit einem Mongolengesicht und einem glattgeschorenen, dunklen Köpfchen. Er war vielleicht dreizehn Jahre alt, vielleicht schon siebzehn. Er hatte schwarze Augen und weinte oft. Unbeschreiblich zerrissen waren seine Kleider. Er band die Hose, oder was von ihr übrig war, mit einer Schnur zusammen, und aus den Schuhen sahen seine mit Lappen umwickelten Zehen heraus. Als wir von Teheran abreisten, besass er noch eine kleine schmutzige Ledermütze; sie glich einem Melkerkäppchen und war ausgefranst. Er setzte sie auf, dann drehte er sich um und lächelte mich an, ein wenig beschämt und zärtlich. Der Chauffeur, sein Meister, hatte ein böses Herz. Er griff plötzlich nach dem Käppchen, riss es dem Buben vom Kopf und warf es auf die Strasse. Als es kalt wurde, zog der Junge ein öliges und zerrissenes Stück Leinwand hervor und band es sich um. Er verknotete es fest im Nacken.

Er war sehr hässlich. Er hatte lange Affenarme, eine breite Nase, eine niedrige Stirn. Aber er verstand es, ergreifend zu lächeln.

Er war angestellt, Reifen zu wechseln, Wasser zu tragen, für Öl und Benzin zu sorgen. Ausserdem unterhielt er den Chauffeur. Er plauderte unentwegt und sang dazwischen. Er erzählte mit einer aufgeregten, hohen Kinderstimme, lebhaft, dramatisch, beifallfordernd. Wenn er sang, schlug die Stimme um und wurde tief und schwermütig.

Manchmal schlief er ein. Dann gab ihm der Chauffeur eine Ohrfeige, um ihn zu wecken, und er fuhr in die Höhe, rieb sich mit der schmutzigen kleinen Faust die Augen und erzählte schon wieder angeregt. Weiss der Himmel, was ihm immer einfallen mochte!

Er war für alles verantwortlich; deshalb wurde er viel geschlagen und hatte oft Ursache zu weinen. Dann geriet der Chauffeur in Verlegenheit, sass mürrisch am Steuer und vermied es, den leise und empört Schluchzenden anzusehen.

Ich warf ihm, sobald es zu regnen begann, meine Kurdendecke nach vorn. Er wickelte sich hinein und zog sie über den Kopf und sass wie in einem Zelt. Es stimmte ihn fröhlich, vor dem Regen geschützt zu sein, er sang heiter und lachte manchmal ganz ohne Grund.

persepolis-855738_1280_nicik200Der Chauffeur war ein Opiumraucher. Er war jung und von Leidenschaften gequält. Er liebte den Verwahrlosten, aber er konnte es nicht lassen, ihn bei jeder Gelegenheit zu schlagen. Vor den Tschaichanes hielt er an, legte sich drin auf eine Bank und kam eine Viertelstunde später wieder heraus und brachte eine Wolke von süsslichem Opiumgeruch mit. Bleich sah er aus, misslaunig, die Haare hingen ihm in die Stirn. Der Junge half ihm, über das aussen am Wagen festgebundene Gepäck zu steigen. Dann kurbelte er den Motor an, und wir fuhren weiter durch den Regen.

Die Ortschaften sahen trostlos aus. Am Abend des ersten Tages kamen wir an einen richtigen, breiten Fluss; träg strömten gelbe Wassermassen vorwärts, mitten im Fluss lagen zwei Lastwagen wie aufgebrochene Tiere.

Der Verwahrloste ging ins Wasser; es stieg bis über seine dünnen Schenkel. Wir kehrten um und fanden einen Führer im nächsten Dorf, der uns eine Furt zeigte.

Um ein Uhr nachts kamen wir nach Isfahan.

Am nächsten Tag sahen wir einen merkwürdigen Ort. Er lag wie eine Festung auf einem langen, steilen Felskamm. Die Häuser sahen weiss aus, aber sie waren verwahrlost und zerfallen. Brücken führten vom Felsen über die Schlucht auf das feste Land hinüber. Auf einer Seite des Felsens lag ein grünes Tal mit vielen kleinen Wegen. Aus seiner frischen Farbigkeit stieg die Stadt schemenhaft empor.

Sie hiess Jasd-e Chast.

Gegen Abend erreichten wir das Dach von Persien, eine ungeheure Einöde. Ich glaubte, dass wir jeden Augenblick am Ende der Welt sein würden.

Annemarie_Schwarzenbach_PrivataufnahmeIn der Dunkelheit fuhren wir hinunter, sahen ein Feuer in der Höhle einer Felswand, irrende Lichter von Hirten und aus Zelten rötlichen Schein. Felsen und Farnkräuter, eine gespenstische Gesellschaft, rückten uns nahe auf den Leib. Rechterhand lag ein Sumpf; silberne Weidenbäume neigten sich schweigend über das dunkle Element, Scharen von Fröschen schrien ohrenbetäubend. Das verwahrloste Kind schlief; der Chauffeur weckte ihn nicht und sang leise, um die Gefahr zu bannen.

Persepolis lag am Ende einer neuen Ebene, seine Säulen ragten auf hoher Terrasse wunderbar in den bewölkten Nachthimmel, und der Name wurde Wirklichkeit.

Ich war am frühen Morgen auf der Terrasse und sah auf die Ebene hinunter. Die Strasse von Schiras durchschnitt sie wie die Bahn eines Pfeils und endete an blauen, verschwimmenden Bergketten.

Die Säulen der Säle und Paläste, ihre Tore, Höfe und Treppenaufgänge traten aus dem Schatten der Dämmerung tönend hervor. Was der königliche Name enthielt, nahm hier Gestalt an und verdichtete sich, wie durch einen einzigen Schöpfungsakt, in endgültige und sprechende Form gebracht.

Unlike the Mediterranean and the Black Sea, towards the end of the 16th century the Caspian Sea was still not well explored and mapped. 1570 map by Fernão Vaz Dourado.
Zur Landkarte | Anders als das Mittel- und das Schwarze Meer war das Kaspische Meer bis Ende des 16. Jh. weder gut erkundet noch entsprechend kartografiert. 1570 entstand diese Karte aus der Hand von Fernão Vaz Dourado.

Die gleiche Reinheit des Stils, Unverletzlichkeit eines Weltbilds, die gleiche Schranke und Abwehr der Freiheit neben einer höchst raffinierten Technik und einem unfehlbaren Geschmack fand ich im Detail: in den sich aufbäumenden und verhaltenen Stierhäuptern, den ritterlichen Pferden mit ihren Glöckchen, Zügelringen und kunstvollen Gebissen, den schreitenden Kamelen der Tributbringer, den Reihen der Soldaten und der schmalen und anmutigen Hand des Blütenträgers.

Schiras liegt weiss, von dunklen Zypressen umrahmt, in einer grünen Ebene. Wir fuhren mit dem Lastwagen von Persepolis hinüber und erblickten die Stadt am Fuss des hohen, kahlen Passes. Sie ist reich an Heiligtümern. Drei Dichter liegen in ihr begraben, auch Hafis, der so viel Wein in all ihren Schenken und Gärten getrunken hat.

Auf den Hügeln ringsumher liegen kleine Moscheen mit spitzigen Minaretten, auch sie von Zypressen umgeben. Schiras ist, wie die Stadt Florenz in der Toskana, heiter und kunstsinnig, voll von Gärten und Brunnen.

Wir blieben den ganzen Tag in dem grossen Garten eines englischen Freundes und dachten an Europa.

Am Abend holte der Chauffeur uns wieder ab. Er hatte Benzin und Öl gekauft, und der Wagen fuhr schwerbeladen und langsam die Passstrasse hinauf.

Eines Nachts, es war gegen zwei Uhr, fiel es uns ein, nach Naksch-e Rustam zu fahren. Weshalb nachts? Die Begriffe der Zeit waren mir abhanden gekommen, und am hellen Tag hätten wir es nicht gewagt.

Der Weg war vom Wasser unterbrochen; mitten in sein steiniges, zerlöchertes Bett hatte sich ein Fluss gestürzt, die Ufer waren steil und brüchig. Gurgelnd lief das Wasser um unsere Räder, floss über das Trittbrett und unsere Füsse, als wir die Durchfahrt versuchten.

Lange rührte sich der Wagen nicht mehr; die Räder drehten leer und schleuderten das Wasser in hellen Garben von sich. Dann packte der Motor wieder an, und der Wagen sprang wie ein Tier die Böschung hinauf.

So erreichten wir nach einer Stunde die Felswand von Naksch-e Rustam.

Oben, in einer der Grabkammern, schliefen Wächter. Wir weckten sie mit lauten Rufen; da erschienen sie mit Lampen, sie leuchteten in die Tiefe, und das Licht glitt langsam über die Tributzüge und Besiegten, über die grosse schwarze Wand und wieder aufwärts zu den Königsgrüften.

Die Wächter holten ein Seil und eine Leiter und liessen sich einer nach dem anderen zu uns herunter. Sie trugen unsere Pustine und begleiteten uns mit ihren Lampen, als wir im Rücken der Felswand emporstiegen.

Es war halb vier Uhr, als wir oben ankamen; eine wunderbar klare Nacht. Vor uns fiel Naksch-e Rustam senkrecht in die Tiefe.

Wir wickelten uns in die Pustine und legten uns zum Schlafen nieder. Zuerst blendete uns der mit Sternen besäte Himmel; aber wir kehrten das Gesicht der Erde zu und schliefen gleich ein.

Zwei Stunden später weckte uns die Morgenkälte. Durchsichtiger Dunst lag über der Ebene; die Felsen waren noch grau von der Nacht, aber die Berge am Rand der Welt schwebten losgelöst wie grosse Segelschiffe durch das Meer des beginnenden Tages. Als die Sonne aufging, glänzte unten der Fluss wie ein schwarzer Spiegel.

Die Wächter brachten uns Tee. Wir stiegen mit ihnen hinunter zu den Gräbern, den edlen Königen, den Reiterkämpfern. Hirten halfen uns, den Wagen durch das Wasser zurückzubringen.

Kamelkarawanen reisen des Nachts. Sie brechen in der Stunde der Dämmerung auf und ziehen auf der grossen Landstrasse Persiens nordwärts, vom Golf über Schiras und Isfahan oder südwärts von Täbris und dem Kaspischen Meer gegen Teheran. Grosse und kleine Glocken hängen am Hals der Tiere oder seitlich an den Tragsätteln. Die Kleinen bimmeln ganz hoch, melodiös und traurig, die Grossen schlagen gleich heidnischen Gongs und dröhnen wie dumpfe Trommeln. Von weither vernimmt man sie – erst wenn man ganz nahe ist, tauchen die wiegenden, langlippigen Tierhäupter auf, hinter ihnen, schweigend und verhüllt, die Gestalten der Treiber.

Es ist in der jetzigen Jahreszeit des Nachts noch ziemlich kalt. Aber aus alter Wüstengewohnheit ziehen die Karawanen nicht am Tag, sondern während der Stunden der tiefsten Dunkelheit.

Wir setzten, nach dem Abenteuer von Naksch-e Rustam, unsere nächtlichen Fahrten fort.

Es war eine wirksame Versuchung.

Denn was am Tag mit seinen gewöhnlichen Einteilungen und Mahlzeiten eben noch erträglich war, das entzog sich in der ungewohnten Abfolge von Abend, Nacht und Dämmerung vollends unseren Massen. Und liess sich im hellen Tageslicht die Grösse der Landschaft noch auflösen in Ebene und Hügel, Strasse und Bachlauf, Wiese, Feld und Geröll, so wurde alles des Nachts eine einzige gigantische Gestalt, und in der Morgendämmerung, kurz vor Sonnenaufgang, schien das Weltall greifbar und rollte sich majestätisch vom Nacht- zum Tagesgestirn.

Es kam leicht vor, dass Fassung und Gleichgewicht ausbrachen wie scheugewordene Pferde. Ratlos und entfremdet stand man vor seinem nach Zeit und Kräften begrenzten Dasein . . . Dafür trat eine vage Hoffnung ein, dass man sich welttragenden und -bewegenden Mächten getrost überlassen dürfe. Sie zu erkennen, gab zuerst das Gefühl einer grossen Freiheit, doch bald war man ermattet und sonderbar enteignet – wie konnte das zugehen? Ja, man sah bald ein, dass es galt, Verführungen zurückzuweisen und sich mannhaft zu behaupten. Denn wie sollen wir sonst den Kreis unseres Daseins überstehen, der sich am Ende schliesst?

Weisse Strahlenbündel blendeten uns auf der Landstrasse nach Pasargadai. Von weitem sahen wir die alte Königsstadt liegen, und das Grab des Kyros leuchtete in der Sonne wie ein Edelstein. Zwischen den Hügeln lief die Heerstrasse und verschwand im magischen Tal der blauen Segel; wie ein Fluss, der eine Strecke weit in unterirdischem Bett fliesst, so verschwand sie und tauchte bei der dritten Königsstadt, Persepolis, wieder auf.

Dann wurde es Nacht, und wir fuhren immer weiter und die Dörfer waren erstorben; zwischen leprafarbigen Mauern schlugen Hunde rasend und wutentbrannt an.

Vor Benzinstationen stauten sich Lastwagen wie eine Traube in der engen Gasse. Feuer brannten, Lampen und Samoware leuchteten aus dem Inneren der Tschaichanes.

Zerfetzte Buben liefen mit den schweren Benzinkannen hin und her; die Chauffeure polterten aus der Teestube, öffneten die Haube ihres Motors und beugten sich prüfend darüber. Kinder hielten das Licht. Auf Zehenspitzen schlichen Bettler umher und lallten eintönige Klageweisen.

Wir fuhren wieder; die kahle Landstrasse war eintönig, und wir füllten sie mit dem Brausen unseres Motors.

Ich fuhr nicht mehr mit dem verwahrlosten Kind. Der Architekt von Persepolis begleitete mich, und wir fuhren im grossen Wagen der Expedition. Um uns wach zu halten, erzählten wir uns kleine Geschichten und agierten und lachten wie Schauspieler. Ringsum stand uns steinernes Schweigen entgegen.

Spät in der Nacht lag unter uns Isfahan, mit weitverstreuten Lichtern. Man erkannte den Fluss und fuhr durch die dröhnende Brückengalerie. Bleich glänzte darunter das Wasser.

Wir blieben den folgenden Tag in Isfahan und sahen Meidan-e Schah, den klassischen Poloplatz: Von dem durch Holzsäulen getragenen Dach des »Hohen Tores« aus waren seine Ausmasse atemberaubend.

Wir gingen in die schöne Moschee Lotfallah und erfreuten uns an den zarten und köstlich gerankten Ornamenten seiner Mosaike aus Persiens bester Zeit; wir gingen in die Masdsched-e Schah des Afghanenbefreiers (mehr ein Monument als ein Kunstwerk) und in die Freitagsmoschee, Masdsched-e Dschome; sodann in die dörfliche Harun-e Welajat: In weissen Wandnischen waren dunkle Heilige gemalt, Reiter vor einer romantischen Landschaft, und mitten im sauber gefegten Hof hing an bronzener Kette eine Lampe. Fromme beteten dort und tranken Wasser aus einem alten Brunnen.

Auch Tschehel Sotun verfehlten wir nicht. Der Name bedeutet »Vierzig Säulen«, doch sind es in Wirklichkeit nur zwanzig, ein von zwanzig schlanken Holzsäulen getragenes Vordach – aber sie spiegeln und verdoppeln ihre Zahl in dem länglichen Teich, der sich wie ein Teppich vor dem Schlösschen ausrollt und blühende Kirschbäume zart gebrochen in sich aufnimmt . . .

Den Nachmittag verbrachten wir im Basar von Isfahan, der erfüllt ist vom Gehämmer der Kupferschmiede, vom Klopfen der Silberschmiede, vom Brausen der Blasebälge. Auf den Galerien trockneten Federschachteln und Buchdeckel und all die Arbeiten der Lackmaler in der Sonne. Ein Miniaturenmaler zeigte uns die Darstellung eines Polospiels, die er in elf Monaten langer Arbeit für die Königin von England gemalt hat: Hundert Pferde in gestrecktem Lauf füllen den Meidan-e Schah, Pappeln begrenzen ihn, und die Säulen des Hohen Tores.

Um halb zehn abends fuhren wir weiter, die ganze Nacht hindurch.

Wieder folgten sich Pass und Ebene, kahle Landschaft, nächtlich blass, und Ketten, die sich als kühne Schattenwerfer in den meergleichen Horizont schoben. Auf den Höhen wehte ein frischer Nachtwind, dann glitt man hinab und folgte dunklen Flussläufen. Und so Stunde um Stunde, nur der Himmel wechselte und war bald wie ein samtener Vorhang, mit Sternen besät, bald von milchigen Wolken erhellt.

In den Tschaichanes, wo wir Tee tranken und harte Eier assen, lagen Chauffeure, in Teppiche gewickelt. Blasse Kinder holten heisses Wasser aus dem Samowar und bedienten uns schweigsam und erstaunt.

Um drei Uhr nachts blieben wir in einem Fluss liegen und arbeiteten wohl eine Stunde lang, um den Wagen wieder auf festen Grund zu bringen.

Erst gegen sechs Uhr begann die Dämmerung. Bergketten tauchten auf, vom dunklen Violett und fast schwarzer Stahlfarbe bis zum Gelb und zarten Blau. Fast in Wolken aufgelöst, trat – zweihundert Kilometer entfernt – endlich der Demawend hervor. Wir warteten auf einem Hügel, bis die Sonne, durch Feuergarben angekündigt, schwarz kreisend über dem roten Rand der Erde aufstieg.

Nun flossen Schatten und Licht übereinander hin; Wärme verbreitete sich, der kahle Boden färbte sich rosa.

Wir kamen nach Kum, der heiligen Stadt, und schon blendete die Sonne unsere übermüdeten Augen.

Dort gab es ein letztes Hindemis: Die Strasse war überschwemmt; man leitete den Verkehr durch die engen Basargassen, Lastwagen und Eselherden stauten sich und verstopften alle Adern. Wir warteten hinter einem Lastwagen eingekeilt, bis man sich entschloss, von jedem Chauffeur zwei Kran einzusammeln, um den Hausbesitzer am Ende der Gasse zu entschädigen; als das Geld beschafft und zur Stelle war, begann man dann munter, die störende Hausecke abzuhacken.

Wir erzählten uns nichts mehr. Die letzte Strecke war schlecht, das Steuerrad schlug in unseren Händen hin und her. Um zwölf Uhr mittags fuhren wir, ausgedurstet und verbrannt, durch das bunte Stadttor von Teheran.

Pahlewi, 15. April 1934

Pahlewi, ein Hafen am Kaspischen Meer. Man schickt von hier den Kaviar nach Europa. Russische Fischerboote liegen im Hafen, die Männer tragen Ölstiefel und pelzgefütterte Kappen.

Drüben, jenseits vom Meerarm, worin die Schiffe gut geborgen schaukeln, gibt es Amtsgebäude, eine Post, eine Bank und Gartenanlagen mit weissgestrichenen Holzgittern. Man fährt in kleinen Ruderbooten hinüber und bezahlt fünf Kran dafür.

Die Stadt hat ein Nebelgesicht. Sobald sich der Nebel verzieht, regnet es in langen Fäden. Den ganzen Tag brennen Öllampen in den kleinen Läden der Hauptstrasse. Es gibt Wodka zu kaufen und natürlich Kaviar.

Es regnet seit drei Tagen. Hinter mir, ganz eingehüllt in Wolken, Nässe, Wasserdampf und Nebelschwaden, liegt der Pass von Kaswin, das Hochland: Persien. Ich bin schon an der Grenze.

Soeben war der Chauffeur da, ein Armenier, und hat sich verabschiedet: Leute aus Russland sind angekommen, er muss sie nach Teheran bringen. Er war ein angenehmer Mensch.

Nun also ist er fort.

Der Nebel sinkt jetzt so dicht, dass man im Hafen die Schiffe nicht mehr erkennen kann, nur die auf- und abschwankenden Maste. An einem Mast hängt nass und schwer eine rote Fahne. Obwohl man ihn für einen Gespenstermast halten könnte, gehört er zu einem russischen Dampfer, und mein Billet lautet auf seinen Namen.

Heute nachmittag um vier Uhr fährt das Schiff nach Baku.

Gustav Schwab | Nausikaa | Griechische Mythologie

Nausikaa

Während Odysseus von Anstrengung und Schlaf überwältigt im Walde lag, war seine Beschützerin Athene liebreich für ihn bedacht. Sie eilte in das Gebiet der Phaiaken, auf dem er angekommen war, welche die Insel Scheria bewohnten und hier eine wohlgebaute Stadt gegründet hatten. Dort herrschte ein weiser König, mit Namen Alkinoos, und in seinen Palast begab sich die Göttin. Sie suchte hier das Schlafgemach Nausikaas auf, der jungfräulichen Tochter des Königs, die an Schönheit und Anmut einer Unsterblichen ähnlich war. Diese schlief, von zwei Mägden, die ihre Bettstellen an der Pforte hatten, bewacht, in einer hohen, lichten Kammer. Athene nahte sich dem Lager der Jungfrau leise wie ein Lüftchen, trat ihr zu Häupten, und in eine Gespielin verwandelt, sprach sie zu ihr im Traume: „Ei, du träges Mädchen, wie wird doch die Mutter schelten! Hast du auch gar nicht für deine schönen Gewänder gesorgt, die ungewaschen im Schranke liegen! Wenn nun einmal deine Vermählung herankommt und du etwas Schönes für dich selbst brauchst und für die Jünglinge, die deine Brautführer sein werden! Wie soll es dann werden? Schmucke Kleider empfehlen jedermann, und auch deine lieben Eltern haben an nichts eine größere Freude! Auf, erhebe dich mit der Morgenröte, sie zu waschen; ich will dich begleiten und dir helfen, damit du geschwinder fertig wirst. Du bleibst doch nicht lange mehr unvermählt, werben doch schon lange die Edelsten unter dem Volke um die schöne Königstochter!“

Der Traum verließ das Mädchen; eilig erhob sie sich vom Lager und suchte die Eltern in ihrer Kammer auf. Diese waren bereits aufgestanden; die Mutter saß am Herde mit Dienerinnen und spann purpurne Seide, der König aber begegnete ihr unter der Pforte; er hatte schon einen Rat der angesehensten Phaiaken bestellt und wollte sich eben in denselben verfügen. Da faßte ihn die ihm entgegenkommende Tochter bei der Hand und sprach schmeichelnd: „Väterchen, willst du mir nicht einen Lastwagen anspannen lassen, damit ich meine kostbaren Gewänder zur Wäsche nach dem Flusse führen kann. Sie liegen mir so schmutzig umher. Auch dir ziemt es, in reinen Kleidern im Rate dazusitzen! So wollen auch deine fünf Söhne, von welchen drei noch unvermählt sind, beständig in frisch gewaschener Kleidung umhergehen und fein schmuck beim Reigentanz erscheinen. Und am Ende liegt doch, alles auf mir!“

So sprach die Jungfrau; daß sie aber an die eigene Vermählung dabei denke, das mochte sie sich und dem Vater nicht gestehen. Dieser aber merkte es doch und sprach: „Geh, mein Kind, ein geräumiger Korbwagen und Maultiere sollen dir nicht versagt sein; befiehl den Knechten nur anzuspannen!“ Nun trug die Jungfrau die feinen Gewänder aus der Kammer und belud den Wagen; die Mutter fügte Wein in einem Schlauche, Brot und Gemüse hinzu, und als sich Nausikaainden Wagensitz geschwungen, gab sie ihr noch die Ölflasche mit, sich zugleich mit den dienenden Jungfrauen zu baden und zu salben. Die Jungfrau war eine geschickte Wagenlenkerin, sie ergriff selbst Zaum und Geißel und lenkte die Tiere mit den Dienerinnen dem anmutigen Ufer des Flusses zu. Hier lösten sie das Gespann, ließen die Maultiere im üppigen Grase weiden und trugen die Gewänder am Waschplatz in die geräumigen Behälter, die zu diesem Behufe gegraben waren. Dann wurde von den emsigen Mädchen die Wäsche mit den Füßen gestampft, gewaschen und gewalkt, und endlich wurden alle Kleider der Ordnung nach am Meeresufer ausgebreitet, wo reingespülte Kiesel eine Steinbank bildeten. Alsdann erfrischten sich die Mädchen selbst im Bade, und nachdem sie sich mit duftigem Öl gesalbt, verzehrten sie das mitgebrachte Mahl fröhlich am grünen Ufer und harrten, bis ihre Wäsche an den Sonnenstrahlen getrocknet wäre.

Nach dem Frühstück belustigten sich die Jungfrauen mit Tanz und Ballspiel auf der Wiese, nachdem sie ihre Schleier und was von Kleidern sie hindern konnte abgelegt. Nausikaa selbst stimmte zuerst den Gesang dazu an, an hohem Haupt und edlem Angesicht vor allen den reizenden Mädchen hervorragend. Die Jungfrauen taten ihr alle nach, und ihre Fröhlichkeit war groß. Wie nun die Königstochter einmal den Ball nach einer Gespielin warf, da lenkte ihn die unsichtbar gegenwärtige Göttin Athene so, daß er in die Tiefe des Flußstrudels fallen mußte und das Mädchen verfehlte. Darüber kreischten die Spielenden alle auf, und Odysseus, dessen Lager in der Nähe unter den Olivenbäumen war, erwachte. Horchend richtete er sich auf und sprach zu sich selber: „In welcher Menschen Gebiet bin ich gekommen? Bin ich unter wilde Räuberhorden geraten? Doch deucht mir, ich hörte lustige Mädchenstimmen, wie von Berg- oder Quellnymphen! Da bin ich doch wohl in der Nähe von gesitteten Menschenkindern!“

So sprach er zu sich, und indem er mit der nervigen Rechten aus dem verwachsenen Gehölz einen dichtbelaubten Zweig abbrach und seine Blöße damit bedeckte, tauchte er aus dem Dickicht hervor, und von der Not gedrängt, erschien er wie ein Berglöwe unter den zarten Jungfrauen. Er war von dem Meeresschlamm noch ganz entstellt; die Mädchen meinten ein Seeungeheuer zu sehen und flüchteten sich, die einen da-, die anderen dorthin, auf die hohen waldigen Anhöhen des Gestades. Nur die Tochter des Alkinoos blieb stehen; Athene hatte ihr Mut ins Herz eingeflößt, und sie stand gegen den Fremdling gekehrt. Odysseus besann sich, ob er die Knie der Jungfrau umfassen oder aus ehrerbietiger Ferne sie anflehen sollte, ihm ein Kleid zu schenken und den Weg nach Menschenwohnungen zu zeigen. Er hielt das letztere für ziemlicher und rief ihr daher von weitem zu: „Seiest du eine Göttin oder eine Jungfrau, schutzflehend nahe ich mich dir! Bist du eine Göttin, so achte ich dich der Artemis gleich an Gestalt und Schönheit; bist du eine Sterbliche, so preise ich deine Eltern und deine Brüder selig! Das Herz muß ihnen im Leibe beben über deine Schönheit, wenn sie sehen, wie solch ein herrlich Geschöpf zum Reigentanz einherschreitet. Und wie hochbeglückt ist der, der dich als Braut nach Hause führt! Mich aber sieh du gnädig an, denn ich bin in unaussprechlichen Jammer gestürzt. Gestern sind es zwanzig Tage, daß ich
von der Insel Ogygia abgefahren bin; vom Sturm ergriffen, wurde ich auf dem Meere umgeworfen und endlich als Schiffbrüchiger an die Küste geschleudert, die ich nicht kenne, wo mich niemand kennt! Erbarme dich mein; gib mir eine Bedeckung für meinen Leib, zeige mir die Stadt, wo du wohnest. Mögen dir die Götter dafür geben, was dein Herz begehrt, einen Gatten, ein Haus und Frieden und Eintracht dazu!“

Nausikaa erwiderte auf diese Anrede: „Fremdling, du scheinst mir kein schlechter und kein törichter Mann zu sein. Da du dich an mich und mein Land gewendet hast, soll es dir weder an Kleidung noch an sonst etwas mangeln, was der Schutzflehende erwarten kann. Ich will dir auch die Stadt zeigen und den Namen unseres Volkes sagen. Phaiaken sind es, die diese Felder und dieses Reich bewohnen; ich selbst bin die Tochter des hohen Königs Alkinoos.“ So sprach sie und rief die dienenden Mädchen, indem sie ihnen Mut einflößte und wegen des Fremdlings sie zu beruhigen suchte. Die Mägde aber standen und ermahnten eine die andere, hinzuzutreten. Endlich gehorchten sie der Fürstin, und, nachdem sich Odysseus an einem versteckten Orte gebadet, legten sie ihm Mantel und Leibrock, die sie aus den Gewändern hervorsuchten, zur Bedeckung in das Gebüsch. Als der Held sich den Schmutz vom Leibe gewaschen und sich gesalbt hatte, zog er die Kleider an, die ihm die Fürstentochter geschenkt hatte und die ihm wohl zu Leibe saßen. Dazu machte seine Beschützerin Athene, daß er schöner und völliger von Gestalt anzuschauen war; von dem Scheitel goß sie ihm schön geringeltes Haar, und Haupt und Schultern glänzten von Anmut. So in Schönheit strahlend, trat er aus dem Ufergebüsch und setzte sich seitwärts von den Jungfrauen.

Nausikaa betrachtete die herrliche Gestalt mit Staunen und begann zu ihren Begleiterinnen: „Diesen Mann verfolgen gewiß nicht alle Götter. Einer von ihnen muß mit ihm sein und hat ihn jetzt in das Land der Phaiaken gebracht. Wie unansehnlich erschien er anfangs, als wir ihn zuerst erblickten, und jetzt wahrhaftig gleicht er den Bewohnern des Himmels selbst! Wohnte doch ein solcher Mann unter unserem Volke und wäre ein solcher mir zum Gemahl vom Geschick erkoren! Aber auf, ihr Mädchen, stärket mir den Fremdling auch mit Trank und Speise!“ Dies geschah, Odysseus aß und trank und labte sich an der lang entbehrten Nahrung.

Hierauf wurde der Wagen mit den gewaschenen und getrockneten Gewändern wieder bedeckt, die Maultiere vorgespannt, und Nausikaa nahm auf dem Wagensitz ihren Platz ein. Den Fremdling aber hieß sie zu Fuße mit den Dienerinnen hinter dem Wagen folgen. „Dies tue“, sprach sie freundlich zu ihm, „so lange es durch Wiesen und Äcker geht; bald aber wirst du die Stadt gewahr werden; eine hohe Mauer umschließt sie, ihre beiden Seiten – denn sie liegt ganz am Meere – schließt ein trefflicher Hafen mit schmalem Zugange ein. Dort ist auch der Marktplatz und ein herrlicher Tempel des Meeresgottes Poseidon, wo Seile, Segeltücher, Ruder und andere Schiffsgeräte bereitet und verkauft werden. Denn mit Köcher und Bogen machen sich unsere Phaiaken nicht viel zu schaffen, aber tüchtige Seeleute, das sind sie! Wenn wir nun in der Nähe der Stadt sind, dann, guter Fremdling, vermeide ich gern das lose Geschwätz der Leute, denn dieses Volk ist übermütig; da könnte wohl ein Bauer, der uns begegnet, sagen: ‚Was folgt doch der Nausikaa für ein schöner, großer Fremdling? Wo fand sie doch den auf? Er wird sicherlich ihr Gemahl!‘ Das wäre mir ein herber Schimpf. Gefiele es mir doch an einer Freundin nicht, wenn sie sich, ohne Wissen der Eltern, zu einem Fremden gesellte, vor der öffentlichen Vermählung! Darum, wenn du an ein Pappelgehölz kommst, das der Athene heilig ist und aus dem ein Quell entspringt, der sich durch die Wiese schlängelt, kaum einen Heroldsruf von der Stadt entfernt, dort verweile ein wenig; nur so lange, bis du annehmen kannst, daß wir in der Stadt angekommen sind; dann folge uns nach, du wirst den herrlichen Palast meines Vaters leicht aus den anderen Häusern herauskennen. Dort umfasse die Knie meiner Mutter; denn wenn sie dir wohl will, so darfst du sicher sein, deiner Väter Heimat wieder zu schauen!“

So sprach Nausikaa und fuhr auf dem Wagen davon, doch langsam, daß die Mägde und Odysseus folgen konnten. Am Hain Athenes blieb dann der Held zurück und betete flehend zu Athene, seiner Beschirmerin. Sie hörte ihn auch, nur fürchtete sie die Nähe ihres Bruders Poseidon und erschien ihm deswegen nicht öffentlich in dem fremden Lande.

Beitragsbild: Pieter Lastman |  Odysseus und Nausikaa | Ölbildnis, 1619 | Alte Pinakothek, München

Textquelle: Sagen des klassischen Altertums >> Gustav Schwab | Dritter Teil

Erzählung | Friedrich Glauser | Nausikaa

Nausikaa

Frederick Leighton - Nausicaa | 1878
Frederick Leighton – Nausicaa | 1878

Wenden Sie bitte das Gesicht ein wenig von mir weg … so … jetzt ist es besser. Ihr Profil ist ein wenig hart, wie überhaupt Ihr Gesicht zwei verschiedene Ausdrücke hat … Und diese Zweiheit ist das Interessante an Ihnen … Nein, durchaus nicht, ich sage das nicht jedem Kunden, ich meine es wirklich ehrlich … Sie glauben mir nicht? … Ich weiss, ich weiss, Sie meinen, es sei eine erniedrigende Beschäftigung, sich den Kunden dieses Lokals allabendlich aufzudrängen und sie inständig zu bitten, sich abzeichnen zu lassen, der Lohn ist gering, und wenn Sie finden, dass meine Zeichnungen auch künstlerisch nichts taugen, so kann ich Ihnen nur Recht geben … Aber was wollen Sie, man muss leben, ich bekomme keine Arbeitskarte hier in Frankreich, ich muss sehen, wie ich mich durchschlagen kann … Und einen Vorteil hat ja diese Beschäftigung, ich habe die Nacht für mich, und am Tage kann ich schlafen; so vermeide ich es, gewisse Blicke zu sehen, Blicke … Ich bin nämlich verheiratet …
Wenn Sie tanzen wollen, mein Herr, bitte … Lassen Sie sich nicht abhalten, ich kann die Zeichnung auch später beenden. Und wenn ich Sie ein wenig beobachten kann, während Sie sich bewegen, so wird es dem Ausdruck, den ich Ihrer Physiognomie zu geben gedenke, nichts schaden. Es hängt doch alles zusammen. Der Gang und das rhythmische Schreiten übers Parkett, wenn Sie eine Frau im Arm halten – es sind gute Mädchen hier, geben Sie der Erwählten ein kleines Trinkgeld, und Sie werden mit Erstaunen feststellen, dass Sie plötzlich wunderbar tanzen können, auch wenn Sie in Ihrem Heimatland bei Hausbällen nie fähig gewesen sind, einen Tango zu tanzen. Es sind gute Mädchen, ich kann sie Ihnen warm empfehlen, sie werden Sie nicht ausplündern, im Gegenteil. Und wenn Sie sich ein wenig am Tanze erfreut haben, haben Sie vielleicht Zeit … Gegen drei Uhr leert sich das Lokal, und dann können wir plaudern … Ich plaudere gern … Der Patron des Lokals ist mir wohlgeneigt, und wir können dann einige Flaschen Vouvray trinken, und ich erzähle Ihnen … Lieben Sie Monologe? … Ich erzähle übrigens interessant, ohne mich rühmen zu wollen … Ich will Ihnen dann die Geschichte Nausikaas erzählen, Nausikaas, der Tochter des Phäakenkönigs, aber der Schluss wird anders sein als beim alten Homer … Mein Odysseus hatte keine Penelope daheim, die auf ihn wartete, und darum hat meine Geschichte auch eine andere »moralite«. Geschichten sind wie Fabeln, sie müssen einen belehrenden Schluss haben, finden Sie nicht? … Aber ich schwatze und schwatze, gehen Sie jetzt tanzen. Darf ich Ihnen Fräulein Berthe vorstellen? Berthe, du darfst dann mit uns eine Flasche Wein trinken, der Herr lädt dich ein. Tanze recht gut mit ihm, mein Kind, während ich an meiner Zeichnung herumstrichle und mir, mit Ihrer Erlaubnis, mein Herr, einen Cognac mit Selterswasser zu Gemüte führe. Mein Gemüt braucht derartige Stärkungen, es ist ein wenig abgestumpft und dennoch so zart, dass es leicht, sehr leicht umkippt, und dann gibt es Tränen … Das wollen wir verhüten …
Sie sehen, meine Prophezeiung war richtig. Die Musik packt ihre Instrumente zusammen, der Chasseur bringt den letzten Pärchen ihre Garderobe, manchmal, wenn die Tür sich öffnet, hören Sie das Surren eines Anlassers, müde, wie das Summen einer Hummel im Herbst … Wollen wir Wein trinken? Er ist nicht teuer … Ich will Ihnen gestehen, dass ich zehn Prozent vom Preis der Flasche bekomme, ich werde sie redlich mit Fräulein Berthe teilen; denn Berthe braucht Geld. Sie hat eine kranke Schwester daheim – früher war sie … Aber das interessiert Sie wohl nicht… Setz dich neben den Herrn, mein Kind, er wird nichts dagegen haben. Gib ihm die Geduld, die er nötig haben wird, um mir zuzuhören, und wenn du müde bist, mein Kind, leg deinen Kopf an seine Schulter, er wird nichts dagegen haben … Und er wird es auch nicht seiner Frau erzählen … Frauen brauchen nicht alles zu wissen … Übrigens, hier ist Ihr Bild. Gefällt es Ihnen? Ein wenig merkwürdig vielleicht, aber das schadet nichts. Ich kann Ihnen ein Geschäft empfehlen, dort werden Sie einen passenden Rahmen finden. Nein, haben Sie keine Angst, dort bekomme ich keine Prozente … Ein Freund von mir führt dieses Rahmengeschäft …
Nun will ich beginnen. Sie haben auch das Gymnasium besucht? Ja? … Desto besser. Ich bin in Genf in die Schule gegangen … Wir hatten einen Lehrer, sein Bart war lang und grau, er gab uns pedantische Noten und trug sie mit kleinen Ziffern in ein Büchlein ein, manche mit roter Tinte, manche mit schwarzer … »Gunumai se anassa« … »Ich knie vor dir, o Jungfrau …« Anassa! Ist das Wort nicht schön? Die drei »A«, sie klingen so weiss … Können Sie sich die Szene vorstellen? Odysseus, mit Schlamm bedeckt, nackt, sicher war sein Gesicht voll Schrammen und sein Bart verklebt und verwildert … Im Schilf hat er sich versteckt, als er den Gesang der Mädchen hörte, die zum kleinen Bach herniederstiegen, um Wäsche zu waschen. Und die Jüngste, sehr schlank war sie, und sicher trug sie einen weissen Chiton, an ein kleines, schmales Segelboot musste sie erinnern, Nausikaa, Anassa – die Jungfrau. Er hatte sie erkannt, sogleich, der göttliche Dulder Odysseus … Ja, wissen Sie, damals waren die Dulder noch göttlich. Es gab nicht viele, die das weinrote Meer befuhren und Schiffbruch erlitten, und darum …
Gewiss, auch ich trage einen Bart, einen kurzen schwarzen Bart, gelockt, und ich finde, er steht mir gut … Sie müssen mir meine Eitelkeit zugute halten … Ich besitze nur wenig, und auf etwas muss der Mensch doch stolz sein dürfen, ich bin stolz auf meinen kurzen, gelockten Bart. Gefällt er dir auch, Berthe, mein Kind? Trinken Sie, mein Herr, Sie sind heute zu Gast bei Odysseus, und Sie werden es erzählen dürfen in Ihrer Heimat, dass Sie ihn getroffen haben in einer Bar, angetan mit Smoking und Pumps, ihn, der einmal besungen worden ist in der Menschheit Jugend von einem blinden Sänger – aber der jetzt nicht einmal einen Reporter finden wird, der ihm einige Zeilen widmet in einer Tageszeitung …
Verlassen wir den pompösen Stil, er wird Sie ermüden … Ich habe nicht vor Troja gekämpft, ich bin nur vor Verdun verwundet worden. Sehr jung war ich damals. Kaum achtzehn Jahre. Aber ich war begeistert und habe mich anwerben lassen … Und dann habe ich mich nicht mehr zurechtgefunden. So liess ich mir von einem Freunde ein kleines Segelboot kaufen und beschloss, damit den Atlantik zu überqueren … Jawohl, ich war der erste, der diesen Gedanken hatte, Alain Gerbaut ist nur ein kleiner Nachahmer … Und an diesem, ich gestehe es, etwas verrückten Plan war jener Lehrer schuld, der mit uns den Homer gelesen hat, sein Bart war lang und grau – sicher hat er nie Sehnsucht gehabt nach dem weinfarbenen Meer … Der Atlantik ist nicht weinfarben, nicht einmal, wenn ihn die untergehende Sonne bescheint … Ich gebe zu, es war eine Verrücktheit, mich in einem einsamen Boot aufs Wasser hinauszuwagen, ich, der ich das Segeln auf dem Genfersee erlernt hatte. Gewiss, ein wenig hatte ich geübt, Proviant hatte ich mitgenommen für zwei Monate … Aber dann kam ein Sturm, er war schön, gewiss, er war sehr schön – aber ich wurde schwach, bekam Fieber … Ich will Ihnen nicht all meine Leiden aufzählen, ich war nach Süden abgetrieben worden, und halb bewusstlos wurde ich an eine Insel gespült. Graziosa hiess sie, wie ich später erfuhr, und sie gehört zu den Azoren. Dort traf ich Nausikaa zum ersten Male, aber ich war noch kein Odysseus … Ich war jung, sehr jung, obwohl ich älter aussah – der Bart war mir gewachsen auf meiner verrückten Reise. Ich wurde an Land gespült, mein kleines Segelboot ging in Brüche, ich lag im Sand und streckte sicher die Zunge heraus wie ein durstiger Hund. Durst hatte ich, das kann ich Ihnen restlos bestätigen, jawohl mein Herr, und der Durst war so stark, dass ich an nichts anderes denken konnte, als an Wasser und wieder Wasser …
Finden Sie diesen Vouvray nicht ausgezeichnet? Auf Ihr Wohl, mein Herr, auf dein Wohl Berthe, mein Kind … Und vergessen Sie nicht, mein Herr, dass ich zehn Prozent von jeder Flasche erhalte … Wir wollen noch eine bestellen. Es dauert noch zwei Stunden, bis die Putzfrau kommt, dann gehe ich am liebsten heim, jetzt steht der Nebel schon dick in den Strassen, ich werde das erste Métro nehmen und heimfahren und schlafen. Heimfahren zu Nausikaa, denn, um die Pointe vorwegzunehmen, später habe ich die zweite Nausikaa getroffen und sie geheiratet – eben, weil ich keine Penelope daheim hatte und keinen göttlichen Schweinehirten …
Graziosa hiess die Insel, und der mich fand, war ein kleiner Plantagenbesitzer. Er hatte Reben und Ananas, er exportierte brav und fleissig, er tyrannisierte die andern Bewohner der Insel – er hatte sich das Exportmonopol gesichert … Glauben Sie nicht auch, dass jener Vater der Nausikaa, der König der Phäaken, etwas Ähnliches gewesen ist? König? Was waren damals schon Könige? Grossbauern wahrscheinlich, schlau wie unsere Bauern … Und sie trieben Handel, verkauften ihre gemästeten Kälber, vielleicht exportierten sie Pferde und Wein nach Ithaka … Sie hatten Sklaven und Diener, sie hatten sicher auch Missernten, und ich bin überzeugt, es gab bei ihnen auch Krisenzeiten und eine soziale Frage … Aber Homer erzählt uns leider nichts davon …
Der Bauer, der mich fand, der ungekrönte König der Insel, hatte nur eine Tochter. Sie war sechzehn Jahre alt, trug lange schwarze Zöpfe, und dazu waren ihre Augen blau … Ich blieb auf der Insel zwei Monate, ich zeichnete Nausikaa, und Nausikaa liebte mich … Nein, das ist keine Eitelkeit. Zeigen Sie mir ein junges, naives Mädchen, das sich nicht in einen weitgereisten Mann verliebt … Viele sind nicht einmal so erpicht auf Tenöre, glauben Sie mir … Giganten der Landstrasse und des Meeres sind ihnen manchmal lieber … Mein Gott, eine alte Wahrheit! Junge Mädchen lieben die Liebe, und sie haben Sinn für Heldentum, auch wenn das Heldentum uns ein wenig abgeschmackt vorkommt. Schelten Sie sie darum nicht … Berthe, mein Kind, du bist müde, der Rauch brennt dir in den Augen, lass deine Lider darüber fallen und lehn den Kopf an die kräftige Schulter des Herrn, der uns diesen Abend schenkt … Aber bleib noch ein wenig bei uns. Ich brauche deine Gegenwart, und meine Worte klingen besser, wenn du auch flüchtig nur ihnen lauschest.
Ich hätte sie heiraten können, die kleine Nausikaa auf der Insel Graziosa, dann wäre ich der Nachfolger geworden des ungekrönten Königs, hätte das Exportmonopol geerbt … aber wahrscheinlich wäre ich schon lange vorher in der fruchtbaren Erde der Insel begraben worden. Am Ende der ersten Woche schon, kaum erholt, musste ich einige portugiesische Jünglinge verboxen, und ich war froh, dass ich oft die Schule geschwänzt hatte, um boxen zu lernen. Ich hatte einen guten Schlag mit der linken Hand – der ist mir oft zustatten gekommen. Aber diese Portugiesen kamen gleich mit dem Messer – das war ungemütlich. Mein rechter Unterarm war gewöhnlich verbunden. So war ich froh, dass ich mich einmal auf einem Schiff des Königs von Graziosa verstecken konnte, das nach Vigo fuhr. Nausikaa weinte nicht, als ich Abschied nahm. Übrigens, ich weiss gar nicht mehr, wie sie in Wirklichkeit hiess …
Trinken wir noch eine Flasche? Bleiben Sie ruhig sitzen, sonst stören Sie Berthe, das arme Kind. Wissen Sie, dass dieses kleine Mädchen sehr tapfer ist und dazu noch »honnete«, wie wir hier sagen? Unglaublich, aber wahr. Die Stammgäste haben sie lieb. Man kann sprechen mit ihr, sie ist klug, das Kind, und es gibt immer noch Männer, die solche Eigenschaften zu schätzen wissen. Wenn manchmal ein Mann, ein Betrunkener meistens, allzu zudringlich wird, flüchtet das Kind zu mir. Ich habe auch hier schon boxen müssen, der Patron war wütend, fast hätte er mir sein Lokal verboten, aber dann hat er es sein lassen. Ich bin so etwas wie eine Attraktion, eine bescheidene natürlich. Und manchmal kann ich Betrunkene sogar ohne Uppercut beruhigen … Das sind ganz wertvolle Kenntnisse, glauben Sie mir, in solch einer Umgebung …
Gunumai se anassa … Ich knie vor dir, o Jungfrau, seist göttlich du oder sterblich … Warum kann ich diese Hexameter nicht mehr vergessen? Neunundneunzig von Hundert lesen sie in der Griechischstunde, neunundneunzig vergessen sie, und beim Hundertsten klingen sie nach, ein Leben lang, bestimmen das Leben, biegen es ab. Mein Lehrer, sein Bart war lang und grau, nicht kurzgelockt wie der meinige, er trug kleine Ziffern in sein Büchlein ein, und mir gab er einmal eine sechs, das war die beste Note, weil ich die Stelle auswendig gelernt hatte, jene Stelle, die beginnt: Gunumai se anassa … Anassa! Wieviel schöner ist das Wort als unseres: Jungfrau! Vierge, Virgo, die Worte der anderen Sprachen, sie sind alle dumpf, sie haben nicht das Königliche, den weissschreitenden Gang wie das alte griechische »Anassa« …
Damals bin ich glücklich in Vigo angekommen. Den Magen hatte ich mir ein wenig verdorben … Zu viele Ananas, zuviel süsser Wein … Was wieder ein Beweis ist, dass sogenannte Delikatessen eigentlich verflucht langweilig und ungesund sind, so für den täglichen Gebrauch. Wie Ihnen auch dieser exzellente Vouvray verleiden würde, müssten Sie ihn jeden Tag zum Mittag- und Abendessen trinken … Wie Ihnen jede schöne Frau endgültig unerträglich wird, sobald Sie sie geheiratet haben … Eine Ehe … Wissen Sie, eine Ehe ist eine komplizierte Sache. Penelopen sind selten, aber Penelopen sind unersetzlich. Sie können stricken und nähen, sie können braten und einen Haushalt führen … Sicher war Penelope nicht schön, und wenn die Freier so zudringlich wurden, so war es wohl nur, weil sie die Frau des Odysseus für eine reiche Witwe hielten. Aber Penelope hatte ihren Mann gern, solche Frauen sind immer treu, von einer guten, warmen Treue, sie wissen zu schweigen, sie sind anspruchslos, sie wollen nicht immer Romantik und Heldentum, sie sind zufrieden mit wenigem, und vor allem, sie haben Sinn für Humor. Nausikaa, so sehr ich sie verehrt habe in meiner Phantasie, Nausikaa, mein Herr, ist Romantikerin. Und bekannt dürfte es sein, dass Romantiker weiblichen oder männlichen Geschlechts keinen Sinn für Humor haben. Sie wollen Steigerung, sie wollen das Absolute – mein Gott, das Absolute! Als ob es so etwas gäbe im menschlichen Leben! Ich habe Nausikaa geheiratet – und …
Nein, es ist keine Barphilosophie, die ich Ihnen hier auftische. Glauben Sie, ich hätte es einmal zustande gebracht, meine Frau zum Lachen zu bringen? Niemals. Und eine Frau, die nie lacht! … Sie hat damals gemeint, sie heirate ein Ideal, einen göttlichen Dulder, und ich bin nur ein einfacher Mensch, der durch den Krieg einen kleinen Knacks bekommen hat, eine gewisse Wandersucht … Ich bin ein harmloser Mensch, trotz all meinen scheinbar romantischen Erlebnissen … Ich konnte gut erzählen, und ich erzählte ihr mein Leben, so, wie sie es wünschte, dargestellt zu hören … Denn wir passen uns ja immer unwillkürlich unserem Zuhörer oder unserer Zuhörerin an. Und das ist ein Fehler, ein grosser Fehler …
Ich habe ihr vom Amazonenstrom erzählt und von einem Ameisenvolk, das alle Gesetze der Strategie kannte, besser als die Indianer – gegen die Indianer konnten wir uns wehren, aber die Ameisen haben uns gezwungen, den Rückmarsch anzutreten … Ich habe ihr erzählt von einem Flug über den Atlantik – natürlich misslang er, genau so wie meine Segelbootfahrt, ein anderer hat ihn dann ausgeführt – was wollen Sie, ich bin der Vorläufer, und Vorläufer sind die Sündenböcke der Erfolgreichen, sie nehmen das Pech auf sich, um es von den Erfolgreichen abzuwenden. Es gibt auf der Welt nur ein gewisses Quantum Pech, ist dieses verbraucht, so steht dem Erfolg nichts mehr im Wege. Zu bedauern sind die Pechvögel, aber sie sind notwendig. Gewöhnlich feiert man sie nach einigen hundert Jahren, aber was nützt es diesen armen Teufeln …
Vor diesem Flug über den Atlantik habe ich etliches unternommen, das dürfen Sie mir glauben. Ich kenne das Riff, ich kenne Borneo, ich habe versucht, die Wüste zu durchqueren, auf einem kleinen Auto, das ich selbst entworfen hatte – Citroen hat mir dann meine Erfindung gestohlen, und er ist mit einer Kolonne bis Timbuktu gekommen … Dann misslang mir der erste Flug, ich stürzte ins Wasser. Aber diesmal war keine Graziosa in der Nähe, ich war weit nach Norden abgetrieben worden, so nahm mich eine Fischerbarke auf. Wie ich das Geld aufgetrieben habe zu all diesen Unternehmungen? Ich weiss es heute selbst nicht mehr. Ich habe es immer gefunden. Freunde, die mir glaubten, Zeitungen, die Vertrauen hatten … So durfte ich den Flug zum zweiten Male wagen … Mit technischen Einzelheiten will ich Sie verschonen. Es kam wieder ein Sturm, der mich bedenklich an jenen Sturm erinnerte, der damals mein kleines Boot so schlecht behandelt und all mein Süsswasser ausgetrunken hatte … Ich fiel wieder ins Meer, und ich hatte Glück im Pech. Denn es war an einer Stelle, die auf der Route der grossen Luxusdampfer lag. Und solch ein »schwimmendes Hotel«, wie man diese Schiffe in der blumenreichen Sprache der Zeitungen nennt, fischte mich halbverhungert auf. Ich war natürlich ein Held und wurde als solcher behandelt. Wenn Sie wüssten, wie langweilig Heldenverehrung für die Helden selber ist! Ich bin ein einfacher Mensch, und ich trinke gern einen guten Tropfen Wein, ich esse mit Behagen Chateaubriand aux pommes oder Hommard á l’américaine, und wenn ich mein ganzes Leben lang versucht habe, verrückte Sachen auszuführen, so war es ganz sicher nicht um der Sensation oder des Heldentums willen, sondern einfach, weil ich keine andere Möglichkeit fand, mein Leben zu fristen. Ich fristete buchstäblich mein Leben, indem ich es aufs Spiel setzte. Und ich versichere Ihnen, dass fünfundneunzig Prozent – übrigens sehen Sie an meiner Vorliebe für Prozentrechnungen, dass ich eigentlich ein missratener Kaufmann bin –, dass fünfundneunzig Prozent aller sogenannten Helden, als da sind: Rennfahrer, Flugkünstler, Forschungsreisende, Rekordschinder – Menschen sind, die Angst vor der Arbeitslosigkeit haben – die restlichen fünf Prozent, die wirklichen Helden, die um des Ruhmes willen sich anstrengen – sind Idioten. Ich gebe zu, auch bei uns, den Arbeitsuchenden, sind Spuren dieser Renommiersucht vorhanden, dieser Romantik … Bei einem ist diese Sucht begründet in etwelchen Minderwertigkeitskomplexen, er will seinem Vater, der ihn verachtet hat, einmal zeigen, was er für ein Kerl ist, beim andern ist es etwas anderes … Bei mir war der alte Homer schuld, der alte Homer und jener Lehrer, dessen Bart lang und grau war und der mich mit »Gunumai se anassa« vergiftet hat …
Man träumt sich in eine Situation, man wünscht sich diese Situation herbei, mit allen Fasern, möchte ich sagen, wenn der Ausdruck nicht so verbraucht wäre. Aber er ist wirklich gut, insofern man ihn wörtlich nimmt: mit allen Fasern. Sie hören, ich schweife ab, nur um dem Zwang zu entfliehen, Ihnen meine traurige und groteske Geschichte zu erzählen. Traurig und grotesk ist sie nämlich, wie alles im Leben, und nur Dichter verstehen es, das Traurige und Groteske so zu komponieren, dass es schön wirkt und versöhnlich. Ich bin kein Dichter …
Ich wurde also als Held gefeiert auf jenem Schiff. Es war ein grosses deutsches Schiff, es gab viele Passagiere darauf, und ein reicher Herr zahlte meine Überfahrt. Ich erhielt eine Luxuskabine … Aber nicht das wollte ich Ihnen erzählen. Als ich aufgefischt wurde (ein Matrose war ins Wasser gesprungen, um einen Strick um mich zu schlingen, ich war so schwach, dass ich mich nicht hätte halten können – denken Sie, zwei Tage in einem Rettungsring, und das viele Salzwasser, das ich geschluckt hatte …), als ich endlich an Bord gezogen wurde, sah ich wohl nicht viel anders aus als der göttliche Dulder Odysseus. Ich war fast nackt, meine Unterhosen waren zerfetzt, mein Hemd hatte keine Ärmel mehr, ich hatte das Bewusstsein verloren … Als ich die Augen aufschlug, lag ich auf den harten Planken des Decks, und ein Matrose schien meine Arme für Brunnenschwengel zu halten. Er pumpte ununterbrochen. Es war heller Tag, eine ganz freundliche Sonne schien mir in die Augen, ich schloss sie halb, weil das Licht mich blendete. Da hörte ich Schritte, die näherkamen. Ganz deutlich das Klappern hoher Stöckelschuhe. Und als ich die Augen aufmachte, den Kopf zur Seite wandte, der Richtung zu, aus der die Schritte kamen – sah ich Nausikaa … Sie trug ein kurzes weisses Kleid, einen Chiton, ihr Haar war blond und bedeckte gerade den Nacken, ihre Beine waren sehr gerade, sie trug keine Strümpfe, nur weisse Stöckelschuhe … Diese Schuhe störten mich – Nausikaa hat sicher Sandalen getragen. Aber dies war auch das einzig Störende … »Gunumai se anassa« flüsterte ich, und ich war wieder ein Gymnasiast und ein Romantiker. Denn Romantik ist eine Pubertätserscheinung, und es gibt Menschen, die ihr Leben lang nicht aus der Pubertät herauskommen … Ich hatte gedacht, ich sei von dieser Kinderkrankheit endgültig kuriert, nach dem Erlebnis auf Graziosa … Aber wer von uns wird jemals vollständig immun sein gegen gewisse Krankheiten?
Sie hiess Dora, und schon der Name hätte mich stutzig machen sollen. Sie pflegte mich, wie sicher Nausikaa den göttlichen Dulder gepflegt hatte. Und sie hielt mich für einen Heros, für einen Übermenschen, für einen Mann, auf alle Fälle, der Übermenschliches geleistet hatte. Und ich hatte den Flug doch nur gewagt (um ganz ehrlich zu sein), weil er mir alles in allem wohl eine halbe Million Dollar eingebracht hätte, und damit hätte ich meine Schulden zahlen können … Aber versuchen Sie einmal zu widerstehen, wenn eine Frau Sie anbeten will … Sie lassen es sich gefallen, sie zitieren Homer, plötzlich sind Sie in eine ganz literarische Situation verstrickt, und wenn eine Situation einmal literarisch wird, dann sind Sie rettungslos verloren … Die Literatur macht es sich so einfach. Da gibt es wenig tägliche Sorgen, und wenn einer Schulden hat, gewinnt er das grosse Los oder begeht Selbstmord – zwei schöne, endgültige Lösungen, nach denen der Roman schliessen kann …
Mein Roman läuft weiter, und es ist kein Roman mehr. Es ist alltägliche Wirklichkeit, und die ist schwerer zu formen. Jawohl …
Und doch, beachten Sie einmal, wie klug das Leben im Grunde ist. Es hat mich gewarnt, es hat mir gezeigt, wie kitzlig im Grunde diese ganze Nausikaa-Situation war (entschuldigen Sie den Ausdruck). Das Leben, es hatte mich einmal an die Insel Graziosa gespült, hatte mir deutlich gesagt: Hier hast du das Glück, das du ersehnst, hier hast du die kleine Königstochter und den Vater, der König ist. Und zugleich hatte es mir eine Lektion erteilt – das Leben. Messerstiche, Eifersucht der Bevölkerung, so als wolle es sagen: Es ist aussichtslos, das Ganze, sobald man nicht eine Penelope daheim hat, die jede Nausikaaverführung neutralisiert. Ich hätte mich nach einer Penelope umtun sollen, aber ich war immer gehetzt. Das ist wohl meine Entschuldigung, bleibt wohl meine Entschuldigung … Ein gescheiter Kerl war Odysseus. Er beugte vor. »Nur keine Sentimentalitäten!« sagte er, und schlau wie er war, pries er den am glücklichsten – makartatos exochon allon –, der durch die Gabe reicher Brautgeschenke Nausikaa in sein Haus werde führen können … Mit reichen Brautgeschenken … Nausikaa war schon reich, aber ihr Zukünftiger musste auch Geld haben. Und Odysseus war ein Schiffbrüchiger, der nicht einmal ein Hemd hatte … Das konnte nicht gut enden …
Auch ich war ein Schiffbrüchiger, auch ich hatte kein Hemd … und Dora war reich. »Es wird für uns beide langen«, sagte sie, »mein Vater hat Geld …« Er war nicht gerade reich, er war wohlhabend, ein Weinhändler aus der Provence, der in Paris ein kleines Vermögen erworben hatte und eine Schwedin geheiratet hatte – darum waren Doras Haare blond …
Ich bin von Nausikaa geheiratet worden … Das ist ein trauriges Los. Ich werde nie mehr eine Penelope finden. Sie werden es mir ersparen, Ihnen unsere Verlobungszeit zu schildern … Ich spielte meine Rolle gut, nur allzugut. Der Vater war dagegen, die Mutter war dafür … In New York haben wir uns trauen lassen … Der Vater bezahlte meine Schulden. Dann sollte ich noch einmal versuchen, den Ozean zu überqueren. Aber ich hatte genug und drückte mich. Das war die erste Enttäuschung für Dora-Nausikaa …. Wir kehrten nach Frankreich zurück. Der Vater verlor sein Geld in einem Schwindelunternehmen. Ich sollte Arbeit suchen …
Wissen Sie, solange man allein ist und einem Traum nachjagt, ist man fähig, etliche Verrücktheiten zu begehen – um Geld zu verdienen? Um Nausikaa zu finden? … Aber wenn Sie einmal mit Nausikaa verheiratet sind, ist der Traum zu Ende. Sie kann nicht einmal ein Beefsteak ordentlich braten! Und Nausikaa konnte Wäsche waschen. Ich gebe meine Smokinghemden in eine Wäscherei. Der alte König säuft, die alte Königin ist recht lieb zu mir, sie braut mir jeden Abend einen starken Kaffee, das kann sie … Und Nausikaa? Nausikaa verwelkt und liest Alexandre Dumas, Victor Hugo und Musset. Den Grafen von Monte Christo hat sie schon dreimal gelesen … Und Blicke wirft sie mir zu! Verstehen Sie jetzt, dass ich lieber in einer Bar sitze und Fremde abkonterfeie? So geht die Nacht herum … Am Tage schlafe ich. Man kann mir daheim nicht viel vorwerfen … Ich bringe Geld, nicht viel, es langt gerade … Und dann hab‘ ich ein paar gute Kameraden, Flieger, die manchmal hierherkommen, und kleine Freundinnen, in allen Ehren natürlich, wie Berthe zum Beispiel – ich bin kein Schürzenjäger … Man arrangiert sich sein kleines Leben, es ist nicht mehr heroisch, es ist still geworden … Die Menschen sind interessant, besonders wenn sie sich zeichnen lassen oder wenn man beobachten kann, welche Mühe sie sich geben, lustig zu sein, wenn sie sich einmal vorgenommen haben, sich zu amüsieren …
Berthe, mein Kind, wach auf. Dein Kopf war sicher den starken Schultern des Herrn ein leichtes Gewicht. Aber nun will er heim … Ich werde dich bis zum Métro begleiten, und wir fahren zusammen bis Denfert-Rochereau. Dort muss ich umsteigen, und du fährst weiter.
Und Ihnen, mein Herr, danke ich für das freundliche Zuhören. Hier ist Ihr Porträt, es kostet hundert Franken, was in der Währung Ihres Landes nur wenig macht. Und morgen werde ich die zehn Prozent beim Wirt einziehen, die zehn Prozent, die ich von unseren geleerten Flaschen zugute habe … Die Putzfrau erscheint. Louis, der Herr will zahlen, er ist ein nobler Herr, du wirst zufrieden sein, Louis …
Und dann, mein Herr, vergessen Sie nicht, Berthe ein kleines Geschenk zu machen. Sie hat bei uns ausgeharrt – ein Mädchen hat an Ihrer Schulter geschlafen, diese Augenblicke werden eine schöne Erinnerung für Sie sein, Sie werden an Paris nicht als an einen Ort des Lasters denken … Glauben Sie mir, die zarten Erinnerungen sind die schönsten …
Und Sie werden zurückkehren zu Ihrer Penelope. Denn dies sehe ich Ihnen an, Sie haben eine Penelope gefunden. Halten Sie sie fest, auch wenn Sie sie manchmal langweilig finden, auch wenn Sie sich sehnen nach Abwechslung, nach einer … Nausikaa. Seien Sie dankbar, mein Herr, dankbar dem Schicksal, dankbar dem Leben. Sie haben die Sicherheit – auch wenn es Ihnen einmal schlecht geht – Jemand wird Ihnen zur Seite sein, der mit Ihnen steht und fällt … Das ist viel, mein Herr, glauben Sie mir das, und dies ist die »moralité« meiner Geschichte …
Denn, mein Herr, ich bin Moralist. Ich kenne mich ein wenig aus in den Menschen. Sie traten so unternehmungslustig in dies Lokal. Sie wollten sich eine vergnügte Nacht leisten, mein Herr, einen kleinen Seitensprung. Die Frau wird es nie erfahren, dachten Sie. Penelope sitzt daheim und hütet Telemachos. Ich bin noch jung, dachten Sie, Abwechslung muss sein. Und Sie suchten mit den Augen nach einem hübschen Gesicht …
Nun, mein Herr, ich habe mich an Sie herangemacht. Ich habe Sie gezwungen, mir zu einem Porträt zu sitzen, ich habe Sie mit Berthe, dem Kinde, tanzen lassen, denn ich kenne Berthe, sie ist lieb und gut, sie kann reden, aber sie ist ungefährlich, wie jedes Mädchen, das daheim Kummer hat … Und dann habe ich Sie festgehalten, die ganze lange Nacht … Danke, Paul. Geben Sie Paul, dem Chasseur, auch ein Trinkgeld, er ist sechzehn Jahre alt und müde; siehst du, Paul, das ist ein nobler Herr, schlaf wohl, mein Junge … Sagte ich Ihnen nicht, dass der Nebel dicht sein wird in den Strassen … Wünschen Sie ein Taxi? … Hole dem Herrn ein Taxi, Paul … die ganze lange Nacht habe ich Sie festgehalten, mit meiner Erzählung von Nausikaa, und Sie haben gut zugehört … Und glauben Sie, ich hätte dies getan, um hundert Franken für meine schlechte Zeichnung herauszuschinden? Weit gefehlt, mein Herr. Ich habe es getan, um Ihrer Penelope einen kleinen Dienst zu erweisen … Sie sind kein Odysseus, Sie sind ein seriöser Herr, Sie sollen seriös bleiben … Es klingt reichlich moralisch, ich weiss es. Aber glauben Sie, Ihre Frau hätte nichts gemerkt? Penelopen haben den Fehler, klug zu sein. Sie hätte es erraten, sie hätte nichts gesagt, aber sie hätte gelitten, mit einem kleinen Lächeln in den Mundwinkeln … Sie sass den ganzen Abend neben Ihnen, haben Sie das nicht bemerkt? Ich habe sie gesehen, Ihre Penelope, sie hat grosse Augen, sie ist nicht schön, ihre Freundinnen behaupten, sie hätte Kuhaugen, und vergessen, dass Juno, die grosse Göttin, bei Homer immer die Kuhäugige heisst, was sicher ein Kompliment war … Hier kommt Ihr Taxi, mein Herr, steigen Sie ein. Ich will dem Chauffeur noch sagen … Hören Sie, Jean, überfordern Sie den Herrn nicht, er ist ein Freund von mir … Wissen Sie, ich kenne alle Chauffeure hier in der Gegend …
Und nun schlafen Sie wohl, mein Herr, gehen Sie morgen Ihren Geschäften nach, bringen Sie Penelope das Bild, das ich von Ihnen gezeichnet habe … Und grüssen Sie Madame sehr ehrfürchtig von einem, der auf Nausikaa hereingefallen ist …

Friedrich Charles Glauser (* 4. Februar 1896 in Wien; † 8. Dezember 1938 in Nervi bei Genua) war ein Schweizer Schriftsteller. Er gilt als einer der ersten deutschsprachigen Krimiautoren und wurde vor allem durch seine fünf Wachtmeister-Studer-Romane bekannt.

Nausikaa (Mythologie)

Nausikaa (griechisch Ναυσικάα) ist in der griechischen Mythologie die Tochter des phaiakischen Königs Alkinoos und dessen Frau Arete.
Gemäß der Odyssee von Homer bricht Nausikaa, im Traum durch Athene dazu ermuntert, morgens mit ihren Dienerinnen zum Strand von Scheria auf und wäscht dort mit ihren Dienerinnen am Fluss in der Nähe des Strandes Wäsche. Danach essen sie und beginnen ein Ballspiel. Durch das Kreischen der Mädchen, als der Ball weit wegfliegt, wird ein Schiffbrüchiger geweckt, der in einem nahe gelegenen Gebüsch schlief. Die anderen Mädchen fürchten sich vor ihm, Nausikaa jedoch hat keine Angst. Sie gibt ihm zu essen und Kleidung. Danach weist Nausikaa ihm den Weg zum väterlichen Hof, wo der Fremde sich während des Gastmahls als Odysseus zu erkennen gibt und über seine Irrfahrten berichtet. Dichterisch nutzt Homer diese Geschehnisse auch dazu, subtil die aufkeimende Liebe eines jungen Mädchens darzustellen. Odysseus entscheidet sich jedoch dagegen, Nausikaa zu heiraten und ein sorgenfreies Leben bei den Phaiaken zu genießen, sondern lässt sich von den Phaiaken in seine Heimat Ithaka bringen.
Später unternimmt Odysseus’ Sohn Telemachos gemäß einiger Überlieferungen (z. B. Hellanikos von Lesbos) eine Reise zu den Phaiaken und verliebt sich in Nausikaa. Beide haben einen Sohn, der in einigen Quellen als Persepolis, in anderen als Ptoliporthos geführt wird. | Quelle: wikipedia