Autor: Sybille Pauli

Sybille Pauli, gebürtig aus Essen, lebt seit 8 Jahren im belgischen Antwerpen. Pauli ist überzeugter Single - der Freiheit wegen - und bereist unentwegt die Welt. Ihre Brötchen verdient sie in einer belgischen Marketingagentur. Sybille Pauli betreut fortan das Ressort "unterwegs". Sie forscht nach inspirerender Reiselektüre, hebt Schätze aus Reisetagebüchern und präsentiert spannende Texte des Reisejournalismus. Zudem werden Weltenbummler vorgestellt und fremde Kulturen beleuchtet. Sonntags erscheint dann ergänzend ihre Kolumne "Paulis Welt". Wenn Sie Fragen & Anregungen haben, dann wenden Sie sich gern an Sybille Pauli über die Mailadresse "redaktion@derblaueritter.de" mit dem Betreff "unterwegs".

unterwegs | Auf dem Golfplatz des Teufels

Die ersten Siedler, die diese Wüste betraten, riskierten dabei ihr Leben. Heute ist die Landschaft ein Touristenmagnet. Trotzdem glaubt man sich ans Ende der Welt versetzt.

Auf dem Golfplatz des Teufels

Am Weihnachtstag des Jahres 1849 lag – nach der Legende vor den ersten weißen Siedlern, die eine Abkürzung zu den Goldfeldern Kaliforniens suchten, ,ein Tal, das sie später mit den Worten „good bye, Death Valley“ verließen. Das Tal des Todes hatte ihre gesamte Ausrüstung und fast ihr Leben gekostet. Der Treck war in mehrere Gruppen zerrissen, die getrennt versuchten, der Hölle zu entrinnen. Arcane Meadows, Manley Peak, Jayhawker Canyon und viele andere Namen im Death Valley erinnern noch heute an die Familien des Zuges.

Shoshonensiedlung, 1870 | Foto: W. H. Jackson
Shoshonensiedlung, 1870 | Foto: W. H. Jackson

„20 Meilen vom letzten Feuerholz, 20 Meilen vom Wasser, 40 Fuß bis zur Hölle. Gott sei uns gnädig“, lautet ein Spruch aus der amerikanischen Pionierzeit. Namen wie Helis Gate, Dry Bone Canyon, Grave Canyon, Furnace Creek und viele andere lassen erkennen, wie trostlos und wild sich dieses Wüstental den ersten Weißen zeigte. Am „Burned Waggon Point“ verbrannten die Jayhawkers, eine der Familien des Trecks von 1849, ihre Planwagen, um das Fleisch ihres letzten Zugochsen zu braten. Dies war kein Land zum Siedeln. Trotzdem lebten hier seit etwa 1000 Jahren Shoshone-lndianer.

Death Valley | Foto: Alexandra Raddatz
Death Valley | Foto: Alexandra Raddatz

Death Valley im Osten von Kalifornien ist heute bequem im Wagen von Las Vegas (rund 200 Kilometer) oder Los Angeles (rund 340 Kilometer) zu erreichen. An den Einfahrtstraßen stehen auf den Höhenzügen Tanks mit Kühlwasser für die Autos bereit, und Hinweiszettel liegen in Kästen aus: „How to survive in Death Valley” (wie man im Tal des Todes am Leben bleibt), ein Tribut an den modernen Massentourismus, der Menschen auch in die entlegensten Gebiete führt. Die Touristensaison beginnt im Oktober und dauert bis März. Dann findet man hier offene Hotels, Campingplätze und Tankstellen. ln der Hitze des Sommers, in der nur wenige Menschen das Tal besuchen, sind die meisten dieser Einrichtungen geschlossen.

Die Straßen – eine führt von Nord nach Süd durch das insgesamt etwa 250 Kilometer lange Tal, eine andere kreuzt in Ost-West-Richtung – werden täglich von Aufsichtsbeamten der Nationalparks nach liegengebliebenen Autos kontrolliert. Trotz aller Hilfen fordert die Natur auch heute hier noch immer regelmäßig Tote, die meist dem eigenen Leichtsinn zum Opfer fallen. Es gilt: Bei einer Autopanne im Wagen bleiben. Wer sich hier im Sommer ohne Trinkwasser längere Zeit schutzlos der Sonne aussetzt, ist verloren.

Zabriskie Point | Foto: Brigitte Werner
Zabriskie Point | Foto: Brigitte Werner

Obwohl 1922 in einer Wetterstation in Libyen, Al Aziziyah, mit 58 Grad Celsius die „Weltrekordhitze“ gemessen und damit Death Valley (56,7 Grad Celsius im Jahre 1913) „geschlagen“ wurde, ist das Tal des Todes wahrscheinlich der heißeste Landstrich der Erde. Die mittlere Juli-Temperatur beträgt hier 47 Grad, die Bodentemperaturen klettern sogar über 80 Grad Celsius. Auch die Nächte bringen – im Gegensatz zu anderen Wüstengebieten der Erde – durch die spezielle Luftzirkulation in dem tiefen Tal nur wenig Abkühlung, so dass die niedrigsten Nachttemperaturen im Juli noch über 30 Grad liegen. An etwa 100 Tagen des Jahres werden Temperaturen über 38 Grad Celsius gemessen. Hier, im Regenschatten der Sierra Nevada, fallen zudem pro Jahr nur durchschnittlich fünf Zentimeter Regen. Entsprechend niedrig ist die Luftfeuchtigkeit: Selbst wer in der größten Mittagshitze im Death Valley wandert, kommt kaum ins Schwitzen.

Noch ein Rekord: Die Salzpfanne des Bad Water ist mit 86 Metern unter Meereshöhe der tiefste Punkt Nordamerikas. Die Berge dagegen, zwischen die das nur zehn bis zwanzig Kilometer breite Tal eingebettet ist, erreichen in Death Valley ihrem höchsten Punkt, dem Telescope Peak, 3367 Meter. Death Valley liegt in einem Erdbebengürtel, der sich von Feuerland im Westen des amerikanischen Kontinents bis Alaska hinaufzieht. Regelmäßig werden hier Beben registriert. Das Tal des Todes ändert so auch in diesem Erdzeitalter noch ständig sein Gesicht, wie viele der jungen Krater vulkanischen Ursprungs zeigen. Das Gesicht des Tales ist vielgestaltig: Regionen wie von einem anderen Stern mit bizarren Erosionsformen wechseln mit trostlosen Salz- und Sandwüsten ab. Feindselig jedem Leben gegenüber erscheint die Gegend um Bad Water im Süden. Große Salzpfannen überziehen hier das Land.  Ein Aussichtspunkt in den Bergen über Bad Water heißt „Dantes View“. Sah so die Hölle des Dichters aus?

Devils Golf Course | Foto: LoggaWiggler via pixabay
Devils Golf Course | Foto: LoggaWiggler via pixabay

Unmittelbar am Rande der Pfannen, bei einem Chlorid- und Sulfatgehalt des Bodens von mehreren Prozent, findet sich bereits erstes Wachstum: Salzpflanzen. Der Artenreichtum der Flora nimmt mit dem allmählichen Anstieg der Talsohle nach Norden hin zu. So stößt man bei Furnace Creek auf die ersten Mesquite-Büsche (Prosopis strombolifera), deren Bohnen die Ernährungsgrundlage der indianischen Urbevölkerung darstellten. Mit bis zu 20 Meter tiefen Wurzeln hat sich diese Pflanze dem Wüstenklima angepasst. Nördlich von Bad Water liegt der Golfplatz des Teufels, Devils Golf Course: Flaches Land, so weit der Blick in der flimmernden Hitze nach Norden reicht. Der Boden ist zerrissen, wie umgepflügt, und die Schollen sind dick mit Salzausblühungen überkrustet. Diese bizarre Landschaft wurde durch einen flachen See geschaffen, der vor etwa 2000 Jahren austrocknete.

The mating season of the tiny Salt Creek pupfish is in springtime. | National Park Service
The mating season of the tiny Salt Creek pupfish is in springtime. | National Park Service

Vor einigen tausend Jahren, während der Eiszeiten des Pleistozäns, gab es hier mehr Wasser. Man nimmt an, dass Death Valley damals über den Amargosa River mit dem System des Colorado Rivers zusammenhing. Vermutlich dieser Tatsache verdankt Death Valley eine zoologische Attraktion, ein unscheinbares, wenige Zentimeter großes Fischchen, den Pupfisch. Die Tiere, die auch im Colorado River vorkommen, haben hier endemische Rassen entwickelt, die in der Lage sind, Wassertemperaturen bis über 35 Grad Celsius und Salzgehalte, die ein Mehrfaches über dem des Meerwassers liegen, zu ertragen. Aber auch einigen anderen Tierarten gelang es, sich auf das extreme Klima einzustellen. Ohne jedes tierische Leben sind praktisch nur die Salzpfannen im Süden des Tals. Die Flucht vor der Tageshitze mit unerträglichen Bodentemperaturen ist allen Tieren gemeinsam. Nur die Heuschrecken scheinen sich auch in der Sonne wohl zu fühlen.

Kängururatte | Piet Marsfeld
Kängururatte | Piet Marsfeld

Eidechsen, Känguruhratte und Sidewinder – eine Klapperschlangenart, die sich äußerst elegant so fortbewegt, als würde sie auf einem Luftkissen über dem heißen Boden schweben – verkriechen sich tagsüber in Höhlen oder unter Steinen. Eine kleine Leguanart, der Collared Lizard (Halsbandleguan), die hier im Südwesten der USA beheimatet ist, kann Temperaturen bis zu 45 Grad Celsius ertragen. Die Tiere gehen aufrecht auf den Hinterbeinen, wenn der Wüstenboden zu heiß geworden ist. Die wenigen Vogelarten, die im Sommer im Death Valley angetroffen werden, sowie die Coyoten und die Bighornschafe suchen, wenn die Sonne höher steigt, meist in den Bergen Zuflucht.

Halsbandleguan | Foto: Susan Aken
Halsbandleguan | Foto: Susan Aken

Nur widerwillig verlassen die Tiere den schützenden Schatten. Zwei Kolkraben, die ich in den großen Dünen in der Mitte des Tals unter Mittag antraf, hatten sich, dicht aneinandergedrückt, einen winzigen Schattenfleck ausgesucht. Die Vögel, die hier ebenso vorsichtig und scheu sind wie bei uns, flogen erst ab, als ich mich ihnen auf etwa sechs Meter genähert hatte. Wer sich jedoch früh am Morgen im Tal aufhält, kann den Coyoten, der in den Erzählungen der Indianer die Rolle unseres schlauen Fuchses einnimmt, auf seinen Beutezügen beobachten oder Bighorns zur Tränke ziehen sehen.

Zabriskie | Foto: Brigitte Werner
Zabriskie | Foto: Brigitte Werner

Heute führt – wie schon anfangs gesagt – in erster Linie der Tourismus Menschen in dieses Gebiet. Ende des 19. Jahrhunderts wurde hier in mühsamer Arbeit das „weiße Gold der Wüste“, Borax, gefördert. Verfallene Boraxmühlen säumen noch heute die Straßen. Gerüchte von Goldfunden ließen in kürzester Zeit mehrere Städte aus dem Boden schießen. Die Ruinen von Rhyolite beziehungsweise das, was von dieser Ansiedlung nicht zum Aufbau neuer Boomstädte abtransportiert wurde, zeugen heute noch von einer Stadt, die in den Jahren 1905 bis 1908 bis zu 10 000 Einwohner zählte. Damals gab es hier ein Schwimmbad, zwei Krankenhäuser und eine Eisenbahn. Schon 1911 war Rhyolite jedoch eine Geisterstadt. Zahllose Geschichten kursieren noch aus dieser Zeit. Sie handeln von Gold- und Silberfunden, Abenteuern in der Wüste und vom „Twenty mule team“, dem „Zwanzig-Maulesel-Zug“, mit dem der geförderte Borax in zehn bis zwölf Tagen unter härtesten Bedingungen über 200 Kilometer durch die Wüste nach Mojave gebracht wurde. Eine der schillerndsten Figuren aus dieser Zeit, Death Valley Scotty, konnte sich sogar mitten im Tal selbst ein Denkmal setzen: Scotty’s Castle, ein Schlösschen, das heute von der Parkverwaltung betreut wird.

Boraxmühle Death Valley | Foto: Brigitte Werner
Boraxmühle Death Valley | Foto: Brigitte Werner

Etwa die Hälfte des Tales ist heute Nationalpark. Dieses Gebiet steht unter ständiger Aufsicht des Innenministeriums in Washington. Die staatlichen Richtlinien sind darauf abgestellt, die Landschaft in unverfälschter Form zu erhalten.

Sybille Pauli | Meine Sudienreise zum Rio Grande & die Schaffung von fotografierten Realitäten

Der Jaraquí ist ein Fluss wie der Apuaú, der Couieras, der Nini und hundert andere. Sie bilden zusammen den Rio Negro und sind Teil meines fotografischen Projektes über diese Region Amazoniens.
Ich sitze am Fluss und frage mich allen Ernstes, warum ich noch versuche, irgend etwas zu fotografieren. ich vergesse mein Thema, meine eigenen Vorgaben und beginne, die Kamera nahezu beiläufig zu gebrauchen, ebenso beiläufig wie das Ruder meines Einbaumes.  Ich beginne,mit meinen Bildern das zu tun, was ich im Geiste schon lange vollzogen habe.ich ergreife Partei für den Fluss, den Wald und die Menschen. Ich frage nicht mehr nach dem Warum, die Bilder kommen von alleine – aus mir heraus.

Amazona | Regenwald
Amazona | Regenwald

Fotografie ist ebenso wenig objektiv wie unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit und die ist, seien wir ehrlich, doch sehr subjektiv. Und wenn viele sich verpflichtet fühlen, in Brasilien Leid und Elend zu finden, so finde ich ohne die Probleme dieses Landes zu leugnen, eine ebenso präsente Realität, auch wenn es vielleicht nur meine Realität ist. Indem ich den Betrachter mit meinen Fotografien berühre, stärke ich Brasilien, ein Land, das wegen polarisierender Berichterstattung nur noch in Begriffen wie Armut, Elend, Karneval und Günstlingsstaat gehandelt wird. Seit Jahren finde ich in Amazonien viel von der Ruhe und Harmonie, die mir so oft abhanden kommen. Meine Fotografien sind Ausdruck dieser Sehnsucht, sichtbar gemacht in Bildern, die hoffentlich über das Zweidimensionale hinaus auch emotionale Spuren hinterlassen. Zum Teil trifft dies auf mich zu; allerdings brauche ich die dreidimensionale Atmosphäre in regelmäßigen Abständen brauche. Und wenn ich nur am Fluss sitze und mich frage, was ich hier überhaupt mache.

Heinrich von Maltzan • Meine Wallfahrt nach Mekka • Einleitung von Fritz Gansberg

Heinrich von Maltzan - Grafik von Hermann Scherenberg - 1871
Heinrich von Maltzan – Grafik von Hermann Scherenberg – 1871

1860 unternahm Heinrich von Maltzan als Muslim getarnt eine Pilgerfahrt nach Mekka. Als Tarnung diente ein Pass, den sich Maltzan durch Bestechung eines algerischen Arabers besorgt hatte. Dieses Vorgehen war notwendig, weil der Besuch der heiligen Stadt des Islam für Nichtmuslime bei Todesstrafe verboten war und ist. Nach dem Tod des offiziellen Passbesitzers veröffentlichte Maltzan 1865 einen Bericht über diese Reise. 

Heinrich von Maltzan wurde am 6. September 1826 in Dresden geboren und starb am 22. Februar 1874 in Pisa. Er war ein deutscher Forschungsreisender, Ethnograph, Sprachforscher und Reiseschriftsteller.

trennlinie2

Vorrede an die [jungen] Leser – Eine Einleitung von Fritz Gansberg

G ö t z e n d i e n s t !

[avatar user=“SybillePauli“ size=“medium“ align=“right“]Redaktion: Sybille Pauli[/avatar]

Gewiss habt ihr schon davon gehört. Gewiss kennt ihr auch aus dem Museum die fratzenhaften Gestalten, die sich die armen Wilden in ihre Tempel stellen, und denen sie mit größter Ehrfurcht nahen; sie knien davor nieder und beten sie an, sie suchen sie gnädig zu stimmen durch ein Opfer, sie bringen ihnen dampfende Speisen, die freilich der Tempeldiener nachher wegholt und anderweitig verwendet, und sie bitten sie um Hilfe in der Gefahr. Wie kann es nur Menschen in den Sinn kommen, Puppen von Holz oder Stein göttlich zu verehren? Wie können sie nur auf den Gedanken kommen, diese in bunte Lappen gewickelten Fratzen könnten ihnen helfen, ja könnten ihnen noch da helfen, wo menschliche Hilfe vollkommen unmöglich ist? Puppen sollen das Wetter machen können, sollen den durstenden Feldern Regen schicken und den Blitz vom Hause abwehren können! Puppen, die man in der Schlacht voranträgt, sollen die feindlichen Pfeile in Verwirrung bringen, sollen die Herzen der Feinde erzittern machen, sollen Krankheit und Unruhen im feindlichen Lager anstiften können! Verwundert schütteln wir den Kopf über solche Kindereien, über solchen Aberglauben. Wir wissen längst, dass sich die Natur nicht durch den Glauben und durch fromme Wünsche besiegen lässt, dass der Feind nur durch stärkere Waffen, durch geübte Truppen und durch mutiges Draufgehen in die Flucht geschlagen werden kann. Wir wissen, dass das Wetter von Naturkräften gemacht wird, die sich nicht kommandieren lassen, wissen, dass Sonnenschein und Regen nicht kommen und gehen, wie wir wollen, sondern wie sie wollen. Wir denken, dass es den Menschen wohl noch einmal gelingen wird, auf die Kräfte, die das Wetter machen, ein wenig Einfluss zu gewinnen; wir sind aber zufrieden, wenn uns heute annähernd vorausgesagt werden kann, was der morgige Tag bringen wird: Sturm oder Stille, Niederschläge oder Trockenheit. Und diese Götzen können alles – sie sind Wettermacher, Krieger, Ärzte, Propheten und Künstler in einer Person! Wie ist nur solcher Aberglaube in die Menschheit eingedrungen und hat sich dort so hartnäckig festgesetzt? Denn so leicht lassen sich die Wilden ihren Glauben nicht ausreden. Tritt zufällig das gewünschte Ereignis ein, so ist das natürlich der übermenschlichen Kraft ihres Götzen zu verdanken; tritt das Ereignis nicht ein, so ist der Götze seinem Stamme – nicht gnädig gesinnt; dass er zaubern kann, hat er ja in tausend Fällen bewiesen; er kann ihnen wohl helfen, er will es nur nicht! So bewegen sich ihre Gedanken immer im Kreise herum, und alle unsere Überredung und Belehrung ist einfach in den Wind gesprochen. Und überall bei den Wilden ist der Wunderglaube verbreitet; ja er findet sich auch noch bei den Völkern, die bereits durch ihre Einrichtungen und Erfindungen bewiesen haben, dass sie die Wege kennen, die einzig und allein zu Wundern führen, die durch Fleiß, Geschicklichkeit und Ausdauer Dinge geschaffen haben, die das Staunen der Nachbarvölker erregen, die diesen einfach als Zauber- oder Wunderdinge erscheinen müssen. Auch bei klugen und mächtigen Völkern findet sich noch Wunderglaube. Ich glaube, er findet sich auch noch bei uns. Wie ist nur der Wunderglaube in die Menschheit hineingeraten?

Mekka-view-66973_640Ein wenig finden wir diese schwierige Frage in der vorliegenden Erzählung von einer Pilgerfahrt nach Mekka beantwortet. Mekka bildet den Mittelpunkt und das größte Heiligtum für alle die vielen Millionen Menschen, die an Mohammed und an seine Lehre glauben. An einen Götzen glauben sie nicht mehr, sie glauben an einen Gott. Gott ist für sie eine Person, die allmächtig und allgegenwärtig ist, die die ganze Welt geschaffen hat und täglich und stündlich neue Wesen ins Leben ruft, die hoch über den Wolken in einer Wunderwelt thront, die aber auch in der kleinsten Hütte wohnt, und die jedes Wort kennt, ganz einerlei, ob es schon gesprochen ist oder noch in Gedanken verborgen ruht. Jede Religion ist zuerst einmal eine große Erkenntnis gewesen, ein plötzliches, gewaltsames, herrliches Verstehen dessen, was in der Natur und im Menschenherzen vor sich geht. Dieser gewaltige Gott, von dem man sich kein Bild machen kann und machen darf, gehorcht nicht wie ein Götze den Launen der Menschen, die heute gutes Wetter und morgen eine Schlacht und übermorgen einen anderen kleinen Vorteil mit seiner Hilfe erringen möchten. Er regiert die Welt nach ewigem Plan, und da gehen die Dinge ihren großen, ruhigen Gang, nicht wie der Einzelne möchte, sondern wie es der ganzen Menschheit letzten Endes zum Besten dient. Und was sind die Wünsche von heute und morgen, wenn es sich um das Glück deines ganzen Lebens handelt?! Jede glückliche Stunde deines Lebens, jeden Sonnenstrahl und leisen Windhauch dankst du dem allmächtigen Gott; aber er schickt dir auch bittere Leiden, Schmerzen und Krankheiten, um dich zu prüfen, und er lohnt dir dein treues Ausharren durch endliche ewige Seligkeit. Wie natürlich ist dieser Glaube; das ganze Leben stellt er unter die Gesetzmäßigkeit der Natur, nur der Tod schließt noch ein Wunder ein, ein Wunder, das aber auch die heidnischen Wunder in ihrer Gesamtheit aufwiegt! Und wie stark macht dieser Glaube! Die ärgsten Verfolgungen machen ihn nur immer stärker, denn – »Gott will dich ja nur prüfen!« Wie mächtig muss aber erst eine Gemeinde von Gläubigen werden, ein Volk von Gläubigen; kein Heidenvolk kann vor ihm bestehen bleiben. Die Glaubensboten wandern über hohe Berge, übers weite Meer, um die neue Lehre hinauszutragen; die große Masse der Gläubigen folgt ihnen mit dem Schwerte, um, wenn nötig, mit blutiger Strenge die Gemeinde Gottes zu vergrößern. So ist auch der Islam, die Religion der Mohammedaner, siegreich von Land zu Land vorgedrungen, um überall den Götzenglauben auszurotten, die Altäre zu stürzen und die heidnischen Tempel zu verbrennen, um überall Menschen zu erziehen, die Gutes tun, nicht um von heute bis morgen Vorteil dadurch zu gewinnen, sondern im Hinblick auf die letzte große Belohnung, die Gott den Gläubigen zuwenden wird. Fast scheint es schon, als übten diese Menschen das Gute um des Guten willen. Sie fühlen sich glücklich in der Gemeinschaft der Gläubigen, bauen herrliche Versammlungshäuser, die gegen den Alltag abschließen und schon beim Eintritt Andacht erwecken, und die Freude an den Erscheinungen in der Natur und in der Geschichte der Menschheit, die sie alle als Werke Gottes erkannt haben, führt sie zur Kunst und Wissenschaft. Aber dann beginnt auch sachte, sachte wieder der Wunderglaube. Wo kann man diesen allmächtigen Gott verehren? Sicher überall, denn er ist ja allgegenwärtig. Wo kann man ihn am besten verehren? Da, wo er zuerst geschaut wurde, wo er sich zuerst offenbarte, an der Wiege oder am Grabe des Propheten. Auch das ist so sicher, daß es keines besonderen Beweises bedarf. Wenigstens einmal im Leben sollte mithin jeder Gläubige zum Grabe des Propheten wallfahrten, einmal auch so Gott von Angesicht zu Angesicht schauen, wie es der heilige Stifter der Religion tat. Dann ist dem Gläubigen der höchste Lohn sicher, dann mag ihm auch manche böse Tat verziehen sein. So finden wir denn die Gläubigen in gewaltiger Ansammlung auf Pilgerfahrten zum Zentralheiligtum ihrer Religion. Auf solchen Pilgerfahrten aber findet der Wunderglaube tausendfältige Nahrung, hier wächst er riesengroß. Da treffen sich die Gläubigen aus allen Provinzen ihres großen Reiches; aller Augen sind auf das ferne, glänzende Ziel gerichtet, alle Erwartungen sind auf das höchste gespannt. Schon gehen von Mund zu Mund die Berichte der Wunderdinge, die dort an heiliger Stätte geschehen sein sollen: Krankheiten sind geheilt worden, Unglück ist abgewendet worden. Die Anstrengungen der Reise machen die Aufregung, die alle Pilger angesteckt hat, noch größer. Gott will es, dass wir leiden, ehe wir selig werden; darum vorwärts, verachtet die Schmerzen! Einer versucht es dem andern in der Überwindung von Leiden zuvor zu tun; ein allgemeiner Wetteifer entsteht, zu dursten, zu hungern, sich zu peinigen, und reißt alle Bedächtigen und Zweifler mit sich fort. Endlich ist der große Augenblick erschienen.

mecca-109852_640»Es war die erste Tagesdämmerung,« so wird in diesem Buche erzählt, »jene Zeit, welche nicht mehr Nacht und noch nicht Tag ist, jene Zeit, in der man nicht einen weißen Faden von einem schwarzen soll unterscheiden können. Dieses matte, rosige Licht dauerte vielleicht nur eine Minute. Aber diese Minute genügte uns, um auf dem zarten, matt gefärbten Himmelsrande eine graue Masse mit undeutlichen Umrissen sich abzeichnen zu sehen. Beim Anblick dieser grauen Masse brach auf einmal ein fürchterlicher, unaussprechlicher Jubel aus allen Kehlen los. Ein tausendfaches »Labik« begrüßte die Erscheinung. Mekka, die neunmal heilige Stadt, Mekka, in dem jeder Stein heilig ist, Mekka, in dem die Kaaba liegt, die Kaaba, das Heiligste auf Erden, die Wiege des Islam, die feste Burg Gottes auf Erden, Mekka war es, das aus allen Kehlen mit donnernden Rufen begrüßt wurde. Eine Begeisterung, wie ich sie noch nie in meinem Leben gesehen hatte, gab sich kund. Viele Pilger warfen sich auf die Erde nieder, streckten die Arme sehnsüchtig nach der schwarzen Häusermasse aus oder bedeckten den Wüstensand mit brünftigen Küssen. Die meisten weinten, schluchzten oder seufzten in lauten, gellenden Tönen.«

mecca-66985_640Aber auch die Ankunft an der heiligen Stätte lässt keine Ernüchterung aufkommen. Schon der Gedanke, an der Stätte zu weilen, vor dem Stein zu knien, vor dem Tausende vor dir gekniet haben, zu dem Millionen von Herzen täglich beten, hat etwas Verwirrendes an sich. Dazu kommt die riesige Ansammlung von Menschen, die hier für wenige Tage aus allen Richtungen zusammenfluten. Und aufs neue verstärkt sich die Aufregung, denn nun gilt es, eine Menge von religiösen Übungen auszuführen, wenn nicht die ganze Pilgerfahrt vergeblich sein soll. Und die Begeisterung der Masse reißt alle Vernunft wie in einem wilden Strom mit sich fort. In einem solchen Schwarm wütender, entzückter Menschen ist der einzelne fähig, Hunger und Durst zu vergessen, Frost und Hitze zu verachten und körperliche Leistungen zu vollbringen, über die man sich später, in Zeiten ruhiger Besinnung, einfach – wundert. Da kann auch wohl der übermächtig sich fühlende Wille im Menschen seiner Krankheit Herr werden. Solche Heilungen, die sich oft auf den Pilgerfahrten ereigneten, sind gewiß Wunder, aber sie sind – natürliche Wunder. – So sind ja auch alle großen Taten zustande gekommen, alle Eroberungen, Entdeckungen und Erfindungen: tausend Schwierigkeiten waren zu überwinden, tausendmal verzagte der Mensch, aber immer wieder trieb ihn der Gedanke vorwärts, der Gedanke an den Sieg, an den Ruhm, an das Glück! – Mit welchen Erinnerungen werden die Pilger in ihre Heimat zurückkehren! Wie wird sich dort alles, was sie an der heiligen Stätte schauten, verklären und vergolden! Und wie leicht können sich nun die wunderbaren Vorfälle, die dort schon das Entzücken der Pilger bildeten, in der Heimat ins Fabelhafte und Übernatürliche vergrößern, um nun wieder die Sehnsucht und das Verlangen, die heiligen Stätten zu betreten, in Tausenden ihrer Brüder lebendig zu machen!

mekka-minarets-15079_640Aber diese gewaltige Aufregung und Begeisterung ist nicht von Dauer. Sie kommt und geht; sie steigt an wie die Meeresflut, und sie fließt wieder zurück und macht einer großen Ernüchterung Raum. Die Menschheit erwacht aus einem glühend schönen Traum und findet sich im grauen Alltag wieder, im Alltag, der keine Wunderdinge verschenkt, der nur Treue, Fleiß und Ausdauer belohnt und auf ganz andere Weise zu Wundertaten führt – nicht durch gewaltsame Anstrengungen und unerhörte Selbstpeinigungen, sondern durch treue Beobachtung der Naturgesetze, durch fleißige Umschau bei den Meistern, und durch unermüdliches Probieren und Studieren.

Der Islam, der nicht mehr in diese Welt passt, wird alt. Seine Reiche zerfallen. Seine Kirchen sinken in Schutt und Trümmer. Seine Gläubigen werden müde, verzagt und gleichgültig. Sie träumen den alten Traum weiter, und auch der dumpfe Fall der Kirchenmauern kann sie nicht aufrütteln. Gott hat es so gewollt! »Ihr Leben war so kurz berechnet.« –

Und andere Völker übernehmen nun die Führung. Und nun fängt unter den Ruinen der Götzendienst leise wieder an. Die Leute verstehen die Pilgerfahrt nicht mehr; eine große Versammlung sollte sie sein, in der die Gläubigen aller Länder sich ihre Freuden, ihre Hoffnungen, ihre Erfahrungen mitteilen, um gestärkt im Glauben wieder zurückzukehren. Die Nachkommen wissen nichts von einer solchen Vereinigung und Verbrüderung der Gläubigen; sie sehen nur noch die toten Dinge, vor denen die Heilungen und Wunder passierten. Und solcher Heiligtümer gibt es bald eine ganze Menge. Da ist die heilige Kirche, die unzerstörbar ist und die Herzen aller Gläubigen wie ein Magnet anzieht. Da ist in einer der Wände der Kirche der schwarze Stein, der Mittelpunkt des ganzen Reiches, der ein Engel ist und seit der Erschaffung der Welt hier ruht. Da ist der heilige Brunnen, der sich niemals entleert und wenn Millionen daraus trinken, und dessen Wasser alle Krankheiten heilt. Da sind noch viele, viele Heiligtümer, die angebetet werden und von denen sich eine heilkräftige und wunderbare Wirkung erhoffen lässt. Man muss aber auch in der rechten Weise vor diesen heiligen Gegenständen seine Andacht verrichten, denn sonst helfen sie nicht; ein einziges falsches Wort kann alles verderben. Darum ist es gut, dass sich Gehilfen finden, die den Pilger in den vielen Irrwegen eines solchen Gottesdienstes zurechtweisen. Wer aber alle Worte richtig gesprochen und alle vorgeschriebenen Handlungen ausgeführt hat, dem wird auch die große Belohnung nach dem Tode zuteil. Man muss nur warten können! Und die größten Tugenden werden nun Geduld und Ergebenheit in den Willen Gottes, der doch das Leben der Menschen schon im voraus bis ins kleinste fest bestimmt hat! Was kümmern diese Glücklichen noch die kleinen Obliegenheiten und Geschäfte des Tages: So lange sich noch Essen und Trinken findet und ein leidliches Gewand, und so lange das Dach nicht einstürzt, so lange können sie sich dem ungestörten Traum von der späteren Glückseligkeit hingeben. Und die Völker, die für einige Jahrhunderte durch die feurige Kraft des neuen Glaubens lebendig geworden waren, versinken wieder in den alten Dämmerzustand, sind wieder heidnisch, treiben Götzendienst.

So mag auch in dem Götzendienst der armen Wilden einmal Sinn und Vernunft gewesen sein. Die fratzenhaften Gestalten sind vielleicht Abbilder des großen, schon längst verstorbenen Urvaters und Gründers der Gemeinde, dessen Anordnungen, Taten und Worte noch immer in aller Munde sind, dessen »Geist« noch jetzt im Dorfe umgeht. Oder sie sind die erdichteten Figuren der großen Naturkräfte, von deren Spiel und Gunst alles abhängt, der Sonne, des Meeres, der fruchtbaren Mutter Erde. So wird auch im Götzendienst im tiefsten Grunde ein schöner Sinn gelegen, ein Morgenrot der Erkenntnis geleuchtet haben; aber über die Nachkommen sank die Dämmerung des Kinderglaubens herab, und der Gottesdienst endigte in einem Possenspiel.

Gewiss, dieser kindische Aberglaube fordert unseren Spott heraus, und unser trefflicher Erzähler lässt es nicht daran fehlen. Aber wenn wir recht auf den Grund dieser Verirrungen sehen, so finden wir, daß doch überall dieselben Hoffnungen und dieselben Zweifel das menschliche Herz bewegen, bei den Wilden so gut wie bei den Menschen unserer Heimat. Und dann lernen wir auch den Götzendienst verstehen. Und alles verstehen heißt – alles verzeihen!

Bremen 1909

Fritz Gansberg

Konya – Annemarie Schwarzenbach: Winter in Vorderasien

Konya

3. Dezember 1933

Genug Licht zum Schreiben, Feuer, eine Schaffelldecke, Raki – nicht mehr braucht man und nicht weniger, wir haben es genau erfahren. Draussen liegt Schnee, im Hof des Seldschuk-Palas laufen die Truthühner mit gesträubten Kragen umher. Über den Dächern sieht man die blassrosa Kuppel einer Moschee im grauen Schneeflocken-Himmel; es ist ein bezaubernd trauriger Anblick.

Wir haben seit Ankara eine vierundzwanzigstündige Bahnfahrt hinter uns. In Eskischehir waren die Fenster der Zuckerfabrik erleuchtet, und Rauch stieg feurig aus den Schloten. Arbeiter in Pelzen standen an der Böschung, dort, wo ein Getreidesilo gebaut wird. Ein junger österreichischer Ingenieur beaufsichtigte den Bau, wir kannten ihn von Ankara, und er holte uns am Bahnhof ab. Wir sassen mit ihm in der Baracke, die sich Bufé nennt, und warteten auf den Nachtzug von Haidarpascha. Der Ingenieur sah müde und abgezehrt aus. Er erzählte die ganze Zeit, ich weiss nicht mehr was. Wahrscheinlich von seiner Frau und seinen Kindern, die er in Wien hat. Ob sich das lohnt, dachte ich – was gehen ihn schliesslich die Getreidesilos an und was Eskischehir? »Und Sie fahren also nach Osten«, sagte er, gesprächig, das Rakiglas in der Hand. »Aber ich werde mich trösten. Ich liege in einer halben Stunde in meinem Bett, während Sie noch zwölf Stunden im Zug . . . Haben Sie Schlafwagen? Aber der Zug führt ja gar keinen Schlafwagen.«

Endlich, nach einer Stunde, fuhren wir ab.

Die Fremden kennen Konya nur im Frühjahr oder im Sommer. Es ist eine alte Seldschukenhauptstadt, seiner Moscheen wegen berühmt. Auch die Kreuzritter haben Konya erobert . . .

dance-410468_1280_GuenterRuopp_DerwischeEs begann zu schneien, als wir im Kloster der Derwische waren. Wir standen in dem hohen dunklen Raum, der, unter einer der runden Kuppeln, ihre Moschee enthielt; unter der zweiten aber drehten sie sich. Sie drehten sich, den einen Arm an die Brust gelegt, den anderen ausgestreckt, in langen grünen Gewändern, das Haupt leicht zurückgeworfen, so wie ihr Meister Dschelal al-Din Rumi es sie gelehrt hat. Er dichtete dazu und besang die Sterne und das in Sehnsucht kreisende Herz der Menschen. Nun liegt er, riesig aufgebahrt, neben seinem Sohn im gleichen Raum, in der Pracht einer Grabkapelle, die der grüne Turm überwölbt, deren Wände von goldenen und farbigen Schriftzeichen bedeckt sind, deren Säulen herrlich geschmückt sich im Dunkel verlieren; unten hängen Öllampen und ziselierte Silbergefässe, man geht über alte Teppiche aus Smyrna und Kula, aus Persien und Afghanistan; aber über den mächtigen Sarkophag des Heiligen und seines Sohnes ist ein schwarzes Tuch ausgebreitet, und oben zu ihren Häupten stehen die schwarzen Turbane wie Kuppeln einer Moschee.

Die Türken treiben sonst wenig Totenkult – hier ist er ein feierliches Schrecknis. Rings um den grossen Dschelal al-Din Rumi ruhen seine Söhne in 65 Sarkophagen aus Stein und aus Marmor, mit Fayencen, köstlichen Teppichen und Geweben bedeckt.

konya museum mevlana-kloster
Konya – Museum Mevlana-Kloster

Jetzt ist es ein Museum. Man zeigte uns alles: die Bücher und die Gewänder und die herrlichen Stoffe aus Persien, die Seidenteppiche aus Brussa, die grossen, mattfarbigen aus Smyrna, die gestickten Mäntel der Jürüken, die geschnitzten Türen, die Kelims und die Gebetsstreifen. Man hätte sich vor einer gemalten Seite eines Buches vergessen können wie beim Anhören von Musik. Ja, nicht anders war die sanft auflösende und hinreissende Wirkung jener Goldranken im blauen Grund, jener Knospen in wunderbarer Verteilung, jenes Auf und Nieder, jener Verschlingung und Verteilung der Ornamentik . . . oder auch: nur Gold auf dem matten Pergament . . . Aber da, wo sich die Derwische gedreht haben, liegen helle grosse Teppiche mit weniger und einfacher dunkelgrauer Zeichnung.

Man führte uns zum Direktor des neuen Museums. Er sass in seinem Zimmer und diktierte etwas, und durch das Fenster sah man in den alten Derwischgarten. Zwischen den Beeten stehen griechische Säulen und Statuen, die meisten sind zerbrochen; jetzt lag Schnee auf ihren Schultern, und als wir wieder hinaus und in die Stadt gingen, war der ganze Hof mit Schnee bedeckt und die Strassenflucht grauweiss. Es schneite in dicken, nassen Flocken. Wir gingen in ein Bad, man führte uns durch die heissen, niederen Kuppelräume, Tücher lagen auf den Steinbänken ausgebreitet; in kleinen Nebengelassen wurden die Badenden getrocknet und massiert. Oben, über den Betten, hing die Fotografie des Ghasi; die einzige, die es gibt.

Selimiye-Moschee
Selimiye-Moschee

Es folgten alte kostbare Türen und Moschee-Eingänge, die ich auf Fotografien gesehen hatte: von Sonne beleuchtet, mit schrägen schwarzen Schatten. »Aber es schneit«, sagte ich. Kinder liefen uns nach, barfuss. Und Greise wuschen sich an kleinen Brunnen die blaugefrorenen Füsse. Wagen kamen uns entgegen, mit Säcken beladen, und auf jedem Sack lag ein wenig Schnee. Die Kutscher trugen weisse Schafpelzmützen, das Leder nach aussen, und schwangen ihre Peitschen; die Pferde liefen, was sie konnten. Als wir in einer Seitengasse standen und das Tor einer Medresse (einer alten Schule) betrachteten, fuhr eine Droschke vorüber, die Pferde trabten lautlos; unter dem schwarzen Verdeck sass eine Frau mit einem schönen, jungen Gesicht.

Zuletzt sahen wir die Moschee mit dem blassrosa Dach; der schneegraue Himmel war schon verschlossen. Dann kam gleich die Dunkelheit. Eine Winternacht in Konya. Ich bin froh, dass ich schreiben und Raki trinken kann. Aber jetzt bin ich damit fertig; wir müssen Holz im Ofen nachlegen. Die Nacht wird noch lang sein.

minaret-64783_1280_hans

5. Dezember 1933

Wir verliessen Konya um drei Uhr nachts. Es war eisig kalt; am Tag hatte es geschneit, jetzt knirschte die dünne Schneeschicht unter den Rädern des Wagens, der uns zum Bahnhof führte. Im Hotel war es so kühl gewesen, dass kein Holzfeuer genügte, um die Zimmer zu erwärmen. So sassen wir nahe am Ofen, zusammen mit einem Deutschen, den irgendwelche Geschäfte nach Konya verschlagen hatten, und tranken Raki. Von Zeit zu Zeit brachte der Rusk, der russische Hausdiener, heissen Kaffee in kleinen, henkellosen Schalen.

Dann kam die Fahrt zum Bahnhof: eine lange Allee, mit dünnen Bäumen besetzt, Schnee in den harten Radspuren – links die helle Kuppel einer Moschee, sonderbar fremdes Gebilde in der Winternacht, vor dem Bahnhof, in weissen Ledermänteln, die Kutscher, und, zerfetzt, frierend, die Hammal, die sich auf unser Gepäck stürzten. Punkt drei Uhr ging das Licht aus. Das sei so in Konya wurde uns erklärt, und die Reisenden des Taurus-Express müssten sich damit abfinden. Im Schein einer Petroleumlampe warteten wir, bis, eine halbe Stunde verspätet, der Zug einlief. Die Wagen waren überfüllt, in den Abteilen schliefen Offiziere, Matrosen, ganze Familien, Körbe mit Säuglingen schaukelten zwischen den Gepäcknetzen. Ein Hauptmann kam im Gang auf uns zu. »Ich habe Sie in Kayseri gesehen«, sagte er und nannte den Namen eines Freundes, bei dem wir oben in Anatolien zu Gast gewesen waren. Er brachte uns in seinem Abteil unter, wo ausser uns noch ein Tscheche sass, ein Ingenieur, wie sich herausstellte, unterwegs nach Mossul und Bagdad.

Gespräche gingen hin und her; wir schliefen kaum, bis die Sonne durch die beschlagenen Scheiben drang und die schnelle Dämmerung der braunen Ebene der farbigen Flut des Morgens wich. In Ulukisla standen die Bauern in Pelze gehüllt am Bahnhof; ein Soldat brachte uns Tee, eine Minute lang atmeten wir draussen die frische Gebirgsluft. Und nun lagen die weissen, glänzenden Ketten des Taurus vor uns. Wie Traumgebilde stiegen sie aus der Ebene empor, den Fuss von Nebel umwallt, die phantastischen Spitzen und Zacken gelb, rosa und schwarz leuchtend, vom Licht getroffen, das sie wie Metallspiegel zurückwarfen. Der langsame Anstieg begann; bald neben uns, bald seitlich abirrend führte die alte Taurusstrasse empor; wir sahen Reiter, Eselkarawanen, Wagen, weiter oben nur noch Hirten mit ihren grossen Schafherden. Der Ingenieur erzählte uns, dass der Taurus voller Schätze sei – die nussgrossen Edelsteine im Serail zu Stambul seien zum Teil von unbekannter Beschaffenheit und könnten weder aus dem Kaukasus und dem Ural, noch aus Südafrika stammen, sondern müssten hier in den Gebirgen des Landes ihren nunmehr vergessenen Ursprung haben . . . Dann begann er grosssprecherisch von seinen Abenteuern in allen Teilen der Welt zu erzählen – von den Räubern in Nordafrika, den heimlichen »Lasterhöhlen« Stambuls, von den Taschendieben der Levantestädte und den grossen Jägern oben in Kanada. Jetzt hatte er sich verheiratet und fuhr in den Irak, um im Petroleumgebiet zu arbeiten. »In einem Jahr werde ich meine Frau nachkommen lassen«, sagte er zuversichtlich. Sie wartete in Prag . . .

Inzwischen reihten sich die Tunnel, liessen kurze Durchblicke auf die besonnten Felsmassen; nach einem grossen Tunnel sahen wir die ersten Bäume: Föhren, vom Wind gekrümmt, spärlich auf runden Hügeln verteilt, aber ihrer wurden immer mehr, und als der Zug einigen Schleifen abwärts folgte, war es schon ein Wald. Zwei Monate hatten wir vor uns die baumlose Hochebene gehabt – jetzt konnten wir uns am dunklen Grün nicht satt sehen, der felsige Gebirgsboden tat es uns an, die Flecken grauen Flechtwerks, die hohen Wurzeln, der Blick in Schluchten, wo gefallene Stämme übereinanderlagen. Und der Blick wurde immer weiter, wir folgten dem Rand eines bewaldeten Talkessels, von der Station des Gebirgsdörfchens Hadschikiri aus sah man, durch eine ungeheure Felskluft, das Meer.

Zuerst glaubten wir uns zu täuschen: Da schimmerte etwas, ein schwarzer Spiegel, und blendete die Augen. Die Sonnenstrahlen wurden davon angezogen und sammelten sich wie ein Speerbündel an jener Stelle. Es war das Meer.

Acıgölsee Konya - Kato
Acıgölsee Konya – Kato

Im Abteil nebenan wurde die Kinderwiege heruntergeholt. Ein kleines Mädchen lief mit einem Wasserbecken und einem Rasierpinsel durch den Gang, der Vater rasierte sich, während ein dicker kleiner Junge ihm den Spiegel hielt. Die Mutter packte; Bündel, Pakete, Tonflaschen, Körbe häuften sich. Endlich, kurz vor Adana, zog der Vater die Pantoffeln aus und verlangte herrischen Tons nach seinen Schuhen. Dann war die Familie bereit, und wir fuhren in Adana ein. Unser Hauptmann verliess uns; die Familie warf die Gepäckstücke zum Fenster hinaus. Orangenverkäufer liefen schreiend den Wagen entlang. Dann erfuhr der Tscheche plötzlich, dass unser Wagen nicht mehr weiterfahre. Hammal stürzten herbei, der Umzug vollzog sich in Eile. Auf dem anderen Geleise erwarteten uns alte, europäische Wagen. Bagdat stand in gelben Buchstaben darauf. Während der Zug rangierte, liessen wir uns draussen die Schuhe putzen, kauften Wasser und gingen in der Sonne spazieren. Vorbei mit der Kälte, dem Schnee, dem Hochebenenwind. Hier war Mittelmeer; laue Luft umgab uns. Palmen und riesige Kakteen standen in den Gärten.

Der Zug füllte sich. Offiziere, Geschäftsleute, Offiziere; keine einzige Frau. Wir durchfuhren die fruchtbare Baumwollebene; wandten wir uns nach rückwärts, so sahen wir an ihrem Rand, langsam versinkend, die silbrigen Ketten des kilikischen Taurus. Noch vier Stunden trennten uns von der syrischen Grenze. Als wir gerade Eier, Brot und Orangen auspackten, erschien in unserem Abteil ein dunkelhaariger Bursche in genagelten Skistiefeln und Knickerbockers. Er legte die Hand an die Mütze, setzte sich dann und nahm die Mütze ab. »Sprechen Sie Spanisch?« fragte er, »Rusk, Hebräisch?«

Mausoleum Mevlana - Konya
Mausoleum Mevlana – Konya

Wir schüttelten die Köpfe. »Sprich Spanisch«, sagten wir, worauf er uns in einem Kauderwelsch französischer, italienischer und spanischer Brocken auseinandersetzte, dass er nach Syrien wolle, während sein Pass, wie wir feststellten, ein Transitvisum über Syrien und Irak nach Persien aufwies. »Nach Beirut«, erklärte der Junge, »von dort Palästina« – dabei legte er den Finger an den Mund. Wir riefen unseren Tschechen, der sich mit dem Jungen auf serbisch verständigen konnte. Er war spanischer Jude, hatte einen jugoslawischen Pass und wollte nach Palästina. Als Jude hatte er aber kein Visum für Syrien bekommen – nach Palästina wollte er sich ohnedies auf illegalem Wege über Beirut einschmuggeln –, und ein Freund in Stambul hatte ihm geraten, sich das Transitvisum für Persien zu verschaffen, um dann irgendwie in Syrien den Zug zu verlassen. »Es war ein schlechter Rat«, sagten wir ihm, »man wird dich zurückschicken.« Er hörte aufmerksam, wortlos zu, dachte lang nach und begann dann mit plötzlicher Heftigkeit zu erklären. Er habe neun englische Pfund, sagte er, wir sollten dem Passbeamten sagen, dass er keinesfalls nach Persien könne, nur nach Beirut zu seinem Konsul oder in eine Hafenstadt, Iskenderun zum Beispiel; dann wolle er sich weiterhelfen.

Wir hielten an der Grenze. Fevzipascha. Wir befanden uns wieder im Gebirge, es wurde kalt, die Dunkelheit brach unerwartet ein. Wir sahen die Lichter von Militärbaracken, Offiziere standen auf den Geleisen und umarmten Kameraden, die in unseren Zug stiegen – wir erfuhren, dass sie nach Persien als Instruktore versetzt worden waren. Passbeamte standen in den Gängen; draussen bettelte ein halbnackter Junge, wir reichten ihm ein Brot heraus, worauf er es unter den Arm presste und wie ein Tier in der Dunkelheit verschwand.

Dann läutete die Glocke, die Offiziere standen stumm grüssend an den Fenstern, der Zug setzte sich in Bewegung.

Der junge Jude erschien wieder unter der Türe, gefolgt von einem französischen Passbeamten. Wir erklärten ihm, so gut es ging, die Situation. »Unmöglich«, sagte der Beamte wütend, »ich kenne die Burschen, zwanzig sind schon auf diese Weise nach Palästina gelangt.«

»Aber was wollen Sie mit ihm tun?«

»Wir werden ihn zwingen, ein Billet nach Mossul zu lösen, oder er wird mit Gendarmen nach Stambul zurückgeschickt.«

Der Junge folgte mit gierigem Ernst dem Gespräch.

Stadtansicht Zitatelle - Aleppo
Stadtansicht Zitatelle – Aleppo

»Sie wissen, dass er nicht nach Persien will«, sagten wir, »er hat dafür auch nicht genug Geld. Man wird ihn gar nicht hereinlassen, denn dafür müsste er fünfzig englische Pfund vorweisen.«

Es war nichts zu machen. Der Junge wollte nicht nach Stambul zurück. Kurz vor Aleppo hielt der Zug, die Offiziere stiegen aus; auf dem Nebengeleise wartete der Wagen nach Terschuan. Wir verabschiedeten uns von unserem Ingenieur. Dann sahen wir, wie ein Beamter den kleinen »Hebreux« in einen Wagen dritter Klasse schob und seinen Pass einem Offizier reichte. »Geben Sie auf ihn acht«, rief er, »er muss transit nach Persien . . .« Schreien, Rufen; Pfiffe und Glockenzeichen. Langsam glitten die Wagen aneinander vorbei. Hinter uns blieben die Waldgebirge, Kilikien, der schneebedeckte Taurus. Nachtkälte drang durch die Fenster, im Gang standen die Franzosen, von Zigarettenrauch eingehüllt. Um halb zehn Uhr abends erreichten wir Aleppo.