Autor: Peter Jensen

Dr. Peter Jensen studierte im westfälischen Münster Psychologie. Seit 2008 lebt und arbeitet er - nach der Hochzeit mit einer Norwegerin - er in Bergen, Kongeriket Norge. Bis zu seiner Auswanderung arbeitete Jensen in verschiedenen Krankenhäusern. In Norwegen ließ er sich zusätzlich zum Heilpraktiker ausbilden und ist mit reiner eigenen Praxis selbstständig. Sein Schwerpunkt: der Zusammenhang von Ernährung und Psyche. Derzeit arbeitet Dr. Jensen an einem Buch zum Thema Körpertherapie. In seinen Beiträgen im Magazin widmet er sich den Themen Geist & Seele.

Von sensitivem Beziehungswahn & Selbstbefriedigung

Wahnvorstellungen auf Grund sexueller Konflikte bei „sensitiven Psychopathen“ — das sind besonders gefühlszarte, schüchterne und leicht verletzbare Kranke, die ihre Trieb- und  Gewissenskonflikte in sich selbst austragen.

Eine der häufigsten Formen ist der, Masturbanten-Wahn“: Menschen, die sich wegen häufiger Selbstbefriedigung Gewissensbisse machen oder sich schämen, bilden sich ein, dass man ihnen ihr Laster von der Stirn ablesen kann“. Deshalb beziehen sie Blicke und Äußerungen ihrer Umgebung auf sich und meinen, dass alle Welt sie wegen ihrer Schwäche kritisiert, verachtet, verhöhnt. Der Ausbruch des Wahns wird meist durch ein äußeres Erlebnis ausgelöst, bei dem sie sich auf besondere Weise bloßgestellt fühlen. So machte der unter Onanieskrupeln leidende Lokomotivführer Wilhelm eines Tages seiner Schwägerin einen „unsittlichen Antrag“. Er hatte zufällige Berührungen von ihr als absichtliche Herausforderung zu einem Verhältnis missverstanden. Obwohl die Schwägerin versprach, ihrem Mann nichts zu sagen, schloss Wilhelm aus einer völlig anders gemeinten Äußerung seines Bruders, dass dieser im Bilde sei. Von da an fühlte der Lokführer sich ständig belauscht. Eines Tages bildete er sich ein, dass sein Heizer immer wieder halblaut das Wort „Wichser“ vor sich hinmurmelte. B. stürzte sich auf den Kollegen und schrie: „Ich werde dir zeigen, was ich bin!“

Ein typischer Anlass für sensitiven Beziehungswahn ist die verspätete Erotik älterer Mädchen. Nach einem angeregten Abend in ihrem Ferienort bat die 40-jährige Musiklehrerin Emilie R.  einen anderen Feriengast, sie nach Hause zu begleiten. Als der Herr sich vor ihrer Haustür verabschieden wollte, hielt sie seine Hand fest und bat ihn, sie durch den dunklen Hausflur zu führen, weil sie sich fürchte.
Es geschah sonst nichts; aber von diesem Augenblick an litt Emilie R. unter der Wahnvorstellung, ihr Begleiter hätte allen Leuten erzählt, wie leicht sie zu haben sei. Sie getraute sich nicht mehr auf die Straße, weil sie sich einbildete, alle Menschen zeigten mit dem Finger auf sie oder riefen ihr Schimpfworte nach wie „schlechtes Frauenzimmer“ und „bigotte Person“.

Illustration Lou Anna
Illustration Lou Anna

Sensitiver Beziehungswahn kommt verhältnismäßig selten vor. Aber die Verhaltensstörungen und Konflikte, die bei ihm mitwirken, sind auch bei gesunden Menschen zu beobachten und komplizieren ihr Liebesleben. Als ein besonders hervorstechendes Manko nannte der Tübinger Psychiater Professor Ernst Kretschmer (1888—1964) die „Instinktlosigkeit gegenüber erotischen Signalen“. In seinem Werk „Der sensitive Beziehungswahn“ (1927) schrieb Kretschmer: „Das scheinbar unbegreifliche Pech mancher Menschen in der Liebe beruht in Wirklichkeit darauf, dass sie  erotische Ausdruckssignale beständig missverstehen.  Mit „erotischen Signalen“ meint Kretschmer die fast unmerklichen Nuancen des
Mienenspiels, des Stimmklangs und der kleinen, halb unwillkürlichen symbolischen Gesten, die bei der Vermittlung des erotischen Kontakts eine wichtigere Rolle spielen als Worte und bewusste Gesten. Bei sexuell gehemmten Menschen funktioniert diese unterschwellige Verständigung nicht.
Sobald sie sich für einen anderen Menschen erotisch interessieren, gerät ihr erotisches Wunschdenken in Konflikt mit ihrem Minderwertigkeitsgefühl oder ihren moralischen Hemmungen. Einen Blick, der dem ihren zufällig begegnet, eine aufgeschnappte Bemerkung beziehen sie auf sich. Ihr Wunschdenken suggeriert ihnen, dass sich der andere für sie interessiert; ihr Minderwertigkeitsgefühl stellt das in Frage. So kommt es, dass sie auch erotische Signale, die wirklich an ihre Adresse gerichtet sind, nicht verwerten können.

Ungehemmte Menschen beseitigen solche Zweifel durch Flirt.
Der gehemmte Mensch dagegen versteht diese Signale nicht.

So weiß auch der durchaus geneigte Partner nicht, woran er mit ihm  oder ihr ist. Auch das uralte Blumenorakel „Sie liebt mich, sie liebt mich nicht“ hilft dem Gehemmten nicht über seine Beziehungszweifel hinweg.
Bei heftiger, leider aber einseitiger Verliebtheit kann ein solcher Beziehungsirrtum auch erotisch erfahrenen Leuten passieren und Formen annehmen, die dem Krankheitsbild des erotischen Beziehungswahns nahe kommen. Man will einfach nicht wahrhaben, dass man keine Chance hat, und liest dann auch aus dem entschiedensten „Nein“ ein „Vielleicht“ heraus oder sogar ein verschämtes „Ja“.

Lebensfragen | Meine Beziehungen

Nehmen wir an: das Leben selbst ist es, das uns die wichtigen Fragen stellt. Wir sind also die vom Leben Befragten und antworten diesem unserem Leben, dass wir zu ver-antworten haben. Nehmen wir weiter an, dass sich diese Lebensfragen nur im Handeln aufrichtig beantworten lassen. So erfolgt ihre Beantwortung also in der Ver-antwort-ung unseres Daseins: Verantwortung übernehmen und unserem Leben Sinn geben. [Der Psychiater Viktor Frankl hat mich zu dieser Erkenntnis gebracht.] Im Alltagslärm gehen diese Fragen immer mal wieder unter; daher werfen wir in loser Folge einige dieser in den Raum. Als Erinnerung oder akustischer Verstärker.
Die nachfolgenden Beziehungsfragen stehen nicht nur für die intimen in Ihrem Leben.

Fragen an die Partnerin bzw. den Partner:

Wie ist Dein Idealbild für unsere Beziehung?
Was wünschst Du Dir konkret von mir?
Wie kann ich Dir zeigen, dass Du mir wichtig bist?
Was brauchst Du von mir &  grundsätzlich, um Dich mit mir wohl zu fühlen?
Stelle mir bitte die selben Fragen.

Fragen an sich selbst:

Welchen Stellenwert gebe ich Beziehungen allgemein und dieser konkret?
Was bin ich bereit zu investieren?
Kann ich verständlich kommunizieren?
Wie drücke ich meine Gefühle aus? Kommt das an?
Bin ich klar in meinen Zielen?
Gibt es Zielkonflikte, die negativen Einfluss auf diese Beziehung haben?
Bin ich empathisch? Wie kann ich meine Fähigkeiten stärken?

Lebensfragen | Wenn Mann über Frau nachdenkt

Nehmen wir an: das Leben selbst ist es, das uns die wichtigen Fragen stellt. Wir sind also die vom Leben Befragten und antworten diesem unserem Leben, dass wir zu ver-antworten haben. Nehmen wir weiter an, dass sich diese Lebensfragen nur im Handeln aufrichtig beantworten lassen. So erfolgt ihre Beantwortung also in der Ver-antwort-ung unseres Daseins: Verantwortung übernehmen und unserem Leben Sinn geben. [Der Psychiater Viktor Frankl hat mich zu dieser Erkenntnis gebracht.]

Im Alltagslärm gehen diese Fragen immer mal wieder unter; daher werfen wir in loser Folge einige dieser in den Raum. Als Erinnerung oder akustischer Verstärker.

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Haben Sie Mitgefühl mit Frauen, allgemein und im Besonderen?

Wie drückt sich das aus?

Was empfinden Sie, wenn Sie eine Frau berühren?

Wie denken Sie über Männer?
a) wenn Sie Nachfolger sind
b) wenn Sie Vorgänger sind
c) wenn sie und ein anderer Mann eine Frau gleichzeitig lieben
d) ganz allgemein
e) von sich selbst in diesem Kontext

Wenn eine Frau sagt, dass sie erregt sei: glauben Sie, dass sei Ihr Verdienst?

Wenn eine Frau sagt, dass sie sich frei fühle: glauben Sie, dass sei Ihr Verdienst?

Haben Sie Ihre Lebensgefährtin gewählt oder wurden Sie ausgewählt? Wie geht es Ihnen damit?

Wenn Sie nach längerer Zeit eine ehemalige Partnerin wiedertreffen, denken Sie dann darüber nach, was sie an ihr jemals gefunden haben? Gibt es Parallelen zu anderen Verflossenen?

Wissen Sie, wodurch Sie die Liebe einer Frau gewinnen? Und wissen Sie, wie diese zu erhalten ist? Handeln Sie entsprechen? Warum (nicht)?

Würden Sie sich kastrieren lassen? Warum?

Was lernen Sie aus ihren (vergangenen) Liebesbeziehungen?

Von was lassen Sie sich bei einer Frau verführen?
a) Mütterlichkeit/Fürsorglichkeit
b) das Gefühl bewundert zu sein
c) das äußere Erscheinungsbild
d) das Gefühl, überlegen zu sein
e) Angst
f) Alkohol
g) rhetorische Stärke
h) ihr extrovertiert/introvertiert sein

Wer ist verantwortlich und wofür?

Möchten Sie Ihre Frau sein? Mit Ihnen als Partner?

Woher beziehen Sie Ihr Wissen über intime Beziehungen? Aus den Gesprächen mit einem Mann? Einer Frau? Was überwiegt? Warum?

Möchten Sie von einer Frau ausgehalten werden?

Können Sie sich eine Welt vorstellen in der Frauen dominieren? Möchten Sie so eine Weltordnung?

Was trauen Sie einer Frau nicht zu? Und Ihrer Frau?

Welche Erwartungen haben Sie an eine Frau?

Ist Ihnen bewusst, was Frauen von Ihnen erwarten? Was Ihre Partnerin von Ihnen erwartet? Wie gehen Sie damit um?

Was bewundern Sie an Frauen?

Was neiden Sie den Frauen?

Müssen Sie eine Frau verstehen, um mit ihr umgehen zu können?

Wann fühlen Sie sich einer Frau nahe? Wann sind Sie einer Frau nahe?

Wären Sie für eine Welt ohne Frauen? Was sollte stattdessen sein?

Wie empfinden Sie für Ihre Mutter?

Wie empfinden Sie für Ihre Tochter bzw. Töchter?

Was würden Sie jetzt gern machen?

Peter Jensen | Über unsere falschen Vorstellungen von Erlebnissen

Wo vorher nicht war, herrscht jetzt ein Begriff | Über falsche Vorstellungen. die wir uns von Erlebnissen machen.
Wir haben weniger Erlebnisse, als wir meinen. Wenn wir Erlebnis wie folgt definieren: dass ein Geschehen von jemandem in einer bestimmten Weise als beeindruckend empfunden wird.

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Scan: Oberholster Venita

Fragt man die Leute: Was ist Dein größtes Erlebnis?, so geraten sehr viele – die keine Kriegserlebnisse in sich tragen – in eine Art Verlegenheit. Entweder schieben sie die einfachen Dinge mit den einfachen Namen ein: Tod, Geburt, die Stellen, an denen das biologische Brett durch das Daunenkissen des Alltags sticht, oder es kommen – ganz umgekehrt – winzige Details zum Vorschein, in ihren Einzelheiten rätselhaft fixierte Nichtigkeiten.
Es regnet auf die Dächer von Venedig, ein grüner Baum steht mit roten Beeren verziert an einer Wegkehre, im Kindergarten hat einer einen runden Reifen senkrecht zwischen zwei Sitzbänke geklemmt und fühlt sich dahinterstehend als Graf Zeppelin. Das Erlebnis wird gemessen an einer Memoriearbeit, die völlig irrational ist. Jede Person lässt sich als ein Gefüge von Punkten und Rastern denken, die, auf die Unendlichkeit der Welt gelegt, mit den Figuren der Welt nur da und dort zur Deckung kommt und an ein paar seltenen Stellen gleichsam Moiré-Strukturen wie beim Clicheur ergibt; diese Moiré-Strukturen sind die Erlebnisse. Sind es Punkte, an denen man seine Identität entdeckt, sich als definiert begreift, das heißt: sich endlich als objektive Singularität erkennt?

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Moiré-Effekt bei Überlagerung zweier Punktmuster gleicher Teilung, gegeneinander verdreht

Man kann auch ein anderes Spiel treiben: Statt sich zu fragen, welches Erlebnisse gewesen seien, fragt man einander, was man am liebsten getan hätte. Man nimmt die Geschichte als einen Katalog erstaunlicher Taten, wählt daraus aus. Man darf kein Schicksal und keine Biografie wählen, sondern ein Werk. Es gilt also nicht zu sagen: Ich wäre gern Rubens oder Alexander der Große oder Helmut Schmidt gewesen; aber man darf sagen: Ich hätte gern Cosi fan tutte geschrieben oder den Eiffelturm gebaut.

Auch bei diesem Spiel sieht man die Leute zögern; fürchten sie, geheime Absichten bekannt zu haben? Oder versuchen in Windeseile alle Konsequenzen abzuwägen? Ich habe auch erst zu fragen begonnen, als ich mir meine eigene Variante ausgedacht hatte: Ich hätte gern das metrische System erfunden. Es muss eine rare Genugtuung gewesen sein, die Dimensionen der Länge, des Raumes und des Gewichtes in eine Konkordanz gebracht zu haben. Ich erinnere mich an das Vergnügen, das ich empfand, als ich in einem Laboratorium sah, wie die Laboranten des Ausdruck cc (cubic centimeter) verwendeten, obwohl er in ihrem anderen Maßsystem Importware war. So in sich überzeugend ist die völlig künstliche Ordnung des metrischen Systems – man bedauert fast, dass sie nicht auch auf die Dimensionen der Zeit und des Winkels angewendet wurde.

Der Reiz, das metrische System erfunden zu haben, läge darin, Urheber einer Ordnung zu sein, einer Ordnung höheren Ranges, die bisher unabhängige Größen in Relation bringt. Materiell ereignet sich nichts in der Welt, weder werden die Tische höher noch die Birnen schwerer; nur die Einsicht macht einen Sprung. Es wird eine Lücke überdeckt, es wird eine Kette geschlossen; wo vorher nichts war, herrscht jetzt ein Begriff.

Fragebogen | Die Vertreibung aus dem Schoß

Manchmal stelle ich mir die Situation vor, in der ich gezeugt wurde. Mich interessiert dabei in keinster Weise der Akt an sich. Sondern:

Waren meine Eltern, meine Erzeuger optimistisch ?
War es ein Akt der Versöhnung?
Versuchte meine Mutter die voreheliche Beziehung zu retten?
War es ein Unfall oder Absicht?
Fand der Akt aus Mangel an Alternativen, wie Kino, statt?
Hatten meine Eltern über Sex vor der Ehe gesprochen?
Gab es Zeugen?
War Angst im Spiel?

Dann überlege ich, wie es mit meinen Kindern war und bin erstaunt über einige Parallelen und vermeintlich absichtliche Gegensätze.

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Foto: cocoparisienne via pixabay

Den Aufhänger zu dieser Frage fand ich bei Roger Willemsen „Nur zur Ansicht“ [isbn: 978-3-596-17523-9]. Ein Buch mit vielen guten Fragestellungen.

Peter Jensen über Mann-Frau-Gespräche, Sex und dem Herz auf der Zunge

Eine Fragestellung aus meiner Praxis:

[avatar user=“PeterJensen“ size=“thumbnail“ align=“right“ link=“http://derblaueritter.de/peter-jensen/“]Dr. Peter Jensen[/avatar]

Ich trage, wie man so schön sagt, mein Herz auf der Zunge. Kürzlich habe ich einen Mann kennengelernt. Wir verstehen uns sehr gut; allerdings meint er, derzeit nicht bereit für eine Beziehung zu sein. Aber: den Sex mit mir möchte er nicht missen. Zudem betont er, wie sehr er meine Offenheit schätzt.
Nun zu meiner Frage: mache ich mich uninteressant bei ihm, wenn ich alles von mir preisgebe? Es fällt mir wirklich schwer, mein Seelenleben für mich zu behalten, das bin einfach nicht ich. Aber ich möchte es mir mit ihm auch nicht verscherzen. Er wäre genau mein Typ und so langsam kommen nicht nur lüsterne sondern auch tiefere Gefühle hinzu. Wie verhalte ich mich, wenn ich doch mehr als nur eine Bettgeschichte von ihm möchte?

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Zu dieser Thematik möchte ich zweierlei Antworten geben: Zunächst die geschätzte Offenheit. Wenn dieser Ausspruch in geschildertem Kontext fällt, dann heißt dies in der Übersetzung Mann-Frau // Frau-Mann:

Ich finde es wunderbar, dass wir Sex haben, ohne mich ernsthaft und verbindlich mit Dir auseinandersetzen zu müssen.

Wenn Sie also mehr als eine Bettgeschichte mit diesem Männlein haben möchten, wäre jetzt der ideale Zeitpunkt die Beine in die Hand zu nehmen und das Weite zu suchen. Das mit einer Beziehung über die Bettkante hinaus wird nichts. Wenn sie daran festhalten, werden Sie vielleicht noch einige schöne Schäferstündchen haben, aber auch ein Herz mit offener Wunde.

Männer sind in der Regel eher deutlich in ihrer Kommunikation. Wenn sie sich äußern. Hören Sie also, dass eine Beziehung kein Thema ist, Sex aber schon, dann bedeutet es das: eine Beziehung kein Thema ist, Sex aber schon.
Hören Sie auf, Dinge da hinein zu interpretieren, die nicht vorhanden sind! Das ist eine sehr dumme und für beide Seiten unangenehme Angewohnheit von Frauen.

Foto: nicholasrobb1989 / pixabay
Foto: nicholasrobb1989 / pixabay

Wenn Sie nun den Mund halten und eine Bettgeschichtenbeziehung pflegen, die sie eigentlich so nicht haben wollen, dann machen Sie es dem Manne sehr einfach. Denn alles was er im Moment haben möchte ist eine Frau, die im Bett mit ihm Geschichten schreibt und ansonsten den Mund hält. Zumindest solange, wie dieser fürs Reden gebraucht wird, wenn es um andere orale Praktiken geht wird mehr Interesse vorhanden sein, so könnte ich mir vorstellen. Aber das ist ein anderes Thema.

Generell möchte ich noch anführen, dass ein Herz auf der Zunge oft sehr angenehm ist; geradezu erfrischend bei der ganzen Taktiererei im Beziehungswahn. Es überfordert allerdings auch schnell, wenn Sie an den falschen Partner geraten. Denn der Umgang damit, nämlich zu filtern, ist nicht ganz so einfach, wenn dabei Emotionen im Spiel sind. Bei der Partnerwahl ist der Blick auf die Filtertechnik des Wunsch-Lebensgefährten also ganz sinnvoll.

Jürgen Brater: Lexikon der rätselhaften Körpervorgänge • Von Alkoholrausch bis Zähneknirschen

Jürgen Brater: Lexikon der rätselhaften Körpervorgänge  
Von Alkoholrausch bis Zähneknirschen

Dr. Jürgen Brater- c  Eichborn Verlag
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Warum wir rot werden, wissen wir ja meist. Aber was genau geht da vor sich? Unser Körper gibt uns täglich viele solcher kleinen und großen Rätsel auf: Morgens haben wir »Sand in den Augen«, vormittags knurrt uns vor Hunger der Magen, nach dem Mittagessen leiden wir unter bleierner Müdigkeit, nachmittags macht uns ein Kaffee plötzlich wieder putzmunter, abends im Konzert müssen wir zwanghaft an der leisesten Stelle husten, beim Einschlafen bemerken wir ein unkontrolliertes Muskelzucken und kaum schlafen wir endlich, beschwert sich der Partner über unser Schnarchen. Das Lexikon der rätselhaften Körpervorgänge erklärt in verständlicher und lockerer Weise, aber mit medizinischer Kompetenz, was hinter den ganzen Rätseln steckt – vom peinlichen Furz bis zum angenehmen Geschmackserlebnis und vom bedrohlichen Ohnmachtsanfall bis zum aufregenden Verliebtheitsgefühl.

Rezension

Manches, was in diesem Buch aufgeführt ist, wäre genauso gut in im „Buch des nutzlosen Wissens“ besser aufgehoben. Dazu zählt die z.B. die Angabe, dass wir beim Atmen nicht beide Nasenlöcher gleichzeitig benutzen, sondern mal das linke und mal das rechte – und das ganz unbewusst. Eine solche Information ist entbehrlich, dafür wenigstens amüsant und überraschend – oder?
In seiner unterhaltsamen Mischung liegt die Stärke des Buches. Mal erklärt Autor Dr. Jürgen Brater sachlich, kurz und verständlich medizinisches Grundwissen: Was beim passiert Asthma? – oder – Haben sterilisierte Männer noch einen Samenerguss? Andere Lemma nutzt der studierte Mediziner und Zahnmediziner, um offene Rätsel aufzuzeigen: So konnte trotz umfangreicher Forschung bis heute nicht geklärt werden, warum manche Menschen bei Zugluft einen steifen Hals bekommen. Nebenbei werden Ergebnisse aktueller medizinischer Studien vorgestellt: Danach haben Ärzte einer amerikanischen Augenklinik herausgefunden, dass Babys, die nachts im Hellen schlafen, später besonders häufig kurzsichtig werden. Und: ein Team Hawaiianischen Medizinern, das 20 Jahre lang rund 3500 Männer zwischen 71 und 93 Jahren untersuchte, stellte überraschend fest: Männer mit hohem Cholesterinspiegel leben am längsten. Leider vermeidet es der Autor darauf einzugehen, wie umstritten diese Resultate sind.
Dr. Jürgen Brater klärt uns auch über folgende Fakten auf: Wir erfahren dass Bier nicht dick macht – sondern die Brezel dazu. Dass es keinen bösen Blick gibt und warum man immer denkt, man stünde in der langsameren Schlange beim Einkauf. Dass man im Konzert nur hustet, wenn es nicht gut ist, und dass Naseputzen bei Schnupfen sehr ungesund ist. Oder auch, dass weder Masturbieren noch zu nah vor dem Fernseher Sitzen schädlich ist.

Mein Fazit

Das Buch ist kein Lexikon zum Nachschlagen, dafür fehlt es an Systematik und Vollständigkeit- es fehlt z.B. ein Schlagwortregister. Aber zum vergnüglichen Konsum zwischendurch eignet es sich vorzüglich.

Der Autor

Dr. Jürgen Brater, 1948 in Ostfriesland geboren, schloss 1972 das Studium der Medizin und Zahnmedizin an der Universität Erlangen mit Promotion ab. 1976 ließ er sich in eigener Zahnarztpraxis in Aalen nieder. Seit 2003 ist er darüber hinaus als Biologielehrer an einem Abend-Gymnasium und erfolgreicher Autor zahlreicher Bücher tätig. Er lebt mit seiner Familie in Aalen.


Jürgen Brater – Lexikon der rätselhaften Körpervorgänge
Von Alkoholrausch bis Zähneknirschen
Eichborn | 2002-02-01 | ISBN: 3821839163 | 497 Seiten|

Ralph Waldo Emerson – Warum wir Vorbilder haben – Essay

Der Wert und die Bedeutung großer Menschen

Ralph Waldo Emerson - 1803 bis 1882
Ralph Waldo Emerson – 1803 bis 1882

Der Glaube an große Menschen ist uns angeboren. Wenn die Gespielen unserer Kindheit sich plötzlich als Helden und ihr Stand sich als königlich offenbaren würden, es würde uns nicht überraschen. Alle Mythologie beginnt mit Halbgöttern, alles was sie umgiebt ist von Hoheit und Poesie erfüllt; weil alles von ihrem Genius beherrscht wird. In den Legenden der Gautama aßen die ersten Menschen die Erde und fanden sie von köstlicher Süße.

Die Natur scheint für die Vorzüglichen da zu sein. Die Welt wird durch die Wahrhaftigkeit guter Menschen erhalten: sie sind es, die die Erde gesund und heilsam machen. Alle, die mit ihnen lebten, fanden das Leben froh und nahrhaft. Nur durch unseren Glauben an die Gemeinschaft mit solchen Menschen wird das Leben süß und durch sie erträglich; und wir richten es stets so ein, daß wir wirklich oder im Geiste mit denen leben, die größer sind als wir. Wir nennen unsere Kinder und Länder nach ihren Namen. Ihre Namen sind in die Worte der Sprache verwoben, ihre Werke und Abbilder sind in unseren Häusern, und jedes Ereignis des Tages ruft eine Anekdote aus ihrem Leben ins Gedächtnis.
Die Suche nach großen Menschen ist der Traum der Jugend und die ernsteste Aufgabe des Mannesalters. Wir reisen nach fernen Landen, um ihre Werke zu finden, wenn möglich einen Blick auf sie zu erhaschen. Aber statt dessen werden wir mit gewöhnlichen Glücksgütern abgespeist. Man sagt, die Engländer seien praktisch, die Deutschen gastfreundlich; in Valencia sei das Klima zum Entzücken, und in den Bergen von Sacramento gäbe es Gold für den, der es sucht. Ja, aber ich reise nicht, um bequeme, reiche und gastfreundliche Leute, oder einen klaren Himmel, oder Barren, die mehr kosten, als sie wert sind, zu finden. Doch wenn es einen Magnet gäbe, der nach den Ländern und Häusern wiese, in denen die Menschen leben, die innerlich reich und mächtig sind, ja dann würde ich alles, was ich habe, verkaufen und mich heute noch auf den Weg machen.
Die ganze Rasse lebt vom Kredit dieser einzelnen. Der Umstand, daß der Mann in der Stadt lebt, der die Eisenbahn erfunden, hebt das Ansehen aller Bürger. Und die bevölkertsten Länder, denen solcher Reichtum fehlt, sind ekel wie belebter Käse, wie Ameisenhaufen oder Flöhe, – je mehr, desto ärger.

Unsere Religion ist nichts als die Liebe und der Kultus dieser Schutzheiligen. Die Götter der Fabel sind die leuchtenden Augenblicke aus dem Leben großer Menschen. Wir alle gießen unsere Gefäße nach einer Form. Unsere ungeheueren Gotteslehren, unser Judaismus, Christismus, Buddhismus, Mahometismus, sie sind die notwendigen Resultate der architektonischen Arbeit des Menschengeistes. Der Geschichtsforscher gleicht einem Mann, der in ein Warenhaus eintritt, um Tücher oder Fußteppiche zu kaufen. Er bildet sich ein, er habe einen neuen Artikel bekommen. Wenn er in die Werkstätte blicken würde, würde er entdecken, daß sein neuer Stoff dieselben Schnörkel und Rosetten trägt, die sich schon auf den Innenwänden der Pyramiden von Theben finden. Unser Deismus ist nur die geläuterte Idee des menschlichen Geistes selbst. Der Mensch kann nichts anderes malen, schaffen, denken, als den Menschen. Er muß glauben, daß alle die großen, materiellen Elemente aus seinem Geiste den Ursprung nehmen. Und unsere Philosophie findet stets nur ein Grundwesen, sei es geeint oder verteilt.

Edward Lear - Thebes - Google Art Project Edward Lear - ZgE4LL1pJVXz3A at Google Cultural Institute
Edward Lear – Thebes – Google Art Project – ZgE4LL1pJVXz3A at Google Cultural Institute

Wenn wir nun daran gehen, die Dienste zu untersuchen, welche wir von anderen überhaupt empfangen können, so müssen wir uns vor allem vor den Gefahren der modernen Philosophie hüten und ganz unten anfangen. Wir dürfen nicht gegen die Liebe ankämpfen und nicht die substantielle Existenz der anderen Menschen überhaupt leugnen. Ich weiß nicht, was uns sonst zustoßen könnte. Ein guter Teil unserer Stärke ist eine sociale. Unsere Neigung für andere schafft eine Art von Vorteil oder Erwerb, den nichts ersetzen kann. Ich kann manches durch einen anderen thun, was ich nicht selbst thun kann. Ich kann einem anderen Dinge sagen, die ich vorher mir selbst nicht hätte sagen können. Andere Menschen sind die Linsen, durch welche wir in unserem eigenen Geiste lesen. Jeder Mensch sucht diejenigen auf, die in der Qualität von ihm verschieden und die besten ihrer Art sind; das heißt: er sucht andere Menschen, und zwar gerade die andersten. Je stärker die Natur eines Menschen ist, desto stärker ist ihre Reaktion. Wir wollen die Qualität rein haben. Die kleinen Talente wollen wir lassen. Ein Hauptunterschied zwischen den Menschen liegt darin, ob sie ihre eigenen Aufgaben erfüllen oder nicht. Der Mensch ist die edle endogenetische Pflanze, die gleich der Palme von innen nach außen wächst. Seine eigensten Aufgaben, die allen anderen unmöglich sein mögen, löst er schnell und spielend. Es ist dem Zucker leicht, süß zu sein, und dem Salpeter leicht, salzig zu schmecken. Wir geben uns oft eine unglaubliche Mühe, mit Fallen und Gruben und Hinterhalten das zu erjagen, was ganz von selbst in unsere Hände fallen muß. Ich halte den für einen großen Mann, der eine höhere Gedankensphäre bewohnt, zu welcher andere sich nur mühsam und mit Schwierigkeiten emporheben können; er braucht nur die Augen zu öffnen, um die Dinge in ihrem wahren Lichte und in bedeutenden Beziehungen zu sehen, während sie beständig ärgerliche Korrekturen vorzunehmen und auf zahlreiche Fehlerquellen ein wachsames Auge zu halten genötigt sind. Der Dienst, den er uns erweist, ist von gleicher Natur. Einem schön gestalteten Menschen kostet es keine Mühe, sein Bild unserem Auge einzuprägen – und was für eine herrliche Wohlthat erweist er uns damit; und keine größere Mühe kostet es der weisen Seele, andere ihre Weisheit mitgenießen zu lassen. Jeder kann sein Bestes leicht thun. » Peu de moyens, beaucoup d’effet.« Der ist groß, der das, was er ist, von Natur aus ist und uns nie an andere erinnert.

Aber er muß eine uns verwandte Natur sein und unserem Leben irgend eine Aussicht auf Aufklärung eröffnen. Ich kann nicht immer sagen, was ich gerade wissen möchte; aber ich habe bemerkt, daß es Menschen giebt, die durch ihren Charakter und ihre Handlungen Fragen beantworten, die zu stellen ich nicht genug Geschick besitze. Mancher beantwortet Fragen, die keiner seiner Zeitgenossen stellte, und die Folge für ihn ist Isolierung. Die vergangenen und vergehenden Religionen und Philosophien beantworten manche andere Frage. Gewisse Leute berühren uns wie reiche Möglichkeiten, die dennoch unfähig sind, sich selbst oder ihrer Zeit zu helfen – das Spiel irgend eines Triebs vielleicht, der die Luft bewegt, entsprechen sie unserem Bedürfen nicht. Aber die Großen sind nah; und wir erkennen sie, wenn wir sie sehen. Was gut ist, ist wirksam und zeugungskräftig und schafft sich Raum, Nahrung und Bundesgenossen. Ein guter Apfel giebt Samen, ein Bastard nicht. Wenn ein Mann auf seinem Platze ist, wirkt er aufbauend, fruchtbar und magnetisch; Heere erfüllt und schwellt er mit seinen Absichten, und so werden sie vollstreckt. Der Strom schafft sich seine eigenen Ufer, und jede berechtigte Idee schafft sich ihre eigenen Kanäle, ihre Begrüßung – ihre Ernten zur Nahrung, Institutionen zu ihrem Ausdruck, Waffen zum Kämpfen und Jünger, sie zu erklären. Der wahre Künstler hat den Planeten zum Piedestal, der Abenteurer hat nach Jahren des Ringens keinen Boden, der breiter wäre als seine Schuhe.

Cicero - Rede gegen Catilina Gemälde von Cesare Maccari (1840-1919) von 1888
Cicero – Rede gegen Catilina
Gemälde von Cesare Maccari (1840-1919) von 1888

Unser gewöhnliches Reden kennt zwei Arten des Nutzens oder der Dienste, welche höherstehende Menschen uns erweisen. Unmittelbares Geben ist dem frühen Glauben der Menschen erwünscht; unmittelbares Geben materieller oder metaphysischer Hilfe, wie Gesundheit, ewige Jugend, scharfe Sinne, Heilkunst, Zauberkünste und die Gabe der Prophezeiung. Der Knabe glaubt, es gäbe Lehrer, die ihm Weisheit verkaufen können. Kirchen glauben an solche wundersame Verdienste, die dem und jenem zugeschrieben werden. Aber bei strenger Prüfung können wir nicht viel direktes Nützen entdecken. Der Mensch ist endogenetisch, und die Erziehung ist seine Entfaltung. Alle Hilfe, die wir von anderen haben können, ist eine mechanische im Vergleich zu den Entdeckungen der Natur in uns selbst. Was wir so lernen, das ist ein Entzücken beim Thun, und seine Wirkung bleibend. Alle wahre Ethik ist central und geht von der Seele nach außen. Alles Geben ist den Weltgesetzen zuwider. Anderen dienen heißt uns dienen. Ich muß mich selbst absolvieren können. »Kümmere dich um deine eigenen Sachen« sagt der Geist; »Thor, willst du dich in die Sache der Himmel mengen oder in die anderer Leute?« – So bleibt uns denn nur ein indirekter Nutzen übrig. Die Menschen haben eine bildliche oder repräsentative Natur und nützen uns auf geistigem Wege. Behmen und Swedenborg sahen, daß alle Dinge Symbole und Repräsentanten seien. Auch die Menschen sind Repräsentanten, erstens von Dingen und zweitens von Ideen.

Gleichwie Pflanzen die Mineralien in Nahrungsstoffe für Tiere umwandeln, so verwandelt jeder Mensch die Rohmaterialien der Natur zu menschlichen Zwecken. Die Entdecker des Feuers, der Elektrizität, des Magnetismus, des Eisens, des Bleies, des Glases, der Leinwand, Wolle und Seide, die Erfinder der Werkzeuge, die Schöpfer des Dezimal-Systems, der Geometer, der Ingenieur, der Musiker – bereiten jeder nach seiner Weise einen bequemen Pfad für alle durch unbekannte und unmögliche Wirrnisse. Jeder Mensch ist durch eine geheime Sympathie mit irgend einem Gebiete der Natur verwandt und wird der Agent und Dolmetsch derselben: so Linnaeus der des Pflanzenreiches, Huber der der Bienen, Fries derjenige der Flechten, Van-Mons der Birnen, Dalton der Atomgesetze, Euklides der Linien, Newton der unendlichen und veränderlichen Größen.

Distel - Botanik - >Gemeinfrei - Quelle: wikimedia
Distel – Botanik – >Gemeinfrei – Quelle: wikimedia

Jeder Mensch ist gleichsam ein Centrum für die Natur, von dem aus verbindende Fäden durch alles Feste und Flüssige, Materielle und Elementare laufen. Die Erde dreht sich, und jede Scholle und jeder Stein passiert den Meridian: so hat jedes Organ, jede Funktion, jede Säure, Krystall und Staubkorn seine Beziehung zum Menschenhirn. Oft wartet es lange, aber es kommt an die Reihe. Jede Pflanze hat ihren Parasiten, und jedes erschaffene Ding seinen Liebhaber und Dichter. Schon ist dem Dampf, dem Eisen, dem Holz, der Kohle, dem Magnet, dem Jod, dem Korn und der Wolle ihr Recht zu teil geworden; und doch wie wenig Materialien hat unsere Kraft und Kunst bisher zu verwerten gewußt! Die Mehrzahl der Geschöpfe und Eigenschaften liegen noch im Verborgenen und warten. Es ist, als ob ein jedes wie die bezauberte Prinzessin im Märchen des bestimmten menschlichen Befreiers harren würde. Jedes muß entzaubert werden und in menschlicher Gestalt ans Tageslicht treten. In der Geschichte der Entdeckungen scheint jede reife und verborgene Wahrheit sich selbst ein Hirn gemodelt zu haben. Es muß ein Magnet in einem Gilbert, Swedenborg oder Oersted Mensch geworden sein, ehe der Geist der Menschheit seine Kräfte kennen und würdigen lernt.

Wenn wir uns auf die nächstliegenden Vorteile beschränken, so finden wir eine ernste Anmut in den mineralischen und botanischen Reichen, die sich in den höchsten Augenblicken als der Reiz der Natur offenbart, – das Glitzern des Speeres, die Sicherheit der chemischen Affinität, die unfehlbare Gewißheit der Winkel. Licht und Dunkel, Hitze und Kälte, Hunger und Nahrung, Süßes und Bitteres, Festes, Flüssiges und Gase kreisen um uns in einem Kranze von Wonnen und täuschen uns in ihrem gefälligen Kampfe über den Tag hinweg. Jeden Tag wiederholt das Auge das erste Lob, das den Dingen gespendet ward: »Und Er sah, daß sie gut waren.« Wir wissen, wo sie zu finden sind, und wir schätzen ihr Spiel nur noch höher, sobald wir einige Erfahrungen mit den anspruchsvolleren Rassen gemacht haben. Aber wir haben auch ein Anrecht auf höhere Vorteile. Der Wissenschaft fehlt etwas, so lange sie nicht vermenschlicht ist. Die Logarithmentafel ist eine Errungenschaft, aber das lebendige Spiel der Logarithmen in der Botanik, Musik, Optik und Architektur ist noch ganz etwas anderes. Und es giebt Fortschritte für die Kunst der Zahlen, für Anatomie, Architektur und Astronomie, die wir uns nicht hätten träumen lassen, sobald sie zum Leben emporsteigen und uns im Gespräch, in Persönlichkeiten und Politik wieder begegnen.

Aber das kommt später. Wir sprechen vorläufig nur von dem, was wir von ihnen in ihrer eigenen Sphäre erkennen, und von der Weise, in der sie ein Genie auszusuchen, zu fascinieren und anzuziehen scheinen, sodaß es sich sein ganzes Leben lang mit einem einzigen Gegenstande beschäftigt. Die Möglichkeit einer Erklärung liegt in der Identität des Beobachters mit dem Beobachteten. Jeder materielle Gegenstand hat seine himmlische Seite; jeder wird, indem er den Weg durch die Menschheit nimmt, in die geistige und unvergängliche Sphäre emporgehoben, wo er eine ebenso unzerstörbare Rolle spielt wie alles andere. Und zu diesen ihren Endzielen steigen alle Dinge unaufhörlich empor. Die Gase verdichten sich zum festen Gewölbe, das chemische Gemenge wird zur Pflanze und wächst, wird zum Quadruped und schreitet, wird zum Menschen und denkt. Aber die Wählerschaft bestimmt auch das Votum des Repräsentanten. Er ist nicht nur ihr Repräsentant, er hat selbst teil an ihr. Nur vom Gleichen kann das Gleiche erkannt werden. Der Grund, daß er von ihnen etwas weiß, liegt darin, daß er von ihnen ist: er ist ja eben erst aus der Natur herausgetreten, er war eben erst noch ein Teil des Dinges, das er heute erforscht. Belebtes Chlor weiß vom Chlor, und Fleisch gewordenes Zink vom Zink. Ihre Qualitäten bestimmen seinen Lebenslauf; und er kann ihre Kräfte mannigfach enthüllen, weil er aus ihnen zusammengesetzt ist. Der Mensch, aus dem Staube der Welt geschaffen, vergißt seinen Ursprung nicht; und alles was heute noch leblos liegt, wird eines Tages sprechen und denken. Die unoffenbarte Natur wird noch all ihre Geheimnisse enthüllen müssen. Können wir nicht sagen, daß die Quarzfelsen zu Molekülen ungezählter Werners, von Buchs und Beaumonts zerstäuben werden; und daß das Laboratorium der Atmosphäre, ich weiß nicht was für einen Berzelius und Davys aufgelöst enthält?

Die Waldseemüller-Karte von 1507. Auf ihr ist erstmals der Name America für den neuen Kontinent angegeben. Außerdem werden vier Teile von „Indien“ benannt: India intra Gangem („Indien diesseits des Ganges“, entsprechend etwa dem heutigen Indien und Bangladesch), India extra Gangem („Indien jenseits des Ganges“, ungefähr Myanmar und Thailand), India Meridionalis („Südliches Indien“, das östliche Indochina) und India Superior („Oberes Indien“, heute der Osten Chinas). „Indien“ insgesamt reichte damals also bis nach Ostchina.
Die Waldseemüller-Karte von 1507. Auf ihr ist erstmals der Name America für den neuen Kontinent angegeben. Außerdem werden vier Teile von „Indien“ benannt: India intra Gangem („Indien diesseits des Ganges“, entsprechend etwa dem heutigen Indien und Bangladesch), India extra Gangem („Indien jenseits des Ganges“, ungefähr Myanmar und Thailand), India Meridionalis („Südliches Indien“, das östliche Indochina) und India Superior („Oberes Indien“, heute der Osten Chinas). „Indien“ insgesamt reichte damals also bis nach Ostchina.

So sitzen wir am Feuer und legen unsere Hand an die Pole der Erde. Diese Quasi-Allgegenwart leistet für die Schwäche unseres Zustandes Ersatz. An einem jener himmlischen Tage, an welchen Erde und Himmel einander begegnen und schmücken, scheint es Armut zu sein, daß wir nur ein Leben zu genießen haben, wir wünschten uns tausend Häupter und tausend Körper, um seine unendliche Schönheit an vielen Orten zugleich und in zahllosen Weisen feiern zu können. Ist dies nur ein Spiel der Phantasie? Wahrlich, in allem Ernste, unser Dasein wird vervielfacht durch diejenigen, die für uns geschafft haben. Und wie leicht wir ihre Arbeiten uns aneignen! Jedes Schiff, das nach Amerika kommt, hat seine Karte von Kolumbus erhalten. Jeder Roman ist ein Schuldner Homers. Jeder Zimmermann, der den Hobel zum Glätten benutzt, borgt vom Geiste des vergessenen Erfinders. Das Leben ist ringsumher mit einem Zodiakus von Kenntnissen umgürtet, den Beiträgen von Menschen, die gestorben, um ihren Lichtfunken an unseren Himmel zu fügen. Der Ingenieur, der Händler, der Jurist, der Arzt, der Moralphilosoph und der Theologe, und jeder, der irgend ein Maß von Kenntnissen erwirbt, wird einer von denen, welche die Längen und Breiten auf der Karte unseres Lebenszustandes ergründen und einzeichnen. Diese Pfadfinder sind es, die uns auf allen Seiten bereichern. Wir müssen das Areal des Lebens erweitern und unsere Beziehungen vermehren. Und wir gewinnen mindestens ebensoviel, wenn wir eine neue Eigenschaft der alten Erde, wie wenn wir einen neuen Planeten entdecken.

Napoleon Bonaparte auf Elba erwartet die Ankunft der L´Inconstant- Horace Vernet - 1863Wir verhalten uns zu passiv beim Hinnehmen dieser materiellen und halb-materiellen Dienste. Wir sollen nicht bloß Säcke und Magen sein. Wir brauchen nur eine Stufe emporzusteigen: – unsere Sympathie leistet uns größere Dienste. Thätigkeit wirkt ansteckend. Wenn wir dorthin schauen, wo andere hinschauen, uns mit den Dingen beschäftigen, die sie interessieren, entdecken wir den Reiz, der sie anlockte. Napoleon sagte: »Man darf nicht zu oft mit einem und demselben Feinde kämpfen, sonst lehren wir ihn unsere Kriegskunst.« Wir brauchen nur viel mit einem Manne von kraftvollem Geiste zu sprechen, und wir werden uns sehr rasch gewöhnen, die Dinge in demselben Lichte wie er zu betrachten, und werden bei jedem Ereignis seine Gedanken anticipieren.

Die Menschen erweisen sich einander hilfreich durch ihren Geist und ihre Neigungen. Alle andere Hilfe ist falscher Schein. Wenn mir einer Brot und Feuer schenken will, bemerk‘ ich bald, daß ich es voll bezahlen muß und nachher nicht besser, noch schlimmer daran bin als vorher: aber alle geistige und sittliche Kraft ist ein positives Gut. Sie geht von dir aus, du magst wollen oder nicht, und nützt mir, an den du noch nie gedacht hast. Ich kann gar nicht von persönlicher Kraft irgendwelcher Art, von großer Leistungsfähigkeit hören, ohne von frischer Entschlossenheit durchdrungen zu werden. Wir sind eifersüchtig auf alles, was Menschen imstande sind. Cecils Worte über Sir Walter Raleigh: »Ich weiß, daß er eine geradezu fürchterliche Arbeitskraft hat« wirken wie ein elektrischer schlag, so auch Clarendons Portraits, z. B. das Hampdens: »der von einer Thätigkeit und Wachsamkeit war, welche die Emsigsten nicht ermüden oder einschläfern konnten, von Fähigkeiten, welchen die Schärfsten und Schlauesten nicht überlegen waren, und einem persönlichen Mute, der seinen besten Fähigkeiten gleichkam« – oder das Falklands, »der ein so strenger Verehrer der Wahrheit war, daß er sich ebenso leicht das Stehlen hätte gestatten können wie das Heucheln.« Wir können Plutarch nicht lesen, ohne daß unsere Pulse schlagen, und ich schließe mich den Worten des Chinesen Mencius an: »Ein Weiser ist der Lehrer vieler Generationen. Wo vom Betragen Loos gehört wird, da werden die Blöden verständig und die Schwankenden entschlossen.«

Dies ist die Moral aller Biographik: doch es ist für längst Verstorbene schwer, uns so zu erregen wie unsere eigenen Gefährten, deren Namen vielleicht nicht so lange leben werden. Wer ist der, an den ich nie denke, während doch in jeder Einsamkeit uns diejenigen nahe sind, die unserm Genius Hilfe bieten und uns in wunderbarer Weise anfeuern? Die Liebe besitzt eine Kraft, das Schicksal des anderen besser vorauszuahnen, als der andere selbst es vermag, und ihn durch heroische Ermutigung bei seinen Aufgaben festzuhalten. Was besitzt die Freundschaft so Ausgezeichnetes als diese herrliche Anziehung für alles Treffliche, was in uns liegt? Nun werden wir nie wieder gering von uns selbst oder vom Leben denken. Wir sind gereizt, einem Ziel zuzustreben, und die Thätigkeit der Erdarbeiter am Bahndamm wird uns nie wieder beschämen.

The Downfall of Shakespeare Represented on a Modern Stage, 1763-1765, William Dawes Theatre & Performance Collection, © Victoria and Albert Museum, London
The Downfall of Shakespeare Represented on a Modern Stage, 1763-1765, William Dawes Theatre & Performance Collection, © Victoria and Albert Museum, London

Hierher gehört auch der huldigende Beifall, den ich für einen durchaus reinen halte, den alle Stände dem Helden des Tages zollen, von Coriolanus und Gracchus bis zu Pitt, Lafayette, Wellington, Webster und Lamartine. Hört das Jubeln in den Straßen! Die Leute können ihn gar nicht genug sehen. Ein Mann ist ihr Entzücken. Das ist ein Kopf und ein Rumpf! Welch eine Stirn! und was für Augen! Schultern gleich denen des Atlas, und die ganze Haltung heroisch, und innere Kraft genug, die große Maschine zu leiten! Diese Freude am vollen Ausdruck dessen, was sie in ihrer eigenen Erfahrung meist nur verkrüppelt und verstopft gefunden, kehrt auch in höheren Geisteskreisen wieder und ist das Geheimnis der Freude des Lesers an den Werken des schriftstellerischen Genies. Hier strömt alles ungehemmt aus, hier ist Feuer genug, um einen Berg von Erz zu schmelzen. Shakespeares Hauptverdienst läßt sich damit ausdrücken, daß er unter allen Menschen am besten die englische Sprache versteht und alles sagen kann, was er will. Und doch sind diese unverstopften Kanäle und Schleusen des Ausdrucks nichts anderes als Gesundheit und eine glückliche Konstitution. Der Name Shakespeares ruft uns andere, rein geistige Wohlthaten ins Gedächtnis.

Die Senate und Souveräne der Erde verfügen mit all ihren Orden, Medaillen, Ehrendegen und Wappenschildern über kein Kompliment, das dem gleich käme, einem menschlichen Wesen Gedanken mitzuteilen, die eine gewisse Höhe erfordern und sein Verständnis voraussetzen. Und diese Ehre, die im privaten Verkehr oft kaum zweimal im Leben möglich wird: das Genie erweist sie uns unaufhörlich, zufrieden wenn dann und wann einmal in einem Jahrhundert sein Anerbieten angenommen wird. Die Menschen, die uns sachliche Werte weisen, werden gleichsam zu Köchen und Schneidern degradiert, sobald diejenigen, die uns Ideen zeigen, erscheinen. Das Genie ist der Naturforscher und Geograph der übersinnlichen Regionen und zeichnet die Karte derselben; und indem es uns neue Felder für unsere Thätigkeit kennen lehrt, kühlt es unsere Liebe für die alten ab. Jene werden nun als die Wahrheit betrachtet, von der die Welt, in der wir uns bewegten, nur der Wiederschein war.

Wir gehen zum Ringplatz und zur Schwimmschule, um die Kraft und Schönheit des Körpers zu schauen; wir empfinden das gleiche Vergnügen und haben mehr Vorteil von der Wahrnehmung geistiger Leistungen jeder Art: Leistungen des Gedächtnisses, der mathematischen Kombination, großer Abstraktionsfähigkeiten, der wechselnden Bilder der Phantasie, von gewandtem Witz wie tiefer Konzentration, denn all diese Akte zeigen die unsichtbaren Glieder des Geistes, die, Glied für Glied, den Fähigkeiten des Leibes entsprechen. Denn nun betreten wir ein neues Gymnasion und lernen die Menschen nach ihren wahrhaftesten Kennzeichen zu wählen, belehrt von Plato, »jene zu wählen, die ohne Hilfe der Augen oder eines anderen Sinnes zur Wahrheit und zum Sein vordringen.« Zuvörderst unter diesen Thätigkeiten kommen die Purzelbäume, die Zaubereien, die Verwandlungen und Wiederauferstehungen der Phantasie. Sobald sie erwacht, scheint die Kraft eines Menschen zehnfach und tausendfach vervielfältigt. Sie entfesselt den entzückenden Sinn für unbestimmte Größen und flößt eine verwegene Haltung des Geistes ein. Wir werden elastisch und dehnbar wie die Gase im Schießpulver, und eine Sentenz in einem Buch, ein Wort, das im Gespräche fällt, entfesselt unsere Phantasie, und im nächsten Augenblick baden wir das Haupt in der Milchstraße, und unsere Füße treten den Boden des Höllenabgrunds. Und gerade dieser Vorteil ist ein wirklicher, und eine reale Wohlthat, denn wir haben ein Recht auf diese weiten Gebiete, und nie wieder können wir, wenn wir die Schranken einmal überschritten, dieselben elenden Pedanten werden, die wir vorher waren.

Die hohen Funktionen des Geistes sind so eng verbündet, daß ein gewisses Maß von Einbildungskraft fast allen hervorragenden Geistern eigen ist, sogar den Arithmetikern ersten Ranges, ganz besonders aber allen spekulativen Köpfen, deren Gedankenkraft eine intuitive ist. Diese Menschen dienen uns dadurch, daß ihnen gegeben ist, sowohl die Identität zu erkennen, als auch die Reaktion wahrzunehmen. Den Augen eines Plato, eines Shakespeare, Swedenborg oder Goethe entgingen diese Gesetze nie und nirgends. Die Wahrnehmung dieser Gesetze bildet eine Art von Maßstab für die Geister. Kleine Geister sind klein, weil sie dieselben nicht sehen können.

Aristotle_and_Phyllis
Aristoteles und Phyllis

Aber auch solch ein Festschmaus kann zur Übersättigung führen. Unser Entzücken am Geiste entartet zum Götzendienst vor seinem Herold. Besonders wenn ein Geist die Menschen belehrt hat, der in der Methode gewaltig war, begegnen wir den Zeichen der Erdrückung. Die tyrannische Herrschaft des Aristoteles, der Ptolemäischen Astronomie, das Übergewicht Luthers, Bacons, Lockes, die Geschichte der Hierarchien jeder Religion, der Heiligen, der Sekten, die sich jede nach ihrem Gründer nannten, gehören alle hierher. Ach! jeder Mensch ist solch ein Opfer. Die Schwäche der Menschen wird immer verführerisch für den Übermut der Kraft. Es ist das Entzücken gemeinen Talents, den Blick des Zuschauers zu blenden und zu täuschen. Aber das wahre Genie sucht uns vor seiner eigenen Macht zu verteidigen. Das wahre Genie will keinen arm machen, es will befreien und neue Empfindungskräfte wecken. Wenn ein weiser Mann in unserem Dorfe erschiene, würde er in denen, mit denen er spräche, das Bewußtsein neuer Reichtümer erwecken, indem er ihre Augen für Schätze öffnet, die sie bisher unbeachtet ließen; er würde in uns das Gefühl eines unerschütterlichen Gleichgewichts befestigen, uns durch die Versicherung beruhigen, daß wir nicht betrogen werden können; denn jeder würde die Garantien seiner Lage erkennen. Die Reichen würden ihre Fehler und ihre Armut, die Armen ihre Hilfsmittel und Zuflüchte erkennen.

Aber die Natur bringt in gebührender Zeit all dies ins Gleiche. Die kreisende Bewegung ist ihr Heilmittel. Der Geist duldet keine Herren und lechzt nach Wechsel. Hausfrauen sagen von einem Dienstboten, der tüchtig gewesen ist: »Sie war schon zu lange bei mir.« Wir sind alle nur Tendenzen oder besser Symptome, keiner von uns ist vollständig. Wir rühren nur aneinander und an die Dinge und schlürfen den Schaum vieler Leben. Rotation ist das Gesetz der Natur. Wenn sie einen großen Mann hinwegnimmt, späht die Menge über den Horizont nach einem Nachfolger für ihn aus, aber keiner zeigt sich, und es wird auch keiner kommen. Seine Gattung ist mit ihm erloschen. Auf einem anderen ganz verschiedenen Gebiete wird der nächste Mann erscheinen; kein Jefferson, kein Franklin, sondern jetzt ein großer Händler, dann ein Bauunternehmer, dann ein Zoolog, ein büffeljagender Forschungsreisender, oder ein halbwilder General des Westens. So bieten wir unseren rauheren Meistern die Spitze; aber gegen die besten haben wir ein feineres Mittel. Die Kraft, die sie uns mitteilen, ist nicht die ihre. Wenn sie von Ideen begeistert sind, verdanken wir das nicht Plato, sondern der Idee, deren Schuldner Plato selbst war.

Ich darf nicht zu erwähnen vergessen, daß wir einer Klasse von Menschen ganz besonders verpflichtet sind. Das Leben ist eine Stufenleiter. Zwischen Rang und Rang unserer großen Männer giebt es weite Zwischenräume. Die Menschheit hat sich zu allen Zeiten um einige Personen gesammelt, die entweder durch die Großartigkeit der Idee, welche sie verkörperten, oder durch ihre weite Receptivität zur Stellung von Führern und Gesetzgebern befähigt und berechtigt waren. Solche lehren uns die Qualitäten der ursprünglichsten Natur kennen – sie gewähren uns einen Einblick in den Bau der Welt und das Wesen der Dinge. Wir schwimmen Tag für Tag auf einem Strome von Illusionen dahin, wir ergötzen uns thatsächlich an Luftschlössern und schwebenden Städten, von denen die Menschen um uns her genarrt werden. Aber das Leben selbst ist wahrhaftig. In lichten Zwischenzeiten sagen wir: »Ich will mir ein Eingangsthor zu den Wirklichkeiten öffnen, schon zu lange trag‘ ich die Narrenkappe.« Wir wollen einmal den wahren Sinn der Ökonomie und Politik begreifen. Gebt uns den Schlüssel zu diesen Chiffern, und wenn Personen und Sachen Partituren einer himmlischen Musik sind, laßt uns die Melodien ablesen. Wir sind um unsere Vernunft betrogen worden; aber es hat doch Menschen gegeben, die sich eines reichen Lebens, das mit dem innersten Geist der Dinge in Fühlung stand, erfreuten. Was sie wissen, das wissen sie für uns. Mit jedem neuen Haupte wird ein neues Geheimnis der Natur ruchbar; und die Bibel kann nicht abgeschlossen werden, solange nicht der letzte große Mensch geboren ist. Das sind die Menschen, die das Delirium des animalischen Geistes in uns korrigieren, die uns überlegt machen und uns zu neuen Zielen und Kräften lenken. Die Ehrfurcht der Menschheit wählt sie für die höchste Stelle aus. Das wird‘, durch die Menge der Statuen, Bilder und Gedenkzeichen bezeugt, die ihren Genius in jeder Stadt, in jedem Dorf, jedem Haus und Schiff ins Gedächtnis rufen:

»Ihre Geister steigen empor uns –
Unsere herrlicher’n Brüder, doch eins im Blut –
Bei Tisch und Bett stehn sie herrschend vor uns,
In den Blicken strahlende Schönheit,
In den Worten das höchste Gut.«

Wie soll ich nur die von allem andern so ganz verschiedene Wohlthat derer erläutern, welche uns Ideen gewähren, wie den Dienst, den uns jene erweisen, welche sittliche Wahrheit dem Geiste der Allgemeinheit zuführen? – Mein ganzes Leben hindurch quält mich ein beständiger Preistarif. Wenn ich in meinem Garten arbeite und einen Apfelbaum beschneide, hab‘ ich meine Freude daran und fühle, daß ich eine ganz unbestimmbare Zeit mit der gleichen Beschäftigung fortfahren könnte. Aber auf einmal muß ich denken, daß der Tag vorüber ist, und ich habe nichts als dieses behagliche Nichts zustande gebracht. Ich fahre nach Boston oder New-York, renne auf und ab in meinen Angelegenheiten: sie werden herabgehetzt, aber der Tag desgleichen. Und mich quält der Gedanke, welchen Preis ich für einen so geringen Vorteil gezahlt. Ich muß an die » peau d’âne« denken, die jedem, der auf ihr saß, seinen Wunsch erfüllt; aber ein Stück der Haut ging mit jedem Wunsche verloren. Ich gehe in einen Philanthropen-Verein. Ich mag thun, was ich kann: ich kann meine Augen nicht von der Uhr abwenden. Aber wenn in der Gesellschaft eine feine Seele erschiene, die nichts wüßte von Personen und Parteien, von Carolina und Cuba, die aber ein Gesetz verkündigt, unter das all diese Einzelfragen fallen, und mich der großen Gerechtigkeit vergewissert, die jeden Falschspieler matt setzt, jeden Selbstsüchtigen bankrott macht, und mich meine Unabhängigkeit von Vaterland und Zeiten und von meinem menschlichen Leibe erkennen lehrt – solch ein Mann befreit mich; ich vergesse die Uhr, ich trete aus all den kranken Beziehungen zu den Personen um mich her heraus; alle meine Schäden heilen; und ich fühle mich unsterblich, indem ich meinen Schatz von unverderblichen Gütern erkenne. – In dieser Welt herrscht ein großer Wettkampf zwischen Arm und Reich. Wir leben in einem Markte, auf dem es nur ein bestimmtes Quantum Weizen oder Wolle oder Grundbesitz giebt; und wenn ich um so viel mehr davon habe, muß jeder andere um so viel weniger haben. Ja, es ist, als könnt‘ ich nichts an Gut erwerben, ohne die gute Sitte zu brechen. Niemand freut sich an der Freude des anderen, unser System ist ein System des Krieges, ein System verletzender Superiorität. Jedes Kind der sächsischen Rasse wird zu dem Wunsche erzogen, obenan zu sein. Es ist unser System, und es kommt so weit, daß jeder seine Größe nach dem Ärger, dem Neid und Haß seiner Mitstrebenden mißt. Aber in jenen neuen Gefilden ist Raum: da giebt es keine Selbstüberhebung, keine Exklusivität.

Richard Plantagenet - 3rd Duke of York - 1411 - 1460 - Wakefield, Yorkshire, England (Age 49)
Richard Plantagenet – 3rd Duke of York – 1411 – 1460 – Wakefield, Yorkshire, England (Age 49)

Ich bewundere die großen Männer jeder Art, die der That wie die der Gedanken, ich liebe die Rauhen und die Sanften, die »Gottesgeißeln« und die »Lieblinge des Menschengeschlechts.« Ich liebe den ersten Cäsar, und Karl den Fünften von Spanien, und Karl XII. von Schweden, Richard Plautagenet und Bonaparte in Frankreich. Ich applaudiere dem tüchtigen Mann, dem Beamten, der seinem Amte gewachsen ist, sei er Feldherr, Minister oder Senator. Ich liebe den Meister, der fest auf ehernen Füßen steht, wohlgeboren, reich, schön, beredt, mit glücklichen Gaben überhäuft, der alle Menschen durch einen Zauber zu Tributären und Stützen seiner Macht heranzieht. Schwert und Stab, oder vielmehr Talente des Schwertes oder des Stabes, sind es, die die Welt vorwärts bewegen. Aber ich finde den noch größer, der sich selbst und alle Helden abschaffen kann, indem er das Element der All-Vernunft einströmen läßt, die nach keiner Person fragt; der jene verfeinertste, unwiderstehlich aufwärts treibende Kraft in unser Denken führt, die allen Individualismus zerstört, jene Macht, die so groß ist, daß der Mächtige selbst in ihr zu Nichte wird. Er ist der Monarch, der seinem Volke eine Verfassung giebt, ein Hoherpriester, der die Gleichheit der Seelen predigt und seine Diener ihres barbarischen Dienstes entläßt, ein Kaiser, der sein Reich entbehren kann.

Aber meine Absicht war, zwei oder drei Punkte dieser wohlthätigen Wirkung eingehender zu specifizieren. Die Natur läßt es nie an Opium und schmerzstillenden Mitteln fehlen; sondern so oft sie eines ihrer Geschöpfe durch irgend eine Verunstaltung oder ein Gebrechen entstellt, legt sie ihren Mohnsamen reichlich auf die Wunde, und der Patient geht fröhlich durch die Welt, ohne den Schaden zu kennen und unfähig, ihn zu sehen, obgleich alle Welt tagtäglich mit dem Finger darauf weist. Die wertlosen und schädlichen Mitglieder der menschlichen Gesellschaft, deren Existenz eine sociale Pest ist, halten sich stets und immer für die gekränktesten Leute der Welt und können ihrer Verwunderung über die Undankbarkeit und Selbstsucht ihrer Zeitgenossen gar nicht genug Worte leihen. Unsere Erde offenbart ihre verborgenen Vorzüge nicht nur in Helden oder Erzengeln, sondern auch in Klatschbasen und Wärterinnen. Ist es nicht eine ganz außerordentliche Einrichtung, durch die in jede Kreatur eine gehöriges Maß von Trägheit gelegt wurde, die konservative Energie des Widerstands, der Ärger über alles Wecken und Wechseln? Fast völlig unabhängig von der geistigen Höhe eines jeden ist der Stolz der eigenen Meinung, die Sicherheit, daß wir recht haben. Kein noch so gebrechliches Großmütterchen, kein schiefmäuliger Idiot, die nicht die wenigen Funken von Verständnis und Geisteskraft, die ihnen übrig sind, dazu verwenden würden, über die Absurditäten aller übrigen zu kichern und sich des Triumphs ihrer Meinung zu erfreuen. »Verschiedenheit von mir,« das ist der Maßstab der Absurdität. Nicht einer hat auch nur die geringste Besorgnis, daß er am Ende unrecht haben könnte. War das nicht ein glänzender Gedanke, der die Menschenwelt durch dieses Erdpech, dieses festeste aller Cemente, zusammenkittete? Aber inmitten dieses allgemeinen Kicherns der geheimen Überlegenheit und Selbstbeglückwünschung geht plötzlich eine Gestalt vorüber, die selbst Thersites lieben und bewundern kann. Der ist es, der uns den Weg führen muß, den wir zu geben haben. Seine Hilfe ist eine unendliche. Ohne Plato würden wir beinahe unseren Glauben an die Möglichkeit eines vernünftigen Buches verlieren. Wir brauchen vielleicht nur eines, aber dieses eine brauchen wir um so notwendiger. Wir lieben es, uns den Großen und Heroischen anzuschließen, denn unsere Aufnahmsfähigkeit ist eine unbegrenzte, und leben wir einmal mit den Großen, dann werden ohne Mühe auch unsere Gedanken und Sitten groß. Wir sind alle weise in Potenzialität, obgleich nur so wenige es in lebendiger Energie sind. Aber es bedarf nur eines weisen Mannes in einer Gesellschaft, und alle werden weise, so schnell wirkt die Ansteckung.

Ralph Waldo Emerson
Ralph Waldo Emerson

So werden große Männer zu einer Art Augensalbe, die uns von der Verblendung der Ichsucht befreit und uns andere Menschen und ihre Werke sehen lehrt. Aber es giebt Laster und Thorheiten, die ganze Völker und Zeitalter befallen. Die Menschen gleichen ihren Zeitgenossen weit mehr noch als ihren Erzeugern. Man hat an alten Ehepaaren oder an Personen, die lange Jahre Hausgenossen waren, die Beobachtung gemacht, daß sie einander ähnlich werden; und wenn sie nur lange genug lebten, würden wir sie gar nicht mehr voneinander kennen. Die Natur verabscheut diese äffischen Gefälligkeiten, die die Welt zu einem Klumpen umzuschmelzen drohen, und sie beeilt sich, solche unklaren Verleimungen aufzubrechen. Die gleiche Assimilation vollzieht sich zwischen den Bewohnern einer Stadt, den Anhängern einer Sekte, einer politischen Partei; die Ideen der Zeit liegen in der Luft und infizieren jeden, der diese Luft atmet. Von irgend einem hohen Standpunkt betrachtet, würde hier die Stadt New-York, dort die Stadt London, die ganze Civilisation des Westens als ein Haufen wahnsinniger Thorheiten erscheinen. Und dabei behalten wir einer den andern im Gesicht und treiben durch unseren Wetteifer die Raserei der Zeit auf die äußerste Spitze. Ein Schild gegen alle Gewissensbisse ist die allgemeine Praxis, – die Zeitgenossen. Wiederum: es ist nichts so leicht, als so weise und gut wie unsere Kameraden zu sein. Wir lernen von unseren Zeitgenossen was sie wissen, ohne Mühe, beinahe durch die Poren der Haut. Wir erfassen es durch Sympathie, oder wie ein Weib die geistige und moralische Höhe ihres Mannes erreicht. Aber wir halten auch inne, wo sie inne halten. Schwerlich gelingt es uns, einen Schritt darüber hinaus zu machen. Die Großen, das sind jene, die mit der Natur im Zusammenhang stehen und aus allen Moden herausschreiten, sie sind die Erlöser aus diesen Föderativ-Irrtümern, sie schützen uns vor unseren Zeitgenossen. Sie sind die Ausnahmen, deren wir bedürfen, wo alles gleich wird. Eine fremdartige Größe ist das Antidot gegen diese verderbliche Geheimbündelei.

So bietet das Genie uns neue Nahrung und Erholung von allzuvielem Verkehr mit unseresgleichen, und in der Richtung schreitend, die es uns führt, lernen wir wiederum mit jubelnder Freude die wahrhaftige Natur genießen. Welche Entschädigung ist ein großer Mann für ganze Generationen von Pygmäen: Jede Mutter wünscht, daß doch einer ihrer Söhne ein Genie werde, wenn auch alle übrigen mittelmäßig bleiben sollten. Aber eine neue Gefahr erwächst im Übermaß des Einflusses, den der große Mann ausübt. Seine Anziehungskraft bugsiert uns aus unserer natürlichen Stellung heraus. Wir sind Dienstleute und geistige Selbstmörder geworden. Aber – schon zeigt sich dort am Horizonte der Retter! – andere große Männer, neue Eigenschaften, einer für den andern Gegenwicht und Hemmung. Wir übersättigen uns an dem Honig jeder eigenartigen Größe. Jeder Held wird uns zuletzt langweilig. Vielleicht war Voltaire kein schlechter Mensch, und doch sagte er sogar von dem guten Jesus: »Ich bitt‘ euch laßt mich den Namen dieses Menschen nie wieder hören.« Sie schreien die Tugenden George Washingtons aus: »Hol der Teufel George Washington!« ist des armen Jacobiners ganze Antwort und Widerlegung. Aber das ist die unvermeidliche Schutzwehr der menschlichen Natur. Die Centripetalität vermehrt zugleich die Centrifugalität. Wir setzen dem einen Mann, um des Gleichgewichtes willen, sein Gegenteil entgegen; und das Heil des Staates hängt an der Schaukel.

Übrigens erreicht die Verwertung großer Männer schnell ihre Grenze. Die Annäherung an jedes Genie wird durch Massen von Unbrauchbarkeit gehindert. Sie sind äußerst anziehend und scheinen aus der Entfernung uns ganz zu gehören; aber die Annäherung wird uns von allen Seiten verwehrt. Je mehr wir uns angezogen fühlen, desto mehr werden wir auch abgestoßen. Es liegt etwas Ungreifbares in dem Guten, das sie für uns vollbringen. Die beste Entdeckung macht der Entdecker für sich selbst. Für seinen Gefährten hat sie etwas Unreelles, so lange er sie nicht selbst substantiiert hat. Es ist, als ob die Gottheit jede Seele, die sie in die Welt sendet, mit gewissen Vorzügen und Kräften bekleidet hätte, die sich anderen nicht mitteilen lassen, und auf diese Gewande der Seele die Worte »Unübertragbar« oder »Nur für diese eine Strecke giltig« geschrieben hätte, als sie sie zu einem neuen Rundgang durch den Kreis der Wesen aussendete. Es liegt etwas Täuschendes in dem Verkehr der Geister. Die Grenzen sind unsichtbar, aber sie werden niemals überschritten. Es ist so viel guter Wille, mitzuteilen, vorhanden, und so viel guter Wille, zu empfangen, daß jeder ganz und gar Zum andern zu werden droht, aber das Gesetz der Individualität sammelt seine geheime Kraft und du bist du, und ich bin ich, und so bleiben wir auch.

Denn die Natur heischt, daß jedes Geschöpf und Ding bleibe, was es ist; und während jedes Individuum danach ringt, zu wachsen und auszuschließen, auszuschließen und zu wachsen, bis an die äußersten Grenzen des Weltalls, und das Gesetz seines Wesens jeder anderen Kreatur aufzuzwingen, ist die Natur stetig bestrebt, jedes gegen jedes andere zu schützen. Jedes ist bereits durch sich selbst geschützt. Nichts ist so auffällig wie die Macht, mit der Individuen sich gegen Individuen wehren in einer Welt, in der jeder Wohlthäter so leicht zum Schädiger wird, und zwar bereits dadurch, daß er seine Thätigkeit auf Gebiete ausdehnt, die ihm nicht zukommen; wo Kinder so sehr der Gnade und Ungnade ihrer thörichten Eltern »ausgeliefert scheinen, und wo fast alle Menschen an einem Übermaß des Geselligkeitstriebes und Interventionsdranges leiden. Wir sprechen mit Recht von einem Schutzengel der Kinder. Wie überlegen sind sie uns in ihrer Sicherheit vor den Einflüssen bösartiger Personen, vor Plattheit und Reflexion! Sie schütten ihren eigenen Überfluß an Schönheit auf die Gegenstände aus, welche sie erblicken. Und darum sind sie auch nicht so armseligen Erziehern preisgegeben, wie wir Erwachsenen es sind. Wenn wir mit ihnen poltern und schelten, kommen sie bald dahin, es nicht zu beachten, und lernen Selbständigkeit: und wenn wir sie zu Thorheiten verziehen, lernen sie die Schranken, die sie nicht überschreiten dürfen, auf anderem Wege kennen.

Wir brauchen eine excessive Beeinflussung nicht zu fürchten. Es ist uns gestattet, uns mit so viel edlerem Vertrauen hinzugeben. Diene den Großen! Schrecke vor keiner Demütigung zurück. Geize mit keinem Dienst, den du ihnen erweisen kannst. Sei das Glied ihres Leibes, der Hauch ihres Mundes. Gieb deinen Egoismus preis! Wer wird danach fragen, wenn du weit Besseres und Edleres gewinnst. Kümmere dich nicht um den Vorwurf des Boswellismus: die Hingebung kann leicht größer sein als der elende Stolz, der ängstlich seine eigenen Grenzen wahrt. Werde ein anderer: sei nicht du selbst, sondern ein Platoniker; kein selbständiger Geist, sondern ein Christ; kein Naturforscher, sondern ein Cartesianer; kein Dichter, sondern ein Shakespeareverehrer: Es wird alles vergebens sein; die Räder der Entwicklung halten nicht inne; und alle Kräfte der Trägheit, der Furcht, ja der Liebe selbst, werden dich nicht dabei festhalten können. Weiter und immer weiter! – Das Mikroskop beobachtet eine Monade oder ein Rädertierchen unter den Infusorien, die im Wasser kreisen. Da zeigt sich ein Pünktchen auf dem Tiere, das sich zu einem Spalt erweitert, und zwei vollständige Tiere bilden sich aus dem einen. Dieser unaufhörliche Spaltungs- und Ablösungsprozeß zeigt sich nicht weniger in allen Gedankensphären und in der Gesellschaft. Kinder glauben, daß sie ohne ihre Eltern nicht leben können. Aber lange, ehe sie es merken, ist das schwarze Pünktchen da, und die Ablösung hat stattgefunden. Jeder Zufall kann ihnen ihre Unabhängigkeit enthüllen.

Aber »Große Männer« – das Wort ist beleidigend. Giebt es also Kasten? Ist es das Fatum? Was wird aus dem Lohn, der der Tugend versprochen ist? Der nachdenkende Jüngling beklagt die Überfruchtung der Natur. »Euer Held ist freilich hochherzig und schön,« sagt er, »aber seht jenen armen Paddy, dessen Heimat sein Karren ist. Seht jene ganze Nation von Paddys.« Warum sind die Massen seit dem Dämmern der Geschichte nur Säbel- und Kanonenfutter? Die Idee ehrt einige wenige Führer, die Gefühl, eine selbstständige Meinung, Liebe und Selbstaufopferung besitzen, diese heiligen Krieg und Tod – aber was ist’s mit den Elenden, welche sie mieten und töten? Die Wohlfeilheit des Menschen ist die Tragödie des Alltags. Es ist für uns ein so wirklicher Verlust, daß andere niedrig stehen, als wenn wir selbst niedrig stünden, denn wir können die Gesellschaft nicht entbehren.

Johann Heinrich Pestalozzi (Gemälde, vermutlich von G. F. A. Schöner)
Johann Heinrich Pestalozzi (Gemälde, vermutlich von G. F. A. Schöner)

Als Antwort auf diese Bemerkungen können wir sagen, daß die Gesellschaft einer Schule nach dem System Pestalozzi gleicht: alle sind der Reihe nach Lehrer und Schüler. Wir gewinnen in gleicher Weise, ob wir empfangen oder ob wir geben. Menschen, die dasselbe Wissen besitzen, sind nicht lange die beste Gesellschaft für einander. Aber bringt zu jedem intelligenten Menschen einen von ungleichartiger Erfahrung, und es ist, als würdet ihr Wasser von einem See ablassen durch Ausgrabung eines niederer gelegenen Bassins. Es scheint fast ein mechanischer Vorteil und für jeden Sprecher eine große Wohlthat: jeder kann sich jetzt über seine eigenen Gedanken klar werden und ihre Konturen mit Farben füllen. Wir gehen in unseren persönlichen Stimmungen sehr rasch von Würde zu Abhängigkeit über. Und wenn wir einen sehen, der nie den Vorsitz zu übernehmen, sondern stets zu stehen und zu dienen scheint, so ist das nur deshalb, weil wir die Gesellschaft nicht durch eine hinreichend lange Periode beobachten, sodaß der ganze Rollenkreis zur Geltung kommen könnte. Und was die sogenannten Massen und gemeinen Leute betrifft: es giebt keine gemeinen Leute. Alle Menschen sind zuletzt »von einer Größe, und wahre Kunst ist nur auf Basis der Überzeugung möglich, daß jedes Talent irgendwo seine Apotheose findet. Freien Spielraum und offenes Feld und den frischesten Lorbeer für alle, die ihn gewonnen! Aber der Himmel wahrt den gleichen Spielraum für jedes seiner Geschöpfe. Jedes ist unruhig, so lange es nicht seinen eigenen Strahl auf die Spiegelfläche der Hohlkugel geworfen und auch sein Talent in seiner letzten Veredlung und Verklärung erblickt hat.

Die Helden des Tages haben eine relative Größe, einen rascheren Wuchs; oder es sind solche Leute, in welchen im Augenblick ihres Erfolges eine Eigenschaft reif war, die damals begehrt wurde. Andere Tage werden andere Eigenschaften verlangen. Es giebt Strahlen, die dem gewöhnlichen Beobachter entgehen und ein Auge von feiner Übung verlangen. Fragt den großen Mann, ob er keinen Größeren kennt. Seine Gefährten sind es, und deshalb nicht weniger groß, weil die Gesellschaft sie nicht sehen kann. Die Natur sendet niemals einen großen Mann auf den Planeten, ohne das Geheimnis einer anderen Seele anzuvertrauen. Eine erfreuliche Thatsache ergiebt sich aus diesen Untersuchungen: daß ein wahres Emporsteigen in unserer Liebe möglich ist. Die Berühmtheiten des neunzehnten Jahrhunderts werden eines Tages aufgezählt werden, um die Barbarei desselben zu beweisen. Der wirkliche Gegenstand der Geschichte ist der Genius der Menschheit, und seine Biographie wird in unseren Annalen geschrieben. Viel in dem Bericht können wir vermuten und viele Lücken müssen wir ausfüllen. Die Geschichte des Weltalls ist eine symptomatische, und das Leben beruht auf dem Gedächtnis. Kein Mensch in dem ganzen Zuge berühmter Männer ist Vernunft oder Erleuchtung, keiner ist das Elixir, nach dem wir aussehen: jeder ist nur eine Schaustellung neuer Möglichkeiten auf irgend einem Gebiete. Ja, könnten wir eines Tages die ungeheuere Gestalt vervollständigen, welche diese flammenden Punkte zusammensetzten! Die Erforschung des Wesens vieler Individuen führt uns in eine elementare Sphäre, in der das Individuum schwindet, oder in der alle mit ihren äußersten Spitzen einander berühren. Die Gedanken und Gefühle, die sich dort ergießen, lassen sich nicht mehr in die Schranken einer Persönlichkeit sperren. Dies ist der Schlüssel zur Machtfülle der größten Menschen – ihr Geist ergießt sich von selbst durch jene Ströme ins Weite. Eine neue geistige Qualität strömt bei Tag und bei Nacht in konzentrischen Kreisen von ihrem Ursprung aus und veröffentlicht sich selbst durch unbekannte Methoden: es offenbart sich, in welch inniger Verbindung alle Geister stehen: was zu dem einen Zutritt gefunden, kann von keinem anderen ausgeschlossen werden; die kleinste Errungenschaft an Wahrheit oder Energie auf irgend einem Gebiete ist ein Erwerb für die Gemeinschaft aller Seelen. Wenn die Ungleichheiten von Begabung und Stellung schon schwinden, sobald die Individuen in jener Dauer betrachtet werden, die zur Vollendung der Laufbahn eines jeden nötig ist, so verschwindet die scheinbare Ungerechtigkeit noch viel schneller, wenn wir uns zur centralen Identität aller Individuen erheben und wissen, daß sie aus der einen Substanz geschaffen sind, die da lenket und wirket.

people-312122_1280_Personal_ (2)Der Genius der Menschheit – das ist der einzige richtige Standpunkt für die Weltgeschichte. Die Qualitäten verweilen; die Menschen, an denen sie sich zeigen, haben jetzt mehr davon, jetzt weniger, und gehen vorüber: die Qualitäten bleiben auf einer neuen Stirn. Keine Erfahrung ist uns so vertraut wie diese. Einst saht ihr Phönixe: sie sind dahin – die Welt ist darum noch lange nicht entzaubert. Die Gefäße, auf denen ihr einst heilige Sinnbilder gelesen, die haben sich freilich als gemeine Töpferware herausgestellt: aber der Sinn der Bilder ist heilig geblieben, und ihr könnt sie noch heute auf die Mauern der Welt überschrieben lesen. Eine Zeitlang leisten unsere Lehrer uns einen persönlichen Dienst als Maßstäbe oder Meilensteine des Fortschritts. Einst waren sie Engel der Erkenntnis, und ihre Gestalten berührten den Himmel. Dann aber kamen wir immer näher, sahen ihre Mittel, ihren Entwicklungsgang, ihre Grenzen, und da machten sie anderen Genien Platz. Glücklich, wenn einige wenige Namen in solcher Höhe bleiben, daß wir nicht fähig wurden, sie aus der Nähe zu lesen, und Alter und Vergleichung ihnen keinen Strahl geraubt. Aber zuletzt werden wir ganz aufhören, bei den Menschen Vollständigkeit zu suchen, sondern uns mit ihrer socialen und delegierten Qualität begnügen. Alles was das Individuum angeht, ist zeitlich und nur im Hinblick auf die Zukunft gegeben und zu betrachten, sowie das Individuum selbst, das aus seiner Beschränkung empor zu einer katholischen Existenz zu steigen berufen ist. Wir haben die letzte und wahre Bedeutung eines Genies nicht erkannt, so lange wir ihm eine originale und selbständige Bedeutung zuschreiben. In dem Augenblick, wo er aufhört, uns als eine Ursache zu nützen, nützt er uns noch weit mehr als eine Folgeerscheinung. Denn nun erscheint er als ein Exponent eines gewaltigeren Geistes und Willens. Das dunkle Ich wird transparent, vom Licht des Ur-Grundes durchleuchtet.

Aber innerhalb der Schranken menschlichen Treibens und menschlicher Entwicklung können wir sagen: es giebt große Männer, damit noch größere werden mögen. Die Bestimmung der organischen Natur ist Veredlung – wer kann die Grenze der Veredlung sagen? Des Menschen Aufgabe ist, das Chaos zu zähmen, und, so lange er lebt, auf allen Seiten die Saat des Wissens und des Gesanges auszustreuen, auf daß Klima, Frucht und Getier milder werden und der Same der Liebe und des Wohlthuns sich mehre.

Nachdenken über meine Beziehung • Ein paar Anregungen

"Junges Paar" von Günter Glombitza - 1970
„Junges Paar“ von Günter Glombitza – 1970

Welcher Einfall Ihrer Frau verdient das Prädikat >>echt genial<<?

Wie ist es Ihrer Frau immer wieder gelungen, Sie für Neues zu begeistern?

Mit was zaubert Ihnen Ihre Frau das feinste Lächeln auf Ihr Gesicht?

Was erleben Sie im Moment als sehr befriedigend in Ihrer Beziehung?

Was drückt Ihr Miteinander am besten aus?

Was sind die wichtigen Grundlagen Ihrer Partnerschaft?

In welchen Bereichen ergänzen Sie sich gut?

Wohin möchten Sie Ihre Beziehung gemeinsam entwickeln?

Womit können Sie Ihre Frau wirklich verwöhnen?

Wie machen Sie Zärtlichkeit alltagstauglich, so dass sie als solche wahr genommen wird?

Welches kleine Dankeschön verdient Ihre Frau für die bleibende Unterstützung im Alltag?

Auf welche ganz und gar eigene Leistung Ihrer Frau sind Sie besonders stolz? Haben Sie Ihr das auch schon gesagt?

Welche kleine Alltagsgeste Ihrer Liebe ist für Sie (beide) unverzichtbar?

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Was meinen Sie, wie Ihre Partner bzw. Ihre Partnerin reagiert, wenn sie gemeinsam über die Antworten sprechen?!

Dr. Peter Jensen: Darf ich bei der ganzen Scheiße die hier passiert, glücklich sein?

Jule hat mir geschrieben: In meinem Leben läuft alles rund. Ich, 23 Jahre jung, habe eine tolle Familie, sehr gute Freundinnen und Freunde auf die ich immer zählen kann und seit einem Jahr bin ich in einer glücklichen Beziehung. Im Sommer habe ich meine Lehre abgeschlossen und habe einen festen Job. Ich bin glücklich und zufrieden mit meinem Leben, habe alles was ich brauche und freue mich darüber; jeden Tag. Für die Zukunft habe ich tolle Ziele und viele Träume das gibt mir jeden Tag kraft und macht mich zufrieden, auch an Tagen an denen es nicht rund läuft (Job, Freunde, Stress etc.)! Sie sehen, ich schwärme geradezu von meinem Leben; was nicht nur daran liegt, dass ich ein Gefühlsdusel bin.
Jetzt zu meiner Frage: „Darf“ man überhaupt so glücklich sein? Es gibt auf der Welt so viele furchtbare und ungerechte Ereignisse, dass ich manchmal denke: Es ist angesichts des Grauens unangemessen und ungerecht, das ausgerechnet ich so glücklich bin und dies auch zeige.

Dr-Peter-JensenNun ja, das ist eine Frage, die sich ohne großen Aufwand mit ironischem Unterton beantworten lässt; insbesondere in Deutschland: Es ist in der Tat unangemessen, Sie leben in einem Land, in dem es en vogue ist, alles auf die gleiche Messlatte zu legen. Was bedeutet: wenn Sie ernst genommen werden wollen, müssen Sie im Gleichschritt gehen. Auch wenn heute so getan wird, als ob diese Zeiten lang vorbei sind; es ist eine „akzeptierte“ Lüge. Schauen Sie sich einfach mal die Diskussion um das „bedingungslose Grundeinkommen“ an. Aber das führt jetzt zu weit.

Mal im Ernst:
Es ist nicht nur Ihr gutes Recht, trotz allem was wir uns auf dieser Welt antun, glücklich zu sein. Es ist sogar Ihre „heilige Pflicht“! Sie leben in einem der sicheren und reichen Land. Sie haben die besten Startbedingungen für ein erfülltes und zufriedenes Leben. Und sind es dann meistens doch nicht. Weil wir als Mensch immer mehr wollen. Von allem. Wir sehen und begreifen nicht, was wir eigentlich (an uns) haben. Das empfinde ich als viel schlimmer an, als wenn wir trotz stürmischer Zeiten glücklich sind. Unsere ewige Unzufriedenheit ist eine wahrhaftige Ohrfeige ins Gesicht aller Flüchtlinge dieser Erde und jedes hungernden oder unterdrückten Menschen wo auch immer.

Wenn wir nicht begreifen, dass wir die Welt zu einer besseren machen, wenn wir unserer eigenen privilegierten Ausgangslage bewusst werden und aufhören, uns über Kleinkram zu grämen und ständig mehr wollen, anstatt das Vorhandene zu lieben und zu schätzen, dann haben wir den Sinn des Lebens nicht begriffen. Wir tragen Verantwortung dafür, dass wir es gut haben. Das heißt nicht, dass wir Schuldgefühle dafür hegen sollen, im Gegenteil. Aber es heißt, dass wir das beste daraus machen müssen und dafür sorgen, dass wir im Einklang mit uns selber und unseren Nächsten leben. Wenn Sie glücklich sind, liebe Jule, dann profitiert Ihr nächstes Umfeld direkt davon. Und davon wiederum das weitere Umfeld. “Nächstenliebe ist kein naives Konzept. Sie ist der erste Dominostein, der diese Welt zu einer besseren werden lässt.”

Genießen Sie Ihr Leben in vollen Zügen. Seien Sie so glücklich, wie Sie nur können. Und:teilen Sie dieses Gefühl mit möglichst vielen Menschen. Das ist Ihre Verpflichtung. Das ist Ihre Verantwortung.

Bringen Sie die Steine in Bewegung.

Ihr Peter Jensen

Dr. Peter Jensen • Ein Bekannter wird betrogen. Soll ich mich einmischen?

Ich weiß absolut sicher, dass ein Bekannter von mir betrogen wird. Soll ich es ihr sagen? Es ist kein enger Freund, aber man kennt sich halt. Das ist nicht das erste Mal, dass ich in dieser Situation bin. Damals habe ich geschwiegen. War das feige? Frank, 39

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Lieber Frank,

ich ein großer Verfechter der Wahrheit. Selbst dann, wenn sie wehtut. Und das tut sie halt leider oft, die liebe, gute Wahrheit.

Dr-Peter-Jensen
Dr. Peter Jensen

Hier ist das Ganze allerdings so eine Sache, weil komplizierter.  In der Liebe ist es eben selten ganz einfach. Und Sie schreiben ja selbst, dass es sich um einen Bekannten, und keinen engen Freund handelt. Das macht das Ganze noch schwieriger. Schließlich haben Sie KEINE Ahnung, was bei den beiden daheim der aktuelle Stand ist. Kann schon sein, dass der Mann das hintergangene Opfer und die Frau die “böse Fremdgeherin“ ist. Aber es gibt ebenso X andere Versionen, die ebenfalls zutreffen können.

Was, wenn die beiden eine offene Beziehung führen? Oder sich in einem Prozess befinden, in der sie herausfinden wollen, wohin die Beziehung weiter führen soll? Vielleicht weiß er ja auch davon und hat sich damit arrangiert. Ein Zustand, den ich übrigens sehr oft beobachte. Viele PartnerInnen ahnen, dass da nebenher noch was läuft, wollen es aber nicht allzu genau wissen oder wahrhaben. Häufig genug aus Angst vor Konsequenzen, wie dem Verlust der Komfortzone. Sie ist schließlich eine gute Mutter und treu sorgende Ehefrau, will man das wirklich alles aufgeben und der Sache auf den Grund gehen?

Zudem: aus der Geschichte wissen wir nur zu gut, dass der Überbringer von schlechten Nachrichten meistens gehängt wird. Und trotzdem gibt es Situationen, in denen man nicht die Klappe halten sollte. Da ich selber auch schon in dieser wirklich unangenehmen Lage war (nur hier war es  in der Konstellation umgekehrt), habe ich für mich selber eine goldene Regel geschaffen. Und die lautet so:

Wenn mir die Person so nahe steht, dass ich sie nach der Trennung, die aus dieser Nachricht ja resultieren könnte, für 2 Wochen bei mir wohnen lassen würde, dann sage ich ihr, was ich weiß. Wenn nicht, halte ich einfach mal meine Klappe und kehre weiter vor meiner eigenen Haustür.

Sie können diese Faustregel jetzt vielleicht unsinnig finden. Aber für mich funktioniert es. Denn nur so bin ich davor gefeit, mich in Dinge einzumischen, die mich ganz schlicht und ergreifend nichts angehen. Die Liebe hat so viele Gesichter und ich Maße mir nicht an zu urteilen, wie diese auszusehen haben. Und überdies schützt sie zuverlässig vor Aktionen, die nicht nur von reinem Altruismus geprägt sind. Denn nicht selten werden solche Beobachtungen von Schadenfreude begleitet. Und es wäre wirklich sträflich, wenn aus solch zwar menschlichen, und doch niederen Motiven, eine Beziehung gesprengt würde.

Ich hoffe sehr, dass meine Antwort Sie etwas aus der Bredouille holt. Und grüße Sie!

Ihr Peter Jensen

Dr. Peter Jensen: Wenn der Mensch-Köter sein Revier markiert

Vergangene Woche bin ich in einem etwas übervollen Einkaufszentrum von einem Mitmenschen ziemlich unsanft aus dem Weg geschoben worden. Ich war so erstaunt, dass ich darauf mit dem Mittelfinger reagiert habe. Wer von uns hat sich jetzt daneben benommen? – Michael, 35

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Lieber Michael,

je länger ich über Ihre Frage nachdenke, habe ich das Gefühl, sie seinen etwas auf den Hund zu kommen. Früher oder später lande ich bei einem Köter, der sein Revier mit dem Bepissen von Bäumen, Laternen, Autos, Hauswänden, Fahrrädern, Kinderwagen, Einkaufstaschen,… markiert.

Vielleicht ist der Zusammenhang für Sie nicht gleich ersichtlich, aber das Anrempeln im öffentlichen Raum ist in Tat und Wahrheit nichts anderes, als eine Ausweitung der eigenen Kampfzone, sprich des eigenen Territoriums.

Dr-Peter-JensenHunde tun dies vollkommen ungeniert und frei von jeglicher Scham ob dem eigenen „Egogewichse“. Menschen ebenso, wenn auch in etwas eleganterer Form. Da werden einem im Bus Rücksäcke um die Ohren gehauen, oder aber mit dem Designertäschchen freie Sitzplätze blockiert, als wäre die überteuerte Egoerweiterung in Leder ein eigenständiger, zahlender Fahrgast. (Entschuldigung, würden Sie vielleicht unter Umständen, wenn es Ihnen nichts ausmacht bitte Ihre Tasche vom Sitzplatz nehmen, damit ich mich hinsetzen kann, sie saublöde Schlampe mit den Kopfhörern in den Ohren, die vortäuschen sollen, dass sie mich nicht hören???) Wie auch immer es praktiziert wird, es geht eigentlich immer darum, den Raum um sich herum abzugrenzen gegen andere. Und obwohl uns hier in der Schweiz genügend Fläche zur Verfügung steht, sind wir immerfort damit beschäftigt, diese einzuzäunen und zu verteidigen. Sie dürfen dies gerne auch in einem größeren politischen Kontext verstehen, das ist sehr wohl auch meine Absicht.

Wenn man das große Glück hat, in einem Land voller Wohlstand aufzuwachsen und zu leben, dann kann es nämlich passieren, dass man plötzlich das Gefühl bekommt, man hätte diesen Ehrenplatz redlich verdient. Dass es großer Zufall ist, dass man in einem der reichen Länder das Licht der Welt erblickt hat und nicht die Arschkarte gezogen hat mit dem Land auf der anderen Seite der Statistik (nämlich Sierra Leone), blenden wir dabei großzügig aus. Anstatt zu teilen verstärken wir die Landesgrenzen und schotten uns und unseren Reichtum gegen Menschen mit weniger Dusel ab.

Die Verteidigung des eigenen Terrains findet demnach im Großen wie im Kleinen statt. Wobei ich damit nicht sagen möchte, dass Ihr Erlebnis geringfügig ist! Ich wurde selber einmal beim Einsteigen in den Zug von einem anderen Mann dermaßen grob zur Seite geschubst, dass ich nicht anders konnte, als eine Viertelstunde lang auf dem Bahnsteig stehen zu bleiben und die Abdrücke meiner Schuhsohlen stampfend im Beton zu verewigen. Der körperliche Angriff hatte mich so schockiert und in meiner persönlichen Integrität verletzt, dass ich leider nicht imstande war, den Mittelfinger zu mobilisieren. Wenn ich die Chance bekäme, die Zeit zurückzudrehen, dann würde ich dem Rüpel den Finger zeigen und gleichzeitig einen Tritt in Richtung des Gemächts verpassen. Weil dies leider nicht möglich sein wird, muss ich mich damit begnügen, etwas an Ihrer Reaktion zu partizipieren. In diesem Sinne danke ich Ihnen für die Genugtuungsbemühung und grüße Sie freundlich

Ihr Peter Jensen

Dr. Peter Jensen über glückliche & unglückliche Menschen

Lieber Peter Jensen. Was unterscheidet glückliche von unglücklichen Menschen? Jonas, 39

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Hallo Jonas!

Im Prinzip die An- oder Abwesenheit von Glück. Aber für das Dasein oder Fehlen dieses Zustands ist man selber verantwortlich. Das Glück fällt einem nur dann in den Schoss, wenn man die Beine etwas dafür spreizt.

Dr-Peter-JensenIch denke, dass glückliche Menschen in erster Linie über mehr Ressourcen in ihrem Leben verfügen, als es unglückliche tun. Und dabei verstehe ich unter ‘Ressourcen’ keinesfalls Geld oder andere Besitztümer im monetären Sinne, sondern vielmehr einen imaginären Rucksack voller positiver Eindrücke, Erinnerungen und Erfahrungen, auf die jederzeit zugegriffen werden kann. Für diese These würde auch sprechen, dass im Wohlstand lebende Menschen keinesfalls automatisch zufriedener sind, als solche die um ihre Existenz kämpfen müssen. Es scheint mehr die Gabe zu sein, sich an einem zaghaften Lächeln, dass einem im vollen Bus geschenkt wird, zu erfreuen.

Lebt man sein Leben in Achtsamkeit und ist man empfänglich für die kleinen Geschenke, die einem der Alltag macht, oder erwartet man Glück in einer vorgestanzten Form und mit einem gut leserlichen Preisschild versehen? Kann das Lieblingslied, dass im frühmorgendlichen Stau im Autoradio gespielt wird, ein Lächeln entlocken, oder regt man sich lieber darüber auf, dass die Songs davor und danach nicht in die persönliche Playliste passen?

Ich bin in meinem Therapie-Alltag immer wieder erstaunt, wie wenig Augenmerk auf persönliche Ressourcen gelegt wird. Viele Menschen wissen zwar haargenau, was ihnen gut tun würde, belassen es aber beim theoretischen Wissen, anstatt es sich zu gönnen. Andere haben schlicht keinen Zugang zu diesem oben erwähnten Rucksack, oder sind sich noch nicht einmal bewusst darüber, dass ein solcher existiert. Dabei beherrscht es praktisch jeder Mensch, sich ob der Erinnerung an einen ärgerlichen Moment in seinem Leben innert kürzester Zeit erneut zu erzürnen. Dass diese Methode auch in Richtung Glück und Freude funktioniert, realisieren aber wenige. Dabei sind es oft ganz kleine und unspektakuläre Dinge, die einem das Herz zu erwärmen vermögen. Die Kunst ist nur, diese zu erkennen und in mentaler oder buchstäblicher Griffnähe bei sich zu haben.

Für mich sind es genau in diesem Moment, in der ich Ihnen diese Antwort schreibe, der frisch gebrühte Kaffee aus der blassrosa Kapsel, den ich aus einem uralten handbemalten Tässchen, an welchem bereits die Farbe abblättert, trinke. Vermutlich würde der Kaffee aus einer unansehnlichen Kapsel und aus einem Plastikbecher nicht viel anders schmecken. Aber Glücksgefühle würde er mir keine entlocken.

Glückliche Menschen hadern auch mit ihrem Schicksal und fluchen auch über eine zu hohe Steuerrechnung. Aber sie haben den Trumpf vieler kleiner Daseinsfreuden und damit ein Werkzeug in der Hand, sich jederzeit in einen gewünschten Zustand zu versetzen. Sie erfreuen sich auch am Glück von anderen, anstatt grün vor Neid Gift und Galle zu spucken.

Mit herzlichem Gruß. Ihr Peter Jensen

Dr. Peter Jensen • Wir wünschen uns ein zweites Kind – bisher erfolglos

Hallo Herr Jensen! mein Mann und ich wünschen uns schon lange ein zweites Kind. es will einfach nicht klappen. meine Freundinnen sagen mir nun immer: es klappt nicht, weil ihr es euch zu sehr wünscht. meine Frage deshalb an sie: wie schafft man es, dass man sich etwas nicht mehr so wünscht? ist es wie mit dem Rauchen aufhören? ich wäre wirklich sehr dankbar für einen Rat.

Liebe Grüße. Alice, 35 trennlinie2

Liebe Alice,

mit dem lieben Nachwuchs ist es so eine Sache. Entweder kommt er unverhofft und unerwartet, oder aber er lässt einen vor der leeren Wiege schmoren.
Ihre Freundinnen mögen es ja gut meinen und darüber hinaus gar nicht so ganz unrecht haben, wenn Sie Ihnen sagen, dass Sie es sich einfach zu fest wünschen. Aber was bringt Ihnen dieser Rat? Es ist, als würde man Ihnen befehlen: “Du darfst auf gar keinen Fall an einen rosa Elefanten denken!” Es gelingt schlicht und ergreifend nicht.

Und es ist auch vollkommen ok, das sie daran denken. Schließlich führt Sie diese Stärke in anderen Bereichen genau dorthin, wo Sie wollen, nämlich zum Ziel. Sie können nichts dafür, dass es sich hier anders zu verhalten scheint.

Dr-Peter-JensenDie Analogie mit der Entwöhnung vom Rauchen ist nicht ganz falsch. Die meisten Bemühungen zielen darauf ab, es nicht mehr zu tun. Ich will jetzt nicht mehr rauchen! Aber auch das funktioniert in der Regel nicht, weil unser Hirn zwar extrem schlau, aber dennoch nicht fähig ist, Negationen zu verstehen. Und überhaupt! Stellen Sie sich einmal vor, wie ein verzweifelter Raucher aus der Wäsche guckt, wenn man ihm sagt, er solle doch einfach nicht mehr ans Rauchen denken und einfach damit aufhören…

Wie sehr Sie sich drum vornehmen, nicht mehr an das Baby zu denken, umso mehr denken Sie daran. Das ist nichts als logisch und funktioniert bei uns allen so. Das ist doppelt hinderlich, weil Sie damit genau das Gegenteil erzielen (also doppelt so oft an das Baby denken) und dabei vermutlich auch noch Schuldgefühle haben (weil Sie es einfach nicht schaffen, nicht an das Baby zu denken). Sie müssen selber zugeben, dass diese beiden Denkfallen recht viel Druck auf Sie und die ganze Situation ausüben.

Ich bin auch der Meinung, dass es nicht gerade förderlich ist, zwecks Vermehrung nach der inneren Eieruhr ins Bett zu steigen, aber das wissen Sie bestimmt selber und davon schreiben Sie ja auch nichts. Dennoch ist es äußerst schwierig, so einen starken Wunsch und Gedanken gänzlich beiseite zu schieben. Aber das müssen Sie auch gar nicht, keine Sorge.

Wenn Sie mit diesem Thema zu mir in die Praxis kommen würden, dann würde ich mit Ihnen gemeinsam versuchen herauszufinden, ob vielleicht noch etwas anderes, zusätzliches hinter dem Thema steht, als der nackte Kinderwunsch. Geht es vielleicht auch noch darum, dass man sich nur mit zwei Kindern als “richtige” Familie empfindet oder fühlt man sich dem vorhandenen Kind verpflichtet, weil man nicht möchte, dass es ein Einzelkind bleibt? Hinter jedem offensichtlichen Thema stecken meistens viele verborgene und es bringt schon sehr viel, wenn man diesen einmal etwas Raum gibt. Sobald hintergründige Aspekte ins Bewusstsein treten, kann man versuchen, für diese eine Lösung zu finden. Des Weiteren würde ich mit Ihnen nach einem Weg suchen, der Ihnen und Ihrem Mann etwas vom vorhandenen Druck wegnimmt. Es ist so unglaublich schwierig, sich von etwas weg zu bewegen, solange man nicht weiß, wohin man sich stattdessen bewegen könnte. Das “weg von” ist zwar ein starker Antrieb, reicht aber meistens nicht aus, solange kein attraktives “hin zu” vorhanden ist.

Überlegen Sie sich doch gemeinsam einmal, was es gibt, was Ihnen beiden grosse Freude macht. Geben Sie Ihrem Herzen und Ihrem Hirn neues Futter und locken Sie sie damit in eine andere Richtung. Das kann ein Tanzkurs sein, ein gemeinsames Projekt, oder was auch immer. Es geht dabei weniger darum, sich selber abzulenken (das funktioniert ja meistens eh nicht), sondern vielmehr darum, seine Aufmerksamkeit in eine neue Richtung zu lenken.

Vielleicht mag Ihnen dieser Rat nun allzu trivial erscheinen und die Wahrheit ist, er ist es auch! Aber oft sind es gerade die einfachen Sachen, die bestechend gut funktionieren. Man muss sich nur überwinden und ihnen eine Chance geben. Meistens sucht man viel zu weit und nach zu komplexen Antworten, weil man den naheliegenden nicht über den Weg traut. Aber ich bin der Meinung, dass man immer zuerst das simple ausprobieren sollte, bevor man es sich selber schwierig macht.

Kann gut sein, dass das gemeinsame Tango tanzen neue Leidenschaft für einander entfacht, die dem bestehenden Projekt in Schoss und Hände spielt. Und wenn nicht, haben Sie immerhin gemeinsame Zeit und Freude aneinander ver- und erlebt. Versuchen Sie so gut es geht, ziellos zu sein. Sobald Sie das gemeinsame Tanzen als Fruchtbarkeitsübung ansehen, können Sie es auch gleich wieder lassen.

Geben Sie allem Raum, was Leichtigkeit in die Liebe und die Beziehung bringt und wagen Sie gemeinsam Neues!

Mit ganz herzlichem Gruss! Ihr Peter Jensen

Dr. Peter Jensen • Der abgehauene Vater – suchen oder ziehen lassen?!

Eine Fragestellung aus meiner Praxis:
Ich war 2 Monate alt, als mein Vater abgehauen ist. Ich hatte nie das Gefühl, dass mir etwas fehlt im Leben. Trotzdem habe ich plötzlich das Bedürfnis, ich müsse ihn treffen bevor es zu spät ist. Wieso er uns sitzen liess, weiss ich nicht. Meine Mutter sprach nie von ihm. Mit 12 habe ich ihm geschrieben, dass ich ihn treffen will. Es hiess, er wolle mich nicht sehen, weil er eine andere Familie hat. Mit anderen Kindern. Er wohnt nur eine halbe Stunde entfernt. Ich habe extrem Anst vor einem Treffen. Zwar habe ich keine Erwartungen, er ist ja einfach ein fremder Mann. Was aber, wenn er ein kompletter Arsch ist? Soll ich mein Besuch ankündigen oder ihn einfach zu Hause überrumpeln? Θ Nora, 28

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Ich stelle mir Ihre Situation sehr gespalten vor. Auf der einen Seite gibt es einen Part, den Sie bis anhin nicht gekannt und kaum vermisst haben, auf der anderen Seite fehlt er eben trotzdem und lässt nicht los.

Das geht vermutlich jedem Menschen so, der in einer ähnlichen Situation aufgewachsen ist. Dass Ihre Mutter nicht über Ihren Vater sprechen mag, macht das Ganze natürlich nicht einfacher und ist im Grunde genommen auch nicht richtig. Sie trägt eine gewisse Mitverantwortung für Ihre Lage und es wäre wünschenswert, wenn sie Sie etwas unterstützen würde, indem sie sich Ihren Fragen stellt. Das heißt natürlich nicht, dass Ihre Mutter eine Verantwortung dafür trägt, dass Ihr Vater nach 2 Monaten abgehauen ist, aber zumindest dafür, dass Sie mit Ihnen darüber spricht. Vermutlich ist es für sie noch immer dermaßen schmerzhaft, dass Sie dazu nicht im Stande ist und darum sollten Sie ihr deswegen nicht böse sein.

Dr-Peter-JensenAber lassen Sie uns nun über Ihrem Vater sprechen. Sie haben ihm als 12jähriges Mädchen einen Brief geschrieben, welchen er nicht beantwortet hat. Das hat vermutlich verdammt viel Mut gekostet und darum kann ich mir nur zu gut vorstellen, wie groß Ihre Enttäuschung sein musste, dass er diesen Mut so gar nicht belohnt hat. Dafür kann es viele Gründe geben. Vielleicht war es Unfähigkeit oder Unwillen. Es gibt Männer und auch Frauen, die von einem Tag zum andern ihr altes Leben verlassen, um dann ein neues zu beginnen. Dieses möchten sie dann nicht mit dem vorhergehenden Dasein vermischen und denken nicht über die Konsequenzen für alle Beteiligten nach. So furchtbar egoistisch das auch klingt, ein absoluter Schnitt scheint gewissen Menschen in der gegebenen Situation die einzige für sie machbare Option.

Sein nicht-reagieren kann aber auch ein Resultat äußerer Einflüsse sein. Gut möglich, dass seine neue Frau damit nicht einverstanden ist, dass er zu Ihnen den Kontakt aufnimmt. Es ist ein verbreitetes Problem, dass Menschen eine ungeheure Eifersucht auf Ex-PartnerInnen entwickeln können und diese Angst scheint noch grösser zu sein, wenn ein Kind im Spiel ist. Es gibt so viele (auch unterschwellige) Gründe, die weder Sie noch ich kennen.

Ich verstehe Ihr Bedürfnis, ihn zu treffen sehr gut! Sie sind nun eine junge erwachsene Frau und wollen diesen blinden Fleck lösen, damit Sie endlich zur Ruhe kommen können. Und dazu rate ich Ihnen auch. Es kann gut sein, dass die Begegnung furchtbar unschön und schmerzhaft für Sie wird, ich persönliche kenne genau so eine Geschichte, die mit einer frustrierenden Begegnung am Hauptbahnhof geendet hat. Und trotzdem ist es besser, als sich den Rest des Lebens den Kopf darüber zu zerbrechen, was wäre wenn. Eine Verletzung, die man erfahren hat, kann heilen. Ein Phantomschmerz, der einen wegen Ungewissheit quält, verschwindet dagegen nie.

Sprechen Sie mit Ihrer Mutter darüber. Wenn möglich an einem neutralen Ort. Vielleicht ist sie bereit, den Kontakt zu Ihrem Vater aufzunehmen und zu vermitteln. Falls dies nicht möglich ist, schreiben Sie ihm einen Brief, in dem Sie Ihre Gefühle schildern. Erheben Sie keine Vorwürfe und versuchen Sie, so wenige Erwartungen wie möglich zu haben. Natürlich wäre es besser, wenn Sie ihn vor der eigentlichen Begegnung per Brief informieren, damit er sich vorbereiten kann. Falls das nicht möglich ist, weil seine Frau den Brief verschwinden lässt oder er von sich aus nicht darauf reagiert, müssen Sie sich auf seine Ablehnung gefasst machen. Dann wird er Sie kaum mit offenen Armen empfangen, wenn Sie plötzlich vor seiner Türe stehen.

Bereiten Sie sich auch auf dieses Szenario vor. Hier lohnt es sich durchaus, sich mit dem „worst case“ auseinanderzusetzen um dann nicht emotional zusammen zu brechen, falls er Sie vor der Türe stehen lässt. Bereiten Sie ein Notfallszenario vor. Bitten Sie eine Freundin Sie zu begleiten oder zumindest in sicherem Abstand zu bleiben. Sie sollten auf keinen Fall alleine sein, falls Ihr Vorhaben misslingt.

Und dennoch glaube ich, dass es für Sie gesünder ist, Ihren Vater eventuell von dieser Seite kennen zu lernen, als gar nicht. Mit einem Arschloch kann man besser umgehen, als mit einem Phantombild. Aber selbst wenn er der Begegnung aus dem Wege gehen sollte, muss das nicht automatisch bedeuten, dass das obengenannte Schimpfwort auf ihn zutrifft. Vermutlich wird Ihr Vater genau so viel Angst haben, wie Sie. Wenn nicht mehr. Und darüber hinaus noch durchtränkt sein von seinem schlechten Gewissen, Sie und Ihre Mutter im Stich gelassen zu haben. Männer kehren Angst oft in angebliche Stärke oder Kälte um, um sich selber zu schützen. Lassen Sie sich davon nicht blenden.

Ich wünsche Ihnen viel Kraft und Mut und grüße Sie herzlichst.

Peter Jensen

Wenn Sie auch eine Frage haben, senden Sie diese gern an redaktion@derblaueritter.de

Was (m)ein Kind braucht – ein Anfang

Für diesen kleine Sammlung von Prioritätn habe ich mit zahlreichen Vätern in meiner Praxis gesprochen. Neben vielen guten Anregungen gab es – für meine Begriffe – zu viele Männer, die abgeblockt haben. Mit der Begründung niemand habe sich in die Familienangelegenheiten einzumischen. Schade fand ich, dass es eine Bitte um Erfahrungen und Anregungen scheinbar als persönlcihen Angriff gewertet wurde. Mein alter Philosophielehrer pflegte in solchen Fällen zu sagen: Nachtigall, ick hör Dir trappsen.

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Anwesenheit – physisch und mit allen Sinnen.  Ein Kind braucht Interaktion, da es aufs Lernen gepolt ist. Immer.  Lassen Sie auch nicht zu, dass Ihr Kind nur noch durch Schule lernt; bringen Sie täglich spielerische Aspekte mit ein. Wissen Sie noch, was Ihnen als Kind Spaß gemacht hat?  Woran Sie gern gebastelt haben, woraus Sie gern rumgebolzt sind. Bieten Sie dies doch ihrem Kind an und machen mit. Entdecken Sie wieder das Kind im Manne und zwar mit Ihrem Zögling. Und damit ist nun wirklich nicht das Herumbrettern mit dem Motorrad gemeint.

Beschützen – nach außen, nach innen. Schutz zeigt man, lebt man vor; darüber sprechen muss man nur bedingt. Es ist ja selbst für Erwachsene kaum greifbar, was damit konkret gemeint ist.

Ansprechbar sein – mein Kind ist wichtiger als die Zeitung, das tablet oder mein Hobby. Wie wäre es, sein Kind mit einzubinden? Selbstverständlich sollte jeder, egal ob Vater oder Mutter, Freiraum für sich haben und diesen auch nutzen. Denn nur wenn es den Eltern gut geht, haben diese die Energie, es ihren Kindern gut gehen zu lassen. Nur sollte halt das Kind nicht darunter leiden.

Respekt – auch wenn es in Ihren Mannesaugen um ein unreifes Kind geht. Denken Sie daran, es gibt immer alles was es kann. Ganz davon abgesehen, dass Sie sich als Kind selbst schlecht gefühlt haben, wenn Sie nicht ernst genommen wurden mit Ihren Bedürfnissen.

Vorbild sein – Kinder lernen in dem sie abschauen und nachahmen. Es kann also durchaus sinnvoll sein, die eigenen Angewohnheiten zu überprüfen.

Finanziell Verantwortung übernehmen.

Verlässlichkeit – Kinder lernen sehr schnell, wenn Eltern und insbesondere Väter unter „Zeitmangel“ ihre Versprechungen nicht halten. Und wie können Sie von Ihrem Kind erwarten, dass es später anders mit Ihnen umspringt.  Ein gewichtiger Punkt ist dabei sicherlich, auch wenn es am Himmel eher dunkle Wolken hat, seinem Kinde deutlich zu zeigen, dass Sie trennen: zwischen dem Ärgernis und Ihrer bedingungslosen Liebe. Da braucht es keine großen Worte, sondern körperliche Nähe.

Das Kind wirklich annehmen – was bedeutet, die obigen Verhaltensweisen umzusetzen. Ein Kind, insbesondere das eigene sollte niemals als Störfaktor empfunden werden. Der Fehler liegt dann grundsätzlich beim Erwachsenen.  Denn es ist dessen Aufgabe klar zu kommunizieren, Strukturen zu leben und allumfassende Liebe zu geben.

Alfred Adler – Der Sinn des Lebens – 1. Die Meinung über sich und über die Welt

Der Sinn des Lebens - Alfred Adler
Der Sinn des Lebens – Alfred Adler

Es ist für mich außer Zweifel, daß jeder sich im Leben so verhält, als ob er über seine Kraft und über seine Fähigkeiten eine ganz bestimmte Meinung hätte; ebenso, als ob er über die Schwierigkeit oder Leichtigkeit eines vorliegenden Falles schon bei Beginn seiner
Handlung im klaren wäre; kurz, daß sein Verhalten seiner Meinung entspringt. Dies kann um so weniger wundernehmen, als wir nicht imstande sind, durch unsere Sinne Tatsachen, sondern nur ein subjektives Bild, einen Abglanz der Außenwelt zu empfangen. »Omnia ad opinionem suspensa sunt.« Dies Wort Senecas sollte bei psychologischen Untersuchungen nicht vergessen werden. Unsere Meinung von den großen und wichtigen Tatsachen des Lebens hängt von unserem Lebensstil ab. Nur dort, wo wir unmittelbar auf Tatsachen stoßen, die uns einen Widerspruch zu unserer Meinung von ihnen verraten, sind wir geneigt, in unmittelbarer Erfahrung im kleinen unsere Ansicht zu korrigieren und das Gesetz der Kausalität auf uns wirken zu lassen, ohne unsere Meinung vom Leben zu ändern. In der Tat hat es für mich die gleiche Wirkung, ob nun eine Giftschlange sich meinem Fuß nähert, oder ob ich glaube, daß es eine Giftschlange ist. Das verzärtelte Kind verhält sich ganz gleichartig in seiner Angst, ob es sich nun vor Einbrechern fürchtet, sobald die Mutter es verläßt, oder ob wirklich Einbrecher im Hause sind. In jedem Falle bleibt es bei seiner Meinung, daß es ohne die Mutter nicht sein könne, auch wenn es in seiner angsterregenden Annahme widerlegt wird. Der Mann, der an Platzangst leidet und die Straße meidet, weil er Gefühl und Meinung hat, der Boden schwanke unter seinen Füßen, könnte sich in gesunden Tagen nicht anders benehmen, wenn der Boden unter seinen Füßen wirklich schwankte. Der Einbrecher, der der nützlichen Arbeit ausweicht, weil er, unvorbereitet zur Mitarbeit, irrtümlicherweise das Einbrechen leichter findet, könnte die gleiche Abneigung gegen die Arbeit zeigen, wenn sie wirklich schwerer wäre als das Verbrechen. Der Selbstmörder findet, daß der Tod dem, wie er annimmt, hoffnungslosen Leben vorzuziehen ist. Er könnte ähnlich handeln, wenn das Leben wirklich hoffnungslos wäre. Dem Süchtigen bringt sein Giftstoff Erleichte- rung, die er höher schätzt als die ehrenhafte Lösung seiner Lebensfragen. Wenn dem wirklich so wäre, er könnte ähnlich handeln. Der homosexuelle Mann findet die Frauen, vor denen er sich fürchtet, nicht anziehend, während ihn der Mann, dessen Eroberung ihm als Triumph erscheint, anlockt. Sie alle gehen jeweils von einer Meinung aus, die, wenn sie richtig wäre, auch ihr Verhalten objektiv richtig erscheinen ließe. Weiterlesen

Alfred Adler – Der Sinn des Lebens – vollständige Ausgabe

„Der Mensch weiß viel mehr, als er versteht.“ – Alfred Adler

Alfred Adler betonte, der Mensch sei eine untrennbare Ganzheit aus Körper, Seele und Geist.
Alfred Adler betonte, der Mensch sei eine untrennbare Ganzheit aus Körper, Seele und Geist.

Alfred Adler wurde 1870 in Wien geboren. Er entschied sich früh für den Arztberuf, den er dann lange Jahre in Wien ausübte. Sigmund Freud forderte ihn 1902 auf, seiner Studiengruppe beizutreten; im Laufe der gemeinsamen Arbeit entwickelte Adler aber seine eigenen Ansichten, so daß es 1911 zu einem offenen Bruch zwischen den beiden kam. Adler begründete nun seine eigene Auffassung der Individualpsychologie mit einer eigenen Schule und einer eigenen Zeitschrift. Ab 1925 reiste er häufig nach Amerika, wo er sich 1935 endgültig niederließ. Hier fand seine Psychologie große Beachtung und Anerkennung bis in die Gegenwart. Während einer Vortragsreise starb Alfred Adler 1937 in Aberdeen.

Über das Buch:

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Ralph Waldo Emerson – Persönlichkeit & »Character«

Ralph Waldo Emerson - 1803 bis 1882Ich hab‘ einst gelesen, daß alle, die Lord Chatham sprechen hörten, stets das Gefühl hatten, es müsse in dem Manne etwas Feineres, Höheres sein als alles, was er aussprach. Man hat wider unseren glänzenden englischen Historiker der französischen Revolution die Klage vorgebracht, daß alle Thaten, die er von Mirabeau zu berichten weiß, die Meinung, die er von seinem Genie hat, nicht rechtfertigen. Die Gracchen, Agis, Kleomenes und andere der plutarchischen Helden können mit dem Bericht dessen, was sie gethan, ihrem eigenen Ruhm nicht die Wage halten. Sir Philip Sidney, der Graf von Essex, Sir Walter Raleigh sind lauter Männer von großer Bedeutung und wenig Thaten. Wir können kaum den kleinsten Teil vom persönlichen Gewichte Washingtons in der Geschichte seiner Leistungen finden. Die Autorität, die der Name Schillers besitzt, ist zu groß für seine Schriften. Dieses Mißverhältnis zwischen dem Ruf und den Werken oder Anekdoten läßt sich nicht mit Phrasen beseitigen wie etwa: der Wiederhall dauere stets länger als der Donner; sondern es stak etwas in diesen Männern, das eine Erwartung erzeugte, die über jede mögliche Leistung hinausging. Der größte Teil ihrer Kraft war latent. Dies ist es, was wir »Persönlichkeit« nennen, – eine aufgespeicherte Kraft, die unmittelbar und durch ihre bloße Gegenwart wirkt. Dieselbe muß als eine nicht demonstrierbare Kraft aufgefaßt werden, gleich einem spiritus familiaris oder Dämon, durch dessen Impulse der Mann geleitet wird, dessen Ratschläge er jedoch nicht mitteilen kann; der ihm Gesellschaft leistet, sodaß solche Leute meist die Einsamkeit lieben, oder wenn sie zufällig geselliger Natur sein sollten, so brauchen sie doch die Gesellschaft nicht, sondern können sich recht gut allein unterhalten. Das reinste litterarische Talent erscheint manchmal größer und manchmal geringer, aber die Persönlichkeit, der Charakter, besitzt eine sternenhafte, unveränderliche Größe. Was andere durch Talent oder Überredung erzielen, das bewirkt sie durch eine Art Magnetisierung. »Die Hälfte seiner Kraft setzte er gar nicht in Thätigkeit.« Er erficht seine Siege durch die bloße Demonstration seiner Superiorität, nicht durch das Kreuzen der Bayonette. Er gewinnt, weil durch seine Ankunft die ganze Sachlage überhaupt eine andere wird. »O Jole woher wußtest du, daß Herakles ein Gott war?« »Weil,« antwortete Jole, »ich in dem Augenblick zufrieden war, in dem meine Augen auf ihn fielen. Als ich Theseus erblickte, da wünschte ich ihn zum Kampfe vortreten oder wenigstens seine Rosse beim Wagenrennen lenken zu sehen; aber Herakles wartete nicht auf den Kampf; er siegte, ob er stand oder ging oder saß, oder was er sonst thun mochte.« Der Mensch, der gewöhnlich den Ereignissen nachhinkt, der mit der Welt, in der er lebt, nur halb, und das ungeschickt genug, verknüpft ist, scheint in solchen Exemplaren seiner Gattung das Leben der Natur zu teilen und ein Ausdruck der Gesetze zu sein, die Ebbe und Flut, die Sonne, die Zahlen und Größen regieren.
Bei unseren politischen Wahlen, bei welchen dieses Element, wenn überhaupt, nur in seiner rohesten Form auftreten kann, wissen wir dennoch seinen unvergleichlichen Wert gar wohl zu schätzen. Die Leute wissen, daß ihr Vertreter viel mehr als bloßes Talent haben muß, nämlich die Kraft, sein Talent vertrauenswürdig zu machen. Sie erreichen ihre Zwecke nicht damit, daß sie einen gelehrten, scharfen und gewandten Redner in den Kongreß entsenden, wenn er nicht zugleich ein Mensch ist, der, bevor er vom Volke erwählt ward, es zu vertreten, vom allmächtigen Gott erwählt wurde, eine Sache zu vertreten – eine Sache, von der er innerlich aufs unerschütterlichste überzeugt ist – sodaß die dreistesten und die gewaltthätigsten Leute einsehen müssen, daß sie hier einem Widerstande begegnen, an dem Unverschämtheit und Einschüchterung gleich verschwendet sind, nämlich der Überzeugung, dem Glauben an die Sache. Die Leute, die ihren Standpunkt zu behaupten wissen, brauchen ihre Wähler nicht erst zu fragen, was sie sprechen sollen, sondern sind selbst das Land, das sie vertreten; nirgends spielen sich seine Erregungen und Meinungen so augenblicklich und wahrhaft ab, wie in ihnen; nirgends treten sie so frei von jedem selbstsüchtigen Nebeninteresse auf! Die Wählerschaft lauscht daheim auf ihre Worte, beobachtet die Farbe ihrer Wangen und richtet, wie nach einem Spiegel, ihre eigene danach. Unsere öffentlichen Versammlungen sind recht gute Probeplätze männlicher Kraft. Unsere freimütigen Landsleute im Westen und Süden haben einen Spürsinn für Persönlichkeiten und lieben es zu wissen, ob der Neu-Engländer ein substantieller Mensch ist, oder ob man die Hand durch ihn hindurchstecken kann.

Dieselbe bewegende Kraft zeigt sich im Handel. Es giebt kaufmännische Genies, so gut wie kriegerische, staatsmännische oder wissenschaftliche; und der Grund, warum der eine Glück hat und der andere nicht, läßt sich nicht sagen. Es liegt im Menschen; das ist alles, was man davon sagen kann. Seht ihn an und ihr werdet seinen Erfolg begreiflich finden, wie ihr das Glück Napoleons begreifen würdet, wenn ihr ihn sähet. Auf dem neuen Gebiet bleibt es das alte Spiel, die Gewohnheit, den Dingen ins Angesicht zu schauen, und nicht aus zweiter Hand, nicht nach den Vorstellungen anderer mit ihnen zu verfahren. Von der Natur selbst scheint der Handel autorisiert, sobald wir den natürlichen Kaufmann erblicken, der kaum mehr wie ein privater Geschäftsmann, sondern als ihr Agent und Handelsminister erscheint. Seine natürliche Rechtschaffenheit, verbunden mit seiner Einsicht in den Bau der Gesellschaft, erhebt ihn über alle Kniffe, und wer mit ihm zu thun hat, dem teilt er seine Überzeugung mit, daß Verträge sich nicht zu beliebigem Vorteil auslegen lassen. Sein Geist hat die natürliche Billigkeit und den allgemeinen Nutzen zur beständigen Richtschnur; er flößt zugleich Respekt und den Wunsch, mit ihm in Verbindung zu treten, ein, und dies sowohl durch die stille Atmosphäre von Ehrenhaftigkeit, die ihn umgiebt, als auch wegen des geistigen Vergnügens, das das Schauspiel solcher vielverwendbarer Fähigkeiten gewährt. Dieser ins Ungeheuere ausgedehnte Handel, der die Vorgebirge der Südsee zu seinen Werften und den Atlantischen Ocean zum Hafen seines Hauses macht, hat sein Centrum in diesem einen Hirn, und kein Mensch in der Welt kann seinen Platz ausfüllen. Schon in seinem Sprechzimmer erkenn‘ ich, daß er heute morgen schon hart gearbeitet hat, an den Falten seiner Stirn und an seiner bestimmten Art, die all sein Wunsch, höflich zu sein, nicht abschütteln kann. Ich sehe klar, wie viel feste, sichere Akte heute schon vollzogen worden sind, wie viel tapfere »Nein« an diesem Tage ausgesprochen worden, wo andere ein verderbliches »Ja« gesprochen hätten. Ich sehe neben dem Stolz der Kunst, der Gewandtheit meisterlicher Arithmetik und der ausgedehntesten Kombinationsgabe, sein Bewußtsein, ein Diener und Spielgefährte der ursprünglichsten Weltgesetze zu sein. Auch er ist überzeugt, daß niemand ihn ersetzen kann, und daß ein Mann für den kaufmännischen Beruf geboren sein muß, oder ihn nie erlernen kann.

Diese Kraft zieht den Geist mächtiger an, wenn sie sich in Handlungen, die nicht so gemischte Ziele verfolgen, offenbart. Mit höchster Energie tritt ihre Wirkung in den kleinsten Cirkeln und in privaten Beziehungen zu Tage. In allen Fällen bildet sie ein außerordentliches und unberechenbares Agens. Die größte physische Kraft wird durch sie paralysiert. Höhere Naturen überwältigen niedrigere, indem sie sie in einen gewissen Schlaf versetzen. Die Fähigkeiten werden gleichsam abgesperrt und leisten keinen Widerstand mehr. Vielleicht ist das das allgemeine Gesetz der Welt. Wenn das Hohe das Niedrige nicht zu sich emporheben kann, dann betäubt es das Objekt, wie der Mensch den Widerstand der niedereren Tiere niederzaubert. Die Menschen üben auch aufeinander dieselbe geheime Macht aus. Wie oft hat der Einfluß eines wahren Meisters alle Geschichten, die man von Zauberei erzählt, wahr gemacht! Ein Strom der Herrschaft schien sich aus seinen Augen auf alle, die ihn schauten, zu ergießen, ein unwiderstehlicher Strom starken, ernsten Lichtes, gleich einem Ohio oder den Wassern der Donau, der die anderen mit seinen Gedanken durchtränkte und allen Ereignissen die Farbe seines Geistes verlieh. »Welche Mittel habt Ihr angewendet?« fragte man die Frau Concini’s, als man herausbringen wollte, wie sie Maria von Medici behandelt hatte, und die Antwort war: »Nur die Mittel, die jeder starke Geist über einen schwachen hat.« Kann nicht Cäsar in Ketten die Ketten abschütteln und sie Hippo oder Thraso, dem Schließer, aufzwingen? Ist eine eiserne Handschelle eine so unzerreißbare Fessel? Nehmt einmal an, ein Sklavenhändler an der Küste von Guinea nähme einen Trupp Neger an Bord, der Personen vom Schlage Toussaint L’Ouverture’s enthielte, oder stellen wir uns vor, er hätte unter diesen schwärzlichen Masken einen Trupp Washingtons in Ketten. Wird, wenn sie in Cuba eintreffen, die Ordnung und das Verhältnis der Schiffsgesellschaft noch dasselbe sein? Giebt es denn nichts als Stricke und Eisen? Giebt es keine Liebe, keine Ehrfurcht? Giebt es denn nie einen Funken von Rechtsgefühl in dem Haupt eines armen Sklavenschiffshauptmanns, und sollten diese wirklich nicht imstande sein, die Spannung von ein oder zwei Zoll eiserner Ringe zu brechen, zu lösen oder sonst wie zu überwältigen?

Persönlichkeit ist eine Naturkraft wie Licht und Wärme, und die ganze Natur arbeitet mit ihr. Der Grund weshalb wir die Gegenwart eines Menschen empfinden und die eines anderen nicht, ist so einfach wie die Schwerkraft. Wahrheit ist der Gipfel des Seins: Gerechtigkeit ist ihre Anwendung auf die Lebensverhältnisse. Alle individuellen Naturen stehen in einer Stufenleiter, geordnet nach der Reinheit, in der dieses Element sich in ihnen findet. Der Wille reiner Menschen strömt von ihnen auf Geringere herab, wie Wasser aus einem höheren Gefäß in ein tieferes hinabfließt. Dieser Naturkraft läßt sich so wenig Widerstand entgegensetzen wie irgend einer anderen. Wir können wohl einen Stein für einen Augenblick aufwärts in die Luft treiben; es bleibt dennoch wahr, daß alle Steine zuletzt zur Erde fallen, und wie viel Beispiele von unbestraftem Diebstahl, von Lügen, die Glauben gefunden, sich auch aufzählen lassen, der Gerechtigkeit muß der Sieg bleiben, und es ist das Vorrecht der Wahrheit, sich selbst Glauben zu verschaffen. Nun, Persönlichkeit ist dieses selbe moralische Gesetz, durch das Medium individueller Naturen gesehen. Jedes Individuum ist ein Gefäß. Zeit und Raum, Freiheit und Notwendigkeit, Wahrheit und Ideen sind nun nicht mehr im Freien. Die Welt wird ein Gehege, ein Pfandhaus. Das Universum steckt in dem Menschen, individuell gefärbt je nach der eigentümlichen Art seiner Seele. Mit den Qualitäten, die er besitzt, imprägniert er alles, was er erreichen kann; hat aber nicht das Bestreben, sich in die Weite zu verlieren, sondern seine Blicke kehren, wie lang die Kurve auch sein mag, die sie beschreiben, zuletzt immer wieder zu seinem eigenen Gut zurück. Er belebt alles, was er beleben kann, und sieht auch nur das, was er belebt. Er schließt die Welt ein, wie der Patriot sein Vaterland, als die materielle Basis seines Charakters, als den Schauplatz seines Thuns. Eine gesunde Seele verbindet sich mit dem Gerechten und Wahren, wie der Magnet sich nach dem Pole richtet, sodaß er für alle Beschauer gleich einem transparenten Gegenstand zwischen ihnen und der Sonne steht, und wer immer sich auf die Sonne zu bewegt, sich auch ihm zu bewegen muß. So wird er das Medium des höchsten Einflusses für alle, die nicht auf derselben Höhe stehen. Und so sind Menschen von Charakter das Gewissen der Gesellschaft, der sie angehören.

Das natürliche Maß dieser Kraft ist der Widerstand, den sie den Verhältnissen entgegensetzt. Unreine Menschen sehen das Leben nur so, wie es sich in Meinungen, Ereignissen und Personen spiegelt. Sie können eine Handlung nicht sehen, so lange sie nicht vollzogen ist. Und doch existierte das geistige Element der Handlung längst schon im Thäter, und die Qualität derselben als recht oder unrecht war leicht vorauszusagen. Alles in der Natur ist zweipolig, alles hat einen positiven und einen negativen Pol. Überall giebt es ein Männliches und ein Weibliches, die Thatsache und den ihr entsprechenden Geist, einen Norden und Süden. Der Geist ist das positive, das Ereignis das negative Bild. Der Wille stellt den Nordpol, die Handlung den Südpol dar. Vom Charakter kann man sagen, daß er seine natürliche Stelle im Norden habe. Er nimmt an den magnetischen Strömungen des ganzen Systems teil. Die schwachen Seelen werden vom südlichen, negativen Pol angezogen. Sie fragen nach dem Nutzen oder Schaden, den eine Handlung gebracht. Sie können ein Princip nicht wahrnehmen, so lang es nicht in einer Person verkörpert ist. Sie wünschen nicht, liebenswürdig zu sein, sondern geliebt zu werden. Die eine Klasse von Charakteren liebt es, von ihren Fehlern zu hören, die andere will von den eigenen Fehlern nichts wissen und betet den Erfolg an; wenn man sie einer Thatsache, einer Kette und Folge von Umständen versichert, so verlangen sie nichts weiter. Der Held erkennt, daß der Erfolg etwas Knechtisches ist und ihm folgen muß. Eine gegebene Reihenfolge von Ereignissen kann ihm nicht jene Befriedigung gewähren, welche die Phantasie damit verbindet, denn aus jeder scheinbar noch so glücklichen Lage kann der Geist des Guten fliehen; aber an manche Geister heftet sich das Glück und bringt Macht und Sieg als ihre natürlichen Früchte, welchen Lauf die Dinge auch nehmen mögen. Kein Wechsel der Verhältnisse kann einen Mangel in der Persönlichkeit ersetzen. Wir rühmen uns unserer Emancipation von manchem Aberglauben, aber wenn wir unsere Götzenbilder wirklich zerbrochen haben, so war es nur, um einen neuen Götzendienst einzuführen. Was hab‘ ich damit gewonnen, daß ich Jupiter oder Neptun keinen Stier, der Hekate keine Maus mehr opfere, daß ich nicht mehr vor den Rachegöttinnen zittere noch auch vor dem Fegefeuer der Katholiken oder dem Jüngsten Gericht der Calviner – wenn ich vor der Meinung zittere, der sogenannten »öffentlichen Meinung«, oder vor der Gefahr eines Einbruchs, eines Schimpfes, vor bösen Nachbarn oder vor der Armut, vor Verstümmlung, oder vor dem Lärm von Revolution und Mord? Wenn ich zittere, ist es nicht ganz gleichgiltig, wovor ich zittere? Unser eigenes Laster nimmt je nach dem Geschlecht, Alter oder Temperament die eine oder die andere Form an, und wenn wir für Furcht zugänglich sind, werden wir unsere Schreckgespenster leicht finden. Die Habgier und Bosheit, die mich verstimmt, und die ich der menschlichen Gesellschaft zuschreibe, ist meine eigene. Ich bin immer von mir selbst umgeben. Auf der anderen Seite ist die Gradheit ein beständiger Sieg, der nicht mit Freudengeschrei gefeiert wird, sondern durch Heiterkeit, die gleichsam fixierte, zur Gewohnheit gewordene Freude ist. Es ist unvornehm, stets nach dem Erfolg als der Bestätigung unseres Wertes und unserer Wahrheit zu fragen. Der Kapitalist läuft nicht allstündlich zum Banquier, um seinen Gewinn in gangbare Münze umzusetzen; es genügt ihm, aus den Marktberichten die Vergrößerung seiner Fonds zu entnehmen. Dasselbe Entzücken, welches das Eintreffen der glücklichsten Ereignisse in der glücklichsten Aufeinanderfolge mir bereiten würde, kann ich in einer reineren Weise durch die Erkenntnis genießen, daß meine Lage allstündlich eine bessere wird, und daß ich bereits Herr über die Ereignisse bin, welche ich wünsche. Dieses Triumphgefühl kann nur noch durch die Voraussicht eines so herrlichen Zustandes gebändigt werden, daß all unser Glück und Erfolg durch ihn in den tiefsten Schatten gestellt werden.

Das Gesicht, das die Persönlichkeit in meinen Augen annimmt, ist Selbstgenügsamkeit. Ich verehre den Menschen, der Reichtum ist, den ich mir allein oder arm oder verbannt oder unglücklich oder als Klienten gar nicht vorstellen kann, den ich mir stets nur als Patron, Wohlthäter und glückseligen Menschen denken muß. Persönlichkeit bedeutet Centralität, die Unmöglichkeit aus seiner Stelle gerückt oder gestürzt zu werden. Ein Mann muß uns den Eindruck einer Masse machen. Die Gesellschaft ist frivol und verschnitzelt ihren Tag zu Läppereien, ihre Konversation zu Ceremonien und Ausflüchten. Wenn ich aber einen genialen Menschen zu sehen bekomme, werd‘ ich mich nur ärmlich bewirtet glauben, wenn er mir nur ein flüchtiges Wohlwollen und Etiquettestückchen vorsetzt; lieber wär‘ mir, er stünde stämmig auf seinem Platz und ließe mich wenigstens seinen Widerstand fühlen und erkennen, daß ich hier einer neuen und positiven Eigenschaft gegenüberstehe – eine große Erfrischung für uns beide. Es ist schon viel wert, wenn er nur die konventionellen Ansichten und Bräuche nicht acceptiert. Seine Nonkonformität wird ein Stachel und ein Memento bleiben, und jeder neue Ankömmling wird vor allem zu ihm Stellung nehmen müssen. Es giebt nichts reales und fruchtbares, was nicht zugleich ein Kriegsschauplatz wäre. Unsere Häuser hallen von Gelächter, von persönlichem und kritischem Klatsche, aber das hilft wenig. Der ungefügige, widerspenstige Mann, der ein Problem und eine Gefahr für die Gesellschaft ist, den sie nicht mit Schweigen übergehen kann, sondern entweder hassen oder vergöttern muß – mit dem alle Parteien sich verwandt fühlen, sowohl die Führer des Tages als die Unbekannten und Originalitätssüchtigen – der hilft; er bringt Amerika und Europa ins Unrecht und zerstört den Skepticismus, der da behauptet: »der Mensch ist eine Puppe, laßt uns essen und trinken, es ist noch das beste, was wir thun können«, denn er lenkt die Aufmerksamkeit wieder auf Unbekanntes und Nieversuchtes hin. Ergebenheit in den gegenwärtigen Zustand und steter Appell ans Publikum beweisen einen schwachen Glauben und einen unklaren Kopf, der ein Haus gebaut sehen muß, wenn er den Plan begreifen soll. Der Weise läßt bei seinen Gedanken nicht allein die Menge unberücksichtigt, sondern auch die Wenigen. Die Menschen, welche Quellen sind, die aus sich selbst Bewegten, in sich Versunkenen, welche gebieren, weil ihnen geboten ward, die Sicheren, die Ursprünglichen – die sind gut; denn sie verkünden die unmittelbare Gegenwart der höchsten Macht.

Unser Thun muß mit mathematischer Genauigkeit auf unserem Wesen beruhen. In der Natur giebt es keine falschen Schätzungen. Ein Pfund Wasser im Meeressturm ist nicht schwerer als im Sommerteich. Alle Dinge in der Welt wirken in genauem Verhältnis zu ihrer Qualität und Quantität; keines versucht etwas, was es nicht leisten kann, ausgenommen der Mensch: er allein in der Welt ist anmaßend, nur er wünscht und versucht Dinge, die über seine Kräfte sind. Ich las einmal in einem englischen Memoirenwerke: »Mr. Fox (nachmals Lord Holland) sagte, er müsse Schatzminister werden, er habe zu diesem Portefeuille hinauf gedient, und er werde es auch bekommen.« – Xenophon und seine Zehntausend waren dem, was sie unternahmen, völlig gewachsen und führten es auch durch; so gewachsen, daß sie gar nicht ahnten, daß sie da eine großartige und unnachahmliche Leistung vollbrachten. Und ihre That steht da, unwiederholt, ein Hochwasserzeichen in der Kriegsgeschichte. Viele haben seither das Gleiche versucht und sind der Aufgabe nicht gewachsen gewesen. Nur auf Realität läßt thatkräftiges Thun sich basieren. Keine Institution kann besser sein als der, der sie geschaffen. Ich kannte einen liebenswürdigen und gebildeten Herrn, der es unternahm, eine praktische Reform durchzuführen, aber nie konnte ich das Liebeswerk, das er in seine Hände nahm, in ihm selbst entdecken. Es kam ihm durchs Ohr, er nahm’s mit dem Verstande auf, aus den Büchern, die er gelesen hatte. All sein Thun war ein Experimentieren, ein Stück Stadt ins Feld hinausgetragen, und blieb ein Stück Stadt, es war kein Novum und konnte keinen Enthusiasmus hervorrufen. Hätte in dem Manne etwas gesteckt, ein furchtbarer verborgener Geist, der sein Benehmen aufgeregt und verwirrt hätte, wir hätten seines Advents geharrt. Es genügt nicht, daß der Verstand die Übel und ihre Heilmittel erkenne. Wir werden unsere Existenz stets hinausschieben müssen und den Boden, auf den wir ein Anrecht haben, nicht betreten, so lange es nur ein Gedanke ist, der uns treibt, und nicht der Geist. Wir haben »noch nicht so weit hinaufgedient.«

Dies sind Eigentümlichkeiten des Lebens; ein anderer Zug ist ein unaufhörliches Wachstum. Die Menschen sollen klug und ernst sein, aber sie müssen auch in uns das Gefühl erwecken, daß sie eine glückliche Zukunft als eine Kontrolle ihres Wertes vor sich haben, die ihren Glanz bereits auf die fliehende Stunde wirft. Der Held wird stets mißverstanden, und immer cirkulieren falsche Gerüchte über ihn; er aber kann sich nicht damit aufhalten, die Mißgriffe der Leute zu entwirren; er ist schon wieder unterwegs und erwirbt neue Macht und neue Ehren und neue Rechte auf euer Herz, die euch bankrott machen werden, wenn ihr an den alten Geschichten herumhaspelt, und nicht durch die Vermehrung eures eigenen Reichtums mit ihm Schritt gehalten habt. Neue Thaten sind die einzigen Entschuldigungen und Erklärungen, die ein vornehmer Geist geben und annehmen kann. Wenn dein Freund dein Mißfallen erregt hat, dann setze dich nicht nieder, um darüber nachzudenken, denn er hat es schon längst völlig vergessen, hat seine Mittel, dir zu dienen, verdoppelt und wird dich, ehe du dich wieder erhebst, mit Wohlthaten überhäufen.

Ein Wohlwollen, das nur nach seinen Werken gemessen werden kann, macht uns wenig Freude. Die Liebe ist unerschöpflich und vermag noch zu trösten und zu bereichern, wenn ihr Gut verzehrt und ihre Speicher geleert sind; wenn der Mann schläft, scheint noch die Luft um ihn reiner zu werden und sein Haus die Landschaft zu schmücken und die Gesetze zu kräftigen. Das Volk erkennt diesen Unterschied immer. Wir wissen, wer wohlthätig ist, auf ganz anderem Weg als aus den Subskriptionsbeträgen der Suppengesellschaften. Es sind geringe Verdienste, die sich aufzählen lassen. Fürchte dich, wenn deine Freunde dir sagen, was du gut gemacht hast, und es dir aufzählen können! Aber wenn sie dir mit einem gewissen unsicheren Blick aus dem Wege gehen, der halb Respekt und halb Mißfallen bedeutet, wenn sie ihr endgiltiges Urteil auf Jahre hinausschieben müssen, dann magst du Hoffnung schöpfen! Diejenigen, die für die Zukunft leben, müssen denen, die für die Gegenwart leben, immer selbstsüchtig erscheinen. Es war komisch von dem guten Riemer, der Erinnerungen an Goethe herausgegeben hat, daß er ein Verzeichnis der Schenkungen und guten Werke Goethes verfaßte, wie »so viel hundert Thaler an Stilling, an Hegel, an Tischbein gegeben; ein einträglicher Posten dem Professor Voß verschafft, ein anderer beim Großherzog für Herder, eine Pension für Meyer, zwei Professoren an ausländische Universitäten empfohlen u. s. w.« Die längste Liste specificierter Wohlthaten würde sich da sehr kurz ausnehmen. Ein Mensch ist ein armes Geschöpf, wenn er sich so abmessen lassen muß. Denn das sind lauter Ausnahmshandlungen, Wohlthun aber ist für den guten Menschen Regel und tägliches Leben. Die wahre Wohlthätigkeit Goethes ist aus dem zu entnehmen, was er selbst dem Doktor Eckermann über die Verwendung seines Vermögens sagte: »Jedes Bonmot, das ich sage, kostet mir eine Börse voll Gold; eine halbe Million meines Privatvermögens ist durch meine Hände gegangen, um das zu lernen, was ich jetzt weiß, nicht allein das ganze Vermögen meines Vaters, sondern auch mein Gehalt und mein bedeutendes litterarisches Einkommen seit mehr als fünfzig Jahren. Außerdem habe ich etc.«

Es ist nur armseliges Geschwätz und Klatsch, Züge dieser einfachen, rapid wirkenden Kraft aufzuzählen, es ist als wollten wir den Blitz mit einer Kohle zeichnen; aber in diesen langen Nächten und öden Zeitläuften lieben wir, uns mit solchen Anekdoten zu trösten. Aber sie kann nur durch sich selbst dargestellt werden. Ein Wort, das warm vom Herzen kommt, bereichert mich. Ich ergebe mich auf Gnade und Ungnade. Wie totenkalt erscheint alles schriftstellerische Genie vor diesem Feuer des Lebens! Das sind Berührungen, die meine erschlaffte Seele neu beleben und ihr Augen verleihen, bis ins Dunkel der Natur zu schauen. Ich erkenne, daß ich dort, wo ich mich arm glaubte, am reichsten war. Und daraus entspringt eine neue geistige Erhebung, die ihrerseits wieder von einer neuen Offenbarung der Persönlichkeit verdrängt wird. Seltsamer Wechsel von Anziehung und Abstoßung! Die Persönlichkeit lehnt die geistige Begabung ab und regt sie doch an; und so setzt sich alle Persönlichkeit in Gedanken um, tritt als solche in die Öffentlichkeit, um dann wieder vor neuen Strahlen sittlichen Wertes beschämt den Platz zu räumen.

Persönlichkeit ist Natur in ihrer höchsten Form. Es ist ganz nutzlos, sie nachzuäffen oder gegen sie anzukämpfen. Es ist ihr ein Maß von Widerstandskraft, Ausdauer und schöpferischer Kraft eigen, die jeden Wettstreit unmöglich macht.

Und dieses Meisterstück ist dort am vollkommensten, wo keine anderen Hände als die der Natur daran gelegt wurden. Es ist dafür Sorge getragen, daß die zu Großem Bestimmten im Schatten ins Leben gleiten, ohne daß ein tausendäugiges Athen jeden neuen Gedanken, jede errötende Bewegung des jungen Genies bewache und ausposaune. Zwei Personen – ganz junge Kinder des höchsten Gottes – haben mir jüngst manches zu denken gegeben. Als ich der Quelle ihrer Heiligkeit und des Zaubers, den sie auf die Phantasie ausübten, nachforschte, da schien es, als ob jeder von beiden antwortete: »Das verdanke ich meiner Nonkonformität; ich habe nie auf das Gesetz der Leute, noch auf das, was sie ihr Evangelium nennen, geachtet; ich begnügte mich mit der einfachen ländlichen Armut, die mir eigen war: daher meine Anmut; mein Werk erinnert dich nicht an das eine und ist rein vom anderen.« Durch solche Menschen beweist mir die Natur, daß sie sich selbst in unserem demokratischen Amerika nicht demokratisieren läßt. Wie in einem Kloster, ängstlich behütet vor dem Markt und seinem schamlosen Treiben, zieht sie ihre Lieblinge auf! Erst heute morgen sendete ich einige Schriften fort, die wie wilde Blumen dieser Waldgötter waren. Wie trostreich erhoben sie sich aus unserer Litteratur, – diese frischen Züge aus den Quellen des Gedankens und des Gefühls, wie wenn wir in der Zeit des Schliffes und der Kritik die ersten ältesten Zeilen lesen, die in einer Nation in Vers oder Prosa niedergeschrieben werden. Wie anziehend ist ihre Verehrung für ihre Lieblingsbücher, sei es nun Aeschylus, Dante, Shakespeare oder Scott, gerade als ob sie selbst Anteil an dem Buche hätten, und wer es angreift, sie mit angreifen würde; – und vor allem ihre völlige Abgeschlossenheit von aller Kritik, das Patmos der Gedanken, von dem aus sie schreiben, in völliger Unbewußtheit und Unabhängigkeit von den Augen, die jemals ihre Bücher lesen werden. Könnten sie so weiter träumen wie Engel, ohne je zu Vergleichungen und zur Schmeichelei zu erwachen! Und doch, einige Naturen sind zu gut, als daß Lob sie verderben könnte; und wo die Ader des Gedankens bis ins Tiefe reicht, da ist von der Eitelkeit keine Gefahr zu befürchten. Feierliche Freunde werden sie vor der Gefahr warnen, sich ihre Köpfe durch die Posaunenstöße verdrehen zu lassen, aber sie können dazu lächeln. Ich erinnere mich der Empörung eines beredten Methodisten, als ein Doktor der Gottesgelehrtheit ihn gütig mahnte: »Mein Freund, ein Mann kann weder gelobt noch beschimpft werden.« Aber vergebt denen, die euch gute Ratschläge erteilen, sie sind ja so natürlich. Ich erinnere mich, daß der erste Gedanke, der mich erfaßte, als einige bedeutende ausländische Geistliche nach Amerika kamen, war: »Seid ihr wohl als Opfer hierher gebracht worden?« oder antwortet mir vielmehr erst auf die Frage: »Laßt ihr euch überhaupt als Opferlämmer behandeln?«

Wie ich es bereits gesagt, hält die Natur diese Souveränitäten in ihrer eigenen Hand, und wie gewandt und dreist unsere Predigten und Erziehungsmethoden sich einen Anteil daran zuschreiben möchten, wie oft sie auch lehren mögen, daß die Gesetze es sind, die den Bürger heranbilden, – sie geht ihren eigenen Gang und spottet der Weisesten und ihrer Lehren. Sie legt auf alle Evangelien und Propheten einen geringen Wert, wie jemand, der noch eine ganze Menge solcher vorrätig hat und auf keinen zuviel Zeit verwenden kann. Es giebt eine Klasse von Menschen, Individuen, die in langen Zeitabschnitten erscheinen und in so eminenter Weise mit Einsicht und Tugend begabt sind, daß sie einstimmig als göttlich begrüßt worden sind, und die uns gleichsam als eine Quintessenz der Kraft, von der wir sprechen, erscheinen müssen. Göttliche Personen sind geborene Persönlichkeit, oder um einen Ausdruck Napoleons zu gebrauchen, organisierter Sieg. Sie werden gewöhnlich mit Übelwollen empfangen, weil sie neu sind und weil sie der Übertreibung ein Ende machen, welche mit der Persönlichkeit der letzten göttlichen Person ins Werk gesetzt wird. Die Natur reimt ihre Kinder niemals, noch schafft sie je zwei völlig gleiche Menschen. Wenn wir einen großen Mann sehen, bilden wir uns ein, eine Ähnlichkeit mit irgend einer historischen Person zu entdecken, und prophezeien die Zukunft, die seinem Charakter und seinem Schicksal beschieden ist – eine Prophezeiung, die niemals eintrifft. Kein solcher wird je das Problem seiner Persönlichkeit nach unseren Vorurteilen lösen, sondern nur auf seinem eigenen hohen, unbetretenen Pfade. Persönlichkeit braucht Spielraum; läßt sich nicht von den Leuten umdrängen, noch nach flüchtigen im Drange der Geschäfte oder bei wenigen Gelegenheiten erhaschten Blicken beurteilen. Wie ein großes Gebäude, bedarf auch jede Persönlichkeit der Perspektive. Vielleicht, ja wahrscheinlich, bildet sie ihre Beziehungen nicht so rasch; und wir dürfen daher auch keine rasche Erklärung ihres Wirkens weder nach den Maßen der volkstümlichen Ethik noch nach unserer eigenen verlangen.

Ich betrachte die Skulptur nicht anders als die Geschichte. Ich glaube nicht, daß Zeus und Apollo in Fleisch und Blut unmöglich sind. Jeden Zug, den der Künstler im Steine überliefert, hat er im Leben gesehen und besser als auf seinem Bilde. Wir haben viel Nachahmungen gesehen, aber der Glaube an große Männer ist uns angeboren. Wie freudig lesen wir in alten Büchern, aus der Zeit, da die Menschen noch wenige waren, von den unbedeutendsten Handlungen der Patriarchen. Es freut uns, wenn ein Mensch eine so mächtige und säulenhafte Erscheinung in der Landschaft bildet, daß es der Mühe wert scheint, zu berichten, wie er sich erhob und sich die Lenden gürtete und nach diesem oder jenem Orte ausbrach. Die glaubwürdigsten Bilder sind für uns jene majestätischer Menschen, die schon bei ihrem Eintritt siegten und die Sinne überwältigten, wie es dem Magier des Ostens geschah, der ausgesandt wurde, die Verdienste Zertuschts oder Zoroasters zu prüfen. Als der Yunani-Weise in Balkh anlangte, erzählen die Perser, da bestimmte Gushtasp einen Tag, an welchem die Mobeds aus jedem Lande sich versammeln sollten, und ein goldener Stuhl wurde für den Weisen der Yunani aufgestellt. Und nun trat der geliebte Yezdam, der Prophet Zertuscht, in die Mitte der Versammlung. Als der Yunani-Weise diesen Häuptling erblickte, sagte er: »Diese Gestalt und dieser Gang können nicht lügen, und nichts als Wahrheit kann von ihnen ausgehen.« Plato sagte, es sei unmöglich, an die Kinder der Götter nicht zu glauben, »und wenn sie auch ohne wahrscheinliche oder zwingende Beweisgründe sprechen sollten.« Ich würde mich sehr unglücklich unter meinen Gefährten fühlen, wenn ich das Beste in der Weltgeschichte nicht glauben dürfte. »John Bradshaw,« sagt Milton, »gleicht einem Konsul, der die Fasces nicht am Ende des einen Jahres abgeben muß; und nicht nur auf dem Tribunal, sondern sein ganzes Leben hindurch scheint er über Königen zu Gericht zu sitzen.« Ich finde es glaublicher, insbesondere da es sich hier um ein aphoristisches Wissen handelt, daß ein Mensch, wie die Chinesen sagen, den Himmel kenne, als daß so viele die Welt kennen sollen. »Der tugendhafte Fürst tritt selbst vor die Götter ohne Bedenken. Er wartet hundert Jahre auf die Ankunft eines Weisen und zweifelt nicht. Wer aber den Göttern ohne Furcht entgegentritt, der kennt den Himmel, und wer hundert Jahre der Ankunft eines Weisen harrt, ohne zu zweifeln, der kennt die Menschen. So handelt der tugendhafte Fürst und weist der Herrschaft auf Jahrhunderte den Weg.« Aber wir brauchen nicht nach so fern liegenden Beispielen zu greifen. Der ist ein schlechter Beobachter, den seine Erfahrung noch nicht die Wirklichkeit und Gewalt dieses Zaubers so gut wie die der Chemie gelehrt hat. Der kälteste Rechner kann nicht ausgehen, ohne unerklärlichen Einflüssen zu begegnen. Es kommt ein Mensch und heftet sein Auge auf ihn, und die Gräber der Erinnerung öffnen sich und senden ihre Toten herauf; Geheimnisse, die ihn elend machen, mag er sie bewahren oder verraten, muß er kund thun; es kommt ein anderer, und er kann nicht sprechen, die Gebeine seines Körpers scheinen aus den Gelenken zu weichen; der Eintritt eines Freundes giebt ihm Grazie, Beredsamkeit und Mut; und es giebt Leute, an die er sich erinnern muß, die seinen Gedanken eine überwältigende Weite gaben und ein neues Leben in seiner Brust entfachten.

Was ist so herrlich wie eine enge Freundschaft, wenn sie aus solch tiefer Wurzel entspringt? Keine Antwort, die den Skeptiker so völlig schlägt, der die Kräfte und Begabung der Menschen in Zweifel zieht, wie die Möglichkeit dieses frohen Verkehrs mit anderen Menschen, der das Fundament des Glaubens und die glücklichste Zeitverwendung aller vernünftigen Menschen ist. Ich weiß nichts Befriedigenderes, was das Leben zu bieten hätte, als das tiefe freundliche Verständnis, das nach dem Austausch vieler guter Dienste zwischen zwei tüchtigen Menschen bestehen kann, deren jeder seiner selbst und seines Freundes sicher ist. Es ist das eine Seligkeit, hinter welcher jeder andere Genuß zurücktreten muß, neben der Politik, Handel und Kirche billig und unbedeutend erscheinen. Denn wenn Menschen einander begegnen, wie sie es sollen, jeder ein Wohlthäter, jeder ein Sternenschauer, in Gedanken, Thaten, Vorzüge wie in ein Kleid gehüllt, da sollte die ganze Natur einen Festtag feiern und allen Dingen das freudige Ereignis laut verkünden. Von solcher Freundschaft ist die Liebe der Geschlechter das höchste Symbol, sowie alle anderen Dinge Symbole der Liebe sind. Diese Beziehungen zu den besten Menschen, die wir einst für romantische Jugendschwärmereien hielten, werden für entwickelte Persönlichkeiten der ernsteste Genuß.

Wenn es doch möglich wäre, in den richtigen Beziehungen mit den Menschen zu leben! – wenn wir uns nur jeder Forderung an sie enthalten könnten, wenn wir aufhören könnten, ihr Lob, ihre Hilfe, ihr Mitleid zu verlangen, sondern uns damit begnügen würden, durch die Kraft der ältesten Gesetze auf sie zu wirken! Könnten wir nicht wenigstens mit einigen wenigen Personen, mit einer einzigen, nach den ungeschriebenen Statuten verkehren und die Wirksamkeit derselben versuchen? Könnten wir unserem Freunde nicht das Kompliment der Wahrhaftigkeit, des Schweigens und der Geduld machen? Müssen wir ihm denn so eifrig nachgehen? Wenn wir verwandt sind, werden wir einander begegnen. Es war ein Glaube der Alten, daß keine Metamorphose einen Gott vor einem Gott verbergen könne; und es giebt einen griechischen Vers, der folgenden Wortlaut hat:

»Die Götter sind einander nicht verborgen.«

Die Freundschaft folgt gleichfalls den Gesetzen göttlicher Notwendigkeit, zwei Menschen gravitieren gegeneinander, weil sie nicht anders können:

»Und, wenn sie einander meiden,
Mehren sie der Liebe Freuden.«

Ihr Verhältnis ist kein gemachtes, sondern ein gestattetes. Die Götter werden sich ohne Ceremonienmeister in unserem Olymp niederlassen und sich nach ihrer eigenen göttlichen Rangordnung einzurichten wissen. Alle Geselligkeit wird verdorben, wenn man sich um sie Mühe giebt, wenn man die Leute eine Meile weit zusammentreibt. Und wenn sich keine Geselligkeit ergiebt, dann entsteht ein ärgerliches, niedriges, entwürdigendes Geklapper, und wenn die besten zusammengekommen wären. Alle Größe eines jeden wird zurückgedrängt, und jede Schwäche der Einzelnen zur peinlichsten Aktivität gereizt, als ob die Olympier zusammengekommen wären, um einander Schnupftabak anzubieten.

Hals über Kopf geht das Leben dahin. Entweder wir jagen irgend einem fliehenden Schemen nach, oder wir werden von einer Furcht oder einem Befehle hinter uns gejagt. Aber wenn wir plötzlich einem Freunde begegnen, halten wir inne; unsere Hast und Hitze sieht nun thöricht genug aus; Ruhe und Besitz sind es jetzt, die wir uns wünschen, und die Kraft, dem Augenblick aus den Tiefen unseres Herzens Dauer zu verleihen. In allen edleren Verhältnissen ist der Augenblick alles.

Ein göttlicher Mensch ist die Prophezeiung des Geistes, ein Freund die Hoffnung des Herzens. Unsere Seligkeit wartet auf den Augenblick, wo die Erfüllung beider in ein und derselben Person eintreten wird. Und die Jahrhunderte bilden nur die Eröffnungsfeier für diese erwartete Kraft. Alle Kraft, die wir kennen, ist der Schatten oder das Symbol jener, die kommen soll. Alle Poesie hat Fröhlichkeit und Wirkung, soweit sie von daher ihre Inspiration erhält. Die Menschen schreiben ihre Namen in die Welt, nachdem sie mit ihr erfüllt sind. Die Weltgeschichte ist bisher ärmlich gewesen; unsere Nationen waren Pöbel, einen Mann haben wir noch nicht gesehen: Wir kennen diese göttliche Gestalt noch nicht, wir kennen nur Träume von ihr und Prophezeiungen; wir kennen seine majestätische Weise nicht, die jeden Beschauer beschwichtigen und erheben wird. Wir werden eines Tages sehen, daß die eigenste, intimste Energie die allgemeinste ist, daß Qualität die Quantität ersetzt, und daß Charaktergröße im Dunkeln schafft und jenen zu Hilfe kommt, die sie nie geschaut haben. Alle Größe, die uns bis jetzt erschienen, bedeutete nur Anfänge und Ermutigungen auf dem Wege dahin. Die Geschichte der Götter und Heiligen, die die Welt geschrieben und dann angebetet hat, besteht aus Dokumenten der Persönlichkeit. Die Jahrhunderte jubeln in der Erinnerung an die Weise eines Jünglings, der nichts dem Glücke verdankte, der auf dem Richtplatz seiner Nation ans Kreuz geschlagen wurde und der durch die Reinheit seines Wesens die Ereignisse, die seinen Tod begleiteten, mit einem epischen Glanze übergoß, sodaß jede Einzelheit in den Augen der Menschheit zu einem weltbedeutenden Symbol transfiguriert wurde. Aber der Geist verlangt einen Sieg über die Sinne, eine Macht der Persönlichkeit, die Richter, Geschworene, Krieger und König überwältigt, die die Kraft des Tier- und Mineralreiches beherrscht und mit dem Lauf der Pflanzensäfte, der Ströme, der Winde, der Sterne und der sittlichen Kräfte eins wird.

Wenn wir uns zu diesen Hoheiten nicht mit einemmal erheben können, so laßt uns wenigstens ihnen huldigen. In der Gesellschaft bringen sie dem, der sie besitzt, hohe Vorteile, aber auch Nachteile. Um so vorsichtiger müssen wir in unseren Urteilen sein. Ich kann es meinem Freunde nicht vergeben, wenn er eine herrliche Persönlichkeit kennt, ohne ihr mit dankbarer Gastlichkeit zu begegnen. Wenn endlich das, wonach wir uns so lange sehnten, erscheint und uns mit seinen frohen Strahlen Licht aus jenen fernen Himmeln bringt – da roh zu sein, da zu kritteln und solchem Gast mit dem Klatsche und Argwohn der Straße zu begegnen, verrät eine Gemeinheit, die die Pforten des Himmels zu verschließen scheint. Das ist Wirrnis, das ist der wahre Wahnsinn, wenn die Geister ihr Eigenstes nicht mehr erkennen und nicht wissen, wo sie ihre Huldigung, ihre Andacht darzubringen haben. Giebt es denn noch eine andere Religion als die, zu wissen, daß, wo immer in der weiten Wüste des Daseins, das heilige Gefühl, daß wir lieben, eine Blüte getrieben hat, sie für mich blüht? Wenn niemand das erkennt, ich erkenne es, ich erfasse, und wenn ich der einzige wäre, die Größe des Ereignisses. So lang‘ die Blume blüht, will ich den Sabbath feiern und die Zeit für eine heilige halten und meinen Unmut sowie meine Narrheit und meine Scherze unterbrechen. Die Natur ist befriedigt, wenn dieser Gast erscheint. Es giebt viele Augen, die die klugen und nützlichen Eigenschaften zu entdecken und zu ehren wissen, es giebt viele, die das Genie auf seiner Sternenbahn zu erkennen vermögen, obgleich der Pöbel auch dies nicht imstande ist; aber wenn jene Liebe, die alles duldet, allem entsagt und alles hofft, und die eher ein Thor und Bettler in dieser Welt sein will, als ihre weißen Hände durch die geringsten Konzessionen beflecken, in unsere Straßen und Häuser kommt, – da können nur die Hochstrebenden und Reinen ihr Antlitz erkennen, und die einzige Huldigung, die sie ihr anzubieten haben, ist, sie sich zu eigen zu machen.   – Auswahl: Peter Jensen.

Ralph Waldo Emerson über die Selbständigkeit – Essay

Ralph Waldo Emerson - 1803 bis 1882Ich las jüngst einige Verse von der Hand eines berühmten Malers; dieselben waren ungewöhnlich und nichts an ihnen war konventionell. In solchen Zeilen vernimmt die Seele stets eine mächtige Mahnung, der Inhalt mag sein, welcher er will. Das Gefühl, das sie einflößen, ist wertvoller als die tiefsten Gedanken, die sie enthalten könnten. An den eigenen Gedanken zu glauben, – zu glauben, daß, was für uns im Innersten unserer Seele wahr ist, wahr sein muß für alle Welt, – das ist Genius. Sprich deine geheimste Überzeugung aus, und sie wird bald die allgemeine sein. Denn das Geheimste wird seiner Zeit das Offenbarste und unsere ersten Gedanken sind es, die uns in den Posaunen des jüngsten Gerichts entgegentönen. Jedem klingt die Stimme des Geistes vertraut, und das höchste Verdienst, das wir Plato, Moses und Milton zuschreiben, ist, daß sie Bücher und Traditionen hintansetzten und aussprachen, nicht was die Leute, sondern was sie selbst dachten. Der Mensch sollte sich mehr bemühen, den Lichtstrahl, der aus seinem eigenen Innern durch seine Seele flammt, zu entdecken und zu beachten, als allen Sternenglanz am Firmament der Sänger und Weisen. Und doch läßt er gewöhnlich seinen eigenen Gedanken unbeachtet – weil es der seine ist. In jedem Werk des Genies finden wir unsere eigenen Gedanken wiedergespiegelt, sie kommen mit einer fremden Majestät bekleidet zu uns zurück. Die größten Werke der Kunst geben uns keine ergreifendere Lehre als die, an unserem spontanen Eindruck mit fröhlicher Unbeugsamkeit festzuhalten, und gerade dann am meisten, wenn das ganze Stimmengezeter für die Gegenseite ertönt. Sonst wird morgen ein Fremder mit meisterhaftem Verständnis gerade das aussprechen, was wir die ganze Zeit über gedacht und gefühlt haben, und wir sehen uns mit Beschämung gezwungen, unsere Meinung von einem anderen zu entlehnen.

In der Entwicklung jedes Menschen kommt der Augenblick, in dem er erkennt, daß Neid, Unwissenheit, Nachahmung Selbstmord ist; daß er sich selbst schlecht und recht als seinen Anteil am Leben hinnehmen muß, daß, obgleich das weite Weltall des Guten voll ist, kein Körnchen Nahrung ihm zukommen kann, außer durch seine eigene Mühe auf dem Ackerfeld, das gerade ihm zum Bebauen gegeben ward. Die Kraft, die in ihm ruht, ist neu in der Natur, und nur er weiß, was er leisten kann, und auch er nicht eher, als bis er es versucht hat. Nicht umsonst macht ein Gesicht, ein Charakter, ein Ereignis mächtigen Eindruck auf ihn und andere nicht. Diese Empfänglichkeit des Gedächtnisses beruht in einer prästabilierten Harmonie. Das Auge ward dort angebracht, wohin ein bestimmter Strahl fallen sollte, um eben diesen Strahl aufzunehmen. Wir sprechen uns immer nur halb aus und schämen uns der göttlichen Idee, die jeder von uns darstellt. Wir könnten uns ruhig auf sie verlassen, sie ist schon gut und führt zu glücklichen Zielen, wenn wir sie nur getreulich mitteilen wollten; aber durch Feiglinge will Gott seine Werke nicht offenbar machen. Der Mensch fühlt sich gehoben und fröhlich, wenn er sein Herz in ein Werk gethan und sein Bestes gegeben hat; aber was er anders gesagt und gethan, gewährt ihm keinen Frieden. Es ist eine Befreiung, die nicht befreit. Im Versuche selbst läßt sein Genius ihn im Stich, die Muse weicht von ihm, kein Einfall, keine Hoffnung kommt ihm zu Hilfe.

Vertraue dir selbst! Jedes Herz vibriert mit dieser eisernen Saite. Nimm den Platz hin, den die göttliche Vorsehung für dich ausgesucht hat, die Gesellschaft deiner Zeitgenossen, die Kette der Ereignisse. Große Männer haben immer so gethan und sich wie Kinder dem Genius ihrer Zeit überlassen, hierdurch verratend, daß das, was ein so unsägliches Vertrauen verdiente, in ihren eigenen Herzen thronte, durch ihre Hände schuf, ihr ganzes Sein beherrschte. Und wir sind nun Männer und müssen uns im höchsten Sinne demselben transscendentalen Schicksal überlassen, nicht wie Unmündige und Invaliden im warmen Ofenwinkel, nicht wie Feiglinge, die vor Revolutionen flüchten, sondern als Führer, Wohlthäter und Erlöser, die dem allmächtigen Triebe gehorchen und durch Chaos und Dunkel vorwärtsschreiten.

Welch zierliche Erläuterungen zu diesem Text giebt uns die Natur im Angesichte und Betragen der Kinder und selbst der Tiere! Ihr Geist ist noch nicht rebellisch und in sich zerrissen; sie kennen das Mißtrauen gegen das Gefühl nicht, das uns lähmt, weil unsere Rechenkunst die Kräfte und Hindernisse, die sich unseren Zwecken entgegenstellen, abgemessen hat. Ihr Geist ist noch ein Ganzes, ihr Auge unbezwungen, und wenn wir ihnen ins Antlitz schauen, werden wir verlegen. Das Kind paßt sich niemandem an, alle fügen sich in seine Art, sodaß ein Baby gewöhnlich vier oder fünf aus den Erwachsenen macht, die mit ihm schwätzen und spielen. So hat Gott Kindheit, Jugend und Mannheit, jede mit ihrem eigenen Reize ausgestattet, und beneidenswert und anmutig gemacht, sodaß ihre Ansprüche nicht zurückgewiesen werden können, wenn sie sich auf sich selbst stützen. Glaubt nur nicht, daß der Junge machtlos ist, weil er mit unsereinem nicht reden kann. Hört nur, im nächsten Zimmer ist seine Stimme klar und sicher genug. Mit seinen Altersgenossen weiß er offenbar zu reden. Schüchtern oder keck wird er uns Erwachsene dort höchst überflüssig machen.

Die Gleichmütigkeit von Knaben, die ihres Mittagessens gewiß sind, und die es ebensosehr, wie ein Fürst, verschmähen würden, auch nur das geringste zu thun oder zu sagen, um sich eins zu verschaffen, – das ist die gesunde Haltung der menschlichen Natur. Ein Bub im Salon ist wie der Olymp im Theater, unabhängig und unverantwortlich schaut er die Leute und Dinge, die ihm vor die Augen kommen, untersucht und beurteilt sie in der raschen summarischen Art der Kinder als gut oder schlecht, interessant oder dumm, unterhaltend oder lästig. Er kümmert sich nicht um Folgen und Interessen und fällt ein unabhängiges und wahrhaftes Urteil. Ihr müßt euch um ihn bemühen, er bemüht sich nicht um euch. Der erwachsene Mensch aber liegt in den Banden des Bewußtseins und der Reflexion. Sobald er einmal etwas gethan oder gesprochen, was die öffentliche Aufmerksamkeit auf ihn zieht, ist er gleichsam ein Arrestant, die Sympathie oder der Haß von Hunderten begleiten seinen Weg, und er muß mit ihren Gefühlen rechnen. Dafür giebt es keine Lethe. Ja wenn man sich wieder in seine Neutralität zurückziehen könnte! Wer alle Verpflichtungen vermeiden könnte, und nachdem er einmal beobachtet, weiter beobachten könnte, mit derselben unbefangenen, freien, unbestechlichen und unerschrockenen Unschuld, müßte immer furchtbar sein. Er könnte Meinungen äußern über alles, was da geschieht; jeder würde fühlen, daß sie von keinem Interesse beeinflußt, keine Privatmeinungen, sondern allgemeine notwendige Wahrheit sind; seine Aussprüche würden wie Pfeile in die Ohren der Menschen dringen und sie mit Furcht erfüllen.

Dies sind die Stimmen, die wir in der Einsamkeit hören, aber sie werden schwach und unhörbar, sobald wir in das Weltgewühl treten. Die Gesellschaft ist überall gegen die Mannheit jedes ihrer Mitglieder verschworen. Die Gesellschaft gleicht einer Aktiengesellschaft, deren Mitglieder, um jedem Aktionär sein tägliches Brot zu sichern, übereingekommen sind, die Freiheit und selbständige Ausbildung jedes Brotessers zu opfern. Ihre gesuchteste Tugend ist Konformität. Selbständigkeit ist ihr verhaßt. Sie liebt nicht Wirklichkeiten und Schöpfer, sondern Gebräuche und Namen.

Wer da ein Mann sein will, muß ein Dissident sein. Wer Unsterbliches erringen will, der darf sich durch das Wort »gut« nicht beeinflussen lassen, sondern muß prüfen, was wirklich gut ist. Zuletzt ist nichts heilig als die Integrität des eigenen Geistes. Sprich dich selber los, und du wirst die Stimme der Welt haben. Ich erinnere mich einer Antwort, die ich als junger Bursch beinahe unwillkürlich einem geschätzten Ratgeber gab, der mich mit den lieben alten Lehren der Kirche zu quälen pflegte. Als ich nämlich sagte: »Was hab‘ ich mit der Heiligkeit der Tradition zu thun, wenn ich ganz nach den Geboten meines Innern lebe?« meinte mein Freund: »Aber diese Impulse können leicht vom Bösen und nicht von oben kommen!« und ich erwiderte: »Es scheint mir nicht, daß dies der Fall ist, aber wenn ich des Teufels Kind bin, dann will ich auch nach des Teufels Geboten leben!« Kein Gesetz kann mir heilig sein, als das meiner eigenen Natur. »Gut« und »schlecht« sind nur Namen, die man leicht auf dies und jenes übertragen kann. Recht ist einzig und allein, was meinem Wesen entspricht, unrecht nur, was ihm widerspricht. Ein Mann muß sich selbst aller Opposition zum Trotz durchsetzen; als ob alles außer ihm nur ein Schein- und Eintagsleben führen würde. Es ist eine Schande, wie leicht wir vor Namen und Ordenszeichen, vor Gesellschaften und toten Institutionen kapitulieren. Jedes anständige und gutbeleumundete Individuum bestimmt und beeinflußt mich mehr als recht ist. Ich sollte aufrecht und lebenskräftig einhergehen und die rauhe Wahrheit auf allen Wegen sprechen. Wenn Bosheit und Eitelkeit das Gewand der Philanthropie anlegen – soll ihnen das durchgehen? Wenn ein ärgerlicher Mucker die schöne Sache der Sklavenbefreiung in die Hand nimmt und mir mit den letzten Nachrichten von Barbados daherkommt, warum soll ich ihm nicht sagen: »Geh und liebe deine Kinder, liebe die Leute, die das Holz für dich hacken, sei freundlich und bescheiden und sei froh, wenn diese Gnade dir zu teil wird, und verbräme deinen harten lieblosen Ehrgeiz nicht mit dieser unglaublichen Liebe für schwarze Menschen, die tausend Meilen von dir entfernt sind!« Rauh und unlieblich würde ein solcher Gruß allerdings klingen, aber die Wahrheit ist besser, als diese Liebesheuchelei. Auch die Güte muß eine gewisse Schärfe haben, sonst ist sie keine. Wenn die Lehre der Liebe jammert und winselt, dann muß die des Hasses als Gegengift gepredigt werden. – Ich fliehe Vater und Mutter, Weib und Kind, wenn mein Genius ruft – »Laune!« möchte ich über meine Thür schreiben. Innerlich hoffe ich wohl, es ist etwas Besseres wie Laune, aber ich kann meine Zeit nicht mit Erklärungen verlieren. Verlangt nur nicht, daß ich euch meine Gründe sage, warum ich Gesellschaft suche oder fliehe. Und erzählt mir nicht, wie heute ein guter Mann gethan, daß ich verpflichtet sei, die Lage aller armen Leute zu verbessern. Sind sie meine Armen? Ich sage dir, du thörichter Philanthrop, daß ich mit dem Thaler, dem Groschen, dem Pfennig geize, wenn ich ihn Leuten geben soll, die so wenig zu mir gehören wie ich zu ihnen. Es giebt eine Klasse von Menschen, denen ich durch alle geistige Wahlverwandtschaft verkauft und zu eigen bin – für sie will ich im Zuchthaus sterben, wenn es sein muß; aber eure verschiedentlichen Wohlthätigkeitsvereine, eure Schulen für Cretins; eure Vereinsbauten für den eiteln Zweck, dem so viele jetzt nachjagen; Almosen für Säufer und die tausendfachen Unterstützungsvereine – ob ich gleich zu meiner Schande gestehen muß, daß ich manchmal unterliege und den Thaler hergebe – es ist ein übelverwendeter Thaler, und ich werde mit der Zeit Manns genug werden, ihn zu verweigern.

Tugenden sind – nach der gewöhnlichen Meinung – eher die Ausnahme als die Regel. Man kennt den Menschen und seine Tugenden. Die Menschen vollbringen eine sogenannte gute That wie irgend ein Kraftstück oder ein Almosen, ungefähr wie sie ein Pönale für das Ausbleiben von der Parade zahlen würden. Sie thun ihre Werke gleichsam als eine Entschuldigung und Sühne ihres gewöhnlichen Lebens, sowie Kranke und Irrsinnige ein hohes Kostgeld zahlen. Ihre Tugenden sind Strafgelder. Ich aber will nicht sühnen, ich will leben. Und ich lebe fürs Leben und nicht für den Schein. Und ich will lieber ein Leben in bescheidener Niedrigkeit, aber echt und gleichmäßig als ein glänzendes und haltloses Leben führen. Ich will es gesund und wohlig, – und nicht Diät halten und jeden Augenblick Aderlassen müssen. Ich will auf den ersten Blick erkennen, daß einer ein Mann ist und verweigere die Berufung vom Menschen an seine Thaten. Ich für meine Person weiß, daß es ganz gleichgiltig ist, ob ich die Handlungen, die man für vortrefflich hält, ausführe oder unterlasse. Ich kann mich nicht dazu verstehen, für ein Privilegium zu zahlen, auf das ich ein natürliches Recht habe. Gering und ärmlich mögen meine Gaben sein, aber ich bin, wie ich bin, und brauche kein Amtszeugnis zu meiner und meiner Mitmenschen Gewißheit.

Mich kümmert einzig, was ich zu thun habe, nicht was die Leute denken. Diese Regel, gleich schwer zu befolgen im wirklichen wie im geistigen Leben, macht den ganzen Unterschied zwischen Größe und Gemeinheit aus. Sie ist um so schwerer, weil sich immer Leute finden, die da besser zu wissen meinen, was deine Pflicht ist, als du selbst. Es ist leicht, in der Welt nach der Meinung der Welt zu leben, es ist in der Einsamkeit leicht, nach seiner eigenen zu leben, – aber der große Mensch ist der, welcher inmitten der Menge, ohne zu streiten, die Unabhängigkeit der Einsamkeit zu bewahren weiß.

Der Grund, weshalb wir uns Gebräuchen, die für uns tot sind, nicht fügen dürfen, liegt darin, daß wir unsere Kräfte damit vergeuden. Wir verlieren mit ihnen unsere Zeit und sie verwischen das Bild unseres Charakters. Wenn du eine tote Kirche aufrecht erhältst, einer toten Bibelgesellschaft beisteuerst, mit einer großen Partei für oder gegen die Regierung stimmst, offene Tafel hältst, wie so viel niederträchtiges Volk, – wie soll ich unter all diesen Schalen den Kern deines Wesens entdecken? All die Kraft, die du auf diese Erbärmlichkeiten verwendest, wird dem wirklichen Leben entzogen. Aber thu dein Werk, und man wird dich kennen. – Thu dein Werk und neue Kräfte werden dich durchströmen. Jede männliche Seele sollte bedenken, was für ein Blindekuh-Spiel die gesellschaftliche Gleichförmigkeit ist. Wenn ich die Sekte kenne, der einer angehört, weiß ich auch schon, was er denkt. Ein Prediger kündigt an, er werde heute über die Zweckmäßigkeit einer Institution seiner Kirche sprechen. Weiß ich nicht voraus, daß er unmöglich ein neues und ursprüngliches Wort sagen kann? Weiß ich nicht voraus, daß, so sehr er sich den Anschein giebt, die Gründe der betreffenden Institution zu prüfen, er das durchaus nicht thun wird? Weiß ich nicht voraus, daß er vor sich selbst gebunden ist, die Sache nur von einer Seite anzuschauen, von der ihm erlaubten Seite, nicht als Mensch, sondern als Geistlicher? Er ist ein bestellter Anwalt, und das Pathos der Advokaten ist die leerste Heuchelei. Nun wohl, die meisten Menschen haben ihre Augen mit dem einen oder anderen Tuche verbunden und sich einer der landläufigen Meinungen angeschlossen. Diese gesellschaftliche Orthodoxie hat zur Folge, daß sie nicht etwa in einigen Einzelheiten falsch werden, einige wenige Lügen mitmachen, sondern sie werden durch und durch verfälscht. Keine Wahrheit, die von ihnen ausgeht, ist ganz wahr. Ihr Zwei ist nicht das richtige Zwei, ihr Vier nicht das richtige Vier, sodaß jedes Wort, das sie sprechen, uns verstimmt, und wir nicht wissen, wo wir anfangen sollen, sie zu berichtigen. Und die Natur säumt nicht, uns die Sträflingsuniform der Partei, der wir angehören, anzumessen, wir kommen mit der Zeit dahin, alle ein und dasselbe Gesicht zu schneiden und gewinnen allmählich einen sanften eselhaften Ausdruck. Eine ärgerliche Erfahrung dieser Art, die sich sogar in die Weltgeschichte eingeschlichen hat, macht jeder, ich meine das »blöde Beifallslächeln« das gezwungene Lächeln, das wir in einer Gesellschaft aufstecken, in der wir uns nicht wohl fühlen, mit dem wir ein Gespräch beantworten, das uns nicht interessiert. Die Gesichtsmuskeln, nicht willkürlich, sondern von einer die Herrschaft an sich reißenden Unterströmung des Willens bewegt, verzerren sich mit dem unangenehmsten Gefühle.

Den Dissidenten geißelt die Welt mit ihrem Mißfallen. Und darum muß ein Mann wissen, wie hoch er ein saures Gesicht anzuschlagen hat. Die Umstehenden sehen ihn scheel an auf den Straßen und im Salon des Freundes. Wenn diese Abneigung einer Verachtung und einem Widerstande entspringen würde die seinem eigenen gleichen, dann hätte er allerdings Grund, mit traurigem Gesichte nach Hause zu gehen; aber die scheelen Gesichter der Menge haben so wenig als die freundlichen einen tieferen Grund, sondern werden angenommen und abgelegt, je nachdem der Wind bläst oder die Zeitung befiehlt. Und doch ist die Unzufriedenheit der Menge fürchterlicher als die des Parlaments und der Fakultäten. Für einen festen Mann, der die Welt kennt, ist es gar nicht so schwer, der Wut der gebildeten Stände zu trotzen. Ihre Wut ist anständig und behutsam, sie sind sehr vorsichtig, denn sie wissen zu gut, wie leicht verwundbar sie selbst sind. Aber wenn zu ihrer ohnmächtigen weiblichen Wut die Empörung des Volkes hinzutritt, wenn die Armen und Unwissenden aufgereizt werden, wenn die sinnlose brutale Kraft, die im Grunde der menschlichen Gesellschaft ruht, zu knurren und das Maul zu verzerren beginnt, dann bedarf es sicherer Gewöhnung in Hochherzigkeit und Religion, um es wie ein Gott als unbedeutende Kleinigkeit zu betrachten.

Ein anderer Popanz, der uns von selbständigem Handeln abschreckt, ist die Konsequenz; eine sonderbare Ehrfurcht vor unseren vergangenen Worten und Thaten, weil die Augen der anderen keine anderen Daten haben, um unsere Bahn zu berechnen, als diese, und wir sie nicht gern enttäuschen mögen.

Aber warum sollen wir denn ewig den Kopf über die Schulter zurückdrehen? Warum diesen Leichnam im Gedächtnis mit dir schleppen, damit du nur ja nie dem widersprichst, was du einmal da oder dort an öffentlichem Orte gesagt hast. Und wenn du dir einmal widersprichst, was ist denn dran? Es ist eine alte Weisheitsregel, sich nie auf sein Gedächtnis allein zu verlassen, selbst dort nicht, wo es bloß aufs Gedächtnis ankommt – sondern immer die Vergangenheit vor den Richterstuhl der tausendäugigen Gegenwart zu bringen und stets in neuen Tagen zu leben. – In deiner Metaphysik hast du der Gottheit die Persönlichkeit abgesprochen; – wenn aber eines Tages eine inbrünstige Frömmigkeit deine Seele ergreift und erfüllt – gieb ihr mit ganzer Seele nach und laß sie deinen Gott immerhin mit Gestalt und Farbe bekleiden. Laß deine Theorie, wie Josef seinen Mantel in den Händen der Hure, und fliehe! –

Eine unvernünftige Konsequenz ist der Plagegeist und das Schreckgespenst aller kleinen Geister, angebetet von den kleinen Staatsmännern, Philosophen und Geistlichen. Mit Konsequenz hat eine große Seele einfach nichts zu thun. Ebenso wichtig wäre es, sich um seinen Schatten an der Wand zu kümmern. Sprich, was du heute denkst, in harten Worten, und morgen sprich, was du morgen denkst, wieder in harten Worten, und wenn du jedes Wort des heut Gesprochenen widerrufen müßtest. – »Ja, aber dann wirst du sicherlich mißverstanden werden.« – Ist es denn so schlimm, mißverstanden zu werden? Pythagoras wurde mißverstanden und Sokrates und Jesus und Luther und Copernicus und Galileo und Newton und jeder reine und weise Geist, der hienieden jemals zu Fleisch ward. Groß sein heißt mißverstanden werden.

Ich meine, kein Mensch kann seiner Natur Gewalt anthun. Alle Seitensprünge seines Willens sind vom Gesetz seines Wesens eingerundet, wie die Ungleichheiten der Anden und des Himalaya an der Erdkurve verschwinden. Auch ist es gleichgiltig, wie du ihn aichen und erproben magst. Ein Charakter ist wie ein Akrostichon oder eine Alexandrinische Strophe: vorwärts, rückwärts, über quer gelesen, giebt sie immer denselben Wortlaut. In diesem lieblichen bescheidenen Waldleben, das Gott mir gewährt, will ich Tag für Tag meine ehrlichen Gedanken aufzeichnen ohne vorwärts noch rückwärts zu schauen; und ich zweifle nicht, sie werden harmonisch erscheinen, ohne daß ich’s will noch weiß. Mein Buch muß vom Dufte der Pinien erfüllt sein und vom Summen der Insekten wiedertönen. Die Schwalbe über meinem Fenster soll den Strohhalm in ihrem Schnabel in das Gewebe meines Geistes schlingen. Wir gelten für das, was wir sind. Über den Kopf unseres Wollens hin offenbart sich unser Charakter. Die Menschen bilden sich ein, daß sie ihre Tugenden und Fehler nur durch offene Handlungen zur Kenntnis bringen, – und merken nicht, daß Tugend und Fehler mit jedem Atemzuge sich verraten.

In den denkbar verschiedensten Handlungen muß Übereinstimmung herrschen, wenn nur jede zu ihrer Stunde ehrlich und natürlich ist, denn die Handlungen eines Willens müssen harmonisch sein, wie ungleich sie auch scheinen. In einer kleinen Entfernung, bei einer gewissen Höhe des Gedankens verliert man die Verschiedenheiten aus dem Gesichte. Eine Richtung vereint alle, die Fahrt des besten Schiffes ist eine Zickzacklinie mit hundert Zacken. Betrachtet man die Linie aus einer genügenden Entfernung, so streckt sie sich zu einer geraden, welche der Durchschnittsrichtung entspricht. Jede aufrichtige That erklärt sich selbst und wird auch all deine anderen aufrichtigen Thaten erklären. Damit daß du so thust, wie die anderen thun, erklärst du nichts. Handle selbständig und was du bereits selbständig gethan, wird dich heute rechtfertigen. Größe appelliert an die Zukunft. Wenn ich heute fest genug bin, recht zu thun und den Augen zu trotzen, so muß ich schon so viel recht gethan haben als genug ist, mich heute zu verteidigen. Sei dem übrigens wie immer, – thu heute recht! Trotze immer dem Schein und du darfst ihm immer trotzen! Die Kraft des Charakters ist eine kumulative. Alle rechtschaffenen Tage der Vergangenheit teilen dem heutigen ihre Gesundheit mit. Woher kommt die Majestät der Helden des Senats und des Schlachtfeldes, die unsere Einbildungskraft gefangen nimmt? Von dem Bewußtsein, daß ein ganzer Zug großer Tage und Siege ihren Schritten folgt. Wie eine Aureole leuchten ihre vereinigten Strahlen um das Haupt des vorschreitenden Helden. Sie geben ihm wie eine sichtbare Schar von Engeln das Geleit. Das ist es, was Chathams Stimme dem Donner gleich macht, was Washingtons Betragen mit Würde erfüllt, und Amerika aus Adams‘ Auge leuchten macht. Ehre flößt uns Ehrfurcht ein, weil sie keine Eintagserscheinung ist. Sie ist immer altbewährte Tüchtigkeit. Wir ehren sie heute, weil sie nicht von heute ist. Wir lieben sie und huldigen ihr, weil sie unserer Liebe und Huldigung keine Fallen stellt, sondern nur von sich selbst abhängig, sich selbst entsprossen ist, und darum, auch wo sie dem Jüngsten zu teil wird, einen alten unbefleckten Stammbaum hat.

Ich hoffe, wir haben in diesen Tagen von Konformität und Konsequenz zum letzten mal reden gehört. Die Worte sollen von nun an an den Pranger gestellt und lächerlich gemacht werden. Anstatt des Gongs, das uns zum Mittagessen ruft, müssen wir den Ton der spartanischen Kriegspfeife vernehmen. Wir müssen damit aufhören, uns zu verbeugen und zu entschuldigen. – Ein großer Mann kommt heute, um in meinem Hause zu speisen. Ich begehre nicht ihm zu gefallen, ich begehre, daß er mir zu gefallen wünsche. Ich will die Menschheit vor ihm vertreten, und ob ich es gleich gütig thun möchte, vor allem will ich es wahr thun. Wir müssen die glatte Mittelmäßigkeit und schäbige Zufriedenheit der Zeit beleidigen und zurückweisen – und der guten Sitte, dem Handel, dem Comptoir die Thatsache ins Gesicht schleudern, die das Resultat der ganzen Weltgeschichte ist: daß ein großer Verantwortlicher Denker und Thuer schafft, wo immer ein Mensch schafft, daß ein wahrer Mensch keiner anderen Zeit und Raum angehört, sondern das Centrum aller Dinge ist. Wo er ist, da ist die Natur. Er mißt dich und alle Menschen und alle Ereignisse. Gewöhnlich erinnert uns jede Person in der Gesellschaft an irgend etwas anderes oder an irgend eine andere Person. Nur Charakter und Realität erinnern an nichts anderes, sie nehmen die ganze Schöpfung ein. Der Mensch muß so viel sein, daß er Lage, Umstände und Umgebung gleichgiltig macht. Jeder wahre Mensch ist eine Kausalität, ein Land, ein Zeitalter; braucht unendlich viel Raum und Zeit und Zahlen um seine Pläne ganz zu realisieren; – und die Nachwelt scheint seinen Schritten wie ein Klientenzug zu folgen. Der Mensch Cäsar wird geboren und durch Jahrhunderte nachher haben wir ein römisches Kaiserreich. Christus wird geboren und Millionen von Seelen klammern und heften sich so an seinen Geist, daß er mit dem Guten und Menschenmöglichen selbst verwechselt wird. Jede Institution ist der verlängerte Schatten eines einzigen Menschen: das Mönchstum der des Eremiten Antonius; die Reformation der Luthers; des Quäkertum Foxs; der Methodismus Wesleys, die Sklavenbefreiung der Clarksons. Milton nannte Scipio den »Gipfel Roms«; und die ganze Weltgeschichte löst sich mit Leichtigkeit in die Biographien einiger weniger kraftvoller und ernster Gestalten auf.

Darum soll der Mensch seinen Wert kennen und die Welt zu seinen Füßen niederhalten; und in dieser Welt, die für ihn da ist, nicht ängstlich gucken, und sich herumstehlen und schleichen wie ein Bettelknab‘, oder ein Schleichhändler, oder ein Findelkind. Leider fühlt sich der Mensch in der Straße, wenn er zu Türmen und marmornen Götterbildern emporblickt, gedemütigt, weil er in sich keinen Wert fühlt, welcher der Kraft, die diese geschaffen, entspräche. Paläste, Bildsäulen und kostbare Bücher sehen ihn fremd und gebieterisch an, ungefähr wie eine prunkvolle Einrichtung und scheinen ihn wie diese zu fragen: Wer sind Sie eigentlich mein Herr? Und doch sind sie alle sein, bitten ihn, sie zu bemerken, wenden sich an seine Fähigkeiten, sich hervorzubemühen und von ihnen Besitz zu ergreifen. Jedes Bild wartet auf mein Urteil; es hat mir nichts vorzuschreiben, ich bin es, der seinen Anspruch auf Lob oder Tadel festzustellen hat. Das beliebte Märchen von dem betrunkenen Bettler, der vollgesoffen in der Straße aufgepackt, in das Haus des Herzogs gebracht, daselbst gewaschen und gekleidet, in des Herzogs eigenes Bett gelegt und beim Erwachen mit all der unterthänigen Feierlichkeit wie der Herzog selbst behandelt, und dem versichert wurde, daß er bisher wahnsinnig gewesen, verdankt seine Volkstümlichkeit dem Umstand, daß es den Zustand des Menschen so wunderbar symbolisiert, der in der Welt wie ein Trunkener wandelt und hier und da aufwacht, zu klarer Besinnung kommt und erkennt, daß er ein Fürst im vollsten Sinne des Wortes ist.

Unsere Lektüre ist bettelhaft und schmarotzend. In der Geschichte sind wir die Narren unserer Phantasie. Königtum und Lordschaft, Macht und Staat sind freilich pomphaftere Worte als die einfachen Namen Hans und Eduard in bescheidenen Häusern und bei gewöhnlicher Tagesarbeit. Aber das Leben ist für beide dasselbe – die Gesamtsumme beider ist die gleiche. Wozu all diese Rücksicht für Alfred und Gustav und Skanderbeg? Angenommen, sie waren brave Leute, ist alle Bravheit mit ihnen heimgegangen? Bei dem unbeachteten Schritt, den du heute thun sollst, steht ein ebenso großer Einsatz auf dem Spiele, als ihrem öffentlichen und berühmten Schritte folgte. – Wenn Privatleute erst mit selbständigen Zielen handeln werden, dann wird der Glanz, der heute die Handlungen der Könige umgiebt, auf die des einfachen Gentleman übertragen werden.

Die Welt ist durch ihre Könige, die die Augen der Nationen so magnetisiert haben, belehrt worden. An diesem kolossalen Symbol lernte sie die gegenseitige Ehrfurcht, die der Mensch dem Menschen schuldig ist. Die fröhliche Loyalität, mit der die Menschen es überall gelitten haben, daß der König, der Edle, der Reiche nach seinen eigenen Gesetzen unter ihnen wandelte, sein eigenes Maß an Menschen und Dinge legte und das ihre umstieß, für Vorteil und Dienste nicht mit Gold, sondern mit Ehren zahlte und das Gesetz in seiner eigenen Person verkörperte, war das hieroglyphische Zeichen, mit welchem sie das Bewußtsein ihres eigenen Adels und Rechtes, das Recht jedes einzelnen Menschen, dunkel andeuteten.

Die magnetische Wirkung, die alles selbständige Handeln auf uns ausübt, erklärt sich, sobald wir nach dem Grunde des Selbstvertrauens forschen. Wem traut man eigentlich, wenn man sich selbst vertraut? Was ist jenes Ur-selbst, auf das ein allgemeines Vertrauen und Weltberuhen gegründet werden kann? Welche Natur, welche Kraft besitzt jener Stern ohne Parallaxe, ohne berechenbare Elemente, der aller Wissenschaft spottet, und doch mit einem Strahl von Schönheit selbst ganz gewöhnliche, ja unreine Handlungen verklärt, sobald sich nur die geringste Spur von Unabhängigkeit darin offenbart? Die Forschung führt uns zu jener Quelle, die zugleich die Quintessenz des Genies, der Sittlichkeit und des Lebens ist, die wir Ursprünglichkeit oder Instinkt nennen. Wir bezeichnen dieses primäre Wissen als Intuition, während alle spätere Erkenntnis auf Beobachtung und Belehrung beruht. Aus dieser geheimnisvollen Kraft, dieser letzten Thatsache, hinter die unsere Forschung nie gelangen kann, nehmen alle Dinge ihren gemeinsamen Ursprung. Denn das Gefühl des Seins, das in unserer Seele, wir wissen nicht wie, in stillen Stunden auftaucht, ist nicht unterschieden von Raum und Zeit, vom Licht, vom Menschen und von den Dingen, sondern eins mit ihnen und strömt offenbar aus derselben Quelle, aus der auch ihr Leben und Dasein quillt. Erst teilen wir das Leben, durch das die Dinge existieren, später sehen wir sie als Erscheinungen der Natur und vergessen, daß wir teil an ihrem Grunde haben. Hier liegt die Quelle alles Thun und Denkens. Von hier strömt jene Inspiration, die dem Menschen Weisheit verleiht und die zu leugnen (die wahre) Irreligiosität und Atheismus ist. Wir ruhen im Schoße eines unendlichen Geistes, der uns zu Gefäßen seiner Wahrheit und Werkzeugen seiner Thätigkeit macht. Wenn wir etwas als recht, als wahr erkennen, dann handeln nicht wir, sondern wir gewähren nur seinen Strahlen den Durchgang. Wenn wir fragen, woher dies kommt, wenn wir nach der Ur-Seele, die der letzte Grund der Dinge ist, spähen, erweist alle Philosophie sich ohnmächtig. Ihr Dasein oder Nichtdasein ist alles, was wir bestätigen können. Jeder Mann unterscheidet zwischen den willkürlichen Handlungen seines Geistes und seinen unwillkürlichen Wahrnehmungen, und weiß, daß die letzteren den vollkommensten Glauben verdienen. Man kann in der Wiedergabe derselben irren, aber jeder weiß, daß sie unbestreitbar sind wie Tag und Nacht. Meine willkürlichen Handlungen und Erlernungen sind höchst unsicher; – aber die müßigste Träumerei, die leiseste ursprüngliche Regung macht mich aufmerksam und neugierig. Gedankenlose Leute sind ebenso geneigt, Wahrnehmungen zu widersprechen wie Meinungen, ja noch viel geneigter, denn sie unterscheiden nicht zwischen Wahrnehmungen und Ideen. Sie meinen, daß ich dies oder jenes sehen will. Aber Wahrnehmungen sind unvermeidlich und hängen nicht von Wunsch oder Laune ab. Wenn ich eine Sache sehe, so werden meine Kinder sie nach mir sehen, und im Laufe der Zeit alle Welt – obgleich vielleicht keiner sie vor mir gesehen. Denn daß ich sie wahrgenommen, ist eine so feststehende Thatsache wie die Sonne.

Die Beziehungen der Seele zum göttlichen Geiste sind so rein, daß jeder Versuch, Vermittler einzuschieben, wie eine Profanation erscheint. Wenn Gott spricht, kann er nicht eins mitteilen, sondern alles; muß die Welt mit seiner Stimme erfüllen; Licht, Natur, Zeit und Seelen aus dem Mittelpunkte des gegenwärtigen Gedankens ausstreuen; neu die Schöpfung schaffen und einen neuen ersten Tag. Wenn die einfältige Seele göttliche Weisheit empfängt, dann schwindet alles Alte, – Mittel, Lehrer, Bücher, Tempel fallen; der Augenblick ist Leben; Zukunft und Vergangenheit schließt die gegenwärtige Stunde ein. Alles heiligt die Beziehung. Alle Dinge lösen sich auf zu ihrem Centrum in dem Dinge, das sie schuf, und in dem allumfassenden Wunder verschwinden all die kleinen Einzelwunder. Wenn daher ein Mensch vorgiebt, von Gott zu wissen und zu sprechen und euch zu den Redensarten einer alten vermoderten Nation, in eine andere Zeit, eine andere Welt zurückführt, glaubet ihm nicht! Ist die Eichel besser als die Eiche, die ihre Erfüllung und Vollendung ist? Ist der Erzeuger besser als das Kind, in das er sein gereiftes Wesen übertragen? Woher also dieser Kultus des Vergangenen? Die Jahrhunderte sind Verschwörer gegen die Gesundheit und Autorität des Geistes. Raum und Zeit sind nur physiologische Farben, die das Auge schafft; der Geist ist Licht; wo er ist, ist Tag; wo er war, ist Nacht; und die Geschichte ist eine anmaßende Beleidigung, wenn sie mehr als eine heitere Apologie oder Parabel meines Seins und Werdens ist.

Der Mensch ist furchtsam und bittet beständig um Verzeihung. Er geht nicht mehr aufrecht einher und getraut sich nicht zu sagen: »Ich denke,« »Ich bin,« sondern citiert irgend einen Heiligen oder Weisen. Der Grashalm und die blühende Rose beschämen ihn. Die Rosen unter meinem Fenster berufen sich nicht auf frühere Rosen oder bessere; sie geben sich als das, was sie sind; sie leben heute mit Gott. Sie kennen keine Zeit, sie sind Rosen, vollkommen in jedem Augenblick ihres Daseins. Ehe die Blattknospe sprang, war ein volles Leben thätig; in der reichen Blüte ist nicht mehr, im entblätterten Strauch nicht weniger. Sie ist befriedigt und befriedigt die Natur in jedem Augenblick ihres Daseins. Aber der Mensch verschiebt oder gedenkt; er lebt nicht in der Gegenwart, sondern klagt zurückgewendeten Auges um die Vergangenheit, oder stellt sich, unbekümmert um die Schätze, die ihn umgeben, auf die Fußspitzen, um die Zukunft zu erspähen. Und er kann nicht eher stark und glücklich sein, als bis auch er im Bunde mit der Natur im Augenblick ein zeitloses Dasein führt.

Das sollte klar genug sein. Und dennoch, es ist zum Staunen, welch starke Geister noch immer nicht Gott selbst zu hören wagen, wenn er nicht die Sprache irgend eines David, Jeremias oder Paulus spricht. Die Zeit wird kommen, wo wir diesen wenigen Texten und Personen keinen so großen Wert mehr beilegen werden. Wir gleichen Kindern, die die Weisheitssprüchlein ihrer Großmütter und Lehrer nachleiern; wenn sie älter werden, diejenigen bedeutender Menschen, die sie zufällig gelernt haben, – immer ängstlich bemüht, den genauen Wortlaut im Kopfe zu behalten. Spät erst, wenn sie zu den Gesichtspunkten jener gelangen, welche diese Maximen aufstellten, geht ihnen der Sinn auf und sie lassen die Worte fahren, denn nun können sie die entsprechenden Worte ebensogut allein finden. Wenn wir richtig leben, werden wir richtig schauen. Es ist für den Starken ebenso leicht, stark zu sein, wie für den Schwachen, schwach. Wer selbst stets Neues aufnimmt, kann sein Gedächtnis leicht der angehäuften Schätze wie von ebensoviel angehäuftem Plunder entlasten. Wenn ein Mensch mit Gott lebt, wird seine Stimme süß klingen wie das Murmeln des Baches und das Rauschen des Korns.

Und nun bleibt die höchste Wahrheit über dieses Thema zuletzt ungesagt und kann wohl gar nicht gesagt werden; denn alles, was wir sagen, ist nur entfernte Erinnerung an die Intuition. Der Gedanke, mit dem ich ihr am nächsten kommen kann, ist folgender: Wenn das Hohe dir nahe ist, wenn du Leben in dir hast, dann kommt es auf keinem bekannten oder gewohnten Wege: du wirst keine fremde Fußspur auf deinem Pfade finden, du wirst keines Menschen Antlitz sehen, du wirst keinen Namen hören: der Pfad, der Gedanke, das Hohe wird völlig fremd und neu sein. Es wird Beispielen und Erfahrungen widersprechen. Du mußt deinen Weg von den Menschen fort, nicht zu ihnen nehmen. Alle Personen, die je existierten, sind seine vergessenen Diener. Furcht und Hoffnung reichen nicht zu ihm hinauf. Selbst in der Hoffnung liegt etwas Niedriges. In der Stunde der Vision empfinden wir nichts, was Dankbarkeit, ja nichts, was eigentlich Freude genannt werden könnte. Die über alle Leidenschaften erhobene Seele schaut die Identität und ewigen Kausalzusammenhang, erfaßt und begreift die Selbstexistenz der Wahrheit und des Rechts, und wird immer ruhevoller in der Erkenntnis, daß alles wohl geordnet ist. Die weiten Räume der Natur, der Atlantische Ocean und die Südsee. die ungeheueren Zeiträume, Jahre und Jahrhunderte schwinden. Dies, was ich denke und fühle, lag jedem früheren Leben und Sein zu Grunde, wie es meinem jetzigen zu Grunde liegt, – so dem, was Leben genannt wird, wie dem, was Tod genannt wird.

Nur das Leben hat Wert, nicht das Gelebthaben. Im Augenblick der Ruhe hört alle Kraft auf. Sie existiert nur im Augenblick des Überganges aus einem Zustand in einen neuen, im Wirbel der Strömung, im Pfeile, der nach seinem Ziele fährt. Dies ist es, was die Welt haßt: das Werden des Geistes; denn es raubt der Vergangenheit allen Schimmer, wandelt Reichtum in Armut, Ehre in Schande, verwechselt den Heiligen mit dem Schurken, stellt Jesus und Judas Seite an Seite. Was schwatzen wir nur von Selbstvertrauen? So lange der Geist in uns ist, ist Kraft in uns, nicht vertrauend, sondern treibend und führend. Von Vertrauen sprechen ist nur eine arme, äußerliche Redensart. Besser wär’s, von dem zu sprechen, was sicher ruht, weil es wirkt und schafft. Wer besser gehorchen kann als ich, übermeistert mich, und wenn er gleich keinen Finger rührte. Um ihn muß ich kreisen nach dem Gravitationsgesetz der Geister. Noch halten wir es für eine Redefigur, wenn wir von hervorragender Tugend sprechen. Wir haben noch nicht eingesehen, daß Tugend wirklich Höhe ist, und daß ein Mensch oder eine Schar von Menschen, die plastisch und für die ewigen Principien empfänglich sind, nach dem Naturgesetz alle Städte, Nationen, Könige, Reiche und Dichter niederreiten und überwältigen müssen, die es nicht sind.

Dies ist der letzte Schritt, zu dem wir hier wie überall so schnell gelangen: die Auflösung aller Dinge in das ewigheilige Eine. Selbst-Existenz ist das Attribut des Höchsten Grundes. Nach dem Grade, in dem sie niedrigeren Formen eigen ist, bildet sie das Maß alles Guten. Alle Dinge haben so viel reales Dasein, als sie sittliche Kraft besitzen: Handel, Hausführung, Jagd, Walfischfang, Krieg, Beredsamkeit, die Macht der Persönlichkeit – sind alle etwas und zwingen mir als Beweise der Gegenwart und wenn auch unreinen Wirkung dieser Kraft eine gewisse Achtung ab. Das gleiche Gesetz schafft in der Natur Erhaltung und Wachstum. In der Natur ist Kraft das wesentliche Maß des Rechts. Sie duldet nichts in ihren Reichen, was sich nicht selbst erhalten kann. Die Entstehung und das Reifen des Planeten, seines Gewichts und seiner Bahn, die Widerstandskraft des gebeugten Baumes, der sich vom Stoße des Sturmes erholt, die lebendigen Hilfsquellen jeder Pflanze und jedes Tieres sind ebensoviel Beweise und Äußerungen des sich selbst genügenden und darum selbstvertrauenden Geistes.

So strebt alles dem Mittelpunkt zu – laßt uns nicht umherirren! Laßt uns daheim beim Ur-Grunde bleiben! Laßt uns den eindringenden Schwarm von Menschen und Büchern und Institutionen durch die einfache Erklärung der göttlichen Wirklichkeit betäuben und mit Staunen füllen! Heißet die Eindringlinge die Schuhe von den Füßen ziehen, denn hier ist Gott! Unsere Einfalt soll sie richten und unsere Fügsamkeit in unser eigenes Gesetz sie lehren, wie arm Natur und Glück vor unseren angeborenen Schätzen sind.

Aber jetzt sind wir Pöbel. Der Mensch hat vor dem Menschen keine Ehrfurcht, noch fühlt sein Genius die Mahnung, daheim zu bleiben und aus dem inneren Ocean zu schöpfen, sondern geht umher und bettelt um einen Trunk Wassers aus den Krügen der anderen. Wir müssen allein gehen. Mir ist die schweigende Kirche vor dem Beginn der Messe lieber als die beste Predigt. Wie entfernt, wie kühl, wie keusch erscheinen die Menschen, wenn jeden ein Vorhof, ein Heiligtum umgiebt! So wollen wir immer bleiben. Müssen wir denn die Fehler unseres Freundes, unseres Weibes, Vaters oder Kindes annehmen, weil sie um denselben Herd mit uns sitzen oder vom selben Blute sein sollen? Alle Menschen sind von meinem Blut, und ich von dem aller Menschen. Dennoch will ich ihre Begehrlichkeit oder Narrheit nicht einmal so weit anerkennen, daß ich mich ihrer schäme. Aber deine Absonderung darf nicht nur mechanisch, sondern muß geistig sein – das heißt sie muß Erhebung sein. Zu Zeiten scheint die ganze Welt sich verschworen zu haben, dich mit gewichtigen Kleinigkeiten zu belästigen. Ein Freund, ein Klient, ein Kind, Furcht, Krankheit, Not und Mildthätigkeit, alle klopfen zugleich an die Thür deines Gemaches und rufen: »Komm zu uns!« – Aber du bleibe für dich und lasse dich nicht in ihre Verwirrung zerren. Nur durch schwächliche Neugier mache ich es den Menschen möglich, mich zu verstimmen. Kein Mensch kann mir nahe kommen, außer durch mein eigenes Thun. »Was wir lieben ist unser; aber durch Begierde berauben wir uns der Liebe.«

Und wenn wir uns nicht sogleich zum Heiligtum des Glaubens und Gehorsams emporschwingen können, so wollen wir wenigstens der Versuchung widerstehen, wollen uns in Kriegsrüstung werfen und wollen Thor und Wodan, Mut und Standhaftigkeit in unserer Sachsenbrust erwecken. In unseren glatten Zeiten heißt es da vor allem die Wahrheit sprechen. Diese erlogene Gastfreundlichkeit und erlogene Sympathie muß ein Ende haben. Du kannst nun nicht mehr so leben, wie es diese betrogenen Betrüger, die unseren Verkehr bilden, erwarten. Sprich zu ihnen: O Vater, o Mutter, o Weib, o Bruder, o Freund, ich habe mit euch bisher nach dem Scheine gelebt. Von nun an ist die Wahrheit mein Weg. Wisset, daß ich von nun an keinem Gesetz mehr gehorche, außer dem ewigen Gesetz. Ich will von keinem Bunde mehr wissen, ich will nur mehr euer Nachbar sein. Ich werde mich bemühen, meine Eltern zu erhalten, meine Familie zu ernähren, der keusche Gatte eines Weibes zu sein – aber all diese Pflichten muß ich auf einem neuen, ungewohnten Wege erfüllen. Ich kümmere mich um eure Sitte nicht. Ich muß ich selbst sein. Ich kann mich nicht länger für dich, oder für dich, opfern. Wenn ihr mich lieben könnt, wie ich bin, um so besser, wir werden beide um so glücklicher sein; wenn ihr mich nicht lieben könnt, so will ich mich dennoch bemühen, eure Liebe zu verdienen. Ich will meine Neigungen und Abneigungen nicht verbergen. Ich bin so fest überzeugt, daß alles Tiefe heilig ist, daß ich kühn vor Sonne und Mond das thun will, was immer mich innerlich erfreut und wozu mein Herz mich antreibt. Wenn du edel bist, will ich dich lieben; wenn du es nicht bist, will ich weder dich noch mich durch erheuchelte Aufmerksamkeiten beleidigen. Wenn du ein wahrer Mensch bist, aber einer anderen Wahrheit folgst als ich, so halte dich an deine Gefährten, ich will meine eigenen suchen. Ich thue dies nicht aus Selbstsucht, sondern in Demut und Wahrhaftigkeit. Es ist dein Interesse, wie meines und das aller Menschen, wie lange wir auch in Lügen gelebt haben mögen, von nun an in Wahrheit zu leben. Scheint dies heute hart? Du wirst es bald lieben, was dir deine Natur so gut, wie die meine mir, vorschreibt; und wenn wir beide der Wahrheit folgen, so wird sie uns beide zuletzt zum Heile führen. Ich werde dadurch meinen Freunden weh thun? Mag sein; aber ich kann nicht meine Kraft und Freiheit verkaufen, um ihre Empfindlichkeit zu schonen. Übrigens haben alle Leute vernünftige Augenblicke, manchmal wird jedem ein Einblick in die Region der ewigen Wahrheit gegönnt. Dann werden sie mich rechtfertigen und dasselbe thun.

Der Pöbel meint, daß du den allgemeinen Sittencodex verwirfst, weil du alle Sittengesetze verwirfst, – aus bloßem Antinomismus – und Menschen, die frech ihren Sinnen leben, werden ihren Lastern den Goldmantel der Philosophie umhängen. Aber das Gesetz liegt nicht in der Lust, sondern im Gewissen, und dies Gesetz bleibt. Es giebt zwei Beichtstühle, vor den einen oder den anderen müssen wir treten. Du kannst den Kreis deiner Pflichten erfüllen, indem du dich auf direktem oder indirektem Wege rechtfertigst. Du magst sehen, ob du deinen Beziehungen zu Vater und Mutter, Vetter und Nachbar, zur ganzen Stadt, zu Katz und Hund, Genüge gethan hast, ob einer von diesen dir einen Vorwurf machen kann. Aber ich kann diesen indirekten Maßstab auch fahren lassen und mich vor mir selber absolvieren. Ich stelle an mich meine eigenen ernsten Forderungen und habe einen vollkommenen Wirkungskreis. Ich verweigere gar vielen Dingen den Namen der Pflicht, die man gewöhnlich Pflichten nennt. Aber wenn ich nur mein eigenes Schuldbuch entlasten kann, dann kann ich mich vom allgemeinen Codex dispensieren. Wenn irgend ein Mensch glaubt, dieses Gesetz sei lax, so möge er versuchen, einen einzigen Tag lang seine Gebote zu erfüllen.

Und wahrlich, der Mann muß etwas Gottähnliches haben, der es wagen darf, die gemeinen Beweggründe der Menschen zu verwerfen und sich selbst sein eigener Zuchtmeister zu sein. Hoch muß sein Herz sein, treu sein Wille, klar sein Gesicht, auf daß er in vollem Ernste sich selbst Lehre, Gesellschaft und Gesetz sei, daß für ihn ein einfacher Vorsatz dasselbe bedeute, was die eiserne Notwendigkeit für andere ist.

Wer den gegenwärtigen Zustand dessen, was man vorzugsweise »die Gesellschaft« nennt, betrachtet, wird die Notwendigkeit dieser Ethik begreifen. Es ist, als ob Sehnen und Herz aus den Menschen gezogen wären; wir sind furchtsame, kleinmütige Winseler geworden. Wir fürchten uns vor der Wahrheit, wir fürchten uns vor dem Schicksal, wir fürchten uns vor dem Tod, und wir fürchten uns einer vor dem anderen. Unsere Zeit bringt keine großen und vollkommenen Persönlichkeiten hervor. Wir brauchen Männer und Weiber, die das Leben und die socialen Zustände neu schaffen, und müssen doch sehen, wie die meisten Naturen insolvent sind und nicht einmal ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen können, einen Ehrgeiz haben, der mit ihrem wirklichen Können in gar keinem Verhältnis steht, und Tag und Nacht, unaufhörlich, betteln und borgen. Unser Hausführen ist bettelhaft, unsere Kunst, unsere Beschäftigungen, unsere Heiraten, unsere Religion haben nicht wir gewählt, sondern die Gesellschaft für uns. Wir sind Salonhelden. Wir scheuen das rauhere Schlachtfeld des Schicksals, auf dem allein die Kraft geboren wird.

Wenn unseren jungen Leuten der erste Versuch mißglückt, verlieren sie allen Mut. Wenn ein junger Kaufmann falliert, sagen die Leute: »Der Mann ist zu Grunde gegangen!« Wenn der begabteste Kopf, der an einer unserer Universitäten studiert hat, nicht ein Jahr später in einem Amt in Boston oder Newyork angestellt ist, so glauben er und seine Freunde, daß er ein Recht habe, sehr niedergeschlagen zu sein und sich sein lebenlang zu beklagen. Ein handfester Bursch aus New-Hampshire oder Vermont, der es der Reihe nach mit allen Professionen versucht, als Kutscher, Farmer, Hausierer, Schulmeister, – der predigt, Zeitungen herausgiebt, zuletzt Kongreßmitglied wird und ein ganzes Stadtgebiet ankauft – und immer wie eine Katze auf die Füße fällt, ist mehr als hundert solcher Stadtpuppen wert. Er hält Schritt mit seinen Tagen und schämt sich nicht, kein »Studierter« oder »gelernter Professionist« zu sein, denn er verschiebt sein Leben nicht, sondern lebt bereits. Er hat nicht eine Aussicht, sondern hundert Aussichten. Daß doch ein Stoiker wieder aufträte und die inneren Hilfsquellen des Menschen eröffnete und ihnen sagte: daß sie keine schwächlichen Ranken sind, sondern sich freimachen können und müssen, daß sie, sowie sie Selbstvertrauen lernen, neue Kräfte entdecken werden, daß der Mensch das fleischgewordene Wort ist, geboren, um den Völkern das Heil zu bringen, daß er sich unseres Mitleids schämen sollte, und daß im Augenblick, wo er aus seiner eigenen Natur heraus handelt und Gesetze und Bücher, Götzen und Sitten zum Fenster hinauswirft, wir ihn nicht länger bemitleiden, sondern dankbar verehren – ein solcher Lehrer würde dem Menschenleben wieder Glanz verleihen und seinen Namen aller Geschichte teuer machen.

Es ist leicht zu erkennen, daß nur ein größeres Selbstvertrauen – Selbstgehorchen eine heilsame Umwälzung in allen Beziehungen und Thätigkeiten der Menschen herbeiführen kann: in ihrer Religion, ihrer Erziehung, ihren Beschäftigungen, ihrer Lebensweise, ihrer Geselligkeit, ihren Eigentumsverhältnissen und in ihren philosophischen Anschauungen!

1. Was für Gebete erlauben sich die Menschen! Was sie Gottesdienst nennen, zeigt nicht einmal männlichen Mut, geschweige denn heiligen Geist. Jedes Gebet ist ein Umsehen nach fremder Hilfe, ein Flehen um Kräftigung durch ein fremdes Verdienst, und verliert sich in unendliche Irrgänge von Natürlichem und Übernatürlichem, von Mittlertum und Wundern. Jedes Gebet, das irgend einen besonderen Vorteil, das etwas anderes, etwas Geringeres als die höchste Gnade, als alles Gute verlangt, ist blasphemisch. Das wahre Gebet ist die Betrachtung der Dinge dieses Lebens vom höchsten Gesichtspunkte aus. Es ist das Selbstgespräch der beschauenden und entzückten Seele. Es ist der Geist Gottes, der da ausspricht, daß sein Werk gut sei. Aber das Gebet als Mittel, irgend ein privates Ziel zu erreichen, ist Gemeinheit und Diebstahl. Es setzt einen Dualismus in der Natur voraus, anstatt Bewußtsein und Einheit. Ein Mensch, der mit Gott eins ist, wird nie beten. Er wird in jedem Thun ein Gebet erkennen. Das Gebet des Landmannes, der in seinem Acker kniet, um ihn zu jäten, das Gebet des Schiffers, der mit dem Schlage seines Ruders kniet, – das sind wahre Gebete, die die ganze Natur vernimmt, obgleich es sich um geringes handelt. Wie Caratach in Fletchers »Bonduca« sagt, da er ermahnt wird, den Sinn des Gottes Audat zu erforschen:

»In unserm Streben ist sein Sinn verborgen,
Die Tapferkeit ist unser bester Gott!«

Eine andere Art falscher Gebete sind Bedauern und Reue. Unzufriedenheit ist immer Mangel an Selbstvertrauen und Willensschwäche. Unglücksfälle soll man bedauern, wenn dem Betroffenen damit geholfen wird; – wenn aber nicht, so geh an deine Arbeit, und das Übel wird sich lindern. Unser Mitleid ist ein ebenso niedriges. Wir kommen zu denen, die da thöricht weinen, und setzen uns hin und plärren mit ihnen, anstatt ihnen Wahrheit und Gesundheit in rauhen elektrischen Schlägen mitzuteilen, indem wir sie noch einmal mit ihrer eigenen Vernunft in Verbindung setzen. Das Geheimnis des Glückes ist: Freude am Werk unserer Hände. Willkommen Göttern und Menschen ist der Mann, der sich selbst hilft, – ihm öffnen sich alle Thüren, ihn grüßen alle Zungen, ihn krönen alle Ehren, alle Blicke folgen ihm begierig nach. Unsere Liebe kommt ihm entgegen und umarmt ihn, weil er sich nicht um sie bewarb. Wir liebkosen und feiern ihn besorgt und reuig, weil er seinen eigenen Weg ging und unsere Mißbilligung verachtete. Die Götter lieben ihn, weil die Menschen ihn haßten. »Für den ausharrenden Sterblichen,« sprach Zoroaster, »sind die seligen Unsterblichen schnell!«

So wie die Gebete der Menschen eine Krankheit des Willens sind, so ist ihr Glaube eine Krankheit des Intellekts. Sie sagen gleich jenen thörichten Israeliten: »O, laßt nicht Gott zu uns sprechen, auf daß wir nicht sterben; sprich du, spreche irgend einer von euch, und wir wollen gehorchen!« Nirgend kann ich Gott in meinem Bruder finden, weil er die Thore seines eigenen Tempels geschlossen hat und nur Fabeln von seines Bruders, oder von seines Bruders Bruders Gott erzählt. Jeder neue Geist entspricht einer neuen Klassifikation. Wenn es ein Geist von ungewöhnlicher Kraft und Thätigkeit ist, ein Locke, ein Lavoisier, ein Hutton, ein Bentham, ein Fourier, so zwingt er seine Klassifikation auch anderen auf, und siehe! wir haben ein neues System. Je tiefer der Grundgedanke desselben ist, je mehr Dinge es dem Jünger faßbar macht, um so größeren Erfolg wird es haben. Aber nirgends zeigt sich dies so, wie bei Kirchen und Religionen, denn auch diese sind nichts anderes als Systeme irgend eines gewaltigen Geistes, der den elementaren Gedanken der Pflicht und die Beziehungen des Menschen zum Höchsten zu seinem Gegenstande machte. Calvinismus, Quakerismus, Swedenborgismus sind solche Systeme. Der Jünger der neuen Lehre findet ebensoviel Freude daran, alle Dinge der neuen Terminologie einzureihen, wie ein wißbegieriges Kind, das eben Botanik gelernt hat und nun eine neue Erde, einen neuen Frühling entdeckt. Und eine Zeitlang wird er fühlen, daß sein Geist in dem Maße wächst, als er in den seines Meisters eindringt. Aber in allen unsicheren Seelen wird alsbald das System vergöttert, und für das Ziel gehalten, was doch nur ein rasch abgebrauchtes Mittel ist; die Grenzen des Systems verschwimmen ihrem Auge am fernen Horizont mit den Grenzen des Weltalls, und die Himmelslichter scheinen ihnen an dem Bogen, den ihr Meister aufgebaut, zu hängen. Sie können nicht begreifen, wie ihr Heterodoxen ein Recht zu sehen habt, – wie ihr nur überhaupt sehen könnt. »Ihr müßt uns das Licht geradezu gestohlen haben!« Sie fassen noch nicht, daß das unbezwingliche, in kein System zu sperrende Licht in jede Zelle dringt – selbst in die ihre. Mögen sie eine Weile zirpen und es ihr eigen nennen. Wenn sie ehrlich sind und recht thun, so wird ihr zierliches neues Bretterdach bald zu enge und niedrig werden, wird sich biegen, wird springen, faulen und schwinden, und das unsterbliche Licht wird jung und freudig, millionenfarbig, millionenstrahlig über das Weltall wie am ersten Morgen leuchten.

2. Es ist gleichfalls nur Mangel an Selbstbildung, daß der Aberglaube des Reisens, dessen Götzen Italien, England, Ägypten sind, seinen Zauber für alle wohlerzogenen Amerikaner behält. Diejenigen, welche England, Italien oder Griechenland so anziehend und ehrfurchtgebietend für unsere Phantasie machten, bewirkten dies dadurch, daß sie fest an ihrer Scholle klebten, als wäre sie die Achse der Erde. In männlichen Stunden fühlen wir, daß die Pflicht unseren Platz bestimmt. Der Geist ist kein Reisender; der weise Mann bleibt daheim – und wenn das Bedürfnis oder die Pflicht ihn hinausruft und ihn auf die Straße oder in die Fremde führt – er ist dennoch zu Hause, und am Ausdruck seines Antlitzes fühlen die Menschen, daß er als ein Missionär der Sittlichkeit und Weisheit dahinzieht und Städte und Menschen wie ein Souverän, nicht wie ein Bedienter oder Schleichhändler besucht.

Ich bin kein pedantischer Gegner der Reisen um die Welt, wenn sie aus Liebe zur Kunst, aus Wißbegier, aus Menschenfreundlichkeit unternommen werden, wenn der Mensch nur erst eine Heimat hat und nicht in der Hoffnung auszieht, Größeres zu finden als er zu Hause gekannt. Wer um sich zu zerstreuen reist, oder um etwas zu finden, was er nicht mitbringt, der flieht vor sich selbst und wird unter den Trümmern des Alten in seiner Jugend alt. In Theben, in Palmyra werden sein Geist und Herz alt und zerfallen wie diese, und er trägt Ruinen zu Ruinen.

Reisen ist das Paradies der Narren. Unsere ersten Ausflüge lehren uns, wie gleichgiltig die Orte sind. Zu Hause träum‘ ich, daß in Rom oder Neapel mich die Schönheit berauschen und meine Verstimmung enden wird. Ich packe meine Koffer, nehme von meinen Freunden Abschied und schiffe mich ein – und erwache in Neapel, und an meinem Bette sitzt ernsthaft und wirklich – dasselbe traurige, unnachsichtliche Selbst, vor dem ich geflohen. Ich besuche den Vatikan und die Paläste, ich thue, als wäre ich von Ansichten und Ideen berauscht, aber ich bin nicht berauscht. Mein Riese geht mit mir, wohin ich auch gehe.

3. Aber die Reisewut ist nur ein Symptom einer tieferen Ungesundheit, die unser ganzes geistiges Leben ergriffen hat. Unser Intellekt ist unstät, unser ganzes Erziehungssystem erzeugt Unruhe. Unser Geist ist selbst dann auf Reisen, wenn der Leib daheim bleiben muß. Wir sind Nachahmer – und was ist Nachahmung anders als ein Reisen des Geistes? Wir bauen unsere Häuser nach fremdem Geschmack, unsere Gesimse sind mit fremdem Zierat geschmückt, unsere Ansichten, unser Geschmack, unsere Fähigkeiten sind erborgte und auf Vergangenes und Entferntes gestützt. Wo die Künste geblüht haben, da hat der Geist sie geschaffen. In seiner eigenen Seele suchte und fand der Künstler seinen Stil. Dadurch, daß er den Gegenstand seiner Arbeit und die Gesetze, die er zu beobachten hatte, aus eigenem Denken bestimmte, entstand der Stil. Wer heißt uns, den Dorischen oder Gotischen nachahmen? Schönheit, Zweckmäßigkeit, Größe des Gedankens und Zierlichkeit des Ausdruckes sind uns so erreichbar wie irgend einem, und wenn der amerikanische Künstler mit Hoffnung und Liebe prüfen wird, was eben er zu thun hat, wenn er das Klima, den Boden, die Länge der Tage, die Bedürfnisse des Volkes, die Regierungsform des Landes in Betracht zieht, dann wird er auch ein Haus bauen können, mit welchem all diesen Genüge gethan und doch auch Geschmack und künstlerisches Gefühl zugleich befriedigt sein werden.

Beharre auf dir selbst; ahme niemals nach! Deine eigenen Gaben kannst du in jedem Augenblick, gesteigert durch die Ausbildung eines ganzen Lebens, verwerten, an dem erborgten Talent eines anderen hast du nur einen vorübergehenden, halben Besitz. Das, was einer am besten kann, das kann kein anderer als sein Schöpfer ihn lehren. Kein Mensch weiß noch, was es ist, und keiner kann’s wissen, so lange er selbst es nicht offenbart hat. Wo ist der Meister, der Shakespeare hätte lehren können? Wo ist der Meister, der Franklin, Washington, Bacon oder Newton hätte unterweisen können? Jeder große Mann ist ein Unikum. Der Scipionismus Scipios ist eben das, was er von niemand entlehnen konnte; nie wird durch das Studium Shakespeares ein Shakespeare entstehen. Thue, das dir zugewiesen ist, und du kannst nicht zu viel hoffen, nicht zu viel wagen. In diesem selben Augenblick giebt es für dich eine Äußerung, kühn und großartig, wie die des kolossalen Meißels des Phidias, der Kelle der Ägypter, der Feder Mosis oder Dantes – aber verschieden von all diesen. Der tausendzüngige Geist in seinem unendlichen Reichtum, seiner unendlichen Ausdrucksfähigkeit, wiederholt sich nicht. Aber wenn du die Worte jener Patriarchen zu vernehmen imstande bist, wirst du ihnen auch in gleichem Tone antworten können; denn Ohr und Zunge sind Organe gleicher Art. Verweile nur in den hohen, einfachsten Sphären des Lebens, gehorche deinem eigenen Herzen, und du wirst die Vorwelt zu neuem Leben erwecken.

4. So wie unsere Religion, unsere Erziehung, unsere Kunst ein fremdes Gesicht zeigen, so auch der Geist unserer Gesellschaft. Alle Welt pocht auf den Fortschritt der menschlichen Gesellschaft, und kein Mensch macht einen Fortschritt.

Die Gesellschaft schreitet nie vor. Sie verliert stets auf der einen Seite so viel, als sie auf der anderen gewinnt. Sie unterliegt beständigem Wechsel – sie ist erst barbarisch, dann civilisiert, dann christianisiert – sie ist reich, sie ist wissenschaftlich gebildet – aber all dieser Wechsel ist kein Besserwerden. Für alles, was ihr gegeben wird, wird ihr etwas genommen. Sie lernt neue Künste und verliert alte Instinkte. Welch ein Kontrast zwischen dem wohlgekleideten, lesenden, schreibenden, denkenden Amerikaner mit Uhr, Kragen und Wechsel in der Tasche, und dem nackten Neuseeländer, dessen ganzes Eigentum in einer Keule, einem Speer, einer Matte und dem ungeteilten Zwanzigstel eines Binsendaches, darunter zu schlafen, besteht! Aber wer die Gesundheit der beiden Männer vergleicht, der erkennt, daß der Weiße seine ursprüngliche Kraft verloren hat. Wenn die Reisenden uns die Wahrheit berichten, so triff den Wilden mit einer breiten Axt, und in ein oder zwei Tagen schließt sich die Wunde und heilt, als ob du in weiches Pech geschlagen hättest, während derselbe Hieb den Weißen in sein Grab sendet.

Der civilisierte Mensch hat eine Kutsche erbaut, aber den Gebrauch seiner Füße verloren. Er weiß auf Krücken zu gehen, aber ihm fehlen die Muskeln. Er trägt eine feine Genfer Uhr, aber die Zeit nach der Sonne zu bestimmen vermag er nicht. Er besitzt nautische Kalender, und weil er darin nachschlagen kann, wenn er es brauchen sollte, kennt der Mann auf der Straße nicht einen Stern am Himmel. Die Sonnenwende beachtet er nicht, die Tag- und Nachtgleiche kennt er ebensowenig, und dem ganzen leuchtenden Kalender des Jahres entspricht kein Zifferblatt in seinem Geist. Seine Notizbücher verderben sein Gedächtnis, die Büchereien überladen seinen Geist, die Versicherungsanstalten vermehren die Zahl der Unglücksfälle; und es ist noch die Frage, ob die Maschinen uns nicht mehr hemmen als fördern, ob wir nicht durch Verfeinerung an Energie und durch ein wohleingerichtetes formales Christentum die Kraft wilder Tugend eingebüßt haben. Denn jeder Stoiker war ein Stoiker, aber wo in der Christenheit ist ein Christ?

So wenig also auf der Wage der Größe und Stärke eine Abweichung zu finden ist, so wenig giebt es eine auf ethischem Gebiet. Es leben jetzt keine größeren Männer als sonst. Eine merkwürdige Gleichheit läßt sich zwischen den großen Männern der ersten und letzten Zeitalter erkennen; noch kann alle Kunst und Wissenschaft, Religion und Philosophie des neunzehnten Jahrhunderts größere Männer erziehen, als die Heroen Plutarchs drei- oder vierundzwanzig Jahrhunderte vorher waren. Der Fortschritt des Geschlechts liegt nicht in der Zeit. Phocion, Sokrates, Anaxagoras, Diogenes sind große Männer, aber sie hinterlassen keine Schule von solchen. Wer wirklich ihresgleichen ist, wird nicht nach ihrem Namen genannt, sondern ist sein eigener Mann und mit der Zeit selbst Gründer einer neuen Sekte. Die Künste und Erfindungen einer Zeit sind nur ihr Kostüm und vermögen die Menschen nicht zu kräftigen. Der Schade, den eine verbesserte Maschinerie anrichtet, mag ihren Nutzen aufwiegen. Hudson und Behring haben in ihren Fischerbooten genug ausgerichtet, um Parry und Franklin in Erstaunen zu setzen, deren Ausrüstung alle Hilfsquellen moderner Wissenschaft und Kunst erschöpfte. Galileo entdeckte mit einem Operngucker eine glänzendere Reihe von Himmelserscheinungen als irgend einer nach ihm. Kolumbus fand die neue Welt in einem ungedeckten Boot. Es ist merkwürdig zu sehen, wie Werkzeuge und Maschinen beiseite gelegt und vergessen werden, die ein paar Jahre oder Jahrhunderte vorher unter lauten Lobpreisungen eingeführt wurden. Das Genie kehrt immer zum Menschen selbst zurück. Wir zählten die Verbesserungen der Kriegskunst unter die Triumphe der Wissenschaft, und doch hat Napoleon Europa durch das Bivouac erobert, dadurch, daß er auf die nackte Tapferkeit zurückgriff und sie aller Hilfsmittel entlastete. »Der Kaiser hielt es für unmöglich, eine vollkommen kriegstüchtige Armee heranzubilden« – sagt Las Casas – »ohne unsere Waffen, Magazine, Kommissarien und Troßwagen abzuschaffen, bis der Mann nach römischer Art seine Kornration empfangen, sie in seiner Handmühle mahlen und sein Brot selbst backen würde.«

Die Gesellschaft gleicht einer Woge. Die Woge bewegt sich vorwärts, nicht aber das Wasser, aus dem sie besteht. Dasselbe Wellenteilchen erhebt sich nicht vom Thal zum Kamm. Die Einheit liegt nur in der Erscheinung. Die Personen, die heute eine Nation bilden, sterben im nächsten Jahr und ihre Erfahrung mit ihnen.

Und so ist das Vertrauen auf Besitz, einschließend das Vertrauen auf Regierungen, die ihn beschützen, nur Mangel an Selbstvertrauen. Die Menschen haben so lange auf Außendinge statt auf sich selbst gesehen, daß sie dahin gekommen sind, religiöse, gelehrte und bürgerliche Einrichtungen für Schutzmittel des Besitzes anzusehen, und Angriffe auf jene zu verdammen, weil sie sie als Angriffe auf ihr Hab und Gut empfinden. Sie bemessen ihre gegenseitige Achtung nicht nach dem, was einer ist, sondern nach dem, was einer hat. Ein wahrhaft gebildeter Mensch aber schämt sich seines Besitzes, weil er Achtung vor seinem Wesen hat. Er haßt, was er hat, wenn er es als zufällig erkennt, – wenn es ihm durch Erbschaft, Schenkung oder Verbrechen zukam – er fühlt, daß dies nicht »Haben« heißt – daß all dies ihm nicht gehört, nicht in ihm wurzelt und nur daliegt, weil keine Revolution, kein Räuber es weggenommen hat. Aber das, was ein Mann ist, das erwirbt notwendig und unaufhörlich, und was der Mann durch sein Wesen erwirbt, ist lebendiges Eigentum und unterliegt nicht dem Gutdünken der Herrscher oder des Pöbels, wird weder durch Aufruhr, noch Feuer, Sturm oder Bankbruch gefährdet, sondern erneuert sich beständig selbst, wo immer er atmet. »Dein Anteil am Leben,« sagte der Kalif Ali, »folgt dir nach – daher bleibe ruhig und suche ihn nicht.« – Unsere Abhängigkeit von solch fremden Gütern führt zu jenem sklavischen Respekt vor Zahlen. Die politischen Parteien kommen in zahlreichen Versammlungen zusammen – und je größer der Zulauf, je größer der Begrüßungslärm: »Die Delegation von Essex! Die Demokraten von New-Hampshire! Die Whigs von Maine!« desto stärker fühlt sich der junge Patriot vor diesem neuen Tausend von Augen und Armen. Ebenso berufen unsere Reformatoren Versammlungen ein und stimmen und beschließen nach Stimmenmehrheit. – Nicht so, meine Freunde! wird Gott in euch einziehen und in euch wohnen, sondern gerade auf dem entgegengesetzten Wege! Nur wenn ein Mann alle fremde Hilfe von sich weist und allein steht, seh‘ ich ihn stark und siegreich. Jeder neue Rekrut zu seiner Fahne macht ihn schwächer. Ist ein Mann nicht besser als eine Stadt? Verlange nur von den Menschen nichts, und bei dem endlosen Wechsel um dich her wirst über kurz oder lang du als die einzige feste Säule, für den Erhalter alles dessen gelten, was dich umgiebt. Wer da weiß, daß Kraft angeboren ist, daß er schwach ist, weil er das Gute außer sich selbst gesucht hat – und wer nach dieser Erkenntnis sich ohne Zögern auf seinen eigenen Geist wirft – der stemmt sich in diesem Augenblick, der steht gerade und stark, wird Herr seiner Glieder und wirkt Wunder, gerade wie ein Mensch, der auf seinen Füßen steht, stärker ist als einer, der auf dem Kopfe steht.

So gebrauche das, was man Glück nennt. Die meisten Menschen spielen mit ihm und gewinnen alles und verlieren alles, wie sein Rad rollt. Du aber verschmähe solchen Gewinn als ungesetzlich und halte dich an Ursache und Wirkung, welche die Kanzler Gottes sind. Im Willen wirke und erwerbe, und du hast das Rad des Glückes gefesselt und brauchst seine Umdrehungen hinfort nicht mehr zu fürchten. Ein politischer Sieg, ein Steigen der Kurse, die Genesung eines Kranken, die Rückkehr ein Freundes oder sonst ein günstiges Ereignis hebt deine Stimmung, und du denkst, daß frohe Tage für dich im Anzug sind. Glaube es nicht! Nichts kann dir Frieden bringen außer dir selbst. Nichts kann dir Frieden bringen außer dem Triumph der Principien.

Ralph Waldo Emerson – Man kann nie glücklich werden, …

Aus dem Jahre 1927 existiert von Albert Aereboe ein Bild, auf dem versonnen eine Mann am Fenster zum Meer sitzt, während hinter ihm sich die Tür öffnet und eine nackte Frauengestalt hineintritt. Es entstand kurz nach dem frühen Tod seiner Frau und ist beladen mit einer Fülle von Symbolen für das verlorene Lebensglück.
Aus dem Jahre 1927 existiert von Albert Aereboe ein Bild, auf dem versonnen eine Mann am Fenster zum Meer sitzt, während hinter ihm sich die Tür öffnet und eine nackte Frauengestalt hineintritt. Es entstand kurz nach dem frühen Tod seiner Frau und ist beladen mit einer Fülle von Symbolen für das verlorene Lebensglück.

Man kann nie glücklich werden,
wenn sich das, woran man glaubt,
nicht mit dem deckt, was man tut.

Ralph Waldo Emerson „zugeschrieben“
US-amerikanischer Philosoph, einflussreicher Unitarier und Schriftsteller, 1803-1882

Ralph Waldo Emerson – Ein Porträt von Dr. Karl Federn

Ralph Waldo Emerson - 1803 bis 1882
Ralph Waldo Emerson – 1803 bis 1882

Am 27. April 1882 starb zu Concord bei Boston im achtzigsten Jahre seines Lebens Ralph Waldo Emerson, der letzte große Vertreter und Lehrer der idealistischen Philosophie. Die philosophische Schule, die im vorigen Jahrhundert durch Kant in Deutschland begründet wurde, sollte auf der entgegengesetzten Hemisphäre ihren spätesten, eigentümlichsten und poesievollsten Vertreter finden.

Ein amerikanischer Idealist – schon diese beiden Worte scheinen einen Widerspruch zu enthalten. Aber Emerson hat im Geistesleben der Vereinigten Staaten eine mächtige Wandlung hervorgerufen; Thomas Carlyle konnte ihm schreiben: »Sie sind eine neue Ära, mein Freund, in Ihrem neuen gewaltigen Lande.«

Obgleich sein Geist auch in Deutschland in immer weiteren Wellenkreisen zu wirken begonnen hat und man die Spuren seines Einflusses bereits vielfach verfolgen kann, ist diese Wirkung doch eine weit langsamere, als man nach der Bedeutung Emersons und bei der sonst so willigen Art, mit der gerade das deutsche Volk die großen Männer des Auslandes aufzunehmen pflegt, erwarten sollte.Weiterlesen

Ralph Waldo Emerson – Über den Gentleman – 1841/1844

Ralph Waldo Emerson - 1803 bis 1882
Ralph Waldo Emerson – 1803 bis 1882

Giebt es eine bedeutsamere Thatsache in der modernen Geschichte als die Entstehung des »Gentleman«? Rittertum und Loyalität sind dadurch abgelöst worden, und in der englischen Litteratur haben, von Sir Philipp Sidney angefangen bis zu Walter Scott, die Hälfte aller Dramen und alle Romane die Darstellung dieser Figur zum Gegenstand gewählt. Das Wort »Gentleman,« das, wie das Wort »Christ,« infolge der Wichtigkeit, die ihm beigelegt wird, für die Zukunft das gegenwärtige und die letzt vorhergehenden Jahrhunderte charakterisieren muß, ist eine Huldigung für persönliche Eigenschaften, welche sich nicht mitteilen lassen. Wohl sind frivole und willkürliche Zuthaten mit dem Worte verbunden worden, aber das bleibende Interesse, das die Menschheit daran nimmt, muß den schätzenswerten Eigenschaften, welche es bezeichnet, zugeschrieben werden. Ein Element, das sämtliche kräftigsten Personen jedes Landes eint, sie einander verständlich und angenehm macht und etwas so Präcises ist, daß es augenblicklich empfunden wird, wenn einem Individuum das Freimaurerzeichen fehlt, das kann kein zufälliges Produkt sein, sondern ein Durchschnittsprodukt des Charakters und der Fähigkeiten, die sich in den Menschen allgemein finden. Und zwar scheint es ein gewisser konstanter Durchschnitt zu sein; so wie die Atmosphäre ein konstantes Gemenge ist, während so viel andere Gase sich nur verbinden, um sogleich wieder auseinander zu weichen. Comme il faut ist der französische Ausdruck für gute Gesellschaft » so wie man sein muß.« Es ist eine spontane Frucht der Talente und Gefühle, die eben jene Klasse besitzt, die auch die meiste lebendige Kraft besitzt, die in diesem Augenblick die Führerrolle in der Welt spielt und die, obgleich weit davon entfernt, rein zu sein, weit davon entfernt, über den höchsten und frohesten Ton menschlichen Empfindens zu verfügen, doch so gut ist, als die gesamte Gesellschaft sie eben sein läßt. Es ist mehr ein Produkt des Geistes, der die Menschen belebt, als ihres Talents, und ein höchst zusammengesetztes Produkt, das unter seine Ingredienzien jede größere Kraft aufnimmt, namentlich sittliche Tüchtigkeit, Geist, Schönheit, Reichtum und Macht.Weiterlesen

Das Kreuz mit der Lust – über meine Sexsucht

Die Fesseln der Sucht - Illustration: Stefan Otte
Die Fesseln der Sucht – Illustration: Stefan Otte

Jürgen*,  49, verheiratet, Vater von drei erwachsenen Kindern, in einem kaufmännischen Beruf tätig und wohnhaft in Norddeutschland. Hier erzählt er von seiner Last mit der Lust:

Ich bin sexsüchtig «und fühle mich meinem zwanghaften Begehren machtlos ausgeliefert». Vermutlich bin ich das schon seit meiner Jugend. Wirklich aufgefallen ist es mir erst vor etwa zehn Jahren. Vorher dachte ich einige Jahre lang, dass mein erhöhter Alkoholkonsum dafür verantwortlich sei, dass ich oft  Prostituierte aufsuchte oder schnellen Sex mit bekannten und unbekannten Frauen suchte. Ich ging zu den Anonymen Alkoholikern und lebte auch während einiger Jahre gänzlich ohne Alkohol. Doch dann merkte ich allmählich, dass «der übermäßige Drang» auch ohne Alkohol kam. Da wurde ich mir dann wirklich bewusst, dass ich kein Alkoholiker, sondern ein Sexsüchtiger bin.
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So sind die Introvertierten – über den erfolgreichen Umgang mit einer unbeliebten Spezies

So sind die Introvertierten
•  Über den erfolgreichen Umgang mit einer unbeliebten Spezies • 

Edward Hopper - "Morning Sun" - 1952 - Öl auf Leinwand - Columbus Museum of Art, Ohio
Edward Hopper – „Morning Sun“ – 1952 – Öl auf Leinwand – Columbus Museum of Art, Ohio

Es gibt eine ganze Reihe von Eigenschaften, die introvertierten Menschen zugeschrieben werden. Die nachfolge Auswahl entstammt sowohl  Literaturquellen (inkl. Internetforen) als auch eigenen Erfahrungen (der Autor gehört zu eben solcher Spezies..).  Ein introvertierter Mensch nicht alle diese Eigenschaften aufweist. Wie bei allen anderen Menschen variieren diese und sind unterschiedlich ausgeprägt. Introvertiert zu sein hat übrigens nichts mit Schüchternheit zu tun.  Auch auf mich trifft nicht alles zu und bei mancher Eigenschaft bin ich froh, dass der Kelch an mir vorüber gegangen zu sein.

Einige dieser Merkmale lassen sich als Außenstehender erkennen, andere eher nicht. Viele Introvertierte werden versuchen, die als negativ empfundenen Eigenschaften zu unterdrücken, was mal mehr mal weniger funktioniert.
Zu bedenken gilt: neben Intro- und Extroversion weitere Persönlichkeitsmerkmale gibt, die das Verhalten eines Menschen beeinflussen.

Insofern ist die nachfolgende Liste nicht geeignet, um Menschen mit dem Stempel “introvertiert” zu versehen. Sie bietet allerdings Anhaltspunkte, um das Verhalten von Menschen – also auch von sich selbst – besser zu verstehen.

Da unsere Gesellschaft mit Introversion eher Nachteiliges verbindet, habe ist die Liste unterteilt in Eigenschaften, die für gewöhnlich positiv, neutral oder negativ einsortiert werden.

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Als eher positiv wahrgenommene Eigenschaften

  • Introvertierte sind die besseren Zuhörer. Sie mögen tief gehende Gespräche und diskutieren gerne[avatar user=“PeterJensen“ size=“medium“ align=“right“ link=“http://derblaueritter.de/peter-jensen/“]Dr. Peter Jensen – Heilpraktiker & Psychotherapeut[/avatar]die Probleme von anderen Menschen. Sie sind weniger darauf aus, selbst zu Wort zu kommen, sondern hören einfach zu.
  • Introvertierte sind aufmerksame Beobachter. Sie bemerken oft Dinge um sie herum oder Stimmungen, die anderen entgehen. Sie entdecken auch eher Fehler.
  • Introvertierte sind sehr gewissenhaft und verantwortungsbewusst. Ihnen ist wichtig, eine Aufgabe korrekt zu erledigen und Fehler zu vermeiden.
  • Introvertierte sind zuverlässig. Wenn sie etwas ankündigen oder versprechen, dann machen sie es meist auch.
  • Introvertierte sind pünktlich. Es ist ihnen unangenehm, wenn andere Menschen auf sie warten müssen.
  • Introvertierte bringen andere Menschen nicht in unangenehme Situationen. Wenn es sich doch nicht vermeiden lässt, leiden sie unter Schuldgefühlen.
  • Introvertierte lesen viel. Sie verbringen viel Zeit mit Büchern, denn Lesen ist für sie eine gute Möglichkeit, um Energie zu tanken und persönlich zu wachsen.
  • Introvertierte sind sehr kenntnisreich. Vor allem in der Tiefe sind sie gut informiert. Wenn sie sich für ein Thema interessieren, saugen sie das verfügbare Wissen förmlich auf.
  • Introvertierte sind sehr reflektiert. Über neue Erlebnisse und neues Wissen denken sie lange nach, um es zu verarbeiten. Entsprechend durchdacht sind ihre Antworten auf Fragestellungen (wenn man ihnen Zeit gibt).
  • Introvertierte hinterfragen vieles. Anstatt Informationen einfach hinzunehmen, hinterfragen sie oft die Bedeutung. Das trifft auch auf ganz einfache Alltagssituationen zu.
  • Introvertierte sind sehr mitfühlend. Die Stimmung anderer Leute kann sie berühren und in der eigenen Stimmungslage beeinflussen.
  • Introvertierte sind verständnisvoll. Sie hören besser zu, sind mitfühlend und reflektieren viel. All dies hilft, sich in ihre Mitmenschen besser hineinzuversetzen.
  • Introvertierte werden oft um Rat gefragt. Durch ihr bedachtes Auftreten und ihr tiefes Wissen, werden sie oft von anderen Menschen konsultiert. Introvertierte sind besonders häufig in beratenden Berufen tätig.
  • Introvertierte sind bescheiden. Sie stehen nicht gern im Mittelpunkt und neigen somit auch nicht zu Übertreibungen.
  • Introvertierte denken, bevor sie sprechen. Sie reden wenig, spät und langsam, weil sie nicht sprechen (können), ohne nachgedacht zu haben.
  • Introvertierte sind glaubwürdig. Durch Zuverlässigkeit, Bescheidenheit und bedachtes Sprechen werden sie oft für glaubwürdiger gehalten.
  • Introvertierte sind kreativ. Unter Beobachtung können sie diese Stärke nicht ausspielen, aber wenn sie allein sind mit ihren Gedanken, können Introvertierte äußerst kreativ sein. Viele Künstler sind introvertiert.
  • Introvertierte sind vorausschauend. Sie neigen dazu, nicht nur die positive Seite zu sehen, sondern erkennen schon frühzeitig mögliche Probleme. Dadurch wirken sie oft pessimistisch.
  • Introvertierte können gut planen. Sie versuchen, zu viele Überraschungen in ihrem Leben zu vermeiden. Das funktioniert am besten mit viel Planung.
  • Introvertierte sind gut vorbereitet. Wann immer sie sich jemandem oder einer Gruppe von Menschen präsentieren müssen, sind sie äußerst gut vorbereitet. Ein Vortrag wird beispielsweise bis zur Erschöpfung durchgesprochen, Informationen werden verinnerlicht.
  • Introvertierte sind ordentlich. Sie mögen kein unübersichtliches Chaos. Sie funktionieren besser, wenn ihr Umfeld überschaubar bleibt.
  • Introvertierte wollen wachsen. Sie haben einen besonders starken Drang nach persönlichem Wachstum. Dieses erreichen sie vor allem durch Lesen und Reflexion – aber auch durch neue Erlebnisse in einem für sie erträglichen Umfang.
  • Introvertierte gehen vom Guten im Menschen aus. Das heißt nicht, dass sie anderen Menschen früh vertrauen, aber sie gehen eher davon aus, dass andere Menschen gute Absichten verfolgen.
  • Introvertierte sind gute Führungskräfte. Sie können Teams von proaktiven Mitarbeitern besser führen als Extrovertierte.
  • Introvertierten sind selten gelangweilt. Auch wenn es so aussieht, als würden sie nichts tun, fühlen sie sich wohl in ihren eigenen Gedanken. Introvertierte können sich gut mit sich selbst beschäftigen.
  • Introvertierte sind geduldig und ausdauernd. Sie widmen sich Problemstellungen deutlich länger als ihre Mitmenschen und kommen so oft zu innovativen Lösungen.
  • Introvertierte sind vorsichtig. Sie gehen weniger Risiken ein, die sie nicht einschätzen können.
  • Introvertierte sind unabhängig. Sie machen ihre Gefühle weniger abhängig von anderen Menschen und können eine zeitlang allein sein. Auch beruflich sind sie ungern von anderen Menschen abhängig.
  • Introvertierte sind offen für Ideen. Sie hören bei Vorschlägen ihrer Mitmenschen besser zu und diskutieren gern neue Ideen und Lösungsvorschläge.
  • Introvertierte können sich tief konzentrieren. Wenn sie an einer Problemstellung arbeiten, können sie sich in ihr vertiefen.
  • Introvertierte sind sehr genau. Sie machen keine halben Sachen, sondern möchten das bestmögliche Ergebnis abliefern. Sie neigen zum Perfektionismus.
  • Introvertierte strahlen Ruhe aus. In turbulenten Zeiten werden sie weniger hektisch und treffen weiterhin bedachte Entscheidungen.
  • Introvertierte sind weniger materialistisch. Sie wenden sich eher ihrem Innenleben zu als externen Dingen. Daher sind ihnen Statussymbole weniger wichtig.

Als neutral gewertete Eigenschaften

  • Introvertierte sind ruhig. Was in turbulenten Zeiten Sicherheit gibt, löst in anderen Situationen weniger Begeisterung aus.
  • Introvertierte sind nachdenklich. Sie denken über neue Einflüsse von außen intensiv nach – bleiben aber hin und wieder in ihren Gedanken gefangen.
  • Introvertierte sind Tagträumer. Sie erleben die Welt nicht so intensiv wie Extrovertierte, sondern richten sich an die innere Welt der Gedanken.
  • Introvertierte haben wenige Freunde. Ihr soziales Umfeld ist wesentlich kleiner als das von Extrovertierten. Allerdings legen sie großen Wert auf enge Freundschaften. Qualität geht vor Quantität.
  • Introvertierte sind ernsthaft. Sie nehmen das Leben oft nicht so leicht wie Extrovertierte, sondern versuchen, den Sinn zu ergründen und zu interpretieren. Sie sehen bei jeder Situation die Probleme schon frühzeitig.
  • Introvertierte sind sensibel. Schon laut Definition sind sie sensibler für Stimulation und können eher überwältigt werden als Extrovertierte.
  • Introvertierte sind gern allein. Sie sind auch gern unter (wenigen) Menschen. Aber sie brauchen beides und genießen ihre Zeit für sich.
  • Introvertierte sind gern in der Natur. Die natürliche Umgebung wirkt beruhigend und weniger stimulierend als der moderne Alltag.
  • Introvertierte gehen nicht gern Shoppen. Einkaufen ist anstrengend durch viel Stimulation und viele Menschen.
  • Introvertierte entscheiden sich eher dazu, Single zu sein. Sie fühlen sich ohne Partner weniger einsam als Extrovertierte und verzichten aus verschiedenen Gründen bewusst auf eine Partnerschaft. Das heißt jedoch nicht, dass sie ihnen nicht gut tun würde.
  • Introvertierte reden wenig. Oft reden sie wesentlich weniger als ihre Gesprächspartner und konzentrieren sich auf das Zuhören und kurze – aber durchdachte – Antworten. Nur bei Themen, in denen sie sich sehr gut auskennen, reden auch Introvertierte viel.
  • Introvertierte arbeiten gern ohne Unterbrechung. Da sie mit ihren Gedanken arbeiten, werden sie ungern unterbrochen. Im modernen Büroalltag ist das jedoch keine Selbstverständlichkeit und kann negativ wahrgenommen werden.
  • Introvertierte stehen nicht gern im Mittelpunkt. Das heißt, dass sie stets versuchen, der Aufmerksamkeit durch andere auszuweichen. Eine öffentliche Anerkennung vor vielen Menschen mag also nicht in ihrem Sinne sein.
  • Introvertierte bzw. hoch sensible Menschen reagieren oft stärker auf Koffeein.
  • Introvertierte sind sehr empfänglich für Kunst und Musik. Sie können z.B. längere Zeit in Museen verbringen.
  • Introvertierte wirken mysteriös. Da sie sich ihrem Umfeld nur wenig mitteilen, wirken viele Introvertierte auf andere Menschen geheimnisvoll. Dabei haben Introvertierte nicht mehr zu verstecken als Extrovertierte.
  • Introvertierte ziehen sich gern zurück. Wenn sie zu viel Stimulation erfahren, ziehen sich Introvertierte gern in einen abgeschirmten Bereich zurück, um ihre Akkus wieder aufzuladen.
  • Introvertierte neigen zu Schuldgefühlen. Wenn sie das Gefühl haben, einem anderen Menschen Umstände zu bereiten oder ihn falsch behandelt zu haben, leiden sie schnell unter einem schlechten Gewissen.
  • Introvertierte können sehr direkt sein. Sie reden zwar nicht viel, können sich aber sehr direkt ausdrücken. Unter Umständen mag es so wirken, als fehle ihnen das nötige Taktgefühl.
  • Introvertierte sind weniger euphorisch. Ihr Belohnungssystem ist nicht so aktiv wie das von Extrovertierten, daher verspüren sie weniger Euphorie.

Als eher negativ empfundene Eigenschaften

  • Introvertierte sind gehemmt. In vielen Situationen fühlen sie sich nicht frei und locker, z.B. in Gruppen oder wenn sie sich öffnen sollen.
  • Introvertierte fühlen sich unwohl in großen Gruppen. “Je mehr Leute desto besser” könnte aus Sicht eines Introvertierten nicht falscher sein. Sie fühlen sich am wohlsten in kleinen Runden.
  • Introvertierte können schnell überstimuliert werden. In einer rasanten Welt sind Introvertierte erschöpft und überfordert, wenn sie gegen ihre Natur leben.
  • Introvertierte brauchen mehr Pausen, um das hohe Stimulationslevel in der extrovertierten Welt zu vertragen.
  • Introvertierte reden langsamer, denn sie denken bevor sie sprechen.
  • Introvertierte reden nicht gern vor anderen Menschen. Insbesondere spontane Reden sind für sie eine Horrorvorstellung (für viele andere Menschen aber auch).
  • Introvertierte reden eher leise.
  • Introvertierte drücken sich lieber schriftlich aus. Sie mögen keine Telefone, dafür E-Mail umso mehr.
  • Introvertierte sind bei einem hitzigen Streit den meisten Extrovertierten unterlegen, da zu schnell geredet wird.
  • Introvertierte tun sich schwer damit, Menschen mit Stories zu unterhalten.
  • Introvertierte mögen keinen Small Talk. Sie können es von Natur aus auch nicht besonders gut.
  • Introvertierte zögern oft bevor sie sprechen.
  • Introvertierte neigen dazu, über einige Dinge zu viel nachzudenken.
  • Introvertierte fühlen sich unwohl auf Parties.
  • Introvertierte feiern selbst in kleinem Rahmen (wenn überhaupt). Sie verbringen lieber Zeit mit 2-3 engen Freunden.
  • Introvertierte meiden Augenkontakt – vor allem beim Sprechen.
  • Introvertierte sind etwas langsamer bei der Erfüllung von einfachen Aufgaben oder bei der Entscheidungsfindung. Informationen werden ausführlicher verarbeitet und das dauert.
  • Introvertierte sind nicht besonders spontan. Sie beobachten lieber erst andere, bevor sie selbst aktiv werden.
  • Introvertierte sind schmerzempfindlicher (sensibler).
  • Introvertierte können sich nur schwer öffnen und erzählen nur wenig über sich selbst.
  • Introvertierte sind für andere Menschen sehr schwer zu lesen.
  • Introvertierte fühlen sich unwohl, wenn sie auf neue Leute treffen oder gar auf sie zugehen.
  • Introvertierte fühlen sich oft unterlegen, wenn sie auf Menschen mit mehr Erfahrung treffen.
  • Introvertierte werden unruhig, wenn sie zu viele Dinge auf einmal erledigen sollen.
  • Introvertierte werden nervös unter Beobachtung. Sie können ihre Leistung nicht abrufen, wenn sie sich beobachtet fühlen.
  • Introvertierte mögen keine gewalttätigen Filme.
  • Introvertierte verlieben sich schneller und heftiger.
  • Introvertierte haben ein geringeres Selbstbewusstsein. Das ist jedoch nur eine indirekte Eigenschaft, die durch die negative Einstellung der Gesellschaft zur Introversion hervorgerufen wird.
  • Introvertierte lächeln weniger. Sie sind nach innen gerichtet und laden die Außenwelt daher mit ihrem Gesichtsausdruck nicht zu Reaktionen ein. Das geschieht unbewusst und heißt nicht, dass sie weniger glücklich sind.
  • Introvertierte gehen nicht aus sich heraus, weil sie in einigen Situationen gehemmt sind und grundsätzlich weniger Euphorie verspüren.

Wertende Klischees in der Wahrnehmung

  • Introvertierte wirken unsozial, weil sie gern Zeit allein verbringen, anstatt unter Leute zu gehen.
  • Introvertierte wirken schüchtern, weil sie Augenkontakt meiden und ungern auf andere Menschen zugehen.
  • Introvertierte wirken passiv, weil sie etwas langsamer sind und vor allem wenig und erst spät reden.
  • Introvertierte wirken faul, weil sie langsamer sind, mehr Pausen benötigen und wenige Aufgaben gleichzeitig übernehmen können.
  • Introvertierte wirken langweilig, weil sie wenig reden und nicht so stark erlebnisorientiert sind.
  • Introvertierte wirken seltsam, weil man wenig über sie weiß.
  • Introvertierte wirken unglücklicher, weil sie weniger lächeln und weniger euphorisch sind.
  • Introvertierte wirken distanziert, weil sie wenig von sich preisgeben und gern Zeit allein verbringen.
  • Introvertierte wirken humorlos. Sie sind ernsthafter, gehen wenig aus sich heraus und bevorzugen etwas subtileren Humor. Das kann sie in einer Runde mit Extrovertierten humorlos erscheinen lassen.

  –  Fazit  –  

Egal, wie die Eigenschaften von Introvertierten im Einzelnen wahrgenommen werden. Sie ergänzen die Mängel der Extravertierten. Nüchtern betrachten wären Extravertierte ohne ihren Gegenpart nichts, denn es ist zu viel heiße Luft dabei und andersherum würde sehr viel Know how und Wissen verloren gehen, weil es Introvertierte nicht für erwähnenswert halten. Daher wäre es wünschenswert, wenn sich beide Pole mit mehr Respekt, Aufmerksamkeit und einer gewissen Dankbarkeit begegnen würden.

Über die Knabenliebe

Anhänger der Knabenliebe konzentrieren sich auf Jungen zwischen dem Beginn der Pubertät und dem Einsetzen des Bartwuchses: werden darüber hinaus Männer zwischen 16 und 21 Jahren bevorzugt, spricht man eher von Jünglingsliebe.
Knabenliebe muss zudem von der Pädophilie unterschieden werden, dem (kranken) Drang zur Verführung von Kindern, den es sowohl in heterosexueller als auch homosexueller Form gibt. (Frage: werden diese zwei Aspekte „in der Gesellschaft“ unterschiedlich wahrgenommen, bezogen auf eine Akzeptanz? )

Päderastisches Paar: Erastes (links) und Eromenos beim Küssen; Tondo einer rotfigurigen Kylix mit einer Zeichnung des Briseis-Malers, um 480 v. Chr.Päderastisches Paar: Erastes (links) und Eromenos beim Küssen; Tondo einer rotfigurigen Kylix mit einer Zeichnung des Briseis-Malers, um 480 v. Chr.

Die Verteidiger der Knabenliebe berufen sich dabei auf die Blütezeit der griechischen Kultur, in der Knabenliebe zum männlichen Normalverhalten gehörte. Besonders in Sparta, wo die Männer erst mit 30 Jahren heiraten durften, erwartete der Staat von jedem Mann, dass er sich einen Knaben oder Jüngling als „Liebling“ erwählte, um ihm geistiger Erzieher, Führer zu männlichen Tugenden und Lehrmeister der Erotik zu sein.
(Frage: warum wird solch eine Kultur als Blütezeit einer solchen bezeichnet?)
Die sexuelle Beziehung des reifen Mannes zum Knaben beruhte auf der alten mythischen Vorstellungen, wonach der männliche Same die Essenz männlicher Kraft und Geistigkeit war. Siegmund Freud schrieb über die Liebe zu Knaben:
„Bei den Griechen, wo die männlichsten Männer unter den Invertierten (Homosexuellen) erscheinen, ist es klar, dass nicht der männliche Charakter des Knaben, sondern seine körperliche Annäherung an das Weib, sowie seine weiblichen seelischen Eigenschaften – Schüchternheit, Zurückhaltung, Lern- und Hilfsbedürftigkeit – die Liebe des Mannes entzündeten. Sobald der Knabe ein Mann wurde, hörte er auf, ein Sexualobjekt für den Mann zu sein, und wurde selbst ein Knabenliebhaber.
Das Sexualobjekt ist also in diesem Falle, wie in vielen anderen, nicht das gleiche Geschlecht, sondern die Vereinigung beider Geschlechtscharaktere, der Kompromiss etwa zwischen einer Regung, die nach dem Manne, und einer, die nach dem Weibe verlangt, sozusagen die Spiegelung der eigenen bisexuellen Natur.“   (Aus: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1904)

[Gedanke des Autors: wenn das so ist, warum existiert diese Kultur heute nicht mehr?! Sie wäre dann ja, im Sinne Freuds und der Spartaner, ein perfektes Training für sichereren/besseren Umgang des verunsicherten Mannes mit der heutigen Frau…..]

Achilleus erlernt das Lyraspiel von Cheiron
Achilleus erlernt das Lyraspiel von Cheiron

Im krassen Gegensatz zu dieser antiken Auffassung sieht das geltende Recht in der Knabenliebe ein strafwürdiges Verbrechen,nämlich Widernatürlichkeit, Verführung Minderjähriger und schwere Unzucht.
Die männliche Jugend muss nach Prof. Hans Heinrich Jescheck, Freiburg, „gegen ihre Einbeziehung in jeglicher Art von homosexueller Betätigung geschützt werden, weil in den frühen Jahren die hohe Gefahr der Fixierung der Triebrichtung auf widernatürliche Beziehungen besteht.“
[Warum haben das die Griechen nicht erkannt, nicht anerkannt?] Radikal entgegengesetzter Meinung ist Dr. Willhart Schlegel, Hamburg: „Es kommt offensichtlich nicht darauf an, eine Verführung Jugendlicher zur Homosexualität zu verhindern, weil nur diejenigen Jugendlichen auf homosexuelle Kontakte eingehen, die solche Kontakte benötigen und suchen. Der 15 -bis 25jährige ist auf sexuellem Gebiet nicht, wie irrtümlich immer angenommen wird, schutzbedürftig. Er ist auf charakterlich-seelischem Gebiet führungsbedürftig und benötigt im Gegenteil die Freiheit seiner Sexualbestätigung.
Manche Eltern sind aus dieser Einsicht bereits froh, wenn ihr Sohn in den kritischen Jahren einen älteren Freund findet, bei dem sie ihn in guten Händen wissen. Denn davon bleibt dieser nicht homosexuell, wenn das für ihn nicht ohnehin vorgezeichnet ist.“
Dieser extremen Meinung steht die Erfahrung entgegen, dass erfolgreiche Charaktererziehung möglich ist, ohne dass der pädagogische Eros die Grenze zum Sexuellen überschreitet.
[Anmerkung des Autors: warum muss überhaupt ein sexueller Aspekt hineingebracht werden? Die Freudsche Erklärung ist für mich nicht nachvollziehbar.]

FRAU = SCHWANZLOSER MANN?

The Downfall of Shakespeare Represented on a Modern Stage, 1763-1765, William Dawes Theatre & Performance Collection, © Victoria and Albert Museum, London
The Downfall of Shakespeare Represented on a Modern Stage, 1763-1765, William Dawes Theatre & Performance Collection, © Victoria and Albert Museum, London

Ich würde gern das Wort zum Sonntag an einem Dienstag posten. Es handelt sich um ein Thema, welches mir sehr am Herzchen liegt und sich um den Bereich, unter der Gürtellinie, dreht.

Ja, ihr habt es sicherlich schon gemerkt, ich bin eine Frau. Bin auch sehr zufrieden damit, ich finde Frau sein, wunderbar, nein, ich finde es sogar großartig.Ich mag auch meinen Beruf- Schauspielerin- ich sag´s euch, es ist ein Traum. Großartig. Meistens. Oder auch nicht. Also eigentlich schon. Es ist der schönste Beruf, den man sich vorstellen kann – wenn man Arbeit hat, versteht sich.
Und es ist der allerallerschönste Beruf ,wenn man diese Arbeit, für die man hoffentlich bezahlt wird, auch noch selber mag.
Nun, ja, da gibt es leider ein Problem, bzw. nicht nur eins, sondern mehrere, doch heute will ich auf das eine eingehen.
Ich bin eine Frau, eine Schauspielerin, und ich sage euch, obwohl ich mit meinem Geschlecht nicht die geringsten Probleme habe, wünsche ich mir manchmal, dass mir ein Schwanz aus meiner Muschi wächst, denn dann wäre ich nämlich keine Schauspielerin mehr, sondern ein Schauspieler. Und somit hätte ich bessere Chancen auf Jobs, es könnte sogar sein, dass ich auch bessere Rollen bekommen würde und natürlich mehr Geld. Kennt jemand eine Fee? Eine mit einem Zauberstab, die mir einen Zauberstab hinzaubert?

Melanie Haas

Es passieren eine Menge Dinge….. – Ein Soldat schreibt seinem Sohn

Deutscher Soldat der ISAF-Truppen im Einsatz. Illustration: !so?
Deutscher Soldat der ISAF-Truppen im Einsatz. Illustration: !so?

Kunduz, Afgahnistan
06. September 2009

„Lieber Max,
es fällt mir nicht leicht, diesen Brief an Dich zu schreiben, weil mir manchmal die richtigen Worte fehlen oder ich Dir ihre Bedeutung einfach nicht klar machen kann. Du bist ein sehr junger Mann, und die Welt kommt Dir groß und geheimnisvoll vor. Es gibt ja noch so viel zu entdecken. Es passieren eine Menge Dinge, die Du noch nicht verstehst , die aber auch wir Erwachsenen oft nur schwer nachvollziehen können.  Ich will es dennoch versuchen.
Du kannst wahrscheinlich nicht begreifen, warum ich so weit weg von Dir bin und mich nicht mehr so wie früher um Dich kümmere. Aber ich glaube, das meine Verantwortung Dir gegenüber damit beginnt, Dein Leben ein bisschen sicherer zu machen und die Welt in der Du  und Dein Sohn (und Du wirst später einen haben! )leben werdet. Das hoffe ich und dafür bete ich. Aber auch Du trägst Verantwortung. Das bedeutet, dass Du alle Gelegenheiten, die sich Dir bieten nützen musst. Hier sind einige Grundregeln, an die ich mich immer gehalten habe und die Dir vielleicht helfen werden. Zu allererst: Glaube an Gott und befolge seine Gebote; sei treu, vertrauenswürdig, moralisch sauber und geistig rege. Lüge niemals, egal, worum es geht; ehre und liebe und achte Deine Mutter und Deinen Vater. Achte die Rechte und das Eigentum anderer; begehre nicht, was anderen gehört, stiehl nicht, und gehe niemals leichtfertig mit dem Wort und dem Namen Gottes um. Jesus hatte sein Kreuz zu tragen. Auch wenn wir zusammenbrechen, müssen wir unsere Last weitertragen, aber wenn sie zu schwer wird, können wir um Hilfe bitten. Weiterlesen

Peter Jensen | Die sexlosen Jahre der Männer

Männer sind nach ihren „besten Jahren“ keine Männer mehr. Der „normale“ Mann wird von Frau nicht mehr wahrgenommen und auf eine Art geschlechtsloses Altenteil abgeschoben.
Die einzige sexuelle Aktivität, die man ihnen zubilligt und hinnimmt: der gierige Blick auf junge Frauen. Das idyllische Bild vom abgeklärten, leidenschaftslosen ER im Alter ist zum Klischee für den Mann über 60 geworden.

Wie falsch dieses Bild anmutet, legt die Statistik nahe: Jedes Jahr werden ca. 35.000 Kinder geboren, deren Väter älter als 50 Jahre sind.
„Ein Mann bleibt männlich, so lange er lebt. Weder seine sexuellen Wünsche noch die körperlichen Möglichkeiten sie zu erfüllen, gehen im Alter verloren.“ Das sagte einmal der amerikanische Altersforscher Robert A. Wilson. Und das ist die medizinische Realität.

man-505353_1280annayozmanEin Mann über 60 braucht also nicht auf den Geschlechtsverkehr zu verzichten. Die entsprechende Leistungsfähigkeit nimmt zwar ab der Pubertät langsam und stetig ab, aber „es gibt keinen physiologisch bedingten Zeitpunkt, an dem sie plötzlich endet,“ bestätigt die Psychologin Theresa Baumeister.
Der Schweizer Sexualtherapeut Johann Wahla hat in einer Untersuchung unter 128 älteren Männern herausgefunden, dass lediglich 5 % als sexuell inaktiv bezeichneten (wobei die Selbstbefriedigung mit eingeschlossen ist). Sogar bei den über 70jährigen war nur jeder fünfte impotent.
Ein Ergebnis der Untersuchung war jedoch noch wichtiger: besonders Männer, die in ihren jungen Jahren besonders häufig Geschlechtsverkehr hatten, waren auch im Alter am aktivsten.

Bei manchen hält sich hartnäckig die Mär des griechischen Arztes Galen, die besagt: Mit dem Samenerguss verliert der Mann auch gleichzeitig Lebenskraft.
Dies findet sich auch in alten chinesischen und japanischen Lehren wider.
Das Gegenteil scheint jedoch richtig: Häufiger Geschlechtsverkehr führt nicht zum Verlust der Potenz – es ist die Enthaltsamkeit, die später negative Folgen hat.
„Je länger Mann von seinen Geschlechtsdrüsen eine Leistung erwartet, um so länger bleiben sie auch leistungsfähig,“ erklärt Dr. Wahla. Als Beweis verweist er auf die zahlreichen Amouren des Victor Hugo, auf Anthony Quinn, der mit 81 noch Vater wurde, Rod Stewart mit 66, Jean Pütz mit 74, Franz Beckenbauer, Charlie Chaplin, Pablo Picasso und  Heiner Müller.

farmer-540658_1280_rottonaraMit dem Altern des Körpers, werden auch weniger Sexualhormone produziert, die Hoden verlieren an Größe und Festigkeit und der Samenerguss wird allmählich geringer; und natürlich lässt auch die Reaktion auf sexuelle Reize nach und die Zeitspanne bis zum Orgasmus wird länger. Das macht zwar den „Quickie“ unwahrscheinlicher, jedoch eröffnen sich im Liebesspiel dafür neue Varianten, die die Mann früher wenig Geduld hatte.

Wenn Männer nun ihre sexuellen Möglichkeiten nicht ausschöpfen können, liegt das nicht nur am Alter. Erkrankungen wie Diabetes und seelische Leiden wie Depressionen können den Mann unfähig zum Geschlechtsakt machen. Häufigere Ursachen für Impotenz sind allerdings geistige Überanstrengungen sowie übermäßiges Essen und die falschen Getränke in Massen. Ersteres ist dabei die häufigste Ursache. Ein anstrengender Beruf im Büro wirkt sich auf Libido und Potenz des Mannes negativer aus als stundenlange harte körperliche Arbeit.
Die Gefahr droht bereits durch Überlastung in früheren Jahren. Wie die Frau kommt der Mann um die 50 in die Wechseljahre. Die Ursachen sind noch immer umstritten, die Auswirkungen aber offensichtlich. Es zeigen sich beim Mann alle Symptome des Klimakteriums: leichtes erröten, Hitzewallungen, schlechter Schlaf, schnelles Ermüden, Reizbarkeit und Unkonzentriertheit. Dadurch lässt auch die Lust nach.
Impotenz ist aber nicht der einzige Grund, der Männer an der körperlichen Liebe hindert: Viele verzichten freiwillig – sie sind vom Sex gelangweilt.
Das ist vor allem dann der Fall, wenn dem Mann schon zu Beginn der Partnerschaft alle Wünsche, Neigungen und Verneinungen seiner Partnerin bekannt waren.  Der sexuelle Kontakt zu seiner Frau ist Routine geworden oder hat sich stetig reduziert. Beide Partner bieten  bieten keine Reize mehr. Mann und sicher auch Frau nutzen dann das Alter als Ausrede, um sich körperlich zu lösen.
Die Schriftstellerin Maxine Davis hat es schönes dazu geschrieben: „Mit Beginn der mittleren Jahre tut die Frau gut daran, ihre Erfindungsgabe einzusetzen, um ein Überraschungsmoment in ihre sexuellen zu bringen.“
old-man-971889_1280_Ben_KerckxEs mag diskriminierend klingen aber: Männer scheinen da wirklich einfältiger zu sein. Das zeigen zahlreiche nichtrepräsentative Umfragen aus der Praxis des Autors und wurden von Dr. Wahla bestätigt. Und schließlich will das Problem ja aus dem Weg geräumt sein. Die Männer sind natürlich dazu aufgerufen, sie ebenfalls etwas einfallen zu lassen. Dank Internet lassen sich hier endlos Anregungen finden. Fremdgehen ist einfach keine gute Lösung und sorgt für zu viele Kollateralschäden.

Neben der Langeweile gibt es noch einen ernsteren Grund für die Flaute im Bett: er verzichtet aus Angst vor dem eigenen Versagen auf die körperliche Liebe: sei es wegen seiner Manneskraft oder der Angst, seine Partnerin nicht mehr befriedigen zu können. Die Bedeutung dieses Motives kann nach Auffassung zahlreicher Sexualtherapeuten nicht hoch genug bewertet werden. Dr. Wahla: „Ein Grund ist sicherlich das gefühlte Unvermögen darüber zu sprechen. Doch: welche Vertrauensperson sollte geeigneter sein als die eigene Frau, mit der man sich gemeinsam befriedigen möchte?“

Sigmund Freud über schöne Frauen

Sigmund_Freud_LIFEEs stellt sich besonders im Falle der Entwicklung zur Schönheit eine Selbstgenügsamkeit des Weibes her, welche das Weib für die ihm sozial verkümmerte Freiheit der Objektwahl entschädigt. Solche Frauen lieben strenggenommen nur sich selbst mit ähnlicher Intensität, wie der mann der sie liebt. Ihr Bedürfnis geht auch nicht dahin zu lieben, sondern geliebt zu werden, und sie lassen sich den Mann gefallen, welcher diese Bedingungen erfüllt… Solche Frauen üben den größten Reiz auf Männer aus, nicht nur aus ästhetischen Gründen, weil sie gewöhnlich die schönsten sind, sondern auch infolge interessanter psychischer Konstellationen.

Sigmund Freud

Foto: Dieter Kreikemeier_pixelio.de

6 Dinge, die Sie täglich machen sollten um sich vor depressiven Stimmungen zu bewahren

Mit diesen Verhaltensweisen stärken Sie Ihre mentale und körperliche Gesundheit:

Wir müssen täglich mit zahlreichen, auch einfachen, Entscheidungen treffen.

barfuss/socken

bewegung – insbesondere neue Bewegungen

Basische Ernährung

sinne nutzen – ganz bewusst einsetzen, auch bei alltäglichen dingen.

einzelne tagesabschnitte willkommen heißen und verbaschieden. schauen Sie sich dazu mal Kleinkinder an, die sprechen lernen:

Atmen – ganz bewusst

Es gibt derlei viel mehr; wenn Sie diese umsetzen, beobachten Sie die Veränderungen – auch über einen längeren Zeitraum.