Autor: Oliver Simon

Oliver Simon - Herausgeber dieses Magazins, hat das, was man wohl einen bunten Lebenslauf nennen könnte: Schulversager, Hotellehre, selbstständig mit einem Bistro inkl. Kleinkunst und LiveMusik, einem Teeladen. Manchmal arbeitet als noch freiberuflicher Dozent in der Erwachsenenbildung. 2016 startet sein Verlagsprojekt "mannstreu". Er lebt in der Nähe von Lüneburg, ca. 800 m Luftlinie von der Elbe entfernt. In seiner Freizeit unterrichtet er Kleinkinder in musikalischer Früherziehung, macht Linolschnitt, spielt Cajon & Kontrabass.

Oskar Loerke | Der Silberdistelwald

[distelicht] Eine literarische Reise.
Oskar Loerke führt uns nach Berlin-Frohnau und Świecie [Schwetz an der Weichsel]


 

Der Silberdistelwald
Mein Haus, es steht nun mitten
Im Silberdistelwald.
Pan ist vorbeigeschritten.
Was stritt, hat ausgestritten
In seiner Nachtgestalt.

Die bleichen Disteln starren
Im Schwarz, ein wilder Putz.
Verborgne Wurzeln knarren:
Wenn wir Pans Schlaf verscharren,
Nimmt niemand ihn in Schutz.

Vielleicht, dass eine Blüte
Zu tiefer Kommunion
Ihm nachfiel und verglühte:
Mein Vater du, ich hüte,
Ich hüte dich, mein Sohn.

Der Ort liegt waldinmitten,
Von stillstem Licht gefleckt.
Mein Herz – nichts kam geritten,
Kein Einhorn kam geschritten –
Mein Herz nur schlug erweckt.

***

Gedenktafel  für Oskar Loerke – Kreuzritterstr 8 | Urheber: OTFW, Berlin

Oskar Loerke (* 13. März 1884 in Jungen bei Schwetz/ Wiąg in Westpreußen; † 24. Februar 1941 in Berlin) war ein deutscher Dichter des Expressionismus und des Magischen Realismus. Das Gedicht erschien 1934 im gleichnamigen Gedichtband.
Seine ausgeprägte Liebe zur Musik fand u.a. Ausdruck  in veröffentlichten Texten zu Johann Sebastian Bach und 1938 zu Anton Bruckner:
1922 Wandlungen eines Gedankens über die Musik und ihren Gegenstand bei Johann Sebastian Bach
1935 Das unsichtbare Reich. Johann Sebastian Bach, S. Fischer
1938 Anton Bruckner. Ein Charakterbild

Unsere ausgewählte Reiseetappe:
Berlin-Frohnau  |  Der „Silberdistelwald“ des Oskar Loerke am Hubertussee, geschaffen  im Zusammenhang mit dem Bau der Gartenstadt Frohnau aus einem verlandeten Tümpel. Im späten 19. Jahrhundert wurde hier Ton für die nahegelegene Ziegelei gegraben. [Loerkes Vater war übigens Ziegeleibesitzer] Vorschlag: Zeichnen Sie eine Silberdistel mit einem Porträt von Oskar Loerke im urban-sketching-stil. Wenn Sie uns Ihr Werk zusenden, veröffentlichen wir dieses gern im Magazin.
⇒ Świecie [Schwetz an der Weichsel]  an der Einmündung des Schwarzwassers in die Weichsel, etwa 40 km nördlich der Stadt Bromberg (Bydgoszcz) und 105 km südlich der Stadt Danzig. Sehenswürdigkeiten sind u.a.:
Ein Deutschordensschloss aus dem 14. Jahrhundert | Die Pfarrkirche | einige erhaltende Befestigungsanlagen | das ehemalige Bernhardiner-Kloster | die neogotische St.-Andrzej-Bobola-Kirche | das Rathaus von 1879 und diverse Bürgerhäuser. Das Schloss wird für zahlreiche kulturelle Veranstaltungen genutzt.

Das Rathaus von Świeciu | Foto: Tomisław in der Wikipedia auf Polnisch


 Musik im Player | Johann Sebastian Bach „Geschwinde, ihr wirbelnden Winde (BWV 201)“ –  eine weltliche Kantate. Im Autograph trägt sie den Titel „Der Streit zwischen Phoebus und Pan“]

Mehr über die distelicht-Reise erfahren Sie hier.

Titelfoto: Der Hubertussee in Berlin-Frohnau, Jahr 2008. | Saxo – via wikipedia

#1

Der Ausdruck distelicht ist vom  mittelhochdeutschen distelic abgeleitet und bedeutet: einer Distel ähnlich. Er wird heute nicht mehr benutzt. Eigentlich. Denn es ist der Titel dieses hypómnema.  Aufgefallen ist er mir durch die erlesene Kombination distel-licht.
Die Idee hinter diesem Sudelbuch: Wir lassen uns von literarischen Texten, Filmen, Musik, Kunst inspirieren und kreieren daraus eine Reiseroute. Eine Reiseroute für den Kopf und für die Beine, je nach Gelegenheit. Das Thema der jeweiligen Inspiration: einer Distel ähnlich.
Warum die Distel als Aufhänger dieser Reise? Es gibt keinen konkreten Anlass…es hat sich entwickelt. Das stachelige Gewächs gehört zu meinen Lieblingspflanzen und bei der Lektüre rundherum hat sich immer wieder gezeigt, wie vielseitig sie ist: nicht nur in ihren Eigenschaften, sondern auch in kultureller Hinsicht. (Man denke nur an das Wappen Schottlands.)

Teil 1 nimmt Text, Klänge & Bilder auf, die sich zu einer Reiseroute zusammenfügen. Hierbei geht es nicht nur darum die Orte festzuhalten, sondern auch Aktivitäten vorzuschlagen, die uns dazu eingefallen sind.
Teil II beschreibt dann die Reise selbst. Erlebt und aufgeschrieben von verschiedenen Autoren und AutorInnen, die den Ball aufgenommen haben und auf Reise gegangen sind.

Ein Lesehinweis: dieses hypómnema entwickelt sich. Nach und nach erscheinen neue Beiträge. Es lohnt sich also, dabei zu bleiben.

[Prolog]

Distel | Illustration
Distel | Illustration nach einer Fotografie

Gibt es noch wirkliche Abenteuer? Wenn es darauf ankäme auffallende, unerhörte, an den Nerven zerrende Begebenheiten zu häufen, so hieße es Wasser in den Ozean schöpfen, wolle man zu den wilden Schicksalen ehemaliger Weltentdecker noch neukonstruierte oder selbsterlebte hinzufügen. Angefangen von den alten Phöniziern über Hanno, Himilko, Herodot hinweg bis zu den Zügen Alexanders und der Ptolemäer, dann wieder von den Fahrten der Marco Polo, Columbus, Vasco bis zu den Expeditionen Franklins, Livingstones, Sven Hedins, Nordenskjölds und deren Nachfahren bietet sich uns eine unübersehbare Kette erlebter Reiseabenteuer, die der ergänzenden Phantasie kaum noch wesentliche Ausbeute hinterlassen. Falls die Phantasie nicht besondere Wege einschlägt, um Dinge zu gestalten, die auf realen Entdeckungswegen niemals zu verwirklichen waren. Aber auch die Bücherei der phantastischen Abenteuer ist uferlos geworden, und man könnte sich fragen, ob nicht die Erfindung längst alle Möglichkeiten durchquert hat.
Ich müsste mich auf diesen Einwand gefasst machen und hätte mich insbesondere vor zwei großen Namen zu fürchten: vor François Rabelais und Jonathan Swift. Wenn nämlich die Abenteuer, die ich erzählen will, nichts anderes wären, als Umfärbungen der berühmten Geschehnisse im Pantagruel und des Gulliver. Ich hoffe indes, nicht dieser Gefahr zu verfallen. Das Abenteuer, wie es mir vorschwebt, weist von Haus aus ein eigenes Kolorit auf. Es bestimmt sich wesentlich dadurch, dass in die hier zu schildernden Abenteuer Wagnisse hineinspielen, die darauf warten im Realen erprobt zu werden. Um es mit Rilke zu sagen: Das stetige, wagemutige Streben des dynamischen Menschen nach ethischer Wertschöpfung und daran wachsender Selbstvervollkommnung, die bis an die persönlichen Leistungsgrenzen vorangetrieben wird. 

Nicht als ob hier nun die Wirklichkeit im Hintergrund bliebe und der Vordergrund nebelhaftem Schattenspiels überlassen werden solle. Ich möchte vielmehr versichern, dass diese Entdeckungsfahrt in ihrer ganzen Anlage nach dem Leitziel der Wahrheit orientiert ist. Es wird sich, so denke ich, zeigen, dass die Wahrheit nicht nur reichlichen Spielraum für das Abenteuer gewährt, sondern an sich sogar unter den hier verwirklichten Voraussetzungen die Form eines Abenteuers anzunehmen vermag. Im vorliegenden Fall kündigt sie sich dadurch an, dass schon im ersten Anlauf, ehe noch „hinausgesegelt“ wird in (von mir bis dato) unentdeckte Gebiete, allerhand Seltsamkeit aufsteigt….

Umschlag zu Berlin-Alexanderplatz | Alfred Döblin

Alle Berlin-Romane verblassen immer noch vor dem Werk eines Ostberliner Nervenarztes , Sohn eines kleinen Stettiner Schneiders: Berlin-Alexanderplatz von Alfred Döblin. Es ist große, anspruchsvolle Literatur, in vielen seiner Mittel – dem inneren Monolog, der Allgegenwärtigkeit der Stadtheit in Gestalt ihrer Ladenschilder und Reklame-Inschriften – nicht ohne James Joyce und seien Ulysses denkbar, aber dann wieder urberlinerisch und in vieler Hinsicht menschlicher, herzbewegender als das mythologische Dublin-Panorama des Iren. Von den vielen anderen Büchern des aus der Emigration als französischer Kulturoffizier und Zeitschriftenherausgeber zurückkehrenden Döblin hat keines den Erfolg jener Geschichte von Franz Biberkopf erreicht, obgleich manche Kenner seine Ausflüge in ein mythisches China oder Babylon oder gar in das utopische dritte Jahrtausend von Berge, Meere und Giganten noch höher schätzen.

Umschlagzeichnung zu dem buch Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz, das 1925 erschien. Künstler: G. Salter
Umschlagzeichnung zu dem Buch Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz, das 1925 erschien. Künstler: G. Salter

Der schleimige Strich, den sie über den Weg zog

Im kleinen Gehölz am Ende des Parks trat er beinah auf eine rote Wegschnecke. Langsam bog er seinen Rücken, um sie zu beobachten. Und unendlich vorsichtig richtete er sich wieder auf, als befürchtete er, das Tier könnte beim geringsten Laut explodieren. Der schleimige Strich, den sie über den Weg zog, schnitt ihm für immer ein Stück Erde ab.
Seine Frau Johanna brachte ihn nicht mehr dazu, das Gehölz zu betreten. Den Rest des Tages blieb er verstimmt.

Den Bienen aber ging er fleißig nach, seitdem Johanna ihm an einer Pflanze des Löwenmauls gezeigt hatte, wie sie mit winzigen Kopfstößen in die Blüten ihren Schatz von Süßigkeit hoben.
»Was für ein gescheiter Kopf«, rief er ein übers andre Mal.
Auf den Fußspitzen näherte er sich dem Beet und forschte durch die Lesebrille wie durch eine Vitrine eines Naturalienkabinetts.
Dem Umstand, dass die Bienen neben dem Löwenmaul auch andre Blumen angingen, schenkte er keinerlei Beachtung. Beim Löwenmaul suchte er sie und nirgendwo anders, so wie er auch von den Gartengerüchen einzig und allein den Duft des späten Phloxes anerkannte, den er mit selbstbewusster Miene ›sehen ging‹, sobald er ihn witterte.

Vor der Rabatte angelangt, setzte er die Stahlbrille auf und beugte sich über die Dolden, um den Duft gewissermaßen durch die Gläser einzuatmen.

espresso-art | Das Löwenmaul | Foto: Oliver Simon

Charles Altamont Doyle malt sich selbst – meditierend

Dieses Aquarell stammt aus einem der Skizzenbücher des Künstlers, welches während seines Aufenthalts in der Montrose Königs Irrenanstalt in Schottland entstanden ist. Er musste wegen erheblicher Hirnschäden aufgrund jahrelangen intensiven Alkoholmissbrauchs behandelt werden. Zudem litt zudem an Epilepsie. 

Charles Altamont Doyle (* 25. März 1832 in London; † 10. Oktober 1893 in Dumfries, Schottland) war ein britischerMaler. Er war der Vater des Schriftstellers Arthur Conan Doyle, zu dessen Buch  -Eine Studie in Scharlachrot – er die Illustrationen der Erstausgabe beisteuerte. Sein Sohn, organisierte zudem 1924 eine Ausstellung mit den väterlichen Werken in London. 

***

 Charles Altamont Doyle – Meditation – Self Portrait | 1885-1893 | Aquarell 

Die Meditation | Eine asiatische Fabel
Einmal hatten sich vier Priester verabredet, eine Nacht in tiefster Meditation zu verbringen, und nahmen sich gegenseitig das Gelübde ab, dass keiner, komme auch, was da wolle, durch ein Wort die Meditation stören dürfe. Für die Bußübung wurde der Hauptraum des Tempels ausersehen, und dort wurden vier Kerzen in Leuchtern aufgestellt. Ein junger Priesterschüler wurde beauftragt aufzupassen, daß die Kerzen hell und gleichmäßig brannten, und sie, falls sich Schuppen bilden sollten, zu putzen. Nach einiger Zeit bildeten sich auch Schuppen an den Dochten, und die Kerzen fingen an, trüber zu leuchten. Der Tempelschüler aber sah es nicht, da er vergeblich versuchte, gegen die Müdigkeit anzukämpfen. Einer der Priester suchte ihn nun durch wiederholtes Winken auf seine Pflicht aufmerksam zu machen. Als der Schüler aber seine Gesten nicht beachtete, verlor er die Geduld und schnauzte ihn an:
»He, du Bursche, siehst du denn nicht, dass die Lichter geputzt werden müssen?«
Da wandte sich der zweite Priester dem Sprecher zu: »Hast du denn vergessen, daß während der Meditation nicht gesprochen werden sollte?« Ärgerlich rief nun der dritte: »Wenn ihr beiden euch hier unterhalten wollt, kann man beim besten Willen nicht meditieren!«
Und der vierte sagte, nachdem er alle der Reihe nach angeblickt hatte, selbstgefällig:
»Ich bin der einzige, der das Gelübde nicht gebrochen hat.«

Charles Altamont Doyle – Meditation – Self Portrait | Charles Altamont Doyle – Meditation – Self Portrait | 1885-1893

Die Eissphinx

…. In der Nacht vom 12. zum 13. März stieg nach Abflauung der Brise ein ziemlich dichter Nebel auf. Das war bedauerlich, denn es vermehrte die Gefahr eines Zusammenstoßes mit dahintreibenden Eismassen. Das häufigere Vorkommen von Nebeln konnte in jenen Breiten freilich nicht überraschen. Weit auffallender erschien es dagegen, daß die Schnelligkeit unseres Fahrzeuges sich, obgleich der Wind fast eingeschlafen war, allmählich beschleunigte. Von einer schnelleren Strömung konnte das nicht herrühren, denn das Anklatschen des Wassers am Vordertheil bewies uns, daß wir noch schneller als jene vorwärts kamen.
Diese Erscheinung dauerte bis zum Morgen an, ohne daß wir uns über das, was dabei eigentlich vorging, Rechenschaft geben konnten, wo dann, gegen zehn Uhr, der Nebel, wenigstens in den unteren Luftschichten, sich auflöste. Das westliche Ufer – ein Felsengestade ohne dahinter liegende Berge – wurde wieder sichtbar.
Da zeigte sich, etwa eine Viertelmeile von uns, eine Masse, die die Ebene um ungefähr fünfzig Toisen überragte und die einen Umfang von zwei- bis dreihundert Toisen haben mochte. Ihrer seltsamen Gestalt nach ähnelte die Masse einer gewaltigen Sphinx mit erhobenem Oberkörper und ausgestreckten Tatzen, in der Haltung des geflügelten Ungeheuers, das die griechische Mythologie auf die Straße von Theben versetzt hat.
War es ein lebendes Thier, ein riesiges Ungeheuer, ein Mastodon, doch tausendmal größer als die mächtigen Vettern der Elephanten der Polargebiete, von denen sich noch jetzt Ueberreste finden? Bei dem Geisteszustande, in dem wir uns befanden, hätte man das glauben – hätte man auch befürchten können, daß das Mastodon sich auf unser Fahrzeug stürzen würde, um es unter seinen Krallen zu zertrümmern.
Nach den ersten Augenblicken unverständiger Beunruhigung erkannten wir, daß es sich um eine Bergmasse von eigenthümlicher Gestalt handelte, deren Gipfel oder Kopf eben aus der Dunsthülle klarer hervortrat.
Ah … diese Sphinx! … Da tauchte in mir eine Erinnerung auf, die nämlich, daß ich in der Nacht, wo sich der Umsturz des Eisberg ereignete und die »Halbrane« in die Höhe gehoben wurde, von einem fabelhaften Thiere geträumt hatte, das auf dem Pole der Erde saß und dem nur ein Edgar Poë, mit seiner scharfsinnigen Genialität, seine Geheimnisse zu entlocken verstanden hatte.
Da sollten aber noch wunderbarere Erscheinungen unsere Aufmerksamkeit erregen, unser Staunen erwecken und uns in Schrecken und Angst versetzen. …

Aus: Jules Verne: Die Eissphinx. Zweiter Band – Kapitel 16 | deutsch: 1898

espresso art | oliver simon | Die Eissphinx

ein raum | schmutziger greis

halbdunkel tödlich ganz verwirrt
aufreizend!  zärtlich  traumhaft
Nischen  schwere Türen
weite Schatten, die in blaue Winkel führen
irgendwo ein Ton, der wie ein Sektglas klirrt

auf schwachem Teppich liegt ein breites Bilderbuch
grünes Deckenlicht verzerrt  übertreibt
weiche Kätzchen
wie fromm sich weiße Fräulein lieben

ein Greis  ein Seidentuch
blinde augen

Franziska zu Reventlow | Christus Interview

Franziska zu Reventlow | Christus
Ein Interview

Die Amerikaner sind bekanntlich sehr neugierig.
Seit Jahren schreibe ich für ein Kunstblatt jenseits des Ozeans Ausstellungsberichte, Kunstbriefe und alles, was sonst dazu gehört, die wissensdurstige Seele des »gebildeten Laien«, der sich für Kunst interessiert, einmal im Monat zu sättigen.
Jetzt ist das nicht mehr sensationell genug. Man will mehr – anderes.
Die Redaktion verlangte zuerst »Intimes aus dem Leben der großen Künstler« – modern Intimes natürlich – und neuerdings soll ich auch noch interessante Details aus dem Leben der Modelle und ihrem Verhältnis zur Künstlerwelt bringen.
Mir ist alles recht. Ich bin ein zufriedener Mensch und möchte auch andere zufrieden stellen. Nach längerem Bemühen ist es mir geglückt, das Notizbuch eines »vielversprechenden Genies« in die Hände zu bekommen. Die darin verzeichnete Modelliste sollte mir als Richtschnur meiner demnächstigen Recherchen dienen.
Aber nun die richtige Auswahl zu treffen:
1. Walburga Stümpfl, als Giftmischerin beliebt, sehr grün im Ton.
2. Crescenz – Nachname fehlt im Notizbuch – stilvoller Rokokoakt.
3. Anna Huber, sehnsüchtiges Profil, sehr geeignet zum Stilisieren.
4. Adalbert Apfelkammer, Athlet und Ringkämpfer, kolossaler Bizeps, unglaubliche Deltamuskeln.
5. Marie Mayr, famose Zierleiste für die »Jugend«.
6. Clemens Brückner, hinterlistiger Priester etc.

Du lieber Gott, die Auswahl ist einfach überwältigend reich, da kann’s nicht fehlen.
Tagelang stieg ich treppauf, treppab. Modelle interviewen ist keine Kleinigkeit, sie sind nie zu Hause. Ich begab mich also auf den Rat eines erfahrenen Freundes zu einer Vormittagsstunde an die Stufen der Akademie. Aber ich hatte wieder Pech. Die Stunde war entschieden unglücklich gewählt. Es war nur ein schwerhöriger alter Mann da und einige zerlumpte Italienerweiber. Den letzteren schien es sehr am Herzen zu liegen, von mir interviewt zu werden, aber da sich meine Kenntnisse der italienischen Sprache auf: »Si Signora« und »Non capisco« beschränken, konnten wir zu keinem befriedigenden Resultat gelangen.
Schon wollte ich verzagt und um eine Illusion ärmer dem Tempel der Kunst den Rücken wenden, als ich auf einen großen, hageren Mann aufmerksam wurde, der in einen flatternden Havelock eingehüllt mit majestätischem Schritt die Treppe herauf kam.
Ich hielt ihn erst für einen Königlichen Professor, so gebieterisch war sein Auftreten, so lang und wallend sein Haupthaar.
Als er sich aber schließlich neben den Italienerinnen auf die Balustrade niederließ, faßte ich Mut. »Sie stehen Modell?«
»Jawohl, jewiss, ich bin der Christus – braucht der Herr –«
»Wie heißen Sie?«
»Friedrich Wilhelm Köppke – wenn der Herr mit Kostüm wünscht« –
Er machte mich auf eine große Pappschachtel aufmerksam, die er unter dem Arm trug – »brauner Mantel, dunkelrotes Unterkleid« –
»Sie sind nicht von hier?«
»Ne, ich bin aus Berlin, mit Spreewasser jetauft, aber ich bin schon lange hier.«
Er zerrte wieder an der Schachtel.
»Lassen Sie nur, lassen Sie nur – wo haben Sie das Kostüm denn her?«
»Das hab‘ ich mir auf der Auer Dult jekauft, sechs Mark hat es jekostet, aber schön ist es auch.« –
Er riß die Schachtel auf und wollte den Havelock abwerfen.
»Warten Sie, warten Sie, es pressiert nicht. – Wie lange sind Sie schon Modell?«
»So an die sechs, sieben Jahre.« –
»Und was trieben Sie vordem?« –
»Da hab ich ’ne Jeschäft jehabt –«
»Was denn für ein Geschäft«, das Vorleben meines Christus war doch jedenfalls nicht ohne Interesse.
»Na, wissen Sie, ich bin so in die Wirtshäuser rumjegangen und hab‘ mit wollne Hemden hausiert, aber das bringt –«
»Und wie kam es, daß Sie Modell wurden?«
»Das Jeschäft ist nich mehr recht jejangen und dann mit die langen Haare hab‘ ich mir jedacht –«
»Trugen Sie denn das Haar früher schon so lang?« Mit Bewunderung betrachtete ich seine Mähne.
»Ja, wissen Sie, ich hab‘ das Reissen jekriegt von den vielen Zug und da hab‘ ich mir das Haar wachsen jelassen und dann haben mir die Freunde jesagt: laß dich doch malen, Fritze, du hast ja den schönsten Christuskopp, daß der Herrgott seine Freude dran haben könnte. So was suchen die Herrn Kunstmaler jrade.«
»Und da wurden Sie Christusmodell?«
»Ja, da hab‘ ich die wollnen Hemden Hemden sein jelassen und bin in die Ateliers rumjejangen und bin ein sehr beliebter Christuskopf jeworden.«
»Sind Sie denn hier das einzige Christusmodell?«
»O ne, jewiss nicht. Seit der Uhde anjefangen hat, seine biblischen Bilder zu malen, da haben se noch einen modernen Christus uffjeangelt, der hat so langes straffes Haar und so ein schlichtes Jesicht. Das ist der Aois Brüllmayr, der hat mir ne janz jefährliche Konkurrenz jemacht. Überall muß Konkurrenz sein heutzutage.«
»Das Modellstehen muß doch recht anstrengend sein, was?«
»Na, davon könnte ich Sie ein Lied singen. Anstrengend ist die Jeschichte, aber es rentiert sich. Da hab‘ ich zuweilen ans Kreuz müssen, mit so ’n Jerüst, wissen Sie. Mit ausjebreiteten Armen und die Ojen verdrehen, jehört allens dazu von wegen den schmerzlichen Ausdruck. Aber jetzt bin ich zu alt und zu steif dazu. Es jeht nich mehr so. Da steh ich nur Kopp und es wird ein anderer jekreuzigt.«
»Haben Sie denn immer Beschäftigung? Es wird doch nicht alle Tage ein Christus gemalt.«
»Na, da kennt sich der Herr aber schlecht aus, da sind Sie jewiss kein Kunstmaler. Heutzutage muß doch jeder ’n Christus jemalt haben. Das is jetzt jrade die neuste Mode, mit das Biblische. Ne Zeit lang, so vor ’n paar Jahren, da war’s schlimm, da hat niemand mehr ’nen Christus jemalt. Da haben sie alle Ölein-Air jemacht. Da war nischt zu haben für unsereinen. Lauter jrüne Wiesen und lila Bäume und die Menschen dadrin alle nackich. Das war ’ne schlimme Zeit, da hab‘ ich nur Kopp jestanden in die Schulen und mit ’n Christus war jarnischt.« »Na, und jetzt? Die moderne Richtung?« – »O jetzt is viel besser jeworden. Symbolistisch muß sin, sagen die Herren. Das is Mode. Und Mode is in der Kunst jrad‘ so gut wie sonst im Leben. Jetzt machen sie Ihnen ’nen altdeutschen Christus, wie ’n die alten Meister jemalt haben, denn das sind doch immer die jrößten jewesen, sagen sie. Da machen sie Ihnen die Haare janz lang und jrad‘ wie Schlangen und die Dornenkrone janz spitz und was die janz Neusten sind in der Malerei, die machen ’nen stilisierten Christus, da ziehen sie Ihnen det Jesicht in die Länge und die Dornenkrone kommt vom Kopp und auf beiden Seiten wird auch in die Länge jezogen und –«
Mich befiel eine stille Furcht, Christus möchte mich auch noch über das Wesen der Renaissance oder des Rokoko belehren, und ich unterbrach ihn:
»Sind Sie denn schon oft zu großen Bildern gestanden?«
»Na und ob – det will ich meinen. Ich häng‘ Ihnen schon in alle möglichen Jalerien und Pinakotheken. Einmal am Kreuz mit die beiden Schächer. Das is sehr schön jewesen. Was die beiden Schächer waren, das sind ein paar Athleten jewesen. Die haben Sie gehangen, det es eine Freude war. Und dann mit der Magdalene. ›Christus und die jroße Sünderin‹ hat’s geheißen.«
»Wer war denn die Magdalena?«
»Das is die Josephine Zimmerer jewesen, oder wie sie heißt. Das is ein Mädel jewesen. Immer hat sie ihre Jeschichten mit den Malern jehabt. So janz rotes Haar hat sie. Ich kann ’s nich so schön finden, aber den Herren hat ’s jefallen und über Jeschmack läßt sich nicht streiten. ›Der reine Tizian‹ haben sie immer jesagt.« Allen Respekt. Christus imponierte mir immer mehr.
»Sie verstehen wohl bald ebensoviel von der Kunst wie die Maler selbst, Christus?« »Ja, wenn ich die Kunst nich hätt‘. Ich schwärme für alles, was Kunst ist. Das is meine jrößte Freude. Und Jeld bringt’s auch ein.«
»Was verdienen Sie denn so im Durchschnitt am Tage?«
»Na, sehen Sie, das schwankt so hin und her. Was die jroßen Meister sind, die berühmten, die zahlen mehr. Und dann kommt’s auf die Stellung an, fürs Kreuzigen hat’s eine Mark jejeben die Stunde. Jott Strambach, das sind schöne Zeiten jewesen! Aber für jewöhnlich jiebt’s nur 50 Pfennige für die Stunde, wenn man bloß Kopp steht.« Du mein Gott, dacht‘ ich, während Christus sich noch des Näheren über seine Lohnverhältnisse verbreitete, viel, viel »Interessantes« ist aus dem Manne nicht herauszukriegen. Was soll ich nur in meinen Artikel hineinschreiben? Und dazu macht mich sein Dialekt nervös – ich hatt‘ auf irgendeinen biederen Bajuwaren gehofft, dafür interessiert man sich doch heutzutage viel mehr. Es klingt viel origineller. – Ich mußte entschieden noch etwas »Intimes« herausbringen.
»Christus«, sagte ich deshalb eindringlich, »Sie wissen wohl recht viel von dem Leben der Künstler, so von dem Privatleben. – Als Modell müssen Sie doch recht oft Gelegenheit haben, hinter die Kulisse zu schauen.«
»Na«, sagt Christus mit großem Nachdruck, »wir Modelle, wir sehen alles, wir hören alles, wir sind bei allem dabei, aber wissen tun wir jarnischt, wir sind diskret. Ich könnt‘ Ihnen da Jeschichten erzählen – aber wir Modelle müssen diskret sein, sonst is jarnischt mehr, sonst werden wir abjeschafft.«
»Na ja, aber wissen Sie, Christus, ich bin fremd hier. Ich gehe in ein paar Tagen wieder fort. Mir können Sie schon etwas erzählen. Ich bin Journalist, da muß man auch oft diskret sein. – – Es muß doch oft recht fidel hergehen unter den Künstlern, was?«
»Na ja, fidel, det will ich Sie jlauben. Da liebt man sich und wird jeliebt, det is die reine Wonne und Herrlichkeit.«
Mein Christus machte ein ganz pfiffiges Gesicht und zwinkert mit den Augen. Mich ärgerte nur, daß er so zugeknöpft war. Ich hätte so gerne etwas Pikantes erfahren.
Noch einen Versuch wollt‘ ich machen. So ein Liebesroman zwischen einem weltbekannten Genie und der rothaarigen Tizian- Magdalena – famoser Mittelpunkt für meinen Artikel: ›Modelle und Künstler, Interieurs aus der Münchner Moderne.‹ Das Herz wurde mir ganz groß.
»Na sagen Sie mal, Christus – Sie haben mir vorhin von der Magdalena erzählt, die den Malern so gefällt, die wird wohl viel geliebt haben, was?«
Ich schlug meinen jovialsten Ton an, aber Christus blieb ungerührt. –
»Det hab‘ ich Sie doch schon jesagt. Jetzt hab‘ ich sie schon lange nicht mehr jesehen, aber früher, als ich mal mit ihr jestanden bin. Da hab‘ ich alle ihre Jeheimnisse jewußt.« – Er zwinkerte wieder verständnisvoll – und fuhr fort:
»Ich hab‘ ihr damals noch sozusagen zum moralischen Halt jedient. Manchesmal hab‘ ich ihr ins Jewissen jeredt‘. Magdalena, hab‘ ich ihr jesagt, Jugend hat keine Tugend, des weess ich auch. Ich bin auch mal jung jewesen und habe keine Tugend jehabt, aber jetzt bin ich Familienvater und kenne die Welt. Mach’s nicht zu schlimm, Magdalena, sonst kommste noch unter den Leierkasten. Aber sie hat es immer sehr leicht jenommen. ›Schaugt’s den Christus an‹, hat sie jesagt und dann haben sie alle jelacht. Na, ich sage Ihnen.« –
»Mit wem hat sie denn?«
»Na, mit allen hat sie Jeschichten jemacht. Sie hat eben für ’ne Schönheit jejolten, aber was die Herren waren, ›Christus‹, haben sie jesagt, ›wir wissen, daß Sie diskret sind‹. – Na, diskret muß man sein.« –
Er lächelte bedeutungsvoll und zog seine Visitenkarte hervor, die er mir feierlich überreichte: »Friedrich Wilhelm Köppke, Katzmaierstraße 16, IV«, darunter stand geschrieben: »Im Besitz eines neuen Christus- Kostüms, dunkelrotes Unterkleid, brauner Mantel, Sandalen etc. empfehle mich den Herren Kunstmalern als Christusmodell.« »Eine schöne Handschrift haben Sie, Christus«, sagte ich bewundernd.
»Das hat meine Jette geschrieben, was meine Älteste is«, sagte er, »die steht auch schon Modell, aber ich laß sie nur Kopp stehen, ›wenn man Familienvater ist‹ –.«
Ich sah auf meine Uhr und verabschiedete mich von Christus, indem ich ihm einen Zwanziger in die Hand drückte. Er steckte denselben voll Würde dankend ein und hüllte sich fester in seinen Havelock, denn es war kalt.
Ich entfernte mich langsam und einigermaßen deprimiert. Mein Artikel war an der starren Moral und unbeugsamen Diskretion des Christus gescheitert.

Quelle: Franziska zu Reventlow | Das Logierhaus zur schwankenden Weltkugel
Herausgeber | Else Reventlow

Titelbild:  Edward Okuń | Dornenkrone

Peter Hille | Nordost mit Karl Blossfeldt

[distelicht] Eine literarische Reise.
Peter Hille führt uns nach Berlin-Frohnau und Świecie [Schwetz an der Weichsel]


 

Peter Hille | Nordost
Ein Prosagedicht

Die Zeit ist vorüber. Die Wandervögel ziehen in hohen, langhin gewellten, schwarzen Geschwadern durch die grauen Lüfte. Und bisweilen tönt aus unsichtbaren Höhen die Stimme des Herbstes, des Bußpredigers da oben, des ernsten Himmels, wie ein Anruf von dannen, ein Sammeln und ein Ziehen, herb und verhallend. Auch die Fremden zogen von dannen. Nur die Sinnigen blieben, die es gerne haben, wenn es ernster und versunkener wird in ihrer Seele wie in der großen Natur.

Aber auch die Natur will allein gelassen sein, wie laut Detlev von Liliencron der Adel von Holstein. Und da ihr das zu lange dauert, eh alles geräumt ist, so greift sie selbst zu und bricht das Gerümpel ab, damit man es den Fremden in seiner unmittelbaren Nähe gemacht hat.

Da schwimmt hier eine Treppe, da ein Pfahl, nun bohrt sich eine Laufplanke, mit Leinwand bezogen zum Schutz der zarten Damenfüße, mit Stürmerwucht in den tannenglatten Strand.

Der rostentblätterte Anker ist fast ganz eingeschwemmt, an seinen noch freien herzförmigen Zacken hängen wie wilde, welke, vom Leben losgerissene Kränze gelber Verzweiflung, Büschel lohenden Tanges und bläulich angelaufene Stranddisteln. Das Wrack aber, das seit den Frühlingsstürmen hier festliegt, ist wieder lebendig geworden und führt den Vorgang seines Untergangs noch einmal auf: es schluckt eine Sturzsee nach der anderen und gibt sie durch die lecken Planken seines Rumpfes dem bis auf etwa zehn Minuten hinein sandgelben Strandmeer wieder. Sprühgebüsche stieben über Deck. Ganz in der Weite düstergrüne Schollen, wie aufgeworfener Kirchhofsrasen, tobende Höhen, rasender Schaum, stürmende Berge, stürzender Jubel, durcheinander geschüttelte Winde, ein wild durchäderter Grabstein von gelbem schluchzendem Marmor.

Karl Blossfeldt • Eryngium maritimum. Strand-Mannstreu, Stranddistel. Dolde mit Hochblättern

Peter Hille (* 11. September 1854 in Erwitzen bei Nieheim, Westfalen; † 7. Mai 1904 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller. Lasker-Schüler hat Hille in ihrem 1906 erschienenen Erstlingsprosawerk „Das Peter Hille-Buch“ postum enthusiastisch gewürdigt.

„Meine Pflanzenurkunden sollen dazu beitragen, die Verbindung mit der Natur wieder herzustellen. Sie sollten den Sinn für die Natur wieder wecken, auf den überreichen Formenschatz in der Natur hinzuweisen und zu eigener Beobachtung unserer heimischen Pflanzenwelt anregen.“ | Karl Blossfeldt im Vorwort zu seinem Buch Wundergarten der Natur

Reiseetappen: St. Peter Ording

 Der Ort ist noch zu bestimmen | Fotoarbeiten im Sinne und in der Ausführung Karl Blossfeldts. Experiment: statt Pflanzen Menschen fotografieren. Aufnahmen mit einer analogen Kamera/Plattenkamera – Druck auf Silbergelatinepapier.
 
St. Peter Ording | Am Strand tannenglatte Gebilde erschaffen; anschließend dauerhaft auf Leinwand bannen.
⇒ Ein Küstenort | Schiffsanker erstehen. Eigenhändig heimschaffen und zur Skulptur ausarbeiten – wie oben beschrieben.
⇒….

Hier kommen Sie zum Einstieg der Reise.

Weitere Quellen: Die Peter Hille Gesellschaft 

„Ich bin ein Geistesfaktor, mit dem man zu rechnen haben wird.“
Als der Autor diesen Satz festhielt, war er so arm und erfolglos wie sein nur ein Jahr älterer Zeitgenosse, der Maler Vincent van Gogh.

Albert Schweitzer | Die Ehrfurcht vor dem Leben

Was ist Ehrfurcht vor dem Leben, und wie entsteht sie in uns?

Zitate Albert Schweitzers zur Ehrfurcht:

„Was ist Ehrfurcht vor dem Leben, und wie entsteht sie in uns? Die unmittelbarste Tatsache des Bewusstseins des Menschen lautet: ‘Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will.’ Als Wille zum Leben inmitten von Willen zum Leben erfasst sich der Mensch in jedem Augenblick, in dem er über sich selbst und über die Welt um sich herum nachdenkt.“

„Zugleich erlebt der denkend gewordene Mensch die Nötigung, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vordem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen. Er erlebt das andere Leben in dem seinen. Als gut gilt ihm: Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen; als böse: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten.“ „Dies ist das denknotwendige, absolute Grundprinzip des Sittlichen.“

„Ethisch ist der Mensch nur, wenn ihm das Leben als solches, das der Pflanze und des Tieres wie das des Menschen, heilig ist und er sich dem Leben, das in Not ist, helfend hingibt. Nur die universelle Ethik des Erlebens der ins Grenzenlose erweiterten Verantwortung gegen alles, was lebt, lässt sich im Denken begründen.“

„Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben begreift also alles in sich, was als Liebe, Hingabe, Mitleiden, Mitfreude und Mitstreben, bezeichnet werden kann.“

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Ludwig Philipp Albert Schweitzer (* 14. Januar 1875 in Kaysersberg/bei Colmar; † 4. September 1965 in Lambaréné, Gabun) war ein deutsch-französischer Arzt, Philosoph, evangelischer Theologe, Organist und Pazifist.
Albert Schweitzer gründete ein Krankenhaus in Lambaréné im zentralafrikanischen Gabun. Er veröffentlichte theologische und philosophische Schriften, Arbeiten zur Musik, insbesondere zu Johann Sebastian Bach, sowie autobiographische Schriften in zahlreichen und vielbeachteten Werken. 1953 wurde ihm der Friedensnobelpreis für das Jahr 1952 zuerkannt, den er 1954 entgegennahm.


 Białowieża-Nationalpark | Polen & Weißrussland • Liegt im Białowieża-Urwald (Bialowiezer Heide) der letzte Tiefland-Urwald Europas: mit einem Naturwächter Tour planen inkl. Ausreizen aller Sinne.
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Charles Baudelaire | Jeder seine Chimäre

Charles Baudelaire | Jeder seine Chimäre • Gedichte in Prosa

Unter einem großen grauen Himmel, in einer großen staubigen Ebene ohne Wege, ohne Rasen, ohne eine Distel, ohne eine Brennnessel, traf ich eine Schar Menschen, die gebückt dahinschritten.
Ein jeder von ihnen trug eine riesige Chimäre auf dem Rücken, so schwer wie ein Sack Mehl oder Kohle, oder wie die Rüstung eines römischen Fußsoldaten.
Aber das entsetzliche Ungeheuer war nicht eine träge Last; im Gegenteil, es umklammerte und presste den Menschen mit seinen elastischen und mächtigen Muskeln; es hängte sich mit den langen Krallen an seine Brust, und sein fabelhaftes Haupt überragte die Stirn des Menschen wie einer jener furchtbaren Helme, mit denen die alten Krieger den Schrecken des Feindes zu vermehren hofften.
Ich fragte einen dieser Menschen, wohin sie also gingen. Er antwortete mir, dass er dies nicht wisse, weder er noch die andern; dass sie aber offenbar irgendwohin gingen, da sie von einem unwiderstehlichen Drange getrieben würden.
Etwas Seltsames ist zu bemerken: keiner dieser Wanderer schien dem wilden Scheusal, das sich ihm an den Nacken hängte und ihm am Rücken klebte, zu zürnen; es schien, dass er es als einen Teil seiner selbst ansah. Alle die müden und ernsten Gesichter zeugten von keinerlei Verzweiflung; unter der blendenden Himmelskuppel, die Füße in dem Staub der Erde begrabend, die ebenso trostlos wie der Himmel war, wanderten sie mit dem ergebenen Ausdruck jener dahin, die immer zu hoffen verurteilt sind.
Und der Zug schritt an mir vorüber und tauchte in die Atmosphäre des Horizontes, dort wo die gewölbte Oberfläche des Planeten sich der Neugierde des menschlichen Blickes entzieht.
Und einige Augenblicke lang wollte ich entschieden dies Geheimnis verstehen; aber bald überfiel mich die unwiderstehliche Gleichgültigkeit, die mich noch tiefer beugte, als selbst jene es waren, die von ihrer Chimäre erdrückt wurden.

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Der Autor | Charles-Pierre Baudelaire (* 9. April 1821 in Paris; † 31. August 1867 ebenda) war ein französischer Schriftsteller. Er gilt heute als einer der bedeutendsten französischen Lyriker und als wichtiger Wegbereiter der literarischen Moderne in Europa. Für die direkten Zeitgenossen, das heißt, für die nicht allzu vielen Leser, die seinen Namen kannten, war Baudelaire vor allem ein kompetenter Verfasser von Berichten über Kunstausstellungen, ein guter Literaturkritiker, ein fleißiger Übersetzer Poes sowie ein Wagner-Enthusiast und -Promotor. Doch schon der nachfolgenden Lyriker-Generation, den Symbolisten (z. B. Verlaine, Mallarmé oder Rimbaud), galt er als epochemachendes Vorbild. Diese Anerkennung hat Baudelaire selbst nicht mehr erlebt.
Seit längerem ist Baudelaire in Anthologien und Schullesebüchern der am besten vertretene französische Lyriker. Auch in andere Länder wirkte seine Dichtung hinüber. In Deutschland beeinflusste sie unter anderem Stefan George, von dem die erste deutsche Übertragung der Fleurs du Mal stammt.

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Der Künstler | Edward Okuń (* 1872 in Wólka Zerzeńska bei Warschau; † 1945 in Skierniewice) war ein polnischer Maler des Jugendstils, Mitglied von verschiedenen Freimaurerlogen.
Er entstammte einer Adelsfamilie, wurde früh Vollwaise. Er wurde von den Großeltern erzogen.
Edward Okuń blieb dem Jugendstil sein ganzes Leben treu. Er beschäftigte sich mit der Malerei, Buchgrafik, schuf auch Fresken auf der Fassade seines Wohnhauses auf dem Warschauer Altstadtmarkt. Er entwarf Umschläge für die Münchener Zeitschrift „Jugend“ und für die Warschauer „Chimera“.

 

Geplante Reiseroute START: dieser kleine Ort in der Elbtalaue ⇒ …..
 Altstadtmarkt | Warschau • urban sketching: die Fresken auf der Fassade des Wohnhauses Edward Okuńs
 Der Platz Chimaira bei Olympos im kleinasischen Lykien • Dort lebte die Chimaira aus der griechischen Mythologieeine Fackel mit dem „ewigen Feuer der feuerspeienden Chimaira“ entzünden und bei Nacht unter freiem Himmel aus Hesiods Theogonie lesen. [Das obere Feuerfeld erklimmen.] ⇒…..

Fundorte | Bei Günther in der Frommestraße

An einem Wochenende im April besuche ich meine Tochter in Lüneburg. Sie studiert dort und es ist mein erster Aufenthalt in der Hansestadt. Beim Herumstreunen entdecke ich im sogenannten Senkungsgebiet einen Zeitungskiosk. Einer von dieser Sorte, wo der Mensch, der Lesestoff, Schnaps, Süßkram und Tabak verkauft, aus einem kleinen quadratischen Loch schaut und dabei- sofern die Laune entsprechend ist – über Gott und die Welt plaudern kann.
Diesen suche ich auf, halb um mir den aktuellen Spiegel zu besorgen und halb um ins Gespräch zu kommen. Wie der Dachs in seiner Höhle, sitzt Herr Sauer dort und schaut in den Regen, der so langsam einsetzt. Ich frage, ob ich ihn und seine Bude fotografieren darf und ein paar Zeichenskizzen anfertigen darf. „Wenigstens fragen Sie. Meinetwegen.“
Während ich also skizziere und Knipse, lausche ich den Gesprächen mit den Stammkunden. Eine Frau aus der Nachbarschaft erzählt von ihren Wohnungsproblemen. Ich erfahre, dass Herr Sauer seinen Treffpunkt bald verlassen muss. Die Stadt wolle das so. Er wird dann das Zeitungverkaufen sein lassen, es wird sowieso dauernd bei ihm eingebrochen. Wegen Schnaps und so. Trotzdem hängt er an dem Laden mit diesen 08/15 Schmökern, der gruseligen Boulevardpresse und den Horrorskopen. Zwei Polizisten kommen vorbei und Herr Sauer wirft einen grantelnden Gruß herüber und wünscht gute Verrichtung bei der Bürgeranbahnung. Dann folgen ein paar unverständliche Worte, in denen es wohl um seine Einbrüche geht.
Frau Reiß kommt vorbei.Sie verkauft seit 35 Jahren auf dem Wochenmarkt Eier.  Lange wird sie das nicht mehr machen, die Beine wollen nicht mehr so. Beide unterhalten sich über die Ausländerberatung, die um die Ecke aufgemacht hat.

Im Nieselregen stehend, spricht mich Günther an. Einer dieser zahllosen Straßenmusiker, die für ein paar Cent Unterhaltung bieten. Wieso ich nicht mal bei ihm vorbei komme?! Ja, warum eigentlich nicht. Ich begleite den vermeintlichen Troubadix in die Frommestraße, wo die Häuser vom Herabsenken schief und krumm sind. Wir erklimmen eine Wendeltreppe, durchwaten einen Schlafraum mit Wäschehaufen und Gerümpel auf dem Boden. An der Decke hängt ein roter Plastikreifen um eine nackte Glühbirne. Günther fängt meinen Blick ein. „Das ist der Uranus.“ Soso.
Auf dem kleinen Tisch im Wohnzimmer dann eine halbleere Weinflasche, eine angebrochene Klopapierrolle, diverse Zeitungen und zerlesene Musikmagazine.
In der Mitte LPs und ein alter Barbierstuhl. Ich habe das Gefühl, in den späten 70er einer Studentenbude zu sein. „Hinter mir ist eine Schmiedewerkstatt. Wenn ich den Lärm beim Üben nicht ertrage, stell ich Matratzen vors Fenster oder den Verstärker an,“ erzählt der Günther.  Aber man könne sich ja irgendwie an alles gewöhnen. Auch an die Vorstellung, dass das Haus irgendwann in sich zusammenbricht. Er redet ohne Punkt und Komma; ein offenbar einsamer Mensch. Er spiele auf Straßenfesten, in Kneipen oder halt auf der Sraße. Am liebsten Bob Dylan.

„Auf Teneriffa habe ich gelebt. Mit ohne Geld. Da hatte ich den ganzen Tag zu tun mit Überleben.“ – Das hat er auch hier. Nur sagt er das nicht. Bevor ich gehe, darf ich noch ein Foto von seinem Wohnzimmer machen. Im Gegenlicht. Aber die Erinnerung an diese Begegnung ist eh wichtiger.

Dieser Fundort stammt von Roland Starck [*1959] Essen.
Aufgezeichnet von Oliver Simon.

Die Rubrik Fundorte stellt Orte & Begegnungen vor. Besondere Orte, die im Gedächtnis geblieben sind.

Der nächste Fundort in der kommenden Woche: Skulpturen des Schweizer Künstlers Markus Raetz auf der Lofoteninsel Vestvågøy in der Nähe des Dörfchens Eggum direkt an der Küste.

Stundenbuch | Zur Wiedervorlage

Unbenannt20x60kissen. bützen.
farbrausch
einfach
klar, kalt, köstlich
laufen. die schuhe quietschen
apfelblüten
tagträumen
espressologisch
rauf, runter, lauter, lauter.

mut. fehlerhaft
sehnsucht
tiefenrausch
lachs, kokosmilch & spinat
atem atmen
irgend.wohin
zitterst du?
ein wir?
beat und glück
die grasharfe spielen oder doch lieber lesen
nasenreisen
blaue melancholie

bass, beton, baustellen.
weiterweiter
lachen
odysee im weltraum.
lippen
schweigen

auszeit, gleitzeit
fühlenriechenschmecken
strange place for snow
grundlos sinnvoll

hoch, tief, flach, voll.
komm rüber
imperativ
weich, weiß, warm.
bugge wesseltoft: flimmer.
stark.strom
schwach.strom

konjuntive entscheidungen
denken, bis zum Schwindel
fallen, fangen, nah
sekundenglück sekunden glück
ja
geben, nehmen, nah.
regen. riechen.

stark genug, um schwach zu sein.
augen zu.
neu.gier
fehlerhaft. standing

Unbenannt20x60

Alasdair Gray | Kleine Disteln

kleine_distelm„Knappe Geschichten“, so lautet der lapidare Untertitel von KLEINE DISTELN, das in der Reihe „Text und Portrait“ im Aufbau-Verlag erschienen ist. Und es scheint so, als wären seine Geschichten weniger skandalträchtig als es sein Roman „Janine 1982“ gewesen war, der wegen der beschriebenen sexuellen Ausschweifungen für Wirbel gesorgt hat.
Diesmal geht es ruhiger zu, nicht jedoch langweiliger. Die Geschichten, die in diesem Band versammelt sind, lassen sich weder miteinander vergleichen noch gehören sie zusammen. Die erste ist ein Bericht, den er für den Stiftungsrat der Bellahouston-Stiftung verfasste, um über sein Reisestipendium Rechenschaft abzulegen. Es ist wunderschön zu lesen, mitzuerleben, wie Gray seine Reise angetreten hat und bereits nach einigen Kilometern von Heimweh nach seinem geliebten Glasgow geplagt wurde und sich trotzdem tapfer bis zum Zielort Gibraltar durchgeschlagen hat. In weiteren Stories berichtet er von seinen kauzigen und skurrilen Landsleuten, von erschlagenen Katzen, der Sozialistischen Republik Schottland und ewigen Nörglern. Sein Meisterstück in diesem Band ist jedoch die Vollendung eines Textfragments von Robert Louis Stevenson, dem Autor der Schatzinsel, wobei er sich allerdings herausnimmt immer mehrere Handlungsmöglichkeiten durchzuspielen.
Meine persönliche Lieblingsgeschichte ist die, die den Buchtitel hergibt: Kleine Disteln.
Schade ist eigentlich nur, dass es diesmal keine Illustrationen von Gray zu seinen Geschichten gibt. Ein schwacher Trost ist der Fototeil am Ende des Buches, dessen Hauptmotiv der Autor ist. Fotografin ist Renate von Mangoldt.

Gray ist Schotte. Mit Leib und Seele. Seine Romane und Geschichten berichten immer von seiner Heimat oder den eigentümlichen Schicksalen, die seine Landsleute durchleben. Dabei ist er alles andere als ein Wald-und-Wiesen-Autor. Was ihn auszeichnet ist die blühende, übersprudelnde und zuweilen auch obszöne Phantasie, die in seine Bücher einfließt. Obwohl er in seiner Heimat bereits seit Jahren ein bekannter und gern gelesener Autor ist und von der Kritik gebauchpinselt wird, gelingt es ihm in Deutschland erst langsam, sich einen Namen zu machen. Die „offizielle“ hiesige Buckritik geht Gray eher aus dem Weg. Warum auch immer. Seine Bücher sind seit Jahren ins Deutsche übersetzt und werden von einem wachsenden Leserkreis gekauft. Alasdair Gray hat sich inzwischen den Status eines öffentlichen Geheimtipps erarbeitet.

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Alasdair Gray, geboren 1934 in Glasgow, studierte an der dortigen Kunsthochschule Malerei. Gray lebt und arbeitet als Graphiker, Maler, Verleger und Schriftsteller in seiner Heimatstadt. Zum Schreiben kam er erst, als er bereits über vierzig Jahre alt war. Gray ist bekennender Sozialist und bekanntester Vertreter der Welle neuer schottischer Autoren, die seit einigen Jahren die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Seine Heimatstadt Glasgow bildet die Kulisse für seine ersten beiden Romane „Lanark“ und „1982, Janine“. Beides sind großangelegte, schelmenhafte Erzählungen, in denen die Kritiker die Weitschweifigkeit eines Lawrence Sterne und den Eklektizismus eines James Joyce sahen. Der Observer sprach „Lanark“ alle Zutaten eines Kultbuchs zu und die Washington Post schrieb zu „Zehnmal Lug und Trug“: „Schnappen sie sich im Buchgeschäft den Stapel dieses Buches. Lassen Sie alle in Geschenkpapier einschlagen, bis auf Ihr eigenes Exemplar – und bringen Sie die als Gastgeschenk zu Dinnerparties etc. mit – statt dieser öden Flasche Wein, die ja doch nie getrunken, sondern immer von Dinnerparty zu Dinnerparty herumgereicht wird.“

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Alasdair Gray
Kleine Disteln | Knappe Geschichten
Taschenbuch – 1996
Aufbau Verlag
ASIN: B00OAM07HK
Nur noch im antiquarisch erhältlich

Foto mit freundlicher Genehmigung von Davide Petrelli

Das Tattoo seines Herrn auf der Brust

Das sowohl glücklich als auch tragische Leben des Bayernkönigs Ludwig II. erscheint wie ein romantisches Märchen aus einer nicht mehr greífbaren Vorzeit. Wenn man die prunkvollen Schlösser Neuschwanstein oder Herrenchiemsee besucht, erinnert man sich, dass sie auf Befehl des künstlerisch begabten Monarchen erbaut wurden. Wenn man eine Wagner-Oper hört, denkt man an die Freund-
schaft zwischen dem Komponisten und Ludwig II. Aber sonst bedarf es schon anderer Hilfsmittel – eines Romans bzw. Films – wenn jene versunkene Epoche wieder lebendig werden soll.

Fritz Schwgler | Vorreiter Ludwig des II.

Das obige Bild zeigt Friedrich Joseph Schwegler, geboren August 1866. Mit 63 Mark Rente verbrachte er seinen Lebensabend im Dorf Seeshaupt am Starnberger See. Schwegler war Vorreiter im königlichen Hofstaat.

Zu Zeiten König Ludwig II. war es üblich, dass die in königlichen Diensten stehenden Männer ihre Treue zum angestammten Herrscherhaus durch eine Tätowierung bezeugten. Der ständig Pfeife schmauchende Senior zeigte jedem, der ihn in seiner Kammer besuchte, mit Vergnügen und Stolz das eintätowierte Konterfei seines Königs auf der Brust.

Auf die Frage nach der Krankheit des Königs soll er mal geantwortet haben: „Na ja, g’spinnt hat‘ er scho‘. Aber heut‘ gibt’s no mehr, de spinnen …«

Kunst | Kees van Dongen – Amusement

KEES VAN DONGEN | Amusement |  Um 1914
Öl auf Leinwand, 88×100 cm, bezeichnet: «Van Dongen»

DAS BILD: Ich muss gestehen, dass mich die Hilfsmittel des Historikers im Stich gelassen haben: ich weiß nicht, wer die schlanke Schöne ist, mit der der Maler hier die Rollen getauscht hat, so dass nun sie an seinem bekannten Bild mit den drei Frauen: der, die vor dem Handspiegel ihre Gamin-Frisur ordnet, der nackten kauernden, die mit der Kette spielt, und der platt auf dem Bauch liegenden – letzte Hand anlegt. Wir befinden uns in Van Dongens Atelier in der Rue Juliette-Lamber, auch die indische Figur und das Bild mit den beiden Marokkanerinnen sind von da her vertraut. Vollkommen selbstverständlich fügt sich die Stellvertreterin sowohl in das Bild, dessen Mittelachse sie in raffinierter Kurve umspielt, als auch in das dargestellte Ambiente; ja, dieses in Lippenrot getauchte Atelier lässt sich viel eher von ihr bewohnt und gemalt denken als von dem breitschultrigen einstigen Weggenossen der Fauves.

DER MALER: Mit nichts als einem unbändigen Verlangen zu malen kam der 1877 in Delfshaven bei Rotterdam geborene, vollbärtige Holländer kurz vor der Jahrhundert¬ wende nach Paris. Es heißt, er habe in den ersten Jahren tags als Gepäckträger das Geld verdient, das ihm abends zu malen erlaubte. Sein Temperament trieb ihn zu den Fauves, mit denen er 1905 ausstellte; auch der gleichfalls auf hemmungslose Farbentladung eingestellten deutschen «Brücke» ist er 1908 vorübergehend beigetreten. Doch Anlage und Gelegenheit trieben ihn bald in andere Bahnen. War er anfangs durch einen gewissen schwerblütigen Ausdruck aufgefallen, der sich in höchst gewählten lehmigen oder düsterschwelenden Farbharmonien äußerte, so stellte er nun seine Palette um auf die Wiedergabe von Silberlame und schillerndem Strass, Brillanten und exotischen Stoffen, Fräcken und Lüstern und den strahlenden Himmeln von Deauville, Cannes oder Venedig. Der Lastträger wurde zum Elegant, zum gefeierten Gesellschaftsmaler, zum Chronisten der «dolce vita» von 1925, der seine Preise selbst besser machte, als dies je ein Händler für ihn hätte tun können, zu dessen Festen sich le beau monde drängte und der in einem optischen Lebenshunger ohnegleichen alles an sich raffte, was die hektische Zeit an Reizstoffen bot. Er malte die letzten Zeugen der Proustschen Welt, den Marquis Boni de Castellane und das Pique-nique au Louvard, er malte die Freundinnen mit aufreizenden Brüsten und von Drogen verglasten Blicken, er malte die aristokratische Schönheit mit Herrenschnitt, grauem, paillettenbesetztem Hängekleid und hinter dem Kopfentfaltetem Straussenfedernfächer, er malte Adel, der sich nicht zu beweisen braucht, wie auch angespanntesten Arrivismus. Er malte das alles mit einer profunden, elementaren Schamlosigkeit, die auch seine Haltung zur Kunst kennzeichnet: einmal Gesellschaftsmaler, schnödete er mit den Argumenten des Bürgers gegen die «blutlose, theoretische» Kunst um ihn herum, «die Schönheit, Leben und Kunst verletzt», signierte auch gelegentlich herausfordernd als lepeintre, so wie Chirico aus ähnlicher Einstellung als «pictor optimus» signiert. Das ist nicht weiter wichtig; in seinen guten Arbeiten bleibt van Dongen ein glänzender Kolorist und ein Meister der psychologischen Bloßstellung. Auf eine gewisse Zeit lassen seine weiblichen Porträts durch ihren sinnlichen Zauber sogar vergessen, wieviel ihnen doch fehlt von der authentischen Poesie eines Guys, von der schmerzlichen Tiefe Toulouse-Lautrecs, von der Geistigkeit eines Matisse.

Menschenbilder | Rafael Santeria

Rafael Santeria war einer unserer ersten Interviewpartner und löste in der damaligen Redaktion mehrere hitzige Diskussionen aus. Er arbeitet in der Erotikbranche und als Model; was für den einen verrucht, ist für den anderen ein ganz normaler Job. Wir haben Rafael interviewt, weil wir neugierig auf sein Weltbild waren und sind.
Der Weltenbummler, Jahrgang 1988, fällt auf: im ersten Eindruck durch seine markigen Sprüche und seine zahlreichen Tattoos. Spannend ist zudem sein Leben als „Digitalnomade“. Seine Arbeit ist eher Berufung als Lohn- und Brotjob. Auf unsere Frage, welchen anderen Beruf er ausüben würde, gäbe es diesen nicht, sagte er 2014: „Ich liebe dieses Leben, ich liebe diesen Beruf.“ Inzwischen ist er nicht mehr so enthusiastisch.
Rafael ist eloquent und reflektiert. Er weiß, was er will, und verfolgt seine Ziele hartnäckig; inklusive der notwendigen Nebenwege. Wir hatten ihn im ersten Gespräch zu seinem Verhältnis zu Frauen, seiner Lebensphilosophie und seinen Erfahrungen in der Pornobranche befragt. Nun, zwei Jahre später, sprechen wir mit Rafael Santeria über seine Modelkarriere, was sich zu damals verändert hat und seine Zukunftspläne.

Die Pseudounabhängigkeit der Frau. – Hat sich Deine Wahrnehmung inzwischen verändert?
Hand aufs Herz! Hätten mich nach meinem Einbruch 2015 keine Frauen durch emotionalen, organisatorischen und persönlichen Support begleitet, wäre ich vermutlich untergegangen. Psychologinnen, Unternehmensberaterinnen, Anwältinnen, Journalistinnen, Feministinnen, Freundinnen: Nichts und niemand wie die Krise hat mir so deutlich gezeigt, dass mein weltanschaulicher Herrenwitz eine Blamage für mich, nicht für die Frauenwelt, gewesen ist. Ich weiß aus vielseitigen Erfahrungen, dass es Unterschiede gibt zwischen den Geschlechtern, aber diese sind diffus und durchlässig. Ich habe Tränen geweint an den Schultern der Frauen, denen ich mangelnde Autonomie vorgeworfen habe.

Ist meine Frau bereit, sich meinem Regelsystem zu fügen? – Wie wichtig ist Dir Macht in Deinen Beziehungen, privat wie beruflich? Würdest Du das heute noch so definieren?

Rafael Santeria | Foto: @corneredring
Rafael Santeria | Foto: @corneredring

Im Grunde genommen eine ethische und psychologische Binsenweisheit: Beziehungen sollten sich vorrangig um Einverständnis, Gegenseitigkeit, Kommunikation, Mitgefühl und selbstverständlich Liebe drehen – oh Wunder! Zwischenmenschliche Beziehungen sind bis zu einem gewissen Grad von dynamischen Macht- und Dominanzstrukturen geprägt, aber das zu einer Philosophie zu verklären, dürfte nach meinen Erfahrungen und Beobachtungen in Trennung, gegenseitiger Antipathie oder gar Gewalt enden. Wenn man sich nicht zufälligerweise gerade für den oberkrassesten Hatefucker hält, dürfte das den meisten Menschen missfallen. Womöglich geht es in langfristigen Beziehungen gerade darum, Machtverhältnisse abzubauen und durch liebevolles Einlassen zu verschmelzen: Für diese These fehlt mir allerdings noch die langfristige Erfahrung.

Ich liebe glatte, sterile Körper. – Ist das immer noch so?
Ja, das ist geblieben. Wobei ich es als berufliche und persönliche “Herausforderung” betrachte, mich mehr und mehr auch auf Körper einlassen zu können – jenseits meiner gewohnten und allgemeiner Schönheitsideale. Bei beidem spielt nämlich immer auch ein gewisser Grad an sozialem Druck eine Rolle. Und soziale Konvention sollte ja nun wirklich nicht die tiefere Sexualität dominieren.

Einfach drauf los. – Ist das immer noch Dein Motto?

Foto: Privat
Foto: Privat

Oh Himmel, nein. Ich wähnte mich damals in weitreichender Sicherheit vor ethischem und sozialem Ausschluss, vor Feindschaft und weitreichenden eigenen Fehlentscheidungen. Zwei, drei Jahre später sind meine persönliche Sensibilität und mein soziales Bewusstsein immens gewachsen. Heute sind kurz- und langfristige Entscheidungen durchdacht, zum Teil mit “Beraterstab” entwickelt. Bisher zahlt sich das aus.

Du arbeitest daran, Dich als Marke/Kunstfigur aufzubauen. Was bedeutet das konkret? Warum ist es Dir wichtig, als Markenprodukt in Erscheinung zu treten? Wie wichtig ist Dir dabei eine gewisse Privatsphäre?
Rafael Santeria ist eine sich selbst schreibende und von mir geschriebene Geschichte: Mein Leben war bis hierher unkonventionell und dramatisch. Aus diesem Leben kann ich mich reich bedienen, wenn ich die Öffentlichkeit unterhalten, faszinieren, bewegen möchte: Depressionen, Schmerzen, unvorstellbares Leid, ungeahnte Wendungen, durch nichts zu erklärendes Glück, Veränderung. Das Erzählen macht mir Spaß und hilft mir zudem bei der Verarbeitung. Meine Privatsphäre schütze ich dabei immer bewusster: Es braucht nicht jedes Detail meiner Geschichte bekannt zu sein, dann bleibt es spannend und ich erspare mir manche Konflikte mit mir selbst.

Du wurdest oft als Hatefucker bezeichet. Wenn Du zurück blickst: Wie geht es Dir mit diesem Stempel heute? Wie möchtest Du Dich aktuell gewertet wissen?

Foto: Privat
Foto: Privat

“Hatefuck” war ein ungeahnt erfolgreiches Branding, dabei war es seinerzeit gar nicht realitätsgerecht: Manchmal ging es härter zur Sache, aber auch nicht wesentlich mehr als bei vielen jungen Paaren heutzutage. Ich habe erschrocken und panisch das Image abgestreift, als ich bemerkt habe, dass Leute aus meiner Worthülse eine potentiell justiziable Realität gemacht haben. Ich habe mich über die Vorgänge damals ausführlich im feministischen Ressort des Vice-Magazins Broadly geäußert: “Ich fand mich selbst eklig” – in diesem Umfeld ist es seit dem auch nicht schöner geworden. Aktuell entwerfe ich einen neuen Produktionsstil, der eine Menge “von zart bis hart” abdeckt, aber klare und auch im Rahmen der Inszenierung sichtbare Grenzen sichtbar macht. Das Image-Produkt “Hatefuck” spielt dabei keine wirkliche Rolle mehr. Eine kleine Spielerei ist gerade in Überlegung, aber die ist noch nicht spruchreif.

Was ist Dir persönlich wichtig? Was ist Dein Antrieb? Geld, Macht, Ruhm, viele schöne Frauen und über kurz oder lang seelische Ausgeglichenheit und Lebensfrieden. – Hat sich das verändert? Warum?

Rafael Santeria | Foto: @benlaerk
Rafael Santeria | Foto: @benlaerk

Ich bin einigen Zielen auf unfreiwillige und zum Teil ganz merkwürdige Weise näher gekommen, vermutlich weil sich ihr Stellenwert verringert hat. Erfolg kann man nicht erzwingen – Seelenfrieden auch nicht. Moralisch integres Verhalten hingegen kann man sich im Zweifel sogar abverlangen. Ich habe mich von all zu konkreten Lebensentwürfen verabschiedet. Ich pokere auf Hoffnung, Geduld, Vertrauen und meinen mittlerweile etwas zivilisierteren Ehrgeiz, der mich selbst in den tiefsten Tälern immer noch vergleichsweise produktiv hat bleiben lassen.

Thema Depressionen: Du sagst, dass Du früher unter ihnen gelitten hast. Was hat sich geändert? Gibt es etwas, was Dich diese Krankheit gelehrt hat?
Die Depressionen haben sich immens verschlimmert, als mir alles in die Binsen gegangen ist. Demut. Leidensfähigkeit. Ich habe das “Durchhalten” erlernt. Einfach immer weitermachen. Es ist nicht (mehr) mein Lieblingsthema zugegebenermaßen. Ich danke dem Himmel für jeden Tag in Frieden und für das viele Glück, das ich am Ende hatte und zukünftig noch haben darf.

Du hast in den letzten Jahren einige Erfahrungen im Pornobiz gesammelt. Wie denkst Du heute über diese Szene?

Rafael Santeria | Foto: @julianpaul.pictures
Rafael Santeria | Foto: @julianpaul.pictures

Nun, ich wollte seinerzeit ja eine moderne Subkultur in die Branche hineingründen – mit Sicherheit ein etwas vermessener Anspruch. Ein erfahrenerer Darsteller hat mir irgendwann mal geraten, nicht weiter meine Lebenserfüllung im “Wegwerfprodukt” Porno zu suchen – der Ratschlag hat wehgetan, hat sich aber als sehr heilsam erwiesen. Ich halte mich heute eher am Rand der Branche auf und lasse mich nicht mehr von jedem Gerücht, Zoff, Drama, Skandal persönlich involvieren. Auch wenn mir das heute manch einer nicht mehr glaubt, aber ich hatte irgendwann mal richtig gute Absichten. Bedauerlicherweise habe ich durch eigenes Image-Fehlverhalten diese Absichten bestmöglich verschleiert. Manche Leute tragen mir bis heute noch nach, dass ich naiv Leute unterstützt habe, die für geringe oder auch gar keine Bezahlung bekannt waren. Ansonsten muss und möchte ich das Chaos gerne vor der Tür lassen. Es gibt funktionierende Systeme mit anständigen Leuten. Die Branche an sich ist zwar durcheinander, aber im Großen und Ganzen fair und verträglich.

Rafael Santeria | Foto: @julianpaul.pictures
Rafael Santeria | Foto: @julianpaul.pictures

Du bist inzwischen auch als Model tätig. Wie ist es dazu gekommen? Was verbindest Du für Dich mit diesem Job? Welche Ziele hast Du dabei?
Richtig! rafaelsanteriamodel.com — ein wie auch der Rest mittlerweile international ausgerichtetes Projekt, mit dem ich mich künstlerisch über Wasser gehalten habe, als mir alles andere zum Hals raushing. Es geschieht ohne jeden Zwang, die Fotografen sind dankbar für interessante Gesichter (mit Verlaub: hab ich) und ich bin dankbar für professionelle Fotos. Ein gewisses Talent ist erkennbar und die Nachfrage erstaunt mich manchmal selbst. Mal sehen, wohin das noch führt.

Was bedeutet für Dich „Moderne Pornographie“? Wie möchtest Du Deine Interpretation in die Köpfe bzw. Betten der Konsumenten bringen?

Foto: Privat
Foto: Privat

Noch ist mein neues Produkt kaum sichtbar. Im Inflagranti-Streifen “Kinky Euro Girls” habe ich mit liebevollen Verbündeten bereits vorgelegt, was möglich ist: Anspruchsvolle Technik, in diesem Fall hauptsächlich britische, junge, attraktive Darstellerinnen mit Schlagseite zum Szenemilieu: Bisschen Tattoo und Piercings, bisschen Porno, Erotik-Subkultur 2016. Pornographisch geht’s dabei recht klassisch zu: Gonzo, wenig bis gar kein Dialog, dafür aber etwas Behind-the-Scenes-Material. Es ist ein Innenanblick davon, wie ein Junge aus dem deutschen Punkrock Profi-Porno produziert. Zukünftig sollen mehr Lifestyle-Produkte eine Rolle spielen.

Wie denkst Du über Frauen?
Dankbar denke ich an und über sie. Ohne sie wäre ich nicht da und vermutlich nicht mehr da.

Wie definierst Du Männlichkeit? Wie äußern sich Frauen diesbezüglich Dir gegenüber?
Maskulinität definieren. Oh weia. Souveränität, Liebesfähigkeit, Mut, Hoffnung… Es hat Facetten, aber eine Definition würde mich gerade überfordern. Sprechen wir in weiteren zwei Jahren nochmal und auf dem Sterbebett im Alter von medizinisch modernen 190. Die Frauenwelt hat auf meine Wandlung überaus positiv reagiert: Manche Menschen, die ich wie Dreck oder nah dran behandelt hatte, haben mir tatsächlich verziehen. Die meisten hatten all das Getue eh recht neutral verarbeitet, wurde mir zurückgemeldet: Es war so offensichtlich kindisches Getue. Mittlerweile zeigen mir die größten aller Frauen, die ich kenne, wie tief ihr Einfühlungsvermögen ist und wie groß ihre Energie und Hilfsbereitschaft sind. Ich kann ihnen nur danken für ihre Großherzigkeit.

Dass sich eine Frau um Dich zu bemühen hat, ist für viele „normale“ Männer – insbesondere aus der Fraktion der Schüchternen & Introvertierten, der eher optisch ungünstig Veranlagten – mehr Wunschtraum als Realität. Anspruchsdenken reicht da sicherlich nicht. Hast Du den einen oder anderen Tipp?

Foto: Privat
Foto: Privat

Jeder von uns muss sich im Rahmen seiner Möglichkeiten “verbessern”, wenn er seinen “Marktwert” steigern möchte. Ich bin offenbar attraktiv genug, dass bei mir vor allem der Faktor Persönlichkeit erfolgssteigernd ist – und natürlich Psychologie, Kommunikation. Ich würde ganz allgemein raten, sich fortlaufend in den Bereichen zu steigern, in denen man sich nicht blockiert fühlt: Wenn man sich fürs Fitnessstudio nicht begeistern kann, dann sollte wenigstens der Anzug sitzen. Viele Künstler, Schauspieler, Rapper und Alltagsmenschen machen vor, wie man auch mit 150 Kilo oder anderen “Defiziten” eine anziehende Menschlichkeit entwickeln kann. Wenn ich mich mal wieder für YouTube aufraffen kann, werde ich mich dazu bestimmt auch nochmal ausführlicher äußern. Im Video “Wie reißt man Frauen auf? Sei kein Idiot!” habe ich schon mal erste Ausblicke gegeben.

Du hast mittels Social Media Deinen Lebensstil des modernen Nomaden veranschaulicht und indirekt die Umsetzung erleichtert. Wie denkst Du aktuell über diesen Lebensstil? Was sind Deine herausragenden Erfahrungen bisher dabei?
Autsch. Schwachpunkt. Ganz ehrlich: Der Weg war so steinig und belastet und obwohl mir Minimalismus und – zumindest theoretisch – globale Flexibilität ein paar Vorsprünge verschafft haben, würde ich das Experiment nicht uneingeschränkt weiter empfehlen. Ich habe viel zu stark in Abhängigkeit von sesshaften Strukturen gelebt, als dass ich hier ein Loblied auf meinen eigenen Wagemut singen könnte.

Wer mehr über Rafael Santeria wissen möchte:
Rafaels youtube-Kanal
facebook.com/rafael.santeria
rafaelsanteria.com/ (Pornografische Inhalte. Ab 18J.!)
rafaelsanteriamodel.com

Titelfoto: @julianpaul.pictures

Infos zu den Fotografen:
Katrin Steffer | @corneredring
Ben Laerk | @benlaerk
Julian Paul@julianpaul.pictures

Fragebogen | Woran erinnert Sie das Fragezeichen?

Was ist für Sie eine Frage? Wie reagieren Sie auf das Fragen? Und Ihre Emotionen? Was bezwecken Sie, abgesehen von einer Antwort, wenn Sie fragen? Welchen Fragen können Sie sich entziehen und bei welchen gelingt Ihnen dies vermeintlich immer wieder?

Wer ist Ihr liebster Fragensteller? Ist die Lüge die zwangsläufige Folge einer Frage? Warum nicht? Bedeutet Fragen zu geben oder zu nehmen?

Woran erinnert Sie das Fragezeichen: akustisch, visuell, haptisch?

AHAWAH Das vergessene Haus | Regina Scheer

AHAWAH bedeutet im Hebräischen Liebe.

AHAWAH stand bis in die dreißiger Jahre über der Tür eines Hauses in der Berliner Auguststraße 14/16, am Rande von Berlin, im s.g. Scheunenviertel. Erbaut durch den Architekten Eduard Knoblauch. Von 1861-1914 diente es als Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Danach war es das Kinderheim „Beit Ahawah“ (Haus der Liebe) für Kinder jüdischer Flüchtlinge aus Osteuropa, die sich in den Slums des Scheunenviertels niedergelassen hatten. Von 1941-1943 war dieses Haus Sammelstelle für den Abtransport jüdischer Menschen in Konzentrationslager. Später schien es keine Vergangenheit mehr zu haben.
Ab 1947 wurde daraus die Max-Planck-Oberschule, die Regina Scheer als Schülerin in den 1960er Jahre besuchte.
Schon damals,so schreibt sie, spürte sie die besondere Geschichte des Gebäudes und begann zu recherchieren. In den nachfolgenden 25 Jahren, in denen sie Karriere als Journalistin machte, heiratete und eine Familie gründete, Zeitzeugin des Zusammenbruchs der DDR mit den sich anschließenden gesellschaftlichen kommunalen Veränderungen wurde, behielt sie die Auguststraße 14/16 immer in ihrem Hinterkopf; und das Entdecken – oder besser: aufdecken seiner Vergangenheit wurde ein wichtiger Teil ihres Lebens. Die Journalistin spürte Menschen auf, die vor dem Krieg in diesem Haus gelebt hatten, einschließlich Kinder aus dem Haus selbst, durchforstete alte Zeitungen und suchte relevante Dokumente in verschiedenen Archiven, wie dem Archiv des Oberfinanzpräsidenten in West-Berlin. Dort fand sie Listen von Juden, die in Lager im Osten des Landes deportiert wurden.

Regina Scheer fügt so ein detailliertes Mosaik des jüdischen Lebens in der Auguststraße von den 1860er Jahren bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, insbesondere von 1914 bis 1945, zusammen.
Einerseits bestimmt von der jüdischen Religion und kulturellen Konzepts Zedakah, „Gerechtigkeit, die natürliches und soziales Unrecht ausgleicht „(36 et passim): der Hilfe weniger privilegierter Mitbürger; der Unterstützung und Motivation mittels Krankenhäusern, Schulen, Altenheimen, Suppenküchen, Kinderbetreuungseinrichtungen, etc..
Und andererseits durch den umgreifenden Antisemitismus, die Beschlagnahme in den 1930er und 40er Jahren des Vermögens der Jüdischen Gemeinde, die Schließung der gemeinnützigen Einrichtungen auf Auguststraße und die Deportation der Juden  von dort.

Tzədāqā oder Ṣ’daqah (hebräisch צְדָקָה), häufig auch Tzedaka oder Zedaka, ist ein jüdisches Gebot. Tzedaqa spielt in der jüdischen Tradition eine wichtige Rolle, dem sowohl jüdische Männer als auch Frauen gleichermaßen verpflichtet sind. Tzedaka leitet sich vom hebräischen Wort für Gerechtigkeit ab. Meist wird Tzedaka jedoch mit Wohltätigkeit (bzw. Charity) übersetzt.

Nach Maimonides gibt es acht Stufen der Tzedaqa:

• Höchste Stufe: Dem Bedürftigen die Möglichkeit zu geben, sich selbständig zu ernähren (Hilfe zur Selbsthilfe)
• Wohltätig sein in einer Weise, dass der Spender und der Bedürftige nicht voneinander wissen.
• Der Wohltäter weiß, wem er gibt, aber der Arme erfährt nicht von der Identität des Spenders.
• Der Gebende kennt nicht die Identität des Bedürftigen, aber dieser kennt den Spender.
• Geben, bevor man gebeten wird.
• Geben, nachdem man gebeten wird.
• Zwar nicht ausreichend, aber mit Freundlichkeit geben.
• Mit Unfreundlichkeit geben.

Diese Vergangenheit wurde nach dem Krieg unter den Teppich gekehrt. Nirgendwo in der Schule war ein Hinweis auf die jüdischen Ursprünge des Gebäudes oder seiner Funktion während des Faschismus zu sehen. Die Bewohner in der Nachbarschaft mit denen Regina Scheer hatte schon längst verdrängt, was mit den jüdischen Einwohnern passiert war. Als sie diese Vergangenheit rekonstruierte, wurde das Versagen des DDR-Staates bewusst, der u.a. auf dem Grundsatz des Antifaschismus gegründet worden war.
Die Autorin zieht Parallelen zur heutigen Situation und der Rolle der Juden in Deutschland und bezieht kritisch Stellung zum wiederkehrenden Antisemitismus.

„Regina Scheer fand viele Lebensläufe und teilte sie mit. Sie schrieb ein Buch zur Geschichte und gleichzeitig ein Buch über Regina Scheer.“ | Vera Friedländer, Die Weltbühne

Durch das Buch hindurch zieht sich als roter Faden der Abgleich des „Deutschen Verhaltens“ mit dem jüdischen Gesetz der Zedakah.
Regina Scheers Text ist eine intensive Darstellung von Errungenschaften, Konflikten und dem Leiden der jüdischen Bevölkerung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es enthält Dokumente, Gespräche und unzählige persönliche Geschichten – Scheer hilft dadurch in gelungener Weise, die Erinnerung an die wechselvolle Geschichte und jenen ehemaligen Bewohnern der Auguststraße 14/16 zu bewahren.

In seiner Anschaulichkeit, seiner Wärme und dem Sinn für Menschenwürde, ist das Buch auch eine Würdigung der Arbeit von Heinz Knobloch. Nach dem Lesen des Buches, man geht man durch die Auguststraße mit anderen Augen.

Regina Scheer (* 1950 in Ost-Berlin) ist eine deutsche Autorin. | Scheer veröffentlichte mehrere Bücher zur deutsch-jüdischen Geschichte und hat 2014 ihren ersten Roman Machandel  [Knaus] vorgelegt, für den sie den Mara-Cassens-Preis erhielt.

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Regina Scheer | AHAWAH. Das vergessene Haus
Spurensuche in der Berliner Auguststraße
Broschur, 320 Seiten
Aufbau Taschenbuch
978-3-7466-1008-5
8,95 € *) Inkl. 7% MwSt.

Musik | Christoph Stiefel Trio | 7meilenStiefel

Wieder und wieder höre ich „Continuum“, denke an „Movimiento Continuo“ von Astor Piazzolla, denke an die fallenden Blätter vor meinem Fenster, ich sehe sie, sehe sie ohne hinaus zu schauen, sehe sie in einem kleinen Super-8-Film, meinem eigenen kleinen Kopfkino, sehe das Wirbeln der Blätter, die vom Herbstwind getrieben im 30 Grad Winkel durch die Luft tanzen, freue mich, freue mich kindisch über die bewegten Bilder auf der Leinwand meiner Lider.

Cover | Front
Cover | Front

Und dann, nach vier Minuten einnehmender Klangathmosphäre dieser eingängig und fast schon dramatisch schlicht komplexen Melodie, sehe und höre ich ein paar Takte lang die Sonne, ein paar Strahlen nur, bevor die Klänge wieder ins Continuum zurückkehren, Der Drummer Papaux, scheint nun sein Schlagwerk zu erobern, sanft & hartnäckig zugleich.
Ich stecke in einem Raum-Zeit-Kontinuum, im Gleichschritt und -klang höre, atme, denke ich, seit Tagen schon, seit ich die Platte des Christoph Stiefel Trios zum ersten Mal hörte.
Ich höre dieses „Continuum“ wieder und wieder und wieder. Meine Lieblingsstücke von Esbjörn Svensson durchfließen meine Sinne, verwerfe aber diese Querläufer. Denke für einen Moment an das Brad Mehldau Trio, an Herrn Piazzolla, an The Bad Plus, an Medeski Martin Wood. Und, als könne ich mit einem Tippen auf die Repeat-Taste all diese Gedanken auslöschen, höre ich wieder und wieder „Continuum“. Faszinierend, welche Assoziationen die Musik dieses Trio auslöst.
Und jetzt? Jetzt sitze ich hier mit meinem laienhaften Musikwissen, mit zwei Händen, die die Saiten des Basses rudimentär zupfen können, einem Paar guter Ohren, einem Kopf voller Musikstücke und vielen vielen „Jener Augenblick, als der Bassist…“ und „Der Moment, als…“-Erinnerungen, abrufbar, jederzeit, im Sinn.
Sitze hier und ärgere mich, nie Musik studiert zu haben, ärgere mich darüber, meine Empfindungen beim Hören nicht mit präziser ausdrücken zu können.
Verwerfe den den Gedankenstrudel. Setze Kopfhörer auf, laut, sehr laut will ich hören, was das Trio Stiefel, Papaux und Moret macht, mit mir macht.

Cover | Rückseite
Cover | Rückseite

Das Ergebnis? Wiederholungen – oder: Continuum. Acht Minuten und 16 Sekunden, dsüchtig machend, acht Minuten und 16 Sekunden Glück und Lachen und Drama und Melancholie und Leichtsinn und Schwermut. Acht Minuten und 16 Sekunden, die meine Gedanken übernehmen, meine Gefühle, inten Wünsche, meine Sehnsucht. Acht Minuten und 16 Sekunden Leben.
Nachdem ich mich losreiße von „Continuum“, höre das erste Stück des Albums „7meilenStiefel“: Seeking Solid Ground. Und schon stecke ich wieder mittendrin, mittendrin im Kontinuum des Lebens, möchte Christoph Stiefel die Fähigkeit des Gedankenlesens unterstellen: Woher kennt er das Tempo meines Lebens?“
So rasant wie diese Melodie mich erobert, so schnell läuft sie weiter, immer weiter, einfach und doch komplex, immer weiter, egal was passiert, immer weiter, weiter wie das Herz schlägt, solange es schlägt, weiter, aufgeben gibt es nicht, niemals. Und so klingt das Stück aus, leise und klingt doch weiter im Kopf, weiter in vielen großen, kleinen, schnellen, ruhigen, festen Schritten durch dieses Album bis zum letzten Stück: Home.

Angekommen. Angekommen in dieser Musik bin ich, seit dem allerersten Hören, fühle mich darin zu Hause. Was Christoph Stiefel und seine Mitstreiter machen, kommt mir vertraut vor, erinnert mich an vieles und ist doch anders.

„Isorhythm Nr. 12“ lese ich hinter dem Namen des ersten Stücks, erfahre im Booklet, dass Isorhythmen gleiche Rhythmen sind, die mit verschiedener Melodik kombiniert werden, „wobei sich dadurch für den Hörer absolut ungewohnte rhythmische, harmonische wie auch melodische Überlagerungen der verschiedenen Ebenen ergeben“.

Isorhythmen also. | Isorhythmik ist die Rhythmik des Lebens, meines Lebens. Und so wie mich Christoph Stiefels Trio mit 7meilenStiefeln durch elf atemberaubend schöne Stücke treibt, mich die Platte nun schon zum 26. Mal innerhalb von vier Tagen hören lässt, so wie ich immer wieder staune und die Luft anhalte, staune über eine wunderschöne Interpretation von „The Girl from Ipanema“, so oft ich immer wieder die gleichen Stellen anspiele, immer wieder die gleichen Stücke höre, mit Kopfhörer, ohne Kopfhörer, wieder und wieder, leise, laut, so sehr festigt sich der Wunsch, ein einziger Wunsch: mehr davon, denn das tut gut.

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Christoph Stiefel (* 29. Juli 1961 in Zürich) ist ein Schweizer Jazz-Pianist, Keyboarder, Komponist, Arrangeur, Produzent und Bandleader. | Zur Website von Christoph Stiefel.

Das Album 7meilen Stiefel stammt aus dem Jahre 2006.
Beitragesfoto: NZZ

Musik | The Cinematic Orchestra | Ma Fleur

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The Cinematic Orchestra | „Ma Fleur“ | Cover

Am Tisch im Wohnzimmer. Der Blick auf die leere Straße. Und ich schrieb und schrieb, hörte, wanderte durch die Zimmer und hörte, schrieb, schrieb, weinte, hörte, lächelte vor mich hin, weinte, fuhr, schrieb, schrieb, hörte, lauter, lauter. Länger, immer länger wurde der Text, Gedanken, nie ausgesprochen, ja, nicht einmal zu Ende gedacht. Und bevor es mir das Herz zerriss, löschte ich wieder.
Und ich hörte, lauter, lauter, und ich fuhr und ich filmte und hörte und filmte. Und stellte fest, dass alles, was mir an Technik und Wissen zur Verfügung steht, nicht ausreicht, noch nicht, um meine Gedanken sichtbar und hörbar zu machen, sichtbar, hörbar, ohne sie wirklich beim Namen zu nennen. Und ich löschte wieder.
Wiederzugeben, gleich wie, was geschieht, mit mir, wenn ich „Ma Fleur“ höre, vom ersten bis zum letzten Stück, immer wieder „To Build A Home“ mit der feinen Stimme von Patrick Watson fünf-, sechs-, siebenmal hintereinander höre, dann wieder alle Stücke von eins bis elf, den Takt von „As The Stars Fall“ ab 00:57 schlage, versuche zu schlagen, den Kopf dazu bewege, „der Kerl ist krank“ würde jemand denken, der mich nur sieht und nicht hört was ich höre, wiederzugeben also, was geschieht, mit mir, das käme dem Versuch gleich, mein Leben an einem Abend zu erzählen, bebildert, dabei alle Namen zu nennen, kleine Geschichten am Rande inklusive.
Einfach hinsetzen und heulen. Wäre eine Möglichkeit. Und käme ich in Erklärungsnot, würde ich verständlich machen wollen, warum Weinen glücklich macht.
Mir kommt der Satz in den Kopf „… kann man nicht beschreiben, … muss man erleben.“. Faulheit, Dummheit, Discount-Koketterie.
Ich glaube eher an: „Was man nicht beschreiben kann, das gibt es nicht.“.

tco-e-5-stevedoubleThe Cinematic Orchestra (TCO) kommt aus Großbritannien. Sie wurde Ende der 1990er Jahre von Jason Swinscoe gegründet. Ihr Stil lässt sich gut mit einem Mix aus Jazz, Downbeat, Popmusik, Electronica umschreiben.
Die Band besteht derzeit aus: Bassist Phil France, Gitarrist Stuart McCallum, Pianist Nick Ramm, Saxophonist Tom Chant,  Schlagzeuger Luke Flowers und Singer-Songwriter Patrick Watson sowie verschiedenen Gastmusikern.
Aufmerksamkeit erregte die Band mit einer Überarbeitung der Filmmusik zu Dsiga Wertows experimentellen Stummfilm Der Mann mit der Kamera. Die Filmmusik wurde von TCO 2000 in Porto [der damaligen Kulturhauptstadt Europas] während der Aufführung live eingespielt.
Auf ihren Alben Every Day und „Ma Fleur“ arbeitete die Band zudem mit der amerikanischen Soul-Sängerin Fontella Bass zusammen.

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The Cinematic Orchestra | „Ma Fleur“.
Erscheinungsdatum | 2007
Label | Ninja Tune
Musikgenre | Jazz, Downbeat, Popmusik, Electronica

Diskografie
1999 – Motion
2000 – Remixes 1998–2000
2002 – Every Day
2003 – Man With A Movie Camera
2007 – Ma Fleur (April)
2008 – Live at the Royal Albert Hall
2009 – Das Geheimnis der Flamingos (The Crimson Wing: Mystery of the Flamingos) – Soundtrack
2010 – Late Night Tales: The Cinematic Orchestra
2012 – In Motion #1

Christina Leitow | Collagen

teena_test3Wer bist Du?
Christina Leitow | Künstlername TEENA
Künstlerin | Kulturwissenschaftlerin

Wo lebst Du?
In der Nähe von Buchholz in der Nordheide, auf dem Land, mit der Bahn sind es ca. 25 Minuten nach Hamburg

Womit beschäftigst Du Dich aktuell?
Im Moment sehr intensiv mit der Entstehung meines neuen Ateliers. Große Vorfreude. Mein altes Atelier ist viel zu klein geworden…

Ich experimentiere zur Zeit viel mit neuen Farben und Materialien. Entwickle Themen für meine Ausstellung in Hamburg im nächsten Jahr.

Was sind die Ursprünge Deines künstlerischen Werkes?
Das Finden, Sammeln, entwickeln, visualisieren von Themen, die mich beschäftigen. Persönliches und Gesellschaftliches.
Materialien wie Zeitungen, Zeitschriften, Werbeflyer, Briefmarken, Oblaten, Fundstücke vom Flohmarkt oder aus der Natur.

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*Save Fu* eine der ersten Collagen von TEENA aus den 70er Jahren – erweitert 2015…

Wie hast Du Deinen aktuellen Stil entwickelt?
So lange ich denken kann, mache ich Collagen. Zwischenzeitlich, insbesondere auch während des Kunststudiums in Lüneburg (Angewandte Kulturwissenschaften – Kunst, Sprache & Kommunikation, Medien- und Öffentlichkeitsarbeit) habe ich auch viel gemalt. Seit ca. 6 Jahren entwickelt sich meine jetzige Form der Collagekunst.

Ich experimentiere viel mit neuen Materialien und bin selbst gespannt, wohin mich das führt.

Wie ist es zu Deiner CollageSerie *Find dine Farver* gekommen?
*Find dine Farver* – diesen Satz las ich auf der letzten Dänemarkreise im Juli 2016 in einer dänischen Zeitschrift. Es hat sofort *klick* gemacht. Finde deine Farben, das ist ein Lebensthema für mich – früh, im Kindergartenalter schon inspiriert von Frederick (Leo Lionni).

leo-lionni-frederick“From time to time, from the endless flow of our mental imagery, there emerges unexpectedly something that, vague though it may be, seems to carry the promise of a form, a meaning, and, more important, an irresistible poetic charge.”  —  Leo Lionni

Auf Reisen richte ich mir, wann immer möglich, ein kleines Atelier ein.  Ich arbeite dann nur mit Materialien, die ich vor Ort finde.

Besagte Kreidefarbe
Besagte Kreidefarbe.

Im Shop vom Ringkøbing Museum habe ich eine besondere Kreidefarbe entdeckt, die mich sofort angesprochen hat. Meine erste Farbe hatte ich also gefunden… Nur um sie kurz darauf in einem Café wieder zu verlieren, bzw. die Tüte mit der Farbe und Pinsel dort zu vergessen… Zum Glück war sie am nächsten Tag noch da und ich konnte endlich beginnen mit der kleinen Serie. Täglich kamen neue Fundstücke hinzu.

Wie schätzen andere Leute Deine Arbeit ein? Bekommst Du Feedback?
Im persönlichen Umfeld bekomme ich sehr viel echtes Feedback. Interessant ist, dass unter den Käufern meiner Collagen viele Künstler, Grafiker, Medienmenschen sind. Es gibt schon ein paar Sammler, worüber ich mich natürlich riesig freue. Es ist jedes Mal ein ganz besonderes Gefühl, meine Arbeiten in anderen Räumen (wieder) zu sehen.

Meinen twitter-account nutze ich als „twART-Labor“ – da bekomme ich häufig interessantes feedback. Über twitter haben sich auch ein paar sehr nette, reale Kontakte entwickelt, auch spannende Ausstellungsbeteiligungen und Ankäufe meiner Arbeiten.

Collagen an die Wand gebracht.
Collagen an die Wand gebracht bei den *Weingaleristen* in Hamburg. Im Mai 2017 folgt die 3. Ausstellung dort.

Gibt es besonders inspirierende Menschen, die Du bisher getroffen hast? Worin liegt die Inspiration? Gibt es „Vorbilder“ für Dich?
Mich inspirieren sehr unterschiedliche Menschen und Erlebnisse. Lebendige und tote Künstler, Kunst, Literatur, Musik, die Natur. Manchmal nur ein Wort, ein Satz. Eine Strophe. Ein Fundstück. Ein Ereignis. Ein Augenblick.

Das Leben. Reisen. Begegnungen. Und immer wieder die Natur…

Pop Art, Kitsch-Art haben mich im Studium sehr inspiriert. Eine damalige Exkursion nach Köln ins Museum Ludwig war der Beginn einer wohl lebenslangen PopArt-Liebe…  Die Dada-Künstlerin Hannah Höch z.B. inspiriert mich sehr. Das Kunsthaus Stade hatte eine grandiose Höch-Ausstellung anlässlich 100 Jahre Dada präsentiert… Françoise Gilot. George Sand. Um nur noch ein paar zu nennen…

„Ich will die Mannigfaltigkeit des Lebens preisen mit meiner Arbeit, die Schönheit auch – aber nur als in der Nichtgefälligkeit mit einbeschlossen.“ | Hannah Höch | Tagebuch 1937

Du sagst „Kauft mehr Kunst…“ – Was meinst Du damit, für Dich?
Ein Appell: Kauft mehr Echtes. Originale. Unterstützt damit direkt Künstler. Hängt Euch nicht billig Reproduziertes an die Wände… Es ist wirklich hart, als Künstler Geld zu verdienen… Es gibt viele spannende Künstler, die man in ihren Ateliers besuchen – und bei denen man einfach direkt kaufen – kann…

Was beeindruckt Dich in der Kunst besonders?
Die Freiheit. Das „Sichverlieren“ in der Kunst. Neue Welten entdecken und erschaffen. Flow und Inspiration. Beim selbst Erschaffen oder auch beim Betrachten.

Was waren Deine “schrägsten” Momente als Künstlerin?
Oh, da gibt es viele…

2 Jahre lang habe ich gemeinsam mit einer Projekt-Partnerin den Kunstraum „schräg und gut“ in Jesteburg initiiert. Wir haben dort viele Ausstellungen mit unterschiedlichen Künstlern kuratiert und präsentiert. Gleichzeitig hatte ich dort mein Atelier und KULTURPLANETEN-Büro. – Das waren zwei sehr „schräge“ Jahre…

Was wünscht Du Dir für Deine Zukunft?
Mehr Collaboration Art. Hach, ich wünsche mir die Teilnahme an einer Ausstellung in London… Und mal wieder in Berlin.

Was sind die Kulturplaneten? Was bedeutet diese Arbeit für Dich?
Mit meinem KULTURPLANTEN-Büro realisiere ich seit 2010 freiberuflich für Kunden klassische und online-Kommunikation, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Kunst-, Kultur-, Nachhaltigkeitsprojekte. Zum Beispiel diverse Fotowettbewerbe und Ausstellungen. U.a. das Projekt „Wo Wirtschaft spielt“ für mein Lieblings-Wirtschaftsmagazin brand eins. Im Moment ruhen meine KULTURPLANETEN-Aktivitäten ein wenig, da ich einen ganz wunderbaren, nachhaltigen Job bei mir in der Nähe angeboten bekommen habe. Seit April 2015 verantworte ich die Kommunikation für Spa Vivent, ein sehr engagiertes Naturkosmetikunternehmen.

Die CollageSerie *Find dine Farver*

Wo findet man Dich im Internet?
Blog (online gallery) | kokuku.wordpress.com
twitter | kokuku
twitter | kulturplaneten
instagram | teena_artist

Menschenbilder | Edward Jean Steichen & seine wunderbare Idee von «The Family of Man»

Es gibt in der deutschen Sprache ein sehr altes und sehr einfaches Wort, mit dem wir ausdrücken wollen, dass wir von etwas eine Vorstellung haben, dass wir etwas deuten, vergleichen, sichtbar machen. Wir sagen, wir machen uns ein Bild.

Edward Steichen | Foto: F. Holland Day - Library of Congress Prints and Photographs Division | 1901
Edward Steichen | Foto: F. Holland Day – Library of Congress Prints and Photographs Division | 1901

Wir machen uns ein Bild vom Leben, ein Bild vom Dasein, ein Bild von uns selbst. Wir wissen, dass wir das Sein nicht unmittelbar begreifen, wir sind Menschen, wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen, und erkennen heißt, über Sinn und Bedeutung der Welt nachdenken, sich ein Bild machen. Wir haben uns eine neue Welt geschaffen, heute würde man sagen: eine Welt der Symbole, eine Welt der Mythen, der Religion, der Sprache, der Kunst, der Wissenschaft, um uns ein Bild zu machen von unserem Dasein. Eine der konzentriertesten, ausdrucksvollsten und vielleicht auch reinsten Formen dieser Symbole ist das Bild, das der Künstler schafft, in Lehm, in Stein, in Farbe, seit den frühesten Zeiten der Menschheit.

Zu diesem alten Begriff des Bildes, von dem wir uns immer bewusst sind, dass er nicht das Sein selbst gibt, sondern eine Deutung des Seins, kommt um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine neue Art von Bild, etwas Unglaubliches, ein Bild, das kein Bild mehr ist, weil es scheinbar die Welt selbst gibt, so wie sie ist, ungedeutet und unmittelbar. Das gleiche, was das Auge sieht, was die Linse des Auges auf die Netzhaut projiziert, wird durch einen analogen Vorgang, durch eine analoge Linse auf eine ebenfalls lichtempfindliche Schicht geworfen und dort, im Gegensatz zum Auge, für alle Zeiten, für alle Menschen festgehalten. Was ein Mensch sieht, kann nun jeder Mensch sehen. Wir lösen Teile der sichtbaren Welt ab, fangen sie auf, übertragen sie heute schon mit allen Konsequenzen der Farbe, der Bewegung, der Gleichzeitigkeit. Man hat diese für die Erkenntnis unserer Welt ungeheuer wichtige Erfindung, die der französische Staat wegen ihrer Bedeutung sofort aufgekauft und für alle Menschen freigegeben hat, mit einer der typischen Wortkonstruktionen des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Man nennt sie Photographie, das heißt Lichtschrift, Lichtzeichen, und nennt auch ihre Erzeugnisse, umständlich genug, Photographien. Bis heute zögern viele, sie mit dem Wort Bild zu bezeichnen. Man spricht von Abbildungen, das heißt von Abformungen, oder von Aufnahmen, und meint damit, dass etwas wieder aufgenommen wird, das schon da ist. Immer ist man sich bewusst, dass die Photographie ein Teil der Realität selbst ist. Im Unterschied zum Bild des Malers ist sie ein Dokument, ein Beweis, kein Vergleich, kein Symbol. Wir wollen die Frage offen lassen, ob es so ist. Jedenfalls hat um 1900 ein junger Maler, der sich gleichzeitig mit Photographie beschäftigte, sich ebenfalls diese Frage gestellt, und er hat versucht, diese Grenze zwischen Malerei und Photographie zu durchbrechen. Dieser Maler schickte an eine große Kunstausstellung in Paris bewusst keine Malereien, sondern Photographien und schrieb dazu, es seien Bilder, die er mit Hilfe des Lichts gemalt hätte. Er brachte die Juroren in einige Verlegenheit. Sie anerkannten, dass die Bilder einen künstlerischen Wert hätten, sie hatten aber Angst vor den Folgen. Die Bilder wurden zurückgewiesen. Der junge Mann, der diesen Vorstoß wagte, war Edward Steichen, der Schöpfer der Ausstellung «The Family of Man», der, wie er selbst sagt, vielleicht weitreichendsten und herausforderndsten photographischen Schau, die je versucht wurde. Mehr als hundert Jahre seit der Erfindung der Photographie hat es gedauert, bis jemand auf die Idee kam, uns diese Spiegelbilder unseres Seins vorzuhalten, um uns zu zeigen, was wir sind. Edward Steichen gehört zu den großen Erneuerern der Jahrhundertwende, zu den wenigen, die noch da sind. Ich glaube, sein Leben verdient es, dass wir darüber sprechen. Steichen wird in diesem Jahr dreiundachtzig Jahre alt. Er hat als Schulbub angefangen zu photographieren. Er entwickelte seine Aufnahmen auf dem Küchentisch seiner Mutter in Wisconsin, Bilder seiner Familie und seiner Freunde. Mit einundzwanzig Jahren ging Steichen nach Paris. Er machte halt in New York und zeigte seine Aufnahmen dem fünfzehn Jahre älteren, damals schon berühmten Stieglitz. Stieglitz war überrascht. Er wollte dem jungen Mann Mut machen und kaufte drei Bilder, jedes zu fünf Dollar. Steichen erzählt, dass er heute, jedes Mal, wenn ein vielversprechender junger Photograph zu ihm kommt, ihm drei Bilder abkauft, jedes zu fünf Dollar. In Paris war er ein Künstler unter anderen, mit breitem Hut und fliegender Krawatte. Er studierte Malerei und bekam später bis zu fünftausend Dollar für ein Bild. Aber er glaubte, dass er sich besser ausdrücken könne durch die Photographie. Er kämpfte weiter mit Stieglitz zusammen um die Anerkennung der Photographie als Kunst. Er schrieb 1903: «Warum will man eigentlich ein künstlerisches Ausdrucksmittel, das schon jetzt, in dem ersten Kindheitsstadium seiner Entwicklung, zu den bedeutendsten Faktoren modernen Wissens und Könnens gehört, warum will man das eigentlich einengen durch wissenschaftliche, künstlerische oder sonstige Beschränkungen? Ein Ausdrucksmittel, das noch gar keine Sondergesetze haben kann? Warum von Beschränkungen, von Grenzen reden, wo wir mit den Möglichkeiten, die noch gar nicht erschöpft sind, vielleicht wirklich etwas erreichen? Es handelt sich hier nur um die alte Frage: Beherrscht der Geist den Stoff oder der Stoff den Geist?»

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Joachim Köhler | Schild der Foto-Ausstellung „The Family Of Man“ in Clerf (fr.: Clervaux) Luxemburg | CC BY-SA 3.0 | Quelle: wikipedia

Steichen suchte allerdings in seinen frühen Aufnahmen weniger nach den Sondergesetzen der Photographie, als dass er versuchte, Gesetze der Malerei auf die Photographie anzuwenden.
Seine Aufnahmen sind Kunstdrucke. Man könnte sie manchmal
mit Malereien verwechseln. Man sagt, dass er den Apparat während der Aufnahme vibrieren ließ, dass er auf die Linse spuckte, um eine malerische Wirkung zu erzielen. Steichen, der bald in New York, bald in Paris ist, kennt viele berühmte Leute. Er photographiert Bernard Shaw, Richard Strauss, Maurice Maeterlinck, Anatole France. Er wird befreundet mit Rodin, und er bricht in seinem Atelier zusammen, weil er unzufrieden ist mit seiner Arbeit. Die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg lebt er auf einem kleinen Gut in Voulangis bei Paris, malt, photographiert und züchtet Rittersporn.

Als Amerika 1917 in den Krieg eintritt, wird er technischer Berater für Luftaufnahmen und bekommt später das Kommando über alle photographischen Operationen in Frankreich. Mit dem Krieg ändert sich sein Leben. Luftaufnahmen müssen klar und scharf sein, und Steichen sieht in der Präzision einen neuen Weg der Photographie. Er wird beeinflusst von den Schrecken des Krieges. Er will künftig sein Leben enger mit dem Leben seines Nebenmenschen verbinden, und er glaubt, dass die Photographie ihm helfen könnte. Mit der Malerei ist es zu Ende. Er macht mit seinem Gärtner in Voulangis einen großen Haufen von diesen «gerahmten Tapeten» im Wert von fünfzigtausend Dollar.
Seine zweite photographische Lehrzeit beginnt. Er sagt: «Ich bin bestimmt wie Ebbe und Flut, und geduldig wie die Römische Kirche.» Mehr als tausendmal photographiert er während eines Jahres eine weiße Tasse und eine Untertasse, damit ihm die photographische Technik in Fleisch und Blut übergeht. Er geht zurück nach Amerika, macht Modeaufnahmen für «Vogue» und «Vanity Fair», arbeitet mit einer Reklameagentur und photographiert berühmte Menschen. Um seine Auftraggeber abzuschrecken, verlangt er tausend Dollar für eine Aufnahme und hat in der Folge noch mehr zu tun. Er kauft eine Farm in Connecticut, achtzig Mal größer als Voulangis, und züchtet Delphinium.

Fragen der Vererbung interessieren ihn schon lange. Er sagte, dass alles, was wächst, im Grunde ähnlichen Gesetzen der Vererbung unterworfen ist, auch der Mensch. Er wollte die Menschen bessern, und seine einzige Hoffnung waren damals erbbiologische Methoden. Aber er fand weder einen Weg, noch wusste er das Ziel. 1938 hatte er sein New Yorker Studio geschlossen, um sich ganz mit Pflanzenzucht beschäftigen zu können. Dann kam der Zweite Weltkrieg. Als die Japaner Pearl Harbour angriffen, übernahm der Zweiundsechzigjährige das Kommando über viertausend Photographen, die die amerikanischen Operationen in der Luft und auf dem Meer festgehalten haben. Die Aufnahmen wurden zu einem dramatischen Bericht über die Operationen. Sie zeigten die menschlichen Qualitäten der Kämpfenden, aber sie waren auch eine verheerende Anklage gegen den Krieg. 1947 wurde er, der um die Anerkennung der Photographie gerungen hatte, Direktor der photographischen Abteilung des Museum of Modern Art in New York.

Fünf Jahre später, 1953, läutete in der Photoklasse der Zürcher Kunstgewerbeschule das Telephon. Robert Frank, der junge, begabte Schweizer Photograph, der in heute in (New Scotia) Kanada lebt, war am Telefon. Er würde in Kürze mit Edward Steichen vorbeikommen. Steichen, diese legendäre Figur, von der die SchülerInnen so oft gesprochen hatten; das Museum of Modern Art, ein Museum modernster Kunst, also auch modernster Photographie: Sie suchten rasch zusammen, was an Experimenten, an extremen Aufnahmen vor Ort war. Dann war er da, freundlich, kameradschaftlich; man hatte sofort Kontakt mit ihm, aber was ihm gezeigt wurde, beachtete er kaum. Ob denn keine Reportagen gemacht würden? Ob niemand Aufnahmen von Menschen gemacht hätte? Er ließ den Studierenden allerdings keine Zeit, etwas zusammenzusuchen. Steichen begann zu erzählen. Von seinem Plan einer Ausstellung von der Einheit des Menschengeschlechts, von den Menschen als einer großen Familie. Unabhängig von Rasse, unabhängig von der Kulturstufe, vom Land, von den sozialen und politischen Gliederungen sind alle Menschen den gleichen Gesetzen des Lebens unterworfen. Sie verbinden sich, Kinder werden geboren, sie verlangen nach Nahrung, nach Schutz. Die Menschen arbeiten und sind müßig, traurig und fröhlich, gut und böse, lieben sich und hassen sich. Sie suchen das Leben zu begreifen, sie haben Angst und haben Hoffnung. Und wie die Blätter welken und fallen, werden die Menschen alt, sie sind einsam, sie sterben.
«Wir wollen nicht nur die positiven Seiten des Menschen zeigen», sagte Steichen, «wir werden vielleicht eine Aufnahme haben aus Afrika oder Südamerika, wo ein Vater seinem Sohn beibringt, wie man seinen Feind mit einem Giftpfeil tötet. Wir wollen die ursprünglichen Triebe der Menschen zeigen; nicht die Religionen, aber das Religiöse; keine sozialen Systeme, aber ein soziales Bewusstsein. Aussprachen der größten Menschen und Worte der größten Weisheit werden die Aufnahmen begleiten.» Die Ausstellung «The Family of Man» wurde 1955 im Museum of Modern Art in New York eröffnet und anschließend in vielen Städten und Ländern gezeigt. Millionen Besucher haben sie gesehen.

«The Family of Man» ist als bewusster Beitrag zur Idee des Friedens und der Verständigung, zur Freundschaft zwischen den Nationen angelegt. Sie will die schöpferischen Kräfte der Liebe und Wahrheit den zerstörenden des Bösen und der Lüge gegenüberstellen. Ferdinand Hodler sagte einmal: «Ich sehe das, was die Menschen verbindet, nicht das, was sie trennt. Alle Menschen essen gleich, schlafen gleich, lieben gleich. Es ist die Aufgabe des Künstlers, den stärksten, sinnfälligsten Ausdruck dieser Funktionen zu finden.» Steichen hat ein langes Leben sich bemüht, dem nahezukommen, was die Photographie auszudrücken vermag. Er hat lange Jahre nachgedacht, wie man die Menschen zu einem besseren Leben bringen könnte, und er hat schließlich mit all seiner Kraft und seiner Erfahrung die große Schau von der Einheit des Menschengeschlechts geschaffen.

Seit 1994 befindet sich die Sammlung «The Family of Man» als Dauerausstellung im Schloss Clervaux (Clerf (luxemburgisch Klierf, Cliärref, französisch Clervaux) ist eine Gemeinde im Großherzogtum Luxemburg und Hauptort des gleichnamigen Kantons Clerf) und umfasst 503 Aufnahmen von 273 Fotografen aus 68 Ländern und wurde von Edward Steichen für das Museum of Modern Art in New York (MoMA) zusammengetragen. Seit ihrer Schaffung hat die Ausstellung über 10 Millionen Besucher gehbat und geht somit als Legende
in die Geschichte der Fotografie ein. 2003 wurde sie ins Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen.

Mehr Informationen zur Ausstellung finden sie auf den Seiten der steichencollections.

Cover
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Literatur: 
The Family of Man (Englisch) Taschenbuch
Carl Sandburg & Edward Steichen
192 Seiten
Verlag: Museum of Modern Art; Auflage: 1. (2013)
Sprache: Englisch
ISBN-10: 0870703412
ISBN-13: 978-0870703416

Architektur | Le Corbusier | Notre Dame du Haut

Skizzen | Le Corbusier, Mein Werk, Verlag Gerd Hatje, 1960 | (c) SPADEM/COSMOPRESS
Skizzen | Le Corbusier, Mein Werk, Verlag Gerd Hatje, 1960 | (c) SPADEM/COSMOPRESS

Die Kirche in Ronchamp, auf einem Berg in der Burgundischen Pforte gelegen,dient nicht einer Pfarre, sondern Pilgern. Sie strömen an Festtagen herbei, um vor dem Gnadenbild Notre Dame du Haut zu beten und mit dem Priester das Messopfer zu bringen.

Le Corbusier hat diese Kirche geschaffen. Mittelpunkt des Grundrisses der Kapelle ist ein Dreieck, auf dessen Grundlinie die Altarwand steht. In die Altarwand ist ein Glasgehäuse mit dem Gnadenbild eingelassen, dass es zugleich für den Gottesdienst auf dem Pilgerplatz an der Außenfront dienen kann.
Von der Nord- und Westwand her „fließt“ der Kapellenraum in die halbrunden Nischen und Nebenräume, in denen Altäre stehen. Der Grundriss, der aus Rechtecken, Dreiecken und Halbkreisen besteht, bietet Räume für vier verschiedene Gruppen: im Schiff finden 200 Menschen Platz, in den Kapellen Gruppen von 10, 20 und 30 Gläubigen.

Der Grundriss lässt erkennen, dass die Wände in diesem Bau nicht rechtwinklig aufeinander treffen sondern in spitzen und stumpfen Winkeln; Decken und Wände kurven und biegen sich zu Kreisen und Halbkreisen.

Notre Dame du Haut - Grundriss | | Le Corbusier, Mein Werk, Verlag Gerd Hatje, 1960 | (c) SPADEM/COSMOPRESS
Notre Dame du Haut – Grundriss | | Le Corbusier, Mein Werk, Verlag Gerd Hatje, 1960 | (c) SPADEM/COSMOPRESS

Dem Grundriss entspricht auch der gebaute Raum. So hängt die Decke wie eine große Zeltplane über dem Innenraum und wölbt sich, fast freitragend, auch über den Pilgerplatz. Tiefe unregelmäßige Fensterschächte durchbrechen die Südwand: die Strahlenbündel fallen unter verschiedenen Winkeln weit gestreut in das Innere der Kirche. Die Innenwände der Kapelle sind mit großen Farbflächen bemalt. Alle Bildwerke und Plastiken stammen von Le Corbusier, der damit ein Werk geschaffen hat, das Baukunst, Malerei und Plastik miteinander verbindet.

Unsere Liebe Frau von der Höhe | Notre Dame du Haut

Der 1950 bis 1955 nach Plänen des französisch-schweizerischen Architekten Le Corbusier errichtete Kirchenbau zählt zu den berühmtesten seiner Art in der architektonischen Moderne. Aufgrund seiner zahlreichen visuellen Metaphern, des Reichtums seiner Raumgliederung sowie seines Vorbildcharakters gilt er als Ikone der Architektur. Seit Juli 2016 ist er zudem offiziell als UNESCO-Weltkulturerbe gelistet.

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Ronchamp ist eine französische Gemeinde im Département Haute-Saône (Region Bourgogne-Franche-Comté) mit ca. 3000 Einwohnern. Ronchamp liegt am Fuß der Vogesen. Er gehört zum Regionalen Naturpark Ballons des Vosges.

Weitere Sehenswürdigkeiten: Die neogotische Pfarrkirche im Ortskern stammt aus dem 19. Jahrhundert, so wie der Puits Sainte-Marie genannte Schacht einer ehemaligen Kohlenzeche, deren Geschichte in dem Bergwerksmuseum Marcel Maulini geschildert wird. Das Steinkohlebecken besteht aus drei übereinander liegenden Kohleadern von 40 cm bis 3 Metern Dicke. Der Abbau erfolgte 1904 bis 1958 bis zu einer Tiefe von 994,64 Metern; seit 1946 war die Zeche verstaatlicht. In der Blütezeit dieser Zeche, 1860, waren hier 1503 Bergleute beschäftigt.

Die offizielle Webseite zur Wallfahrtskirche: http://www.collinenotredameduhaut.com/

Mitsue Kono | Abstrakte Malerei

Mitsue Kono – Porträt einer deutsch-japanischen Künstlerin in Hamburg

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Beschreiben Sie bitte kurz, was Sie tun.
Ich bin Künstlerin. Malerin.
Ich bin in verschiedenen kreativ künstlerischen Bereichen ausgebildet.
Unter anderen auch als Sprecherin und Theaterschauspielerin.

Wann, wie und warum sind Sie Künstlerin geworden?
Ich denke ich war schon immer Künstlerin.
Für mich ist Kunst die freie Bewegung von Kreativität, die in die Welt hinaus will
und muss. Sie duldet keine Stoppschilder und kein Wenn & Aber.

Vietnam River... - 130x130 cm - Acryl/Acrytinte/Lack
Vietnam River… – 130×130 cm – Acryl/Acrytinte/Lack

Ich bin ein sehr kreativer Mensch bin und brauche immer Ventile für mich,
um diese Energie auszudrücken.
Zum Glück habe ich immer künstlerische Ausdrucksformen gefunden.
Auch in Zeiten, wo ich von der Kunst noch nicht gänzlich leben konnte.
Als Kind faszinierte mit das Wort in der Poesie und in der Musik.
Von klein auf an habe ich viel gedichtet.
Irgendwann als junge Frau mit Mitte 20, entschied ich mich weiter in die Kunst zu gehen,
weil mir dies als der einzige Schaffenssort schien, bei dem ich bis zu meinem
Lebensende verweilen könnte.
Ich fand dann sofort den Einstieg in die Musikbranche, wo ich meine prosaischen
Erzählungen in Töne kleiden durfte. Eine große Lebensfreude, von der ich
immer noch emotional zehre.
Der Weg der Kunst ist für mich ein Weg des schöpferischen Schaffens.
Mein Weg führte durch die Bereiche, die sich mit meinen Fähigkeiten und Talenten deckten.
Künstler haben ja oft mehrere Talente.
So machte ich eine professionelle Sprechausbildung, „sprach“ und spielte Theater.

Eine größere Freude des Tuns und Seins als Künstlerin habe ich bisher nicht erlebt.
Ich fühle eigentlich bei jeder Art von Kunst, die ich erlebe eine tiefe Dankbarkeit
dem Leben gegenüber Künstlerin zu sein.

Was ist der schwierigste Part am Künstlerdasein?
Ich denke man selbst. In der abstrakten Malerei begegne ich mir selbst.
In der Dichtung sind es die Schmerzen und tiefen Wunden, die mir als Nährboden für den Ausdruck dienen.
Beides ist nicht leicht, denn ich begegne oft meinen gedanklichen Mustern und Einschränkungen.
Bei verpatzten Sprecherjobs stand mir in jungen Jahren mein Mangel an Selbstbewusstsein im Wege.

Aber schwierig?
Ich bin dankbar und glücklich Künstlerin zu sein und empfinde es als einen Segen,
neben all den weniger schönen Dingen im Leben.
Der schwierigste Part ist vielleicht der existenzielle, wenn man den Anspruch
hat von der Kunst zu leben. Aber das hat ja nicht zwingend etwas mit dem „Künstlerdasein“ zu tun.

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Sommerregen – 130×130 cm – Acryl/Lack/Acryltinte

Wie haben Sie sich seit Ihren Anfängen entwickelt?
Stetig. Wenn ich das auf das eben gesagte beziehe, dann kann ich heute sagen, dass ich viel mehr in Verbindung mit meiner kreativen Energie bin.
Ich hinterfrage mich nicht mehr.
Ich baue heute auf mein Können, weil ich Erfahrung mit mir habe und weiß, was ich kann und was nicht.
Es gibt ein anderes Niveau von Perfektionismus.
Ich akzeptiere das, was auf der Leinwand ensteht.
Heute weiß ich, es hat seine Berechtigung egal wie „unperfekt“ es sich in manchen Entstehungsmomenten anfühlt. Ich habe gelernt es zu „lassen“.
Im japanischen nennt man das Wabi Sabi. Ein natürlicher Zustand.

Mit welcher Kunst(form) identifizieren Sie sich besonders? Was beeindruckt Sie?
Die abstrakte Malerei. Aber das ist nur der aktuelle Stand meines Lebens. Kunst ist ja nicht statisch.
Ich verschließe mich den kreativen Kanälen und Fähigkeiten, die sich mir als Chance des Ausdrucks anbieten nicht. Als Künstler wächst man stetig am Umgang seiner kreativen Energie und Kraft.
Künstler wissen ja darum.
Ich liebe Kunst als Ganzes. Und mich beeindruckt der Weg der Entstehung eines Kunstwerkes an sich.
Ich bin mir sicher irgendwann wieder Musik zu machen oder ein neues Buch zu schreiben.
Allerdings erfüllt mich die Gewissheit, dass mich die Malerei – und ich sie – nie wieder loslassen wird.

Gibt es Künstler mit denen Sie gern verglichen werden würden?
Nein! Ich muss mich auch nicht zwingend mit anderen Künstlern auseinander setzen.
Da ich die Kunst achte, habe ich automatisch Interesse an Kunst & Künstlern.
Mich beeindrucken grundsätzlich Künstler/innen, die authentisch sind!
Ich genieße die Arbeiten anderer Künstler und tauche bei der Betrachtung aus Interesse gerne in deren
Schaffensprozesse ein. Materiell wie emotional.
Ich habe Kunst nicht intellektuell studiert. Der Kopf hat für mich wenig mit Kunst zu tun.
Ich fühle sie lieber.

Wie würden Sie die Kunstszene in Ihrem Umfeld beschreiben?
Hamburg ist kulturell sehr gut versorgt und in Bewegung.

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Frozen Water – Deepest Yin – 100×100 cm – Acryl/Acryltinte/Lack

Was sind Ihre Zukunftspläne?
Ich wünsche mir, dass meine Arbeiten weiterhin Menschen glücklich machen, und diese weitere Kreise ziehen.
Pläne mache ich nicht mehr wirklich. Es kommt sowieso wie es kommt. Auf dem Weg dorthin schaue ich, dass ich gut bei mir bleibe und beim Wesentlichen. Und vor allem gesund.
Was ist der beste Tipp/sind die besten Tipps, den/die Sie als Künstler bisher bekommen haben?
Keinen.

Und welche Tipps haben Sie selbst für die, die sich gerade auf den Weg machen?
Ich denke jeder muss seine eigenen Erfahrungen machen.
Ausdauer und Durchhaltevermögen haben mich weiter gebracht.
Es gab einige Jahre, da hat kein Mensch außerhalb meiner Wohnung meine Arbeiten gesehen, geschweige denn gekauft.
Ich habe mich damit nicht so aufgehalten, sondern weiter auf das Bedürfnis Malen konzentriert. Die Türen haben sich irgendwann – ich glaube nach etwa 4 Jahren – plötzlich geöffnet. Ohne Ausdauer und Durchhaltevermögen wäre ich heute sicher keine internationale Künstlerin. Die Vorstellung, dass meine Bilder in England, Skandinavien, den USA und sonstwo noch hängen und Menschen sich so weit weg von mir, meine Arbeiten anschauen, vielleicht drüber sprechen und sich daran erfreuen,
das finde ich großartig. Da hüpft echt mein Herz.

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Foto: Privat

Mitsue Kono wurde im Jahre 1969 des Hahns in eine alte Samuraifamilie Yokohamas als Tochter eines japanischen Vaters und einer nordeutschen Mutter hinein geboren. Beide Kulturen haben sie wachsen lassen und beeinflussten sie sowohl als Frau und wie auch als Künstlerin.
Die Freude an der Kunst und das natürliche Verlangen diese kreativ auszudrücken, begleiten Mitsue Kono seit ihrer Kindheit: Achtsamkeit, Sensitivität und bewusste Entwicklung.

Kreativität und Kunst sind im Leben der Künstlerin und Therapeutin allgegenwärtig. Ihren Weg als Künstlerin begann Mitsue Kono als Dichterin. Die Rhythmik der Worte verband sich mit der Musik. Zu dieser Zeit begann sie mit japanischer Kalligrafie und dem Malen buddhistischer Symbolik. Hinzu kamen Kinderillustration (als Zwischenspiel) und Abstrakte Malerei. In Letzterer bündelt sich ihre kreative Energie und ist Begleiter im Schaffensprozess all ihrer Bilder, mit dem Ursprung in ihrer Seele.

Kontakt zur Künstlerin: mitsuekono.de

Marianne Ehrmann ¦ Ein Weib ein Wort ¦ Fragmente für den denkenden Menschen

Kleine Fragmente Für Denkerinnen

Paolo Uccello - um 1445 - Musée Jacquemart André, Paris - Tempera, Holz, 52 X 90 cm - St. Georg und der Drache - Truhenmotiv
Paolo Uccello – um 1445 – Musée Jacquemart André, Paris – Tempera, Holz, 52 X 90 cm – St. Georg und der Drache – Truhenmotiv

Warum nützt das Lesen so vielen Frauenzimmern so wenig? – Weil sie selten so lesen, wie sie lesen sollten, weil sie meistens nur das benutzen, was ihren Lieblingsleidenschaften schmeichelt, weil die wenigsten Leserinnen bei dieser Beschäftigung denken; weil sie oft gar nicht wissen, was sie lesen.


Ueberhaupt die Kunst, gut und mit Nutzen zu lesen, ist nur denen eigen, die denken, und die Kunst zu denken nur denen, die empfinden und richtig beurtheilen.


Der Gatte eines hirnlosen Weibs bleibt ihr gewiß nicht länger treu, als bis er ihrer äußerlichen Reize gewöhnt ist, – oder bis ihn Langweile und Ueberdruß mit Gewalt von ihr reißen.


Die Kunst, Männer Herzen zu erobern ist fast allgemein; aber die Kunst sie zu erhalten äußerst selten.


Weh den Männern die sich mit blos äußerlichen Reizen vermählen, der Tod der Liebe folgt ihrer Verbindung auf den Fuß nach. An was soll sich der Mann halten, wenn ihm seine Gattin ein leeres Herz übrigläßt?


Nur selten erblikkt man einen Mann, der sich mit Schwäzzereien abgiebt, aber noch seltener ein Weib, das sich nicht damit abgiebt.


Die dümmsten lasterhaften Menschen sind gewöhnlich auch die unduldsamsten.


So viel ist es gewiß, so fehlerhaft auch das weibliche Geschlecht seyn mag; so ist es doch zur Besserung weit geneigter, weit weicher, als das männliche – Ei warum denn? – Weil sich die Männer gar zu gerne fehlerfrei dünken, und dies blos, weil sie Männer sind. – Ihre aufgeblasene Eigenliebe malt ihnen Riesenstärke vor. Wir haben doch auch Augen ihr Herren!!!


Der muntere Wiz eines nicht schönen Mädchens reißt in Gesellschaften schnell tausend Herzen hin – Die stumme Schönheit hingegen wirkt nur auf ihre Oberfläche.


Erzeugt das Zölibat nicht heimliche Sünden? – Wer es zu halten im Stande ist, muß von der Natur abgestreift worden seyn, um ihren Zorn zu fühlen.


Das Zölibat ist weiter nichts, als ein privilegirter Menschenmord. – Wer gab den Menschen das Recht die Natur und die herrlichsten Geschenke des Schöpfers zu unterdrüken?


Die Mädchen, die sich zu viel auf ihren schwächern Gliederbau zu gute thun, sind so unerträgliche Winslerinnen, daß sie mit Recht das Gespött der Männer verdienen.


Beständig in der Freundschaft ist nur der, – der sie ohne Absicht geknüpft hat; – Beständig in Liebe nur der, – der andere mehr als sich selbst liebt.


Das Herz, das sich für Gattenliebe verschließen muß, ist blos ein wurmstichiger Fleischbrokken vor welchem dem Denker ekelt.


Eitelkeit ist nur zu oft der Beweis weniger Vernunft. Und nicht selten die Wirkung der Langweile, oder des Mangels an Nachdenken.


So mannigfaltig die Künsten einer Kokette sind, eben so mannigfaltig sind die Künsten einer alten Bethschwester, womit sie sich in den Himmel hinein buhlen will.


Frömmelei ist der Zufluchtsort aller Schurken und Schurkinnen; wenn sie die schwache Menschheit betrügen wollen, so stekken sie sich hinter diese Maske.


Das, was die Menschen gewöhnlich Liebe heißen, ist nicht Liebe, sondern das Werk ihrer Sinnen, oder der Wiederhall ihrer Eigenliebe.


Armuth ist so unergründlich, daß derjenige, so am meisten darunter leidet, am wenigsten entdekt wird. Nicht der öffentliche Bettler ist arm, aber der, der sich schämt, es zu scheinen.


Es ist keine kleine Kunst zu geben, wenn man geben und wie man geben soll. – Wer den Unglüklichen mit seiner Gabe beschämt, der giebt nichts.


Sind das nicht elende schwachköpfige, geistlose Geschöpfe, die den Magen zum unumschränkten Herrn ihrer lüsternen Wünsche machen?


Freimüthigkeit, wird im gesellschaftlichen Leben nicht selten äußerst mißbraucht. – Oft wird einer zum groben Flegel, und nennt es dann Freimüthigkeit.


Ueber allgemeine Dinge freimüthig sprechen, die keinen persönlichen Bezug haben, ist jedem offenen Kopfe erlaubt. Aber dumm-dreist Gegenstände angreifen, die den Anwesenden oder Abwesenden beleidigen können, gränzt an boshafte Freimüthigkeit.


Versicherungen auf Ehre sind in unsern Zeiten so gewöhnlich, daß dem ehrlichen Manne keine Sprache mehr übrig bleibt, um sich vom Schurken zu unterscheiden.


Nichts entschlüpft der weiblichen Zunge leichter, als etwas über andere, was man gewiß von sich selbst nicht gerne hören würde – und wenn es auch nur die kleinste unserer Schwachheiten beträfe.


In einer Gesellschaft von zwölf Personen, darf man kühn achte davon zur verläumderischen Parthie, zwei zur achselzükkerischen, und zwei, wenns Glük gut will, zur menschenfreundlichen rechnen.


Sind es nicht unsere unbezähmten Leidenschaften, die uns eine Menge Schiksale zuziehen? Und am Ende murren wir schwache von der Eigenliebe verblendeten Menschen noch gar über ein Loos, das seinen Ursprung in uns selbst hat!


Männer, wenn ihr gute Weiber haben wollt, so werdet zu erst gute Männer. – Weiber, wenn ihr gute Männer haben wollt, so werdet zu erst gute Weiber.


Beide Geschlechter sind einander eben so unentbehrlich wie Schatten und Licht. – Hört auf über einander zu brummen ihr Unzufriedenen, es ist so recht, wie es ist.


Hm! Hm! – Das ist doch wunderseltsam; immer wirft ein Geschlecht dem andern seine Fehler vor – Ist dies nicht der wahre Beweis, daß keines von beiden so fehlerfrei ist, als sie behaupten wollen?


Die Männer nennen uns Frauenzimmer männlich, wenn wir uns im Denken, in der Festigkeit des Karakters in vorurtheilfreien Grundsäzzen, kurz, in jeder männlichen Tugend von dem weiblichen Geschlecht auszeichnen. – Dem ungeachtet liegt es in ihrer Natur eben über diesen Punkt zu spotten – Um Vergebung ihr Herren, ist ein männliches Weib, nicht weit erträglicher, als ein weibischer Mann?


Frauenzimmer sind eigentlich, nach dem härtesten Männersinn nur zur häuslichen Arbeit verwiesen. Wenn sich aber ihr Geist in müßigen Stunden bis zur denkenden Beschäftigung empor zu schwingen weis; dann gefällt es den Herren der Schöpfung doch, sobald sie in ihren Weibern nicht bloße Maschinen umarmen.


Wenn einige Männer über die geistigen Beschäftigungen der Frauenzimmer beißende Anmerkungen machen; so thun sie es gewiß bloß aus Vorurtheil, aus Neid, aus Herrschsucht, oder aus Mißtrauen; indem sie von uns keine gute Stunden-Eintheilung erwarten. Freilich gehört Wirthschaft zu den Hauptbeschäftigungen, aber Seelenbildung steht ihr zur Seite.


Vernünftige Frauenzimmer theilen ihre Stunden ein, wiedmen einige der Erziehung, der Wirthschaft der Gatten-Zärtlichkeit – und des Geistes Nahrung.


Leider giebt es Frauenzimmer, die ihre Arbeiten so unordentlich an einander reihen, daß sie bei all ihrer sauern Beschäftigung am Ende doch nichts Ganzes herausbringen können. Warum? weil sie jede Unternehmung gedankenlos treiben, denn so mechanisch die Wirthschaftsgeschäfte immer seyn mögen; so erfordern sie doch allezeit Gegenwart des Geistes, Ueberlegung, Kopf. – Eine undenkende Hausfrau bleibt ewig eine schlechte Wirthin. Und doch schreien einige Bigotten so laut über die moralische Bildung der Mädchen! Lehrt doch euere Weiber zu erst denken und urtheilen; dann folgt die Kenntniß der Wirthschaft ganz natürlich von selbst nach. Vernunft leuchtet überall hin, ohne sie bleiben die Frauenzimmer Mägde, deren Nase nicht weiter reicht, als es ihre niedrige Denkungsart erlaubet.


Geistige und körperliche Arbeit ist allen Menschen nützlich; folglich auch dem Frauenzimmer. Ohne sie darbt der Mensch an Leib und Seele. Sie allein erhält beide in demjenigen Wohlstande, der ihnen von der Vorsehung zur Wohlthat mitgetheilt wurde.


Wer ein auszehrendes Seelenfieber in seiner qualvollen Gräßlichkeit erblicken will, der beobachte einen Müßiggänger.


Gutgewählte Arbeit bleibt immer die Lieblingsbeschäftigung einer Denkerinn. Putz-Tändeleien gehören nicht hieher. Ohne Beschäftigung stumpft sich auch der feuerigste Geist ab. – Langweile macht frühe zum Grabe hinwelken. Wie erbarmenswürdig muß nicht der Zustand jener Frauenzimmer seyn, die nichts denken, nichts arbeiten wollen? – Wer die Arbeit nicht liebt, lebt nur halb, tödtender Eckel verbreitet sich über ein solches Pflanzenleben. – So bald dem thätigen menschlichen Geist die gehörige Beschäftigung versagt wird; so eilt er aus Langweile schnell zu denjenigen Leidenschaften über, die sich ihm ohne den Müßiggang nie genaht haben würden.


Artigkeit, gefälliges Wesen scheint ganz die Bestimmung des sanften weiblichen Geschlechts zu seyn. – Nur muß diese Artigkeit nicht in überflüßige Komplimenten ausarten – in Komplimenten, die einen Zweiten in die gröste Verlegenheit setzen, seine Zunge zu Danksagungen so oft auffodern, daß sie eintrocknen möchte. Doch dies ist meistens nur die Beschäftigung für Klosterzöglinge, oder steifer – Bürgerinnen.


Zur wahren Artigkeit gehört Seelenbildung – Menschenkenntniß – Erfahrung – gesunde Beurtheilungskraft. Ohne diese Triebfedern bleiben die meisten Frauenzimmer ewig steife Puppen, die alles, was sie umgiebt, gähnen machen.


Ueberhaupt erhielten die meisten Frauenzimmer von der lieben Natur Anlage zum Wiz. Er bedarf nur durch eine moralische Bildung jener guten Wendung, daß er nicht auf anderer Unkosten emporragt. So sehr auch die Männer in gewißen Launen über unser schwaches Geschlecht die Nase rümpfen; so müßen sie doch bisweilen ihren Nakken willig den Hieben eines wizzigen Frauenzimmers darbieten. Ach daß Gott erbarm! über die schwerfälligen Mannsleute, die erst zu denken anfangen, wenn wir sie schon übertroffen haben!


Zwischen munterm Wiz, beißender Spötterei, reizender Munterkeit und zügelloser Frechheit herrscht ein mächtiger Unterschied. Viele Frauenzimmer verfallen auf diese Extreme, und dies blos aus Mangel an gutem Umgange. Mütter sperrt eure Töchter nicht zu scharf ein, wenn ihr dem Uebel ausweichen wollt, das nach der Hand in Gesellschaften ihrer wartet.


Ein gebildetes Frauenzimmer verbreitet in jeder Gesellschaft neues Leben. Sie allein ist es die den Denker zum Entzükken hinreißt, den Weichling beschämt, den Thoren auslacht. – In unserm Jahrhundert fordert man von uns mehr, als bloßes sinnloses Geschwäz, taktmäßige Etikette oder heuchlerische Ziererei.


Die Kunst sich in Gesellschaften beliebt zu machen, verstehen nur wenige Frauenzimmer. Ihre Eigenliebe, ihre Eitelkeit macht sie die Nachsicht gegen andere vergessen. Nichts ist in einer Gesellschaft unduldsamer als ein ungebildetes Frauenzimmer, überall bleibt ihr Neid kleben, um über Dinge zu spötteln die ihren Horizont übertreffen. Daher die Lieblingsbeschäftigung der Weiber, das Machtwort – die Verläumdung.


Aufmerksamkeit auf alles, was um uns her vorgehet, leitet zum Nachdenken, liefert uns Stoff zur Menschenkenntniß, erweitert unsere Gefühle, beschäftigt die Einbildungskraft, dient zur Unterhaltung, macht uns zu wahren Menschen.


Aufmerksamkeit auf andere ist in so fern gut, wenn man durch sie Tugenden erblicken will; doch nur zu oft dient sie bloß dazu, um Schwächere zu tadeln.


Verstellung wird dem Aufrichtigen eben so schwer, als dem Lasterhaften die Rückkehr zur Tugend.


Aufrichtigkeit, wenn sie nicht an alberne Schwazhaftigkeit gränzt, ist eine der ersten Tugenden, fähig, ein Herz vor Fehlern zu bewahren, deren es sich zu schämen hätte. Für gute Menschen ist es härter, ihre Herzen zu verschließen, als es für Heuchler ist, die ihrigen ohne Maske zu zeigen.


Der Aufrichtige wird immer zum voraus zehenmal betrogen, ehe er es nur dahin bringt, sein zutrauliches Herz zum Mißtrauen zu bewegen. Nur Erfahrung allein ist fähig, diese schöne Tugend mit Klugheit zu verbinden, die so oft und so gerne auf Unkosten guter Seelen mißbraucht wird.


In gewißen Lagen wird Aufrichtigkeit ohne Ueberlegung unser gröster Feind, der uns stündlich, augenblicklich schaden kann – sie darf nur an einen Höfling verschwendet werden.


Aufrichtigkeit zwischen Eheleuten, Freunden, Kindern, Aeltern, ist unentbehrlich, wenn anders diese schönen Bande nicht reißen sollen, ehe sie fest genug geknüpft sind.


Biedere aufrichtige Seelen tragen, mit Yorik zu sprechen in ihrem ganzen Wesen einen sprechenden Empfehlungs-Brief bei sich. Die Natur gab ihrem Thun und Lassen etwas Ungenanntes, um Anderer Zutrauen desto leichter zu gewinnen. Doch nur selten findet man noch in unseren Zeiten diese reinen Spuren der unverdorbenen Natur. Politik, Leidenschaften, Schwelgerei haben sie, wo nicht ganz vertilgt, doch ziemlich unkennbar gemacht.


Lebhafte Menschen – wenn es ihnen anders nicht an moralischer Bildung fehlt – sind selten einer tiefen Verstellung fähig. Zur Verstellung und Heuchelei gehört Kälte und ruhiges Blut.


Nichts ist für den Denker reizender, als die naive Aufrichtigkeit eines Mädchens. Warum behaupten nur zu oft Bauernmädchen bei den Männern den Vorzug? – Unstreitig, weil sie die an Seele und Leib gekünstelten Stadtdamen mit naiver Aufrichtigkeit übertreffen. Selbst bei den Gefühlen der Liebe kennen diese Naturkinder weder Verstellung noch Zierereien.


Ich begreife nicht, warum unsere Stadtmädchen die Gefühle der Liebe zu verheimlichen suchen. Oder leben nicht etwa die meisten über das Wort Liebe im Mißverstande? – Hätten sie von einer auf Tugend gegründeten Liebe die wahren Begriffe, wüßten sie den moralischen Endzweck von dem bloß physischen abzusondern, nie würden sie Liebe im wahren Verstande für einen lasterhaften Trieb halten, über den sie zu erröthen Ursache hätten.


Kann das weibliche Geschlecht bei den unersättlichen Wünschen, die es nährt, sich einen beßern Zustand denken, als den, wenn es den wahren Genuß des Lebens zu finden weis? Doch worinn besteht denn dieser wahre Genuß? – Belieben sie darüber nachzudenken meine Freundinnen!


Wer nicht nachdenkt, erhält keine Grundsätze; wer deren keine hat, lebt ein bloßes Pflanzenleben, und wem dieses zu Theil wird, der ist lebendig todt.


Warum sind so viele Frauenzimmer eigensinnige Trotzköpfe, oder übellaunigte Geschöpfe? Weil das schwache Männervolk eben diesen Fehlern selbst da noch schmeichelt, wo die Sklavenkette den kränkenden Männersinn schon in Staub drückte. Wohl bekomms den Schwachköpfen!


Wer Schwachheit, Laune, und jeden Widerspruch in ihrer vollen Stärke erblicken will, der betrachte ein undenkendes Frauenzimmer.


Immer fängt das Weib eher an in jeder Leidenschaft auszuarten, als der Mann. Die Rachgierde eines Mannes erreicht die eines Weibes lange nicht.


Die Weiber könnten den Männern alles seyn; aber sie sind ihnen nichts; denn unter hunderten erhält einer kaum eine, wie sie seyn soll.


Nun mögen die Männer mit den vielen weiblichen Maschinen vorlieb nehmen; denn nur sie sind es, die sie meistens durch Schmeicheleien dazu machten; nur sie sind es, die mit unverzeihlicher Schwäche an der bloßen Larve kleben; nur sie sind es, die bei dem weiblichen Geschlechte mehr Nahrung für die Sinnen als für den Geist suchen.


Moralisch gut gebildete Frauenzimmer finden sich nur wenige. Entweder modeln sie sich zu steifen Gelehrten, oder zu mondsüchtigen Empfindlerinnen; am Ende oft gar zu pathetischen Sittenrichterinnen um. – Wie unerträglich ist diese letzte Gattung Geschöpfe, wenn sie in Gesellschaften troz einem Schulmeister alles um sich herum mit Machtsprüchen erstikken wollen.

O über die altklugen Matronen aus deren eiskalten Herzen eine unnüzze Moral herströmt!


Mütter, Freundinnen, lernt zu erst die Kunst Herzen zu gewinnen, ehe ihr sie bilden wollt. – Erst dann werden eure Grundsäzze in das feurige Herz der Jugend eindringen. – Bloß kalte Sittensprüche prellen an ihr nicht selten ohne den geringsten Nuzzen ab, sobald es der Sittenlehrerinn nicht gelingt, sie in jenem empfehlenden Gewande vorzutragen, das weder einschläfern, noch ermüden kann.


Der Sittenlehrer, der seinen Schüler feurig genug zu interessiren weis, der ihm kernhafte, mit Satire vermischte Moral auftischt, hat gewis zum voraus gewonnen Spiel. – Wohl gemerkt ihr Herrn Schriftsteller, es giebt nur einen Ton, der unterhält, und zugleich bessert, aber unzählige die mehr verderben als gut machen, so redlich auch immer die Absicht seyn mag.


Nur wenige Schriftsteller besizzen genug Menschenkenntniß, um mit jener feurigen Beredsamkeit, mit jener vortrefflichen Kunst den Nutzen im menschlichen Herzen zu bewirken, den sie bewirken wollen.

Trockene Schwazhaftigkeit, einschläfernde, ellenlange Perioden, wizlose Anspielungen, strenger finsterer Tugendeifer, unduldsame Machtsprüche finden ewig nie den Weg zum menschlichen Gefühl. Bei einer solchen Lektur gähnt die Jugend, bleibt kalt, schlägt unwillig das Buch zu, oder schläft wohl gar ein.


Wozu dient viel Geschwäz, sobald der Schriftsteller den Weg verfehlt hat, mit wenig Worten und viel Sinn ins Herz zu dringen?


Originalität im Schreiben ist ein Geschenke der Natur – erreicht es ihr Afterschüler, wenn ihr könnt!


Dem weiblichen Geschlecht – sagt man – sey die Kunst: reizend, naiv, feurig, dringend zu schreiben, sehr eigen; aber nur wenige wagen sich mit ihren Geistesprodukten ans Licht, einige verfielen so gar in den Predigerton, wie kam das ???


Wer ist sträflicher der Schriftsteller, der mit feurigem, offenherzigem Schwung seine Gedanken und Beobachtungen aufs Papier hinwirft; oder der Leser, der ihn aus Mangel an gesundem Verstand schief beurtheilt?


Ein gutes Buch ist für denkende Frauenzimmer eine weit beßere Gesellschaft, als ein Häufchen eitler Gespielinnen, sie kann ihm Einwürfe entgegensetzen, Grundsätze bejahen, oder verneinen, ohne seine Eigenliebe zu beleidigen. Ganz natürlich, bloß in der Stille: denn welches sanfte weibliche Geschöpf hätte wohl den Muth, sich zum öffentlichen Kunstrichter aufzuwerfen? Wir müßen leider in unserer engen Sphäre bleiben, die uns von dem despotischen Geschlecht angewiesen wurde – nicht wahr meine Freundinnen???


Oder ist es etwa nicht vorsichtig, daß man uns bloß in den Zirkel der Haushaltungskunst zurückwies? Schwachen Geschöpfen weist man auch angemessene Arbeit an. Indeßen werden die Herren Despoten auf unserer Erde auch in diesem Fache wenig von uns zu erwarten haben, wenn wir Leerköpfe genug wären, diese Kunst ohne Plan, ohne Ueberlegung, ohne Nachdenken auszuüben.


Männer bildet den Weibern und Mädchen hinlänglich ihre Köpfe; macht diese fähig, die Folgen einer übeln Wirthschaft zu überdenken, lehrt sie säuberlich seyn ohne Koketterie, sanft ohne Schwäche, gut ohne Verschwendung, wirthschaftlich ohne Geiz, streng gegen Dienstleute ohne Rohheit, sorgfältig ohne Aengstlichkeit, herablassend ohne Erniedrigung, edel, stolz ohne Hochmuth, warm für Gatten- und Mutterliebe, religiös ohne Bigotterie, offenherzig ohne Unbesonnenheit, und eure Klagen über den Mangel an würdigen Frauenzimmern müßen dann verstummen. Wäre dies etwa nicht das Bild einer edeln Hausmutter? – Aber nie kann es bei einer bloß sinnlichen Erziehung realisirt werden. Nur Geisteskultur ist die Schöpferinn einer gefühlvollen Mutter, einer zärtlichen Gattinn, einer guten Hauswirthinn.


Es giebt Frauenzimmer, die man im gemeinen Verstande gute Wirthinnen nennt, ohne daß ihre Seelen jene Bildung erhielten, die sie planmäßiger, gefühlvoller handeln machen würden. Kann aber ein Gatte, können die Untergebenen bei der bloß mechanischen Behandlungsart dieser Weiber so glükklich seyn, als sie seyn sollten? Sind nicht wilder Zorn, unerträgliche Launen, pöbelhafte Ausbrüche, jene barbarische Geiseln, denen sie oft augenbliklich ihren Nakken darbieten müßen? Glaubt mir Männer, solche Weiber sind der Beweis eures Unsinns, unter deßen bevorurtheilter Tirannei ihr dem weiblichen Geschlechte jene Seelenbildung versagt, die im Hauswesen durchaus voran gehen muß. Oder giebt es nicht tausend Fälle, wo ein Weib Kopf, Herz, Gefühl, Beurtheilungskraft nöthig hat? Hm! hm! daß wir doch bloße Tanzbären eurer und unsrer Leidenschaften bleiben sollen.


Nur zu oft ist Mißverstand der Beweggrund; wenn Aeltern, oder mürrische Brummköpfe der Jugend das Lesen untersagen; entweder darben sie selbst an Grundsäzzen oder kennen nicht den Unterschied zwischen schädlicher und nüzlicher Lektur, nicht die Art, wie sie ihre Zöglinge mit Vortheil zum Lesen anhalten sollen.


Es giebt eine Metode den Zögling mit gröstem Nuzzen zum Lesen anzuhalten. Was können denkende Aeltern während dieser Beschäftigung von ihren Kindern nicht für verschiedene Urtheile hören, wie genau können sie ihre Gefühle prüfen, wie klar ihre Fassungskraft durchschauen, wie bestimmt den Geschmack ergründen, wenn sie die Kunst besizzen unter dem wärmsten Zutrauen ihnen die Urtheile über das Gelesene abzulokken.


Häusliche Glükseligkeit wäre nicht mehr so rar, wenn sich die Mütter mehr Mühe gäben, – die Herzen und die Köpfe ihrer Töchter in jenen Zustand zu versezzen, daß dem denkenden Gatten mitten in seinen häuslichen Sorgen, auch ein Zufluchtsort übrig bliebe.


Wie bettelarm ist ein Frauenzimmer, die blos Larve zum Empfehlungsbrief bei sich trägt. Er kann schnell zerreißen, und dann bleibt ihrem Gatten nichts mehr übrig, als Makulatur. !!!


Wie reizend ist hingegen ein schöner Körper, in dem auch eine schöne Seele wohnt! – Wenn alle Stürme der Natur über den ersten ausbrechen, so bleibt einem Frauenzimmer doch noch Reichthum genug übrig, ihren Gatten auch noch im grauen Alter zu fesseln.


Dummköpfe fodern im ersten Feuer ihrer Sinnlichkeit von einer Braut nicht viel moralische Vorzüge. Aber dann erblikken sie auch in einer Gattin weit mehrere Fehler, wenn die Bande der Ehe geknüpft sind, wenn der Taumel äußerlicher Täuschung aufhört.


Eine blos schöne Gattin wird von dem Herzen eines verblendeten Liebhabers durch die Gewohnheit so abgestreift, daß oft nicht einmal ihr Andenken mehr übrig bleibt.


Wenn die Mädchen begreifen könnten, wie viel Reize ein gebildetes Frauenzimmer für einen denkenden Mann hat, sie würden mit Vorbedacht ihre Gesichter zerkrazzen, – blos um mit Seelen-Vorzügen eine weit rühmlichere Eroberung zu machen.


Diejenigen Frauenzimmer täuschen sich sehr, wenn sie glauben nur durch äußere Vorzüge eine dauerhafte Eroberung zu machen. Alles was sie etwa durch diese erhaschen können, bestehet in einem schwachköpfigen Wohllüstling.


Schönheit ohne Tugend, ohne Vernunft, ohne wahre Kunst mit moralischen Vorzügen zu gefallen, ist eine Seifenblase, die eben so geschwind zerplazt, als sie zu glänzen anfieng.


Würden sich die Männer so unzertrennlich an ein vernünftiges Mädchen fesseln, wenn diese nicht jeden Werth überstiege, wenn sie keine so seltene Erscheinung wäre???


Wer gab den Männern Geschmak an vernünftigen Frauenzimmern ihr Vergnügen zu finden? Die Natur! Wer gab den Mädchen die Fähigkeit sich vorzüglich moralisch gut zu bilden? Der Schöpfer! Folglich sind wir nicht zu bloßen Lastthieren der Dummheit geschaffen.


Pedanten und Silbenklauber, Bigotten und Altklügler, Afterphilosophen und Andächtler muß man nicht zu Rathe ziehen, ob das weibliche Geschlecht soll denken lernen oder nicht?


Mir ist der große Haufe in den Begriffen ihrer Liebe nicht unbegreiflich, er hält sich blos an sinnliche Vorzüge. Nur dies ist mir unbegreiflich, daß in diesem Punkt sich so viele zum großen Haufen gesellen, denen man es nicht zutrauen sollte. – Verräth dies nicht Mangel am Denken ???


Duldung gegen andere fühlt nur derjenige, der frei genug von Eigenliebe ist, um einzusehen, wie sehr er bei andern Gelegenheiten auch schon Duldung bedurfte.


Die natürliche Güte des weiblichen Geschlechts würde einen weit höhern Grad erreichen, sich weit erhabener schwingen können, wenn sie nicht von dem so sehr herrschenden weiblichen Neide schon in ihrer Geburt erstikkt würde.

Warum zeigt sich denn die Schadenfreude geschwinder auf einem weiblichen als auf einem männlichen Gesichte???

Soll der gewöhnliche Neid, die Schmähsucht unter uns Frauenzimmern nicht eine bloße Folge unserer Geistesschwäche seyn?


Es scheint, als ob das Frauenzimmer schwazzen müße, sei es aus Dummheit, aus Vorurtheil, Unbesonnenheit, oder Bosheit –. Genug, diesen Naturfehler legen sie nur dann ab, wann der Kopf über die Zunge durch Nachdenken herrschen lernt. – So viel aus eigener Erfahrung!


Kann nun eine Denkerinn mißmuthig werden, wenn ich es aus guten Absichten wage, von meinem eigenen Geschlechte Blößen aufzudekken, gegen die ich selbst schon genug kämpfte, und noch zu kämpfen habe? Man beschuldiget unser Geschlecht einer unüberwindlichen Eitelkeit, ich möchte gern diesen Verdacht so viel möglich durch ungeheuchelte Aufrichtigkeit zu verdrängen suchen.

So bald das männliche Geschlecht eben so freimüthig als ich vor den Sittenrichter hinsteht, und so ungeheuchelt seine Fehler bekennt; dann wird es sich bald entscheiden, welches von beiden Geschlechtern zur Besserung größere Lust hat?


Bescheidenheit ist eine Tugend, die man dem weiblichen Geschlechte zugeeignet hat. Wir würden ihr gerne mit ganzer Seele anhängen, wenn uns die Männer nicht so gerne jedes Verdienst nur halb zugestehen, wo nicht ganz absprechen. Wer gab ihnen denn das Recht zu solchen Machtsprüchen als Vorurtheil und Eigenliebe ??? Geherrscht muß seyn! Nicht wahr ihr Herren Despoten?


Bescheiden sind diejenigen Frauenzimmer, die sich ihre Verdienste bloß abrathen lassen – Diejenigen, die anderer Fehler nicht bemerken wollen.


Zu viel Bescheidenheit artet in Ziererei aus, und ist weiter nichts, als ein maskirter Ehrgeiz.


Recht bescheiden sind auch die, welche es nicht merken lassen, daß sie es seyn wollen.


Wie unerträglich ist ein Frauenzimmer, die aus lauter Bescheidenheit alles um sich herum mit übertriebenen Komplimenten fast zu Tode ärgert.


Wahre Bescheidenheit fällt Niemanden zur Last, der Werth ihrer Güte verräth sich im Ausdruk.


Der Wohlstand erfordert von jedem wohlgezogenen Frauenzimmer gewiße kurzgefaßte Zeremoniele, wenn sie aber nicht unerträglich werden will; so muß sie in wenigen Minuten darnach die naive offne Herzens-Sprache zu sprechen wissen, sonst entfernt sich in Gesellschaft jedes Herz von ihr – Dies Schiksaal wird mancher zu Theil, die es nicht verdient.


Den Mittelweg zwischen übertriebener Höflichkeit und erniedrigender Vertraulichkeit zu finden, ist nur wenigen eigen.


Es giebt in Gesellschaften eine Sprache, die alles mit Hochachtung und Bewunderung an sich reißt – Es giebt aber auch wieder eine andere, die der kühnen Vertraulichkeit den Weg öffnet.


Wo lebt die Denkerinn, die in Gesellschaften das Männervolk zum anbethen, zum staunen zu zwingen weis – ohne den Verdacht der Eroberungssucht zu erwekken? – Wo lebt sie? ich will sie küssen!


Meistens verfallen die Frauenzimmer in ihrem Unterhaltungston auf Extreme, arten in schüchterne Zieraffen, in spröde Närrinnen, oder in zügellose Koketten aus.


Warum ist die naive Natursprache so wenigen eigen? Und doch sie ist doch so schön! – Weit schöner, als die Sprache der Galanterie, oder der Buhlerei.


Das unschuldige Mädchen soll nur da erröthen, – wo es erröthen muß. Freiheit im Sprechen, im Denken, im Urtheilen, im Beobachten; ist kein Fehler wider die Reinheit der Sitten.


Wozu Schüchternheit in Gesellschaften, wenn man der Reinheit seines Herzens bewußt ist?


Geschraubtes heimtükisches Wesen am Frauenzimmer ist noch lange nicht Unschuld. Sie sind nur zu oft die Vorboten heimlicher Sünden, oder das Prädikat der Dummheit.


Wer schrökt den Bößwicht mit mehrer Kraft, wer entfernt den Wollüstling mit mehrerer Beschämung, den Freigeist mit mehr Würde, als ein wizziges, moralisch gut gesinntes Frauenzimmer?


Selbst die Tugend, wenn sie aus dem Munde eines Mädchens erschallt ist mehr als Tugend – sie enthält Reize, die jeden hinreißen, – wenn er nicht schon ganz Taugenichts ist.


Warum kennen doch die Weiber ihre moralische Allgewalt so wenig? – Ist nicht sie es, vor der selbst ein Schurke zurükweicht, oder sich bessert?


Verbänden die Frauenzimmer ihre äußerlichen Reizze mit den Seelenreizzen, wie unumschränkt wäre dann ihre Gewalt – wie groß, wie unermeßlich das Gute, das sie stiften könnten.


Ich möchte den Mann sehen, der einem gut gesinnten Frauenzimmer widerstände, auch gut zu werden. – Ich kenne nichts schwächeres, als einen verliebten Mann. – Seine Absichten mögen nun phisisch oder moralisch seyn – genug, er ist Kind, und verliert nicht selten seinen freien Willen.

Nur wenige Frauenzimmer benüzzen diese Schwäche zu beiderseitiger Herzensverbesserung. – Die meisten aus eitler Tyrannei, Eigennuz, oder Koketterie – Ist das nicht Himmelschreiend!!!


Wenn die Weiber den Männern das wahre Uibergewicht im rechten Augenblikke fühlen ließen; welcher wäre denn im Stande ihren guten Absichten zu widersprechen? – Die Natur gab ihnen Gefühl, und eher als nicht, blos darum, um es durch sanfte weibliche Anweisung verfeinern zu können.


Das weibliche Geschlecht sollte eigentlich der erste Gegenstand der Aufmerksamkeit seyn, wie vielen Bezug hat es nicht auf das menschliche Leben?


So lange die Weiber ohne hinlängliche Kultur dahin leben, eben so lange werden die vielen Unordnungen in der Welt nicht aufhören. Die Zeiten sind vorbei, wo ihre Unwissenheit die Schöpferinn ihrer Unschuld war – vorbei jene Zeiten, wo unter ihnen Religion über Wollust siegte. Jezt bedürfen ihre gereizten Begierden Kultur – oder sie arten aus.


Ehedessen wußten die alten Weiber kaum, was jezt die Mädchen, die noch mit Puppen spielen schon wissen. Mutter, Sittenlehrer beugt vor, eh‘ das umgreifende Laster zu sehr einreißt.


Sobald sich der Verstand in einem Kinde zu entwikkeln anfängt, so muß man ihm auch Nahrung geben – sonst wird es von den früh aufkeimenden Leidenschaften umnebelt.


Die Leidenschaften eines Wiegenkindes gleichen im Anfange einer machtlosen wilden Pflanze, jeder Augenblik vermehrt ihren Wachsthum, die Saumseligkeit der Erzieher hindert ihre Reife nicht.


Wo sind die Mütter, die mit unermüdeter Aufmerksamkeit die Herzen ihrer Kinder studiren? – Haben nicht die meisten Frauenzimmer so hinlänglich mit ihren eigenen Leidenschaften zu schaffen, daß ihnen die ihrer Kinder entschlüpfen müßen? Das wichtige Werk der Erziehung wird ewig nie ausstudirt, ewig nie realisirt. – Traurig genug für die Menschheit!!!


Blos Männern stünde es zu, das weibliche Geschlecht aus jener Vergessenheit empor zuziehen, wohin es durch Vorurtheil verwiesen ward.


Ein Weib mit Grundsäzzen kann Engel werden – Ein Weib ohne Grundsäzze Teufel. – Wie kömmt es, daß einige neidische Männer die erstem zu verhüten suchen, und lieber die Plage des letztern fühlen? – Viel Glük zur irdischen Hölle ihr Herren Dummköpfe!!!


Würden wir in der Welt so viele weibliche Furien haben, wenn die Männer auf weibliche Erziehung mehre Sorge verwendeten?


Können unerfahrne Nonnen aus Mädchen auch Menschen bilden?


Jene arme weibliche Geschöpfe, die selbst den edelsten Trieb der Natur verläugnen müßen – können unmöglich Mütter- und Gattenpflichten lehren. – Fühllos aus Pflicht zu seyn – ist die härteste Tirannei auf Gottes Erdboden!


Wenn der Schöpfer sich selbst hätte entheiligen wollen; dann würde er gewiß das Zölibat vorgeschrieben haben.


Die Einbildungskraft des Menschen kann bis zur kranken Seuche ausarten, wenn sie ihren lezten Grad erreicht hat, dann suchtet sie dem Tollhause entgegen.


Es gab Zeiten, wo die Schwarzrökke über den Eigennutz so gar die eheliche Glükseligkeit vergaßen. – Heißt das nicht die Menschheit brandmarken?


Und jene arme gefühlvolle weiblichen Geschöpfe, die in Klosterkerkern ihr Daseyn verwünschen, wie werden sie einst dort oben dem Vorurtheil und seinen Anhängern fluchen? – Hu, mich schaudert!


Ein Mann, der einer ehlichen Liebe fähig ist, hat weit mehr Gefühl, als jene von der menschlichen Glükseligkeit abgestreiften Menschen, die bloß ihrem Magen dem Vorurtheil und der Fühllosigkeit leben.


Ein Priester, der Gatte seyn darf, ist dem Staate und der Menschheit viel nüzlicher, als der, der es nicht seyn darf. Seine Gefühle sind dem Leidenden offen, seine Pflichten zu jeder Erfüllung bereit, sie werden nicht durch Müßiggang und Schwelgerei erschlafft.


Was macht die Männer weich, menschlich, duldend, gefühlvoll, als die Liebe? – wie wenig läßt sich nun im menschlichen Leben von denen erwarten, die sie nur im Stillen empfinden dürfen – und eben deßwegen bis zum Laster erniedrigen?


Festigkeit im Karakter, Beständigkeit wären wohl auch Tugenden, die das weibliche Geschlecht erlangen könnte, wenn es nicht von Jugend auf zur Feigheit und Tändelei angezogen würde.


Man verzärtelt die Mädchen blos darum, weil sie die Natur zu Mädchen und nicht zu Jünglingen schuf. Ei, Ei – liegt denn die Kraft, den Stürmen dießes Lebens zu trozzen blos im Worte? Beruht die weibliche Schwäche nicht vieles in der Einbildung, im Vorurtheil? Es muß doch etwas an der Sache seyn, sonst hätten wir in den vorigen Zeiten keine Heldinnen aufzuweisen.


Beständigkeit in jeder Handlung des Lebens, war ehedessen eine Tugend, mit der unsere Väter glänzten, wenn sie jezt aus ihren Gräbern zurükkehrten, würden sie blos noch ihren abgezehrten Schatten antreffen. Haben wir wohl in unsern französirenden Zeiten bald wieder was beßeres zu hoffen? Schwerlich! – Oder die unter uns Teutschen so sehr einreißende Galanterie müßte zuerst ihren Tod finden.


Wenn man die Beständigkeit der jezigen Jünglinge näher untersucht; so gleicht sie dem Schnee, der bei der Wärme einer Hand eben so geschwind dahinschmilzt, wie der wankelmüthige Weichling bei den Lokkungen einer Buhlerinn.


Welches Geschlecht ist mehr zur Untreue geneigt? Dieße Frage wird in unsern lokkern Zeiten ewig nie entschieden.


Dankbarkeit meine Freundinnen! ist eine der ersten der edelsten Tugenden – sie soll, sie muß in dem sanften weiblichen Herzen wohnen, wenn es sich nicht entehren will.


Wirklich dankbarist nur derjenige, der Wohlthaten zu schäzzen weis.


Undank ist fast die allgemeine Klag der Menschen und doch ihr gewöhnliches Loos. Selbst die klagen gerne über Undank, die sich auch schon dessen schuldig gemacht. Ist der Mensch nicht ein immerwährender Widerspruch?


Leichtsinnige Menschen vergessen nichts leichter als Wohlthaten – Gefühlvolle nichts weniger.


Welche Unruhe gleicht derjenigen, wenn der Gerettete gern thätig danken möchte, und ihm die Mittel dazu fehlen? – Es giebt fein fühlende Herzen, die in diesem Zustand eben so viel leiden, als da, wo sie Wohlthaten bedurften.


Mäßig sind nur die Menschen, deren Seele über ihren Körper herrscht.


Es giebt Frauenzimmer, die sich aus bloßer Langweile – oft gar aus Dummheit – an Lüsternheit gewöhnen.


Ich dächte, wenn Grundsäzze nicht vermögend wären, das Frauenzimmer von der lüsternen Schlekkerei abzuhalten; so sollte es doch das Ehrengefühl dahin bringen können. Pfui, – das ist schändlich, wenn der Körper die Seele tirannisirt!


Wie kann ein Mädchen zur Liebe, zur Tugend, kurz, zu jeder Pflicht fähig seyn – Wenn Lüsternheit ihre Lieblingsleidenschaft wird? – Mütter verzärtelt eure Töchter nicht in der frühsten Jugend, damit sie im Alter nicht über eine schändliche Gewohnheit weinen, die nicht selten Armuth nach sich zieht.


Ziererei im Essen und Trinken, Lüsternheit nach gekünstelten Gerichten, kühne Verachtung der Gaben Gottes, Nasenrümpfen über die oder jene Speise würde die Denkerinn brandmarken, und blos die dümmste unverschämteste Alltagsdirne verrathen. – Welches denkende Frauenzimmer hätte wohl den Muth, unser Geschlecht so sehr zu erniedrigen???


Schade, daß der Schöpfer nicht allen lüsternen Puppen Schiksale und Armuth zuschikte – sie würden schon lernen jede Gabe Gottes ohne Ausnahme zu genießen. – Sind arme Menschen nicht auch Menschen? – Haben Vornehmere in der Natur eine Ausnahme zu machen? – Wenn der Kaiser starke bürgerliche Speisen genießen kann; – so werden sie doch wohl von gesunden adelichen Damen und von rothbakkigten Bürgerinnen genossen werden können!! – Ist es vom Sterblichen nicht Frevel, wenn er sich aus Lüsternheit ziert, eh er das Ende seiner Schiksale bestimmen kann?


Es ist besser sich frühe an starke Speisen zu gewöhnen, als wenn man sich spät daran gewöhnen muß. Spott und Schande – gesellen sich dann gerne zum Mangel. – Oder haben wir nicht ein ziemliches Häufchen Frauenzimmer aufzuweisen, die blos aus Lüsternheit lasterhaft wurden?


Lüsternheit ist die Gefährtinn der Wollust, die Mutter der Geistesschwäche, – der Vorbohte der Dummheit.


Wehe den Männern, denen ein lüsternes Weib zu Theil wird, Betrug ist ihr Loos, ehlicher oder häuslicher Betrug!


Lüsternheit kündigt den Wollüstling an, ist das Losungswort der Buhlerinn, die Lieblingseigenschaft des Leichtsinns, und der wahre Beweis nichtdenkender Köpfe.


Warum sind die Grossen dieser Erde wollüstiger, als die gemeinen Menschen? – Aus angewöhnter Lüsternheit! – Warum kränker, warum schwächer? Aus eben ihren Folgen!


In einem lüstern Körper wird die Seele über kurz oder lang unterjocht. Zu was ist dann eine solche seelenlose Maschine beßers fähig, als zum Laster?


Wie schön stehet Dienstfertigkeit dem weichen, weiblichen Herzen. – Wenn man sie von ihm nicht erwarten kann, von wem soll man sie denn erwarten?


Dienstleistungen, wenn sie Wohlthaten seyn sollen, müßen sie nicht so geleistet werden, daß sie einen andern in Verlegenheit sezzen.


Es giebt nur eine Art, Unglüklichen zu dienen, und diese ist nur wenigen eigen, immer mischt sich Unbesonnenheit, eitler Stolz, demüthigendes Uibergewicht dazu – Dann werden die Dienstleistungen für den Unglüklichen zur Marter, nicht zur Wohlthat.


Wer gut zu geben weis, verdient, daß man ihm auch wieder giebt, wenn er es nöthig hat.


Wo sind die Menschen, die im Geben empfindsame Unglükliche nicht mehr erniedrigen als aufrichten? Wo sind sie? Ich will sie als das Bild der ewig gütigen Gottheit verehren !!!


Es ist nun einmal so in der Welt, wer arm an Gelde ist, duldet Schande und Verachtung, er mag an moralischen Verdiensten noch so reich seyn, als er will. – Man ist gewöhnt nur silberne oder goldene Narren zu schäzzen.


Jeder Jüngling, jedes Mädchen muß den Werth des Geldes zu schäzzen wissen, ohne es zu ihrem Abgott zu machen.


Wer sich bei dem Anblik eines unschuldigen Nothleidenden noch über den Besizz seines Geldes freuen kann, ohne es hinzugeben, der verdient aus der Natur hinausgeworfen zu werden.


Was ist mehr werth Geld oder Verstand? Das Geld zehrt sich selbst auf, der Verstand nie.


Die Frauenzimmer sind fast alle zum Wohlthun geschaffen, aber die wenigsten haben Kopf genug um dießes herrliche Vergnügen in seiner ganzen Stärke zu fühlen.


Auch aus Schwachheit kann man Wohlthaten am unrechten Orte verschwenden, die ein Raub an weit Unglüklichern werden können. – Dieß ist der gewöhnliche Fall jener undenkenden Geschöpfe, die aus bloßem Instinkt handeln.


Wer sich für jene lezte ängstliche Stunde, wo die Natur ihrer Auflösung zueilt, Trost und Entzükken sammeln will, der trokne die Trähnen der Armen.


Zur wahren Großmuth gehört eine erhabene Denkungsart und ein feiner raffinirter Kopf, der seine gute Handlungen anzubringen weis; so daß man ihm die äußerste Bewunderung, auch ohne ihn zu kennen, nicht versagen kann.


Großmüthig können nur die seyn, – die von edelm Stolz beseelet werden. Wenn Großmuth die Versuchungen des Eigennuzzes zu übersteigen weis; dann ist sie bewährt.


Die bestscheinenden Menschen halten nur zu oft alle Proben der innerlichen Güte aus, nur die nicht, die dem Eigennuzz zu nahe trit.


Man prüfe tausend Menschen, wenn man ihrer Börse bedarf; so halten kaum hundert die Probe aus.


Ich kenne keine Eigenschaft, die auch unter dem vornehmen Pöbel allgemeiner wäre, als Eigennuz.


Frauenzimmer sollten eigentlich nicht eigennüzzig seyn; denn die Männer theilen ihnen ohnehin ja alles mit aus Liebe, aus Höflichkeit, oder aus ein geführter Gewohnheit.


Eigennuz ist die erste Leidenschaft einer Buhlerinn. Welches fühlende, wohlerzogene Frauenzimmer möchte sich mit dießer niedrigen Leidenschaft beschmuzzen?


Kann ein wirklich Eigennüzziger auch ein wirklich gutes Herz haben? – Dies scheint mir unmöglich, denn, da wo diese schändliche Leidenschaft herrscht, ist Fühllosigkeit zu Hause.


Den meisten Kaufleuten wird Eigennuz nach und nach so zur Natur, daß sie zulezt ihre Seele verhandeln würden, ohne es zu merken.


Ich kenne keine Leidenschaft, die das menschliche Herz geschwinder fühllos machte, – als Eigennuz.


Zwischen einem erlaubten ökonomischen Triebe, und Eigennuz herrscht ein mächtiger Unterschied, die meisten Menschen verwechseln den erstern mit dem leztern.


Aeltern können bei ihren Kindern über den Eigennuz nicht genug wachen, oder sie haben durch ihn frühe oder spät, Unmenschlichkeiten zu erwarten.


Was macht die meisten Kaufleute hartherzig, die Reichen fühllos, die Buhlerinnen unverschämt, den gemeinen Mann grob, den Niederträchtigen zum Dieb, so viele Schwarzrökke zu Heuchlern, als der allgewalltige Eigennuz???


Eigennuz ist der frühe Tod der Liebe, – und Freundschaft.


Nichts unterdrükt das Ehrengefühl leichter, als Eigennuz! Nichts erhält es lebhafter als Uneigennüzzigkeit!


Grausamkeit ist nur zu oft die Tochter des Eigennuzzes.


Woran erkennt man eine edle Seele beßer, als an der Uneigennüzzigkeit? Was unterscheidet die Edlen vom Pöbel, als Uneigennüzzigkeit? – Könnte sich der Pöbel in seinen Handlungen nicht weit leichter bis zur erhabenen Denkungsart schwingen, wenn ihm nicht der schmuzzigste Eigennuz anklebte?


Ein recht feines Ehrengefühl kann sich ewig nie bis zum Eigennuz erniedrigen. Den Beweis dießes Sazzes liefert uns das Uibergewicht eigennüzziger Männer. – Hierinnen übersteigt das feine weibliche Ehrengefühl wirklich das männliche, wenn nicht bei allen, doch bei vielen.


Vertrauen zu andern erwirbt wieder Vertrauen; aber nur bei edeln Seelen, die schmuzzigen, niedrigen, kriechenden, werden dadurch noch zurükkhaltender, ziehen sich zurükk, oder drükken den Unglükklichen – arglosen Aufrichtigen wohl gar noch in den Staub!


Wer das arglose Zutrauen eines Unglükklichen mißbrauchen kann – Wer ihn fühlen läßt, was er weis – Wer ihm seine Lage durch Demüthigung erschwert, wer ihn mit unmenschlicher Härte noch ärger zu Boden drükkt – ist der dann auch würdig, den Namen Mensch zu tragen?


Zutrauen ist leicht mißbraucht, aber nicht so leicht wieder gewonnen.


Zutrauen ist mehr werth, als alle Schäzze der Erde; denn ihr Werth kann keines erkaufen, wenn man es nicht von selbst hingiebt.


Wo lebt der Edle, oder die Edle, die Zutrauen im wahren Verstande zu belohnen wissen?


Ist der, der Zutrauen missbrauchen kann nicht weit teuflischer, als der Teufel selbst?


Deß Allmachtigen Willen zielet dahin, den Sünder, der uns mit seinem Zutrauen beschenkt, gelinde und mit einer gewissen Achtung zu behandeln – Thun dieß die Herren Seelsorger immer? – Denken sie oft genug daran, daß Menschen gegen Menschen aus eigener Gebrechlichkeit menschlich handeln müßen? sind alle sanft genug um Fehler mit jener Güte zu bessern, die Ihnen Natur und Religion anwies? – Wie viele blos schwache Menschen wurden schon die Opfer ihrer Temperamente, ihrer Unduldsamkeit, – ihrer Verdammungswuth!!!


Nur der ist groß, der den Gefallenen, nachdem er der Vertraute seines Fehltritts wurde, weit sanfter weit wärmer, weit gelinder auf den Weg der Tugend zurükk führt. Strenge in dießem Falle, ist Aufmunterung zu größern Verbrechen. Mütter, nur zu oft werdet ihr an euren gefallenen Töchtern doppelte Kindermörderinnen!!!


Die Mutter, die nach geschehener That elend, niedrig genug ist, gegen ihre Tochter Furie zu werden, die verdient, daß sie von ihr mehreremale beschimpft wird. Duldung – Vernunft – Menschenliebe – Natur – Vorsicht in Rükksicht größerer Unheile, können in dießem Falle nur von Rabenmüttern hintan gesezt werden! Was ist beßer Selbstmord, Kindermord, Verzweiflung und Schaffott, – oder stille Wehmuth, Vernunft, Güte, und andere Zufluchten, um die Ehre eurer Töchter zu retten? Mütter, seyd lieber vorsichtig, da es noch Zeit ist, nach dem Fehltritt ist es zu spät!


Mütter lehret eure Töchtern die Welt, ihre Verführungen und sich selbst beßer kennen; gewiß nur selten wird dann Schande euer und ihrer warten. – Unerfahrne Mädchen sind immer am leichtesten verführt – weder Gefühl, noch Erfahrung, noch Vernunft hält sie zurük.


Man unterhält in der Welt den schiefen Grundsaz, daß Unerfahrenheit die Unschuld fest halten soll, und gerade sie ist es, die nicht wenige Mädchen zum Falle bringt. – Glaubt mir, Mütter, das Gefühl der Liebe bricht zu seiner Zeit überall durch, aber nur dann ohne moralischen Schaden, wenn es frühe schon jene Richtung erhielt, die es zum erhabenen zum tugendhaften Gefühl machen.


Warum den Töchtern aus dem göttlichen wohlthätigen Geschenke der Liebe ein Geheimniß machen; da doch bloß ihr Mißbrauch sie bis zum Laster herabwürdigen kann? – Warum sie nicht lehren, daß Wohllust keine Liebe – Empfindelei – kein wahres Gefühl – Schmeichelei nicht ihre Ausdrüke, Verführung nicht ihr Werk; – sondern das Werk der Sinnen ist???


Mädchen prüfet eure Anbether genau, wenn sie nur in eure äußerliche Vorzüge vernarrt sind, wenn sie sich bloß in euch lieben – wenn bei ihnen euer Herz, eure Unschuld, eure Ehre in keinen Anschlag kömmt; dann ist euer Fall gewiß nicht mehr ferne.


Das Mädchen, das ihren Liebhaber durch Erfahrung, und Weltkenntniß in einer ehrfurchtsvollen Entfehrnung zu halten weis – Die bei Schmeicheleien nicht schwach wird – bei Zudringlichkeiten nicht gelassen bleibt – den für ihren Feind ansieht, der niedrig genug ist, ihre Unschuld auf Schrauben zu stellen – die den Wohllüstling mit Spott geiselt – den Verführer mit Feuer von sich stößt – den Schleicher entwaffnet – den niedrigen Kriecher aushöhnt, dies Mädchen, meine Freundinnen wäre werth Mädchen zu seyn!!! Sagt, Mütter gehört dazu etwa keine Erfahrung, kein Menschenkenntniß, kein Kenntniß der wahren Liebe, keine Unterscheidungskraft, kein gesunder Menschenverstand??? Von Klosterzöglingen rede ich nicht; denn die müßen in der Welt ein Null werden. Aeltern wollen es so haben – sie verwahren ihre Unschuld zwischen Mauern so lange – bis sie aus Zwang von selbst ausreißt. – Abgebrochen! Dießer wichtige Stoff risse mich ins Unendliche hin. Genug, um mir die verschleierten Matronen zu Feindinnen zu machen!


Sind einige Knixe, ein paar einsilbige Komplimenten, ein bischen lesen und schreiben – nähen und strikken – angaffen und roth werden – eine schlechte teutsche Sprache und vernachläßigter Menschenverstand – eine ziemliche Portion Fühllosigkeit und alberne Furcht – stammelnde Ausdrükke und unsinniges Geschwäz – mechanische Religion und nur wenige wirtschaftliche Kenntnisse – eine seichte Beurtheilungskraft und Verstellung – Hang zu heimlichen Liebes-Intriguen – kurz jede pöbelhafte Sitte, sind dieß nicht Vorzüge, mit denen so manches Mädchen in Klöstern und Erziehungshäusern um theures Geld beschenkt wird? – Väter und Mütter, wo habt ihr eure Augen? – Vermuthlich bei Vorurtheil oder Bigotterie!


Ist es nicht weit klüger, wenn wir durch Menschenkenntniß die Leidenschaften des Zöglings ihm abzurathen suchen, um sie zum guten zu benüzzen, als wenn er die unsrigen abräth – um sie zum bösen Beispiel zu benüzzen?


Wenn die Mütter in jenem gefährlichen Zeitpunkt wo das Gefühl der Liebe sich in jungen Mädchen zu entwikeln anfängt, den Weg zu ihrem Herzen zum Vertrauen suchen würden – ich wette unter hundert würde kaum eine verführt werden.


Alle jungen Geschöpfe sind in der Epoche der Liebe gutherzig – nur dann erst wurden sie eigensinnig, tollkühn ausschweifend, wenn man dießes Gefühl durch Rohheit, Unvernunft, scharfes Verboth dazu zwingt, wenn unvorsichtig strenge Aeltern, den Augenblik versäumt haben es zur Tugend zu benüzzen. – Es kömmt gar vieles auf die Art an, wie man junge Leute behandelt.


Aeltern gebt genau acht, wenn ein liebendes Mädchen sich zu verstellen weis, wenn sie euch ihr Zutrauen entzieht; dann erhielt das reine schöne Gefühl der Liebe schon Auswüchse, die ihr Unglük drohen. Wozu Verstellung, wenn ihr die Liebe nicht als Laster bekannt ist? Wozu Zurükhaltung, wenn sie mit reinen Absichten umgehet, und diesen Trieb bloß für jenes gütige Wohlwollen hält, deßen sie sich nicht zu schämen hat? Ein Mädchen, die von der Liebe andere Begriffe hat, ist nicht mehr unschuldig, es fehlt ihr gewiß bloß an Gelegenheit das Opfer ihrer Sinnen zu werden.


Liebe könnte in der Welt eben so viele Glükseligkeit stiften – als sie Unheil stiftet – wenn die jungen Leute dazu angehalten würden, ihre absichtslose Reinheit zu kennen.


Wer wahre Liebe für eine vergängliche Sache hält, kennt ihre Natur nicht. – Nur das kann verschwinden, was nicht wahre Liebe war.


Wie kann ein Gefühl, das auf unumstößlichen Grundsäzzen, auf Moralität gegründet ist, je sein Ende erreichen? – Das sind bloß kurzsichtige sinnliche Menschen, die der wahren auf Grundsäzze ruhenden Liebe so gleich den Tod ankündigen. – Wie kann etwas aufhören, das göttlichen Ursprungs ist? Wie will der warme Gatte sich von der Seele seiner gefühlvollen Gattinn losreißen können, wenn sie so eng in einander verkettet sind, daß eine lange Ewigkeit ein zu kurzer Zeitpunkt für ihre Zärtlichkeit wäre?


Wahre Liebe ist die Mutter gränzenloser Gutherzigkeit, die Schöpferinn der Tugend: sie weis menschliche Schwachheiten in einem Gatten zu tragen, aber ahndet streng jede Leidenschaft, die zum Laster werden könnte.


Wo lebt der liebende Mann, das liebende Weib, die im Genuß der Liebe nicht sanft und vernünftig genug wären, ihre beiderseitigen Fehler bessern zu wollen? Doch ich sezze zum voraus, daß zwey Gatten Herzen gleich eifrig zur Tugend gestimmt sind, ohne dies ist es blos fruchtlose Arbeit.


Ein Weib die das Glük genießt in einer Ehe zu leben, die von wahrer Liebe beseelt wird, hat kein Alter zu scheuen, ihre Seele wird dadurch nicht abgenüzt, sie wächst an Schönheit, und fesselt den Denker eine Ewigkeit durch.


Die Frauenzimmer sind gedankenlose Thörinnen, die in ihrem Leben nicht auf Reize angetragen, denen kein Zahn der Zeit droht, – nicht auf Reizze, die den Mann feßeln müßen, wenn er anders kein schwachköpfiger Wollüstling ist.


Der denkende Gatte erblikt in einer gebildeten Gattinn eine Menge Vorzüge – etwas für sein Herz, etwas für seinen Verstand, etwas für seinen Wiz, etwas für seine Laune, etwas für das Gefühl der Liebe – In einer bloß schönen, weiter nichts, als einen alltäglichen Vorzug von sehr weniger Bedeutung, der auch dem Pöbel gefällt. Und kann das, was dem Pöbel gefällt, für den Denker auch werth haben?


Ein bejahrts Weib, die ihre Tage der Tugend, der Gatten- und Mutterliebe, der Duldung und Sanftmuth gewiedmet hat; ist gewiß eine eben so ehrwürdige Erscheinung, als ein alter Mann. Jede Einwendung gegen diesen Saz, ist Vorurtheil.


Bald würde das Vorurtheil, das man gegen alte Weiber hat, schwinden, wenn sie in der Jugend schon aufhörten Weiber zu seyn. Schwazhaftigkeit, Unsäuberlichkeit, Grillenfängerei, Andächtelei, sind Untugenden, die ihren Ursprung schon aus der frühen Jugend her haben. Das Alter und die Langweile vermehrt sie. So bald die Vernunft nicht die Führerinn eines Mädchens war; so wird sie die eines alten Weibes nie werden.


Der Neid eines alten Weibes ist ein großes Triebrad, um das sich alle ihre Schwachheiten drehen.


Die unerträglichsten Gattungen alter Weiber sind, die heuchlerischen Andächtlerinnen. Sie üben sich in der Kunst: Gott und die Welt zu betrügen.


Eine alte Bethschwester ist der wahre Beweis ihrer jugendlichen Thorheiten. Sie verläßt die Welt nicht eher, als bis die Welt sie verläßt. Dann erst eilt sie mit großen Schritten, um der Gesellschaft der Heiligen eine groteske Karikatur vorzustellen.


Wenn ich zu befehlen hätte, alle alten unvernünftigen Weiber müßten mir von frühem Morgen bis in die späteste Nacht, auf einen Lehnstuhl gebunden werden, damit sie doch dem Anlaß entgiengen, aus Neid Böses zu stiften.


Wahre Andacht wohnt im Herzen und nicht in äußerlichen Dingen.


Es giebt wenige, die so zu bethen wissen, wie sie bethen sollen.


Religion erhöht die Reize eines Frauenzimmers, aber Aberglaube und Bigoterie entstellt sie.


Ohne Religion würden die Frauenzimmer weit zügellosere Geschöpfe seyn, als die Männer, natürliche Schwäche würde ihnen den Weg zu unendlichen Ausschweifungen bahnen.


Ein Mädchen ohne Religion gleicht einem Wildfang, der nur schwer bezähmt werden kann.


Wahre Andacht auf einem schönen weiblichen Gesichte zu erblikken, übersteigt für den gefühlvollen Beobachter jeden Ausdruk!


Wer Andacht, Gefühl, und Liebe in ihrem ganzen Werth erblikken will, der beobachte ein verliebtes, bethendes Mädchen! – O Natur, dein herrlichstes Meisterstük ist in solchen Situationen unverkennbar!


Wer ist hartherziger, als Afterkristen? Wer ist unduldsammer, als Afterkristen? Wer ist gefühlloser, eigensinniger, als Afterkristen?


Mit Recht kann man einer erzürnten Andächtlerin den Namen Furie geben. Ihre Grausamkeit scheint unerschöpflich. Von dem Irrwahne begeistert, als ob sie mit Vertilgungssucht der Religion Dienste leistete; ist sie zu jeder Unmenschlichkeit bereit.


Eine Kokette gleicht einer verschmizten Budenkrämerinn, die nur dann ihren Künstgriffen den freien Lauf läßt, wenn sich Wollüstlinge und Schwachköpfe melden.


Wer kann mit mehrerer Kälte Unwahrheit sprechen, wer mit mehr Natur sich verstellen, wer künstlicher die schwachen Männer-Herzen in die Enge treiben, als eine Kokette?


Sind die teutschen Weiber und Mädchen auch so sehr zur Koketterie geneigt? Nur die, die sich nicht schämen, den leichtsinnigen Französinnen nachzuahmen. Aber können dieß auch teutsche Biedermannstöchtern thun?


Das Gefühl einer Kokette hat nicht den Werth einer Steknadel – und doch giebt mancher seinen ganzen Reichthum dafür hin. Kann dies aber auch ein Mann thun, der Menschenkenner genug ist, um sich nicht Affektation für Liebe aufdringen zu lassen?


Das menschliche Leben ist viel zu kurz, als daß einer Kokette Zeit genug übrig bliebe, alle ihre Künsten ins Werk zu sezzen.


Und wenn die grösten Denker alle ihre Beurtheilungskraft anstrengen; so werden sie doch ewig nie das Herz einer Kokette enträthseln. Ist sie schön, so übertäubt sie ihre Sinnen – ist sie wizzig, so umnebelt sie ihre Vernunft – ist sie beredt, so giebt man ihr aus Höflichkeit nach und staunt sie noch oben drein an – ist sie betrügerisch, so glauben es die Männer nicht eher, als bis es zu spät ist, – es zu glauben – ist sie spröde, dann wird sie vollends angebethet. Kurz, der, der in ihr Nez geräth, hat keine andere Rettung vor sich, – als wenn er die Schlange flieht, eh sie zu zischen anfängt.


Die Eroberungssucht einer Kokette ist selbst an jenen Gränzen noch unersättlich, wo nichts mehr zu erobern ist.


Wenn die Mädchen von dem erhabenen Wort Liebe einen bessern Begriff hätten – nur wenige würden dann zu jener verächtlichen Eroberungssucht ihre Zuflucht nehmen, die ihnen nichts, als ein leeres Herz übrig läßt.


Männer sagt einer Kokette alles, was Liebe, Gefühl, und Gutherzigkeit auszeichnet, ihr Herz bleibt doch Stein.


Das künstlichste Meisterstük des heimtükischen Lasters entdekt der Beobachter in dem Bild einer Kokette.


Gebt wohl acht teutsche Biedermannstöchter auf eure Herzen, bei der Eitelkeit fängt die Koketterie an und mit dem Laster hört sie auf.


Das trefflichste Gegengift für Koketterie ist Liebe und Anhänglichkeit für einen biedern teutschen Jüngling.


Es herrscht unter den Mädchen ein verkehrter, schändlicher Geschmak, wenn sie glauben, viele Eroberungen zeichnen ihren Werth aus. Ihr irrt euch Ihr lieben schwachgläubigen Töchter, nur eine vorzügliche Eroberung ist der Beweis des Verdienstes – oder wimmelt etwa der große Haufe nicht voll Gekken, Dummköpfe und Wollüstlinge? Sind etwa die Eroberungen dieser Insekte nicht ewige Schande für denkende Frauenzimmer?


Wenn Eitelkeit nicht die Hauptleidenschaft der Frauenzimmer wäre, dann würden die Männer auch eine Menge Thorheiten unterlassen. Nur selten würde es einer wagen, einem Mädchen Weyhrauch zu streuen, um sie zu seinem Vortheile bis zur eiteln Närrinn zu begeistern.


Ich kenne kein schwächeres, kein schwankenderes Wesen, als ein eitles Frauenzimmer. Sie ist die Närrinn jedes Narren, das Opfer jedes Bösewichts.


Wenn man die kindischen Tändeleien, die vielen Affenbeschäftigungen des Puzzes, die unendlichen Künste, ihre Schellenkappen an Mann zu bringen, von einem eitlen Frauenzimmer abrechnet, – was bleiben dann ihrem Gatten noch für Verdienste übrig, um mit diesen vor der vernünftigen Welt ohne Hohngelächter erscheinen zu dürfen?


Ein eitles Frauenzimmer gleicht einer verrükten Person, sie sezt ihre lächerlichen Grimassen in eines jeden Gegenwart fort, und buhlt um den Beyfall der Zuschauer auch aus der niedrigsten Klasse.


Eitelkeit und Schwachheit sind unläugbare Erbtheile der Frauenzimmer. Warum sezzen sie ihnen nicht frühe genug Philosophie und Geistesstärke entgegen? Sind die weiblichen Unvollkommenkeiten nicht eben so bezwingbar als die männlichen? Ganz gewiß, wenn Sie nur wollen meine Freundinnen!


Ich wundere mich nicht, daß so viele Frauenzimmer ihr ganzes Leben durch an der Eitelkeit kränkeln. – Die Mütter stekken sie mit gleicher Schwachheit schon in der Wiege an, und die Männer nähren sie im Mädchenalter durch Schmeicheleien.


Nicht jedes Mädchen ist eitel, die sich standesmäßig und mit Geschmak kleidet; aber die sind eitel, die ihre Köpfe und Körper in eine Mode zwingen wollen, die ihrem ganzen Wesen widerspricht.


Beim Puztische muß ein Mädchen nie dem Urtheile der Männer glauben –. Entweder loben sie alles aus Schmeichelei, oder sie tadeln alles aus Allklugkeit, aus Männergrille.


Es giebt Männer, die sich ein unumschränktes Recht anmaßen, auch über den artigsten, wohlgeordnetsten Puz zu spotten. Dergleichen großmauligte Hansen reiten dies Stekkenpferd blos darum, um ihre eigne Eitelkeit durch eine uns angemasste zu verbergen. Weisen sie diese unartigen mit munterem Wiz in ihre Sphäre zurük meine Freundinnen, wenn ihnen hie und da einer aufstossen sollte.


Ein junges Frauenzimmer muß den Hang auf eine vernünftige Art, auch in ihrer Kleidung zu gefallen, nicht ablegen, sonst wird sie zur gleichgültigen Schlampe oder zur Karikatur aus dem vorigen Jahrhundert. Was kann diese Klugheitsregel dafür, wenn sie von einigen überstiegen, von andern gar nicht benüzt wird?


Nehmt den Mädchen den Trieb zu gefallen, und es bleibt euch in ihnen nichts übrig, als unthätige Geschöpfe. Gebt ihnen Grundsäzze, die sie lehren zu erst mit der Seele, und dann erst mit dem Körper zu gefallen. Ich stehe dafür, die welche darüber nachdenken lernten, werden diesen Trieb zu gefallen, nicht blos sinnlich benüzzen.


Ein junges Mädchen, welche die Nachläßigkeit in ihrer Kleidung zu weit treibt – wird am Ende so unreinlich, daß sie selbst ihre Seele nicht mehr sauber hält.


Wenn du wissen willst, ob eine wohlgeordnete, reinliche Seele in einem Mädchen wohnt, so beobachte ihren Anzug. Leichtsinn und Unordnung in der Kleidung, – verrathen Grundsäzze, die nicht viel taugen. Wer auf solche Kleinigkeiten nicht achtet, der wird über kurz, oder lang unfähig auf größere Pflichten zu achten.


Das Mädchen, das in ihrer Kleidung, in ihren Handlungen Faulheit einreissen läßt, ist nicht werth geliebt zu werden. Wer weis, ob dieses schändliche Laster am Ende nicht so um sich greift, daß sie für Gattenliebe und Wirthschaft ganz untauglich wird?


Nur das Mädchen kann ich schäzzen, die im Hauswesen keinen Schritt thut, ohne ihr sorgfältiges Auge auf Dinge zu heften, die blos da liegen, um von ihr in jene Ordnung gebracht zu werden, die der thätigen Beschäftigung eines Mädchens Ehre macht.


Ich kann nicht begreifen, wie es Frauenzimmer geben kann, die in einem Hauswesen über Langweile und wenige Arbeit klagen. – Für die welche aus Pflicht, aus Ehrengefühl arbeiten wollen; sind selbst ihre Lebenstage zu kurz. – Wohlgemerkt für die – welche arbeiten wollen.


Wer Wollust, Verzärtelung, üble Laune, Lüsternheit, kurz wer das Bild einer lebendigen Todten sehen will, der beobachte ein müßiges Frauenzimmer!


Ich will glauben, daß die Männer über das weibliche Geschlecht nicht ganz ohne Grund klagen, wenn es hier, oder dort ein Frauenzimmer wagt, sich mit geistigen Beschäftigungen abzugeben, – die meisten richten ihre Beschäftigungen so wenig vernünftig ein, daß ihnen nicht einmal Zeit genug zum Hauswesen übrigbleibt, geschweigen zu den geistigen Beschäftigungen. – Wenn aber ein thätiges Frauenzimmer ihre Sachen so einzurichten weiß, daß eins mit dem andern besorgt wird: was geht es dann die Männer an, wenn wir unsere müßigen Stunden mit Lesen oder Schreiben ausfüllen wollen? – Ist es nicht rühmlicher, sie so, als zu gedankenlosen Beschäftigungen zu benüzzen? – Dort nikt mir ein freundlicher nicht neidischer Philosoph ein gnädiges Ja zu! – Giebt es denn unter den Männern auch freundliche Philosophen???


Mann und Weib haben in der Welt ihre angewiesene Beschäftigung, der zu erst aus seiner Sphäre weicht, eh er seine Standespflichten erfüllt hat – ist der Schöpfung nicht würdig.


Man behauptet, die Weiber wären zu ernsthaften Geschäften nichts nüzze. Hierinnen haben die Herren Männer nicht ganz unrecht – aber man erzieht uns schon darnach, daß wir zu ernsthaften Geschäften nichts nüzze werden können! – Auch wieder ein Glük für die männliche Welt – wenn wir überall in ihre Geschäfte hinein gukken dürften, wie bald würde Sie ihre strenge Regierung niederlegen. – Wie leicht würden dann die Männer Weiber und die Weiber Männer werden. Aus welcher Ursache? – Die welche es angeht, mögen es sich selbst enträthseln.


Es ist ein sonderbarer Anblik, wenn man in Gesellschaften zusieht, wie ein Geschlecht das andere unter tausend Spizfindigkeiten herabzusezzen sucht – wie jedes den Vorzug in der Schöpfung behaupten will und doch kann keines ohne das andere bestehen. Ich denke immer die wechselseitigen Fehler würden einander wohl aufwiegen, wenn man beim weiblichen Geschlechte die wegrechnete, woran die Männer selbst schuld sind. – Wenn die Männer in ihren Leidenschaften nicht so ausarten, so haben sie es viel der guten Erziehung zu danken, die sie von Jugend auf zur Festigkeit anhält, und die wir nicht genießen – man überläßt uns blos dem Ungefähr.


Es giebt Augenblikke, wo uns die Männer für sehr unbedeutende Wesen halten – zum Glükke, daß diese Augenblikke selten lang dauern – sonst wären sie unglüklicher, als wir. – Was wäre ihr Leben, was wären ihre Geschäfte ohne unsere Aufmunterung? Man weiß es ja aus Erfahrung, was für ein rohes Murmelthier ein Mann ist, der ohne Gattenliebe seine Tage verbrummt und verfaullenzt.


Die Natur hat, als sie beide Geschlechter schuf, die beste Einrichtung getroffen. Diese gütige Mutter versah sie mit hinlänglichen Anlagen, um wechselseitige Tugend fortzupflanzen. – Was kann der Mann durch Männersinn und das Weib durch Sanftmuth und Vernunft nicht alles ausrichten?


Man erblikt in gewißen Augenbliken in beiden Geschlechtern doch immer den Menschen, sie mögen noch so sehr darauf antragen, ihn durch Vernunftschlüße zu verbergen.


Wohl dem Manne, wohl dem Weibe, die sich nicht nicht als schwache Menschen dünken, – sie sind viel weiter vom Falle entfernt, als jene phylosophischen Praler, die sich über menschliche Schwäche erhaben glauben. Hängt nicht auch der stärkste Sterbliche blos von einem unglüklichen Augenblike ab?


Ein Mädchen begehet immer die gedankenloseste Unbesonnenheit, wenn sie kühn auf ihre augenblikliche Tugend, über ihre schwächern Freundinnen die Nase rümpft.


Nur die Mädchen sind klug, die beim Falle anderer das Mißtrauen gegen sich selbst vermehren.


Vorsicht ist die Schuzwehr der Tugend. Warum die Gefahr nicht mit aller Stärke des Geistes fliehen, wenn man seinen Untergang durch eine innere Stimme, und diese spricht bei einem noch unverdorbenen Mädchen gewiß allezeit – zum voraus ahndet?


Mädchen traut eurer Stärke im Männerumgange nicht zu viel, sie haben tausend Kunstgriffe bereit, eure Schwäche zu überraschen.


Wie beredt ist nicht der Betrüger, wie sanft der Schleicher, wie begeistert der Wollüstling, wie wizig der Stuzzer, wie laurend der Häuchler, wie künstlich sind sie nicht alle, um bei schwachen unerfahrnen Mädchen Blossen zu entdekken, die sie auf eine schändliche Art zu benüzzen sich vorgenommen haben!


Das Mädchen handelt am klügsten, die sich an der Seite eines Jünglings so lange mit Mißtrauen bewaffnet – bis sie seine Grundsätze, sein Ehrengefühl, seine absichtslose Neigung ganz geprüft hat.


Wenn die Mädchen nur wollen; so sind die Jünglinge gezwungen in ihrem Umgange, wenigstens aus Lebensart, die Sprache der Hochachtung zu führen. Ich möchte den Grobian sehen, der eine andere Sprache als diese wagte, so bald ein Mädchen Denkerinn genug ist, ihn ohne Affektation, ohne Ziererei, mit Würde in jene Schranken zurückzuweisen, die er dem Wohlstande schuldig ist.


Freundinnen gebt genau acht auf die Sprache eines Jünglings, wenn ihr ihm nur eine einzige Silbe Anzüglichkeiten hingehen läßt – dann werden sie nach und nach sich so anschwellen, daß ihr sie nicht mehr zu bemeistern im Stande seid. Und die Folge? O daß ich es sagen muß – Verführung meine Besten!


Ich wünschte, daß die Mütter ihre Töchter so frühe als möglich in Männergesellschaften führten, damit ihnen der Verführungston bekannter würde. Erst dann würden die Mädchen sich gegen ihre Kunstgriffe mit Erfahrung und Vernunft waffnen können!


Welches unerfahrne Mädchen kann vor der Gefahr zittern, wenn ihre Abgründe ihr noch ganz unbekannt sind?


Wenn die Mutter Menschenkennerinn ist; so wird es ihre Tochter auch werden, wenn sie anders nicht ausartet. Dies schöne Studium ist wahrlich die beste Mitgabe, die Sie ihr geben kann, es wird sie für Betrug und Verführung schüzzen.


Ein Mädchen, die sich in Gesellschaften frühe schon gewöhnt, die Beobachterinn ihrer eigenen und anderer Fehler zu werden, wandelt gewiß dem Wege der Tugend zu; denn Leichtsinn oder Eitelkeit wird nicht so leicht ihre Seele übertäuben.


Man muß zu erst Denkerinn seyn, ehe man Beobachterinn werden kann.


Wo kann ein Mädchen die Welt, ihre gute und schlimme Seite beßer kennen lernen, als in Gesellschaft? Versteht sich – an der Seite ihrer Mutter, oder Erzieherinn.


Die sanften, mitleidigen Empfindungen eines Mädchens werden im Umgange beßer geübt; sie erhalten durch Welt und Menschenkenntniß jene vernünftige Richtung, die der Denkerinn Ehre machen.


Ein unerfahrnes Mädchen, deren Empfindungen blos die Wirkungen ihrer natürlichen Güte sind, wird nie zu so großen, edlen Handlungen fähig, als die Denkerinn. Gute Handlungen müßen nach Plan, Ordnung und Zwek ausgeübt werden, sonst gränzen sie an alberne Güte, nicht an Edelmuth.


Nur der ist edel, der sich selbst über dem Wohl anderer vergißt. – Nur die handelt edel, welche eine Wohlthat, eine Dienstleistung im Feuer ihrer gutherzigen Begeisterung ausübt, wo minder großmüthige nicht den Muth dazu haben.


Dem Unglüklichen Geld hingeben, kann jeder reiche Thor, aber ihn, da mit milder Hand aus dem Abgrund herausreissen, wo ihn jederman verläßt, das ist edel!


Glauben sie mir, meine Freundinnen, es giebt oft verfolgte Unglükliche, wider die der Pöbel seine Stimme erhebt. Mit diesen in ihrem Elend eine Thräne weinen, ist mehr werth, als meine Feder auszudrüken vermag.


Uiberhaupt besteht Edelmuth in dem, was keine niedrige Seele unternimmt. – Sie ist der schönste Sieg der Vernunft, und des Gefühls.


Wenn ich die Schöpfung in ihrer Größe, die Natur in ihrer Wohlthätigkeit, den Werth des Menschen in seinem ganzen namenlosen Umfang erbliken will; dann erscheint mir das Bild eines edelmüthigen Frauenzimmers.


Im Ganzen genommen lassen sich von der Edelmuth keine Regeln angeben; diese schöne göttliche Tugend erstrekt sich überallhin, wo kein gemeiner Sinn hinlangt, überallhin, wo nur grosse Seelen hinreichen können. Gewiß wird sie bei niedrigen, eigennüzzigen Seelen nie ihren Wohnsiz aufschlagen.


Eine edelmüthige Seele ist kühn in ihren Unternehmungen; wenn es auf die Rettung eines Freundes ankömmt, wagt sie da alles, wo kleindenkende feige Seelen nichts wagen. Sie ist groß im Verzeyhen; da, wo andere Rache ausüben, verzeyht sie. Kurz, sie ist in jeder ihrer Handlungen so unsterblich, daß nur die ihr nachahmen können, die von einer gleichen Begeisterung beseelet werden.


Nun auch ein Wörtchen von der Ehe und ihren Verbindungen!

Dies göttliche Land scheint ganz zur Beförderung menschlicher Glückseligkeit bestimmt zu seyn, und doch wird es nicht selten die Störerinn derselben. Ei woher kömmt denn diese entgegengesezte Wirkung? Aus dem unverzeyhlichen Irrthum, unter dem es meistens geknüpft wird. Nur wenige treten mit jenen unbefangenen, reinen Herzen, mit hinlänglichen, moralischen Grundsäzzen in den Ehestand; wie es Liebe, – Vernunft – und Sittenlehre fordern.


Gott! warum gleichen doch die meisten Ehen einem Tausch, wobei Eigennuz, Dummheit, Wollust oder überspannte Empfindelei das Wort führen? Wie kann dies Band dauern, wie kann es die menschliche Glükseeligkeit befödern helfen, wenn es auf so hinfälligen, wurmstichigen Säulen ruht?


Die meisten Aeltern befördern und erzwingen so gar die Verbindungen ihrer Kinder aus Eigennuz, Herrschsucht, Eigendünkel, Vorurtheil u.s.w. Die Kinder gehorchen ihnen dann aus Schwäche, Unerfahrenheit, aus Lust zur Freiheit, aus Sinnlichkeit, aus Mangel an wahrer Liebe, aus Gedankenlosigkeit u.s.w. – Menschenfreunde vertilgt zu vor diese Barbareien; dann erst wird das Band der Ehe jenes Menschenglük befördern helfen, das man von ihm erwartet.


Es giebt leider Aeltern, die das wichtige Gefühl der Liebe, die Neigung und harmonirende Grundsäzze der Brautleute erst dann nur obenhin überdenken, wenn ihr Eigennuz und andere schändliche Leidenschaften schon befriediget sind. Was läßt sich wohl von dergleichen Verbindungen erwarten? Das was man täglich sieht: Zank, Hader, Ausschweifungen, – Trennung, oder Verzweiflung!


Ich habe während meinen Beobachtungen nur wenige alte Leute gefunden, die nicht mit einer Kälte, worüber einem die Haut schaudert, mit einer Stärke des Vorurtheils, das jeden Fühlenden entsezzen muß, kurz, mit solchem beißenden Spott, der den Menschenfreund zittern macht, von Neigung und Liebe gesprochen hätten! Weg ist bei diesen Unduldsamen jene empfindsame Begeisterung, die ihnen Mitleid einflößen könnte!


Ich fodere nicht, daß Aeltern jede Unbesonnenheit der Jugend billigen sollten, nicht, daß sie Empfindelei für Liebe halten, nicht daß sie dem Eigensinn, Schwäche entgegensezzen u.s.w. – Aber ich wünschte, daß sie mit Sanftmuth Unbesonnenheiten verhüten, mit Vernunft wirkliche Liebe von der Empfindelei unterscheiden; die erstere aus Vorurtheil nicht wie die leztere behandeln, – kurz, ich wünsche, daß sie in kleine Vergehungen willigen, um grössere Verbrechen zu verhüten, mit denen nicht selten, auch öffentliche Schande verknüpft ist. Nur zu oft machen die bis zum höchsten Grade gestiegenen Leidenschaften den Aeltern mehr Schande, als ihren Kindern jede Widersezlichkeit in der Liebe. Warmes Blut, und die daraus entspringenden Fehler entschuldigt selbst der Schöpfer – Aber kaltes Blut und boshaftes Uibergewicht, barbarischen Vertilgungsgeist, – wer wird einst diese entschuldigen?


So bald der Freier ein biederer Jüngling ist, der Fähigkeiten genug besizt, sich und die Seinigen zu ernähren – sobald das Mädchen einen unbescholtenen Ruf, ein gutes Herz, einen gebildeten Geist mit in die Ehe bringt, wozu dann Reichthum und Ansehen? – Aeltern, überläßt doch der Vorsehung und dem Fleiß junger Liebenden auch etwas!


Nach den Grundsäzzen einiger sinnloser mürrischer Freudenstörer müßte man jedem Armen den Ehestand verbieten. – O Gott, wie elend würde es dann um das menschliche Geschlecht aussehen? – Hieße es nicht die ohnehin stark einreißenden Ausschweifungen befördern helfen? – Wo käme es am Ende mit dem Menschengeschlechte hin? – Was würde aus dem Winke der Vorsehung, der uns besonders bei Nahrungssorgen so deutlich an die Allmacht zu erinnern scheint.


Wenn Geschöpfe wirklich harmoniren? ich meine nicht blos von der Oberfläche, wenn sie wirklich durch lange Erfahrung harmoniren, Hände und Kopf haben, mit Stärke des Geistes Uiberfluß zu entbehren wissen, feste Grundsäzze genug, um in jeden Schiksalen des Lebens tugendhaft auszuharren, was brauchen sie mehr, um glüklich zu seyn?


So duldend diese Grundsäzze für ächte Liebende sind – eben so feurig wünsche ich, daß diejenigen, welche blos aus sträflichen Absichten lieben, sich keinen schiefen Begriff davon machen mögen. – Jünglinge und Mädchen, die in der Liebe nicht Vernunft und Uiberlegung zu Führerinnen wählen, werden bald die Früchten ihrer Thorheiten empfinden.


Es giebt junge Leute, die in der Liebe zum Ausharren zu feige sind, ihre Leidenschaften übermannen sie; sie trozzen dem Schiksale auf eine tollkühne Art – laufen in die weite Welt, ohne Plan, ohne Aussicht. So was gränzt an Raserei, nicht an wahre Liebe.


Ziehen wir uns nicht einen großen Theil der Schiksale selbst zu? – Wenn wir leidenschaftliche Unbesonnenheiten begehen, wenn wir als leichtgläubige Thörinnen da trauen, wo wir nicht trauen sollten; wenn wir verrükte Dinge unternehmen, die nicht auf Plan nicht auf Ueberlegung gegründet sind?


Wenn sich das Laster selbst straft, ist es dann die Schuld des Schiksals, daß Verzweiflung es ergriff?


Der Mensch kann sein Herz nach und nach so verwüsten, daß er sich vor seinem Bild entsezzen würde, wenn es ihm in der wahren Gestalt erschiene.


Neid und Eigenliebe sind Leidenschaften, die im weiblichen Herzen eine solche Stärke erreichen können, daß der Beobachter erstaunen muß, – wenn er ihre Verwüstungen untersucht.


Man sagt: es sei besser zehen Männer ganz beleidigen, als nur ein einziges Weib halb.


So bald ein Frauenzimmer über eine Stunde lang trozzen kann, ohne einige Zeichen der Versöhnung von sich zu geben; dann wehe ihrem Herzen, es wohnt schwarze heimtükkische Rache darinnen!!


Menschen die ihren Zorn schnell auslassen, sind weit weniger zu fürchten, als die, welche ihn im Herzen herumtragen. Je länger dieser im verborgenen wütet, desto mehr Unglük brütet er aus.


Wie kömmt es doch, daß der weibliche Zorn jeden Ausdruk übersteigt? – Wie kömmt es, daß ein Weib leichter zehenmal zur Furie wird, eh‘ es der Mann nur einmal dazu bringt, Teufel zu werden?


Ich denke immer, die Unversöhnlichkeit der Weiber entspringt aus der Quelle ihrer starken Reizbarkeit. Gesellt sich nun zu dieser Schwäche noch beleidigte Eitelkeit und schlechte Erziehung, dann steht die Furie in weiblicher Gestalt vor uns!


Nachdenken allein könnte das weibliche Geschlecht in jenen sanften Empfindungen erhalten, wozu es von Gott und der Natur bestimmt wurde. Nachdenken giebt der weiblichen Seele jene Stärke, die sie bedarf, um moralisch gut zu werden.


Selbst Schmäh- und Verläumdungssucht müßte unter den Frauenzimmern verschwinden, wenn sie daran gewöhnt würden, über die Häßlichkeit dieses schändlichen Lasters mehrer nachzudenken.


Wie entstellt wird die sanfte Bildung eines Frauenzimmers, wenn sie ihre Züge zum Verläumden anstrengt.


Verläumdungssucht und Schwazhaftigkeit rechnet man gewöhnlich zu den Lieblingsleidenschaften der Weiber. – Aber es giebt leider in unsern Zeiten auch Männer; die in Weiberrökken stekken – Pfui, das ist schändlich – mehr als schändlich!!!


Ein schwazhafter, schmähsüchtiger Mann macht der Natur weit größere Schande, als ein schwazhaftes, schmähsüchtiges Weib. Ein Mann entheiliget durch diese schändliche Gewohnheit Bürgerpflicht, Duldung, Vernunft, kurz sein ganzes Geschlecht, von dem man edlere Grundsäzze erwartet.


Wer den wahren Urheber einer Klatscherei mit Gewißheit entdekken will, der beobachte die Unruhe des Verdächtigen, seinen Verthaidigungseifer, den empfindlichen Antheil an dem Verweise, sein böses Gewissen wird sich unstreitig so äußerst sprechend verrathen, und wenn auch der Beleidigte nur von ferne auf ihn zielte.


Der wahre Beweis der Unschuld ist die stille Ruhe des Beschuldigten in dem Augenblikke, wo ihm etwas direkte oder indirekte vorgehalten wird. – Seine Empfindlichkeit ist gewiß von ganz anderer Gattung, als die des Schuldigen. Er wird nur augenbliklichen Schmerz empfinden; da indeßen der andere tobt, lärmt um den Verdacht von sich abzustreifen. O ihr elenden Insekten, euer Gift verräth euch von selbst!


Wozu Vertheidigung, wann sich das Herz keines Fehlers bewußt ist? Wahre Unschuld ist so fest, daß das Laster mit all seinen Kniffen sie nicht erschüttern kann.


Es giebt auch eine Gattung Geschöpfe, die ihren Nächsten aus bloßer gedankenloser Dummheit verläumden; indeßen ist die eigentliche Triebfeder doch immer mit Bosheit verschwistert.


Ein wirklich gutes Herz kann den Niederträchtigen fliehen, den Thoren belachen, den Schwäzzer fürchten, aber keinen von allen hassen.


Ich wünschte nichts sehnlichers, als daß ein guter Genius dem Verläumder, so oft er dies löbliche Handwerk treibt, den Spiegel vorhielte, worinnen er seine eigenen Fehler erblikte.


Dem Menschenfreund muß es unbegreiflich seyn, wie’s Christen geben kann, die sich um das Thun und Lassen Anderer erkundigen. Man sollte glauben, wenn Nächstenliebe und Duldung sie nicht von dieser elenden Beschäfftigung zurükhielte; so würde es doch das Ehrengefühl dazu bringen können.


Was ist Ehre? die zarteste, edelste Empfindung, die sich nie in einem schmuzzigen Herzen festsezzen wird.


Besässen die Menschen das Gefühl der Ehre nicht, sie würden in ihren Handlungen bis zum Vieh herab sinken. Was Tugend und Religion über die Leidenschaften nicht vermag, das bleibt der Ehre übrig.


Wohl denen Aeltern, die ihre Kinder schon frühe an dieses herrliche Gefühl gewöhnen. Wohl denen Erziehern, welche die Kunst besizzen, ihren Zöglingen Ehrengefühl ohne Eitelkeit, ohne Hochmuth, ohne Rachsucht einzuflößen. Spannt man aber dieses Gefühl in der Erziehung zu hoch: dann wird es in einem jungen Herzen eben so geschwind zur Chimäre, als es sonst zur Wohlthäterinn geworden wäre, wenn es auf Vernunft gegründet ist. Daher die Rasereien der Jugend, Duell, Mord, Tollheit u.s.w.


Es giebt Menschen, die ein übertriebenes Ehrengefühl besizzen, und sich dadurch das Leben zur Hölle machen. Dieses Gefühl ist nicht wirkliche Ehre, es ist mehr überspannte Narrheit, heimlicher Hochmuth.


Wer die herrlichen Wirkungen der Ehre untersuchen will, der beobachte Leute von Erziehung und den Pöbel. Himmel, welch eine Verschiedenheit in ihren Handlungen!


Die weichsten Herzen sind zu den Eindrükken der Ehre auch die empfindlichsten. Mütter, was könntet ihr aus euern Töchtern für engelreine Mädchen erziehen, wenn ihr die Kunst verstündet, ihre kleinen weiblichen Eitelkeiten zum Ehrengefühl umzustimmen!


Was macht den mächtigen groß, das weibliche Geschlecht keusch und bescheiden, den Bürger zum biedern und arglosen Mann, als Ehre?


Woher entstehen die Zügellosigkeiten des Pöbels, woher Dieberei, Mord, Niederträchtigkeit, Unversöhnlichkeit, Eigennuz, Verläumdung, als vom Mangel an Ehre?


Wenn Aeltern in ihren Kindern das Gefühl der Ehre so rege zu machen wissen, daß es zu ihrer Beßerung blos eines Winkes bedarf, was bleibt diesen Glüklichen dann noch für ein Wunsch übrig, um alles von ihren gut erzognen Kindern zu hoffen?


Ein Mädchen ohne Ehrengefühl ist eben so verächtlich, als ein Mann ohne Muth.


Das reizende Wort Ehre erhält in einigen Menschenköpfen so vielerlei Auswüchse, daß man darüber erstaunen muß, wenn man es in übertriebenem Ehrgeiz ausarten sieht. Was macht den Höfling kriechen, den Niederträchtigen zum Kabalisten, als der falsche Begriff von Ehre? Was den Dummkopf von seiner irdischen Höhe aufgeblasen auf andere hinabblikken? Was den Krieger barbarisch, den Bonzen verschmizt, den Redner zum Hanßwursten, den Schriftsteller zum Gekken, die Weiber zu Buhlerinnen, als eben der Mißbrauch dieses Worts? Es giebt Menschen, die im Laster ihre Ehre suchen. Sie kann die Triebfeder zu allem Guten, aber auch der Sporn zu allen Thorheiten und Lastern werden.


Man behauptet, daß jeder Mensch mit einer gewißen Gattung Ehrengefühl gebohren wird. Wenn nun diese schöne Anlage nicht benüzt, nicht mit Vernunft fortgepflanzt, oder gar unterdrükt wird; an wem liegt dann der Fehler, als an Aeltern und Erzieher? Ist es die Schuld der Natur, wenn ihre Zöglinge vernachläßigt werden?


Wie kann dies fürtreffliche Gefühl in jungen Herzen zur Reife kommen, wenn es schon in ihrer Blüthe erstikt wird? Durch rohe Behandlung, durch Schläge und übels Beispiel erstikt wird?


Aeltern, wenn ihr euern Kindern durch pöbelhafte Behandlung, das Gefühl der Ehre aus ihren Herzen verdrängt; dann dürft ihr jede Niederträchtigkeit von ihnen gewärtig seyn.


Unsere Vorältern wagten um das Wörtchen Ehre, Leib, Gut und Blut. Aber jezt ist es so bis zur Galanterie herabgesunken, daß es die milchbartigen Nachfolger mehr im Spaß, als im Ernst aussprechen.


Ehedessen hieß es: ein Mann ein Wort; jezt kann man bald sagen? ein Weib ein Wort; denn wenn das weibliche Geschlecht seine Versicherungen nicht aus Festigkeit des Karakters realisirt; so geschieht es bei ihm doch gewiß aus Eitelkeit. Immer besser, als gar nicht.


Die schönste Zierde eines deutschen Biedermanns ist, wenn er lieber Wort hält – als blos verspricht – Im Versprechen bedachtsam, im Worthalten feurig, dies zeichnet den Biedermann aus.


Der Mann, der gerne verspricht, hält gewiß desto schwerer Wort.


Wozu taugt wohl ein wortbrüchiger Mann, als um der Schande doppelte Schande zu machen?


So bald die Menschen untereinander nicht mehr auf Wort und Treue glauben können. Dann häuft sich gewiß auch das menschliche Elend. – Wortbrüchigkeit droht jeder gesellschaftlichen Pflicht den Sturz.


Wortbrüchigkeit an einem Freund, übersteigt jede Marter! Kann man dem Unglüklichen mehr thun, als das Heiligste, was er hingab, sein Zutrauen mißbrauchen? Besser den Dolch geradezu ins Herz, als schmeichelnde Niederträchtigkeit.


Freundschaft ist das gewöhnlichste Wort, wie kann es das heiligste seyn?


Sind die halb erschlaften Herzen unsrer jezigen Teutschen nicht zu kalt zur Freundschaft? – Wie viele Reihen unsrer jezigen Männer müßte man durchirren, bis man nur einen fände, der es in dieser Neigung seinen Vätern nachmachte?


Wer Freund im wahren Verstände seyn will, der muß die Fehler seines Freundes zu seinen eigenen rechnen sich selbst über den Freund vergessen; da groß und wohlthätig handeln, wo er seiner bedarf; je mehr er Fehler in seinem Freund erblikt, desto feuriger muß er an seiner Besserung arbeiten; selbst im Taumel der Leidenschaft muß der Freund dem Freund treu und standhaft anhängen, sich nicht durch pöbelhafte Schwäche in einem Zeitpunkt abstreifen lassen, wo minder edle von ihm weichen würden; kurz, er muß des Freundes Handlungen alle mit so viel Sorgfalt untersuchen, als ob die Natur ihn dahin gestellt hätte, um fest unzertrennlich an ein Wesen gekettet zu seyn, welches alle die Wohlthaten von der wahren Freundschaft zu erwarten das Recht hat.


Zeigt mir den Mann, zeigt mir das Weib, die fähig sind, Freundschaft nach dem wahren Sinne des Worts den kalten Menschen begreiflich zu machen? Zeigt mir sie – und die Welt soll mich dann nicht mehr, ein Sammelplaz so vieler zur Freundschaft Unwürdiger dünken.


Die Menschen unter sich würden weit eher zur wahren Freundschaft fähig seyn, wenn sie dieses herrliche Wort nicht hätten zum Alltagsspruch werden lassen. – Wenn sie ihre Verbindungen mehr auf gleiche Grundsäzze gründeten, wenn sie die häufigen Seeligkeiten dieser holden Menschenbeglükkerinn nicht so oft aus Fühllosigkeit, Unvernunft und Vorurtheil von sich stießen.


Ein leeres Herz, das nie für Freundschaft offen stand, eilt schnell jenem Zustande entgegen, der an Langweile, Missvergnügen und Schlafsucht gränzt. Ist wohl ein solches Leben dem Tode vorzuziehen?


Sperrt mich ein, martert mich, verfolgt mich unterdrükt mich; aber gebt mir nur einen wahren Freund an die Seite.


Der Mensch ist zum gesellschaftlichen Leben geschaffen, in der grossen Welt genießt er es bloß im gedankenlosen Taumel; an der Seite eines wahren Freundes hingegen, in namenloser Wonne!


Ich möchte, wenn es möglich wäre, den Mädchen allen, Neigung zur wahren Freundschaft einflößen. Dies wäre unstreitig das beste Mittel, ihre Herzen gegen den Neid zu sichern.


Glauben Sie mir Freundinnen, nicht die Freundschaft ist gefährlich, wie man es im gemeinen Sprichwort dafürhält – sondern bloß ihre Wahl.


Sanftes Mädchen, wenn du dir einen Freund aus dem andern Geschlechte wählen willst; so trage darauf an, daß er dir nicht mehr und nicht minder als Freund ist.


Ist es wohl eine so leichte Sache unter dem weiblichen Geschlecht Freundschaft anzutreffen? – Welche von Ihnen meine wertheste Leserinn hat Lust, mir diese Frage zu beantworten? – Ich bin zur Fehde, oder zum Frieden bereit; wie sie wollen. Aber jezt diese Frage öffentlich zu entscheiden, – darf ich um der schadenfrohen Männer willen nicht, so offenherzig ich auch sonst immer bin – nebst dem ist mir auch nicht wenig daran gelegen, ihre Empfindsamkeit zu schonen.


Empfindsamkeit ist ein trefliches Wort, wenn es nicht aus einer unwürdigen Quelle entspringt. Eigenliebe, Schwachheit, süße Romanen lesen, das Sirren eines Mondsüchtigen Liebhabers anhören, macht auch empfindsam; aber auf eine ganz andere Art. – Es giebt Mädchen, die über Empfindelei die wahre Empfindsamkeit vergessen.


Das, was die Zunge auf unzählige Arten zu verschonen weiß, das, was blos dem Ohre des Zuhörers gefallen will, das, was sich bei jeder Kleinigkeit unter Winseln und Seufzen ausdrükt, das, was bei dem Tode einer Mükke in Thränen übergehen kann, ist gewiß nicht wahre Empfindsamkeit, ist blos Affektation und Empfindelei. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein solches empfindendes Geschöpf bei Auftritten, die das Wohl der Menschheit betreffen, gerührt werden würde. – Wahre Empfindung ist nicht gesprächig – sie wohnt im Herzen, nicht im Munde.


In unserm Jahrhundert ist Empfindelei so zur einreißenden Sucht geworden, daß es wohl wider den großen Ton seyn würde, wenn sich nicht die meisten Mädchen recht fleißig bemüheten, blaßgelbe Empfindlerinnen zu werden. Gewinnt ein Gatte, gewinnt das Hauswesen dabei, wenn ihm eine solche Winslerinn zu Theil wird?


Liebe macht ein empfindsames Wesen schwermüthig, das ist nicht zu läugnen! – Aber diese Schwermuth ist stumm, verbirgt ihre Leiden, drükt sich durch Zeichen aus, die sich nicht nachahmen lassen.


Empfindelei hingegen ist Affengeschwäz, Schein, Nachahmung, leerer Schall, der nicht die geringste Probe aushielte, wenn der Kenner seinen Ursprung untersuchen wollte. Wahre Empfindung ist mit der Natur so übereinstimmend, daß dem Beobachter da, wo er sie gewahr wird, nicht der geringste Zweifel mehr übrig bleibt.


Es geht doch wunderlich zu in der Welt, alte Leute halten fast alles für Empfindelei, Junge alles für wahre Empfindung. O Wirr Warr! O Mißverstand.


Wer kömmt weiter in der Verbesserung seines Herzens; der Freimüthige, der alles gerade und bieder heraussagt – und wenn es auch seine eigenen Fehler beträfe – oder der Verschlossene, der durch Zurükhaltung weder seine eigene noch anderer Besserung befördern kann???


Edel freimüthig ist nur derjenige, welcher seine eigene Thorheiten, in Gegenwart anderer nicht schont. Wozu Ziererei und Verstellung; da wir alle doch blos Menschen sind?


Kein Denker wird dem Schriftsteller Freimüthigkeit verargen, so bald er sich anders nicht bis zum Paßquilliren herabwürdigt. Wenn der Sittenbeobachter mit Thorheiten und Lastern Komplimenten macht, wie weit wird er es dann in der Sittenverbesserung wohl bringen?


Das gesellschaftliche Leben hat seine Pflichten; wer sie nicht halten will, der entferne sich davon. Besser, als in demselben wie ein Erzgrobian erscheinen.


Wenn wir im gesellschaftlichen Leben keine Regeln des Wohlstandes beobachten wollten, wie bald wäre jede Harmonie unter den Menschen zertrümmert! Wie bald gliche jede Versammlung einer Bierstube, worinnen Zügellosigkeiten von allen Gattungen zum Vorschein kommen.


Eine der ersten Grobheiten im gesellschaftlichen Leben ist, wenn man unvernünftig genug seyn kann, den eintretenden Fremden mit Fragen zu überhäufen. Selbst die gleichgültigste Frage kann oft den Gefragten in Verlegenheit sezzen. Nicht alle Menschen sind zum Antworten bereit – nicht alle können Antworten – und die wenigsten antworten gewis nicht mit gutem Willen.


Uibertriebenes Fragen sezt Verdacht, oder nasenweise Neugierde zum voraus. – Ei, wie kann es doch Menschen geben, die diese löbliche Gewohnheit an sich haben? – Was einer in Gesellschaften gerne sagt und sagen darf, wird er sagen, ohne daß er gefragt wird.


Für den neugierigen Frager weiß ich kein besseres Gegenmittel, als ihn wieder mit Fragen zu überhäufen. – Da läuft denn der Fuchs so hübsch in seine eigene Falle, daß es eine Freude ist, den schlauen Dieb überlistert zu haben.


Freundinnen! – Ich kann das Fragen nicht leiden! Sonst würde ich sie jezt fragen, ob sie mit meinem guten Willen, mit meiner ungeheuchelten Aufrichtigkeit, mit meinem bischen angewandten Fleiß, sie zu unterhalten, mit meinen komisch-ernsthaften und aufrichtigen Launen, womit ich dieses Werkchen bei angehäuften Haushaltungsgeschäften, oft sehr zerstreut niederschrieb, ob sie damit zufrieden sind, so wie es ist???


Die Autorin: Marianne Ehrmann, geb. Brentano (25. November 1755 in Rapperswil – 14. August 1795 in Stuttgart) war eine deutsch-schweizerische Schauspielerin, Schriftstellerin und Journalistin der Aufklärung.

Marianne Ehrmann wurde in Rapperswil (Schweiz) geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern, Franz Xaver Brentano [aus der Binger Linie] und Sebastiana Antonia Conti, lebte sie ab 1775 zeitweise bei ihrem Onkel, dem Theologen und Aufklärer Dominikus von Brentano, der als Stiftskaplan und Geistlicher Sekretär im Fürststift Kempten tätig war und sie förderte. Sie heiratete 1777 einen spielsüchtigen Offizier. Die Ehe verlief unglücklich, der gewalttätige Ehemann tauchte nach Geldbetrügereien unter, und Marianne erstritt 1779 die Ehescheidung. Danach erlebte sie einen sozialen Abstieg. Verarmt schlug sie sich als Magd, Putzmacherin und Wanderschauspielerin durch.

Um 1780 schloss sie sich einer Schauspieltruppe unter dem Bühnennamen von Sternheim, der einem Roman von Sophie von La Roche entlehnt ist, an. 1784 trennte sie sich in Straßburg von der Schauspieltruppe und lernte ihren späteren, sieben Jahre jüngeren Ehemann Theophil Friedrich Ehrmann kennen. Er war ein erfolgloser Schriftsteller, den sie ein Jahr später aus Liebe heiratete.

1787 zogen die Ehrmanns nach Isny und versuchten, sich mit einem Verlag selbständig zu machen. Ein Jahr später erfolgte der Umzug nach Stuttgart. Auf große Resonanz stieß ihr autobiographisch gefärbter Roman „Amalie. Eine wahre Geschichte in Briefen“, der 1788 erschien. Ab 1790 gab die Aufklärerin Marianne Ehrmann die Frauenzeitschrift Amaliens Erholungsstunden heraus. Da der Selbstverlag der Ehrmanns den Erfolg der Zeitschrift nicht bewältigen konnte, stimmten sie einer Übernahme des Verlags durch Friedrich Cotta zu. Bereits ein Jahr später kam es aber zu unüberbrückbaren Konflikten mit Cotta, die dazu führen, dass Marianne Ehrmann die Zeitschrift einstellte, Cotta mit dem Abonnentenstamm von Amaliens Erholungsstunden die Zeitschrift Flora begründete und Marianne Ehrmann ab 1793 ihre Vorstellungen mit der bei Orell, Gessner, Füßli & Cie. erscheinenden Zeitschrift Die Einsiedlerin aus den Alpen verwirklichte.

Am 14. August 1795 starb Marianne Ehrmann-Brentano im Alter von 39 Jahren an Lungenentzündung in Stuttgart. (Quelle:  Wikipedia)

Menschenbilder | Wie ich mal ein schrottreifes Motorrad ersteigerte und das Glück fand

Vor einger Zeit bekam  ich eine Email von einem Freund, mit nur einer einzigen Zeile Text. Es war ein Link zu einer eBay-Auktion. Der zum Verkauf angebotene Artikel war ein gammeliges Motorrad aus den 1960er Jahren. Es hatte einen verblassten roten Anstrich, ramponierte Kotflügel und nur einen halben Sitz. Es war zudem nicht ganz klar, ob der Motor lief. Ich verstand, was mir der Freund damit sagen wollte. Es war die Reaktion auf einen übereifrigen Kommentar, den ich über den Wunsch gemacht hatte, eine Reise aus der Stadt zu machen. Das Bike, sofern ich es nahm, war ein Anstoß, wie dieser Trip aussehen könnte. Ich mochte diese Idee, auch wenn sie mir völlig unpraktisch erschien – weder bis dato auf einem Motorrad gesessen, noch eine Ahnung hatte, wie die Maschine zum Laufen zu kriegen wäre. Dennoch: ich war fasziniert.

street-1284362_640Ich steigerte mit und bot 20 €. Die Auktion lief noch eine gefühlte Ewigkeit, und ich war sicher, dass ich schnell übertroffen werden würde. Daher verfolgte ich den aktuellen Status nicht und hatte mein Gebot schnell in die hinteren Hirnregionen verbannt. Vier Tage später bekam ich eine automatisierte E-Mail, die mir zu meinem Kauf gratulierte. Mein halbherziges Gebot war offensichtlich genug, und ich befand mich bald in der Garage eines unterbeschäftigten Schauspielers namens Martin, der mir half, das Bike auf einen gemieteten Hänger zu wuchten. Dank des Winks meines Freundes war ich nun der stolze Besitzer eines historischen Schrotthaufens. Seitdem fristete das Motorrad unter meinem Schlafzimmerfenster ein tristes Dasein; immerhin zog es die Blicke von Kindern auf dem Weg zur Schule auf sich. Weder habe ich gelernt, es zu fahren noch einen Motorrad-Führerschein gemacht. Aber ich bereue den Kauf nicht  für eine Sekunde. Es hat etwas tief Befriedigendes auf einem irrationalen Traum zu reagieren und zu handeln. Eines habe ich jedoch inzwischen geschafft: Das Motorrad ist restauriert. Schick ist es geworden. Und es fährt. Zuverlässig. Woher ich das weiß? Der  besagte Freund hat es getestet. Abkaufen wollte er mir das gute Stück. Aber nein. Es hängt mir am Herzen und bleibt bei mir. Wer weiß, vielleicht, eines Tages….

Denise Eyer-Oggier | Schweiz

 Denise Eyer-Oggier ¦ Visual-Artist ¦ Brig, Schweiz

Denise Eyer-Oggier malt, collagiert, erschafft Installationen, illustriert, fotografiert und gibt in Workshops ihr Know-how in Workshops weiter. Ihre Bilder zeigen künstlerisch ausgeformte Seelenlandschaften, sie zeigen Spuren & Formen, In ihren Werken finden sich meditative Formen über Zeit und Raum. Die Malerei von Denise Eyer-Oggier ist sowohl wild und schroff wie die Bergwelt in der sie lebt, als auch sanft, warm und intensiv wie das Leben, das sie liebt.

Ein Porträt in Wort und Bild:

Petite pause récréative. Feutre et crayon. D apres une photo de Denise Eyer-Oggier
Petite pause récréative. Feutre et crayon. D apres une photo de Denise Eyer-Oggier

Wann, wie und warum sind Sie Künstlerin geworden?
Ich hatte Glück, dass mein Lehrer damals meine Malereien mochte und mich ermutigte, so zu malen wie ich fühlte, auch wenn meine Malerei nicht konform war. Gegen den Willen meiner Eltern besuchte ich eine Kunstschule und absolvierte im Anschluss eine Ausbildung als Graphikerin.

Was ist der schwierigste Part am Künstlerdasein?
Der schwierigste Part am Künstlerdasein ist das beibehalten einer steten Kontinuität, das aushalten der Unsicherheiten. Das schwierigste ist sicher zu akzeptieren, dass das Künstlerdasein ein Leben im „Fremdland“ bedeutet.

Wie haben Sie sich seit Ihren Anfängen entwickelt?
Stetig weiter mit stetig höherem Anspruch an mich selber.

Mit welcher Kunst(form) identifizieren Sie sich besonders? Was beeindruckt Sie?
Mich interessiert die informelle Kunst mit zeichnerischen Symbolen, die narrativ und emotional ist.

Gibt es Künstler mit denen Sie gern verglichen werden würden?
Ja, mit Hans Falk beispielsweise.

Wie würden Sie die Kunstszene in Ihrem Umfeld beschreiben?
Ich wohne mitten in den Alpen und die Berge ringsum bedeuten Schutz und Gefängnis zugleich. Die Szene ist sehr einzelgängerisch.

Was bedeutet Kunst in der heutigen Zeit?
Kunst bedeutet sehr viel in der heutigen Zeit, sie rüttelt auf, sie lässt Emotionen zu, sie macht nachdenklich.

Atelier - Foto: Privat
Atelier – Foto: Privat

Was sind Ihre Zukunftspläne?
Weitermalen.

Was ist der beste Tipp/sind die besten Tipps, den/die Sie als Künstler bisher bekommen haben?
Sich selber sein und weiter malen.

Und welche Tipps haben Sie selbst für die, die sich gerade auf den Weg machen?
Weitergehen auf diesem Weg.trennlinie2

Eine kleine Auswahl ihrer Werke:

Steckbrief:

*1956 in Naters/Schweiz
Graphikerausbildung, MengisVisp
Schule für Gestaltung, Bern

Freischaffende Malerin Visarte (Berufsverband visueller Künstler)
SGBK (Schweizerische Gesellschaft Bildender Künstlerinnen, Sektion
Bern Romandie)
Ausbildete Erwachsenenbildnerin

The Transience of all being from Denise Eyer-Oggier on Vimeo.

Denise Eyer-Oggier im Web: eyer-oggier.ch ¦ facebook