Autor: Marvin

Marvin Klaus Ebert - kurz Marvin. Er lebt für und in seiner Bar. Marvin betreibt jeden Abend Menschenstudien & hat inzwischen fast alle Lebensschicksale im Gegegenzug zum Drink serviert bekommen. Und doch ist er immer wieder verwundert - insbesondere über das weibliche Geschlecht. An düsteren Tagen bemüht er sich intensiv nicht zum Misanthropen zu mutieren. Als Ausgleich zur Nabelschau der Seelen treibt er Sport und träumt immernoch von der Teilnahme an einem Triathlon. Marvin schreibt vornehmlich über das Verhältnis von Mann & Frau.

Die Nullnummer | Dialog mit Leidensdruck beim Fantasyfilm

„Der ist ja Französisch mit englischen Untertiteln. Oh, und der zweite Film Spanisch mit englischen Untertiteln.“
„Und?“
„ Mein Französisch ist schlecht, mein Englisch auch und Spanisch ist gleich Null bei mir.“
„Und?“
„Wie und?“

Ich überlege, ob ich Freddy mit der Erklärung provozieren soll, dass das Festival ja schließlich Fantasy Film Festival heißt und ein wenig Fantasie durchaus angebracht wäre. Werfe den Gedanken über Bord und versuche es mit „Schau auf die Gesichter, die Mimik, achte auf die Körper, die Bewegungen, die Haltung, die Gestik, hör auf die Geräusche, die Musik. Du wirst beide Filme verstehen, auch ohne ein Wort zu verstehen.“
„Bist du sicher?“
„Ja.“
„Wirklich?“
„Ja.“
„Hm. Ich weiß nicht.“
„Um zu verstehen und sich verständlich zu machen, braucht man nicht immer Worte“, sage ich, inzwischen angenervt, weil ich mich sehr auf ‚Vidocq’ und ‚The devil´s backbone’ gefreut habe, und ich denke ‚bei dir brauche ich dafür, dass wir uns eigentlich ganz gut verstehen, heute außergewöhnlich viele Worte.’
„Okay, wenn du meinst.“

Sechs Stunden und zwei Espressi später fragt Freddy:
„Hat der Professor Carmen eigentlich geliebt?“
„Ja.“
„Bist du sicher?“
„Ja.“
„Wie kannst du sicher sein, er hat doch mitbekommen wie sie mit Jacinto in der Kiste war.“
„Na und? Hast du gesehen, wie er und Carmen sich angesehen haben?“
„Oh ja!“
„Sie liebten sich.“
„Aber er hat es ihr nicht gesagt.“
„Sie liebten sich.“
„Er hätte es ihr sagen können, als sie in seinen Armen starb.“
„Sie hat es gewusst.“
„Ich hätte es trotzdem schön gefunden, wenn er es ihr gesagt hätte.“

Ich bestelle mir wortlos bei der maskulinen Kellnerin mit den hübschen Augenbrauen noch einen Espresso (na bitte, wortlos geht doch, selbst unter Fremden) und beschließe, zwecks Verständnis in Zukunft mit Geraldine nur noch in Stummfilme zu gehen.

Kurzgeschichte | Maik friert. Er friert immer.

Maik friert. Er friert immer. Maik zieht sich die üppige Daunendecke bis ans Kinn heran, um gleich wieder seine Arme unter der Decke dicht neben seinen Körper zu legen. Maiks Kinn ist borstig, kleine rotblonde Bartstoppel sprießen überall aus seinem Kinn, seinen Backen, seinen Wangen und auf den wenigen Zentimetern Haut zwischen Nase und Oberlippe.

Zufrieden, weil er die Wärme spürt, die seinen Körper entlang krabbelt, schließt Maik seine Augen.

Ein Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus. Ohne seine Zähne auch nur einen Millimeter zu entblößen, zieht er seine Mundwinkel bis fast zu seinen Ohren hinauf. Einen Augenblick lang wirkt es, als würde er seine Lippen zusammen pressen. Sie sind voll, fast perfekt, ja, fast zu schön für den Mund eines Mannes.

Noch mehr als Maiks Mund grinsen seine Augen. Können Augen grinsen? Können geschlossene Augen grinsen? Sieben Falten, jeweils links und rechts von Maiks grünblauen Augen, sind Beweis, dass Augen grinsen können. Maiks Augen können schmunzeln.

Er öffnet sie. Schaut an die Zimmerdecke. Dann dreht er seinen Kopf langsam nach links. Da liegt sie. Sie, Grund für Maiks Lächeln. Grund für seine Zufriedenheit.

Nichts wärmt sie, kein Nachthemd, keine Unterwäsche, keine Decke. Nackt liegt sie im Bett neben Maik, dicht neben ihm, einzig die Decke trennt Körper von Körper. Sie friert nicht. Sie friert nie. Sie liegt auf dem Bauch, den Kopf zu Maik gewandt, ein Bein angewinkelt. Die Augen geschlossen, das Haar zerzaust. Ihre Haut ist weiß. Weiß wie das Laken in Maiks Bett.

Maik lächelt sie an. Er beugt sich über ihr Gesicht und setzt seine Lippen sanft auf ihre Wangen. Seine Nase berührt dabei ihre Lider, der Duft ihrer Haut entlockt ihm ein leises „Hmm.“ Er legt sich zurück und schließt seine Augen.

Sie öffnet die Augen. Sie lächelt. Sie sieht Maik unter der üppigen Decke, sieht sein Grinsen.

„Lass uns frühstücken“, sagt sie.

„Frühstücken, duschen, wieder ins Bett“, antwortet er.

„Duschen, frühstücken, wieder ins Bett“, sagt sie.

„Egal“, sagt er.

Maik, der bis eben noch nahezu unbewegt unter seiner dicken Decke lag, ertastet mit seinen Händen ihren Körper. Über ihren Po den Rücken hinauf bis zu ihrem Kopf lässt er sie gleiten, packt sie an den Haaren, fast grob ist sein Griff. Er zieht ihren Kopf ein wenig weg von seinem, schaut ihr mit weit geöffneten Augen ins Gesicht, so als könne er nicht glauben, was mit ihm geschieht. Als wolle er Distanz zu ihrem Körper, ihrem Kopf, ihrem Wesen schaffen, um begreifen zu können, dass Nähe wirklich ist.

Die Nullnummer | „Ich denke jedes Mal: ‚Die ist’s, für immer!‘ Und dann?

Sie: „Sie hat sich von dir getrennt?“
Er: „Ja, letzte Woche.“
Sie: „Wieso?“
Er: „Es passte offenbar doch nicht.“
Sie: „Hm. Die Welt ist voller schöner, schlauer Frauen.“
Er: „Vielleicht, aber langsam gebe ich den Glauben auf, etwas für immer zu finden.“
Sie: „Oh. Wieso das denn?“
Er: „Ich denke jedes Mal: ‚Die ist’s, für immer!‘ Und dann? Irgendwann, nach Monaten oder Jahren, war’s das dann wieder mit dem für immer.“
Sie: „Was ändert das an deiner Einstellung, bei jeder von neuem zu denken ‚Die ist’s, für immer!’?“
Er: „Nach ein paar gescheiterten für-immer-Beziehungen wirkt das doch irgendwie unglaubwürdig.“
Sie: „Unglaubwürdig? Wieso?“
Er: „Hmmmm …“
Sie: „Ich glaube, wir definieren ‚für immer’ völlig unterschiedlich.“
Er: „Wie kann man denn ‚für immer’ überhaupt definieren? Das ist doch ein völlig logischer Zeitbegriff.“
Sie: „Genau das ist es nicht für mich. ‚Für immer’ ist keine Zeitangabe, kein Haltbarkeitsdatum.“
Er: „Sondern?“
Sie: „Ein Glaubensbekenntnis an die Liebe.“

Er (glaubt wieder an die Liebe und an ein oder mehrere ‚für immer’) und Sie (glaubt schon immer und für immer an die Liebe) sind sehr gute Freunde, seit fast 20 Jahren. Vielleicht für immer.

Das Preisschild an der Bluse – Fragen des Lebens

Marvin! Mir ist vor kurzem etwas peinliches passiert. Ich war in meinem Lieblingsrestaurant zum Abendessen. Am Ende des Abends hat mir der Kellner gesagt, dass ich das Preisschild von der Bluse am Rücken habe. Ich bin dann nach Hause und seither nie mehr dort gewesen. Ich weiss nicht, wie ich mich jetzt verhalten soll. Was raten Sie mir? Ricarda, 23

Marvintrennlinie2Hallo Ricarda,
a
ls ich Ihre Frage gelesen habe, musste ich herzhaft lachen. Ich hoffe, Sie sehen mir das nach. Ich habe solche Dich auch schon gebracht und ich kann Ihnen versichern, dass mir in regelmässigen Abständen aus dem Freundeskreis ähnliche Schauergeschichten angetragen werden. Und wissen Sie was, ich liebe solche Malheurs! Sie sind ein unschätzbarer Quell der nachhaltigen Freude. Mit etwas Abstand werden sie drüberstehen und selbst lachen, glauben Sie mir.Weiterlesen

Verzicht – eine Bereicherung

Ein Hindu-Asket, der ein Metallgitter um den Hals trägt, um sich niemals hinlegen zu können (Aufnahme von Ende des 19. Jahrhunderts).
Ein Hindu-Asket, der ein Metallgitter um den Hals trägt, um sich niemals hinlegen zu können (Aufnahme  Ende 19. Jahrhundert).

Gestern im Männerkreis am Tresen erzählte Manfred, dass man auch anders verzichten könne. Nicht auf das verzichten, was einem Spaß macht, sondern auf das was einem nicht gut tut. [Als er das sagte hob ich meine linke Braue. Ein Stammgast weniger?] Aber: die Rede war nicht davon auf social media, Fernsehen, Handy, die Männerrunde oder Schokolade zu verzichten. Den Sinn hier zu verzichten hätten wir eh nicht so recht verstanden. Der Hang zur Selbstkasteiung ist doch Blödsinn. Das Ergebnis sieht man z.B. am Foto. Es verändert sich offensichtlich auch die Struktur des Gehirns.Weiterlesen

Der perfekte Liebhaber – Aus der Serie: Immer wieder gern bestaunt

Lord Byron als Don Juan mit Haidee, 1831 - Maler: Colin, Alexandre (1798-1873) - Privatsammlung -  The Bridgeman Art Library
Lord Byron als Don Juan mit Haidee, 1831 – Maler: Colin, Alexandre (1798-1873) – Privatsammlung – The Bridgeman Art Library

Ich habe (im Orgateam) an einer Studie teilgenommen, in der Frauen zwischen 18 und 50 Jahren  Fragen rund um den „perfekten Liebhaber“ beantworten sollten. Mehr als 2500 Frauen haben teilgenommen. Die Ergebnisse sollten der Anstoß zu einer Werbekampagne für Erotikspielzeug werden. Die Aktion wurde abgeblasen, da die Ergebnisse keinerlei neue Erkenntnis brachten und in ähnlicher Form hundertfach bereits zu lesen waren. Es hat mich dennoch erstaunt, dass dieses Thema für so zugkräftig gehalten wird, dass es seit Jahrzehnten stetig neu durchgekaut wird. 
In diesem Fall habe ich das unten aufgeführte Ergebnis einer ganzen Reihe von weiblichen Stammgästen (inkl. einem „Stammtisch“) präsentiert. Und, was soll ich sagen: er wurde immer und immer wieder heiß diskutiert. Weiterlesen

Meine Freundin sieht schon irgendwie Scheiße aus….was soll ich tun?

Marvin
Marvin

Neulich in der Bar. Kerl am Tresen, trinkt Cocktails (!) und textet mich zu:

„Ich habe eigentlich kein akutes Problem. Es ist mehr ein Gefühl, dass ich habe – im Grunde seit ich mit meiner Freundin zusammen bin. Und das ist mittlerweile über 4 Jahre her.

Wir haben uns im Ski-Urlaub kennengelernt und sind kurz danach zusammen gekommen. Ich würde nicht sagen, dass es (von meiner Seite aus) Liebe auf den ersten Blick war. Aber irgendwie sind wir dann halt doch zusammen gekommen und ich liebe sie. Ich fühle mich wohl in ihrer Gegenwart, vertraue ihr zu 100%. Ich möchte, dass sie glücklich ist und mir würde etwas fehlen ohne sie. Nebenbei haben wir einen weitgehend gemeinsamen Freundeskreis und mit ihren Eltern verstehe ich mich genauso gut wie sie mit meinen.

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