Autor: Kurt Ganser

Dr. Kurt Ganser, ist bei Gericht im Rhein-Main-Gebiet tätig. Dr. Ganser schreibt regelmäßig im Online-Magazin "der blaue ritter". Er beschäftigt sich privat mit unserer Geschichte (Schwerpunkt Neuere Geschichte) und seit vielen Jahren mit Marie-Luise Kaschnitz. Kurt Ganser betreut das "Wörterbuch-Projekt". Es ist sein erstes Buchprojekt. Privat liebt Dr. Ganser es, in "seiner" Donnerstagsrunde am Stammtisch eines Bistros mit Gleichgesinnten über aktuelle Entwicklungen, Literatur und Musik zu philosophieren.

B | Ein biographisches Wörterbuch

Wenn ich die Fähigkeit dazu besäße, würde ich ein biographisches Wörterbuch herausgeben, und etwa in alphabetischer Ordnung zunächst alle die zusammenstellen, welche keinen Bart tragen. Der Kürze wegen könnten die Lebensbeschreibungen der Gelehrten, Literaten, Künstler, ausgezeichneten Krieger und Staatsmänner, – überhaupt all der Menschen, welche vom allgemeinen Interesse in Anspruch genommen werden, wegfallen; ihr Leben ist einförmig, langweilig; Erfolge, Talente, Verfolgungen, Beifall, ein Leben im oder außer dem Hause, der Tod auf halbem Wege, Armut im Alter – das alles gehört nicht dem Betreffenden, sondern seiner Zeit. Darum vermeide ich keineswegs biographische Abschweifungen: sie offenbaren den ganzen Reichtum der Schöpfung.

Wer Lust hat, mag daher diese Episoden überschlagen, aber damit überschlägt er auch zugleich die Erzählung selbst. | Aus Alexander Herzens: Wer ist schuld?

***

Alexander Herzen porträtiert von Nikolai Nikolajewitsch Ge, ca. 1867

Alexander Iwanowitsch Herzen (Pseudonym Iskander; * 25. Märzjul./ 6. April 1812greg. in Moskau; † 9. Januarjul./ 21. Januar 1870greg. in Paris) war ein russischer Philosoph, Schriftsteller und Publizist.

Wenn das -a- zum Marker wird

ist das welt a im wort?
ist a das welt im wort?
ist das welt im a wort?
a ist das welt im wort?
ist das a welt im wort?
ist das welt im wort a?

das ist welt a im wort.
das ist welt im wort.
das ist welt im a wort.
a das ist welt im wort.
das ist a welt im wort.
das ist welt im wort a.

Das a als Marker für die Betonung und damit für Sinn-Variationen innerhalb des Fragen-Antwort-Reigens und legt schließlich eine gewisse Beliebigkeit bei der Beantwortung der Frage nahe, denn wo ein a ist muss doch auch ein b, ein c sein, oder?

Inspiriert von Ernst Jandl.
Titelbild: Das japanische Kana A

M wie Mond

Erinnerungslücken zur Nacht | Gewohnt, die Dinge zu nehmen wie sie kamen, war sein Leben so ein gleichmäßiges, arbeitsreiches gewesen, so ein völlig traumloses, wie auch ein guter, gesunder Schlaf traumlos sein muss. Er hatte ganz ohne Rührseligkeiten gelebt, ganz ohne Sehnsucht & Liebesdinge.

S wie Selbst-Laute

Der Symbolist Arthur Rimbaud [1854 – 1891] stellt in seinem Gedicht Selbst-Laute seine Assoziationen zu Klang und Aussehen der Vokale zusammen.

Gedanken 1 | Wie mögen die Assoziationen aussehen, wenn die Schrift verändert wird, z.B. bei Verwendung der Unziale oder Minuskel?

Wappen

Gedanken 2 | Eine Stadt nur aus Vokalen: Ii – Ort in NordFinnland, nahe Oulu. 9685 Einwohnern/2016
Normalerweise sind finnische Worte eher lang & reich an Vokalen. Die nordfinnische Gemeinde „Ii“ besteht dafür zu 100% aus Vokalen. Aus dem Samischen „iddja“ oder „ijje“ abgeleitet, bedeutet der Namen „Nacht“.

Das erste von zwei Bahnhofsgebäuden in der Gemeinde Kuivaniemi, zu der auch Ii gehört. Entstanden 1904, als Station auf der Oulu–Kemi-Linie. Das Gebäude liegt heute im Stadtzentrum. Die neue Bahntrasse liegt außerhalb des Ortes. Heute wird das Haus privat bewohnt.

Stadtwappen seit 2007. Entworfen 1967 von Kaj Kajander.

Das alte Bahngebäude in Ii aus dem Jahre 1904

Z wie Zwielicht

Gemälde | Karl Wilhelm Diefenbach (1851–1913) | Frage an die Sterne | 1901  — Erster Gedanke: hier fehlt das Zwielicht.

***

Ich muss aufhören. Meine Gedanken verlieren sich in die dichte Nacht einer freudlosen Zukunft; die hellsten Stellen sind ein mattes Zwielicht, in dem ich die Gesichter des Vaters und meines erkenne. Wie strahlend war die Aussicht durch das offene Tor, an dem der Todesengel Wache hält! Und die Ruhe breitete sich gleich dem grellen weißen Licht aus.

Der Wecker zerfetzte die Szenerie mit seinem schrillen Tönen. Endlich. [gefunden bei Paul Heyse]

Zwielicht entstammt dem Niederdeutschen: mittelniederdeutsch twēlicht // eigentlich: halbes, gespaltenes Licht | Kein Teelicht.

Dämmerlicht, bei dem die Umrisse von entfernten Objekten nicht mehr genau zu erkennen sind.
Unangenehme, schwache Lichtverhältnisse, die durch zwei verschiedenartige Lichtquellen erzeugt werden.
Ein Gedicht Joseph von Eichendorffs (Zwielicht). Von Robert Schumann vertont | Liederkreis op. 39 (Schumann)
Verdächtige Gestalt // dubiose Handlung.

Peter Altenberg | Kriegshymnen san net schlecht.

Kriegshymnen san net schlecht. Gar net schlecht!
So Worttrompeten, Wortetrommeln, Wortgeratter:
Auf in den Kampf, auf in den Tod! Zum Siege!
Doch schmerzlicher dient man dem Vaterlande
mit einem Leberschuß, einem Schuß in die Niere, in die Nabelgegend!
Man muß es dann nämlich tragen, Jahre
lang, auch wenn die Kriegsbegeisterung vorbei ist,
und Nüchternheiten einziehn in die Seelen!
Nüchtern berauscht sein, das war ewig
die Devise meines Herzens! Künstlertum im Leben!
Nicht berauscht berauscht, und nicht nüchtern nüchtern!
Sondern nüchtern berauscht! Begeisterung in heiligen Friedenszeiten!
Der Krieg begeistert jeden schon von selbst!
Was braucht man da noch Trommeln und Trompeten?!?
Jedoch im heiligen Frieden wird wieder alles schlapp und müde,
und trottet fort in schäbigem Geleise!
In Friedenszeiten, Dichter, Philosophen,
rufet die Menschen wach und auf
zu Lügelosigkeit, Einfachheit, Askese und
vornehmer Gesinnung durch und durch!
Auf daß ein nächster Krieg unmöglich
werde und sein Schreckenslärm,
und ebenso Kriegshymnen-Blech!

Reime zur Zeit: Peter Altenberg – Kriegshymnen

K wie Kopfkino mit Coco

Chanel, Strawinsky, Caillebotte  & Paris

“Wo sollte eine Frau ihr Parfum auftragen?” fragte mich eine junge Frau.
Meine Antwort an sie: “Wo immer sie geküsst werden möchten.”…
Coco Chanel

Igor Stravinsky | Le Sacre du printems  | Notenblätter

***

Gemälde | Gustave Caillebotte [1848-1894} Dächer von Paris

J wie Januskopf

…Denn nun schlugen die Strudel wilder, ungezügelter Phantasien über ihm zusammen. Ein Januskopf mit drei Gesichtern drehte sich auf einer Windmühle. Ein kleines Ferkelschwein mit gelben Kinderschuhen an den Füßen saß auf dem Schoß des Jankel Navratil und trank aus einer Saugflasche. Dann kam ein Hermelin mit weichem Fell und legte sich schmeichelnd an die Brust seines Wärters. Und Innocenz streichelte es, bis die Bestie auffuhr und ihm in die Kehle biss. Da schrie er auf in seiner Not, wollte entfliehen, schlug mit den Händen gegen die Schiffswand und schrie wieder, schrie, dass die Wände gellten und die Schiffsbemannung zusammenlief….

Aus: Adam Karrillon –  O Domina mea – 1920

Zum Janusdruck: Don Bernard de Montfaucon (* 16. Januar 1655 im Schloss Soulatgé in der Languedoc, Frankreich; † 21. Dezember 1741 in Paris) war französischer Gelehrter und Paläograph. Mit „L’Antiquité expliquée et représentée en figures“ (1719) kommentierte er 1120 Bildtafeln von antiken Monumenten.

Es bleibt immer etwas hängen | Von unseren Verwünschungen

Neben guten Dämonen gab es im Glauben der Menschen allezeit böse, schädigende Geister, die allerlei Unheil, Krankheit und Nöte verursachten. Der furchtsame Mensch suchte sie durch magische Mittel von sich abzuhalten, ihre Kraft einzuschränken. Aber hasserfüllte, neidische Menschen haben ihre Hilfe oft erfleht, um einem Feind Unglück und Böses zuzufügen.

In griechischer und römischer Zeit haben Zauberer die bösen Geister beschworen, um einen gehassten Feind mit ihren Erscheinungen zu quälen, ihm Unglück, Siechtum und gar den Tod zu bringen. Man glaubte durch Zauberworte oder Zaubertaten seinen Widersacher den Mächten der Unterwelt weihen zu können. Von besonderer Wirkung musste der Zauberspruch sein, wenn die Beschwörungszeichen und -Formeln auf Bleitafeln eingraviert und wenn diese Tafeln dann in Gräbern niedergelegt wurden, dem Ort der bösen Geister der Unterwelt. Als die Römer so tief gesunken waren, dass ihnen Sport und blutige Schauspiele am höchsten galten, war dieser Glaube an die Wirkung von Verwünschungen weit verbreitet und vielfach angewendet worden. Unsere Archäologen haben an verschiedenen Orten Bleitafeln gefunden, auf denen Figuren, den bösen Dämon darstellend, nebst Buchstaben eingraviert sind. Durch solche Tafeln wollte man von den bösen Geistern erflehen, dass der Wagenlenker mit seinen Pferden beim Wettrennen gehemmt und beschädigt werde, oder dass der Dämon ihn gar erblinden lasse, oder noch besser ihn aus dem Wagen reiße und ihn auf die Erde schleudere, dass er geschleift werde mit Schaden seines Leibes und seiner Pferde. Ein anderer wünschte, dass der Böse die Hengste hole, weil durch sie, wer dies schrieb, bei dem Rennen zu unterliegen fürchtet.

Altertümliche Verwünschungstafeln

Die beiden hier abgebildeten Verwünschungstafeln sind von ganz besonderem Interesse. Vorerst muss die große Ähnlichkeit derselben auffallen. Nicht nur in der Größe sind sie sich gleich, in der Ausführung der Figuren und im Duktus der Buchstaben zeigen  sie eine auffallende Übereinstimmung, so dass angenommen werden kann, dass sie aus einer und derselben Werkstatt hervorgegangen sind. Somit erhebt sich die Frage, ob solche Zaubertafeln vielleicht gar in größerer Zahl zum Verkauf hergestellt und an Zauberer abgeliefert wurden.
Die auf beiden Tafeln eingravierte, recht phantastische Person mit ihrem Menschenrumpf und Schlangenhals hält in der rechten einen Skorpion, in der Linken eine Palme. Der Skorpion hat im Altertum immer eine große Rolle gespielt. Mit seiner Kraft suchte man den bösen Blick, das Unheil überhaupt, abzuwenden. Aber wenn die Sonne in das Sternbild des Skorpion tritt, beginnen die Seuchen zu grassieren, denn der glühende Skorpion ist auch Bringer gefährlicher Krankheiten. Sollen wir daraus schließen, dass hier der Wunsch sich äußerte, der Zauberer möge dem Feind den Skorpion wünschen, um ihm Siechtum zu bringen Die eingravierten Buchstaben sind als griechische Unziale zu bezeichnen, wie sie im 4. Jahrhundert gebräuchlich waren. Das Zeichen C, das im Tonlaut unserem S entspricht, sowie des E sind für diesen Duktus charakteristisch. Die Benennung dieser Schrift als Unziale soll auf den heiligen Hieronymus zurückgehen, der diese «zollhohen» Buchstaben der Prachthandschriften getadelt hatte. Nicht nur Bleitafeln sind mit solchen Unzialen beschrieben worden, auch für hochgeweihte Texte kamen sie zur Anwendung. Unter solchen Texten sind die Bibelcodices Sinatticus und Vaticanus berühmt; aus Ägypten stammt eine Papyrusschrift mit Homerfragmenten. Die auf Brust und Bauch eingravierten Buchstaben sollen dem kabalistischen Zauberwort Abrasax entsprechen. Als Unterschrift ist auf der einen Platte Apocration okaineibos, auf der andern ist Proclos zu lesen. Dieser letztere Name Proclos soll in Ägypten vorgekommen sein. Man kennt zwei Vertreter der stoischen Philosophie mit diesem Namen. Mit dem Namen Apocration kennt die griechische Medizingeschichte einen Arzt in Mendes, einen andern in Alexandrien, der ein Buch verfasst hat über die medizinischen Tugenden der Tiere, Pflanzen und Gesteine.
Hat mit diesen Tafeln vielleicht ein gelehrter Gegner dieser hier genannten Ärzte und Philosophen seinem Neid und Zorn Ausdruck zu geben versucht und sich an die bösen Dämonen gewandt, dass sie seine Widersacher plagen und vernichten? Die Platte mit der Inschrift Proclos stellt noch ein anderes Rätsel. Zwischen Brust und Bauch ist eine sonderbare Zeichnung zu sehen, die ein menschliches Organ, vielleicht den Magen oder die Leber darstellt. Das Organ wird von einem Strich durchbohrt, der als eine magische Nadel gedeutet worden ist, deren durchbohrende Kraft dem Organ zum Schaden gereichen solle.

Auch heute noch üben diese alten geheimen Kräfte einer einst weit verbreiteten Magie ihre Wirkungen aus, denn es sind wenige, die aus tiefstem Herzen kommende Verwünschungen leicht hinnehmen. Auch bei Verfluchungen gilt der Spruch, ähnlich wie bei Verleumdungen: Es bleibt immer etwas hängen.

Wörterbuch: Q wie Burg Querfurt & Gebhard XIV.

Flodiho = Florian Hoffmann - Eigenes Werk Grabtumba Gebhards XIV. von Querfurt in der Burgkirche der Burg Querfurt
c Flodiho = Florian Hoffmann – Grabtumba Gebhards XIV. von Querfurt in der Burgkirche der Burg Querfurt – CC BY 3.0 – Quelle: wikipedia

 

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch

Zu Querfurt saß ein Graf des Namens Gebhard, dessen Bruder war der heilige Bruno, der Apostel der heidnischen Preußen nächst dem heiligen Adalbert. Graf Gebhard war ein strenger und ernster Herr, starren Kopfes und raschen Handelns. Da er nun einmal eine Zeitlang aus seiner Herrschaft abwesend war, gebar ihm seine Gemahlin, eine edle Sachsin, auf dem Hause Querfurt auf einmal neun Kindlein. Über so reichen Segen erschraken sie und ihre Frauen nicht wenig und getrösteten sich von dem Grafen und Herrn nichts Guten, denn er war gar wunderlich und hatte schon zum öftern sich ungünstig über Frauen geäußert, die mehr als ein Kind, etwa zwei oder drei, zugleich geboren, nun vollends dreimal drei, das dürfte ihm schier allzu viel dünken und nicht mit rechten Dingen zuzugehen scheinen. Wurden daher untereinander Rates, eines der Kindlein, das erste und stärkste, zu behalten und die acht übrigen beiseitezuschaffen, und ward einer der dienenden Frauen befohlen, die acht Kindlein in einem Kessel hinwegzutragen und den Kessel, mit Steinen beschwert, in den nahen Schloßteich zu senken. Dieser Trägerin begegnete der heilige Bruno, welcher damals in Querfurt lebte und in früher Morgenstunde bei einem schönen Quellbrunnen auf- und abwandelte und sein Gebet sprach, und da er ein Kindlein winseln hörte, fragte er, was sie trüge. Das Weib erschrak und sprach: Junge Welflin (Hündchen) – und wollte rasch vorübereilen, allein Bruno nötigte sie, den Mantel von dem Kessel aufzurücken, und sah die acht Kindlein und zwang der Frau das Geständnis ab, wem sie gehörten, die ihm nun auch die ganze Wahrheit sagte. Bruno legte ihr tiefes Schweigen auf, selbst gegen die Mutter, taufte in dem kupfernen Kessel, darin die Kindlein lagen, dieselben an dem Quellbrunnen und nannte sie insgesamt Bruno nach sich selbst, dann brachte er sie unter bei guten treuen Leuten zur Pflege und Auferziehung und hielt alles tief geheim, bis die Zeit kam, da er wieder gen Preußen zu ziehen gedachte. Der aufbehaltene neunte Knabe wurde Burkhart genannt und ward Hernachmals der Großvater Kaiser Lothars. Da nun Bruno aus dem Lande zu ziehen im Begriff stand, offenbarte er seinem Bruder das Geheimnis und nahm ihm das Versprechen ab, seiner Gemahlin jene frevelnde Tat nicht entgelten zu lassen, die nichts anderes wisse, als daß die Kindlein tot seien, und die Jahre her stets tiefe Reue und schmerzliche Betrübnis darob empfunden. Dann ließ er die acht Knäblein, eines gekleidet wie das andere, in das Schloß bringen und stellte sie den Eltern vor, da sahen sie wohl an Gestalt und Gebärden, daß sie des neunten rechte Brüderlein, und war Leid und Freud beieinander. Doch ließ Graf Gebhard seine Gemahlin nicht ganz ohne Strafe. Er ließ ihr ein Paar neue Schuhe machen, nicht von Leder, sondern von Eisen, und dieses Eisen ließ er glühend machen, und solche rote Schuhe mußte die Frau Gräfin auf eine Zeit anziehen, darum, daß sie in den kindermörderischen Rat eingewilligt. Selbige Schuhe, wie jenen Taufkessel zeigt man noch in der Kirche zu Querfurt, der Quellbrunnen wird noch heute der Brunsborn genannt, und der Teich, dahinein die Welflin gesenkt werden sollten, heißt noch bis diesen Tag der Wölfenteich.

In der Lauterburg bei Querfurt geht noch ein Spuk um, das Schlüsselweibchen genannt.

trennlinie2Gebhard XIV. von Querfurt (* zwischen 1310 und 1320; † 1383) war der Sohn von Bruno III. von Querfurt (* 1280) und Mathilde von Honstein (* 1285). Gebhard XIV. war Burgherr von Querfurt von 1356 bis 1383. Zusammen mit seinem Sohn Bruno V. von Querfurt übereignete er dem Kloster Reihnsdorf zahlreiche Einkünfte.

Die Tumba (Grabmal) des Gebhard XIV. von Querfurt

Das Grabmal des Gebhard XIV. findet sich in der Grabkapelle (aus dem 14. Jh.) der Burgkirche auf Burg Querfurt. Als skulpturales Meisterwerk wurde die Tumba im späten 14. Jahrhundert von böhmisch geprägten Bildhauern gearbeitet. Die Inschrift auf der Deckplatte der Tumba lautet:

Anno domini m. ccc. LXXXIII in nocte S. Katerinae obiit gebeard nobilis Dominus in quernfurt cuius anima requiescat in pace / Amen. Qui augmentavit Dominium Quernfurdensium cum munitionibus & castris Supra Scriptis: / Primo cum castro & oppido Quernfurt; quod / fuerat alienatum a Dominio Quernfurdensi Pluribus annis. Quod reobtinavit cum filia Domini Burckardti Domini de Mansfeldt tandem eruit Castra subscipta Karsdorff, Alstedt, Scheidingen, Carpenaw, Steinburg, Voxstedt cum eorum / attinentiis. Insuper eruit multa alia bona Villas, Census, Decimas, dotavit Altaria, & dilexit Pacem tenens. Ideo eius Anima / requiescat cum Christo in coelis / Amen.

Wörterbuch: O wie Orkan

river-1028779_1280_McLac2000trennlinie2Erinnerst du dich, wie ich dich in furchtbaren Stürmen durch den Urwald trug? Der Himmel schien auf uns niederzustürzen – um uns tanzten grüne Reifen von Blitzen, mächtige Äste der Kokospalmen barsten mit dem Krachen und Schreck einfallender Gewölbe und verlegten uns den Weg mit einer immer höher anwachsenden Mauer, ab und zu zerspaltete der Blitz einen tausendjährigen Stamm, so daß die Scheite um den Wurzelboden sich rings neigten und zu Boden fielen wie riesige Blätter von dem Kelch einer welkenden Blume. Der Orkan warf uns hoch und wieder zu Boden, wir stolperten, fielen, schlugen uns wund an den Bäumen, aber ich riß mich wieder auf, fiel, kroch auf den Knien weiter, kletterte über die Haufen gebrochener Äste, über die toten Leiber der Urbäume, aber ich ging, denn ich trug dich auf meinen Armen, und das Gewitter des Verlangens, das in mir tobte, war stärker als alle Gewitter, die jungfräuliche Urwälder vom Boden wegfegen.

Sie antwortete nichts.

 

 

Wörterbuch: H wie Holz Ω Verwirrspiel um Cockboat – Kamel und das Boot des Mannes

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Er verleugnete schamlos den Genossen seines Mißgeschicks und stieß vom algerischen Boden ab. Das Kamel beschnupperte das Wasser, dann streckte es seinen Hals weit aus, reckte und dehnte sich und sprang hinter der Barke ins Wasser und schwamm wie ein Beiboot auf den »Zuaven« zu. Sein Höcker glich einem im Wasser treibenden Flaschenkürbis und der lange Hals einem Schiffsschnabel.
Textfragment von Alphonse Daudet

Wörterbuch: P wie Phantasie – Die carta marina von 1539 – Ein Wunderwerk

Carta_Marina_1539_Olaus Magnus

Carta marina, eine Landkarte Nordeuropas von Olaus Magnus. Die Überschrift lautet: Seekarte und Beschreibung der nördlichen Lande und der dort vorkommenden wunderlichen Dinge, höchst sorgfältig gezeichnet in Venedig im Jahre 1539 mit großzügiger Unterstützung des Patriarchen von Venedig, des höchst ehrenwerten Herrn Geronimo Querini.

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Die „Seekarte und Beschreibung der nordischen Länder und deren Wunder, sorgfältig ausgeführt im Jahr 1539″ – Im Original: Carta marina et descriptio septemtrionalium terrarum ac mirabilium rerum in eis contentarum diligentissime eleborata anno dni 1539 – ist die früheste (und nach heutigem Standard einigermaßen korrekte) Landkarte Nordeuropas, die zahlreiche Details und Ortsangaben enthält.
Die Karte hat die Maße 1,70 m Breite × 1,25 m Höhe und wurde von dem schwedischen Bischof Olaus Magnus in zwölf Jahren Arbeit angefertigt. Die ersten Kopien wurden 1539 in Venedig hergestellt. Es gab lediglich neun Kopien, und da Papst Paul III. die Karte mit einer Art frühem, zehn Jahre währenden Copyright belegte, das die Weiterverbreitung verhinderte, geriet sie in Vergessenheit, nachdem sie 1574 von Josias Simler letztmals erwähnt wurde.

Erst 1886 entdeckte der Historiker Oscar Brenner eine Ausgabe der Karte in der Münchner Hof- und Staatsbibliothek. Eine zweite Karte wurde 1961 in der Schweiz entdeckt und 1962 in die Sammlung Carolina Rediviva der schwedischen Universität Uppsala eingegliedert.

Die ebenfalls von Olaus Magnus verfasste Historia de gentibus septentrionalibus stellt eine Landesbeschreibung Skandinaviens dar und entstand als Kommentarwerk zur Karte. Die Karte ist hierzu in 9 Felder eingeteilt, die die Buchstaben A bis I tragen.

Es sind nur wenige Karten Skandinaviens früheren Datums bekannt, wie die des Claudius Claussön Swart um 1427, und die des Jacob Ziegler aus dem Jahre 1532.

Quelle: wikipedia

Wörterbuch: J wie ♠ Emil, mir juckt ’se ♠

Emil, mir juckt ’se

Ein süßes Kind, ’ne hübsche Puppe
nennt mich mein Emil jeden Tag.
Doch ab und zu hab‘ ich auch Mucken,
das ist für ihn dann eine Plag;
denn ich bin mächtig abergläubisch,
und hab‘ ich nachts einmal geträumt,
so will ich wissen gleich einstweilig
von ihm die Deutung ungesäumt.
Und wenn mir’s juckt mal in der Hand,
dann komm‘ ich gleich gerannt –
und ist’s die Linke noch dazu,
quäl‘ ich ihn ohne Ruh:

„Emil, mir juckt se,
jetzt diesen Augenblick!
Emil, mir juckt se,
ja – das bedeutet Glück!
Emil, mir juckt se,
was kann denn das bloß sein?
Ich glaub‘ mir schenkt heut‘ einer was,
ach Emil, das wär‘ fein!“

Doch nicht nur Links fühl‘ ich das Jucken,
auch Rechts spür‘ ich zu mancher Zeit:
Die rechte Hand tut mir dann jucken,
wenn ich mal komm‘ in einen Streit.
Erst kürzlich war ich im Gezeter,
mein Emil der kam später zu.
Da sprach ich: „Schau‘ mal an, da steht er,
der Kerl läßt mich nicht in Ruh –
spricht mich hier auf der Straße an,
an den, da geh‘ ich ran!“
Mein Emil sprach: „Sein ruhig bloß!“
doch ich geh‘ auf ihn los:

„Emil, mir juckt se,
der Kerl kriegt was ab!
Emil, mir juckt se,
der kriegt was, nicht zu knapp!
Emil, mir juckt se,
bei dem hilft Wichse nur!
Haust du ihn nicht, dann tue ich’s:
Dem komm ick auf die Spur!

Wir schwärmen beide für das Grüne,
und kommt die schöne Sommerszeit,
dann singt das Vöglein, summt die Biene,
da freu’n wir uns an Flur und Heid‘.
Doch können wir uns nie erquicken,
denn hinter mir sind – wie gebannt –
stets immer die verflixten Mücken,
zerstechen mir die ganze Hand!
Erst jüngst war’n wir im Wald allein,
es war so still und traut.
Wir küßten uns im Mondenschein,
da rief ich plötzlich laut:
„Auuu!

Emil! Mir juckt se!
O weh! Ein Mückenstich!
Emil! Mir juckt se!
Ist das nicht fürchterlich?
Emil! Mir juckt se!
Wie scheußlich ich das find‘!
Und gerade muß mir das passier’n,
wenn wir im Walde sind!“

trennlinie2Interpretiert u.a.Grete Wiedecke

Berliner Couplet anno 1908 – Text: R. Seel

Wörterbuch: Z wie Zoologischer Garten

Nachher gehe ich in den Zoologischen Garten, um mich zu erholen.
Es ist ein schöner Zoologischer Garten. Sie haben da einen jungen afrikanischen Elefanten, ein nobles Tier, das stolz und einsam auf und ab geht, in Gedanken versunken. Dieser Elefant ist in Gumaiza am Bahr el Gebel vor vier Jahren gefangen worden in einer Fallgrube. – Victor Auburtin/Feuilletons

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Was für eine merkwürdige Wahrnehmung eines Tieres in Gefangenschaft.  Was wären wohl das wohl für Gedanken?!

 

 

Wörterbuch: A wie angenagelt – Giordano Heimat Liebesleid

Ich bin angenagelt an dieses Land. – Ralph Giordano

Germania *oil on cotton *482 x 320 cm *1848

Buchtitel von Ralph Giordano. Ein genialer Titel, der zahlreiche Assoziationen auslösen kann.
Mich würde interessieren, wie diese Aussage jeweils interpretiert wird.

Es kommen Fragen hoch. Darf man die stellen? Öffentlich?
Wenn ein Mann wie Giordano das Leben unter den Nazionalsolzialisten bleibt und überlebt – was veranlässt einen Flüchtling (im Allgemeinen) anders zu denken und zu handeln? Darf man das überhaupt vergleichen? – Keine Unterstellung, reines Fragen.

Wie kann man in dieser Form behaupten, dass es keine Optionen gibt? ⇔ Wer kann sich solch einen Nagel schon selbst entfernen? Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen. – Martin Luther.

Angenagelt – wo ist die positive Assoziation? Ist Heimatliebe immer auch ein Leid? Schmerz inklusive?
Angenagelt – ein rein passiver Standpunkt?
Angenagelt – was soll das Kreuz hier?
Angenagelt sein. Eine Voraussetzung für Bindungen?

Mein Vater sagte sagte immer: Keine Freiheit ohne Disziplin. Der Nagel.

 

 

 

 

Wörterbuch: Z wie Zerstörung

Die Welt ist durch ein zerstörendes Prinzip entstanden – Dr. Joah Martelli

Anatomie des Herzens - Da VinciR

trennlinie2Die Welt ist nicht durch ein ursprünglich schaffendes, sondern zerstörendes Prinzip entstanden

Die wichtigste Entdeckung der neuern Philosophie besteht unstreitig in der dialektischen Methode, ja man kann sagen, daß mit ihr die Philosophie sich eigentlich selbst erst entdeckt hat. Aber so hoch sie es auch mittelst dieser Methode gebracht hat, hoffe ich doch, alle bisher dadurch gemachten Entdeckungen durch den Beweis vorstehenden Satzes zu krönen und hiemit die Philosophie selbst noch eine Stufe über ihren gegenwärtigen Standpunkt zu erheben.

Zuvor aber will ich versuchen, den noch Uneingeweihten einen kurzen Begriff von der dialektischen Methode und den Vorteilen derselben zu geben.Weiterlesen

Wörterbuch: E wie Endlos

Ferdinand Hodler - Der Blick ins Unendliche - Version 3 - 1903/04

trennlinie2Manchmal müsste man einfach ein Ende setzen.

EndeOhne Punkt, Komma, Wenn und Aber.
Keine Zeitung lesen, keine Mails abfragen, keine Internet-Seiten aufrufen, nicht mehr ans Telefon gehen. Radio aus, Kopf aus.

Ende

Ein Köfferchen packen, ganz klein nur und unnötig. Weil: Ende ist kein Ziel, an dem man einen Pullover für kalte Nächte braucht oder gar eine Unterhose zum Wechseln.
Ein Köfferchen als Alibi, damit man auf dem Weg zum Ende nicht aufgehalten wird. „Jaja, ich verreise, ein Pullover, für kalte Nächte, Sie wissen schon.“ – „Na, dann bis demnächst.“

Demnächst. Ich glaube, das liegt auch so kurz vor Ende.

Also schnappe ich mein Köfferchen und will los laufen, Richtung Ende. Dann stelle ich fest, dass ich gar nicht weiß, wo Ende denn genau ist. Und weil diese blöde Hure Hoffnung an meinen Haaren zerrt und mich zurückzieht, bleibe ich wo ich bin.
Bis das Ende sich zu mir setzt. Oder bis das Leben die Hoffnung kaputt gefickt hat.

Ende

Wörterbuch: B wie Bewegung [Hildegard von Bingen]

Von körperlicher Bewegung

Egon Schiele - Maennlicher Akt mit rotem Tuch
Egon Schiele – Maennlicher Akt mit rotem Tuch

Wenn ein körperlich gesunder Mann lange umhergeht oder aufrecht steht, schadet ihm das nicht viel, weil er sich körperlich bewegt, vorausgesetzt, dass er nicht zu viel geht oder steht. Wer aber schwach ist, muss sitzen, weil er davon Schaden nähme, wenn er ginge oder stände. Das Weib aber – denn es ist gebrechlicher als der Mann und hat einen andern Schädel – muss mehr sitzen als umhergehen, damit es keinen Schaden nimmt. Wer aber reitet, nimmt keinen grossen Schaden, wenn er auch davon müde wird, weil er sich in frischer Luft aufhält; aber er muss Füsse und Schenkel dadurch pflegen, dass er sie zuweilen bewegt und ausstreckt.

Wörterbuch: Q wie Quadrupelkonzert [Concerto in B minor, RV 580 – Antonio Vivaldi]

Komposition für 4 Soloinstrumente und Orchester.

Ein Beispiel:
Concerto in B Moll, RV 580 – Antonio Vivaldi

I. Allegro
 
Künstlerseite: Stefan Landon Smith (viola) 31.12.2011

Verlagsinfo: Stefan L. Smith
Urheberrecht: Creative Commons Attribution Non-commercial 3.0Weiterlesen

Graf Gisbert von Wolff-Metternich – Berlin – Interessante Kriminalfälle vor Gericht

Graf Gisbert von Wolff-Metternich.Ein Bild aus der Berliner Lebewelt Skandalprozeß in Berlin

Graf Gisbert von Wolff-Metternich mit seiner ersten Ehefrau - Scheidung 1915
Graf Gisbert von Wolff-Metternich mit seiner ersten Ehefrau – Scheidung 1915

Es gereicht unserem fortgeschrittenen Zeitalter keineswegs zur Ehre, daß selbst das Publikum, das auf Bildung Anspruch macht und sich zu den sogenannten besseren Gesellschaftskreisen rechnet, Leute, die die Befugnis haben, ihrem Namen das Wörtchen »von« vorzusetzen oder sich gar Baron bzw. Freiherr oder Graf zu nennen, als etwas Höheres betrachten. Das Wort »Bürgerstolz« wird wohl vielfach im Munde geführt, es ist aber in Wahrheit nur selten vorhanden. Früher konnte von den Gerichten auch auf Verlust des Adelsprädikats erkannt werden, diese Strafe ist im Interesse des Ansehens der Bürger seit sehr langer Zeit aufgehoben. In den verschiedenen Revolutionen ist der vergebliche Versuch unternommen worden, den erblichen Adel abzuschaffen. Wenn das Wort »noblesse oblige« (Adel verpflichtet) Wahrheit wäre, dann würde gewiß niemand gegen das Fortbestehen des Adels etwas einzuwenden haben. Allein eine Reihe Gerichtsverhandlungen der letzten Jahre haben bewiesen, daß der Adel vor dem Bürgertum in sittlicher Beziehung nicht das mindeste voraus hat. Ich bin entfernt, den gesamten Adelsstand, der zweifellos im allgemeinen ebenso achtbar ist wie der Bürgerstand, für Ausschreitungen einzelner verantwortlich zu machen. Die dem Adel eingeräumten Vorrechte widersprechen aber jedenfalls den modernen Anschauungen. Ein Zeichen kultureller Rückständigkeit ist es jedenfalls, daß die, wenn auch nur fälschliche Bezeichnung mit dem Wörtchen »von«, Baron, Freiherr oder Graf auf weite Volkskreise wie ein Zauber wirkt und das geeignetste Mittel ist, Eingang in die Kreise der besten Gesellschaftsklassen zu finden sowie die ärgsten Betrügereien zu begehen. Was mit einem wirklichen Grafentitel, ganz besonders wenn er von gutem Klang ist, selbst in der Hauptstadt des Deutschen Reiches fertiggebracht werden kann, ist nicht nur durch den Prozeß wider den Grafen Gisbert v. Wolff-Metternich bewiesen worden. Es gibt eine ganze Anzahl Aktiengesellschaften, die in den Aufsichtsrat vollständig mittellose Grafen und Freiherren wählen, lediglich um durch diese hochtönenden Namen größeres Vertrauen im Publikum zu gewinnen und ihre Aktien besser an den Mann zu bringen. Graf Gisbert v. Wolff-Metternich, ein noch sehr junger Mann, der keineswegs in seinem Äußeren den Grafen verrät, kam vor einigen Jahren vollständig mittellos nach Berlin. Er hatte weder einen Beruf noch irgendwie Neigung zu ehrlicher Arbeit. Sein Vater, der in Holland ein prächtiges tiges Schloß bewohnte und umfangreiche Rittergüter sein eigen nannte, hatte ihn gewissermaßen aus dem Hause gejagt, da er dem Vater nur Verdruß bereitete. Schon als fünfzehnjähriger Gymnasiast hatte Graf Gisbert starken Verkehr mit der weiblichen Halbwelt unterhalten und erhebliche Schulden gemacht. Da er, wohl infolge seines ausschweifenden Lebens, auf dem Gymnasium nicht vorwärtskam, nahm ihn der Vater von der Schule und hielt ihn auf seinen Gütern zur Erlernung der Landwirtschaft an. Aber auch hier machte der junge Graf erhebliche Schulden und führte ein schwelgerisches Leben. Der Vater schickte ihn schließlich nach Argentinien. Dort machte er es nicht besser. Da er, aus Argentinien zurückgekehrt, sein schwelgerisches Leben in den heimatlichen Gefilden fortsetzte, wies ihn der Vater aus dem Hause. Der alte Graf erklärte sich bereit, dem Sohn eine monatliche Unterstützung von 30 Mark zu gewähren, das übrige sollte er sich durch ehrliche Arbeit verdienen. Der junge Graf empfand aber zur Arbeit wenig Lust; um so größer war seine Neigung, sich in den Strudel der weltstädtischen Vergnügungen zu stürzen. Sehr bald war er Stammgast in den Lokalen, wo die feine Berliner Lebewelt verkehrt, wo man bei perlendem Sekt auf schwellendem Polster mit der in Seide rauschenden Halbwelt soupiert, während ein lustiger Walzer durch den Saal wirbelt und junge »Damen« in seidenem nem Trikot die neuesten Tänze vorführen. Die väterliche Unterstützung von monatlich dreißig Mark reichte selbstverständlich zu einem solchen Leben bei weitem nicht aus. Aber einem Grafen Metternich, dessen Vater ein ungemein begüterter Schloßherr in Holland ist, dessen Oheim Botschafter des Deutschen Reiches in London und ein zweiter Oheim lebenslängliches Mitglied des preußischen Herrenhauses ist, öffnen sich nicht nur die Pforten zu den besten Gesellschaftskreisen, er hat auch überall Kredit. Als jedoch die zahlreichen Gläubiger die Wahrnehmung machten, daß der Vater des lebenslustigen jungen Grafen keineswegs willens war, die Berliner Schulden seines Sohnes zu bezahlen, da versiegte sein Kredit. Er borgte darauf Kokotten an und soll sich schließlich aufs Falschspiel verlegt haben. Er machte die Bekanntschaft mit dem »König der Falschspieler«, dem internationalen Hochstapler Stallmann, einem ehemaligen Handlungsgehilfen, der unter dem hochtönenden Namen »Baron v. Korff-König« in Offizierskreisen Eingang gefunden hatte. Mit diesem soll Graf Metternich eine ganze Anzahl Offiziere durch Falschspiel um Unsummen betrogen haben. Als diesen Falschspielern in Berlin die Polizei auf den Fersen war, verlegten sie eiligst ihre Tätigkeit nach London und von dort nach Paris. Sie wurden steckbrieflich verfolgt. Graf Metternich tauchte schließlich in der Hauptstadt Österreichs auf, während es Stallmann gelang, nach Kalkutta zu entkommen. Graf Metternich verheiratete sich in Wien mit einer Schauspielerin und soll in der Tat in Wien auch fleißig gearbeitet haben. Er wurde jedoch sehr bald (Mitte Dezember 1910) infolge des Steckbriefes in Wien verhaftet und nach Berlin ausgeliefert. Bezüglich des Falschspiels reichte jedoch zunächst das Belastungsmaterial nicht aus, um eine Anklage zu begründen, zumal Stallmann spurlos verschwunden war. Da man sich aber nicht, wie im Falle des Fürsten Eulenburg, den Vorwurf machen lassen wollte, daß man die Kleinen hängt und die Großen laufen läßt, und es auch wohl Aufsehen gemacht hätte, wenn Graf Metternich wegen Mangels an Belastungsmaterial wieder entlassen worden wäre, so wurden auf Grund der Zivilprozeßakten die zahlreichen Gläubiger des Grafen als Zeugen geladen. Die österreichische Regierung erklärte sich einverstanden, daß der von ihr wegen Verdachts des Falschspiels ausgelieferte Graf Gisbert v. Wolff-Metternich auch wegen anderer Betrugsfälle bestraft werden könne. Es wurde deshalb Anklage wegen Betruges der zahlreichen Gläubiger des Grafen erhoben. Am 13. Juli 1911 hatte sich Graf Metternich vor der zehnten Strafkammer des Landgerichts Berlin I zu verantworten. Er bestritt, die Gläubiger betrogen zu haben. Er war der Überzeugung, daß es ihm möglich sein werde, die Schulden sämtlich zu bezahlen, da er zu der Annahme berechtigt war: er werde sehr bald der Schwiegersohn des großen Warenhausbesitzers Wolff Wertheim werden. Frau Wertheim versicherte jedoch als Zeugin: der Angeklagte habe wohl in ihrer Familie verkehrt und sollte auch als »Reisemarschall« nach Italien mitkommen. Er konnte aber nicht annehmen, daß ihm ihre Tochter die Hand zum Ehebunde reichen werde. Ihre Tochter hatte zum Oberleutnant v. Fetter bedeutend größere Zuneigung und habe oftmals gesagt: »Fetter ja, Metter nich.«Weiterlesen

Ein entmenschtes Weib: Die Engelmacherin Wiese – Interessante Kriminalfälle vor Gericht

Elisabeth Wiese - Engelmacherin
Elisabeth Wiese – Engelmacherin

»Ehret die Frauen, sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben«. Als Schiller diese Worte niederschrieb, hat er jedenfalls nicht geahnt, daß eine Person in Gestalt eines Weibes sich dereinst vor einem Schwurgerichtshof im Herzen Deutschlands wegen der grausigsten Verbrechen wird verantworten müssen. Das Fehlen von Findelhaüsern in Deutschland hat schon so manchem kleinen Wesen das Leben gekostet. Die folgende Gerichtsverhandlung ergab, daß die »Engelmacherei«, wenn sie gewerbsmäßig betrieben wird, sogar sehr gewinnbringend ist. Vor einigen Jahren erschienen in Hamburger Zeitungen Anzeigen, in denen Dienstmädchen, Kinderfräuleins usw. ihre unehelich geborenen Kinder gegen Zahlung von Kostgeld zur Pflege anboten. Auf solche Anzeigen meldete sich vielfach eine Frau Wiese. Sie erbot sich, die Kinder gegen Zahlung von Kostgeld in Pflege zu nehmen. Sobald sie aber vermutete, die Mädchen befinden sich im Besitz von größeren Geldbeträgen, machte sie ihnen den Vorschlag, ihr eine einmalige größere Abfindungssumme zu zahlen. Sie werde nach London, Manchester, Wien, Berlin oder anderen Orten fahren, da sie in Erfahrung gebracht habe, daß dort eine Grafen- oder Fürstenfamilie ein Kind zu adoptieren wünsche. In mehreren Fällen erklärten sich die Mädchen, wenn auch mit schwerem Herzen, bereit, sich von ihren Lieblingen für immer zu trennen, zumal sie ja dann von der Bezahlung des Kostgeldes befreit waren. Nach einiger Zeit gewann jedoch die Mutterliebe wieder die Oberhand. Sie verlangten von der Wiese den Aufenthalt ihrer Kinder zu erfahren. Die Wiese gab den Mädchen die Versicherung, die Kinder werden in Seide gebettet. Sie befinden sich in einem gräflichen oder fürstlichen Schloß, es fehle ihnen nichts weiter als das Himmelreich, eine weitere Auskunft könne sie ihnen nicht geben. Die Mädchen gaben sich aber damit nicht zufrieden, um so weniger, als sie die Wiese im Verdacht hatten, es sei ihr nur um Erlangung der Abfindungssumme zu tun gewesen, und der ihr übergebenen Kinder habe sie sich in verbrecherischer Weise entledigt. Die Mädchen machten schließlich der Polizei Anzeige. Letztere schritt sofort ein, zumal der Wiese, aus Anlaß ihrer vielen Vorstrafen, von der Polizei untersagt war, Kostkinder in Pflege zu nehmen. Benachbarte Hausbewohner hegten schon längst Verdacht, daß Frau Wiese die »Engelmacherei«, d.h. den Kindermord gewerbsmäßig betreibe, ja, verschiedene Vorkommnisse führten zu der Vermutung, daß Frau Wiese die kleinen Wesen verbrenne. Sie soll bisweilen so stark geheizt haben, daß die Herdplatten zersprangen. Außerdem soll ein fürchterlicher Geruch wahrgenommen worden sein. Es wurde auch behauptet, Frau Wiese sei beobachtet worden, als sie am Spätabend mit einem schweren Paket noch einen Spaziergang nach den Ufern der Elbe gemacht habe und ohne Paket zurückgekehrt war. Ferner wurde ermittelt, daß bei Frau Wiese einmal eine schwindsüchtige Tänzerin gewohnt habe. Diese hatte sich auf Grund eines ärztlichen Rezepts von Frau Wiese Morphium besorgen lassen. Die Tänzerin ist nach einiger Zeit von Hamburg nach Berlin übergesiedelt und dort gestorben. Das Rezept soll aber im Besitz der Wiese geblieben sein, und darauf soll sie sich Morphium beschafft haben. Endlich meldeten sich Zeugen, die beobachtet haben wollten, daß Frau Wiese das uneheliche Kind ihrer Tochter sofort nach der Geburt getötet habe. Aus diesem Anlaß schritt schließlich die Polizei zur Verhaftung der Wiese.Weiterlesen

Wörterbuch – C wie Chemie und das MINT-Problem

Illustration: Stefan Otte
Anna Karina – Illustration: Stefan Otte

…diese Faszination, die diese schöne, blonde, offene, frohe Frau im Gespräch auf mich ausübte.
Diese Faszination, die ganz plötzlich, und zwar genau in dem Moment, in dem sie sagte, sie studiere Chemie, erlosch, und dies bestimmt nur deshalb, weil Chemie ein Fach ist, das mich in der Schule immer fürchterlich frustriert hat.

Wörterbuch: K wie Kavalier – Marek Hlasko

Marek Hlasko - Illustration: Stefan Otte
Marek Hlasko – Illustration: Stefan Otte

„Amor kam nicht heute abend“ – Titel einer Erzählung des polnischen Autors Marek Hlasko

Zitat aus dieser Erzählung: „Wenn ihr euch schon was angelt, dann seid vernünftig, Kerls. Voriges Jahr diente bei uns hier so ein Bursche, der hat sich im Laufe dieses einen Jahres achtmal den Tripper geholt, so dass wir ihn zum Schluss den >Kavalier zum goldenen Stern< getauft haben. …“


Marek Hłasko (* 14. Januar 1934 in Warschau; † 14. Juni 1969 in Wiesbaden) war ein polnischer Schriftsteller. 

Interessante Kriminalfälle vor Gericht – Der Hochverratsprozeß gegen Liebknecht, Bebel und Hepner

Der Hochverratsprozeß gegen Karl Liebknecht, August Bebel und Adolf Hepner vom 11. bis 26. März 1872 vor dem Leipziger Bezirks-Schwurgericht – von Hugo Friedländer

Hugo-FriedländerIn meiner langen Berufstätigkeit habe ich keinem zweiten Prozeß als Berichterstatter beigewohnt, der auch nur entfernt an die politisch-historische Bedeutung herangereicht hat, wie dieser Hochverratsprozeß, der am 11. März 1872, also vor nunmehr … Jahren, vor dem Leipziger Bezirks-Schwurgericht begann.Weiterlesen

Interessante Kriminalfälle vor Gericht – Die Leiche im Koffer

Die Leiche im Koffer – Aufgezeichnet von Hugo Friedländer

ÜberseekofferSchnöde Habsucht, die Haupttriebfeder aller Leidenschaften, ist zumeist die Ursache der größten Verbrechen. Schnödeste Habsucht war es auch, die den noch jugendlichen, bis dahin vollständig unbescholtenen Möbelhändler Wilhelm Meyer aus dem idyllisch gelegenen Badeort Wildungen vor das Schwurgericht des Landgerichts Kassel wegen Mordes führte.Weiterlesen

Wörterbuch – M wie Mühe

American Progress - John Gast (1872), - eine Allegorie der "Manifest Destiny": Columbia, die Verkörperung der USA , führt die Zivilisation an der Spitze der Siedler nach Westen, indem sie Telegraphenlinien anlegt und dabei wilde Tiere und Indianer in die Flucht treibt.
American Progress – John Gast (1872), – eine Allegorie der „Manifest Destiny“: Columbia, die Verkörperung der USA , führt die Zivilisation an der Spitze der Siedler nach Westen, indem sie Telegraphenlinien anlegt und dabei wilde Tiere und Indianer in die Flucht treibt.

Beginne kein Werk, ohne Dich zu fragen: was will ich eigentlich erreichen, werde ich meinen Schritt nicht bereuen? Noch eine kurze Zeit, und ich werde sterben, alles wird für mich aufhören. Es lohnt die Mühe, sich nurmehr um das zu sorgen, ob ich im gegebenen Augenblick ein gutes Werk vollbringe, würdig eines vernunftbegabten Wesens, das dazu da ist, nach Gottes Gesetz mit dem menschen in Frieden zu leben.

Nach Marc Aurel

Wörterbuch: S wie Satans Kartenpiel

Hans Holbein der Jüngere - 1538 - Tanz des Todes
Hans Holbein der Jüngere – 1538 – Tanz des Todes

In Satans Kartenspiel liegen die Karten des Fluchs und der Zerstörung Kante an Kante der Vollendung. Nur die Liebe fehlt.  – Versteht er, dass er darum vielen Menschen zum Schicksal wurde? Für den einen wurde er zum Gottersatz. Für den anderen stellte er eine verpflichtende Beziehung.

O.Simon

Wörterbuch – G wie: Nachdenken über meinen Glauben

Henry Irving (1838-1905) as Mephistopheles in Faust, watercolour on paper, London, England, about 1885. © Victoria & Albert Museum, London
Henry Irving (1838-1905) as Mephistopheles in Faust, watercolour on paper, London, England, about 1885. © Victoria & Albert Museum, London

Jesu Inkonsequenz: er saß mit Zöllnern und Sündern zu Tisch und ging mit Huren um. Tat er es, um wenigstens ihre Stimmen zu gewinnen? Glaubte er etwa, sie zu bekehren durch solches Gebaren?

Oder tat er es, weil seine Menschlichkeit tief und reich genug war, um auch in ihnen die Beziehung zu stiften zu dem Gemeinsamen, Unzerstörbaren, worauf eine Zukunft gebaut werden muss?

Wie kann ich Jesu als asexuell betrachten, wenn ich dies bei keiner anderen Führungsfigur erkennen kann?

 

Wörterbuch -H wie Heinrich Himmler über Marschall Tito (Josip Broz Tito)

Fundstück bei den Recherchen zu einem Bericht über Josip Broz Tito:

Josip Broz Tito
Josip Broz Tito

Ich möchte Ihnen noch ein Beispiel von Ausdauer nennen: die Ausdauer des Marschall Tito…Leider ist er unser Gegner. Den Marschalltitel hat er wirklich verdient. Wenn wir ihn jedoch erwischen, werden wir ihn auf der Stelle hinrichten. Er ist unser Feind, doch wäre ich froh, wir hätten in Deutschland ein Dutzend Titos, Männer mit solchen Führungsqualitäten, dieser Entschlossenheit und so guten Nerven, die sich nie ergeben, auch wenn sie völlig eingekreist sind.

Vor deutschen Offizieren, 1944

Besondere Anmerkung: mein Bekannter vom Archiv merkt dazu an; er überlege sich, wie dies in der Öffentlichkeit ankäme, würde dies ein amerikanischer Präsident zu einem Amtskollegen aus einem der „Schurkenstatten“ sagen….Besondere Anmerkung 2: ich hatte postwendend Lust auf eine Weißweinschorle bei Jacques…..