Autor: Janosz Rehbaum

Janosz Rehbaum wurde in Breslau geboren, wuchs aber in München auf. Er studierte Germanistik & Philosophie in Heidelberg und Tel Aviv und war lange Jahre zu Forschungszwecken für das Goethe-Institut in diversen Ländern unterwegs. Seit 2009 lebt er in Bern, Schweiz. Janosz Rehbaum betreibt dort ein kleines Antiquariat und arbeitet als Sachverständiger. Einer seiner Lieblingsfilme ist "Die neun Pforten" und wünscht sich immer mal wieder auch ein solches Leben zu führen. Allerdings ohne die Unmengen von Alkohol. In seiner Freizeit widmet er sich dem Paragliding. Ab 2016 wird er seine Aktivitäten im Magazin ausbauen und betreut das Buchprojekt Weltenschöpfer.

Schöne Wörter | lefargen

Dieses Wort habe ich bei Lektüre des Wochenblattes „Jüdische Allgemeine“ entdeckt. Adi Farjon [Diplomatin & Sprecherin der israelischen Botschaft in Berlin] nutze es in einem Beitrag zum Film Wonder Woman mit der Schauspielerin Gal Gadot. Sie schreibt dazu: „Es bedeutet, einer anderen Person ihren Erfolg zu gönnen.“

Im Hebräischen gibt es das Wort לפרגן le-fargen. Es ist aus dem Jiddischen übernommen worden und wenn man sich die Buchstaben genauer anschaut, erkennt man das deutsche Wort fergenen [Vergoennen] darin. Man weiß nicht genau, wo es ursprünglich herkommt, habe ich mir sagen lassen.

le-fargen wird entsprechend der hebräisches Grammatik benutzt, dh. durch unterschiedliche Aussprache und Zusatzbuchstaben lässt sich erkennen, ob ein Mann oder eine Frau das Wort benutzt , ob es in der Zukunft oder Vergangenheit benutzt wird zum Beispiel wir goennen – anachnu mefargenim.

Am Rande: jiddisch ist eine Mischsprache mit deutschen, slawischen und hebräischen Wurzeln und wird mit hebräischen Buchstaben geschrieben.

Kurt Tucholsky – Gedicht über den (deutschen) Mann – 1931

Der deutsche Mann, das ist der unverstandene Mann.

Lamento

Der deutsche Mann
Mann
Mann
das ist der unverstandene Mann.
Er hat ein Geschäft, und er hat eine Pflicht.
Er hat einen Sitz im Oberamtsgericht.
Er hat auch eine Frau – das weiß er aber nicht.
Er sagt: »Mein liebes Kind . . .«, und ist sonst ganz vergnügt –
Er ist ein Mann., Und das
genügt.

Der deutsche Mann
Mann
Mann
das ist der unverstandene Mann.
Der deutsche Mann
Mann
Mann
Die Frau versteht ja doch nichts von dem, was ihn quält.
Die Frau ist dazu da, dass sie die Kragen zählt.
Die Frau ist daran schuld, wenn ihm ein Hemdknopf fehlt.
Und kommt es einmal vor, dass er die Frau betrügt:
Er ist ein Mann. Und das
genügt.

Der deutsche Mann
Mann
Mann –
das ist der unverstandene Mann.
Er gibt sich nicht viel Mühe, wenn er die Frau umgirrt.
und kriegt er nicht die eine, kommt die andere angeschwirrt.
Daher der deutsche Mann denn stets befriedigt wird.
Hauptsache ist, dass sie bequem und sich gehorsam fügt.
Denn er ist Mann. Und das
genügt.

Der deutsche Mann
Mann
Mann –
das ist der unverstandene Mann.
Er flirtet nicht mit seiner Frau. Er kauft ihr doch den Hut!
Sie sieht ihn von der Seite an, wenn er so schnarchend ruht.
Ein kleines bisschen Zärtlichkeit – und alles wäre gut.
Er ist ein Beamter der Liebe. Er lässt sich gehn.
Er hat sie doch geheiratet – was soll jetzt noch geschehn?
Der Mensch, der soll nicht scheiden, was Gott zusammenfügt.
Er ist ein Mann. Und das 06
genügt.

Gomringers Schweigen | Konstellation Zwei

Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen 
Schweigen Schweigen Schweigen

.Die Idee | Der Wunsch zu Schweigen. Sich einschleichende Gedanken werden mit der Erinnerung an das Vorhaben vertrieben. Bis der Gedankenverkehr obsiegt.

***

Eugen Gomringer hat eine Ideogramm zum Thema Schweigen geschaffen. Lesbar durch das gedruckte Wort „schweigen“, welches vierzehn Mal wiederholt wird, sichtbar durch die ausgesparte Leerstelle in der Mitte des Wörterblocks, die den Vorgang des Schweigens bildlich darstellt. Nun ist dieses Bild offensichtlich und zeigt für mich nur einen sehr kleinen Aspekt der Stille. Wir greifen daher dieses Gedicht auf und spielen das Schweigen durch. Durchaus mit aktuellem Bezug.
Zu Eugen Gomringer: * 20. Januar 1925 in Cachuela Esperanza – Bolivien – ist ein bolivianisch-schweizerischer Schriftsteller. Er gilt als Begründer der Konkreten Poesie und hat bis heute überwiegend in Deutschland gewirkt.

Gomringers Schweigen | Konstellation Eins

Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen 

Die Idee | Zu Beginn das Schweigen, dann kommen die Gedanken, drängen sich hinein in die erwünschte Stille. Am Ende gewinnt ein Moment des Schweigens. Der sich in Meditation Übende.

***

Eugen Gomringer hat eine Ideogramm zum Thema Schweigen geschaffen. Lesbar durch das gedruckte Wort „schweigen“, welches vierzehn Mal wiederholt wird, sichtbar durch die ausgesparte Leerstelle in der Mitte des Wörterblocks, die den Vorgang des Schweigens bildlich darstellt. Nun ist dieses Bild offensichtlich und zeigt für mich nur einen sehr kleinen Aspekt der Stille. Wir greifen daher dieses Gedicht auf und spielen das Schweigen durch. Durchaus mit aktuellem Bezug.
Zu Eugen Gomringer: * 20. Januar 1925 in Cachuela Esperanza – Bolivien – ist ein bolivianisch-schweizerischer Schriftsteller. Er gilt als Begründer der Konkreten Poesie und hat bis heute überwiegend in Deutschland gewirkt.

Die nachdenkliche Frau | Léon Spilliaert trifft Lou Andreas-Salomé

Des Nachts bisweilen, wenn der Sturm sich erhob, oder wenn oben im Giebelraum das Brustkind weinte und die Fischersfrau es in den Schlaf sang, vielleicht an den Mann denkend, dessen Boot im Sturm schaukelte – dann kam über Anneliese sehr stark das Gefühl von dieser sie umkreisenden, eigentlichen Wirklichkeit, und dann wollten ihr die beiden kleinen Stuben unten mit ihrem Muschelkram und den fremden Betten vorkommen wie ein bloß geliehenes Glück – Glücksobdach für kurze, ganz kurze Ferienwochen.

[Aus: Lou Andreas-Salomé: Das Haus von 1921 | Kapitel 15]

***

Titelbild: Des Fischers Frau, nachdenkend | 1901 | Léon Spilliaert (1881-1946)

***

Vissersvrouw nadenkend | Des Fischers Frau, nachdenkend | 1901 | Léon Spilliaert (1881-1946)

 

Vom Schreiben | Ein Buch voller Fragen

Marie Luise Kaschnitz hat in ihrem Büchlein „Steht noch dahin“ eine Idee aufgeworfen, die mir sympathisch ist. Sie schlägt vor, ein Buch herauszubringen, welches nur aus  Fragen besteht. Jede Frage um eine selbst definierte Anzahl Felder ergänzt, die für Antworten auf die jeweilige Frage reserviert sind. Nun geht es darum, in einer ebenfalls individuell festgelegten zeitlichen Spanne, die Frage neu zu beantworten. Interessant ist es zu sehen, wie die Replik jeweils ausfällt. Sind die Antworten gleich? Sind wir uns treu geblieben? Was ist mit uns geschehen?

Anregungen für Auswahl der Fragen gibt es genug: sei es aus den berühmten Fragebogen von Max Frisch oder Marcel Proust. Vielleicht wäre es gut, Fragen zu stellen, die in Print- und Webmedien nicht eh überall rauf und runter abgeschrieben werden.

Kaschnitz‘ Idee hat wohl eher den Charakter eines persönlichen Buches; einer Nabelschau. Spinnen wir den Faden weiter, lässt sich daraus etwas schaffen, das den Leser, die Leserin einlädt als Hauptfigur des Prosawerkes selbst aktiv zu werden. Jede neue Lektüre des eigenen Werks würde dann vermutlich eine neue Geschichte erschaffen.

Die Kunst des Autors liegt darin, die richtigen Fragen zu stellen. Fragen, die einen Spannungs- und Handlungsbogen bilden bzw. ermöglichen, Widersprüche „provozieren“. Eine Möglichkeit ist, den Text zeitlich zu gliedern, wie oben angedeutet, mit gleichbleibenden Sprüngen. Bei jedem Sprung lassen sich die Fragen neu zusammenwürfeln um andere Schwerpunkte zu setzen.

Foto: Pexels

Und sicher: es steht noch dahin, ob sich das lesbar umsetzen lässt. Wenn ja, wäre es sicher eine sehr ungewöhnliche Prosa-Idee. Wir würden diesen Entwurf gern ausprobieren. Wenn Sie Lust haben, daran teilzuhaben, melden Sie sich bei uns. Wenn wir mit der Umsetzung zufrieden sind, drucken wir dies als Buch.  ⇒ redaktion@derblaueritter.de

 

 

Joachim Ringelnatz & Hermann Fenner-Behmer | Der Bücherfreund

Ob ich Biblio- was bin?
phile?»Freund von Büchern« meinen Sie?
Na, und ob ich das bin!
Ha! und wie!

Mir sind Bücher, was den andern Leuten
Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel,
Turnsport, Wein, und weiß ich was, bedeuten.
Meine Bücher – – – wie beliebt? Wieviel?

Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl.
Bitte, doch mich auszureden lassen.
Jedenfalls: Viel mehr, als mein Regal
Halb imstande ist zu fassen.

Unterhaltung? Ja, bei Gott, das geben
Sie mir reichlich. Morgens zwölfmal nur
Nüchtern zwanzig Brockhausbände heben – – –
Hei! das gibt den Muskeln die Latur.

Oh, ich mußte meine Bücherei,
Wenn ich je verreiste, stets vermissen.
Ob ein Stuhl zu hoch, zu niedrig sei,
Sechzig Bücher sind wie sechzig Kissen.

Ja natürlich auch vom künstlerischen
Standpunkt. Denn ich weiß die Rücken
So nach Gold und Lederton zu mischen,
Daß sie wie ein Bild die Stube schmücken.

Äußerlich? Mein Bester, Sie vergessen
Meine ungeheure Leidenschaft,
Pflanzen fürs Herbarium zu pressen.
Bücher lasten, Bücher haben Kraft.

Junger Freund, Sie sind recht unerfahren,
Und Sie fragen etwas reichlich frei.
Auch bei andern Menschen als Barbaren
Gehen schließlich Bücher mal entzwei.

Wie? – ich jemals auch in Büchern lese??
Oh, Sie unerhörter Ese – – –
Nein, pardon! – Doch positus, ich säße
Auf dem Lokus und Sie harrten
Draußen meiner Rückkehr, ach dann nur
Ja nicht länger auf mich warten.
Denn der Lokus ist bei mir ein Garten,
Den man abseits ohne Zeit und Uhr
Düngt und erntet dann Literatur.

Bücher – Nein, ich bitte Sie inständig:
Nicht mehr fragen! Laß dich doch belehren!
Bücher, auch wenn sie nicht eigenhändig
Handsigniert sind, soll man hoch verehren.

Bücher werden, wenn man will, lebendig.
Über Bücher kann man ganz befehlen.
Und wer Bücher kauft, der kauft sich Seelen,
Und die Seelen können sich nicht wehren.

***

Hermann Fenner-Behmer war ein deutscher Maler. Lebensdaten: * 8. Juni 1866 in Berlin; † 3. Februar 1913 ebenda.
Fenner-Behmer studierte an der Königlichen Akademie der Künste in Berlin und bildete sich während eines Studienaufenthaltes in Paris bei Gustave Boulanger und Jules-Joseph Lefebvre weiter. Nach seinem Studium reiste er durch Europa. 1908 erhielt er für sein Gemälde Dame in Braun die Goldene Medaille der Akademie der Künste. Ebenfalls 1908 erhielt er auf der Großen Berliner Kunstausstellung eine kleine Goldmedaille.

Fenner-Behmer spezialisierte sich – im Laufe der Jahre – auf elegante Bildnisse von Frauen sowie erotische Szenen. Viele seiner Werke wurden als Drucke reproduziert. Als Beispiel für die s.g. erotischen Szenen:

Hermann Fenner-Behmer |  Reclining Odalisque  | 1900.
Hermann Fenner-Behmer | Reclining Odalisque | 1900.

***

Das Poem ist erschienen in: Joachim Ringelnatz | Allerdings
Ernst Rowohlt Verlag, Berlin | 1928

Zum Titelbild: Das Original wurde 1906 geschaffen. Die Abbildung entstammt einem Farbenlichtdruck um 1910.

Hermann Fenner-Behmer | Der Bücherwurm | 1906

Jeremias Gotthelf | Die Menschen wissen nicht

Oh, die Menschen wissen nicht, wie schön es eigentlich in Kinderherzen aussieht,
in denen die Liebe aufblüht; sie wissen aber auch nicht, wie zart diese Pflanze ist in ihrem Frühling, und wie leicht ein Frost sie lähmt oder tötet. Mit eisiger Hand, frostig durch und durch, wühlen die meisten Menschen in den Kinderherzen, und unter ihren Händen erstarrt der schöne Frühling; die Pflänzchen der Liebe sterben, und kühle, kalte, selbstsüchtige Menschheit nistet
sich ein als tausendarmiges Unkraut in der Liebe verödetem Garten.

Jeremias Gotthelf
[1797 – 1854] war das Pseudonym des Schweizer Schriftstellers, Journalisten und Pfarrers Albert Bitzius.

Zustände sind das | Von Durstfrei, Jägersoße & Hühnerstil

Der Tag, an dem meine Welt zu einer anderen wurde, begann damit, dass meine Frau und ich ausgiebig frühstückten. Mit Croissants und Lachs und so. Nach dem opulenten Mahl bemerkte ich beiläufig, dass ich satt sei und keinen Bissen mehr herunter kriege. Ich wollte nach der Zeitung greifen, um mich in der Welt zu orientieren – am Abend hatte ich das Spiel des FC Bayern München verpasst -, als meine Frau erklärte, sie habe genug getrunken und sei nun nicht mehr durstig. «Welches Wort beschreibt diesen Zustand?» fragte sie und sah mich prüfend an. «Nun», sagte ich geistesabwesend (ich wusste immer noch nicht, wie die Bayern gespielt hatten!), «wahrscheinlich spricht man in diesem Zusammenhang am besten von <durstfrei> oder <durstlos>; auch die Kreation <odu> könnte ich mir gut vorstellen.»
Ich war zufrieden mit mir und wollte mich endgültig den wichtigen Dingen des Lebens widmen. Meine Frau aber widersprach: «Nein! Die deutsche Sprache kennt kein Wort für das Gegenteil von <durstig> analog zu <hungrig-satt>.» Meine Frau bevorzuge die Worte «quell» und «losch», wenn auch die indogermanische Wurzel «leuk» durchaus in Betracht zu ziehen sei. «Du also bist <satt>, erklärte sie abschließend, «und ich bin <quell>.»
Verwirrt, aber noch ungebrochen machte ich mich auf einzukaufen. Ich sagte der Dame im Lebensmittelgeschäft, dass ich eine Hühnersuppe brauche, eine, die wirklich nach Huhn schmecke. Die Verkäuferin schien beleidigt: «Selbstverständlich schmecken unsere Hühnersuppen nach Huhn, der Name sagt es ja schon aus!», erklärte sie. Während sie sprach, bemerkte ich in der Auslage Jägersoßen. Es sollten doch nicht etwa…!? Die Verkäuferin sah mein Befremden und beruhigte mich. Der Name «Jägersoße» meine «im Jägerstil», so wie es Jäger eben gerne mögen würden. Ich war unsicher: Wer garantierte mir, dass nicht auch die Hühnersuppe nur im Hühnerstil schmeckte, so wie es Hühner eben gerne mögen?
Gedanken versunken verließ ich das Geschäft. Ein Konfirmand hatte unsere Diskussion im Laden gehört und sprach mich an: Er habe mich fragen wollen, weshalb es eigentlich «Katholikentag» heiße und «Bischofskonferenz». In beiden Fällen seien doch mehrere Personen gemeint; ihm leuchte nicht ein, weshalb im einen Fall die Mehrzahl und im anderen die Einzahl verwendet wurde: «Das, ähm, hat mit Dogma zu tun», stotterte ich, «und mit dem Papst.» Ich war konsterniert. Was ist das für eine Welt, in der nicht einmal mehr auf die Sprache Verlass ist?
Während ich verzweifelt um mich blickte und in dieser, unserer, wahnwitzigen Welt irgendwo Halt suchte, klangen  mir noch die Worte in den Ohren, die mir jener Schüler zum Abschied zurief: «Don’t worry! See you!» – «Vielleicht», flüsterte ich ergriffen, «ist das die Lösung für die Unzulänglichkeiten der Sprache: Die Ergänzung des Deutschen durch Englisch.»
Für einige Sekunden schien die Zeit stillzustehen. Doch dann hob ich an und sprach: «Manchmal, du tust nicht verstehen, auch nicht. Aber wenn die Probleme von der Sprache sind machen einsam dich, tue nicht hängen herum. Vielleicht du kennst ein Ort zu gehen zu wo sie verstehen dich. Das ist tröstlich, ist es nicht?»

Robert Fludd | Seine Vision der Weltschöpfung

«Microcosmi Historia» (1619) des englischen Arztes Robert Fludd (1574—1637).

Fiat
Fiat | Es werde!

Die mächtige Vision der Weltschöpfung:  Gott spricht das FIAT, das «Es werde!», und sein Geist, in einer Taube symbolisiert, umschließt aus dem Nichtsein das Sein.

***

fludd2
Robert Fludd | Von geistigen Fähigkeiten.

Dieses Bild zeigt eine klare Übersicht all der seelischen Vermögen im Mikrokosmos Mensch, eine Art spekulativer Lokalisationstheorie des Gehirnes. Der mundus sensibilis betrifft die äußeren Sinne, der mundus imagibilis die Wesensdeutung des Irdischen, während der mundus intellectualis die göttliche Ordnung des Seins umfasst.

Robert Fludd, ein weitgereister Mann, war stark von Nicolaus von Cusa und Paracelsus beeinflusst, deren theosophische Sichtweisen er mit den wissenschaftlichen Mitteln seiner Zeit neu aufgreift. Auch er lehrt, dass die Welt die Entfaltung Gottes ist, nähert sich damit pantheistischem Denken. Im Menschen – als der kleinen Welt – wird die große sich ihrer bewusst und erst eigentlich vollendet. Seine naturwissenschaftlich eher brüchigen Thesen wurden von Gassendi, Kepler und Mersenne bekämpft. Fludds Versuche, innere Ansichten bildlich wiederzugeben, faszinieren bis heute.

Der erste Satz | Siri Hustvedt

BuchCover
BuchCover

Nächtliche Blicke in ein erleuchtetes Fenster: Ein halbnackter, muskulöser Mann malt selbstvergessen und schweißgebadet an einem Ölbild. Die junge Lily Dahl, die ihn aus ihrem Fenster jenseits der Straße beobachtet, ist fasziniert. Abend für Abend schaut sie ihm zu, und eines Nachts schaltet sie ihr eigenes Licht an und zieht sich für ihn aus …

Siri Hustvedt | Die Verzauberung der Lily Dahl
Rowohlt | rororo
ISBN | 978-3-499-22457-7

Stundenbuch | Verbunden sein

Du bist nicht Öl nicht Luft, nur der Verbrennungspunkt, der Brennpunkt, wo das Licht geboren wird.

Du bist nur die Linse im Lichtstrom. Nur so kannst Du das Licht entgegennehmen und geben und besitzen.

Suchst du dich selbst in deinem eigenen Recht, so verhinderst du die Vereinigung von Luft und Öl in der Flamme, raubst der Linse ihre Durchsichtigkeit.

Verbunden sein – Licht oder im Licht zu sein, vernichtet, damit entstehe, vernichtet, damit es sich sammle und verbreite.

Menschenbilder | Von vergangenen Zeiten der Ritterlichkeit

[R i t t e r l i c h k e i t]

Sohn, da hast du meinen Speer;
meinem Arm wird er zu schwer!
Nimm den Schild und dies Geschoss;
tummle du forthin mein Ross!

Siehe, dies nun weiße Haar
deckt der Helm schon fünfzig Jahr;
jedes Jahr hat eine Schlacht
Schwert und Streitaxt stumpf gemacht!

Herzog Rudolf hat dies Schwert,
Axt und Kolbe mir verehrt,
denn ich blieb dem Herzog hold
und verschmähte Heinrichs Sold!

Für die Freiheit floss das Blut
seiner Rechten! Rudolfs Mut
tat mir seiner linken Hand
noch des Franken Widerstand!

Nimm die Wehr und wappne dich!
Kaiser Konrad rüstet sich!
Sohn, entlasse mich des Harms
ob der Schwäche meines Arms!

Zücke nie umsonst dies Schwert
für der Väter freien Herd!
Sei behutsam auf der Wacht!
Sei ein Wetter in der Schlacht!

Immer sei zum Kampf bereit!
Suche stets den wärmsten Streit!
Schone des, der wehrlos fleht!
Haue den, der widersteht!

Wenn dein Haufe wankend steht,
ihm umsonst das Fähnlein weht,
trotze dann, ein fester Turm,
der vereinten Feinde Sturm!

Deine Brüder fraß das Schwert,
sieben Knaben, Deutschlands wert!
Deine Mutter härmte sich
stumm und starrend, und verblich.

Einsam bin ich nun und schwach;
aber, Knabe, deine Schmach
wär mir herber siebenmal
denn der sieben andern Fall.

Drum so scheue nicht den Tod
und vertraue deinem Gott!
So du kämpfest ritterlich
freut dein alter Vater sich!

trennlinie2Friedrich Leopold Graf zu Stollberg
(* 7. November 1750 in Bramstedt, Holstein, damals unter dänischer Regierung; † 5. Dezember 1819 auf Gut Sondermühlen (Melle) bei Osnabrück, beerdigt in Stockkämpen) war ein deutscher Dichter, Übersetzer und Jurist.
Seine revolutionär-pathetischen Gedichte werden zum Sturm und Drang gezählt. Er schrieb Oden, Balladen, Satiren, Reisebeschreibungen und Dramen. Bekannt sind seine Homer- und Ossianübersetzungen.

#schönewörter #schöneworte fortlaufend

Es geht im Worte und Wörter, die interessant klingen weil sie auch in unterschiedlicher Weise gelesen, interpretiert werden können und wollen.  Selbstverständlich finden Sie hier nur einen Bruchteil der existierenden und fortlaufend entstehenden Wortgebilde- und gebinde. Wenn Sie Vorschläge haben, nutzen Sie gern die Kommentarfunktion.

Wortgebinde

Vasmotorischer Reflex | gefunden bei Roger Willemsens „Nur zur Ansicht“

Lücken Füller

Sacht hereindräuendes Behagen.

Bronzene Glockenstimme | nach Thilo Koch

Denkende Wollust | Titel aus der Reihe „Die andere Bibliothek“ Eichborn Verlag 1996

Nachtstürme reiten die Bäume krumm. | Max Dauthendey

Romantische Dominanz

Komplexe Unterwerfungslage | gefunden auf faz.de

Jahrhundertleben | Aus einer Biografie zu Ernst Jünger

Zu sehen | Titel eines Buches von Lily Brett

Bildwerk

Frühes Versprechen | Buchtitel von Romain Gary

 

Lyrik | Der Schmetterling von Pavel Friedman | Theresienstadt

In diesem Gedicht schildert der Autor seine Eindrücke vom Leben im Ghetto.

Der letzte, der allerletzte,
so kräftig, hell, gelb schimmernd,
als würden sich die Tränen der Sonne
auf einem weißen Stein niederlassen.
So ein tiefes, tiefes Gelb
er hebt sich ganz leicht nach oben.
Er verschwand weil, so glaube ich,
weil er der Welt
einen Abschiedskuss geben wollte.
Seit sieben Wochen habe ich hier gelebt.
Eingepfercht im Ghetto.
Aber ich habe hier meine Freunde gefunden.
Der Löwenzahn verlangt nach mir
und die weißen Kerzen der Kastanien im Hof.
Aber ich habe niemals
einen zweiten Schmetterling gesehen.
Dieser Schmetterling war der letzte seiner Art.
Schmetterlinge leben nicht hier,
im Ghetto.

Pavel Friedman - Schmetterling

Pavel wurde 1921 in Prag geboren. Sein Vater war Jude, seine Mutter Christin. Über den jungen Dichter Pavel Friedman ist wenig bekannt. Das Gedicht schrieb er vermutlich mit  17 Jahren, am 4. Juni 1942 im Ghetto Theresienstadt. Dort heiratete er Adina Schnitzer, die den Holocaust überlebte, nach Israel auswanderte und dort wieder heiratete. Pavels Arbeiten wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen mit Kinderzeichnungen in einem geheimen Versteck gefunden.

Pavel Friedman wurde nach Auschwitz deportiert. Dort kam er am 29. September 1944 um.

Otto Julius Bierbaum – Die vier Jahreszeiten aus „Das Seidene Buch“

Walter Crane - The Masque of the Four Seasons - 1903Walter Crane – The Masque of the Four Seasons – 1903

trennlinie640

F r ü h l i n g

Vorfrühling
Sieh da: Die Weide schon im Silberpelz,
Die Birken glänzen, ob auch ohne Laub,
In einem Lichte, das wie Frühling ist.
Der graue Himmel zeigt türkisenblau
Ganz schmale Streifen, und ich weiß, das ist
Des jungen Jahres erster Farbenklang,
Die ferne Flöte der Beruhigung:
Die Liebe hat die Flügel schon gespannt,
Sie naht gelassenen Flügels himmelher,
Bald wird die Erde bräutlich heiter sein.

Nun, Herz, sei wach und halte dich bereit
Dem holden Gaste, der mit Blumen kommt
Und Liebe atmet, wie die Blume Duft.
Sei wach und glaube: Liebe kommt zu dir,
Wenn du nur recht ergeben und getrost
Dich auftust wie ein Frühlingsblumenkelch.

An die Trauerweide
Trauerweide, erster Baum,
Der die grünen Wimpel schwingt,
Dem zuerst die Lebenslust
Frisch aus Ast und Zweige dringt, –

Warum nennen sie dich so,
Den die Blätterfülle biegt,
Der zuerst im Frühlingswind
Sich im Frühlingstanze wiegt?

Schlecht verstehen sie die Kraft,
Die sich spielend niederneigt,
Mit der Hand die Erde kost,
Mit dem Haupt den Himmel zeigt.

Das grüne Wunder
Mein Birkenhain stand weiß und kahl,
Die dünnen Stämmchen fror,
Da kam April und zauberte
Das Leben grün hervor.

Mit einem Schleier angetan
Steht nun mein Birkenhain;
Das grüne Wunder ist geschehn,
Nun laßt uns gläubig sein.

Nun laßt uns glauben wiederum,
Daß Leben Schönheit heißt:
Mein Birkicht ist ein Zauberwald,
In dem das Wunder kreißt.

Das Wunder am Baum
Ein Wunder sich begeben hat:
Aus schwarzem Holz ist grün ein Blatt
Vergangne Nacht gedrungen.

Ein Vogel dann vom schwarzen Stamm
Zum grünen Zweig gottlobesam
Das Wunder hat besungen.

Frühlingszuruf
Nun sich die Knospen aus den Zweigen drängen,
Blühende Kräfte morsche Bande sprengen,
Wohin du siehst, wacht alles fröhlich auf –:
Nun sei in deiner Seele rein und heiter,
Erzengel rechts und links dir als Begleiter,
Nimm in den Morgen fröhlich deinen Lauf!

Die Schwingen streifen dich an beiden Seiten,
Um dich der Engel Atem im Geleiten,
Wie muß dein Schritt jetzt frei und kräftig sein!
Schreit aus und glaube: Dir erklang das Werde!
Schick deine Blicke aus: Die ganze Erde
Blüht dir ans Herz: Was schön ist, das ist dein!

Denn der ist König über alle Dinge,
Und den berührt der Engel goldene Schwinge,
Der seine Blicke so aussenden kann,
Daß sie wie Adler Beute heimwärts tragen,
Und dem die Morgenstunden leuchtend sagen:
Du Mensch mit hellen Augen, nimm uns an!

Die Birke
Die junge Frühlingssonne
Mit zarten Strahlenfädchen
Flirrt um die Jungfer Birke
Mattgoldenes Filigran.

Wie eine Braut im Schmucke,
So schämig schön, jungfräulich,
Steht zwischen schwarzen Tannen
Die schlanke junge Birke.

Könnt ich ein Bildchen malen
Mit zartgehauchten Farben,
Ich malte meine Birke
In junger Frühlingssonne.

Der Himmel sollte sie küssen,
Der heiter helle Himmel,
Und eine weiße Wolke
Schwömme über sie hin.

Das Gras zu ihren Füßen,
Halb hoch im Halm, durchflockt ich
Mit zarten Rosakelchen
Und blassen Margueriten.

Die sollten still wie Kinder
Ausblicken mit hellen Augen
Zur holden Jungfer Birke
In junger Frühlingssonne.

Mai
Nun aber hebt zu singen an
Der Mai mit seinen Winden.
Wohl dem, der suchen gehen kann
Und bunte Blumen finden!

Die Schönheit steigt millionenfach
Empor aus schwarzer Erden;
Manch eingekümmert Weh und Ach
Mag nun vergessen werden.

Denn dazu ist der Mai gemacht,
Daß er uns lachen lehre.
Die Herzen hoch! Und fortgelacht
Des Grames Miserere!

Mai-Willkomm
Wie lieblich hat sich’s eingemait!
Die Erde schwimmt in Blüten.
Das ist die höchst willkomm’ne Zeit,
Die alles will begüten.
Nun werden die härtesten Herzen gelinder,
Wir laufen ins Grüne wie lachende Kinder,
Nun werden wir töricht und werden gescheit.

So geht es jedes liebe Jahr:
Wird man im Winter trübe,
So ist’s im Maimond wunderbar,
Als ob sich alles hübe.
Es fliehen die Wolken der Seele in Ballen,
Es will uns das Leben nun wieder gefallen,
Wir fühlen, wie töricht das Trübesein war.

Drum singen wir dem werten Mai
Nach altem Brauch Willkommen.
Er mache alle Herzen frei
Und möge Allen frommen.
Insonderheit soll er verliebten Leuten
Auch heuer die seligsten Stunden bedeuten.
Das ist unser Mai-Wunsch. Amen! Es sei!

Erste Blüten, erster Mai
Lange schlug das Herz mir dumpf
Und in faulen Schlägen,
War ein tangbedeckter Sumpf
Ohne Wellenregen.

Bunte Blumen blühten rings,
Und ich ging vorüber;
Wissenschaft, die graue Sphinx,
Gab mir Nasenstüber.

Wissenschaft, die graue Sphinx,
Mag der Teufel holen;
Euch, ihr Blüheblumen rings,
Sei mein Herz befohlen.

Sonnevoll ist mein Gemüt,
Eine grüne Wiese,
Drauf es singt und springt und blüht,
Wie im Paradiese.

Eine Geige klingt in mir,
Glockenklar und leise . .
»O du allerschönste Zier! . .«
Wundersame Weise.

Glück und Glanz und Glorienschein
Über allem Leben,
Und die ganze Welt ist mein,
Mir zu Lehn gegeben.

Und mein Herz haucht Liebe aus,
Alle Not verendet,
Sorge, Sünde, Haß und Graus
Sind in Glück gewendet.

Dumme, holde Träumerei,
Immer kehrst du wieder:
Erste Blüten, erster Mai,
Schwärmerische Lieder.

Maientanz
Blütenblätter jagt der Wind
Von den jungen Zweigen,
Die sich nun im ersten Sturm,
Frühlingssturme neigen.

Rosarote Apfelblüh
Tanzt mit schneeig weißen
Kirschenblüten Ringelreih
Hell in Wirbelkreisen.

Junge Birken beugen sich
Jungferngrün im Winde,
Leise wispert’s, froh erstaunt,
In der alten Linde.

Heia, erster Frühlingssturm,
Blütenblätterfeger,
Sei gegrüßt, Lenzjunker Wind,
Allerliebster Jäger!

Nicht zum Morde ruft dein Horn,
Ruft zu Tanz und Leben,
Über deinem Hussah-Zug
Schmetterlinge schweben.

Letztes Winterwehtum treibt
Dein Hallih von hinnen,
Hüte hoch und juhuhu!
Maitanz soll beginnen!

Wie der Blütenblätterschnee
Woll’n wir Wirbel drehen,
Wie’s der alte Maienbaum
Nimmer noch gesehen.

Flöte kichert, Geige singt,
Und der Baß brummt bieder,
Doch der Lenzwind über uns
Hat die schönsten Lieder.

Hat die große Melodei
Helle Sturmlustweise;
Nach des Lenzen Pfeife tanzt,
Tanzt die frohen Kreise!

Tulpen-Predigt
Fenster auf! Es hat der Frühling
Endlich wieder seine Zeit.
Alle Blumen müssen blühen,
Alle Vögel müssen singen,
Alle Mädchen müssen lieben,
Alle Herzen werden weit.

Mädchen mit den süßen Augen,
Komm, setz dich auf meinen Schoß!
Deine Hände muß ich küssen,
Deine Augen muß ich küssen,
Deine Lippen muß ich küssen,
Denn die Freude ist zu groß.

Sieh doch, Kind, die Tulpen haben
Ihre Kelche aufgemacht:
Rote, gelbe und gescheckte,
Tiefe Kelche voller Gluten,
Nichts als Schönheit, nichts als Liebe,
Eine ungeheure Pracht.

Kann denn irgend einer traurig
Unter diesen Flammen sein?
Sieh: das kam aus schwarzer Erde!
Denke: solche Flammen schlafen
Winters unter unsern Füßen!
Nur die Liebe schläft nie ein.

Glaube, Mädchen, an die Erde,
Weil sie voller Liebe ist.
Sind wir doch aus ihr geboren,
Wie die Blumen aus dem Beete.
Schlechtes Kind, das seiner Mutter
Wunderreichen Schoß vergißt.

Laß die Blinden ihre Augen
In das Himmlische verdrehn.
Du, bewußtes Kind der Erde,
Reich wie sie an Saft und Kräften,
Wohlgetane, Starke, Schöne,
Du sollst in die Blumen sehn.

Alles, was das reiche Leben
Dir bestimmt hat, Mädchen, ruht
Auch in diesen Glutenkelchen,
Und es meint’s die Mutter Erde
Mit den liebetreuen Kindern
Immer, Mädchen, immer gut.

Liebe ist das Wort der Worte,
Liebe ist des Lebens Wort;
Weißt du das in deinem Herzen,
Weißt du das in deinen Sinnen,
Dann kann nichts dich überwinden,
Deine Mutter hilft dir fort.

Lacht mein Mädchen? Lache, lache,
Liebes Mädchen, lach mich aus!
Weiser ist dein klares Lachen
Als mein Predigen und Dichten,
Schöner ist dein liebes Lachen
Als ein ganzer Tulpenstrauß.

Einen Kuß! Dann in den Garten,
In die Flammen gelb und rot!
Dankbar treue Erdenkinder
Wollen wir den Tag genießen:
Liebe unser einzger Glaube,
Schönheit unser täglich Brot.

Flieder
Stille, träumende Frühlingsnacht . . .
Die Sterne am Himmel blinzelten mild,
Breit stand der Mond wie ein silberner Schild
In den Zweigen rauschte es sacht.
Arm in Arm und wie in Träumen
Unter duftenden Blütenbäumen
Gingen wir durch die Frühlingsnacht.

Der Flieder duftet berauschend weich;
Ich küsse den Mund dir liebeheiß,
Dicht über Häupten uns blau und weiß
Schimmern die Blüten reich.
Blüten brachst du uns zum Strauße,
Langsam gingen wir nach Hause,
Der Flieder duftete liebereich . . .

Bildchen
Der Frühling naht dem Sommer zu,
Ein leichter Wind wiegt über dem Gras,
Hell leuchten die Blüten im Busche.

Die Blumen im Grase nicken leis,
Es klingt der kleine, klare Bach
Aus schattigem Dunkel schüchtern heraus,
Als käm er vom Reiche der Träume.

Vom Reiche der Träume, in dem sie weilt
Das braune Mädel mit flatterndem Haar,
Die junge kräftige Bauerndirn.

Zwischen Frühling und Sommer webt ihr Traum,
Zwischen Blüte und Frucht, zwischen Hoffen und Glück,
Und die Augen gehen ihr über.
Sommer

Fröhliche Zuversicht
Nun ist die Blütenzeit vorbei,
Die grüne Wiese gilbt sich schon.
Vergangen ist der Mai.

Im Busch ein kleiner Vogel singt
Ein lautes Lied vom Glück, vom Glück,
Das nun der Sommer bringt:

Die Blütenfrucht, die junge Brut,
Das stille Reifen überall,
Des Segens schwere Flut,

Vom Nachbarbusch antwortet fein
Das Weibchen seinem Glücksgesang;
Nun singen sie zu zwein.

Zu zwein, zu zwein! Das war im Mai,
Da mir das Glück zu zwein beschert.
Schnell ging das Glück vorbei.

Es schwand im Blütenüberschwang,
Es hallte leise, leise aus,
Wie ferner Mädchensang.

In meinem Herzen lind und warm
Verglimmt’s wie Abendsonnenschein;
Mein Herz ist ohne Harm.

Mit Lachen flog mir fort das Glück,
Ich aber weiß: im nächsten Mai
Kehrt’s lachend mir zurück.

Frühsommerphilosophie
Die roten Tulpenflammen sind verglüht;
Maiglocken wachen auf; der Flieder blüht;
Die Eiche, die so lange sich besann,
Steht nun in Laub; es steckt die Kerzen an,
Die grünen Kerzen, übertrieft von Saft,
Der alten Fichten innerliche Kraft.
Um jede Blüte ist ein Surretanz
Von Schwebewesen, ein lebend’ger Kranz
Von Schillerflügeln, gelb, grün, blau von Glanz,
Und an den Stengeln kriecht im Drängelauf
Das Käfervolk bunt, tausendfüßig auf.
Die liebe Welt! Ob sie auch lange ruht,
Sie macht’s zuletzt doch immer wieder gut.
Mag sie nicht schelten.
Eh eine andre uns nicht voller mißt,
Glaub ich’s einstweil, daß sie die beste ist
Von allen Welten.

trennlinie640

S o m m e r

Sommer
Singe, meine liebe Seele,
Denn der Sommer lacht.
Alle Farben sind voll Feuer,
Alle Welt ist eine Scheuer,
Alle Frucht ist aufgewacht.

Singe, meine liebe Seele,
Denn das Glück ist da.
Zwischen Aehren, welch ein Schreiten!
Flimmernd tanzen alle Weiten,
Gott singt selbst Hallelujah.

Sommerglücksmusik
O Mond der Ernte des goldenen Korns!
O Sichelrauschen durch reife Frucht!
O Segensang des Sensenschwungs!

Sonne spielt in schweren, satten
Farben ein Strahlenlied der Macht,
Goldkorngarbenüberdacht
Sitzt der große Pan im Schatten.

Gelb ist des Liedes Tiefton; breit
Flutet es unter dem Klanggewelle;
Fanfaren in Rot; das Blau schalmeit;
Ein lustiges Grün schwillt flötenhelle.

Mit dem Haupt, dem hörnerschweren,
Nickt den Takt der große Pan:
Langsam kommt die Zeit heran,
Da die Götter wiederkehren.

O Mond der Ernte des goldenen Korns!
O Sichelrauschen durch reife Frucht!
O Segensang des Sensenschwungs!

Spätsommer
Wenn das Gras der grünen Wiesen
Zeitig ist zur großen Mahd,
Wenn der Sommer seine Sense
Singen läßt durch reife Saat:

Dann soll deine Seele Sonne,
Kraft und Frucht und Ernte sein:
Schneide ruhig deine Aehren,
Führe deine Garben ein!

Ernte
Sonnengießen durch den Tag.
Wellenhoch im fröhlichen Schlag
Geht mein Herz, es schaukelt leise
Eine Wiener Walzerweise.
Sensenschwung und Sichelschnitt,
Grün und gelb fällt Gras und Ähre,
Meine Freude erntet mit:
Segenschwere! Segenschwere!

Unter einem Lindenbaum,
Auf des weißen Kirchleins Hügel,
Ruht ich aus; da hub mein Traum
Surrend die Libellenflügel:

Steht ein Feld im Korne schwer,
Schwankt in goldnem Überschwange,
Früchtefroh und reifebange,
Trocken rauschend hin und her.

An des Segens goldnem Rand,
Wo des Himmels Blau sich breitet,
Eine Sense in der Hand,
Eine Bauerndirne schreitet.
Weit aus, wuchtig ist ihr Schritt,
Überhäupten ihr der Stahl
Lacht in huschig hellem Glitzen;

Schnell im Schwung mit einemmal
Seh ich’s durch die Bläue blitzen,
Und die Magd beginnt den Schnitt.
Bogenhalb dreht sich ihr Leib,
Bogenweit greift aus das Eisen,
Näher, näher kommt das Weib
Hinter breitem Messerkreisen.
Langsam rührt mit steter Kraft
Sie der schweren Sense Schaft.

Brach schon dehnt sich Stoppelleere.

Wo rauschgolden sich die Ähre
In des Windes Wehn gewiegt,
Sterbestarr das Leben liegt.

Näher, näher kommt sie her,
Auf die Seele fällt mir’s schwer.
Augen zu. Ich höre den Schnitt,
Und ein Klagen hör ich mit
Von Millionen Sterbequalen.
Stille dann. Scheu schau ich hin:
Ruhend steht die Schnitterin
Unter Abendsonnenstrahlen.
Von des vollen Goldes Rot
Einen Augenschein umloht,
Dann im letzten, hellen Licht,
Umrißschwarz . . . Bist du der Tod!?

Klar blickt sie mir ins Gesicht,
Gütig, groß und mütterlich,
Wendet in die Helle sich;
Geht. Sie überwächst den Schein,
Dunkel bricht von ihr herein.

Wo rauschgolden sich die Ähre
In des Windes Wehn gewiegt,
Sterbestarr das Leben liegt.
Allhin dehnt sich Stoppelleere.

trennlinie640

H  e r b s t

An den Herbst
Mit dankbarem Gemüte
Hin nehm ich deine Güte,
Herbsttag, du milder Gast,
Der du mich reich beschenktest,
Den Sinn ins klare lenktest
Und mich zum Abend fröhlich ausgerüstet hast.

Nun ist in mir kein Drängen
Und bin doch nicht im Engen,
Bin ruhevoll bewegt.
Was gilt es, mehr zu wollen,
Als so im Friedevollen
Teilhaftig sein des Ganzen, das mütterlich uns hegt.

Die goldene Birke
           Birke, wie warst du schön,
Als du im grünen Kleid,
Zierliche Jungfrau, standst
Und dir der Frühlingswind
Leise durchs zage Gezweig
Strich, wie des Bräutigams Hand
Zärtlich der Braut durch die schimmernden Locken streicht.

Birke, wie bist du schön,
Die du im goldnen Kleid,
Schöne Matrone, stehst.
Ruhig in klarer Luft
Hängt nun das fahle Gezweig,
Wie die Arme der Frau
Lässig herab im ermüdeten Schoße ruhn.

Mutterlied im Herbste
Will mein Junge Äpfel haben,
Rote oder gäle?
Hast du zweie, hast du dreie,
Schäl, mein Junge, schäle:

Schäle Schalen, lange Bänder,
Leg sie um im Kreise,
Iß die Äpfel, iß die Äpfel,
Beiß, mein Junge, beiße!

Ein Herbstlied
     Zur Begleitung des Faßtrichters
Nun klärt sich im Fasse der neue Wein,
Doch draußen wird es trübe,
Nur manchmal tut der Sonnenschein,
Als ob er den Nebel hübe;
Das Feld behauptet stolz allein
Die brave Zuckerrübe,
Doch auch ihr scheint es frostig zu Mute zu sein:
Ach, kochte man bald mich zu Zucker doch ein!
Ach, wenn man doch balde mich grübe!

King Thanatos sitzt aus dem Thron
Und übt sich im Regieren;
Mit Reichsschwert, Zepter, Reichsapfel und Kron
Sieht man ihn emsig jonglieren;
Sonst würd‘ es des Winters selbsteigenen Sohn
An höchstseine Hände frieren;
Blitzblau sind ihm Backen und Nase schon.
Jetzt ist der Trichter mein Bombardon,
Und ich gehe den Neuen probieren.
Winter

Alexandriner
           Dort lag der See gewellt, ein blauer Schimmerplan,
Wie weiße Möven drauf manch schneller Segelkahn;
Das Ufer drüben hell, der Himmel drüber klar,
Wie das doch wundersam, gar heilig heiter war!
Es tuschte noch der Herbst mit seiner Künstlerhand
In Sammetbraun und Rot Wald, Wiese, Berg und Land.
Unendlich weit der Blick, und umrißreinlich, fein,
Fiel Alles fern und nah, dem satten Auge ein.
Die Zacken des Gebirgs scharf vor dem Himmelsblau,
Ich sah der Schroffen Grat, der Schründe Spalt genau.
Und wenn zur Dämmerzeit der Mondkahn drüber schwamm,
War silberüberblitzt der blaue Höhenkamm.
Der fernsten Dächer Rot, der weitsten Wälder Braun,
Ich sah, wie weit es war, und konnt es nahe schaun,
Selbst kleinster Bäche Band, wie Silber eingestickt
Dem Sammetdunkelrot, hab deutlich ich erblickt.

Und heute. Eingebannt bin ich in kleinen Raum,
Das nahe Dorfgehölz seh ich als Schleier kaum.
Es fällt ein schneller Schnee, breitflockig, dicht gedrängt,
Und hat in leeres Grau mich drückend eingeengt.
Wo ist der See, der Wald, der blaue Höhenkamm,
Darauf der Silberkahn des halben Mondes schwamm?
Wie bin ich plötzlich arm. Ein König im Exil,
Dem über Nacht vom Haupt die goldene Krone fiel.
Er legt von sich den Prunk, die Pracht, die Macht, den Tand,
Und in sich selbst entdeckt er tief ein neues Land,
Das nie er noch geschaut, das, unveräußerlich,
Ein reiches Königreich: staunend entdeckt er – sich.

Mein Auge ward beraubt, mein Herz ward reich beschenkt,
Das in sich selber sich mit stiller Kraft versenkt.

trennlinie640

W i n t e r

 Winter
Der alte Säemann geht übers Land;
Sein grauer Sack ist voll und wird nicht leer,
So viele Hampfeln auch die Hand verstreut.

Und alles ist ihm Feld: Wald, Wiese, Berg;
Allüberallhin sät er seine Saat,
Die niemals aufgeht. Schweigend tut er so.

Ich seh ihm zu. Mich überschüttet weiß
Der kalte Segen seiner toten Saat.

Und wie ein Baum, aus dem der Lebenssaft
Sich in die Erde schlug, so steh ich starr
Und fühle innerlichst mich selbst vergehn.

Und Schlaf und Tod ist mir nur noch ein Gott.

Winterlied
           Weg und Wiese zugedeckt,
Und der Himmel selbst verhangen,
Alle Berge sind versteckt,
Alle Weiten eingegangen.

Ist wie eine graue Nacht,
Die sich vor den Tag geschoben,
Die der Sonne glühe Pracht
Schleierdicht mit Dunst umwoben.

Oder seid ihr alle tot:
Sonne, Mond und lichte Sterne?
Ruht das wirkende Gebot,
Das euch trieb durch Näh und Ferne?

Leben, lebst du noch ringsum?
Sind verschüttet alle Wege?
Grau und eng die Welt und stumm.
Doch mein Herz schlägt seine Schläge.

Das Wunder kommt
Schwarz ist die Nacht; es kracht das Eis;
Die ganze Welt ist eingeschneit;
Es sieht kein Stern am Himmel,
Am Himmel.

Da sieh: es blitzt ein zitternd Licht,
Ein Stern blitzt aus dem Schwarz heraus,
Ein roter Stern von Golde,
Von Golde.

So hat dereinst der Stern geblitzt,
Nach dem die heiligen drei gereist
Mit Weihrauch und mit Myrrhen,
Mit Myrrhen.

Den Heiland hat der Stern gebracht;
In dieser Nacht zerbrach das Eis;
Das Wunder kommt: Der Frühling,
Der Frühling.

Max Herrmann-Neiße • Ich folge deinen Füßen

Nacht der Sternschnuppen - Jean-Francois Millet ca. 1851
Nacht der Sternschnuppen – Jean-Francois Millet ca. 1851

Ich folge deinen Füßen bis
In jede Furcht und Finsternis!

Deine Hände machen mich weinen,
Sie sind die jungen Schwestern der meinen.
Sie leuchten über meinem Pfade
Als Sterne einer großen Gnade.
Sie könnten mir meiner herben, Harten,
Verstörten Seele schweres Sterben
Glücklich machen und reich –

Ich bin so arm – ich kann nur warten!
Meine Hände sind zu greis und zu schwach
Zum Rauben und zum Erringen,
Sie sehnen sich bleich den deinen nach:
Du mußt sie ihnen bringen!
Sei weich!

Ich suche dich schon durch alle die Jahre,
Deine Füße flohen ins Wunderbare.
Deine Hände hielten sich immer verschlossen – –

Aber jetzt hab ich mein Blut vergossen,
Für dich vergossen!

Jetzt geht mein Blut dem deinen nach
In unser stillstes Brautgemach.
Du legst dich schwer auf mein Gesicht
Und hüllst mich in dein Haar.
Wie ein Taubenpaar
Flattern deine Füße an mir,
Deine Hände tun mir so Gutes.

Und eine weiche Stimme spricht:
Wir sind eines Blutes!

Dann trägt uns unsre Liebe bis
In jede Furcht und Finsternis – – –

In jede selige Finsternis.


Max Herrmann-Neiße, auch Herrmann-Neisse, (* 1886 in Neiße, Schlesien; † 1941 in London) war ein deutscher Schriftstelle & Lyriker.

Paul Klee • Wäre ich ein Gott, zu dem man betet

Wäre ich ein Gott, zu dem man betet

Kathedrale Reims - Foto: Alfred
Kathedrale Reims – Foto: Alfred

Wäre ich ein Gott, zu dem man betet,
ich käme in die größte Verlegenheit,
von einem Tonfall des Bittenden irgendwo gerührt zu werden.
Sobald das Bessere nur leise anklänge,
würde ich gleich Ja sagen,
«stärkend das Bessere mit einem Tropfen von meinem Tau».
Somit würde von mir ein Teilchen gewährt,
und immer wieder nur ein Teilchen,
denn ich weiß ja sehr wohl,
daß das Gute in erster Linie bestehen muß,
aber doch ohne das Böse nicht leben kann.
Ich würde also in jedem einzelnen
die Gewichtsverhältnisse der beiden Teile ordnen,
bis zu einem gewissen Grad der Erträglichkeit.
Revolution würde ich nicht dulden,
wohl aber zu ihrer Zeit selbst machen.
Daran sehe ich, dass ich noch kein Gott bin.

Ich wäre auch leicht, und mir dessen bewusst, zu überlisten.
Ich wäre rasch im Verleihen eines Ja, einem kurzen
Tone im Gebet gegönnt, welcher rührte.

Gleich darauf wär ich imstande,
sehr inkonsequent zu handeln,
und mich zu verwandeln
in das Ungeheuer Schauer,
welcher liegt auf solcher Lauer,
daß es dann gibt Trauer
in Familien, wo sein Gift
gerade trifft.

Viel historisches Theater wollte ich auch machen,
die Zeiten würden losgebunden von ihrem Alter,
das wäre ein Durcheinander zum Lachen.
Aber mancher wäre entzückt,
– hätt ich zum Beispiel je einen irrenden Ritter
draußen im Busch gefunden,
ich war beglückt! –.

Ein bisschen narren würd ich die Leutchen auch zuweilen
und gäbe ihnen in der Labung Ätzung,
in der Nahrung Zersetzung –
und Schmerz in der Paarung.
Ich stiftete einen Orden,
im Banner die lustig hüpfende Träne.

trennlinie2

 Paul Klee – Gedichte / Neue erweiterte Ausgabe 1980
Verlag der Arche – Zürich
isbn: 3-7160-1650-0

Buchtipps für Autoren und die, die es werden wollen

Mit dieser kleinen Liste möchten wir Ihnen Bücher vorstellen, die Ihnen bei der Entwicklung Ihres Buches helfen können. Neben einigen Klassikern sind hoffentlich einige Neuentdeckungen für Sie dabei:

trennlinie2

James N. Frey - BuchCover
James N. Frey – BuchCover

James N. Frey „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“

Der erfolgreiche Romanautor und Dozent für kreatives Schreiben in den USA, liefert eine praktische, systematische und humorvolle Anleitung für das Schreiben eines Romans. Es geht ihm nicht um die Frage, was Literatur ist, sondern um das Handwerk des Schreibens. Geschrieben in klarem, knappen Stil. Das Buch eignet sich sowohl für Anfänger als auch Profis. Der Band 2 widmet sich explizit den fortgeschrittenen Autoren.

Beide Bände sind im Modernen Antiquariat erhältlich. Preis: variabel

Beide Ausgaben erschienen im EMONS-Verlag +
ISBN – Band 1: 3924491321 + ISBN – Band 2: 3897051281

trennlinie2

Sol Stein „Über das Schreiben“ - BuchCover
Sol Stein „Über das Schreiben“ – BuchCover

Sol Stein „Über das Schreiben“

Bestsellerautor und Lektor Stein gibt hier eine allgemeine Einführung in das Schreiben fiktionaler und nichtfiktionaler Texte und zeigt dabei vor allem anhand zahlreicher, anschaulicher Beispielen bekannter oder angehender Schriftsteller, wie vorhandene Texte verbessert werden können. (…) Als Dozent für Creative Writing listet er auch häufige Fehler von (Nachwuchs-)Autoren auf. Das Werk richtet sich vorrangig an Journalisten sowie Nachwuchs- oder Hobbyautoren und schließt mit einem Abschnitt, der ein gewinnbringendes Korrigieren skizziert. (Informationsdienst für Bibliotheken März 2015)

Preis: 19, 95 €

Autorenhaus Verlag + ISBN: 9783866711266 + gebundene Ausgabe + NeuVÖ: Januar 2015 + amazon.de + buchhandel.de

trennlinie2

Gabriele L Rico - Garantiert schreiben lernen
Gabriele L. Rico „Garantiert schreiben lernen – BuchCover

Gabriele L. Rico „Garantiert schreiben lernen: Sprachliche Kreativität methodisch entwickeln – ein Intensivkurs auf der Grundlage der modernen Gehirnforschung“

‚Garantiert schreiben lernen‘ von Gabriele Rico eines der Bücher, die ich gerne schon vor vielen Jahren während meiner Schulzeit gelesen hätte.
Die zahlreichen Techniken und ausführlich beschriebenen, nachvollziehbaren Übungen im Buch sind jedenfalls nicht nur für angehende Schriftsteller geeignet, sondern auch für Gelegenheitsschreiber. Letztlich geht es beim Schreiben darum, einen Weg zur eigenen Kreativität zu finden, Gedanken zu wecken und Assoziationen zu knüpfen, diese in seinem eigenen Schreibstil zu verbinden und zu überarbeiten, bis man eben selbst damit glücklich ist.
Allen möglichen Hindernissen auf diesem Weg, wie Schreibangst oder überhöhte Erwartungen an sich selbst, begegnet die Autorin mit gebührendem Respekt aber auch der nötigen Portion Humor und vor allem einer Menge an know how. Was klar wird im Buch ist, dass Schreiben Arbeit ist und gute Texte nicht mal eben aus dem Handgelenk geschüttelt werden. Durch ihre langjährigen Erfahrungen im ‚Schreiben lernen‘ bietet sie mit ihrem Buch einen super wertvollen Beitrag, von dem Anfänger sicher mehr profitieren werden als Profis.Ernüchternd, zum Schmunzeln und bemerkenswert fand ich auch die immer wieder eingestreuten Zitate von Schriftstellern und ihre Kommentare übers Schreiben.

Gabriele L. Rico wurde in Deutschland geboren und arbeitete als Dozentin für Anglistik und Kunstpädagogik an der San Jose State University in den USA. Sie gibt Kurse und Workshops, in denen sie die Kunst, „natürlich zu schreiben“ unterrichtet.

Preis: 12,90 €

Broschiert – 3. Mai 2004 Cornelia Holfelder-von der Tann (Übersetzer)
Rowohlt Taschenbuch Verlag; Auflage: rororo (3. Mai 2004)  + ISBN: 3499616858

amazon.de + buchhandel.de

trennlinie2

ez_32_dasgutegespraech_web_heller
Peer Teuwsen – BuchCover

Peer Teuwsen „Das gute Gespräch“ – Wie man erfolgreich fragt. Ein Lehrbuch

Was ist ein gutes Gespräch? Wie schafft man es, dass sich ein Mensch öffnet, dass er vertraut, dass er Dinge sagt, die er noch nie erzählt hat? Der vielfach ausgezeichnete Journalist Peer Teuwsen, der von Yoko Ono über Robbie Williams und Susan Sontag bis Walter Kempowski viel beachtete Interviews mit herausragenden Menschen unserer Zeit geführt hat, gibt in diesem Buch anhand praktischer Beispiele Anleitungen fürs gute Gespräch. Er spricht mit einigen der besten Interviewer des deutschsprachigen Raums über ihre Techniken. Und er fragt den Schweizer Politiker Moritz Leuenberger, was für ihn ein gutes Gespräch ist.

Peer Teuwsen, * 1967, ist mehrfach ausgezeichneter Journalist und führte zahlreiche aufsehenerregende Gespräche für «Das Magazin» und «Die Weltwoche», wo er in führenden Positionen tätig war. Derzeit lebt er als Schweiz-Korrespondent der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» in Ennetbaden bei Zürich. Von seinem Berufskollegen wurde er 2012 zum «Schweizer Journalisten des Jahres» gewählt.

Ein schönes Buch um zu visualisieren, wie gute Gespräche verlaufen. In erster Linie für das Interview geschrieben, dennoch gelingt der Wissenstransfer wunderbar für Autoren…evtl. auch zur eigenen Vorbereitung auf Interviews. Die Interviewten: Sir Elton John, Orhan Pamuk, Susan Sontag, Charlotte Roche, Moritz Leuenberger, André Müller, Yoko Ono und andere.

Preis: SFr. 32.00, Euro 25.00

Gebunden, 168 Seiten. (In der iPad-App auch als eBook erhältlich.)
Echtzeit Verlag+ ISBN: 9783905800326

trennlinie2

Günter Gaus - Zur Person Band 1Günter Gaus – Zur Person / Porträts in Frage und Antowrt / Was übrig bleibt sind Fragen

Alle von Günter Gaus herausgegeben Interviewbände eignen sich hervorragend zu Entwicklung von Charakteren; insbesondere mit politischen, gesellschaftlich relevanten Hintergründen.

Günter Gaus (Günter Kurt Willi Gaus; * 23. November 1929 in Braunschweig; † 14. Mai 2004 in Hamburg-Altona) war ein deutscher Journalist, Publizist, Diplomat und Politiker.
Günter Gaus wuchs als Sohn eines Kaufmanns in Braunschweig auf, wo er an der Gaußschule das Abitur erwarb. Danach studierte er Germanistik und Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Bereits im Studium wurde er auch journalistisch tätig. In den 1950er und 1960er Jahren arbeitete er bei verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen, darunter Der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung, wo er 1961 bis 1965 politischer Redakteur war.
Bekannt wurde seine Sendereihe Zur Person, die zum ersten Mal am 10. April 1963 im ZDF ausgestrahlt wurde. Hierin stellte Gaus jeweils einen Gast in Form eines Interviews vor. Die so entstandenen Portraits von Politikern, Wissenschaftlern und Künstlern gelten heute als Klassiker und werden bis heute im Fernsehen wiederholt. Gaus, der selbst in den Sendungen meist nur zu hören war, führte die Reihe (teilweise unter anderem Titel) auf verschiedenen dritten Programmen, zeitweise auch für dctp bei Sat.1, über Jahrzehnte fort. – Quelle: wikipedia

Die Bücher sind in verschiedenen Verlagen und unterschiedlichen Zusammenstellungen publiziert worden, daher keine weiteren Bezugsquellen und Preise.

trennlinie2

Klaus einhardt - BuchCover
Klaus einhardt – BuchCover

Klaus Reinhardt „Vom Wissen zum Buch: Fach- und Sachbücher schreiben“

Die pragmatische Schreibanleitung für (potenzielle) Sach- und Fachbuchautoren.
Einen Namen als Experte, Fachfrau oder Wissenschaftler macht man sich mit Büchern. Wollen Sie wissenschaftliche Erkenntnisse in einem Fachbuch bündeln? Wollen Sie mit einem Lehrbuch ein neues Gebiet besetzen? Wollen Sie in einem Sachbuch die Öffentlichkeit aufklären? Immer geht es darum, wie Sie das Wissen, das Sie zweifellos haben, mit vertretbarem Aufwand Lesern nahebringen.
Dieses Buch hilft Ihnen dabei. Es begleitet Fach- und Sachbuchautoren, ihrer realen Situation angemessen, durch alle Problemfelder – von der Vertragsverhandlung bis zum besseren Schreiben. Schritt für Schritt wird das Vorgehen erklärt:
– der Entschluss zum Buch – für wen schreibe ich: Fachbuch oder Sachbuch? – einen Verlag gewinnen
– anfangen und den richtigen Ton finden – die erste Fassung: Erfahrungen mit dem Thema – formale und inhaltliche Struktur – die zweite Fassung: Ordnung und Gestalt – liegen lassen und lesen lassen
– seriös und doch verständlich schreiben – stilistische Verbesserungen – das fertige Manuskript – das Buch verkaufen. Zudem: Gespräche mit vier AutorInnen ganz unterschiedlicher Bücher – Werner Bartens, Klaus Hurrelmann, Maja Storch und Gabriele Weiss – verdeutlichen die vielen Möglichkeiten, mit nichtfiktionalem Schreiben erfolgreich zu sein.

„Ein hilfreiches Werkzeug für angehende Fachbuchautoren.“ Arbeitsmarkt „Das Buch ist eine Fundgrube für alle Fachautoren – seien es nun Anfänger oder Fortgeschrittene.“ The Medical Journal“Ein hilfreiches Werkzeug für angehende Fachbuchautoren.“ Arbeitsmarkt „Das Buch ist eine Fundgrube für alle Fachautoren – seien es nun Anfänger oder Fortgeschrittene.“

Preis: 16,95 €

Broschiert: 203 Seiten + Verlag: Hogrefe, vorm. Verlag Hans Huber +Auflage: 2 (8. April 2011)
ISBN-10: 3456849176

trennlinie2

Diese Liste wird fortgeführt….

Wenn Sie ein Buch kennen und denken, das gehört unbedingt in diese Liste, dann lassen Sie es uns gern wissen: redaktion@derblaueritter.de oder nutzen Sie unsere social-media-Kanäle.

 

Textfragmente: DAS PHANTASTISCHE BINOM

DER STEIN IM TEICH

Ein Stein, der in einen Teich geworfen wird, erzeugt konzentrische Wellen, die sich auf der Oberfläche ausbreiten und je nach Entfernungen, die Seerosen, das Schilf am Ufer und ein Papierschiffchen unterschiedlich stark in Bewegung setzen. Der Stein sinkt ab, verstört ein paar Fische und wirbelt schließlich den Schlamm am Boden auf. Nicht anders erzeugt ein zufällig ins Bewusstsein geworfenes Wort Wellen an der Oberfläche und in der Tiefe. Nehmen wir das Wort „Stein“. Wenn es in das Bewusstsein eintaucht, zieht es Wörter nach sich, stößt mit Wörtern zusammen oder weicht ihnen aus. Es löst Assoziationen und Bilder aus. Zum Beispiel Mit allen Wörtern, die mit ’s‘ beginnen. Mit allen Wörtern, die sich auf Stein reimen. Mit allen Wörtern, die ihm bedeutungsmäßig nahe stehen. Ein Wort stößt aus Trägheit auf ein anderes. Das ist nicht viel. Aber es kann schon helfen, sich an ein „Damals“ zu erinnern. Aber die Erforschung des Wortes Stein ist noch nicht abgeschlossen. Wir zerlegen das Wort in seine Buchstaben und legen sie untereinander.

S
T
E
I
N

Jetzt kann ich neben jeden Buchstaben das erstbeste Wort schreiben, dass mir einfällt.

Sardine
Tomate
Esel
Imker
Nelke

Oder ich kann, was vergnüglicher ist, fünf Wörter neben die Buchstaben schreiben, die einen logischen Satz ergeben.

Sieben
Taranteln
Erobern
Ihr
Nest.

Aus diesem Nonsens lässt sich schon ein Gedicht machen.

Sieben Taranteln erobern ihr Nest
Feiern ein fröhliches Erntefest.

Ein phantastisches Thema entsteht aber erst dann, wenn zwei Worte aufeinander stoßen, wenn es zu ungewöhnlichen Paarungen kommt, wenn eine unvorhergesehene Verwandtschaft zwischen den Worten aufleuchtet. Gianni Rodari nennt dies…

DAS PHANTASTISCHE BINOM

Ernst Toller • An die Dichter

Foto: 简体中文
Foto: 简体中文

Anklag ich Euch, Ihr Dichter, 
Verbuhlt in Worte, Worte, Worte!
Ihr wissend nickt mit Greisenköpfen,
Berechnet Wirbelwirkung, lächelnd und erhaben,
Ihr im Papierkorb feig versteckt!
Auf die Tribüne, Angeklagte!
Entsühnt Euch!
Sprecht Euer Urteil!
Menschenkünder Ihr!
Und seid…?
So sprecht doch! Sprecht!

Ernst Toller

Ernst Toller während seiner Haft im Festungsgefängnis Niederschönfeld (frühe 1920er Jahre) - National Library of Israel, Schwadron collection
Ernst Toller während seiner Haft im Festungsgefängnis Niederschönfeld (frühe 1920er Jahre) – National Library of Israel, Schwadron collection

Rose Ausländer | Nicht fertig werden

Die Herzschläge nicht zählen
Delfine tanzen lassen
Länder aufstöbern
Aus Worten Welten rufen
horchen was Bach
zu sagen hat
Tolstoi bewundern
sich freuen
trauernd
höher leben
tiefer leben
noch und noch
Nicht fertig werden

Eine Interpretationshilfe: Das verborgene lyrische Ich zeigt Tatendrang und Neugierde auf das, was die Welt dem stets Suchenden zu bieten hat, sofern er aktiv bleibt und immer neue Ziele findet. Dabei stellt Rose Ausländer nicht die Frage nach der „Betäubung durch Aktivismus“ und nach der äußeren Ablenkung durch auf das Ich einströmende Bilder und Ereignisse von inneren echten Ziele.

Literaturtipp:

Rose Ausländer Gedichte Fischer KlassikAusländer, Rose: Gedichte, Hrsg. von Helmut Braun, Fischer Verlag, 2012
Neuauflage als Taschenbuch der Ausgabe von 2010

ISBN 987-3-569-90493 8
9,99 €
Auch als E-Book erhältlich

Mehr Informationen über Rose Ausländer: http://www.roseauslaender-stiftung.de/

Janosz Rehbaum • Die Kunst des Erzählens über die Kurzweil hinaus • Ein Gedankengang

Janosz Rehbaum • Die Kunst des Erzählens über die Kurzweil hinaus

narrative-794978_640

Noch bevor ein Kind die gesprochene Sprache verstehen gelernt hat, beginnt es zu erzählen. Der zahnlose Greis, der nicht mehr fähig ist, neues zu lernen, neuen Sinn zu erfassen, kann dennoch vom Erzählen nicht lassen; mit schmal gewordenen, blassen Lippen murmelt er Undeutliches;. Wenn aber jemand diese Worte als zu verstehen vermag, dann kann er meisterhaft Erzähltes aus einem Munde aufnehmen, der sonst scheinbar von allem Leben, aller Liebe abgewandt ist. Denn einem Geiste, längst dem tätigen Dasein entfremdet, kann immer noch eine klare, reine Quelle entspringen; das Gedächtnis, dem die jüngsten, wirklichsten Ereignisse entgleiten, hält immer noch die ältesten Bilder in unzerstörbarer Treue und Liebe fest.
Überwiegend ursprünglich lebende Völker, wie Südseeinsulaner, Eskimos und Lappen, haben die Erzählkunst schlechthin vollendet. Dagegen sind viele gebildete, geistig hochstehende Menschen kaum in der Lage eine kleine, schlichte Erzählung zustande zu bringen. Können sie es aus dem Grund nicht, aus dem pubertierenden Jungen das Malen und Zeichnen verlernt haben, das ihnen mit vier Jahren, zum Staunen aller Erzieher, wie durch Gnade angeboren schien?

market-1154999_640Wir dürfen annehmen, dass ein jeder Mensch »von Natur« erzählen kann; schließlich machen es uns Babys bereits vor. Daher dürfen wir auch annehmen, das Erzählen nur verlernt wird. So wie der vierjährige Knabe das Malen „vergessen“ hat.
Hört man den Marktbeschickern unter dem Baldachin ihrer Schirme zu, wie sie sich die Zeit der Marktstunden mit Gesprächen vertreiben, oder lässt man vor Gericht dem Angeklagten, dem Zeugen, besonders aus den eher „bildungsfernen“ Schichten, freien Lauf mit ihren Berichten, ihren Ausbrüchen, Eindrücken und Abenteuern, da hört man oft das Leben selbst sprechen. Werden aber diese Menschen aufgefordert, das eben in voller Blüte Erzählte nieder zu schreiben, dann ergibt sich meist nichts anderes als ein flaches, gefühlsduseliges, ödes Seemannsgarn.
Es scheint, da
ss der Grad der Naivität entscheidet. Naiv, also absichtslos, ohne Rücksicht auf den Zuhörer und bisweilen ohne Rücksicht auf den Sinn, erzählt nur das Kind. Das Kind und der „Native“ haben reine Freude am Klang, am Lärm, an dem fragenden Zögern, an der aufreizenden Pause, am ruhig weitergezogenen, drei- und unendliche mal wiederholten Pendelschlag der Erzählung. Die Freude des Greises ist dagegen etwas wehmütig. Er empfindet den Durst, nochmals zu leben, in dem Augenblicke, da er nochmals sich reden hört. Er erzählt, solange er atmet. Solange er atmet, solange lebt er.

[avatar user=“JonasRehbaum“ size=“medium“ align=“right“]Janosz Rehbaum wurde in Breslau geboren, wuchs aber in München auf. Er studierte Germanistik & Philosophie in Heidelberg und Tel Aviv und war lange Jahre zu Forschungszwecken für das Goethe-Institut in diversen Ländern unterwegs. Seit 2009 lebt er in Bern, Schweiz. Janosz Rehbaum betreibt dort ein kleines Antiquariat und arbeitet als Sachverständiger. Einer seiner Lieblingsfilme ist „Die neun Pforten“ und wünscht sich immer mal wieder auch ein solches Leben zu führen. Allerdings ohne die Unmengen von Alkohol. In seiner Freizeit widmet er sich dem Paragliding.[/avatar]

Sollte man nicht annehmen, jeder Mensch könne wenigstens einen guten Bericht schreiben, nämlich den des eigenen Daseins und Dagewesenseins? Aber es sind autobiographische Bücher von Wert noch größere Seltenheiten als wertvolle Bücher überhaupt.
Es
muss also doch eine eigenartige Kunst des Erzählens geben. Oder es muss die angeborene, und wieder verlernte Kunst des Fabulierens aller Bildung, allem Schulwissen zu Trotz, wiedergefunden werden können. Man muss erzählen, naiv wie ein Kind, wissend und im Feuer geläutert wie ein Greis, aber das alles mit dem glühenden Glauben des Pubertierenden und der großen, ruhigen, tragenden Kraft des Mannes und der Frau. Die Vereinigung dieser Eigenschaften ist so selten wie die Vollendung überhaupt bei allen irdischen Kunstwerken. Regeln und Gesetze gibt es nicht.

Sich gerecht verteilen macht hier den Meister. Wer sich selbst zu sehr lauscht, der reißt wohl sein Werk von der Erde los, aber je höher er steigt, desto blendender, feuriger muss das Werk leuchten, sollen die Strahlen dann noch das Gewölk der Materie, den harten Kern des Wortes durchbrechen, um über Zeiten, über Zonen heraus zu wirken.
So sind Achill und Odysseus nicht einfach Figuren einer beliebigen Mythologie. Es sind Grundformen des menschlichen Wesens überhaupt, es ist
die Welt Heranwachsenden in Achill und die des Mannes in Odysseus. Ob nun ein einzelner oder ein Volk diese Gestalten mitentwickelt hat; sie sind nicht aus der Beobachtung einer fremden Welt entstanden, sondern dem Strom des eigenen Daseins entsprungen, dem Überfluss einer zweistromigen, einer umfassenden Seele.

 

Handschrift F 205 der Biblioteca Ambrosiana in Mailand (Ilias Ambrosiana) mit Text und Illustration der Verse 245–253 des achten Buches der Ilias aus dem späten 5. oder frühen 6. Jahrhundert
Handschrift F 205 der Biblioteca Ambrosiana in Mailand (Ilias Ambrosiana) mit Text und Illustration der Verse 245–253 des achten Buches der Ilias aus dem späten 5. oder frühen 6. Jahrhundert

Und sind die Buchstaben der homerischen Gedichte heute so weit verblasst, dass wir nicht mehr wissen, wie sie geklungen haben, hat sich der Sinn der homerischen Welt auch so weit verändert, dass uns die Worte Sieg, Tod, Kampf, Meer und Irrfahrt, Troja und Penelope ganz anderes bedeuten, als sie dem Schöpfer dieser Werke und ihren ersten Hörern bedeutet haben – so strahlt doch, eben über die Zone der griechischen Küste, über die Zeiten der heroischen Kämpfe, das Werk und mit ihm seine Helden, seine Meister. Denn was Homer gezeugt, getötet, lebendig gemacht, was er geschmäht und gerühmt hat, das geht tiefer als sein Gegenstand, es besteht länger als der Stein, aus dem seine Statue gebildet war.

Ganz dem Zuhörer hingegeben sein, nur mit dessen Zunge zu reden, mit dessen Vernunft zu denken, mit dessen Waage zu wägen, das macht ein Werk verständlich, eingängig und einheitlich. Solch ein Werk widerspricht sich nie. Aber so erzählen, wie der Durchschnitt der Menschen denkt und bewusst erlebt, das heißt: überhaupt nicht zu erzählen. Mit Rücksicht auf die Masse und deren Auffassung, Fassungskraft und schnell verflogener Liebe erzählen heißt, mit einem Pinsel in fließendes Wasser schreiben. Ganz ohne Sinn ist auch dies nicht. Es ist ein Geschäft, ein Beruf, und wenn man daran denkt, einer großen Anzahl von Menschen nach ihrer Arbeit und dem mühseligen Alltag ein wenig Unterhaltung zu gewähren, ist es sogar eine menschliche Berufung. In diesem Sinn soll man selbst den Kitsch nicht unterschätzen. Auch wenn es inzwischen schwerfällt, diesem zu entkommen.

iphone-926235_640Aber die Generation, aus deren Durchschnittsgefühl heraus dieser banale Erzähler erzählt, geht dahin. Schon die kommende Generation versteht die Existenz, geschweige den Erfolg solcher Werke nicht mehr, ja, man begreift nicht einmal, was die frühere Generation Schönes an diesen Werken gefunden haben mag.

Solche Werke sind so tot, dass man nie ermisst, wie sie je lebendig gewesen sein sollen. Es ist nur der mechanische Abdruck, der Restbestand der Massen darin, das Gestaltlose, künstlerisch Unerfassbare, das nie Organismus geworden ist und doch auch längst die Unschuld des rohen Stoffes eingebüßt hat. In diesem Sinne sind es traurige Momente der irdischen Vergeblichkeit, beschämend für den Sinn ihrer Zeit.

Hugo Ball – Ein und kein Frühlingsgedicht (ein wenig Dadaismus)

Ein und kein Frühlingsgedicht

1.

Ein Doppeldecker steigt aus jeder Flasche
Und stößt sich heulend seinen Kopf kaputt.
Der Übermensch verzehrt die Paprikagoulasche,
Zerbröselnd Semmeln, rülpsend in den Kälberschutt.

Den Gästen hängt der Kiefer bis zur Treppe,
Dort hinterlist’ge Fallen tätlich legend.
Aus dem Aburte schlitzt Lolô die Tangoschneppe,
Verpestend mit dem Lockendampf die Absinthgegend.

Denn siehe, ich bin bei euch alle Tage
Und meine schmettergelbe Lusttrompete packt euch an.
Der umgekippten Erektionen Frühlingsklage
Buhlt veilchenblau im Bidet mit dem Schwan(n).

2.

Oh du mein Hyazinth, die Wade knackte
Und Rolf, der Mops. fraß jäh das Strumpfband auf.
Nach Grammophonen in dem Twosteptakte
Vollzog sich Notdurft Coitus und Lebenslauf.

Der Lampionen blutgeduns’nes Schwirren
Schuf große Monde aus den Wassergläsern.
Ein Schlachtgetöse gab es und ein Klirren
Der Kneifer von Beamten und Verwesern.

Da war auch Dame Wueh in einer Prunkkarosse,
Uns schrak nicht Kino mehr, nicht die Picassofratze.
Wir schluckten Sperma wie Armeegeschosse,
Und fetzten unsren Hausgott Grünekatze.

Wir waren sehr verekelt und verbiestert,
Dem Priapus verschrieben und dem Pan.
Wir rollten von den Dächern, sternverschwistert,
Und glaubten selbst an dieses nicht daran.

Der Zweizeiler: In der Leichenhalle herrschte ein abgebrühtes Gesindel

In der Leichenhalle herrschte ein abgebrühtes Gesindel. Sie waren zu faul, die Leichen nach der Obduktion wieder zu schließen, zu faul, Gräber auszuheben, die lang genug für die toten Körper waren. Also zerstückelten sie die Leichen und warfen die Teile in eine flache, runde Grube hinter einer mit Lärchen bestandenen Anhöhe.

Oliver Simon -2015
verfasst nach der Lektüre der Arne Dahl

Griechische Lobgesänge – Valentinos

centaurus-a-11190_1280_Wikilmages

Gesang vom Ursprung der Dinge

Ich seh wie alles vom hauch entstammt
Wie alles durch hauch sich in schwebe hält
Wie fleisch und seele den ursprung nimmt
Und seele von luft den ausgang nimmt
Wie luft von äther den ursprung nimmt
Aus dem abgrund die frucht geboren wird
Aus dem schoosse das kind geboren wird.

trennlinie2

Valentinos/Valentin/Valentinus
Er stammte aus Unterägypten, studierte in Alexandria die griechische Bildung, vor allem Platon. Er lehrte von 136 bis 165 in Rom, sagte sich dann von der Kirche los und wurde Stifter einer gnostischen Sekte.

Paul Scheerbart ⊕ Kikakok!ú ⊕ Ein Lautgedicht

Paul Scheerbart ⊗Kikakok!ú
(1897)

Ekoraláps! Wîso kollipánda opolôsa.
Ipasátta íh fûo.
Kikakokú proklínthe petêh.
Nikifilí mopaléxio intipáschi benakáffroprópsa
pî! própsa pî!
Jasóllu nosaréssa flîpsei.
Aukarotto passakrússar Kikakokú.
Núpsa púsch?
Kikakokú bulurú?
Futupúkke – própsa pî!
Jasóllu … … …

trennlinie2(Die Zeichen über den Buchstaben sind Hinweise für die Betonung.)

Obwohl die Lautmalerei in der Literatur modern erscheint, ist sie als eigene Kunstform schon mehr als 100 Jahre alt. Immer wieder gab es Künstler, die mit der Sprache oder auch mit Sprachlauten zur Klangerzeugung experimentierten. Aber das erste, richtige Werk der Lautmalerei in deutscher Sprache verfasste Paul Scheerbart (1863-1915): das Gedicht Kikakokú!.
Die Lautmalerei arbeitet stark mit Verknüpfungen von sprachlichen Assoziationen, von Klang-Vorstellungen und Laut-Bildern, die wir aus unserer Muttersprache im Kopf haben.
Die Lautpoesie weist immer drei Merkmale auf:

Es gibt keine Wörter und Sätze, die eine Bedeutung haben.
Die Dichter arbeiten nach selbst ausgedachten Vorschriften und danach bauen sie die Sprachlaute zusammen und prägen so akustische Neuwörter.
Die Sprachwirkung zeigt sich erst beim Sprechen.

Paul Scheerbart, der Philosophie und Kunstgeschichte studiert hatte und zeichnete, wissenschaftliche Abhandlungen verfasste, Romane und Gedichte schrieb, wollte mit seiner Lautdichtung die Wunderwelt der gesprochenen Sprache darstellen und gleichzeitig Kritik üben. Er wehrte sich dagegen, dass seine Mitbürger die Kunst vor allem nur als ein Mittel zu ihrer Unterhaltung, zu ihrer Zerstreuung ansahen. Die meisten Menschen verstanden aber Scheerbart nicht, sie lachten über ihn. Er war für sie ein Spinner.

Joachim Ringelnatz ⊗ Der Fußballwahn ist eine Krankheit, aber selten, Gott sei Dank!

Der Fußballwahn ist eine Krankheit, aber selten, Gott sei Dank!

football-606235_1280_flooy
Ich kenne wen, der litt akut
an Fußballwahn und Fußballwut.
Sowie er einen Gegenstand
in Kugelform und ähnlich fand,
so trat er zu und stieß mit Kraft
ihn in die bunte Nachbarschaft.
Ob es ein Schwalbennest, ein Tiegel,
ein Käse, Globus oder Igel,
ein Krug, ein Schmuckwerk am Altar,
ein Kegelball, ein Kissen war,
und wem der Gegenstand gehörte,
das war etwas, was ihn nicht störte.
Bald trieb er eine Schweineblase,
bald steife Hüte durch die Straße.
Dann wieder mit geübtem Schwung
stieß er den Fuß in Pferdedung.
Mit Schwamm und Seife trieb er Sport.
Die Lampenkuppel brach sofort.
Das Nachtgeschirr flog zielbewusst
der Tante Berta an die Brust.
Kein Abwehrmittel wollte nützen,
nicht Stacheldraht in Stiefelspitzen,
noch Puffer, außen angebracht.
Er siegte immer, 0 zu 8,
und übte weiter frisch, fromm, frei
mit Totenkopf und Straußenei.
Erschreckt durch seine wilden Stöße,
gab man ihm nie Kartoffelklöße.
Selbst vor dem Podex und den Brüsten
der Frau ergriff ihn ein Gelüsten,
was er jedoch als Mann von Stand
aus Höflichkeit meist überwand.
Dagegen gab ein Schwartenmagen
dem Fleischer Anlass zum Verklagen.
Was beim Gemüsemarkt geschah,
kommt einer Schlacht bei Leipzig nah.
Da schwirrten Äpfel, Apfelsinen
durch Publikum wie wilde Bienen.
Da sah man Blutorangen, Zwetschgen
an blassen Wangen sich zerquetschen.
Das Eigelb überzog die Leiber,
ein Fischkorb platzte zwischen Weiber.
Kartoffeln spritzten und Zitronen.
Man duckte sich vor den Melonen.
Dem Krautkopf folgten Kürbisschüsse.
Dann donnerten die Kokosnüsse.
Genug! Als alles dies getan,
griff unser Held zum Größenwahn.
Schon schäkernd mit der U-Boots-Mine,
besann er sich auf die Lawine.
Doch als pompöser Fußballstößer
Fand er die Erde noch viel größer.
Er rang mit mancherlei Problemen.
Zunächst: Wie soll man Anlauf nehmen?
Dann schiffte er von dem Balkon
sich ein in einen Luftballon.
Und blieb von da an in der Luft,
verschollen. Hat sich selbst verpufft. –
Ich warne euch, ihr Brüder Jahns,
vor dem Gebrauch des Fußballwahns!

Rainer Maria Rilke ⊗ Der Schwan

swan-359931_1280_258817

Diese Mühsal, durch noch Ungetanes
schwer und wie gebunden hinzugehn,
gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.

Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen
jenes Grunds, auf dem wir täglich stehn,
seinem ängstlichen Sich-Niederlassen:

in die Wasser, die ihn sanft empfangen
und die sich, wie glücklich und vergangen,
unter ihm zurückziehen, Flut um Flut;

während er unendlich still und sicher
immer mündiger und königlicher
und gelassener zu ziehn geruht.

Rainer Maria Rilke
Aus der Sammlung „Neue Gedichte – Erster Teil“

Was wird aus der Literatur wenn der Wahnsinn fehlt? – Eine Kolumne von Jonas Rehbaum

Historische Fotografie - Künstler und Opfer unbekannt

Etwa 200 Jahre ist es her, da schimpfte Goethe auf die Romantiker und nannte ihre Werke „Lazarett-Poesie“. Sie sei kränklich, kraftlos und sie erschien ihm irgendwie irrsinnig.

Und in der Tat: Clemens Brentano schmuste mit seinem „Bruder“ Wahnsinn, Novalis ersann eine komplette Krankheitsphilosophie, Hölderlin schrieb im Wahn seine „Turmgedichte“, Friedrich Schiegel spielte mit seinem „Igel“ (also dem Fragment) und predigte die Ironie, und E.T.A Hoffmann stürzte sich in ein Doppelgängertum, auch „chronischer Dualismus“ genannt, und ließ die Narrheit als „wahre Geisterkönigin“ mit einem „glühenden Lockeneisen“ die Gedanken krümmen.

Was passierte da? Zu eng waren dem romantischen ICH die Konventionen des Spießbürgers, zu beschränkt die Ästhetik des Bürgerlichen, zu trocken die vernunftgesteuerte Aufklärung: und so ein phantastisches Sich-Sehnen, ein Weinen, ein Klagen, aber auch ein Lachen, der Suff, ein Tollen und Raufen ein, um Freiheit vom Korsett zu erlangen.

Der Wahnsinn
Die deutsche Romantik war zugleich die Wiege der literarischen Moderne: Charles Baudelaire verdanken wir die Ästhetik der Fäulnis; er liebte zudem die groteske Komik Hoffmanns. Der Lyriker Guillaume Apollinaire übersetzte Brentano. Auch die französischen Surrealisten beriefen sich auf die deutsche Romantik. Der romantische Wahnsinn als Statthalter der Phantasie und Improvisation war eine mächtige Kraft, die bis in dieses Jahrhundert hinein wirkte.

Dann erwachte in Deutschland ein ganz anderer, alles vernichtender Wahnsinn: der Nazi-Wahn. Nach dem Krieg war es vor allem für die Deutschen unmöglich, romantische Lieder anzustimmen. In den nachfolgenden Jahren, bis in die 1980er hinein, war Politik ein zentrales Thema der Literatur. Dann hat sich der romantische Wahnsinn zurückgemeldet. Man denke an Rainald Goetz mit deinem Werke „Irre“ oder die Werke des Österreichers Thomas Bernhard. Dort findet sich ein letztes Auflodern moderner Subjektivität; ein letzter Versuch zu schockieren und zu irritieren.

Und heute? Heute hat der Wahnsinn ausgedient und kommt wahrscheinlich auch nicht wieder. Die Perversionen, die sich im Internet finden, die Pornografie, der Horror, haben die literarischen Irritationen verschluckt. Der Irrsinn ist kein Provokateur mehr, sondern lediglich fruchtloser Bestandteil der Massenkultur.
Wo die Kunst des Wahnsinns sich noch einmal ereignet, da gehorcht sie – so scheint es zumindest – dem Gesetz des Marktes. Was auch für die stetig wachsende Zahl der Selfpublisher gilt. Zudem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der fortwährende Diskurs um Psychotherapien und die – empfundene – Normalität der Therapiebedürftigkeit der Provokation Wahnsinn das Wasser abgegraben hat.

Wenn nun mit dem Wahnsinn auch die Inspiration des modernen Subjekts ausstirbt, was wird dann überhaupt aus der Literatur? Wird sie nur noch aus „potentiellen“ Drehbuchvorlagen für die Masse und postmodernen Sprachspielen für einen kleinen Kreis bestehen? Es sieht danach aus. Leider.

Die Frau als sanfte Dulderin – Barbey d’Aurévilly

model-600225_1280_Nissor
Foto: Nissor Abdourazakov – Gothenburg, Sweden

… Aber das ist die Geschichte aller jungen Frauen, dieser sanften Dulderinnen. Sie sagen nie, daß sie leiden. Die Frauen sind zum Dulden geschaffen. Es ist gewiß so ihr Schicksal, sie erfahren es früh und sind darüber so wenig erstaunt, daß sie noch immer sagen, das Übel sei nicht da, wenn es längst gekommen …

Barbey d’Aurévilly // 1808 – 189 \\

EinSatz: Stimuliere Deine Sense oder eine Aufforderung zur Selbstbefriedigung

Es gibt Werbeslogans deutscher Firmen, die den Leser schmunzeln lassen – spätestens dann, wenn sich ihre Interpretation verselbständigt. So geschehen bei einem Werbespruch der Firma Loewe aus der Zeit um die Jahrtausendwende. [Gefunden in Wolf Schneiders Buch „Speak German“.]

„Stimulate your senses.“

Das Institut „Endmark“ hat 2003 wie Werbesprüche vom Verbraucher verstanden werden. In diesem Fall waren es nur 25%, die die beabsichtigte Aussage „Rege Deine Sinne an“ erkannt haben. Die Mehrheit nahm dies zum Anlass sich zu belustigen: Stimuliere Deine Sense oder erkannten darin die Einladung zur Selbstbefriedigung.
Und dann startet das Kopfkino mit Otto und Gerhard Polt….

girl-348596_1280_ecowa