Autor: Herr Lehmann

Herr Lehmann lebt und arbeitet in der Bücherei des kleinen Örtchens Buchen im schönen Odenwald. Wir haben viele bezaubernde Bücher, denen eindeutig an Leserschaft fehlt. Da werde ich nachhelfen und dem ein oder anderen Buch auf die Sprünge helfen. So zumindest mein Plan. Und Sie dürfen dann gern den Ihren Senf dazugeben.

Franz Blei | Irene – fast erotisch

Keiner von ihren Freunden bestritt es bei sich, wenn Irene wiederholte, sie sei eine Frau wie irgendeine andere, weder hübsch noch hässlich, weder gescheit noch dumm, weder langweilig noch interessant. Jeder gab es bei sich zu, sie sei wie irgendeine der vielen, der meisten Frauen, die im Zufall ihres Geschlechtes eine Auszeichnung tragen, die sie, ganz ehrlich, als eine dumme Last empfinden. Und dennoch zog Irene die Männer durch etwas an, das zu definieren sie sich vergeblich bemühten. Ein Duft, meinte der eine. Etwas im Gang, sagte der andere. Und ein dritter traf es am richtigsten mit dem banalen Wort, sie habe das gewisse Etwas. Seit fünf Jahren verheiratet, gab die kinderlose Ehe mit einem älteren Mann ohne Tun und Titel — er nannte sich einen Privatgelehrten und schien sich mit Astrologie zu beschäftigen — hinreichend viel Liberalität in Verkehr und Situation, um es öfter als einmal geschehen zu lassen, dass einer der Männer des Kreises den Vorstoß auf Irene wagte und seine Liebe erklärte. Da sie durch keinerlei Koketterie dazu herausforderte und unter den ja immer blöden Liebesreden zu leiden schien, blieb sie beim zweiten, beim dritten und vierten Male bei der beim ersten Male erprobten Abwehr, die eine gut abkühlende Wirkung hervorgerufen hatte, von ihr gar nicht weder erwartet noch überlegt. Denn Irene besaß weder besonderen Geist noch gar die Geschicklichkeit einer selbstbewussten Frau. Sie wiederholte die Sätze des Verliebten, zweimal, dreimal: es war Hilflosigkeit gewesen und wirkte wie überlegte Parodie. Was nicht hinderte, dass die Abgeblitzten nach einiger Zeit wieder mehr als je dem gewissen Etwas verfielen und sich verliebt im Duftkreis dieser Frau bewegten, die war wie irgendeine andere.
Da kam ein Zwanzigjähriger in Irenes Nähe — nicht nötig, ihm einen Namen zu geben –, und diesem jungen Menschen müssen die Worte seiner Werbung wohl sparsamer, aber heißer aus dem Innern gebrochen sein als seinen abgeschlagenen Vorgängern, denn Irene vergaß es vollkommen, sie parodistisch zu wiederholen, ja, sie ließ ihm die Hand, die er gefasst hatte, und mehr noch, sie musste ihre Finger in diese fast noch knabenhaft derbe Hand eingraben, wie um sich im gefühlten Sturz und Flug zu halten. Aber es währte nur einen Augenblick. Ihre Augen sahen wieder das Umgebende, und Nächste, sich selber. Ob es nun die heftig andrängende Jugend des übungslosen Mannes war, die solche Poesie aus ihr lockte, oder ob es Erinnerung an einen gestern gelesenen Satz war, sie sagte anderes als sonst in solcher Situation. »Knaben«, sagte sie, »werfen flache Kiesel zum Spiel über das Wasser. Es bäumt sich nicht hoch. Es müsste mir ein Felsblock in die Seele …« Erschrocken selber hielt sie den Satz auf. Denn der junge Mensch wurde ganz Feuer. So kam die fatale Stunde.

Irene wehrte ihn ab, als er ihr helfen wollte, sich zu entkleiden. Und als sie nackt vor ihm stand, weder schön noch hässlich, sondern wie irgend jede Frau, die nichts anhat, da sagte sie es, was sie in seinem Blick zu lesen glaubte: »Nicht wahr? Eine Frau wie alle andern. Nun ist’s zu Ende mit der Liebe, nicht wahr?« Sie kam sich mit einem kleinen Mitleidgefühl zu sich selber vor wie ein armes Tier, dem ein Dämon für diesen einen Satz menschliche Stimme verliehen hat, diesen einen Satz: »Ich bin ein armes Tier.«

Was dann weiter geschah, mit Irene, dem jungen Mann oder mit beiden, das ist für dies Bildnis ohne Bedeutung. Aber um keine falsche Spannung zu erregen: es geschah nichts.

Aus: Die Frivolitäten des Herrn von D.

Arkadij Awertschenko ♥ Zwei Frauen und ein Mann – Eine Dreiecksgeschichte

Als ich am Morgen die hübsche, blonde Natascha traf, sagte sie zu mir: »Sie haben mich ganz vergessen! Das ist nicht nett von Ihnen. Sicher haben Sie eine neue Liebe!«
»Ich Sie vergessen? Dich – Natascha!«
»Tss – lassen Sie diesen Ton! Also, was machen wir heute abend?«
»Was Sie wollen! Gehen wir ins Theater!«
»Was spielt man?«

»Ein neues Stück: ›Zwei Frauen und ein Mann‹. Ein packendes Sujet, direkt aus dem Leben gegriffen. Der junge Graf lebt glücklich mit seiner bildhübschen Frau. Aber auf seiner Seele lastet eine alte Sünde. Er hat einmal eine andere Frau geliebt und sie im Stich gelassen. Diese Frau kommt durch Zufall als Gesellschafterin in sein Haus. Der Graf erkennt sie, und der jungen Gräfin kommt die Sache nicht richtig vor. Seelenkonflikte, dramatische Momente. Viel Psychologie, packende Stellen!«
»Also, schön, dann gehen wir ins Theater!«
Ich versprach Natascha, sie um acht Uhr abzuholen, dann gingen wir auseinander.

Am selben Tag war ich zum Tee bei der schlanken Marusja geladen. Wir saßen einander gegenüber, schlürften den Tee und rauchten Zigaretten.
»Was glauben Sie«, sagte Marusja und lehnte sich in den Sessel zurück, »ist das Drama ›Zwei Frauen und ein Mann‹ gut?«
»Weshalb fragen Sie?«
»Ich wollte es mir heute anschauen.«
»Gehen wir lieber morgen!«
»Warum morgen? Ich will heute ins Theater gehen! Ich weiß nur nicht, ob das Stück interessant ist.«
»Ein fades, langweiliges Stück! Irgendein Idiot, ein Graf, hat geheiratet und bildet sich ein, sein Glück im Winkel gefunden zu haben. Da taucht plötzlich eine Freundin von einst auf, die in seinem Hause die Rolle einer Gesellschafterin spielt. Interessant, was? Na, und so weiter. Mit einem Wort: ein verlorener Abend!«
»Ich will aber heute ins Theater gehen!«
»Man erzählt, daß der Autor ein Quartalssäufer sei, der dieses Stück in einem Anfall von Delirium geschrieben habe. Sehen wir uns lieber die neue Operette an!«
»Nein, ich will ›Zwei Frauen und ein Mann‹ sehen!«
»Hm, was ich sagen wollte – fürchten Sie sich nicht vor Erkältungen? In diesem Theater – es ist ein Sommertheater – gibt es viele Ritzen. Es zieht von überall. Man kommt in einen Zug, und schon ist man erkältet.«
»Wollen Sie mit mir hingehen oder nicht?«
»Leider habe ich schon jemandem zugesagt. Aber ich werde gern eine Weile an Ihrer Seite verplaudern.«
»Wer ist dieser Jemand?«
»Mein Gott – eine flüchtige Bekannte! Sie bat mich, sie ins Theater zu begleiten, und da man nicht unhöflich sein kann, sagte ich zu.«
»Hm, ich begreife, eine neue Liebe!«
Ich lachte hellauf: »Sie machen sich über mich lustig! Halten Sie mich für einen Don Juan? Für mich gibt es nur eine Frau.«
»Schweigen Sie! Also, Sie kommen ins Theater. Ich hoffe, daß Sie mich nicht allein sitzen lassen werden?«

Ich ging auf ein anderes Thema über und verließ um sieben Uhr die schlanke, schwarze Marusja.

***

Der erste Akt hatte bereits begonnen, als wir ins Theater kamen. Wir traten in die Loge. Dem Stück folgte ich kaum, sondern warf ab und zu einen Blick in den Zuschauerraum und suchte Marusja. Da bemerkte ich sie in der dritten Reihe in einem Silberbrokatkleid. Sie sah entzückend aus. Ich nickte ihr zu.
»Wen grüßen Sie da?« fragte Natascha.
»Eine Bekannte.«
»Was ist das für eine Bekannte?«
»Hm, nur geschäftlich. Es ist gut, daß sie da ist. Ich muß ihr ein paar Worte sagen.«
»Was für ein Geschäft ist das?«
»Es handelt sich um den Verkauf einer Mühle. Ein Freund von mir will eine Mühle verkaufen, und sie weiß einen Käufer.«
»Seit wann befassen Sie sich mit dem Verkauf von Mühlen?«
»Natascha, Sie sind wohl eifersüchtig?«
Sie zuckte verächtlich mit den Achseln und schwieg. Als der erste Akt zu Ende war, stand ich auf und sagte:
»Sie gestatten, daß ich auf eine Minute verschwinde. Ich sage der Dame ein paar Worte und bin gleich wieder da.«
»Sie brauchen überhaupt nicht zurückzukommen!«
»Natascha!«
»Also, wenn Sie wirklich eine geschäftliche Besprechung haben, dann gehen Sie, aber kommen Sie sofort zurück. Es ist für eine Dame peinlich, allein zu sitzen. Die Männer gaffen einen so an!«
»Mein Gott, Sie sind doch in der Loge!«
»Gehen Sie. Es ist mir wirklich peinlich, daß ich Sie gebeten habe, mich zu begleiten.«
Mit schwerem Herzen ging ich in den Zuschauerraum. Marusja war sehr erfreut.
»Guten Abend! Das ist nett, daß Sie mich nicht ganz vergessen. Zufällig ist neben mir ein Platz frei. Wollen Sie mit mir diesen Akt durchplauschen?«
»Ich wäre glücklich, aber ich bin in Gesellschaft.«
»Ja, ich habe es bemerkt. Sie ist nicht übel, aber zu stark geschminkt. Hm, wenn ich gewußt hätte, daß Sie Ihre Dame nicht auf eine Sekunde verlassen dürfen, wäre ich nicht ins Theater gegangen. Ich habe Durst. Wollen Sie mich ins Foyer begleiten?«
»Gehen wir!« sagte ich energisch.
»Nein, ich habe es mir überlegt. Ich werde bis zur nächsten Pause warten.«

Ich nahm sie unter den Arm, führte sie ins Foyer und fühlte die Blicke, die uns Natascha nachsandte.
»Nun, wie steht die Sache mit der Mühle?« fragte sie mich ironisch, als ich wie ein geschlagener Hund in die Loge kroch.
»Wenn Sie wüßten, wie man über Sie gesprochen hat, würden Sie anders reden.«
»Was hat man gesagt?«
»Man fand Sie entzückend. Wenn man ein Mann wäre, würde man sich auf der Stelle in Sie verlieben. Man ist überzeugt, daß ich in Sie über den Kopf verschossen bin und gratulierte mir zu meinem guten Geschmack.«
»Ich, eine Schönheit? Lächerlich. Sicherlich ist alles Ihre Erfindung!«
»Wirklich nicht!«

Natascha lächelte glücklich vor sich hin. Ich saß da und dachte: Wie wäre es, wenn man sie heute bekannt machte? Die Idee ist nicht übel. Ich könnte Marusja in die Loge bringen und brauchte nicht in den Pausen hin und her zu pendeln. Die Damen würden mich in Ruhe lassen, miteinander über die neuesten Moden sprechen und alles würde glatt ablaufen. Nach dem Theater könnte ich Natascha nach Hause bringen und mit Marusja in ein Restaurant gehen. Oder ich könnte mit beiden Damen ein Restaurant aufsuchen! Warum sollen sie nicht Freundinnen werden? Beide sind jung, hübsch, elegant, und wenn sie zusammen sind, werden sie auch ihre spitzen Bemerkungen vergessen.
»Sie gefallen ihr so«, sagte ich nach einer Pause, »ernsthaft, sie würde glücklich sein, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
»Wirklich?« bemerkte Natascha. »Nun, wenn Sie eine Dame der Gesellschaft ist, so laden Sie sie in unsere Loge ein.«

Ich stand auf und eilte zu Marusja.
»Liebste Marusja«, sagte ich, »Sie haben auf meine Begleiterin einen so starken Eindruck gemacht, daß sie Sie gern kennenlernen würde. Sie ist ein wenig in Sie verliebt.«
»Ich werde mit Vergnügen die Bekanntschaft der Dame machen!«
»Ausgezeichnet. Gehen wir in unsere Loge!«
»Unsere Loge: Was bedeutet das? Ich dachte, daß sie zu mir kommen wird.«
»Wozu? Wir sitzen zu dritt in der Loge.«
»Später recht gern. Wenn sie mich kennenlernen will, muß sie zu mir kommen. Ich kann doch nicht als Dame zu einer Unbekannten in die Loge gehen!«
Ich dachte einen Moment nach, dann sagte ich frisch:
»Ich werde mit ihr zu Ihnen kommen.«

***

Ich hatte nicht vorausgesehen, daß der Fall so kompliziert sein würde. Natascha weigerte sich entschieden, in den Zuschauerraum zu gehen.
»Wenn die Dame mich kennenlernen will, muß sie zu mir kommen.«
»Sie sagt, daß Sie eine Dame von Welt sind und daß sie es nicht wagt.«
»Ich gehe nicht zu ihr!«
»Einen Moment. Ich ordne es gleich.«
Ich lief wieder in den Zuschauerraum. »Sie traut sich nicht, herunterzukommen. Sie ist so schüchtern. Gehen wir in die Loge!«
»Warum? Lassen Sie das. Bleiben Sie lieber bei mir sitzen, wenn Ihnen meine Gesellschaft nicht gleichgültig ist!«

Ich schaute auf unsere Loge: eine Frauenhand machte mir ein Zeichen.
»Wissen Sie was? Ich habe eine Idee. Kommen Sie ins Foyer. Ich werde Sie auf neutralem Boden bekannt machen.«
»Das ist was anderes. Begleiten Sie mich ins Foyer.«
Ich setzte sie auf einen Diwan und wollte in die Loge eilen. Sie hielt mich zurück. »Sie werden mich doch nicht allein im Foyer lassen?«
»Ich muß doch die Dame hierher bringen!«
»Schicken Sie einen Diener in die Loge!«
»Das geht nicht, sie ist eine Dame der Gesellschaft!«
»Ich bin auch eine Dame der Gesellschaft. Machen Sie, was Sie wollen, der Abend ist sowieso verdorben.«

Eine Minute später war ich wieder in der Loge.
»Wollen wir nicht im Foyer promenieren?«
»Das hätten Sie mir längst vorschlagen sollen. Gehen wir!«
Ich brachte Natascha ins Foyer, und als wir beim Diwan vorbeischritten, wo Marusja saß, rief ich:
»Das ist entzückend. Darf ich die Damen bekannt machen: Natascha Pawlowa, Marusja Iwanow.«
Sie drückten einander die Hände, ich lehnte mich müde und abgespannt an eine Säule.
»Gefällt Ihnen das Stück?« fragte Marusja.
»Nicht besonders, und Ihnen?«
»Ich habe schon was Besseres gesehen!«
Gott sei Dank, dachte ich, die Mühle beginnt sich zu drehen!
Dann sagte ich laut: »Die Damen gestatten, daß ich ins Restaurant gehe und eine Zigarette rauche?«

»Bitte!«
Ich lief rasch davon.

***

Man spielte den letzten Akt.
»Wo wollen wir zu Abend essen?« fragte ich unschlüssig.
»Wenn die Dame nichts dagegen hat, so schlage ich ›Contant‹ vor. Dort ißt man gut«, sagte Marusja.
»Aber bei ›Donon‹ ist ein ausgezeichnetes Orchester, gehen wir lieber dorthin«, bemerkte Natascha.
»Zu ›Donon‹? Aber ich bin so gewöhnt ans ›Contant‹.«
»Schön, fahren wir dahin. Bei ›Donon‹ fühlt man sich wohler . . .«
Inzwischen war die Vorstellung zu Ende.
»Ich habe unten meine Garderobe abgelegt«, bemerkte Marusja, »begleiten Sie mich zur Garderobe.«
»Und ich«, sagte schnippisch Natascha, »kann doch nicht allein in der Loge bleiben. Bringen Sie die Garderobe der Dame in die Loge. Und dann ist es zu spät. Es lohnt sich nicht, ins Restaurant zu fahren. Ich hoffe, lieber Freund, daß Sie mich nach Hause begleiten. Sie haben mich heute zur Genüge verlassen.«

Ich sprach kein Wort und lief aus der Loge in die Garderobe. Dort ging ich zum ersten besten Diener und drückte ihm eine Banknote in die Hand.
»Geh sofort in die Loge Nummer drei. Dort sitzen zwei Damen. Bringe der einen die Garderobe und sage ihnen, daß, als ich durch den Korridor ging, sich zwei Geheimagenten auf mich stürzten. Sie schleppten mich trotz meines Widerstandes fort. Sage, daß es anscheinend ein Mißverständnis ist, daß der Fall sich morgen aufklären wird und eine Verwechslung vorliegt. Vergiß nicht, daß ich Widerstand geleistet habe!«
Dann zog ich meinen Mantel an und verließ das Theater . . .
Ein paar Minuten später saß ich in einem kleinen Restaurant, trank Wein und fühlte mich so wohl wie seit langem nicht.

Seit jener Zeit liebe ich die Einsamkeit.

Valerij Brjussow – Rea Silvia – Eine Erzählung des Russischen Symbolismus

I

Francesco Salviati - Portrait vonTotila, von 1549
Francesco Salviati – Portrait vonTotila, von 1549

Maria war die Tochter Rufius‘, des Kalligraphen. Sie war auch noch keine zehn Jahre alt, als Rom am 17. Dezember 546 vom König der Goten, Totila, erobert wurde. Der großmütige Sieger ließ die ganze Nacht Buccinen blasen, damit die Römer die Gefahr erkennen und aus ihrer Stadt fliehen konnten. Totila kannte die Wildheit seiner Krieger und wollte die Bevölkerung der ältesten Hauptstadt der Welt nicht den Schwertern der Goten überliefern. Auch Rufius floh mit seinem Weibe Florentia und seinem Töchterchen Maria. Große Scharen von Flüchtlingen zogen aus Rom die ganze Nacht hindurch die Appische Straße entlang; Hunderte von ihnen brachen unterwegs vor Erschöpfung zusammen. Der Mehrzahl, darunter auch Rufius und seiner Familie, gelang es dennoch, nach Bovillae zu kommen, wo aber viele kein Obdach fanden. Die Römer mußten ein Lager im freien Feld aufschlagen und verzogen sich später auf der Suche nach Unterkunft nach allen Seiten. Die einen gingen in die Campagna, wo sie von den Goten gefangengenommen wurden; die anderen erreichten das Meer und fanden sogar die Möglichkeit, nach Sizilien zu kommen; andere wieder schlugen sich als Bettler in der Umgebung von Bovillae durch oder zogen nach Samnium.

Waleri Jakowlewitsch Brjussow - * 1873 in Moskau; † 9. Oktober 1924 in Moskau - russischer Schriftsteller und Dichter des Symbolismus.
Waleri Jakowlewitsch Brjussow – * 1873 – † 1924 in Moskau – russischer Schriftsteller und Dichter des Symbolismus.

Rufius hatte einen Freund in der Nähe von Corbium. Zu diesem armen Menschen namens Anthimius, der auf seinem kleinen Grundstück die Schweinezucht betrieb, brachte Rufius seine Familie. Anthimius nahm die Flüchtlinge bei sich auf und teilte mit ihnen seine kargen Vorräte. Während seines Aufenthaltes in der ärmlichen Hütte des Schweinehirten erfuhr Rufius von allem Unheil, das Rom betroffen. Totila drohte eine Zeitlang, die Ewige Stadt bis auf die Grundfesten zu schleifen und in eine Viehweide zu verwandeln. Der König der Goten erbarmte sich aber schließlich der Stadt und begnügte sich mit der Verbrennung einiger Stadtviertel und der Plünderung dessen, was die Gier und Wut von Alarich, Geiserich und Ricimer übriggelassen hatten. Im Frühjahr 547 verließ Totila Rom, führte aber alle noch zurückgebliebenen Bewohner mit sich fort. Vierzig Tage war die Hauptstadt der Welt leer: kein einziger Mensch war geblieben, und in den Straßen irrten nur wilde Tiere und verwilderte Haustiere herum. Dann fingen aber die Römer an, schüchtern, einer nach dem anderen, in ihre Stadt zurückzukehren. Nach einigen Tagen wurde Rom von Belisar besetzt und mit den Gebieten des östlichen Reiches wieder vereinigt.

Nun kehrte auch Rufius mit den Seinen nach Rom zurück. Sie fanden auf dem Remurium ihr Häuschen wieder, das die Plünderer wegen seiner Kleinheit verschont hatten. Fast das ganze ärmliche Eigentum der Rufier war noch vorhanden, darunter auch die Bibliothek mit den für den Kalligraphen wertvollen Schriftrollen. Man glaubte schon, die durchgemachten Leiden als einen schweren Traum betrachten zu dürfen und das alte Leben wieder aufnehmen zu können. Alle diese Hoffnungen erwiesen sich aber bald als trügerisch. Der Krieg war noch lange nicht zu Ende. Die Römer mußten auch noch die zweite Belagerung durch Totila durchmachen, und die Bewohner starben wieder zu Hunderten vor Hunger und Mangel an Wasser. Nachdem die Goten die erfolglose Belagerung aufgegeben hatten, verließ auch Belisar die Stadt, und Rom kam unter die Herrschaft des raubgierigen Byzantiners Konon, den die Römer gleichfalls wie einen Feind flohen. Und dann gelang es den Goten, durch einen Verrat der Wachen, Rom zum zweitenmal zu besetzen. Totila ließ diesmal die Stadt nicht nur nicht plündern, sondern versuchte sogar, eine gewisse Ordnung einzuführen und auch die zerstörten Gebäude aufzurichten. Nach dem Tode Totilas wurde Rom schließlich von Narses erobert. Dies war im Jahre 552.

Wie die Rufier diese unglücklichen sechs Jahre überstanden haben, ist schwer festzustellen. In den Jahren des Krieges und der Belagerungen brauchte niemand die Kunst eines Kalligraphen. Niemand ließ sich von Rufius Werke der alten Dichter oder Kirchenväter abschreiben. In der Stadt waren auch keine Behörden mehr, an die man kalligraphisch geschriebene Gesuche hätte einreichen können. Es gab wenig Einwohner, noch weniger Geld und am wenigsten Lebensmittel. Man mußte sich seinen Lebensunterhalt durch allerlei Gelegenheitsarbeit im Dienste der Goten wie der Byzantiner erwerben und mitunter auch als Maurer bei der Instandsetzung der Stadtmauern und als Gepäckträger beim Heere arbeiten. Und trotzdem mußte die Familie nicht nur tage-, sondern auch wochenlang hungern. An Wein durfte man gar nicht denken: man trank das schlechte Wasser aus den Zisternen und aus dem Tiber, da alle Wasserleitungen von den Goten zerstört waren. Diese Entbehrungen ließen sich nur darum ertragen, weil sie alle ohne Ausnahme trafen. Die Nachkommen von Senatoren und Patriziern, die Angehörigen der reichsten und vornehmsten Geschlechter mußten auf den Straßen um ein Stück Brot betteln. Rusticiana, die Tochter des Symmachus und die Witwe des Boëtius, mußte ihre Hand nach Almosen ausstrecken.

Es ist nicht zu verwundern, daß die kleine Maria in diesen Jahren sich selbst überlassen blieb. Ihr Vater hatte sie in ihrer frühesten Kindheit Griechisch und Lateinisch lesen gelehrt. Aber nach der Rückkehr in die Stadt hatte er keine Zeit mehr, sich um ihre weitere Bildung zu kümmern. Tagelang machte sie alles, was ihr nur einfiel. Die Mutter zwang das Mädchen nicht, ihr in der Wirtschaft zu helfen, denn es gab fast keine Wirtschaft, die zu versehen gewesen wäre. Maria verkürzte sich die Zeit mit dem Lesen der Bücher, die im Hause geblieben waren, weil sich für sie keine Käufer fanden. Meistens trieb sie sich aber wie ein kleines wildes Tier in den verödeten Straßen, Foren und Plätzen umher, die für die zusammengeschmolzene Bevölkerung viel zu groß waren. Die wenigen Menschen, die durch die Straßen gingen, gewöhnten sich bald an das schmächtige, schwarzäugige, abgerissene Mädchen, das sich überall wie eine Maus herumtrieb, und schenkten ihr gar keine Beachtung. Rom war zu einem riesengroßen Hause für Maria geworden. Sie kannte es besser als alle Verfasser von Beschreibungen seiner Sehenswürdigkeiten der vergangenen Zeiten. Maria hatte in einer Reihe von Tagen die ganze unermeßliche Stadt, die einst über eine Million Einwohner beherbergt hatte, durchwandert und die einen Winkel lieben, die anderen aber hassen gelernt. Oft kehrte sie erst am späten Abend unter das traurige väterliche Obdach zurück, wo sie mehr als einmal ohne Abendessen zu Bett gehen mußte.

Maria kam auf ihren Wanderungen auch in die entferntesten Stadtteile diesseits und jenseits des Tibers, wo leere, zum Teil abgebrannte Häuser standen, und träumte dort von der vergangenen Größe Roms. Sie betrachtete die wenigen auf den Plätzen erhalten gebliebenen Statuen: den riesengroßen Stier auf dem Forum Boacium, die bronzenen Elefanten auf der Heiligen Straße, die Denkmäler Domitians, Marc Aurels und anderer berühmter Männer des Altertums, die Säulen, Obelisken und Reliefs und rief sich in Erinnerung, was sie über alle diese Dinge gelesen hatte; und wo ihre Kenntnisse nicht ausreichten, ergänzte sie das Gelesene durch Phantasie. Sie drang in die verlassenen Paläste der einstigen Reichen ein, bewunderte die kläglichen Überreste der prunkvollen Ausstattung, die Mosaikfußböden, die Wände aus farbigem Marmor und die hie und da erhalten gebliebenen prunkvollen Tische, Sessel und Leuchter. Maria besuchte auch die riesengroßen Thermen, die Städte für sich bildeten; nun waren sie zu jeder Zeit leer, da es kein Wasser gab, um ihre unersättlichen Röhren zu speisen; in einzelnen Thermen waren noch herrliche marmorne Wasserbehälter zu sehen, Mosaikböden, Badesessel und Wannen aus kostbarem Alabaster und Porphyr, hie und da auch halbzerschlagene Statuen, die weder die Goten noch die Byzantiner als Wurfgeschosse für ihre Ballisten verwendet hatten. In der Stille der großen Säle glaubte Maria den Widerhall eines sorglosen und reichen Lebens zu hören, das alltäglich Tausende und aber Tausende von Besuchern hierher lockte, die hier Freunde trafen, über Literatur und Philosophie disputierten oder die verzärtelten Körper vor einem Festgelage salben ließen. Im Großen Zirkus, der von Gras und Disteln überwuchert war und wie ein wilder Graben aussah, träumte Maria von den festlichen Wettkämpfen, denen Zehntausende von Zuschauern beiwohnten, die glücklichen Sieger mit betäubendem Beifall belohnend. Maria mußte von diesen Festen wissen, da das letzte von ihnen (o trauriger Schatten einstiger Größe!) zu ihrer Zeit von Totila bei seiner zweiten Anwesenheit in Rom veranstaltet worden war. Manchmal ging aber Maria einfach an das Ufer des Tibers, setzte sich an einem versteckten Plätzchen im Schutze einer halb eingefallenen Wand ins Gras, blickte auf das gelbe Wasser des von Dichtern und Künstlern verherrlichten Stromes und gab sich in der menschenleeren Stille ihren Träumen hin.

Maria gewöhnte sich, in ihren Träumen zu leben. Die halb zerstörte und halb verlassene Stadt gab ihrer Einbildungskraft reichliche Nahrung. Alles, was sie von den Erwachsenen gehört, was sie in den Büchern ihres Vaters gelesen, vermengte sich in ihrem Kopf zu einem seltsamen, chaotischen, aber unendlich reizvollen Bild der großen alten Stadt. Sie war fest davon überzeugt, daß das einstige Rom, wie es die Dichter behaupteten, der Mittelpunkt aller Schönheit, eine wunderbare Stadt voller Zauber gewesen, wo das Leben als ein ununterbrochenes Fest dahingeflossen sei. Das arme Kind brachte alle Jahrhunderte und Zeitalter durcheinander: die Zeit des Orestes erschien ihr ebenso fern wie die Regierung Trajans, und die Herrschaft des weisen Numa Pompilius ebenso nahe wie die des Odoaker. Alles, was vor den Goten gewesen, erschien ihr als Altertum; die Regierung Theodorichs des Großen – als ferne und noch glückliche Vergangenheit; die neue Zeit begann für Maria mit ihrer Geburt, mit der ersten Belagerung Roms durch Belisar. Im Altertum erschien ihr alles herrlich, schön und wunderbar; in der Vergangenheit alles anziehend und glücklich; in der neuen Zeit unheilvoll und schrecklich. Und Maria bemühte sich, die grausame Gegenwart: nicht zu sehen, und lebte in dem von ihr geliebten Altertum, zwischen ihren Lieblingshelden, dem Gott Bacchus, dem zweiten Begründer der Stadt Camillus, Cäsar, der nun als Stern am Himmel strahlte, dem Weisesten aller Menschen Diocletian und dem Unglücklichsten unter den Großen, Romulus Augustulus. Alle diese und auch viele andere, deren Namen Maria hörte, waren die Lieblinge ihrer Träume und die gewohnten Helden ihrer kindlichen Visionen.

Maria schuf in ihren Gedanken allmählich eine eigene Geschichte Roms, die mit der, die einst der beredsame Livius und nach ihm andere Historiker und Annalisten so schön geschildert, nicht das geringste zu tun hatte. Wenn Maria die erhalten gebliebenen Statuen bewunderte und die halb verwischten Inschriften entzifferte, gab sie allem ihre eigene Auslegung und fand überall eine Bestätigung für ihre schrankenlose Phantasie. Sie sagte sich, daß die eine oder andere Statue den jugendlichen Augustus darstelle, und niemand hätte das Kind zu überzeugen vermocht, daß es nur ein schlechtes Bildnis irgendeines Halbbarbaren war, der vor nur fünfzig Jahren gelebt und einen schlechten Steinmetzen beauftragt hatte, seine Züge in einem Stück billigen Marmors zu verewigen. Oder wenn sie ein Relief sah, das eine Szene aus der Odyssee darstellte, dichtete sie eine lange Geschichte, in der ihre Lieblingshelden – Mars, Brutus oder der Kaiser Honorius – mitwirkten, und war hinterher überzeugt, daß sie diese Geschichte in einem der Bücher ihres Vaters gelesen habe. So schuf sie Legende auf Legende, Mythos auf Mythos und lebte darin wie in einer Welt, die viel wirklicher war als die in den Büchern beschriebene, um so mehr aber als die elende Welt, die sie umgab.

Wenn Maria von ihren Träumen und vom Gehen ermüdet war und Hunger spürte, kehrte sie ins Elternhaus zurück. Hier empfing sie die mürrische Mutter, die nach allen Leiden, die sie zu ertragen gehabt, erbittert war; sie gab ihr lieblos ein Stück Brot mit Käse oder Knoblauch, wenn sie diese Sachen in der Küche hatte, und fügte manchmal dem kargen Mahl einige Scheltworte hinzu. Maria drückte sich so scheu wie ein gefangener Vogel in eine Ecke, verschlang hastig, was ihr die Mutter gegeben, und eilte in ihre Kammer auf das harte Lager, um in der Zeit vor dem Einschlafen und auch im Schlafe von den seligen, blendenden Zeiten des Altertums zu träumen. An besonders glücklichen Tagen, wenn der Vater zu Hause und gut aufgelegt war, unterhielt er sich manchmal mit Maria. Ihr Gespräch kam aber immer auf das Altertum, das die beiden so zärtlich liebten. Maria fragte ihren Vater nach der Vergangenheit Roms aus und lauschte mit verhaltenem Atem dem alten Kalligraphen, wenn er mit Begeisterung von der Größe des Reiches unter Theodosius sprach oder die Verse der alten Dichter Vergil, Ausonius und Claudianus rezitierte. Und das Chaos im armen Köpfchen Marias wurde noch verworrener, und zuweilen kam es ihr vor, daß das wirkliche Leben nur ein Traum sei und daß sie in Wirklichkeit in den seligen Zeiten des Äneas, Augustus und Gracianus lebe.

II

Nach der Besetzung Roms durch Narses kam das Leben in der Stadt einigermaßen ins alte Geleis. Der Regent ließ sich auf dem Palatin nieder; man setzte für ihn einen Teil der verwüsteten Gemächer des kaiserlichen Palastes instand, und abends waren die Fenster hell erleuchtet. Die Byzantiner hatten Geld mitgebracht, und der Handel lebte wieder auf. Der Verkehr auf den Landstraßen war fast gefahrlos, und die verarmten Bewohner der verwüsteten Campagna begannen ihre Vorräte nach Rom zum Verkauf zu bringen. Hie und da wurden Tabernen eröffnet. Es machte sich sogar eine Nachfrage nach Luxusgegenständen bemerkbar; diese wurden hauptsächlich von Frauen liederlichen Lebenswandels gekauft, die wie ein Schwarm von Raben dem aus vielen Völkern bunt zusammengewürfelten Heer des großen Eunuchen folgten. Durch alle Straßen huschten Mönche, an denen man gleichfalls etwas verdienen konnte. Die dreißig- oder vierzigtausend Einwohner, die Soldaten mit inbegriffen, die sich nun in Rom angesammelt hatten, verliehen der Stadt, besonders ihrem Zentrum, das Aussehen eines gutbevölkerten und selbst belebten Platzes.

Endlich fand sich auch geeignete Arbeit für Rufius. Narses und auch sein Nachfolger, der byzantinische Dux, nahmen allerlei Beschwerden und Gesuche entgegen, und man bedurfte eines geschickten Kalligraphen, um solche zu schreiben. Die Edikte Justinians, durch die Beschlüsse der gotischen Könige zum Teil bestätigt und zum Teil außer Kraft gesetzt wurden, führten zu unendlichen Gerichtsprozessen. Manchmal gab es auch Akten abzuschreiben, die unmittelbar an Seine Heiligkeit den Kaiser nach Byzanz gingen, und solche Arbeit wurde verhältnismäßig gut bezahlt. Es kamen auch bedeutende Aufträge vor. Ein neu gegründetes Kloster ließ sich ein kalligraphisches Exemplar der liturgischen Bücher anfertigen. Irgendein Sonderling bestellte sich eine Abschrift der Gedichte des trefflichen Rutilius. Im Hause der Rufier machte sich wieder einiger Wohlstand bemerkbar. Die Familie konnte jeden Tag zu Mittag essen und brauchte nicht für den nächsten Tag zu zittern.

Alles hätte gut werden können, wenn der Kalligraph, der in den letzten Jahren der Entbehrungen sehr gealtert war, nicht zu trinken angefangen hätte. Oft ließ er seinen ganzen Verdienst in einer Taberne oder Campona zurück. Für Florentia war das ein harter Schlag. Sie kämpfte auf jede Weise gegen die unglückliche Leidenschaft ihres Mannes, nahm ihm oft das verdiente Geld ab, aber Rufius fand immer noch die Möglichkeit, sich irgendwie zu betrinken. Maria liebte dagegen die Tage, an denen der Vater betrunken war. An solchen Tagen kam er in heiterster Stimmung nach Hause, achtete nicht auf die Tränen und Vorwürfe Florentias, rief aber gerne Maria, wenn sie zu Hause war, zu sich, erzählte ihr wieder ohne Ende von der vergangenen Größe der Ewigen Stadt und rezitierte Verse alter Dichter und auch solche, die er selbst verfaßt hatte. Das halbwahnsinnige Mädchen und der betrunkene Vater verstanden sich gut und blieben oft bis in die späte Nacht zusammen auf, nachdem die erzürnte Florencia sie verlassen und allein zu Bett gegangen war.

Maria selbst hatte aber ihre Lebensweise nicht geändert. Vergebens zwang sie der Vater, wenn er nüchtern war, ihm in seiner Arbeit zu helfen. Vergebens zürnte ihr die Mutter, daß sie ihr nicht in der Wirtschaft helfe. Wenn man Maria dazu zwang, schrieb sie ungern und verbissen einige Zeilen ab oder putzte einige Zwiebeln, lief aber bei der ersten Gelegenheit aus dem Hause, um wieder einen ganzen Tag in den von ihr geliebten Winkeln der Stadt zu verbringen. Wenn sie heimkam, überschüttete man sie mit Scheltworten, Maria hörte aber alle Vorwürfe schweigend an und entgegnete kein Wort. Was kümmerten sie die Scheltworte, wenn in ihren Gedanken alle die prächtigen Bilder noch glänzten, mit denen sie ihre Einbildungskraft nährte, vor einer Porphyrwanne in den Thermen Caracallas hockend oder im dichten Grase am Ufer des alten Tibers versteckt? Sie würde auch Schläge und jede Pein gerne ertragen, wenn man ihr nur nicht ihre Visionen nähme. In diesen Visionen war aber das ganze Leben Marias.

Im Herbst des Jahres 554 sah Maria in den Straßen Roms den Triumphzug des Narses, den letzten Triumph, der in der Ewigen Stadt gefeiert wurde. Das bunt zusammengewürfelte Heer des Eunuchen, alle die Griechen, Hunnen, Heruler, Gepiden und Perser zogen als unordentliche Horde durch die Heilige Straße mit der reichen Beute, die sie den Goten abgenommen hatten. Die Soldaten sangen lustige Lieder in allen möglichen Sprachen, und ihre Stimmen vermengten sich zu einem wilden, ohrenbetäubenden Geheul. Der lorbeerbekränzte Feldherr fuhr in einem mit weißen Rossen bespannten Wagen. Vor den Toren Roms wurde er von einigen Männern in weißen Togen empfangen, die sich für Senatoren ausgaben. Narses zog durch das halbzerstörte Rom, durch Straßen, wo zwischen mächtigen Steinplatten Gras wucherte, zum Kapitol. Hier legte er seinen Kranz vor der Statue Justinians nieder, die man zu diesem Zweck irgendwo aufgetrieben hatte, und begab sich von da zu Fuß durch ganz Rom zu der Basilika von St. Peter, wo ihn der Papst und die ganze Geistlichkeit in festlichen Ornaten empfingen. Die Römer, die sich in den Straßen drängten, sahen diesem Aufzug, dem die Mitwirkenden große Pracht zu verleihen bestrebt waren, ohne sonderliche Begeisterung zu. Der Triumph der Byzantiner war für die Römer eine fremde Angelegenheit, beinahe ein Triumph der Feinde ihrer Heimat.

Auch auf Maria hatte der Triumph gar keinen Eindruck gemacht. Gleichgültig blickte sie auf die bunten Gewänder der Soldaten, auf die Triumphtoga des Eunuchen, eines bartlosen Männchens mit lebhaften Augen, und auf die prunkvollen Ornate der Geistlichkeit. Die Lieder und das Kriegsgeschrei des Heeres machten ihr nur Angst. Das Ganze erschien ihr so unähnlich jenen Aufzügen, die sie so oft in ihren einsamen Träumen gesehen – den Triumphen Augustus‘, Vespasians und Valentinians! Hier erschien ihr alles entsetzlich und häßlich; dort war aber alles Prunk und Schönheit. Ohne das Ende des Triumphes abzuwarten, lief Maria von der Basilika von St. Peter auf die Appische Straße zu den Trümmern der Thermen Caracallas, die sie so liebte, um in der Stille der Marmorsäle nach Herzenslust über die unwiederbringliche Vergangenheit zu weinen und in ihren Träumen alles wieder so lebendig und so schön zu sehen, wie es in Wirklichkeit nur hatte sein können. An diesem Tage kam Maria spät nach Hause und gab keine Antwort auf die Frage, ob sie den Triumph gesehen hätte.

Maria war um diese Zeit beinahe achtzehn Jahre alt. Sie war nicht schön. Hager, mit unentwickeltem Busen, krankhaftem Rot der Wangen und wilden schwarzen Augen, wirkte sie eher abschreckend als anziehend. Sie hatte gar keine Freundinnen. Wenn die Mädchen aus der Nachbarschaft sie ansprachen, antwortete sie ihnen einsilbig und kurz und beeilte sich, jedes Gespräch so schnell als möglich abzubrechen. Was konnten auch alle die anderen Mädchen von ihren geheimen Gedanken, von ihren kostbaren Visionen verstehen! Worüber hätte Maria mit ihnen sprechen können! Man hielt sie halb für eine Närrin, halb für eine Wahnsinnige. Außerdem ging sie niemals zur Kirche. Es traf sich manchmal in einer menschenleeren Straße, daß irgendein Mann Maria nachsetzte und sie am Ellenbogen zu fassen oder zu umarmen versuchte. Maria wehrte sich wie eine Wildkatze, kratzte, biß und schlug mit den Fäusten um sich, so daß der Kecke sie in Ruhe lassen mußte. Und doch fand sich in der Nachbarschaft ein Jüngling, der Sohn eines Kupferschmiedes, der um Maria freite. Als die Mutter es ihr mitteilte, nahm Maria die Nachricht mit dem größten Entsetzen auf. Als aber die Mutter in sie drang und sagte, daß sie einen besseren Mann heutzutage unmöglich finden würde, fing Maria so verzweifelt zu weinen an, daß Florentia sie in Ruhe ließ und sich sagte, daß ihre Tochter entweder noch zu jung fürs Heiraten oder wirklich nicht bei vollem Verstand sei. So ließ man Maria ihre Freiheit, und sie durfte treiben, was sie wollte.

Es vergingen Tage, Wochen und Monate. Rufius arbeitete und trank. Florentia besorgte die Wirtschaft und fluchte. Beide hielten sich für unglücklich und verwünschten ihr Geschick. Nur Maria allein war glücklich in der Welt ihrer Träume. Immer weniger sah sie die verhaßte Wirklichkeit, die sie umgab. Immer tiefer und tiefer drang sie in das Reich ihrer Visionen ein. Sie sprach bereits mit den von ihrer Phantasie geschaffenen Gestalten wie mit lebendigen Menschen. Sie ging nach Hause, von der Überzeugung erfüllt, daß sie heute der Göttin Vesta oder dem Diktator Sulla begegnet wäre. Sie erinnerte sich der Dinge, die sie im Traume gesehen, wie wirklicher Erlebnisse. Bei den nächtlichen Gesprächen mit dem betrunkenen Vater tischte sie ihm oft ihre Erinnerungen auf, und der alte Rufius wunderte sich darüber nicht: für jede Erzählung hatte er schon irgendein Gedicht bereit, und so ergänzte er die wahnsinnigen Träume seiner Tochter und spann sie weiter aus. Wenn Florentia im Halbschlummer ihre Gespräche hörte, spuckte sie aus und fluchte oder bekreuzigte sich und flüsterte ein Gebet zu der heiligen Jungfrau.

III

Im Frühling des dem Triumph des Narses folgenden Jahres stieß Maria bei einem Rundgange um die einfallenden Mauern der Thermen Trajans, an einer Stelle, wo offenbar schon der Esquilinische Hügel begann, auf eine seltsame Öffnung im Boden, die wie ein Eingang aussah. Die Gegend war öde. Ringsherum standen nur unbewohnte, verlassene Häuser; das Pflaster war schadhaft und der steile Hügelabhang mit wildem Gras bewachsen. Nach einiger Mühe gelang es Maria, zu der Öffnung zu gelangen, die in einen dunklen, engen Gang führte. Maria drang ohne zu zögern ein. Sie mußte in völliger Dunkelheit, in stickiger Luft auf allen vieren kriechen. Der Gang brach plötzlich ab. Als Marias Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte sie beim schwachen Schein, der durch den Eingang hereindrang, erkennen, daß sie den großen Saal eines unbekannten Palastes vor sich hatte. Maria sagte sich nach einiger Überlegung, daß sie hier ohne Licht nichts sehen würde. Vorsichtig kam sie wieder heraus und irrte diesen ganzen Tag nachdenklich durch die Straßen. Sie hielt Rom für ihren Besitz, und der Gedanke, daß es in dieser Stadt etwas ihr Unbekanntes geben könne, war ihr unerträglich.

Am folgenden Tag begab sich Maria mit einer Fackel, die sie sich selbst gemacht hatte, wieder an diese Stelle. Nicht ohne Gefahr stieg sie in den von ihr entdeckten Saal hinab und entzündete die Fackel. Sie sah vor sich ein herrliches Gemach. Die Wände bestanden bis zur Mitte aus Marmor und waren darüber mit wunderbaren Malereien geschmückt. In den Nischen standen Bronzestatuen von wunderbarer Arbeit, die wie lebendige Menschen aussahen. Auf dem von Schutt und Erde bedeckten Fußboden konnte man die Mosaiken erkennen. Nachdem Maria all das Neue eine Weile bewundert hatte, ging sie tapfer weiter. Durch eine riesengroße Tür gelangte sie in ein ganzes Labyrinth von Gängen, das sie in einen neuen Saal, noch herrlicher als der erste, führte. Weiter folgte eine lange Reihe von Gemächern, die mit Marmor und Gold, Wandmalereien und Statuen geschmückt waren; an vielen Stellen standen noch kostbare Möbel und allerlei Hausrat feinster Arbeit. Überall liefen und krochen Eidechsen, Spinnen und Asseln umher und flatterten Fledermäuse; Maria war aber von dem einzigartigen Anblick so sehr hingerissen, daß sie sie nicht sah. Vor ihr lag das Leben des alten Roms, das echte und lebendige Leben, das sie nun endlich gefunden hatte!

Wie lange Maria sich an diesem Tage an ihrer Entdeckung berauschte, wußte sie selbst nicht. Vor großer Erregung oder von der stickigen Luft verlor sie plötzlich das Bewußtsein. Als sie auf dem steinernen feuchten Boden wieder zu sich kam, sah sie, daß ihre Fackel schon zu Ende gebrannt war. Maria begann nun in der völligen Dunkelheit tastend den Weg zum Ausgang zu suchen. Sie irrte lange, viele Stunden herum, konnte aber aus den zahllosen Gängen und Gemächern nicht herauskommen. In ihrem benebelten Bewußtsein tauchte schon der Gedanke auf, daß es ihr beschieden sei, in diesem unbekannten, unter der Erde begrabenen Palaste zu sterben. Maria erschrak vor diesem Gedanken nicht: es erschien ihr vielmehr schön und begehrenswert, ihr Leben inmitten des prunkvollen alten Lebens, in einem Marmorsaal, zu Füßen irgendeiner herrlichen Statue zu beschließen. Nur das eine tat ihr leid: daß ringsum Dunkelheit herrschte und daß es ihr nicht beschieden sei, die Schönheit zu sehen, in der sie sterben würde … Plötzlich leuchtete vor ihr ein Lichtschein auf. Maria nahm alle ihre Kräfte zusammen und ging auf das Licht zu. Es war Mondlicht, das durch eine Spalte hereindrang, die derjenigen glich, durch die Maria in den Palast gekommen war. Diese Spalte befand sich aber in einem ganz anderen Saale. Mit großer Mühe an den Mauervorsprüngen emporkletternd, erreichte Maria die Spalte und kam ins Freie, zu einer Stunde, wo die ganze Stadt schon schlief und der Mond allein über die Trümmerhaufen herrschte. An den Mauern entlangschleichend, um von niemand gesehen zu werden, kehrte sie erschöpft, kaum noch atmend, nach Hause zurück. Der Vater war nicht zu Hause – er war für die ganze Nacht verschwunden –, und die Mutter beschränkte sich auf einige Scheltworte.

Nun besuchte Maria alltäglich den von ihr entdeckten unterirdischen Palast. Allmählich lernte sie alle seine Gänge und Säle so gut kennen, daß sie in ihnen in völliger Dunkelheit herumirren konnte, ohne Gefahr zu laufen, den Weg zu verlieren. Übrigens hatte sie immer eine kleine Lampe oder eine Pechfackel bei sich, um die prunkvolle Ausstattung der Gemächer nach Herzenslust bewundern zu können. Maria kannte sie alle. Sie kannte die Zimmer, die ganz mit Rot geschmückt waren; andere, wo die gelbe Farbe vorherrschte; solche, die grün ausgemalt waren und an frische Wiesen und Gärten gemahnten; auch die ganz weißen Säle mit Verzierungen aus schwarzem Ebenholz; sie kannte alle Wandmalereien, die Szenen aus dem Leben der Götter und Heroen, berühmte Schlachten des Altertums, Bildnisse großer Männer und komische Abenteuer von Faunen und Liebesgöttern darstellten; sie kannte alle im Palaste erhalten gebliebenen Statuen aus Bronze und Marmor, die kleinen Büsten in den Nischen, die feierlichen lebensgroßen Bildwerke und die kolossale Gruppe, die drei Menschen – einen Mann und zwei Jünglinge – darstellte, welche von riesengroßen Schlangen umstrickt, sich vergebens aus dem todbringenden Ringen zu befreien mühten.

Von allen Schätzen des unterirdischen Palastes gefiel Maria ein Relief am besten. Es stellte ein hageres, schlankes Mädchen dar, das in tiefem Schlaf in irgendeiner Grotte ruhte; vor dem Mädchen stand ein Jüngling in Kriegsrüstung mit edlem Gesicht von wunderbarer Schönheit; über ihnen war wie in Wolken ein auf einem Flusse schwimmender Korb mit zwei Säuglingen dargestellt. Maria glaubte, daß die Züge des Mädchens den ihrigen ähnlich seien. In der schmächtigen schlafenden Prinzessin erkannte sie sich selbst und wurde nicht müde, sie stundenlang zu bewundern und sich an ihre Stelle zu denken. Zuweilen glaubte Maria beinahe, irgendein Künstler des Altertums hätte durch ein Wunder vorausgeahnt, daß einst das Mädchen Maria in die Welt kommen würde, und ihr Bildnis im Relief des geheimnisvollen, verzauberten Palastes festgebannt, damit es unter der Erde durch die Jahrhunderte unversehrt erhalten bleibe. Der Sinn der anderen Figuren des Reliefs blieb für Maria lange Zeit dunkel.

Eines Abends sprach Maria wieder mit ihrem Vater, der lustig und betrunken nach Hause gekommen war. Sie waren allein, denn Florentia hatte sie wie immer mit ihren närrischen Gesprächen allein gelassen und war schlafen gegangen. Maria erzählte dem Vater von dem unterirdischen Palast, den sie entdeckt, und von seinen Schätzen. Der alte Rufius nahm den Bericht der Tochter ebenso auf wie alle ihre anderen Hirngespinste. Wenn sie ihm berichtete, daß sie heute auf der Straße Konstantin dem Großen begegnet und daß er sich mit ihr gnädig unterhalten habe, so wunderte sich Rufius nicht, begann aber von Konstantin zu erzählen. Und als Maria ihm jetzt von den Schätzen des unbekannten Palastes erzählte, kam der alte Kalligraph sofort auf diesen Palast zu sprechen.

»Ja, ja, Tochter!« sagte er. »Zwischen dem Palatin und dem Esquilin muß es liegen. Es ist das Goldene Haus des Kaisers Nero, der Herrlichste der Paläste, die hier jemals standen! Dem Kaiser reichte der Raum dazu nicht aus, und er verbrannte die Stadt. Rom ging in Flammen auf, und Nero deklamierte Verse vom Brande Trojas. Auf dem so gewonnenen Platze errichtete er sein Goldenes Haus. Ja, ja, zwischen dem Palatin und dem Esquilin, du hast recht. In der Stadt hat es nichts Herrlicheres gegeben. Nach dem Tode Neros haben die anderen Kaiser diesen Palast aus Neid zerstört und mit Erde verschüttet: er ist nicht mehr. An seiner Stelle haben sie Häuser und Thermen erbaut. Er war aber der schönste aller Paläste!«

Maria wurde kühner und erzählte dem Vater vom Relief, das ihr so gut gefallen. Und der alte Kalligraph wunderte sich wieder nicht und erklärte der Tochter, was der Künstler hatte darstellen wollen.

»Töchterchen, es ist Rea Silvia, die Vestalin, die Tochter des Königs Numitor. Der Jüngling aber ist Gott Mars, der in Liebe zu dem Mädchen entbrannte und es in der heiligen Grotte fand. Sie gebar ihm die Zwillinge Romulus und Remus. Rea Silvia wurde im Tiber ertränkt, die Kinder aber wurden von einer Wölfin großgezogen und gründeten die Stadt. Ja, so war es, Tochter.«

Rufius erzählte Maria das rührende Märchen von der pflichtvergessenen Vestalin Ilia oder Rea Silvia und begann gleich darauf die Verse aus den Metamorphosen des alten Naso zu rezitieren:

Proximus Ausonias injusci miles Amuli
Rexit opes …

Maria hörte aber dem Vater nicht mehr zu; leise sprach sie vor sich hin: »Es ist Rea Silvia! Rea Silvia!«

IV

Von nun an verweilte Maria immer länger vor dem herrlichen Relief. Sie brachte immer außer der Fackel auch ihren kargen Imbiß mit, um möglichst lange im unterirdischen Palast bleiben zu können, in dem sie sich mehr zu Hause fühlte, als im Hause ihres Vaters. Maria legte sich auf den kalten, feuchten Fußboden vor dem Bild der Tochter des Königs Numitor hin und betrachtete beim schwachen Schein der Pechfackel stundenlang die Gesichtszüge des in der heiligen Grotte schlafenden schlanken Mädchens. Mit jedem neuen Tage glaubte Maria mehr daran, daß sie jener Vestalin ähnlich sähe, und bald konnte sie in ihren Gedanken die arme Maria, die Tochter Rufius‘, des Kalligraphen, von der unglücklichen Ilia, der Tochter des Königs von Alba Longa, nicht mehr auseinanderhalten. Sich selbst nannte Maria nicht anders als Rea Silvia. Vor dem Relief liegend, malte sie sich aus, daß auch zu ihr, in dieser neuen heiligen Grotte, Gott Mars kommen und daß sie aus diesen göttlichen Umarmungen die Zwillinge Romulus und Remus, die Begründer der Ewigen Stadt, gebären werde. Sie würde es allerdings mit dem Leben bezahlen und in den trüben Wellen des Tibers umkommen müssen; aber was kümmerte Maria der Tod?! Oft schlief Maria mit solchen Gedanken vor dem Relief ein und träumte von Gott Mars mit dem schönen edlen Gesicht und von seinen göttlichen, sengenden Umarmungen. Und wenn sie erwachte, wußte sie nicht, ob sie es im Traume oder im Wachen erlebt.

Es herrschte schon die sengende Julihitze, und die Straßen Roms lagen zur Mittagsstunde ebenso öde da wie nach dem grausamen Befehl des Königs Totila; im unterirdischen Palast war es aber kühl und feucht, und Maria kam alltäglich hierher, um vor dem Bild Ilias vom göttlichen Gemahl zu träumen. Und als sie sich wieder einmal im Halbschlummer den sengenden Umarmungen des Gottes hingab, wurde sie von einem Geräusch geweckt. Maria öffnete erstaunt die Augen und sah sich um. Beim Schein der kleinen Fackel, die sie in einen Spalt zwischen den Steinen gesteckt hatte, erblickte sie vor sich einen Jüngling. Er hatte keine Rüstung an, sondern eine Kleidung, wie sie damals die ärmeren Römer trugen; aber das Gesicht des Jünglings war voller Adel und schien Maria in wunderbarer Schönheit zu strahlen. Eine Weile blickte Maria erstaunt die unerwartete Erscheinung an, den Menschen, der in diesen verzauberten Palast eingedrungen war. In den Palast, von dem sie glaubte, daß er nur ihr allein bekannt sei. Dann setzte sie sich auf und fragte einfach:

»Bist du zu mir gekommen?«

Der Jüngling lächelte still und bezaubernd und antwortete mit einer Frage:

»Und wer bist du, Mädchen? Der Genius dieses Ortes?«

Maria erwiderte:

»Ich bin Rea Silvia, die Vestalin, Tochter des Königs Numitor. Bist du nicht Gott Mars, der mich sucht?«

Der Jüngling entgegnete darauf:

»Nein, ich bin kein Gott, ich bin ein Sterblicher und heiße Agapitus; auch suche ich dich nicht. Es ist aber ganz gleich, und ich bin froh, daß ich dich hier gefunden habe. Sei gegrüßt, Rea Silvia, Tochter des Königs Numitor!«

Maria forderte den Jüngling auf, sich an ihre Seite zu setzen, was er auch sofort tat. So saßen die beiden nebeneinander, das Mädchen und der Jüngling, auf dem feuchten Boden im Prunkgemach des verschütteten Goldenen Hauses Neros, blickten einander in die Augen und wußten anfangs nicht, was zu sagen. Dann zeigte Maria dem Jüngling das Relief und erzählte ihm die Legende von der unglücklichen Vestalin. Der Jüngling unterbrach sie aber:

»Ich kenne es, Rea«, sagte er, »aber wie seltsam: das Gesicht des Mädchens auf dem Relief gleicht tatsächlich dem deinigen.«

»Das bin ich!« entgegnete Maria.

In ihren Worten lag eine so tiefe Überzeugung, daß der Jüngling sie bestürzt ansah und gar nicht wußte, was er sich denken sollte. Maria aber legte ihm ihre Hand zärtlich auf die Schulter und begann einschmeichelnd, beinahe schüchtern:

»Leugne es nicht: du bist Gott Mars, der die Gestalt eines Sterblichen angenommen hat. Ich habe dich aber erkannt. Ich habe lange auf dich gewartet. Ich wußte, daß du kommen wirst. Und ich fürchte den Tod nicht. Sollen sie mich nur im Tiber ertränken.«

Lange hörte der Jüngling den verworrenen Worten des Mädchens zu. Alles ringsum war so seltsam. Dieser unterirdische, unbekannte Palast mit seinen herrlichen Räumen, in denen nur Eidechsen und Fledermäuse hausten. Das Halbdunkel des großen Saales, das nur vom schwachen Schein zweier Fackeln erhellt war. Dieses unbekannte Mädchen, das der Rea Silvia auf dem alten Relief so ähnlich sah und auf eine wunderbare Weise in das begrabene Goldene Haus Neros geraten war, und ihre unverständlichen Worte. Der Jüngling fühlte, wie die rohe Wirklichkeit, in der er eben erst, bevor er in die unterirdischen Räume eingedrungen war, gelebt hatte, verschwand und zerschmolz wie ein Traumgebilde beim Erwachen. Noch ein Augenblick, und der Jüngling hätte selbst geglaubt, daß er Gott Mars sei und hier die von ihm geliebte Tochter Numitors, die Vestalin Ilia, getroffen habe. Der Jüngling nahm alle seine Kräfte zusammen und unterbrach Maria.

»Liebes Mädchen«, sagte er, »hör mich an. Du täuschst dich in mir. Ich bin nicht der, für den du mich hältst. Ich will dir die Wahrheit eröffnen. Agapitus ist nicht mein echter Name. Ich bin ein Gote und heiße Theodatus. Ich muß aber meine Herkunft verheimlichen, denn sonst töten sie mich. Hörst du es denn auch meiner Aussprache nicht an, daß ich kein Römer bin? Als meine Stammesgenossen eure Stadt verließen, folgte ich ihnen nicht. Ich liebe Rom, ich liebe seine Geschichte und seine Überlieferungen und will in der Ewigen Stadt, die eine Zeitlang die unsrige war, leben und sterben. Unter dem Namen Agapitus bin ich nun bei einem Waffenschmied im Dienst; bei Tage arbeite ich, am Abend irre ich aber durch die Stadt und bewundere ihre erhalten gebliebenen Denkmäler. Ich wußte, daß an dieser Stelle das Goldene Haus Neros gestanden hat, und drang in die unterirdischen Gemächer ein, um die Überreste der einstigen Pracht zu sehen. Das ist alles. Ich habe dir die Wahrheit gesagt und vertraue dir, daß du mich nicht verraten wirst, denn ein Wort von dir würde genügen, um mich dem Tode zu überliefern.«

Maria hörte die Worte des Theodatus mißtrauisch und unzufrieden an. Sie dachte eine Weile nach und sagte:

»Warum betrügst du mich? Warum willst du die Gestalt eines Goten annehmen? Sehe ich denn nicht den Nimbus um dein Haupt? Mars Gradivus, für die anderen bist du ein Gott, für mich aber der Geliebte! Spotte nicht über deine arme Braut Rea Silvia!«

Theodatus sah das Mädchen, das die wahnsinnigen Worte sprach, lange an, und er begriff allmählich, daß sie nicht bei vollem Verstand war. Und als dem Jüngling dieser Gedanke kam, sagte er zu sich selbst: Armes Mädchen! Nein, ich werde deine Schutzlosigkeit nicht mißbrauchen! Dies wäre eines Goten unwürdig. – Und er umarmte Maria und begann mit ihr sanft wie mit einem kleinen Kind zu sprechen; er widersprach ihren Hirngespinsten nicht und gestand, Gott Mars zu sein. Und lange saßen sie im Halbdunkel Seite an Seite, ohne auch nur einen Kuß zu tauschen, und sprachen vom zukünftigen Rom, das dereinst von den Zwillingen Romulus und Remus, ihren Kindern, begründet werden wird. Als die Fackeln niedergebrannt waren, sagte Theodatus zu Maria:

»Liebe Rea Silvia, es ist schon spät. Wir müssen von hier fort.«

»Wirst du morgen wiederkommen?« fragte Maria.

Theodatus sah das Mädchen an. Es erschien ihm mit seinem schmächtigen, halb kindlichen Körper, dem krankhaften Rot auf den Wangen und den tiefen schwarzen Augen ungemein anziehend. Ein unbegreiflicher Reiz war für ihn auch in dieser Zusammenkunft im halbfinsteren Saal des begrabenen Palastes, vor dem herrlichen Relief eines unbekannten Künstlers. Theodatus wollte gerne noch einmal mit der armen Wahnsinnigen sprechen und antwortete:

»Ja, Mädchen, morgen um die gleiche Stunde will ich nach meinem Tagewerk wieder zu dir herkommen.«

Hand in Hand gingen sie zum Ausgang. Theodatus hatte eine Strickleiter bei sich. Er half Maria zur Spalte emporsteigen, die ihnen als Eingang in den Palast diente. In den Straßen dunkelte es schon.

Beim Abschied sagte Theodatus, Maria gerade in die Augen blickend, noch einmal:

»Merke es dir, Mädchen, du darfst niemand sagen, daß du mir begegnet bist. Dies würde mich das Leben kosten. Lebe wohl bis morgen.«

Er stieg als erster auf die Erde herab und verschwand schnell hinter einer Straßenbiegung. Maria ging langsam nach Hause. Wenn sie an diesem Abend mit ihrem Vater gesprochen hätte, so hätte sie ihm nichts von Mars Gradivus, der endlich zu ihr gekommen war, erzählt.

V

Der Jüngling betrog Maria nicht. Am nächsten Tage kam er wirklich ins Goldene Haus, vor das Relief, das Mars und Rea Silvia darstellte, wo ihn Maria schon erwartete. Der Jüngling brachte Brot, Käse und Wein mit. Sie aßen im prunkvollen Saale Kaiser Neros zusammen zu Abend. Maria sprach wieder von der Schönheit des einstigen Lebens, von den Göttern, Heroen und Kaisern und vermengte tatsächlich Erlebtes mit den Ausgeburten ihrer Phantasie. Theodatus hielt aber das Mädchen umschlungen, streichelte leise ihre Hände und Schultern und bewunderte die schwarze Tiefe ihrer Augen. Dann wanderten sie zu zweit durch die leeren unterirdischen Gemächer und bewunderten beim Schein ihrer Fackeln die großen Werke des hellenischen und römischen Genius. Beim Abschied versprachen sie einander, sich auch am folgenden Tage hier zu treffen.

Von nun ab begab sich Theodatus jeden Tag, sobald er mit der langweiligen Arbeit in der Waffenschmiede fertig war, wo Helme, Speere und Panzer für die byzantinischen Truppen, die Rom bewachten, ausgebessert und angefertigt wurden, zum Stelldichein mit dem seltsamen Mädchen, daß sich für die wiedererstandene Vestalin Ilia hielt. Eine unüberwindliche Anziehungskraft lag für den Jüngling im gebrechlichen Körper des Mädchens und in ihren wahnsinnigen Reden, denen er stundenlang zuhören konnte. Sie besahen sich alle Säle, Gänge und Kammern des Palastes, in die sie nur eindringen konnten, freuten sich zusammen über jede neu entdeckte Statue, über jedes Relief, und es gab keinen Tag, an dem nicht irgendeine neue Entdeckung ihre Seelen mit neuer Freude erfüllte. Tag für Tag lebten sie in unveränderlichem Glück dahin – im Genießen der Kunstwerke –, und Jüngling und Mädchen fielen sich in den Augenblicken der Rührung vor einem neuen Marmor, der vielleicht vom Meißel des Praxiteles herrührte, in die Arme und vereinigten sich in einem seligen und keuschen Kuß.

Das Goldene Haus Neros wurde auch für Theodatus, ehe er es merkte, zum Heimathaus und Maria zum verwandtesten und liebsten Geschöpf auf Erden. Wie das gekommen war, wußte Theodatus selber nicht. Aber alle die anderen Stunden, die er auf der Erdoberfläche verbrachte, erschienen ihm als eine schwere und verhaßte Pflicht; und nur die Zeit, die er mit Rea Silvia unter der Erde, im vergessenen Palast des alten Kaisers, verweilen durfte, als das wahre Leben. Der Jüngling wartete den ganzen Tag in qualvoller Ungeduld auf den Augenblick, wo er sich von den kupfernen Helmen, Zangen und Hämmern trennen konnte, um mit der im Gewand versteckten Strickleiter zum Abhang des Esquilinischen Hügels zum ersehnten Stelldichein zu laufen. Nach diesen Zusammenkünften rechnete Theodatus seine Tage. Wenn man ihn fragte, was ihm an Maria so gefiele, würde er wohl keine Antwort geben können. Doch ohne sie, ohne ihre wahnsinnigen Reden, ohne ihre seltsamen Augen würde ihm das ganze Leben leer und überflüssig erscheinen.

Oben auf der Erde, in der Waffenschmiede oder in seiner ärmlichen Kammer, die er bei einem Priester mietete, konnte Theodatus vernünftig urteilen. Er sagte sich da, daß seine Rea Silvia ein armes verrücktes Mädchen sei und daß er vielleicht sündige, wenn er ihre verderblichen Hirngespinste unterstütze. Sobald er aber in das kühle und feuchte Halbdunkel des Goldenen Hauses hinabstieg, wurde er ein neuer Mensch mit neuer Seele und neuen Gedanken. Er war nicht mehr derselbe, der er in der Glut des römischen Tages oder in der dumpfen Luft der Waffenschmiede gewesen war. Er fühlte sich in eine andere Welt versetzt, wo man tatsächlich der Vestalin Ilia, der Tochter des Königs Numitor, und dem Gotte Mars, der die Gestalt eines jungen Goten angenommen habe, begegnen könnte. In dieser Welt war alles möglich und jedes Wunder natürlich. In dieser Welt war das Vergangene lebendig, und die Erfindungen der Dichter wurden auf Schritt und Tritt zur Wirklichkeit.

Man kann nicht sagen, daß Theodatus ganz an die Hirngespinste Marias glaubte. Wenn sie ihm aber vor der Statue irgendeines alten Kaisers erzählte, daß sie diesem einst auf dem Forum begegnet wäre und mit ihm gesprochen hätte, so kam es Theodatus vor, als ob sich etwas Ähnliches wirklich ereignet hätte. Wenn Maria ihm von den Reichtümern ihres Vaters, des Königs Numitor, erzählte, glaubte Theodatus beinahe, daß sie die Wahrheit spreche. Und wenn Maria von der Pracht des zukünftigen Roms schwärmte, das von den neuen Romulus und Remus begründet werden würde, kam auch Theodatus ins Feuer: er spann die gleichen Gedanken aus und sprach von den neuen Siegen der neuen Ewigen Stadt, von der neuen Eroberung der Welt und vom neuen Ruhm … Und sie erfanden zusammen Namen für die zukünftigen Kaiser, die einst in der Stadt ihrer Kinder herrschen würden … Maria nannte sich selbst nicht anders als Rea Silvia und den Jüngling nicht anders als Mars, und er gewöhnte sich so sehr an diesen Namen, daß er sich selbst zuweilen in seinen Gedanken mit dem Namen des alten römischen Kriegsgottes nannte. Und wenn sie beide, der Jüngling und das Mädchen, von der Dunkelheit, von den herrlichen Kunstwerken, von der gegenseitigen Nähe und von den seltsamen, halb wahnsinnigen Träumen berauscht waren, fühlte Theodatus in seinen Adern beinahe den göttlichen Ichor des Olympiers.

Und so verging ein Tag nach dem anderen. Zu Beginn seiner Bekanntschaft mit Maria hatte Theodatus sich das Versprechen gegeben, das wahnsinnige Mädchen zu schonen und ihre geistige Umnachtung und Wehrlosigkeit nicht zu mißbrauchen. Mit jeder neuen Begegnung fiel es ihm aber immer schwerer, Wort zu halten. Mit jedem neuen Tag, an dem er das Madchen sah, das er mit der ganzen Glut seiner jugendlichen Leidenschaft liebte, wenn er mit ihr lange Stunden in Einsamkeit und Halbdunkel verbrachte, ihre Arme und Schultern berührte, mußte Theodatus sich immer mehr zusammennehmen, um Maria nicht in seine starken Arme zu ziehen, wie es Gott Mars einst mit der ersten Vestalin getan. Maria wich aber solchen Liebkosungen nicht nur nicht aus, sondern schien sie zu suchen und zu erwarten, sich mit ihrem ganzen Wesen nach ihnen zu sehnen. Sie zögerte in den Armen des jungen Goten, wenn er sie küßte, schmiegte sich selbst an seine Brust, und wenn sie die Statuen und Bilder betrachteten, und ihre großen schwarzen Augen sagten gleichsam dem Jüngling: »Wann denn? Bald? Ich bin müde zu warten!« Und Theodatus fragte sich: »Ist es denn wahr, daß sie wahnsinnig ist? Dann bin auch ich wahnsinnig! Und ist unser Wahnsinn nicht besser als das vernünftige Leben der anderen Menschen? Warum entsagen wir dem vollen Genuß der Liebe?«

Und so kam es, was unvermeidlich hatte kommen müssen. Einer der herrlichsten Säle im Goldenen Hause Neros wurde zu ihrem Hochzeitsgemach. Harzige Äste, die sie in die alten Bronzeleuchter mit den Darstellungen von Liebesgöttern gesteckt und entzündet hatten, waren die Hochzeitsfackeln. Den Bund des jungen Paares segneten von Praxiteles gemeißelte Marmorgötter, die mit überirdischem Lächeln aus ihren Porphyrnischen blickten. Die große Stille des begrabenen Palastes nahm die ersten leidenschaftlichen Seufzer der Neuvermählten auf, und das geheimnisvolle Halbdunkel umhüllte ihre blaß gewordenen Gesichter. Es gab weder Hochzeitsgesänge noch ein festliches Mahl, aber lange Jahrhunderte des Ruhmes und der Macht beschatteten ihr Hochzeitsbett aus Staub und Erde, das den Verliebten weicher und ersehnter erschien als die Daunen der pontischen Schwäne in den byzantinischen Schlafgemächern.

Von diesem Abend an war jede Begegnung zwischen Maria und Theodatus ein Stelldichein von Liebenden. Endlose Liebkosungen traten an Stelle ihrer Gespräche, leidenschaftliche Geständnisse und leidenschaftliche Schwüre an Stelle der halb wahnsinnigen Worte. Sie irrten wieder durch die leeren Gemächer des Goldenen Hauses, es lockte sie aber weniger die Pracht der Bilder, Statuen, Marmorwände und Mosaiken, als die Möglichkeit, in jedem neuen Zimmer sich wieder in die Arme zu fallen. Sie träumten noch vom künftigen Rom, das von ihren Kindern gegründet werden sollte, aber diese strahlende Vision wurde schon von der Seligkeit der Küsse verdunkelt, in deren Flammenschein nicht nur die Wirklichkeit, sondern auch jeder Wahn verschwand. Sie nannten sich Rea Silvia und Gott Mars, waren aber schon arme irdische Liebhaber, ein glückliches Paar, wie aber Tausende andere, die auf Erden vor tausend Jahrhunderten gelebt hatten …

 VI

Theodatus versuchte niemals, Maria irgendwo außerhalb des unterirdischen Palastes zu begegnen, ebenso Maria dem Jüngling. Sie existierten füreinander nur im Goldenen Hause Neros. Vielleicht würden sie sich auf Erden gar nicht erkannt haben. Theodatus würde aufhören, für Maria Gott Mars zu sein, und Maria würde ihm niemals so schön und wunderbar erscheinen. Der ehrliche Gote sagte sich zwar oft, daß er die wahren Eltern des Mädchens aufsuchen, daß er es heiraten und offen vor allen Menschen zu seinem Weibe erklären müsse. Theodatus schob aber diesen Entschluß von Tag zu Tag auf: es tat ihm leid, den märchenhaften Zauber, in dem er lebte, zu zerstören, er fürchtete, die unaussprechliche Wirklichkeit der unterirdischen Säle mit dem gewöhnlichen Alltag zu vertauschen. Vielleicht erklärte sich Theodatus seine Unschlüssigkeit gar nicht so; aber er beeilte sich nicht, das brennende Glück der geheimen Zusammenkünfte zu unterbrechen, und sooft er von Maria Abschied nahm, schwor er ihr wieder, auch am nächsten Tage zu kommen. Sie erwartete und verlangte nichts mehr: ihr genügte schon die vermeintliche Seligkeit, von einem Gott geliebt zu werden …

»Wirst du mich immer lieben?« fragte Theodatus, Marias zarten Körper in seinen starken Armen zusammenpressend.

Sie schüttelte den Kopf und antwortete:

»Ich werde dich bis in den Tod lieben. Du bist unsterblich, ich aber muß bald sterben. Man wird mich in den Tiber werfen.«

»Nein! Nein!« sagte Theodatus. »Das wird nicht sein! Wir werden zusammen leben und auch zusammen sterben. Ohne dich will ich keine Unsterblichkeit. Auch nach unserem Tode werden wir uns dort, auf unserem Olymp, ebenso lieben!«

Maria aber blickte ihn ungläubig an. Sie erwartete den Tod und war auf den Tod gefaßt. Sie hatte nur den einen Wunsch: das Glück so lange als möglich auszudehnen.

Der Jüngling sagte sich, daß er Maria einmal heimlich folgen müsse, um zu erfahren, wo sie wohne; er müsse zu ihr ins Haus, zu ihrem wahren Vater kommen und ihm sagen, daß er, Agapitus, dieses Mädchen liebe und es zum Weibe nehmen wolle. Sooft aber der Augenblick der Trennung kam und Maria, nachdem sie Theodatus den Eid abgenommen, auch morgen ins Goldene Haus zu kommen, als leichter Schatten in die dunkelnde Ferne entglitt, gab sich der Jüngling einen neuen Aufschub: »Mag es morgen geschehen! Wir wollen uns nur noch ein einziges Mal als Rea Silvia und Gott Mars treffen! Soll dieses Märchen noch eine Weile dauern!« Und Theodatus ging zu sich in seine Kammer, die er bei einem Priester hatte, um die ganze Nacht von seiner Geliebten zu träumen und das neue Glück – das der Erinnerungen – zu genießen. Und Theodatus erkundigte sich bei niemand nach dem seltsamen Mädchen mit den schwarzen Augen, obwohl fast alle Menschen in Rom Maria kannten. Theodatus wollte eigentlich von ihr auch nichts anderes wissen, als daß sie die Vestalin Ilia sei und ihn täglich im unterirdischen Saal des Palastes Neros in Liebe erwarte.

Einmal mußte Maria den ganzen Tag bis zum Abend auf Theodatus warten: der Jüngling kam nicht. Betrübt und erschrocken kehrte Maria heim. Das Dunkel, das ihren Kopf füllte, hatte sich seit dem Tage, an dem sie sich dem Jüngling hingegeben, ein wenig geklärt, und Maria tröstete sich mit dem Gedanken, daß ihr Geliebter durch irgend etwas aufgehalten worden sei. Der Jüngling kam aber auch am zweiten und dritten Tage nicht. Er war plötzlich verschwunden, und Maria wartete vergebens Stunde auf Stunde, Tag auf Tag, sie sehnte sich, verzweifelte, schluchzte, betete zu den alten Göttern und sprach auch solche Gebete, die sie die Mutter gelehrt hatte: aber sie bekam keine Antwort auf die Tränen und auf die Gebete. Die Marmorgötter lächelten in ihren Nischen unverändert ihr überirdisches Lächeln, noch immer prangten die Gemächer des alten Palastes in Mosaik und Malerei, aber das Goldene Haus war für Maria plötzlich leer und schrecklich geworden. Aus dem seligen Paradies, aus dem Lande der elysäischen Gefilde war es zu einer Hölle grausamer Leiden, zu einem schwarzen Tartarus geworden, wo nur Grauen, Einsamkeit, unerträgliches Leid und unerträglicher Schmerz wohnten. Von wahnsinniger Hoffnung beseelt, ging Maria jeden Tag in die unterirdischen Säle; sie wurden aber für sie zu einer Stätte der Folter. Bittere Stunden betrogener Erwartung, schreckliche Erinnerungen an das kurz genossene Glück und neue, endlose, untröstliche Tränen erwarteten sie dort.

Die größten Schmerzen litt aber Maria vor dem Relief, das die in der heiligen Grotte schlafende Vestalin Rea Silvia und den sich ihr nähernden Gott Mars darstellte. Alle Erinnerungen zogen sie zu diesem Relief hin, aber der unerträglichste Gram bemächtigte sich ihrer Seele, sobald sie davor stand. Maria fiel zu Boden und schlug mit dem Kopf gegen die Mosaikfliesen und schloß die Augen, um das strahlende Antlitz des Gottes nicht zu sehen. »Kehre wieder, kehre wieder!« wiederholte sie in ihrem Wahnsinn. »Komm noch einmal, nur noch einmal! Göttlicher, Unsterblicher, erbarme dich meiner! Laß mich dich nur noch einmal sehen! Ich habe dir noch nicht alles gesagt, ich habe dich noch nicht ganz mit meinen Küssen bedeckt! Ich muß, ich muß dich noch einmal in meinem Leben sehen! Dann mag der Tod kommen, dann mag man mich in den Tiber werfen, ich werde nicht widerstreben. Erbarme dich, Göttlicher!« Und Maria öffnete wieder ihre Augen, sah beim schwachen Schein der Fackel wieder das leidenschaftslose Gesicht des marmornen Gottes, und die Erinnerung an die plötzlich entschwundene Seligkeit ließ sie von neuem mit neuen Tränen und neuen Klagen zu Boden fallen. Und sie wußte selbst nicht mehr, ob Gott Mars zu ihr gekommen war, ob jene Tage des vollkommenen Glückes wirklich in ihrem Leben gewesen oder ihr nur unter den Tausenden anderer Visionen erschienen waren.

Die Erwartungen Marias wurden von Tag zu Tag hoffnungsloser. Mit jedem neuen Tag kehrte sie immer gequälter und erschütterter nach Hause zurück. In den Stunden, wo in ihr ein Schimmer des Bewußtseins flackerte, erinnerte sie sich dunkel an alles, was Theodatus ihr einst erzählt. Dann irrte sie durch die Straßen Roms und blickte unter allen möglichen Vorwänden in alle Waffenschmieden hinein, fand aber nirgends, den sie suchte. Von ihrem Kummer und vom entschwundenen Glück jemand auch nur ein Wort zu sagen, war für sie unmöglich; niemand würde auch der Erzählung des armen wahnsinnigen Mädchens Glauben schenken, ein jeder würde alles für die Ausgeburt ihrer kranken Phantasie halten. So lebte Maria allein mit ihrem Kummer, mit ihrer Verzweiflung, und die Mutter schüttelte nur traurig den Kopf, als sie sah, wie Maria von Tag zu Tag magerer wurde, wie ihr die Wangen einfielen und die Augen in seltsamem Feuer brannten.

Die Tage zogen aber gleich unermüdlich dahin wie über dem armen wahnsinnigen Mädchen, so auch über der entweihten Ewigen Stadt und der ganzen Welt, in der langsam ein neues Leben keimte. Die Tage zogen dahin, Justinian feierte seine letzten Siege über die letzten Reste der Goten, die Langobarden planten einen neuen Feldzug gegen Italien, die Päpste schmiedeten heimlich neue Glieder für die Kette, die in der Zukunft Rom und die ganze Welt fesseln sollte, die Römer lebten ihr ärmliches, bedrücktes Leben, und Maria begriff an einem dieser Tage, daß sie Mutter werden sollte. Die Vestalin Rea Silvia, zu der Gott Mars von seinem Olymp herabgestiegen war, fühlte, daß sich in ihr ein neues Leben regte: waren es nicht die Zwillinge, die neuen Romulus und Remus, die ein neues Rom gründen sollten?

Niemandem, weder dem Vater noch der Mutter, sagte Maria, was sie fühlte. Dies war ihr Geheimnis. Aber sie wurde nach der Entdeckung seltsam ruhig. Ihr Traum ging in Erfüllung. Es galt, den Gründern der Stadt das Leben zu schenken und dann auf den Tod in den trüben Wellen des gelben Tibers zu warten.

VII

Im Hause des alten Rufius versammelten sich manchmal Gäste: ein Nachbar, der auf dem Forum Handel mit billigem Frauenschmuck trieb, der Sohn des Kupferschmiedes, der einst um Maria gefreit hatte, ein alter Rhetor, der für seine Kenntnisse keine Verwendung mehr fand, und einige andere verarmte Menschen, die ihre Tage in Trauer beschlossen und nur zum Zweck zusammenkamen, um über ihr unseliges Schicksal zu klagen. Sie tranken schlechten Wein, aßen Knoblauch dazu und ließen zwischen den gewohnten Klagen manches bittere Wort über die Herrschaft der Byzantiner fallen und über die grausamen Steuern des neuen Dux, der sich statt des fortgezogenen Eunuchen Narses auf dem Palatin niedergelassen hatte. Florentia bediente die Gäste, schenkte ihnen Wein ein und bekreuzigte sich heimlich, sooft der alte Rhetor im Gespräch die Namen der verdammten Götter erwähnte.

Bei einer solchen Versammlung saß in einer Ecke der Stube Maria, die an diesem Tage früher als sonst von ihren Wanderungen heimgekehrt war. Niemand beachtete sie. Alle waren schon gewohnt, das schweigsame Mädchen, das man schon längst für wahnsinnig hielt, in ihrem Kreise zu sehen. Sie mischte sich niemals in die Gespräche ein, und niemand sprach sie an. Traurig, mit gesenktem Kopf saß sie unbeweglich da und schien nichts von den Worten der angeheiterten Gäste zu hören.

An diesem Tage sprach man besonders viel vom strengen Regiment des neuen Dux. Der Sohn des Kupferschmiedes nahm ihn aber in Schutz.

»Man muß doch bedenken«, sagte er, »daß man heutzutage gar nicht streng genug sein kann. In der Stadt laufen überall Kundschafter herum. Jeden Tag können irgendwelche neue Barbaren einbrechen. Vielleicht winkt uns gar eine neue Belagerung. Und dann diese verdammten Goten! Als sie aus der Stadt fortzogen, versteckten sie an verschiedenen Stellen ihre Schätze. Und nun kommt bald der eine, bald der andere verkleidet nach Rom zurück, um das Versteckte auszugraben und fortzuschleppen. Solche Menschen muß man einfangen und schonungslos aburteilen: ihre Schätze haben sie doch bei uns Römern gestohlen.«

Die Worte des Sohnes des Kupferschmiedes erregten Aufmerksamkeit. Man begann ihn auszufragen. Er erzählte bereitwillig alles, was er von den Schätzen, die die Goten an verschiedenen Stellen von Rom vergraben hatten, wußte, und wie die Goten, die die Niederlage überlebt hatten, ihre Schätze wieder ausgruben und fortschafften. Er berichtete:

»Da hat man neulich wieder so einen gefangen. Er versuchte mit einer Strickleiter auf den Esquilin zu gelangen, wo es im Boden Sprünge gibt. Er wurde ergriffen und vor den Dux gebracht. Der Dux versprach ihm Begnadigung, wenn er angeben würde, wo die Schätze vergraben seien. Der Verdammte wollte aber nichts sagen, und man konnte aus ihm nichts herausbekommen. Man folterte ihn, er hielt aber jeder Folter stand. Schließlich starb er in der Folter.«

Jemand fragte:

»Ist er tot?«

»Gewiß«, antwortete der Sohn des Kupferschmiedes.

Der getrübte Verstand Marias wurde von einer plötzlichen Erkenntnis erleuchtet. Sie richtete sich auf. Ihre großen Augen wurden noch größer. Beide Hände an die Brust gepreßt, fragte sie mit bebender Stimme:

»Und wie hieß er, jener Gote?«

Der Sohn des Kupferschmiedes wußte es genau und gab sofort Antwort:

»Er nannte sich Agapitus und arbeitete hier in der Nähe in der Werkstatt eines Waffenschmiedes.«

Maria stieß einen Schrei aus und fiel zu Boden.

Maria lag viele Wochen lang krank. Gleich am ersten Tage ihrer Krankheit brachte sie eine Frühgeburt von drei Monaten zur Welt: ein elendes Klümpchen Fleisch, von dem man nicht einmal wußte, ob es ein Knabe oder ein Mädchen war. Florentia war bei all ihrer Strenge der Tochter herzlich zugetan. Solange Maria bewußtlos darniederlag, pflegte sie sie und wich nicht von ihrem Lager. Man berief zu der Kranken Zauberer und auch einen Priester. Als Maria endlich zu sich kam, fand Florentia für sie kein Wort des Vorwurfs: sie weinte nur untröstlich an der Brust der Tochter. Das mütterliche Herz hatte wohl alles erraten. Und später, als Maria sich ein wenig erholte, erzählte ihr die Mutter ohne Vorwürfe alles, was mit ihr geschehen war.

Maria aber hörte den Bericht der Mutter mit seltsamem Mißtrauen an. Wie konnte auch Rea Silvia, die nach dem Willen der Götter die Zwillinge Romulus und Remus gebären sollte, daran glauben? Hatte sich der Verstand des armen Mädchens nun gänzlich verdunkelt, oder vertraute sie ihrem Wahn mehr als der Wirklichkeit – jedenfalls beantwortete sie die Worte der Mutter nur mit einem schwachen Kopfschütteln. Sie glaubte, daß die Mutter sie betrüge, daß sie während ihrer Krankheit die göttlichen Zwillinge geboren, daß man sie ihr genommen und in einem Korbe in den Tiber geworfen habe. Maria wußte aber, daß eine Wölfin sie finden und großziehen würde, weil sie ein neues Rom begründen müßten.

Solange Maria noch so schwach war, daß sie den Kopf nicht heben konnte, wunderte sich niemand, daß sie keine Frage beantwortete, daß sie tagelang schwieg, weder zu essen noch zu trinken verlangte und nur hie und da ein Wort hinwarf. Aber auch, als sie sich soweit erholt hatte, daß sie langsam durch das Haus gehen konnte, schwieg Maria noch immer, wie von einem einzigen geheimen Gedanken gefangengenommen. Selbst mit dem Vater wollte sie nicht mehr sprechen und freute sich nicht mehr, wenn er die Verse alter Dichter rezitierte.

Eines Morgens, als der Vater in Geschäften aus dem Hause gegangen und die Mutter auf dem Markt war, verschwand Maria unerwartet aus dem Hause. Niemand hatte gesehen, wie sie fortgegangen war. Und niemand sah sie lebend wieder. Nach einigen Tagen spülten aber die trüben Wellen des Tibers den leblosen Körper Marias auf den Ufersand.

Armes Mädchen! Arme Vestalin, die ihr Gelübde verletzte! Man möchte glauben, du wärest, als du dich in den kalten Schoß des Wassers stürztest, überzeugt gewesen, daß deine Kinder, die Zwillinge Romulus und Remus, im gleichen Augenblick die warme Milch der Wölfin einsogen, um später einmal den ersten Grund zu der künftigen Ewigen Stadt zu legen. Wenn du im Augenblick des Sterbens daran nicht zweifeltest, warst du vielleicht glücklicher als alle in diesem unglücklichen, halb zerstörten Rom, gegen das von den Alpen her schon die Horden der wilden Langobarden zogen.

Robert Musil – Skizzen zu einer Autobiographie

Die 40 Hefte  (Aus dem Tagebuch-Heft 33: 1937–1941)

Robert Musil
Robert Musil

Haltung: die eines Mannes, der auch mit sich nicht einverstanden ist.

Ein Grundfehler: Fremde Schmerzen, Bemühungen, Leistungen vermag ich selten anzuerkennen, nehme sie als selbstverständlich hin: darum lehne ich als Kritiker auch so leicht ab und sehe nur auf das Defizit statt auf die Addition. Ein Junge, der immer voll Anerkennung für die Güte oder das Können anderer war, könnte einen anderen, aber guten Typus Kritiker, einen wahren Ordner, ergeben.

Meine Bescheidenheit: Ich bin auf das äußerste vielseitig ungebildet … (Ich bin von sehr vielseitiger Unwissenheit.)

 Als einer der stärksten alten Kriegseindrücke fällt mir nach und nach (und mit einemmal) auf, daß ich plötzlich von lauter Menschen umgeben war, die nie ein Buch lasen; daß man Bücher schreibe, außer fachlichen, sich nicht als etwas Anständiges vorstellen konnten; und es für völlig richtig hielten, daß man die Zeitung, und nichts als die Zeitung, lese. Ich glaube, daß sich höchstens in jedem Bataillon ein Mensch fand, der wußte, was lesen ist. Welche unerwartete und breite Berührung mit dem Durchschnittsleben! (Siehe: die Notiz über den Fachbeirat, der nur Blätter großer Parteien las.)Weiterlesen

Robert Musil – Ein Mensch ohne Charakter

Nadar - Selfie - 1909
Nadar – Selfie – 1909

Man muß heute Charaktere wohl mit der Laterne suchen gehn; und wahrscheinlich macht man sich noch dazu lächerlich, wenn man bei Tag mit einem brennenden Licht umhergeht. Ich will also die Geschichte eines Mannes erzählen, der immer Schwierigkeiten mit seinem Charakter gehabt hat, ja, einfach gesagt, der überhaupt nie einen Charakter hatte; doch bin ich in Sorge, daß ich vielleicht bloß seine Bedeutung nicht rechtzeitig erfaßt habe und ob er nicht am Ende so etwas wie ein Pionier oder Vorläufer ist.Weiterlesen

Robert Musil – Die Amsel

Die Amsel - Illustration: Stefan Otte
Die Amsel – Illustration: Stefan Otte

Die beiden Männer, deren ich erwähnen muß – um drei kleine Geschichten zu erzählen, bei denen es darauf ankommt, wer sie berichtet – waren Jugendfreunde; nennen wir sie Aeins und Azwei. Denn im Grunde ist Jugendfreundschaft um so sonderbarer, je älter man wird. Man ändert sich im Laufe solcher Jahre vom Scheitel bis zur Sohle und von den Härchen der Haut bis ins Herz, aber das Verhältnis zu einander bleibt merkwürdigerweise das gleiche und ändert sich sowenig wie die Beziehungen, die jeder einzelne Mensch zu den verschiedenen Herren pflegt, die er der Reihe nach mit Ich anspricht. Es kommt ja nicht darauf an, ob man so empfindet wie der kleine Knabe mit dickem Kopf und blondem Haar, der einst photographiert worden ist; nein, man kann im Grunde nicht einmal sagen, daß man dieses kleine, alberne, ichige Scheusal gern hat. Und so ist man auch mit seinen besten Freunden weder einverstanden noch zufrieden; ja, viele Freunde mögen sich nicht einmal leiden. In gewissem Sinn sind das sogar die tiefsten und besten Freundschaften und enthalten das unbegreifliche Element ohne alle Beimengungen.Weiterlesen

John Henry Mackay: Der kleine Finger – Kurzgeschichte

„Ich fange wieder an zu sprechen. Ich will hinaus, ich will fort, aber ich vermag es nicht. Ich sehe nur immer auf den daliegenden Menschen. Und plötzlich kommt mich der Gedanke an: der Mann ist tot!“

Der kleine Finger

Illustration: Stefan Otte
Illustration: Stefan Otte

Ich bemerkte, daß die Treppe fremdartig knarrte, so fremdartig, daß es mir auffiel, aber dennoch merkte ich nicht, daß ich Mittwoch abend in der zweiten Septemberwoche des Jahres 187.. aus Versehen eine Treppe höher gestiegen war, als mein neugemietetes Zimmer lag. Auch als ich die Korridortür aufschließen wollte und fand, daß der Schlüssel von innen stak und die Tür unverschlossen war – ein Umstand, der mich hätte zum Nachdenken bringen können –, ließ ich mich nicht abhalten, einzutreten und mich in der wohlbekannten Richtung nach meinem Zimmer hin auf den Fußspitzen, um meine schlafende Wirtin nicht zu stören, zu tasten.

Ich finde die Tür, klinke auf; trete ein – das Zimmer ist stockdunkel –; schließe die Tür von innen nach meiner Gewohnheit und gehe sicher auf meinen Tisch zu, wo ich wußte, daß Streichhölzer lagen. Bis dahin kam ich, ohne daß mir etwas Besonderes aufgefallen war. Als ich aber auf dem Tisch, der mir seltsam weit nach der Mitte des Zimmers zu vorgerückt schien, nach Streichhölzern herumfühlte, erfasse ich etwas Kaltes, Schwammiges, das auf einer weichen Unterlage zu liegen scheint. Noch heute, wenn ich die Augen schließe und die Hand vorstrecke, glaube ich dieses eigentümliche Gefühl, welches damals in der Mittwochmitternachtstunde meine Fingerspitzen durchrieselte, wieder zu spüren.Weiterlesen

Hugo Ball – Die Nase des Michelangelo – Tragikomödie

Personen:
Michelangelo Buonarotti, Bildhauer und Maler.

Pietro Torrigiano, ein anderer Bildhauer.
Benvenuto Cellini, ein junger Edelmann.
Der Papst.
Römer. Pilger.
Schüler des Michelangelo und Gefolge des Papstes.

Ort der Handlung:

Die Werkstätte des Michelangelo zu Rom.

 Michelangelos_Nase


 Erster Auftritt

MICHELANGELO allein.
Was sträubst du dich noch länger? Ists nicht wahr, daß du

Die Zähne schon verlierst? Daß du aus Leder nur
Und Knochen noch bestehst, und drei Pfund schwerer wiegst,
Weil du die Blase voller Steine hast? Fehlts an
Beweisen für dein Greisentum? ’s gab eine Zeit,
Da du noch Bergeshäupter untern Hammer nahmst
Und dich bezähmen mußtest, auf der Straße nicht,
Wenn dir ein mißgestaltet Leib begegnete,
An ihm dein Handwerkszeug zu prüfen. All das ist
Vorbei. Jetzt bist du nichts mehr als ein Wiederkäuer
Des eignen Selbst und der Vergangenheit. Da ist
Er wieder, Torrigiano! »Torrigiano, laß
Mich los! Du würgst mich, Torrigiano,« schreie ich.
Was schreckt mich dieser Name immer wieder auf?
Ein Klümpchen Watte, fest ins Ohr gepfropft, hätt einst
Genügt, derartiges Gespenst zu scheuchen. Jetzt
Hat Freund Cellini Grund, voll steter Eifersucht
Sein Götzenbild Buonarotti zu behüten.
Zermürben wills. – Und doch ist alles Selbstbetrug!
Da humpelst du halblahm auf einem Bein herum
Nach sieben Jahren Pinselstrich im Tempel der
Sixtina. Fiedelbogenkrumm noch vom Gerüst,
Das gestern erst zerfiel, schleppst du den Körper kaum!
Dein Auge hat sich, stets der Kuppel zugewandt,
Den Himmel angewöhnt, wie das des Bettelmönchs.
Was Greisentum! Ist deine Hand nicht Schöpferin
‚Von einem Werke noch, das, wenn dus morgen nur
Enthüllst, dem Papst die volle Würde erst verleiht?
Besinn dich! Lächerlich! Es ist Verdauenszeit!
Da quälst du dich. Ein andrer holt die Flöte her.
Drum aufgepaßt! Denn da er nicht verkommen ist,
So kommt er noch, der Nasenschlächter Torrigiano!Weiterlesen

Arkadij Awertschenko – Wie ich ein Lügner wurde

Pinocchio - Enrico Mazzanti (1852-1910)
Pinocchio – Enrico Mazzanti (1852-1910)

Jeder, der mich von Kindheit kennt, kann bestätigen, daß kein Knabe die Wahrheit mehr liebte als ich. Alles, was sie wollen – pflegte ich zu sagen –, nur nicht lügen!
Ein Scherz, ein Schabernack – das vielleicht! Aber Lügen riefen in mir Gefühle hervor wie die Seekrankheit in einem Passagier, der zum erstenmal eine Schiffsreise unternimmt.

****

Eines Tages fuhr ich in einer Droschke auf dem Liteyniprospekt. Von der Liteynaja kamen wir auf den Newski und wollten von da auf die Wladimirskaja. Plötzlich hört mein Pferd das Signal einer Autohupe. Das Pferd bleibt stehen, ein Auto fährt in die Droschke, die Droschke stürzt, das Pferd fällt, die Deichsel bricht. Ich falle auf das Pflaster, der Kutscher stürzt vom Bock auf das Pferd.
»Kutscher!« rief ich, als ich vom Boden aufstand, »kriechen Sie vom Pferd herunter, Sie sind kein Reiter. Fahren Sie nach Hause.«
Etwa zwanzig Personen liefen auf mich zu. Ich sagte zu dem Polizeioffizier, der unter der Menge war:
»Könnte man nicht eine andere Droschke holen? Ich muß dringend weiterfahren.«
»Haben Sie sich weh getan?«
»Danke, die Hand ist ein wenig verrenkt. Das ist meine eigene Schuld, weil ich so unglücklich gefallen bin.«
»Darf ich um Ihre Visitenkarte bitten.«
»Ich kann nichts dafür. Ich saß in der Equipage und . . .«
»Sie sind nicht schuld. Die Schuld trägt der Kutscher.«
»Dann verlangen Sie seine Visitenkarte. Übrigens ist auch er nicht schuld. Als er sah, daß das Pferd ins Auto lief, schrie er laut auf. Er glaubte, daß das Pferd erschrecken würde. Sie wissen, wenn ein Pferd erschrickt, so nimmt es Reißaus. Mein Pferd kennt diese Regel nicht und blieb stehen. So fuhr das Auto in die Droschke hinein.«
»Erzählen Sie von Anfang an.«
»Bitte. Gestern abend bekomme ich ein Radiotelegramm: Komme dringend zu mir. Dein Täubchen.«
»Das interessiert mich nicht – erzählen Sie, wie Sie gefahren sind.«
»Wir fuhren durch die Liteynaja auf den Newski. Plötzlich tönt von der Seite her eine Autohupe. Das Pferd erschrickt, bleibt stehen. Der Chauffeur kann den Motor nicht abstellen, fährt in die Droschke hinein . . .«
»So. Und jetzt bitte um Angabe Ihres Namens, Ihres Berufes und Ihrer Adresse.«

Als ich diese Formalitäten erledigt hatte, konnte ich nach Hause gehen.

****

Nach diesem Vorfall verbrachte ich ruhig fünfzehn Stunden.
Am anderen Morgen, gegen sieben Uhr, läutete das Telephon.
»Hallo! Bist du es?«
»Ja, ich bin’s. Ah, das bist du, Pelikanow? Was läutest du Sturm in so früher Stunde?«
»Mein Lieber, wie steht es mit deiner Gesundheit? Ich bin so beunruhigt! Diese Autos!«
»Woher weißt du es?«
»Ich hab‘ es in der Zeitung gelesen. Erzähle, wie das passiert ist!«
»Du hast es ja in der Zeitung gelesen.«
»Nein, erzähle selbst. Die Zeitungen schreiben nie die Wahrheit.«

Ich erzählte: »Wir fuhren durch die Liteynaja auf den Newski und wollten auf die Wladimirskaja. Plötzlich ertönt ein Autohupensignal, das Pferd erschrickt, bleibe stehen, das Auto fährt in die Droschke, der Wagen wird umgeschmissen, das Pferd stürzt zu Boden, der Kutscher fällt auf das Pferd, ich fliege zu Boden, verletze ein wenig meinen Arm. Die Schmerzen sind schon vorüber, aber die Deichsel ist hin.«
»Furchtbar! Auf Wiedersehen!«
Ich ging vom Apparat, mußte aber gleich dahin zurückkehren.
»Hallo, sind Sie das?« rief die süße Stimme meines Täubchens.
»Ja, guten Morgen! Wie geht’s?«
»Danke. Sie sind nicht im Bett? Dann ist das Unglück nicht so gefährlich. Ich war besorgt, so beunruhigt! Wie ist das passiert?«
»Es steht in den Zeitungen . . .«
»Erzählen Sie selbst.«

Ich unterdrückte einen Seufzer und sagte:»Wir fuhren durch die Liteynaja auf den Newski, dann auf die Wladimirskaja, plötzlich von der Seite ein Autohupensignal, das Pferd erschrickt, bleibt stehen, das Auto fährt in die Droschke hinein – wir liegen am Boden. Die eine Rippe tut weh, aber die Deichsel ist schon gesund.«
»Sie fiebern, armer Freund! Ich werde heute zu Ihnen kommen. Auf Wiedersehen!«
Auf die dritte telephonische Anfrage antwortete ich kurz:
»Fahrtroute: Liteyni, Newski, Wladimirskaja. Autohupe. Zusammenstoß. Equipage und Pferd fallen um. Ich auf die Seite. Schmerzen. Die Deichsel hin. Jetzt alles in Ordnung. Schluß!«
Nach dem vierten Läuten – lakonische Erklärung des Unfalles:
»Geh zum Teufel!«
Ich legte mich auf den Diwan und begann nachzudenken:
Eigentlich sind die armen Leute gar nicht schuld. Sie wollen mir ihre Teilnahme beweisen. Man muß gerecht sein. Es ist langweilig, ein und dieselbe Geschichte zehnmal zu erzählen, aber jeder hört sie zum erstenmal. Man kann auch nicht jeden, der sich nach meinem Befinden erkundigt, zum Teufel schicken! Ich werde vielleicht hundert illustrierte Broschüren mit einer detaillierten Beschreibung des Falles drucken lassen und sie unter meine Freunde verteilen. Nein, das hat keinen Sinn; bis ich die Broschüre aus dem Druck erhalte, werden alle meine Freunde angerufen haben. Ich werde sie lieber zum Tee einladen und ihnen die Geschichte erzählen. Aber das geht auch nicht! Sie werden nicht auf einmal kommen und ich werde jedem einzeln die Geschichte erzählen müssen . . .

Ich war in einer verzweifelten Lage und wußte nicht ein noch aus . . .

Das Läuten des Telephons zwang mich, den Diwan zu verlassen.
»Hallo! Sind Sie das?«
»Ja! Sie wollen über den Zusammenstoß mit dem Auto nähere Details erfahren? Lesen Sie die Zeitung!«
»Die Blätter verdrehen alles!«
»Ja«, sagte ich plötzlich mit Wut, »Sie haben recht. Die Zeitungen lügen. Hören Sie die Wahrheit: Ich fahre auf der Liteynaja, neben mir sitzt ein alter Freund, der englische Gesandte. Er schaut sich um und sagt: ›Wir werden verfolgt‹. – ›Von wem?‹ – ›Von einer Sekte indischer Würger . . . Als ich Oberst im zehnten indischen Regiment war, habe ich viele dieser Würger hängen lassen, und jetzt . . .‹ Er beendet die Phrase nicht – plötzlich ein wildes Geschrei – aus einem Auto springen fünf Inder, packen die Räder unserer Droschke, der Wagen fällt. Der Oberst reißt von der Brust ein Amulett, zeigt es den Indern, ruft ihnen auf indisch ein paar Worte zu – sie laufen davon.«
»Schrecklich! Die Zeitungen haben es anders beschrieben!«
»Das glaube ich!«

****

»Hallo! Ja, ich! Gewiß. Furchtbarer Fall. Sie wollen es von mir hören? Gut. Wir fahren an der Ecke der Liteynaja, sehen auf dem Trottoir einen Schatten, der steht, brummt . . .«
»Ein Auto auf dem Trottoir!«
»Woher? Das war ein Königstiger!«
»Hören Sie? Was erzählen Sie da? Wie kommt ein Tiger auf den Newski?«
»Er ist aus dem Zirkus durchgegangen! Was ist denn dabei: Kommt alle Tage vor! Mit einem gigantischen Sprung stürzt der Tiger auf die Droschke, wirft den Wagen um – wir schweben in Lebensgefahr. Zu unserem Glück geht ein Schütze vorbei. Er packt sein Gewehr, schießt und trifft den Tiger. Wir waren gerettet . . .«
»Mein Gott, woher kam der Mann?«
»Aus dem Zirkus! Ein Schütze, der dort auftritt und jeden Gegenstand trifft.«
»Aber in den Zeitungen . . .«
»Ach was, in den Zeitungen – die Zeitungen lügen!«

****

»Danke, daß Sie mich persönlich aufsuchen. Zu nett! Ich kann bis jetzt kaum zu mir kommen . . .«
»Erzählen Sie ausführlich! Die Zeitung hat sicher den Fall nicht detailliert gebracht. Ich möchte es von Ihnen hören!«
»Ja, die Zeitungen lügen. Erstens spielte sich der Fall nicht auf dem Newski, sondern in meiner Wohnung ab.«
»Bei Ihnen? In der Wohnung? Eine Droschke mit Pferd – ein Auto?«
»Ja, stellen Sie sich vor!«
»Hören Sie . . .«
»Ich behaupte ja nicht, daß das Auto groß war. Es war ganz klein – ich habe meinem Buben ein Spielauto gekauft.«
»Und das Pferd?«
»War ein Holzpferd. Mein Bub legte auf das Auto verschiedene Sachen, darunter fünf Kilo Pulver, die ich für die Jagd besorgt hatte. Der Bub saust im Zimmer herum, stößt mit dem Pferd zusammen. Das Pulver explodiert – alles fliegt in die Luft – der Knabe, das Auto, das Pferd, die Bonne, die ins Zimmer tritt – alles war in Stücke zerrissen. Man wußte nicht, wo die Bonne aufhörte und der Bub anfing . . .«
»Furchtbar. Wo ist das alles?«
»Man hat es hinausgetragen . . .«

Ich erzählte bis zum späten Abend. So bin ich ein Lügner geworden! Und wer hat mich dazu gemacht? Die Menschen, die mir die Wahrheit nicht glauben wollten . . .

Der Unglücklichste – John Henry Mackay – Aus: Zwischen den Zielen

eleven am_Hopper

Drei Unglückliche trafen zusammen.
Ich suche das Glück und kann es nicht finden! – klagte der erste.
Ich fliehe das Unglück und kann ihm nicht entgehen! – keuchte der zweite.
Das Leben ist das Unglück! – sagte der dritte.
Ich kann nicht mehr! – schrie der erste. Und der zweite wiederholte das Wort.
Ich will nicht mehr! – sagte der dritte.

Der erste war gesund; aber er war arm und entmutigt.
Der zweite war reich; aber er war müde und krank. Der dritte war weder reich, noch gerade arm; weder besonders gesund, noch krank.

Ich bin unglücklich, jeden Morgen erwachen zu müssen, begann der erste wieder.
Und ich bin selten so glücklich, am Abend entschlummern zu dürfen, darauf der zweite.

Der dritte schwieg.

Wenn ich nur reich wäre, wie glücklich wäre ich – sagte der erste zu sich.
Oh, gesund zu sein – welch einziges Glück! – flüsterte unhörbar der zweite.

Der dritte war verschwunden.

Da lächelten die beiden Zurückbleibenden zum letztenmal in ihrem Leben. Aber indem auch sie grußlos voneinandergingen, maßen sie sich mit neidischen Augen: »Wie glücklich der doch ist!«

 

NEU: Modernes Antiquariat – Ein Buch und Ihre Geschichte dazu

Carl Spitzweg - Der Bücherwurm - 1850
Carl Spitzweg – Der Bücherwurm – 1850

Das Moderne Antiquariat. Hier ist Platz für Menschen und Ihre Bücher.
Haben Sie ein Buch, das Ihnen besonders wichtig war oder ist? Haben Sie mit einem oder durch ein Buch Besonderes erlebt? Dürfen wir Sie dazu befragen und dann Ihre Geschichte erzählen sowie das Buch vorstellen? Oder möchten Sie vielleicht beides selbst gestalten?
Alle bisherigen Einträge finden Sie hier unter der Rubrik „Modernes Antiquariat“.

Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldungen. Bitte an: redaktion@derblaueritter.de

Das Mondtal – Meine Geschichte zum Buch von Jack London

Jack_London_Mondtal1976 – wir wohnten damals in einer westfälischen Kleinstadt gewohnt. Im Nirgendwo zwischen Dortmund und Paderborn. Meine Eltern hatte eine Bekannte, die uns hin und wieder besuchte. Ihren Nachnamen werde ich wohl nie vergessen; ein Gesicht dazu habe ich nicht mehr. Sie hieß DelNardo.  An diesem Abend brachte sie zwei Geschenke mit: einen frisch geschossenen Fasan und ein Buch für mich: Das Mondtal von Jack London. Bis dahin kannte ich vornehmlich Bücher von Enid Blyton und vom „Autorenkollektiv“ Die Drei Fragezeichen und natürlich Walt Disney.  Weiterlesen

Kaufmann des Königs – Jacques Coeur und seine Welt

Jacques Coeur - Ölgemälde - undatiert
Jacques Coeur – Ölgemälde – undatiert

Jacques Coeur (ca. 1395—1456) hatte Genua im Jahre 1447 mit Hilfe der ligurischen Familien Fieschi und deren Mitstreiter – darunter Kolumbus‘ Vater Domenico und dessen Bruder Antonio – für René von Anjou eingenommen. Dieser Kaufmannssohn aus Bourges war Hoflieferant des französischen Königs und deshalb an Luxusgütern wie Edelmetallen, Seide, Gewürzen und Heilmitteln aus dem Orient besonders stark interessiert. Er brachte die französisch-genuesische Handelsflotte wieder auf Vordermann und es folgte eine atemberaubende Karriere. Sein Erfolg brach abrupt ab, als ihn der französische König – der unterdessen zu seinem Hauptschuldner geworden war – in Haft nahm. Zwar gelang es Coeur, dem Gefängnis zu entfliehen und auf einer abenteuerlichen Flucht mehreren Mordanschlägen zu entgehen, doch er hatte seinen Zenit bereits überschritten. Immer noch auf der Flucht, begab er sich nach dem Fall Konstantinopels 1453 mit dem Segen des Papstes Calixtus III. mit 16 Galeeren auf einen Kreuzzug in die Levante. Im Jahre 1456 starb Jacques Coeur auf der genuesischen Kolonie Chios. Je nach Geburtsdatum ist eine Teilnahme Kolumbus’ an diesem Kreuzzug nicht ganz ausgeschlossen. Sehr wahrscheinlich reiste Kolumbus aber erst in den frühen siebziger Jahren nach Chios, als sich der französische König Louis XI. vornahm, den Gewürzhandel in der Levante mit Hilfe einer grossen franco-genuesischen „Compagnie“ unter seine Kontrolle zu bringen.

Bourges - Front des Palais von Jacques Cœur
Bourges – Front des Palais von Jacques Cœur

Zwei recht unterschiedliche Biografien:

Hendrik de Man – Jaqques Coeur, der königliche Kaufmann A. Francke AG Verlag Bern

Michel Mollat – Der königliche Kaufmann, Jacques Coeur oder der Gesit des Unternehmertums, Verlag C.H. Beck, München

Beitragsbild: musée-de-Berry-Bourges