Autor: Felix Pirner

Geboren 1960 in Paderborn, studierter Historiker (Bonn) arbeitet Felix Pirner seit vielen Jahren im Hamburger Staatsarchiv. Er schreibt zukünftig über die Entwicklung von Schrift und Sprache und andere historische Themen, die im gerade "unter den Nägeln brennen".

Vom Lesen | Was uns selbstverständlich erscheint

Lesen und schreiben können — das ist für uns etwas so Selbstverständliches, dass wir kaum noch darüber nachdenken. Wir haben ja längst vergessen, dass wir alle auch einmal Lernende waren, mit unserem ersten Lesebuch, mit der „Fibel“, die freilich mehr Bilder als Buchstaben enthielt. Die ersten Bücher unserer Kindheit — lange noch vor der Schulzeit — waren Bilderbücher, herrlich bunt und aus guten Gründen möglichst unzerreißbar, und mit diesen Bilderbüchern ist jeder von uns den jahrtausendealten Menschheitsweg noch einmal gegangen: vom Bild zum Schriftzeichen oder Buchstaben, vom Buchstaben zum Wort, vom Wort zum Satz, zur Buchseite, zum Buch. Wunderbar, all die Bücher, aus denen man uns bisher nur vorgelesen hatte, nun selber lesen zu können — den Struwwelpeter und Max und Moritz, die Sagen und Legenden, und natürlich vor allem die Märchen, die immer so verheißungsvoll anfingen: Es war einmal…

Ja, und nun können wir also lesen und schreiben — und wir sollten froh und dankbar sein, dass wir die Möglichkeit hatten, es zu lernen! In der indischen Hauptstadt New Delhi zum Beispiel — ebenso wie in Damaskus, Istanbul, Teheran und anderen Städten des Orients — sitzen noch heute auf dem Markte die „Schriftgelehrten“, dicht umlagert von den „Analphabeten“, den des Lesens und Schreibens Unkundigen, die sich hier gegen klingende Münze ihre Briefe vorlesen und auch beantworten lassen. Und als vor wenigen Jahren in Ägypten die ersten allgemeinen politischen Wahlen stattfanden, da waren die Stimmzettel mit verschiedenen Bildsymbolen bedruckt, deren Bedeutung von Mund zu Mund verbreitet wurde; denn mit einem Stimmzettel, der nur Schrift aufwies, hätte die ägyptische Landbevölkerung wenig anfangen können. Nicht viel anders ist es im Süden Italiens, auf Sizilien etwa, wo bei der Volkszählung immernoch ein Drittel aller Erwachsenen sich als „Analphabeten“ bekennt. Kein Wunder also, dass man in den Wohnstätten der Sizilianer mehr Rundfunk- und Fernsehgeräte findet als Bücher und dass eine Unterschrift oft nur aus drei mühevoll hingemalten Kreuzchen besteht . . . Und aus den USA, deren Bevölkerung noch 3 % Analphabeten aufweist, berichtete der große deutsche Physiker Albert Einstein ein hübsches Erlebnis: Auf einer Eisenbahnfahrt bemerkte er mit Schrecken, dass er seine Brille zu Hause vergessen hatte, und bat deshalb den farbigen Zugschaffner, ihm eine Stelle aus dem Fahrplan vorzulesen. Der antwortete sehr höflich: „Tut mir schrecklich leid, mein Herr — aber ich kann a u c h nicht lesen . . .“

In Deutschland ist das Analphabetentum schon seit Ende des 19. Jahrhunderts fast vollständig ausgemerzt. Das erste deutsche „ABCBuch“ erschien 1544, also kaum ein Jahrhundert nach Erfindung der Buchdruckerkunst, und hundert Jahre später, nach den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, gab der Nürnberger Drucker und Verleger Comenius „zum Gebrauch der kleinsten studierenden Jugend“ ein reich illustriertes Jugendlehrbuch heraus: „Die Welt in Bildern“, dessen Titelblatt einen „aufgeweckten“ Hahn zeigte, mit dem Leitspruch : Studiere fleißig spät und früh — sei munter wie der Kikeriki… Im Wandel der Jahrhunderte haben freilich auch die Lehrmethoden des Leseunterrichts mancherlei bedeutsame Entwidmungen erfahren. Während man früher das sogenannte „synthetische“, das vom Einzelbuchstaben her aufbauende Verfahren anwandte, hat sich inzwischen das „analytische“, das ganze Wort auflösende Lehrverfahren durchgesetzt. Diese „Ganzheitsmethode“ geht nicht vom Einzelbuchstaben, sondern vom Wortganzen aus, ja eigentlich vom gesamten kindlichen Lebenskreis; sie entspricht dem — unbewussten — System, mit dem jede junge Mutter ihr Kind sprechen lehrt.

Mit dem Erkennen von Buchstaben und Wortbildern ist es allerdings noch längst nicht getan. „Die guten Leutchen wissen ja nicht, was es einen für Zeit und Mühe kostet, lesen zu lernen. Ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht und kann noch jetzt nicht sagen, dass ich am Ziel wäre.. .“, bekannte Goethe auf dem Gipfel seines Ruhms, und wollte damit sagen, dass „Lesen“ eben eine Kunst ist. Zur Beherrschung dieser Kunst hilft uns Goethes Wort, dass ein Blick ins Buch und zwei Blicke ins Leben erst die rechte Mischung ergeben.

unterwegs | Von schwedischen Felsbildern nordischer Urzeit

In Schweden gibt es eine ganze Reihe von Felsbildern der nordischen Urzeit. Den klassischen Fundorten sind viele Publikationen und Reproduktionen gewidmet. Daher es von besonderem Reiz, weniger bekannten Darstellungen nachzuspüren.

Spuren im Stein | Von Felsbildern aus nordischer Urzeit

Dalsland – am Westufer des gewaltigen Vänern gelegen – wird mit seinen weiten Wäldern und vielen Seen von Kennern immer wieder als eine der schönsten Provinzen Schwedens gepriesen. Es gibt hier viel Einsamkeit. Für den Freund vorgeschichtlicher Felsbilder hält dieses Land einige besondere Überraschungen bereit.

Varviks Kirche | Dalsland
Vårviks Kirche | Dalsland

Abseits der großen Straßen gelegene Fundstätten sind gewöhnlich schwer zu finden. Die Felsen mit den Ritzungen, die wir hier suchten, sollten bei einem Anwesen namens Högsbyn am See Ravarp liegen. Natürlich war daheim beides nicht auf unseren Kaiten zu finden. Als Navigationshinweis diente uns lediglich die Angabe: „Halten Sie auf die beiden Scheunen zu, die zwischen den einsamen Birken am Ufer stehen. Dort ist es.“ Die beiden Scheunen waren, als wir den am See gelegenen Hof gefunden hatten, da – neben vielen anderen. Die Birken fehlten auch nicht – sie waren überall. Trotzdem fanden wir die Stelle. Und das Suchen hatte sich gelohnt.

Die Darstellungen liegen verteilt auf einer Reihe von Felsflächen, die aus dem Erdboden herausragen. Keine von ihnen ist jedoch so groß wie manche in der klassischen Felsbilderprovinz Bohuslän. Es bot sich den vorzeitlichen Steinbildhauern deshalb auch kein Raum für monumentale Darstellungen an. Ein erster Durchgang zeigte uns, dass es sich grundsätzlich auch hier um die üblichen Motive aus der Bronzezeit handelt: Schiffe und Radkreuze (darunter eins mit Doppelkreis), Schalengruben, nackte und beschuhte Fußsohlen, verschiedene menschliche und tierische Figuren und schließlich einige beachtenswerte abstrakte Zeichen. Das Ganze hat trotzdem seinen eigenen Stil. Vieles erscheint nicht ganz so meisterhaft und gekonnt wie bei einigen der bekannteren Fundorte.
Eigenartig ist jedoch eine anderswo nicht zu beobachtende Häufigkeit von Wellenlinien. Sie kehren immer wieder. Bei einer Platte legen sie sich fast zwischen alle anderen Motive. Manchmal werden sie sogar zu regelrechten Labyrinthen. Weshalb ihre Betonung? Was haben sie zu bedeuten?

Man hat sich immer wieder um die Klärung des Sinns der einzelnen Zeichen dieser Felskunst bemüht. So könnte das Radkreuz ein Symbol für die hier im Norden immer ganz besonders begehrte und daher auch verehrte Sonne gewesen sein; die Fußabdrücke deutet man als Zeichen von Gottheiten; die Schiffe werden zuweilen als Kultfahrzeuge angesprochen, die Glück und Segen bringen sollten; in den Schalengruben glaubt man, kleine Opferschälchen vor sich zu haben. Es gibt hier die verschiedensten Vermutungen, aber keine Gewissheit.

Welche Bedeutung könnte man hinter den Wellenlinien vermuten? Sollten sie Schlangen darstellen, die man neben den – bei männlichen Figuren häufig übergroß dargestellten – Phalli als Fruchtbarkeitssymbole kennt? Doch Köpfe, wie an anderen Fundstätten, tragen diese „Schlangen“ nicht. Sollte die Vermutung zutreffen, daß die Wellenlinien Symbole für das Wasser seien, für das kostbare Himmelsnass, auf das der bronzezeitliche Bauer für das Gedeihen seiner Ernte ebenso angewiesen war wie auf das Licht und die Wärme der Sonne?

Vielleicht könnte es bei der Enträtselung der Felsbildprobleme im skandinavischen Gebiet einen Schritt weiterhelfen, wenn man die Stellung der verschiedenen Motive zueinander einmal erfassen und durch einen Computer auswerten ließe. So hat der Prähistoriker André Leroi-Gourhan auf Grund von Computer-Untersuchungen nachgewiesen, dass die steinzeitlichen Bilderhöhlen im frankokantabrischen Gebiet keineswegs nach und nach durch Einzeldarstellungen ein zufälliges Gesicht erhielten, sondern daß sie planmäßig angelegte Sanktuarien waren.

Auch die schwedische Felsbildforschung hat sich seit ihrem Beginn immer wieder mit der Frage befasst, ob die Bilder auf den einzelnen Felsflächen sukzessive von Fall zu Fall eingeschlagen oder eingeschliffen wurden oder ob ihnen eine bewusste Komposition zugrunde lag und sie somit als geschlossenes Ganzes verstanden werden müssen. Einmütigkeit in der Auslegung besteht darin, dass die mit Bildern versehenen Felsplatten „heilige Flächen“ waren, die dem Anruf der Gottheiten und der überirdischen Mächte dienten; in Stein geritzte Gebete um Fruchtbarkeit für die Felder und für das Gedeihen des Viehs!

Fotos | Anton Hirschner
Fotos | Felix & Marga Pirner

Etwa 40 Kilometer südöstlich vom Ravarp-See – dort, wo der Dalbergsa in den Vänern mündet – befinden sich weitere Felsbilder; wenige nur, aber um so bedeutsamere. Es sind Darstellungen von Hirschen und Elchen, die nicht zur bronzezeitlichen Bauernkultur gehören, sondern zu „en jägar-kultur“, so dass sie also vermutlich noch der Steinzeit zuzuordnen sind. Die sogenannte „Waidmannskunst“ findet man hauptsächlich im Norden, vor allem an der norwegischen Küste. Man hat sie deshalb gelegentlich auch als „arktische Kunst” bezeichnet. Es überrascht, sie so weit südlich anzutreffen, zumal man mit ihr immer die Vorstellung von offenem Meer verbindet. Als wir über enge, raue Straßen den Hof Kvantenburg erreicht und auf einem verwachsenen Pfad ein Waldstück durchquert hatten, schauten wir von der Höhe einer schräg abfallenden Felsküste tatsächlich aufs „Meer“ hinaus – auf den gewaltigen Vänersee nämlich, der zehnmal so groß wie der Bodensee ist. Die Ritzungen hier liegen auch nicht_auf steinernen Flächen zwischen Feldern und Ackern, sondern – wie meist auch in ördlichen Gegenden – auf nacktem Felsabsturz, mehrere Meter über dem Wasserspiegel.

Von Land aus sind die Darstellungen gar nicht zu sehen. Und da die Felsen unmittelbar ins Wasser abfallen, gibt es auch keinen Strand, zu dem man hinabsteigen könnte, um von dort nach oben zu blicken. So blieb denn nichts weiter übrig, als die steile, zerklüftete Wand entlang zu klettern, jeweils in der Höhe, in der sich Griffe und Tritte für Hand und Fuß boten. Dabei fand sich zunächst ein bronzezeitliches Schiffsbild, das einst vielleicht der Seefahrt und dem Fischfang Glück und Segen bringen sollte.

Schließlich aber stießen wir doch auf die beiden Bilder von Hirschen oder Elchen. Sie messen jeweils 50 Zentimeter in der Länge. Sogleich erinnern sie an bestimmte Tierdarstellungen aus der norwegischen Bucht Vingen. Man zählt sie zu jener Gruppe, bei der die Tiere nicht mehr groß und möglichst naturgetreu wiedergegeben werden, wie vor allem im höheren Norden, sondern nur „klein, stark schematisiert” und „steif in der Linienführung“, wie Johannes Böe in seiner Monographie „Felszeichnungen im westlichen Norwegen“ es ausdrückt. Böe geht in seiner Arbeit übrigens auch auf stilkrítische Untersuchungen ein, nach denen die südlicheren und vermutlich jüngeren Bilder gewissermaßen „degeneriert“ sein könnten; oder aber es seien „weniger tüchtige“ Felsritzer am Werk gewesen.

Die norwegische Fundstätte Vingen, in der Nähe des Nordfjords, ist insofern aufschlussreich, als dort noch in historischer Zeit während des Herbstes Wildrudel von der Hochebene auf jene mit Zeichnungen versehenen Felswände zugetrieben wurden, damit sie schließlich an den Steilhängen abstürzen mussten: „Und auf der See darunter lagen wohl Leute in Booten und warteten, um sich die Beute zu sichern.“
Es lässt sich durchaus vermuten, dass schon der Steinzeitjäger diese Jagdmethode anwandte. Und so neigt denn Böe der Auffassung zu, dass diese Wilddarstellungen als „Nutzkunst“ zu betrachten seien, „als mitwirkendes Mittel, um das Wild heranzuziehen und die Richtung des Laufs nach der richtigen Stelle hinzulenken, wo die Tötung stattfinden konnte“. Der norwegische Vorgeschichtler A. W. Brögger spricht von in Stein geritzten Beschwörungen an die überirdischen Mächte:

„Schaffe uns reiche Herbstwanderung von Wild, das nach dem Meere zieht, so dass wir es hinunterstürzen können und Nahrung und Kleidung für unseren langen Winter gewinnen.“

Auch die beiden Wildbilder, hoch über dem Vänern, liegen an einem schrägen, glatten Absturz.
Auch hier wäre einem gehetzten Wild der Tod sicher gewesen. Vielleicht nützten Steinzeitmenschen also auch diese Felsen, um die zum Leben so notwendige Beute zu machen.

Kultur | Kakuzo Okakura über die Ürsprünge der Samurai

Mit der Errichtung des Shôgunats oder militärischen Vizekönigtums im Jahre 1186 durch Yoritomo aus der Minamoto-Familie von Kamakura beginnt eine neue Entwicklungsstufe der japanischen Geschichte, deren Hauptmerkmale sich bis zur Meiji-Restauration unserer Tage erhalten haben.

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Felice Beato | Porträt des Samurai-Clans Envoys | 1863

Die Kamakura-Epoche [1200-1400 n. Chr.] ist als Übergangszeit von der Fujiwara-Periode zur Tokugawa-Epoche von Bedeutung. Sie zeichnet sich durch die höchste Steigerung des Begriffs der Feudalrechte und des berechtigten Individualitätsbewußtseins aus und gewinnt, wie alle Zwischenperioden, dadurch noch an Interesse, daß in ihr, gleichsam aufgelöst, bereits alle Entwickelungsfaktoren enthalten sind, die in ihrer vollen Entfaltung erst zu einer späteren Zeit in Erscheinung treten sollten. Wir sehen das Individualitätsbewußtsein inmitten der faulenden Trümmer einer Aristokratenwirtschaft nach Ausdruck ringen und ein Zeitalter der Heldenverehrung und heroischen Romantik einleiten, das mit dem Geiste des Individualismus zur Ritterzeit in Europa eng verwandt ist; nur daß die Verehrung der Frau durch orientalische Schicklichkeitsbegriffe eingeschränkt wird und die in der milden Freiheit der Jôdo-Sekte wurzelnde Religion des strengen Asketentums entbehrt, kraft dessen das alles beschattende Papsttum das abendländische Gewissen in eiserne Fesseln schlug. Die Aufteilung von Grund und Boden in Lehnsherrschaften, an deren Spitze das edle und mächtige Geschlecht der Minamoto von Kamakura stand, hatte zur Folge, daß der ganze Provinzadel sich um die alteingesessenen Herren und Ritter als um die Blumen und Vorbilder der Tapferkeit zusammenschloß. Das Vordringen über den Hakone-Paß der sogenannten östlichen Barbaren mit ihrer schlichten Tapferkeit und geradsinnigen Denkweise brachte überdies die weibische Überkultur, die Hinterlassenschaft des übermäßig gesteigerten Formalismus der Fujiwara, zu Fall. Jeder, auch der kleinste Ritter, suchte sich nicht nur im Gebrauch der Waffen, sondern vor allem auch in der Übung der Selbstzucht, Höflichkeit und Hilfsbereitschaft auszuzeichnen, und diese Disziplin galt als Wahrzeichen der echten Tapferkeit höher als die reine Körperkraft.

Felice Beato | Samurai | 1867
Felice Beato | Samurai | 1867

»Wissen um das Weh aller Dinge«, so lautete der Wahlspruch der Zeit, die das erhabene Ideal der Samurai gebar, deren Lebenszweck es war, für andere zu leiden. In Wahrheit ist allein schon in der Etikette des Ritterstandes zur Kamakura-Zeit eine offenkundige Verwandtschaft mit den Ideen der buddhistischen Mönche zu erkennen, ebenso wie das Leben jeder indischen Frau dem Leben der Nonnen gleicht. Viele der Samurai oder Offiziere, die sich mit ihren Anhängern um ihre Lehnsherren oder Daimyôs scharten, trugen über ihrer Rüstung ein Priestergewand, und einige gingen sogar so weit, sich den Kopf scheren zu lassen. Im Kriegshandwerk selbst lag nichts, was den Gesetzen der Religion widersprach, und der Adlige, der der Welt entsagte, wurde einer der streitbaren Mönche des neuen Ordens. Die indische Idee des Guru oder Gebers geistigen Lebens wurde hier auf den Kriegsherrn der Samurai, wer er auch sein mochte, übertragen, und die leidenschaftliche Treue zum »Bannerherrn« war das oberste Gesetz des Kriegers. Männer gaben ihr Leben hin, um den Tod ihres Führers zu rächen, so wie in anderen Ländern die Frauen für ihre Gatten oder die Gläubigen für ihren Gott starben. Wohl möglich, daß dieses mönchische Feuer das japanische Rittertum seines romantischen Elementes beraubte. Es möchte scheinen, als sei die Idealisierung der Frau bereits in den ältesten Zeiten ein wesentlicher Bestandteil des japanischen Lebens gewesen. Stammen wir nicht alle von der Sonnengöttin ab? Jetzt erst, nach der Fujiwara-Zeit, die ganz im religiösen Gefühl aufging, nimmt die Liebe des Mannes zur Frau echt orientalische Formen an; sie wird zur Andacht, die um so tiefer ist, als der Altar, vor dem sie verrichtet wird, im Verborgenen steht, zur Quelle der Begeisterung, die um so stärker rauscht, als sie geheim ist. Eine fast religiöse Scheu siegelt die Lippen der Kamakura-Dichter, aber es wäre falsch, daraus schließen zu wollen, daß die japanische Frau keine Verehrung genoß. Die Zurückgezogenheit des östlichen Zenanalebens ist nichts weiter als ein verschleiertes Heiligtum der Frau. Vielleicht haben auch die Troubadoure zur Zeit der Kreuzzüge die Kraft erkannt, die im Geheimnisvollen und Verborgenen ruht, denn bekanntlich war es eine geheiligte Tradition, den Namen der »gentil donna« in Dunkelheit zu hüllen. Dante zum mindesten gleicht als Dichter der Liebe vollkommen einem Orientalen, der von Beatrice, der Orientalin, singt.

Felice Beato | Samurai Yokohama | 1864-1865
Felice Beato | Samurai Yokohama | 1864-1865

So hüllte sich die Zeit bei Dingen der Liebe in Schweigen, daneben aber war sie erfüllt von epischem Heldentum, aus dessen Mitte die gewaltige und romantische Gestalt Yoshitsunes aus dem Hause Minamoto emporragt. Sein Leben ruft die Erinnerung an den Sagenkreis der Tafelrunde wach und ist, gleich dem des Ritters von Pendragon, im Nebel der Dichtung versunken, so daß es der Phantasie späterer Zeiten glaubwürdige Gründe bot, ihn mit dem mongolischen Dschingis Khan zu identifizieren, dessen wunderbare Laufbahn etwa fünfzehn Jahre nach Yoshitsunes Verschwinden in Yezo beginnt. Sein Name wurde auch Dschengi Khei ausgesprochen, und die Namen einiger Generale des großen mongolischen Eroberers haben gleichfalls Ähnlichkeit mit denen der Ritter Yoshitsunes. Daneben sehen wir Tokiyori, den Reichsverweser der Shôgune, wie Harun-al-Raschid als verkleideten Mönch das Land durchwandern, um sich über die Zustände im Reiche selbst zu erkundigen. Alle diese Begebenheiten dienten Abenteurerromanen als Anregung, die sich um irgendeinen Helden als Mittelpunkt aufbauen und im Gegensatz zu der Weibischkeit der Fujiwara-Schriften von rauher und herber Einfalt sind.
felice-beato-samurai-1868Der Buddhismus war genötigt, einfachere Formen anzunehmen, um den Anforderungen der Zeit zu genügen. Das Jôdo-Ideal sucht nunmehr das Gemüt des Volkes durch ungeschlachte Bilder der Vergeltung aufzurütteln. Darstellungen des Fegefeuers und der Höllenqualen tauchen auf, um die unter der neuen Herrschaft emporgekommenen Massen im Zaum zu halten. Gleichzeitig nehmen sich die Samurai die Lehren der in China unter der Sung-Dynastie zu hoher Blüte gediehenen Zen(Ch’an)-Sekte, die das Heil durch Selbstzucht und Willenskraft zu erringen sucht, zum Vorbild. So kommt es, daß die Kunst dieses Zeitalters sowohl der idealistischen Vollkommenheit der Nara-Periode wie der vollendeten Feinheit der Fujiwara-Zeit entbehrt; sie zeichnet sich jedoch durch die Rückkehr zur Linie und durch Lebendigkeit und Kraft der Formengebung aus.
felice-beato-tattooed-man-1865-1867Die für die Schöpferkraft eines heroischen Zeitalters so bezeichnenden Porträtstatuen nehmen in der Plastik jetzt den größten Raum ein. Erwähnt seien hier die Statuen der Mönche der Kegon-Sekte im Kôfuku-ji zu Nara. Selbst die Buddhas und Devas gewinnen individuelle Züge, so zum Beispiel die großen Ni-ô vom Nandaimon in Nara. Der große Bronzebuddha von Kamakura ist nicht frei von menschlicher Rührung, die bei den mehr abstrakt gestalteten Bronzen von Nara und Fujiwara fehlt.
Die Maler geben sich ebenfalls mit Porträtieren, daneben aber noch vielfach mit der Illustration von Heldensagen ab, zumeist in der Form der Makimono oder Rollen, auf denen die Bilder zwischen den geschriebenen Text verstreut sind. Nichts schien den damaligen Künstlern als zu hoch oder zu niedrig, um als Vorwurf genommen zu werden, und auch der formalistische Kanon adeliger Geburt wurde in der Begeisterung des neu erwachten Individualitätsbewußtseins vergessen. Die größte Freude hatten die Künstler indes an der Darstellung der Bewegung. Das treffendste Beispiel hierfür sind die wunderbaren Straßenbilder des Makimono aus dem Besitz des Prinzen Tokugawa von Bandainagon und die drei Schlachtenszenen der Heiji-Erzählungen, die in den Sammlungen des Mikado, des Barons Iwasaki und des Bostoner Museums aufbewahrt sind, und die fälschlicherweise Keion zugeschrieben werden, einem Künstler, dessen Existenz nicht einmal erwiesen ist.
felice-beato-japanese-warrior-in-armour-1865-1867Die prunkvolle Serie von Abbildungen der Höllenqualen in den Makimonos »Jigoku-sôshi« und »Kitano-tenjin-engi«, bei denen sich der kriegerische Geist des Zeitalters an dem furchtbaren Schauspiel der Vernichtung und des Grauens ergötzte, rufen ganz unmittelbar Bilder aus Dantes Inferno wach.

Okakura Kakuzō (jap. 岡倉 覚三, alias 岡倉 天心 Okakura Tenshin; * 14. Februar 1862 in Yokohama; † 2. September 1913) war ein japanischer Kunstwissenschaftler und -förderer.
Okakura war ein in der Öffentlichkeit stehender Stadtbewohner, der bereits in der Meiji-Zeit ein internationales Selbstverständnis besaß. Seine Hauptwerke verfasste er in Englisch. Okakura erforschte die traditionellen Künste Japans, bereiste Europa, die Vereinigten Staaten, China und Indien. Im Angesicht eines massiven Ansturms westlicher Kultur präsentierte er der Welt ein Bild von Japan als ein Mitglied „des Ostens“.
Sein Buch, The Ideals of the East (dt. Die Ideale des Ostens) aus dem Jahr 1904, das er kurz vor Ausbruch des Russisch-Japanischen Krieges veröffentlichte, ist berühmt für seine Eingangsworte Asia is One („Asien ist Eins / eine Einheit“). Er fährt fort, selbst der Himalaya könne das Zusammenspiel von chinesischer und indischer Kultur nicht trennen. Dies war ein früher Ausdruck von Pan-Asiatismus und stand im Gegensatz zu der in Japan verfochtenen Meinung „Raus aus (dem zurück gebliebenen) Asien“ (脱亜).
In Japan wird Okakura – in Gemeinschaft mit Fenollosa – das Verdienst zugeschrieben, die Nihonga, die Malerei mit traditionellen japanischen Techniken, fortgeführt zu haben, da sich diese Kunstrichtung durch Yōga, die Kunst westlichen Stils, bedroht sah, deren wichtigster Förderer Kuroda Seiki war. Darüber hinaus wirkte er, da er die Notwendigkeit der Erhaltung des japanischen Kulturerbes begriffen hatte, bei der Modernisierung der japanischen Ästhetik mit und wurde auf diese Weise zu einem der wichtigsten Reformer der Meiji-Zeit.
Außerhalb Japans hatte Okakura direkt oder indirekt erheblichen Einfluss auf wichtige Persönlichkeiten wie den Philosophen Martin Heidegger, den Dichter Ezra Pound und besonders den Dichter Tagore und Frau Gardener, mit denen ihn eine enge Freundschaft verband. | Quelle: wikipedia

Die Fotos stammen von Felice (Felix) Beato.

Felice Beato (* 1832 in Venedig; † 29. Januar 1909 in Florenz) war einer der ersten Fotografen, der militärische Auseinandersetzungen und das Leben in Ostasien dokumentierte. Bekannt ist er für seine Porträts sowie seine Landschafts- und Architekturaufnahmen in Asien und im Mittelmeerraum. Wegen seines umfangreichen Œuvres zählt man ihn heute zu den frühen Fotojournalisten.

TextQUELLE
Kakuzo Okakura | Die Ideale des Ostens
Insel-Verlag | 1922
Übersetzer | Marguerite Steindorff

Philosophie | Plato und die Musen

Sokrates und Plato. Frontispiz von «Prognostika Sokratis basilei». Ein englisches Wahrsagebuch aus dem 13.Jahrhundert. Wahrscheinlich das Werk von Matthew Paris. Bodleian Library, Oxford. MS. Ashmole 304, fol. 31 v.

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Plato hat nicht nur eine der schönsten Verherrlichungen der Musen geschrieben, sondern ihnen auch eine der grundsätzlichsten Absagen erteilt. Was der junge Plato liebens- und lobenswert fand, verbannte der alte Plato aus seinem «Staat». Der Dichter-Philosoph lebte einen Konflikt, der eine abendländische Konstituante darstellt: der Kampf zwischen Minerva und den Musen, zwischen der Philosophie und der Dichtung, zwischen dem Begriff und dem Bild um den ersten Platz. Ein Kampf, der auch in unserer Zeit auf beiden Seiten seine Opfer forderte.

unterwegs | Die Tempelanlage von Karnak | Ägypten

Der Riesentempel von Karnak

Der gewaltigste Tempelbau, mit dessen Abmessungen sich kein zweites Heiligtum vergleichen kann, ist der Tempel des Ammon zu Karnak, der am rechten Ufer des Nils den Ruinen des alten Theben gerade gegenüber liegt. Die ganze Tempelanlage bedeckt fast ein Quadratkilometer. Lange Alleen, die von riesigen Widdersphinxen eingesäumt sind, führen zum Ammontempel hin.

Seine Halle ist so ungeheuer groß, dass man bequem den ganzen Kölner Dom hineinstellen könnte. Aber seltsam! Trotz dieser Ausdehnung vermag der Raum doch kaum ein paar hundert Menschen zu fassen. Denn dicht gedrängt erheben sich in seinem Innern turmgleiche Säulen, die fast die ganze Halle ausfüllen. Einzelne der Säulen sind 25 Meter hoch und messen 10 Meter im Umfang.

Tempelkomplex Karnak | Sammlung: A. D. White Architectural Photographs, Cornell University Library | Foto: Kofler | 1914
Tempelkomplex Karnak | Sammlung: A. D. White Architectural Photographs, Cornell University Library|Foto: Kofler | 1914

In den Höfen sieht man gewaltige Steinkolosse, die Herrscher über längst versunkene Geschlechter teils in verzerrten Bildungen, teils in lebensfrischen Wiedergaben darstellen. Die Denkmäler sind so fest gefügt, dass es weder dem Ansturm der Zeit, noch den wechselnden Völkern, die daran vorübergezogen sind, den Assyrern, Persern, Griechen, Römern und Sarazenen gelungen ist, sie zu vernichten. Selbst den Erdbeben haben die steinernen Türme Widerstand geleistet. Nur die Nasen und Bärte sind abgeschlagen, sonst aber lächeln diese steinernen Gesichter unverändert über Jahrtausende hinweg noch bis in unsere Zeit hinein.

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Die Karnak-Tempel liegen als größte Tempelanlage von Ägypten in Karnak, einem Dorf etwa 2,5 Kilometer nördlich von Luxor und direkt am östlichen Nilufer. Die ältesten heute noch sichtbaren Baureste des Tempels stammen aus der 12. Dynastie unter Sesostris I. Bis in die römische Kaiserzeit wurde die Tempelanlage immer wieder erweitert und umgebaut.

Die Tempelanlage steht seit 1979 zusammen mit dem Luxor-Tempel und der thebanischen Nekropole auf der Liste Weltkulturerbe der UNESCO.

Foto: Ahmed Bahloul Khier Galal | CC-BY-SA 4.0
Foto: Ahmed Bahloul Khier Galal | CC-BY-SA 4.0

Nach der Erhebung Amun-Res von Theben zum Lokalgott und später zum Reichsgott begannen die Herrscher des frühen Mittleren Reiches mit dem Bau eines Tempels, der über Jahrtausende hinweg zum heutigen Tempelkomplex erweitert wurde, wo die Amun-Priesterschaft den täglichen Tempeldienst ausübte. Auch für die Gattin des Amun, die Göttin Mut, und für ihren gemeinsamen Sohn Chons wurden Tempel errichtet, zusammen bildeten sie die Triade von Theben. Neben diesen drei Göttern wurde auch dem Gott Month, der noch in der 11. Dynastie der Hauptgott von Theben war, ein Tempel geweiht.
In der altägyptischen Glaubenswelt besteht das Prinzip der kosmologischen Ordnung, dieses Prinzip wird als Maat bezeichnet. Da die Maat kein unveränderlicher Zustand ist und von den Menschen aus dem Gleichgewicht geworfen werden kann, ist es wichtig diesen Zustand zu erhalten, um Chaos und Vernichtung von der Welt fernzuhalten. Ein ägyptischer Tempel stellt ein Modell der Welt dar. Eine der obersten Pflichten des Königs war es daher das Gleichgewicht der Maat zu erhalten, dieses geschah im heiligsten Bereich des Tempels. Im Tempel wurden heilige Kulthandlungen (Opferdarbietungen, Gebete und Gesänge) durch den König oder den ihn vertretenden Hohepriester durchgeführt.

Stundenbuch | Tōzan Ryōkai | Sucht nicht den Weg

Sucht nicht den Weg bei den anderen
An einem entfernten Ort –
Der Weg ist unter unseren Füßen.
Jetzt gehe ich allein…
Aber ich kann ihm überall begegnen;
Sicherlich ist er jetzt ich,
Doch jetzt bin ich nicht er.

Was mir daher auch begegnen mag,
Ich kann die wahre Freiheit erlangen.

*

Dieses Gedicht schrieb Tōzan Ryōkai auf einer seinen Reisen, nachdem er eine Brücke überquert und dabei lange ins fließende Wasser geschaut hatte. Es bildet die Grundlage des Hokyo Zanmai, eine Mitschrift der Unterweisungen von ZEN-Meister Taisen Deshimaru-Roshi. Sie basiert auf der authentischen Weitergabe der Lehre Buddhas.

Karl Kraus • Der Reim • Ein Essay über das Dichten

Er ist das Ufer, wo sie landen,
sind zwei Gedanken einverstanden. 

Illustration: Idearriba
Illustration: Idearriba

Die Paarung ist vollzogen.

Zwei werden eins im Verständnis, und die Bindung, welche Gedicht heißt, ist so für alles, was noch folgen kann, zu spüren wie für alles, was vorherging; im Reim ist sie beschlossen. Landen und einverstanden: aus der Wortumgebung strömt es den zwei Gedanken zu, sie ans gemeinsame Ufer treibend. Kräfte sind es, die zu einander wollen, und münden im Reim wie im Kuß. Aber er war ihnen vorbestimmt, aus seiner eigenen Natur zog er sie an und gab ihnen das Vermögen, zu einander zu wollen, zu ihm selbst zu können. Er ist der Einklang, sie zusammenzuschließen, er bringt die Sphären, denen sie zugehören, zur vollkommenen Deckung. So wird er in Wahrheit zu dem, als was ihn der Vers definiert: zum Ziel ihrer spracherotischen Richtung, zu dem Punkt, nach dem die Lustfahrt geht. Sohin gelte als Grundsatz, daß jener Reim der dichterisch stärkste sein wird, der als Klang zugleich der Zwang ist, zwei Empfindungs- oder Vorstellungswelten zur Angleichung zu bringen, sei es, daß sie kraft ihrer Naturen, gleichgestimmt oder antithetisch, zu einander streben, sei es, daß sie nun erst einander so angemessen, angedichtet scheinen, als wären sie es schon zuvor und immer gewesen.

Karl Kraus - Fotoquelle: wikipedia
Karl Kraus – Fotoquelle: wikipedia

Ist diese Möglichkeit einmal gesetzt, so wird der Weg sichtbar, wie es gelingen mag, dem Reim eine Macht der Bindung zu verleihen, die jenseits des bisher allein genehmigten Kriteriums der »Reinheit« waltet, ja vor der solche Ansprüche überhaupt nicht geltend gemacht werden könnten. Denn nicht das Richtmaß der Form, sondern das der Gestalt bestimmt seinen Wert. Den Zwang zum Reim bringt innerhalb der Bindung des Verses nicht jede dichterische Gestaltung, die diese auferlegt, er kann sich aber, wie am Ende einer Shakespeare-Schlegel’schen Tirade gleichsam als das Fazit einer Gedankenrechnung ergeben, worin die Angleichung der dargestellten Sphären ihren gültigen Ausdruck findet. Der ganzen Darstellung förmlich entwunden, dem gegenseitigen Zwang, der zwischen der Materie und dem Schöpfer wirksam ist, lebt er in einer wesentlich anderen Region des Ausdrucks als das äußerliche Spiel, das er etwa in einer dürftigen Calderon-Übersetzung oder gar in einem Grillparzerschen Original vorstellt. Die Notwendigkeit des Reimes muß sich in der Überwindung des Widerstands fühlbar machen, den ihm noch die nächste sprachliche Umgebung entgegensetzt. Der Reim muß geboren sein, er entspringt dem Gedankenschoß; er ist ein Geschöpf, aber er ist kein Instrument, bestimmt, einen Klang hervorzubringen, der dem Hörer etwas Gefühltes oder Gemeintes einprägsam mache. Die gesellschaftliche Auffassung freilich, nach der der Dichter so etwas wie ein Lebenstapezierer ist und der Reim ein akustischer Zierat, hat an ihn keine andere theoretische Forderung als die der »Reinheit«, wiewohl dem praktischen Bedürfnis auch das notdürftigste Geklingel schon genügt. Aber selbst eine Kritik, die über den niedrigen Anspruch des Geschmackes hinausgelangt, ist noch weit genug entfernt von jener wahren Erkenntnis des Reimwesens, für die solches Niveau überhaupt nicht in Betracht kommt. Wenn man den ganzen Tiefstand der Menschheit, über den sie sich mit ihrem technischen Hochflug betrügt, auf ihre dämonische Ahnungslosigkeit vor der eigenen Sprache zurückführen darf, so möchte man sich wohl von einer kulturellen Gesetzgebung einen Fortschritt erhoffen, die den Mut hätte, die Untaten der Wortmißbraucher unter Strafsanktion zu stellen und insbesondere das Spießervergnügen an Reimereien durch die Prügelstrafe für Täter wie für Genießer gleichermaßen gefahrvoll zu machen.

Franz Seraphicus Grillparzer (1791 - 1872) war ein österreichischer Schriftsteller, der vor allem als Dramatiker hervorgetreten ist. Aufgrund der identitätsstiftenden Verwendung seiner Werke, vor allem nach 1945, wird er auch als österreichischer Nationaldichter bezeichnet.
Franz Seraphicus Grillparzer (1791 – 1872) war ein österreichischer Schriftsteller, der vor allem als Dramatiker hervorgetreten ist. Aufgrund der identitätsstiftenden Verwendung seiner Werke, vor allem nach 1945, wird er auch als österreichischer  Nationaldichter bezeichnet.

Entnehmen wir dem Reim »landen – einverstanden« das Reimwort »standen« als solches, wobei wir uns denken mögen, daß es als abgeschlossene Vorstellung den Sinn eines Verses erfülle. In dem Maß der Vollkommenheit, wie hier die äußere Paarung (landen – standen) in Erscheinung tritt, scheint die innere zu mangeln, die das tiefere Einverständnis der beiden Gedanken voraussetzt. Im Bereich der schöpferischen Möglichkeit – jenseits einer rationalen Aussage, die sich mit etwas Geklingel empfehlen läßt – wird kaum ein Punkt auftauchen, wo »landen« und »standen« Gemeinschaft schließen möchten. Doch nicht an der Unterschiedlichkeit der Vorstellungswelten, welche in der äußeren Übereinstimmung umso stärker hervortritt, soll die Minderwertigkeit eines Reimes dargetan sein. Vielmehr sei fühlbar gemacht, wie durch die Verkürzung des zweiten Reimworts, gerade durch eine Präzision, die den reimführenden Konsonanten mit dem Wortbeginn zusammenfallen läßt, das psychische Erlebnis, an dem der Reim Anteil hat, verkümmert wird. Widerstandslos gelangt der Reim zum Ziel der äußeren Deckung, hier, wo jede Reimhälfte isoliert schon bereitsteht, sich der anderen anzuschmiegen. Wie lieblos jedoch vollzieht sich dieser Akt! Denn es ist ein erotisches Erfordernis, daß eine der beiden Hälften sich von ihrer sprachlichen Hülle erst löse oder gelöst werde, um die Paarung zu ermöglichen, hier die zweite, die von der reimwilligen ersten angegangen und genommen wird. Dieser, der auf die Wortenergie angewiesenen, obliegt es, das Hindernis zu überwinden, das ihr jene durch eine Verknüpfung mit ihrer sprachlichen Region entgegenstellt. Man könnte gleicherweise sagen, daß die Liebe keine Kunst ist und die Kunst keine Liebe, wo nichts als ein vorübergehendes Aneinander erzielt wird. Setzen wir den Reim »landen« und »sich fanden«, so wäre schon ein Widerstand eingeschaltet, dessen Überwindung dem Vorgang eine Lebendigkeit zuführt, die das Reimwort »fanden« als solches in der Berührung mit »landen« entbehrte. Nun ermesse man erst den Zuschuß, der erfolgt, wenn die eine Reimhälfte mit einer Vorsilbe, gar mit zweien behaftet oder mit einem zweiten Wort , verbunden ist. Welch einen Anlauf hat da die andere zu nehmen, um trotz der Hemmung solcher Vorsetzungen zum Reimkörper selbst zu gelangen! Welche »Kraft« stößt, ungeachtet der Leiden, an »Leidenschaft«! Nur dort, wo die gedankliche Deckung der Sphären schon im Gleichmaß der Reimwörter vollzogen ist, wie bei »landen – stranden«, muß aus der Wortumwelt nicht jene Fördernis erwartet werden, die der Reim dem Hindernis, dem Zwang zur Eroberung verdankt, wiewohl auch hier ein »landet – gestrandet« als der stärkere Reim empfunden werden mag und es sonst erst aller rhythmischen Möglichkeit und umgebenden Wortkraft bedürfen wird, um der gefälligen Glätte entgegenzuwirken, die das Ineinander der Reimpartner gefährdet. Wem es eine Enttäuschung bereiten sollte, zu erfahren, daß Angelegenheiten, von denen er bisher geglaubt hat, sie würden von einer »Inspiration« besorgt, dem nachwägenden Bewußtsein, ja der Willensbestimmung zugänglich sind, dem sei gesagt, daß ein Gedicht im höchsten Grade etwas ist, was »gemacht« werden muß, (es kommt von »poiein«); wenngleich es natürlich nur von dem gemacht werden kann, der »es in sich hat«, es zu machen. Man mag sich sogar dazu entschließen, man braucht keiner andern Anregung ein Gedicht zu verdanken als dem Wunsch, es zu machen, und innerhalb der Arbeit können dann jedes Wort hundert Erwägungen begleiten, zu deren jeder weit mehr Nachdenken erforderlich ist als zu sämtlichen Problemen der Handelspolitik. Sollte es wirklich vorkommen, daß ein Lyriker barhaupt in die Natur stürzen muß, um seinen Scheitel ihren Einwirkungen auszusetzen und eigenhändig erst den Falter zu fangen, den er besingen will, so hätte er diesen umgaukelt, er wäre ein Schwindler, und ich würde mich außerdem verpflichten, ihm auch den Trottel in jeder Zeile nachzuweisen, die durch solche Inspiration zustandegekommen ist.

Betrachten wir weiter den Fall, von dem als einem Beispiel und Motto diese Untersuchung ausgeht – wobei wir ganz und gar den Sinngehalt des einzelnen Reimworts ausschalten wollen –, so würde also das Höchstmaß der äußeren Deckung: landen – standen den den niedrigsten Grad der dichterischen Leistung vorstellen, den höheren: landen – verstanden, den höchsten: landen – einverstanden, weil eben hier mit einem durch den Silbenwall gehemmten und mithin gesteigerten Impetus das Ziel der Paarung erreicht wird; weil der Reim einen stärkeren Anlauf nehmen mußte, um stärker vorhanden zu sein. Er mußte sich sogar den Ton der Stamm- und eigentlichen Reimsilbe erobern, der auf die erste der beiden Vorsilben abgezogen war, und es bleibt eine geringe Diskrepanz zurück, dem Ohr den Einklang reizvoll vermittelnd: nicht unähnlich dem ästhetischen Minus, das dem erotischen Vollbild zugute kommt, ja von dem allein es sich ergänzen könnte. Das Merkmal des guten Reimes ist nebst oder auch jenseits der formalen Tauglichkeit zur Paarung die Möglichkeit der Werbung. Sie ist in der wesentlichen Bedingung verankert: vom Geistigen her zum Akt zu taugen. Denn die Deckung der Sphären muß mit der der Worte so im Reim vollzogen sein, daß er auch losgelöst von der Wortreihe, die er abschließt, das Gedicht zu enthalten scheint oder die aura vitalis des Gedichtes spüren läßt. Der Reim ist nur dann einer, wenn der Vers nach ihm verlangt, ihn herbeigerufen hat, so daß er als das Echo dieses Rufes tönt. Aber dieses Echo hat es auch in sich, den Ruf hervorzurufen. Die zwei Gedanken müssen so in ihm einverstanden sein, daß sie aus ihm in den Vers zurückentwickelt werden könnten. Herz – Schmerz, Sonne – Wonne: dergleichen war ursprünglich ein großes Gedicht, als die verkürzteste Form, die noch den Gefühls- oder Anschauungsinhalt einschließen kann. Wie viel sprachliches Schwergewicht müßte nunmehr vorgesetzt sein, um dem Gedanken die Befriedigung an solchem Ziel zu gewähren! Doch eben an der Banalität des akustischen Ornaments, zu dem das ursprüngliche Gedicht herabgekommen ist, gerade am abgenützten Wort kann sich die Kraft des Künstlers bewähren: es so hinzustellen, als wäre es zum ersten Male gesagt, und so, daß der Genießer, der den Wert zum Klang erniedrigt hat, diesen nicht wiedererkennt. Die Vorstellung, daß der Reim in nichts als im Reim bestehe, ist die Grundlage aller Ansicht, die die lesende und insbesondere – trotz ihren tieferen Reimen – die deutschlesende Menschheit von der Lyrik hat. Er ist ihr in der Tat bloß das klingende Merkzeichen, das Signal, damit eine Anschauung oder Empfindung, eine Stimmung oder Meinung, die sie ohne Schwierigkeit als die ihr schon vertraute und geläufige agnosziert, wieder einmal durchs Ohr ins Gemüt eingehe oder in die Gegend, die sie an dessen Stelle besitzt. Da Kunst ihr überhaupt eine Übung bedeutet, die nicht nur nichts mit einer Notwendigkeit zu schaffen hat, sondern eine solche geradezu ausschließt – denn sie möchte dem Aufputz ihrer »freien« Stunden auch nur die Allotria seiner Herstellung glauben –, so vermag sie vor allem dort nicht über formale Ansprüche hinauszugelangen, wo hörbar und augenscheinlich die Form dargebracht ist, um ihr das, was sie ohnehin schon weiß, zu vermitteln: am Reim. Wie der Philister den letzten Lohn der erotischen Natur entehrt und entwertet hat, so hat er auch die Erfüllung des schöpferischen Aktes im Reim zu einem Zeitvertreib gemacht. Wie aber der wahrhaft Liebende immer zum ersten Male liebt, so dichtet der wahrhaft Dichtende immer zum ersten Mal, und reimte er nichts als Liebe und Triebe. Und wie der Philister in der Liebe ästhetischer wertet als der Liebende, so auch in der Dichtung ästhetischer als der Künstler, den er mit seinem Maße mißt und erledigt. Daraus ist die Forderung nach dem »reinen Reim« entstanden, die unerbittliche Vorstellung, daß das Gedicht umso besser sei, je mehr’s an den Zeilenenden klappt und klingt, und der Hofnarr des Pöbels umso tüchtiger, je mehr Schellen seine Kappe hat, bei noch so ärmlichem Inhalt dessen, was darunter ist.

Das erotische Prinzip

Illustration zu Lenore von Frank Kirchbach (1896).
Illustration zu Lenore von Frank Kirchbach (1896).

In dieser Vorstellung hat das erotische Prinzip der Überwindung des Widerstandes zum Ziel der Gedankenpaarung keinen Raum. Da gilt nur das äußere Maß und eben diesem, welches fern aller Wesenheit bloß nach dem Schall gerichtet ist, wird auch der Mißreim genügen. Umgekehrt wird die Erfassung des Reims als des Gipfels der Gedankenlandschaft zwar auch dem verpönten »unreinen Reim« solche Eignung zuerkennen, aber umso hellhöriger alles abweisen, was nur so klingt wie ein Reim, oder klingen möchte, als wäre es einer. Und solche Sachlichkeit darf auch vor den Lakunen eines Dichtwerks, und wäre es das größte, nicht haltmachen. Wie wenige deutsche Ohren werden das Geräusch vernommen haben, womit der Mephistopheles seinen dramatisch so fragwürdigen Abgang vollzieht und worin die Torheit, die seiner sich am Schluß »bemächtigt« – mit einer Kläglichkeit des Ausdrucks, die fast der Situation gerecht wird – einer Erfahrenheit antwortet, die sich »beschäftigt« hat. Wenn das teuflische Mißlingen hier nur durch einen Mißreim veranschaulicht werden konnte, so wäre solches immerhin gelungen. Doch ließe sich das Kapitel der Beiläufigkeiten, mit denen dichterische Werte besät sind und deren jede ein Kapitel der Sprachlehre rechtfertig würde, in der deutschen Literatur gar nicht ausschöpfen. Beträchtlich in diesem Zusammenhange dünkt mir die Erscheinung eines Dichters wie Gottfried August Bürger, der außer starken Gedichten eine ungereimt philiströse Reimlehre geschrieben hat – welche als literarhistorisches Monstrum dem polemischen Unfug Grabbes gegen Shakespeare an die Seite gestellt werden kann –, nebst dieser Theorie aber auch wieder Reime, die es mit seinen abschreckendsten Beispielen aufzunehmen vermögen. Von irgendwelcher gedanklichen Erfassung des Problems weit entfernt und mit einer Beckmesserei wütend, die ziemlich konsequent das Falsche für richtig und das Richtige für falsch befindet, begnügt er sich, die »echt hochdeutsche Aussprache« als das Kriterium des Reimwertes aufzustellen. Somit dürfe sich nicht nur, nein, müsse sich Tag auf sprach, Zweig auf weich, Pflug auf Buch, zog auf hoch reimen. Welcher Toleranz jedoch sein Ohr fähig war, geht daraus hervor, daß er den Mißreim des gedehnten und des geschärften Vokals zwar tadelt, aber, wo es ihm darauf ankommt die Ungleichheit der Schlußkonsonanten zu verteidigen, das Beispiel »Harz und bewahrt’s« als tadellosen Reim gelten läßt (anstatt hier etwa »Harz und starrt’s« heranzuziehen). Nachdem er aber »drang und sank« in die Reihe de »angefochtenen Reime« gestellt hat, »deren Richtigkeit zu retten« sei, erklärt er kaum eine halbe Seite später, »am unrichtigsten und widerwärtigsten« seien die Reime g auf k und umgekehrt, und nimmt da als Beispiel: »singt und winkt«. Wozu wohl gesagt werden muß, daß, wenn der grundsätzliche Abscheu vor solchen Reimen schon eine unvermutete Ausnahme der Sympathie zuläßt, diese doch weit eher dem Präsens-Fall gebührt als dem andern, weil dort die Gleichheit der Schlußkonsonanten den Unterschied von g und k deckt, während er bei »drang« und »sank« offen und vernehmbar bleibt. Wird doch vorn feineren Gehör selbst der zwischen lang (räumlich, sprich lank) und lang‘ (zeitlich, sprich lang) empfunden und eben darum, wo die Form »lange« nicht vorgezogen wird, durch den Apostroph bezeichnet: die Bank, auf die ich etwas schiebe, reimt sich also auf lang, solang‘ sie die Metapher bleibt, der die räumliche Vorstellung zugrunde liegt; sie ließe sich jedoch, in die Zeitvorstellung aufgelöst, nicht so gut auf lang‘ reimen (höchstens im Couplet, wo die Musik die Dissonanz aufhebt, oder zu rein karikaturistischer Wirkung wie bei Liliencron: »Viere lang, zum Empfang«). Auf lang reimt sich Bank, auf lang‘ bang. Ist es also schon ein Mißgriff, den Reim »drang und sank« zu empfehlen, so ist es völlig unbegreiflich, daß er als die Ausnahme von einer Unmöglichkeit gelten soll, die ein paar Zeilen weiter mit dem durchaus möglichen »dringt und sinkt« belegt wird. Das Wirrsal wird noch dadurch bunter, daß der Reimtheoretiker neben solches Beispiel als gleichgearteten Fehler das Monstrum »Menge und Schenke« setzt und neben dieses wieder den zweifellos statthaften Reim »Berg und Werk«. Dafür ergeben ihm, in anderem Zusammenhang, »Molch und Erfolg« eine tadellose Paarung zweier Vorstellungswelten, deren Harmonie ihm offenbar so prästabiliert erscheint, daß er den Schritt vom Molch zum Erfolch vielleicht auch dann guthieße,wenn die Aussprache ihm ein besonderes Opfer auferlegte. (Wiewohl mit jenem ein Dolch oder ein Strolch, im Sinne des Strengen mit dem Zarten oder des Starken und des Milden, einen bessern Klang gäbe.) Doch während er eben für das »g« auf dem echt hochdeutschen »ch« besteht und solchen phonetischen Problemen zugewendet ist, macht er sich über eine innere Disposition des Worts zum Reim, also über das worauf es ankommt, nicht die geringsten Gedanken, und wenn ich mich bei einer Methode, der nur das entscheidend ist, worauf es nicht ankommt: das nebensächlich Selbstverständliche oder das ungewichtig Unrichtige, überhaupt aufhalte, so geschieht es, um an dem Exempel eines Dichters die allgemeine Unzuständigkeit des Denkens über den Reim anschaulich zu machen. Wie dieser Bürger, so denkt jeder Bürger über die Dichtkunst, ohne doch gleich ihm ein Dichter zu sein. Er hat natürlich ganz recht mit der Meinung, daß der Reim des gedehnten und des geschärften Vokals keiner sei. Wenn aber »Harz« und »bewahrt’s«, so unbequem sie es schon von der Natur ihrer Vorstellung aus haben, zu einander finden können, dann möchte man doch fragen, warum »so unrein und widerwärtig als möglich« Fälle wie »schwer und Herr«, »kam und Lamm« sein sollen. Und vor allem, wieso denn eine Widerwärtigkeit, die sich ergibt, »wenn man geschärfte Vokale vor verdoppelten Konsonanten und gedehnte vor einfachen aufeinander klappt«, unter anderen Beispielen durch solche darzustellen wäre wie: »siech und Stich«, »Fläche und bräche«, »Sprache und Sache«. Wo ist da bei aller Unterschiedenheit im Vokal die zwischen einem verdoppelten und einem einfachen Konsonanten? Aber von diesem Wirrwarr abgesehen und von unserm guten Recht, hier die Reimmöglichkeit zu verteidigen, beweist insbesondere der Versuch, »Sprache und Sache« als einen Fall von Unreinheit und Widerwärtigkeit hinzustellen, nichts anderes als die Weltenferne, in der sich solche Doktrin vom Wesentlichen einer Sphäre hält, die sich hier schon im Material des gewählten Beispiels beziehungsvoll erschließt. Denn man dürfte wohl nicht leugnen können, daß zwischen Sprache und Sache eine engere schöpferische Verbindung obwaltet als zwischen »Harz und bewahrt’s« (Reimpartner, denen nachgerühmt wird, daß sie für jedes deutsche Ohr »vollkommen gleichtönend« seien), ja als zwischen Molch und Erfolch. Und beinahe möchte ich vermuten, daß es im Kosmos überhaupt keinen ursächlicheren Zusammenhang gibt als diesen und auch keinen anderen Fall, wo gerade die leichte vokalische Unstimmigkeit den vollen Ausdruck dessen bedeutet, was als Zwist und Erdenrest einer tiefinnersten Beziehung, eines Gegeneinander und zugleich Ineinander vorhanden bleibt und einen Reim, der von Urbeginn da ist, noch im Widerstreit der Töne beglaubigt. Die strengste Verpönung des vokalischen Mißreims wird bei nur einigermaßen gedanklicher Anschauung eben diesen Ausnahmsfall zulassen und ihn nicht mit dem Schnelligkeitsmesser in der Hand in die Reihe der Mißbildungen wie »schämen und dämmen«, »treten und beten« verweisen. Aber Bürger, der das Gesetz, daß g wie ch auszusprechen sei, als Grundlage der Reimkunst statuiert ist im Vokalischen unerbittlich und will sogar naturhafte Verbindungen wie »Tränen und sehnen«, »sehnen und stöhnen«, »Blick und Glück« höchstens als »verzeihliche Reime« gelten lassen. Warum er jedoch in dieser Reihe auch an »Meer und Speer« Anstoß nimmt, ist wieder rätselhaft. »Ein Dichter von feinem Ohr«, sagt er, werde »zumal in denjenigen lyrischen Gedichten, worin es auf höchste Korrektheit angesehen ist, sich erst nach allen Seiten hin drehen und wenden, und nur dann nach solchen Reimen greifen, wenn gar kein Ausweg mehr vorhanden zu sein scheint«. Trotz allem Anteil, den ich dem Wollen und Erwägen an der Erschaffung des Verses einräume und wiewohl ich es für die eigentliche Aufgabe des Dichters halte, sich nach allen Seiten des Wortes hin zu drehen und zu wenden, so möchte ich mir den Prozeß doch weniger mechanisch, weniger als den einer Ansehung auf höchste Korrektheit vorstellen, vielmehr glauben, daß die Formgebundenheit zwar kein Mißlingen verzeihlich und keine Relativität begreiflich macht, daß aber der scheinbar und von außen gesehn minderwertige Reim dem Gesetz der gleichen Notwendigkeit folgt wie alles andere und daß sich eben Blick auf Glück und Tränen auf sehnen selbst dann reimen müßten, wenn sie es nicht dürften und nicht an und für sich unbedenkliche Reime wären. Aber Beispiele für mangelnden Wohlklang sind diesem Onomatopoieten, Wortmaler, Dichter des »Wilden Jägers« und Vortöner Liliencrons plötzlich wieder Reime wie »ächzen und krächzen« (wo doch der Mißklang der Reimwörter keinen Mißklang des Reimes ergibt), und in derselben Kategorie »horcht und borgt« (wiewohl man ja »borcht« sagen muß und es an anderer Stelle ausdrücklich verlangt wird), und dann ein Reim – einen bessern findst du nicht – wie »nichts und Gesichts«. »Die Gesetze wenigstens des feineren Wohlklangs« erscheinen ihm beleidigt durch männliche Reime wie »lieb und schrieb«, wenn sie allzunahe beieinander vorkommen, und in ebensolchem Falle durch weibliche wie »heben und geben«, »lieben und trieben«, »loben und toben«; denn ein wichtiges Erfordernis des Wohlklanges sei »Mannigfaltigkeit der Schlußkonsonanten«. Da kann man nur die Inschrift auf dem Teller zitieren, den man in deutschen Hotelportierlogen häufig angebracht sieht: »Wie man’s macht, ist’s nicht recht«, ohne daß einem gesagt würde, wie man’s recht machen soll, insbesondere um die Mannigfaltigkeit der Schlußkonsonanten bei weiblichen Reimen herbeizuführen. Dagegen zeigt sich der Unerbittliche befriedigt von Reimen auf »bar, sam, haft, heit, keit, ung«: an ihnen – nämlich als männlichen Reimsilben, welche »voll betont sein müssen« – sei »in dieser Rücksicht nichts auszusetzen«, also wenn sich etwas auf Erfahrenheit reimt – aber nicht etwa Zerfahrenheit, was insbesondere in diesem Zusammenhang ein richtiger Reim wäre, sondern zum Beispiel: »Tapferkeit«. (Was schon fast an die französische Allreimbarkeit hinanreicht, und in Bürgers »Lenore« reimen sich sogar Verzweifelung und Vorsehung.) Weniger taugen ihm die Ableitungssilben »ig« und »ich«, noch weniger »en« (das wäre allzu französisch) : so sind ihm »Huldigen und Grazien für männliche Reime nicht tönend genug«. Eine Einsicht, die ihn freilich nicht gehindert hat, gerade diese beiden Wörter für tauglich zu halten, sich in der »Nachtfeier der Venus« auf einander männlich zu reimen.

Sie wird thronen; wir Geweihte
Werden tief ihr huldigen.
Amor thronet ihr zur Seite,
Samt den holden Grazien.

Georges Seurat - Sitzende Frau mit Regenschirm - 1884/85
Georges Seurat – Sitzende Frau mit Regenschirm – 1884/85

Wie man da überhaupt zu einem »männlichen Reim« kommen kann, ist unvorstellbar, aber Bürger hat sogar nichts dagegen, daß man »Tapferkeit und Heiterkeit« reime, und vielleicht hat er es irgendwo getan. Mit nicht geringem Selbstbewußtsein findet, er nach all dem: »es täte not, daß das meiste«, was er da vom Reim gesagt habe, »Tag für Tag durch ein Sprachrohr nach allen zweiunddreißig Winden hin sowohl den deutschen Dichtern als auch den Dichter- und Reimerlingen zugerufen würde. Wie? Auch den Dichtern? Jawohl!« Denn es ärgere weit mehr, »wenn ein so guter Dichter, als z. B. Herr Blumauer, ein so nachlässiger Reimer ist«, als wenn es sich um einen ausgemachten Dichterling handle. Von der gleichen Empfindung für einen weit größeren Dichter beseelt, hätte diesem ein kritischer Zeitgenosse eine Reimtheorie vorhalten müssen, wenngleich nicht die von Gottfried August Bürger, an die er sich leider doch zuweilen gehalten hat. Nur zu begreiflich die Bescheidenheit, mit der er sie »Kurze Theorie der Reimkunst für Dilettanten« betitelt. Es dürfte der perverseste Fall in der Literaturgeschichte sein, daß ein wirklicher Dichter wie ein Schulfuchs, dem die Trauben des Geistes zu sauer sind, von diesen redet, völlig ahnungslos, in Aussprechschrullen verbohrt (vom »Achton« und »Ichton« des ch, den das g habe) und auf allen falschen Fährten pedantisch. Ernsthaft spricht er, wenngleich ablehnend, von einem »Vorschlag«, der gemacht worden sei, »wegen unserer Armut an Reimen bloß ähnlich klingende Reimwörter gutzuheißen«, und im Allerformalsten bleibt er mit der Erkenntnis befangen, daß »dem Dichter, der seine Kunst, seine Leser und sich selbst ehrt und liebt, wie er soll, auch das Kleinste keine Kleinigkeit ist«. Nur ein Schimmer einer naiven Ahnung vom Wesentlichen taucht auf, wenn er mahnt, abgebrauchte Reime wie Liebe, Triebe, Jugend, Tugend zwar zu meiden, »ohne jedoch hierin gar zu ängstlich zu sein. Die Schönheit des Gedankens muß man darüber nicht aufopfern«. Es könne »sehr oft mit sehr alten und abgedroschenen Reimen ein sehr neuer und schöner Gedanke bestehen, und wenn dies ist, so vergißt man des abgenutzten Reimes völlig«. Hie ist immerhin an das Geheimnis gerührt, dessen Enthüllung ergeben würde, daß es auf nichts von dem ankommt, was da durch ein Sprachrohr nach allen zweiunddreißig Winden hin den Dichtern hätte beigebracht werden sollen und was hoffentlich kein Radio nachholen wird: weil das Problem eben darin liegt, daß zwar noch immer Liebe und Triebe ein Gedicht machen können, aber nicht die Grazien, denen wir huldigen.

Grazienreime

Ferdinand Max Bredt: Im Baudoir. Entblößte Grazie vor einem Paravent posierend aus unserer Rubrik: Gemälde des 19. Jahrhunderts
Ferdinand Max Bredt: Im Baudoir. Entblößte Grazie vor einem Paravent posierend aus unserer Rubrik: Gemälde des 19. Jahrhunderts

Einen Verdruß wie über Herrn Blumauer kann man, wie gesagt, Bürger nachempfinden, und selbst über noch bessere Dichter. Derartige Grazienreime sind ja die Schillerlocke einer ganzen »ersten Periode«, geradezu die Geistestracht des Stadiums, wo sich »zitterten« auf »Liebenden« reimt und »Segnungen« auf »Wiedersehn«. Daneben ist es schon ein Ohrenschmaus, wenn sich »Blüten« zu »hienieden« findet und dergleichen mehr, was Bürger auf das mißachtete, von der »echt hochdeutschen Aussprache« abweichende Schwäbisch hätte zurückführen müssen, wenn er es sich nicht selbst geleistet hätte. Dort gehen »Werke« von geringer dichterischer Höhe und »Berge« von Pathos eine Paarung ein, an der der Theoretiker Bürger freilich sogar im SinguIar Anstoß nimmt. Aber noch in der »dritten Periode« ist Fridolin – in einem der peinlichsten Gedichte, deren Ruhm jemals im Philisterium seinen Reim fand – »ergeben der Gebieterin«. Und gleich daneben finden sich doch, wieder zwischen Plattheiten, die herrlichen Verse von den dreimal dreißig Stufen, auf denen der Pilgrim nach der steilen Höhe steigt. (dessen Reim auf »erreicht« hier gar nicht stört und Bürgers Ansprüche befriedigt), und so etwas wie die Gestaltung des Drachenkampfes: »Nachbohrend bis ans Heft den Stahl«. Doch was reimt sich nicht alles im »Faust«, was sich nicht reimt! Nicht außen und, schlimmer, nicht innen. Um es darzutun, bedürfte es keineswegs einer so schwierigen Untersuchung wie der des »Faust-Zitats« (‚hohe Worte machen – Lachen‘), die ich einmal vorgenommen habe. Doch jene andere, durch die Zusammenziehung der Präposition fragwürdige Stelle, von der damals die Rede war, wird gern unvollständig zitiert, nämlich: »Vom Rechte, das mit uns geboren«. Und zwar mit dem Recht, das derjenige hat, der die Stelle nicht genau kennt und der wohl einen durchaus organischen Reim auf »verloren« angeben würde, wenn man ihn nach dem Wortlaut befragte. Der Vers lautet aber: »… das mit uns geboren ist«, und den Reim bildet nicht etwa ein voraufgehendes »verloren ist«, sondern die Vorzeile geht männlich aus:

Weh dir, daß du ein Enkel bist!
Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
Von dem ist leider nie die Frage.

Nun wäre hier zwar eine Deckung der Sphären »geboren« und »Enkel« gegeben, aber sie tragen zum Reime nichts bei, welcher vielmehr im völlig äußerlichen Einklang des Hilfszeitworts mit dem leeren Zeitwort besteht. Wohl wären in einer Antithese von Wesenheiten auch »bist«und »ist« reimkräftig, hier haben jedoch die Reimpartner überhaupt keine andere Funktion als die, ihren Vers grammatisch abzuschließen. »bist« enthält noch etwas, aber im »ist« hat kein Gedanke Raum. Dichterisch entsteht ein weit größerer Defekt als durch den Mißklang der Reimlosigkeit: wenn etwa »geboren ward« stünde. Es ist einer jener unzähligen, auch bei Klassikern nicht seltenen Fälle, wo die Überflüssigkeit des Reims durch die Erkenntnis handgreiflich wird, daß er keiner Notwendigkeit entspringt, ja der trügerische Klang bereitet dem Gehör, das die Vorstellung der Wortgestalt vermittelt, ein ärgeres Mißbehagen als wenn die Stelle bloß äußerlich leer geblieben wäre. Das Recht, das eine falsche Reimtheorie auch dem »guten Dichter« gegenüber betont, darf eine, die auf das Wesen dringt, vor dem besten nicht preisgeben, und Goethe selbst, der im »Faust« wie das All auch die eigene sprachliche Welt von der untersten bis zur höchsten Region umfaßt, hätte aus dieser in die Beiläufigkeiten nicht mehr zurückgefunden, worin ein Nebeneinander von Sinn und Klang etwa das Zitat, aber nicht die Gestalt sichert. Von solchen Beispielen hätte Helena in jener bedeutenden Szene, wo der Reim als ein Vor-Euphorion der Wortbuhlschaft entspringt, ihn nimmer gelernt. Wie erschließt sich dort – »die Wechselrede lockt es, ruft’s hervor« – sein innerstes Wesen!

Ein Ton scheint sich dem andern zu bequemen,
Und hat ein Wort zum Ohre sich gesellt,
Ein andres kommt, dem ersten liebzukosen.

Und diese Liebe macht den Vers, und dann ist auf die Frage der Helena

»So sage denn, wie sprech‘ ich auch so schön?«

auch gleich der Reim da:

»Das ist gar leicht, es muß vom Herzen gehen.
Und wenn die Brust von Sehnsucht überfließt,
Man sieht sich um und fragt –«
»Wer mitgenießt.«

Und sie lernt es, bis sich an seine Frage, wer dem »Pfand« der Gegenwart Bestätigung gibt, der unvergleichliche Ton der Liebe schmiegt: »Meine Hand«. Aber ihr Ohr ist erfüllt von dem unerhörten Erbieten des Lynkeus, der mit den Worten davonstürmt.

Vor dem Reichtum des Gesichts
Alles leer und alles nichts

also mit eben dem großartigen Reim, den Bürger als ein Beispiel in der Reihe derer anführt, die »nicht für wohlklingend geachtet werden können«, weil sie »sich zu weit von dem reinen Metallton entfernen«, indem »der Vokal durch die Menge der über ihn her stürzenden Konsonanten erstickt wird«. Solche Laryngologenkritik hat jenes Beispiel ja nicht erlebt, wo die Erstickung des Vokals durch die über ihn her stürzenden Konsonanten die Gewalt des Reims bedingt, die in dem ganzen Lynkeus-Gedicht hörbar wird als der reine Metallton der Liebespfeile,von denen Faust sagt:

Allwärts ahn‘ ich überquer
Gefiedert schwirrend sie in Burg und Raum.

Könnte es denn eine absolute Ästhetik des Reimes geben, abgezielt auf die Klangwürdigkeit dessen, was sich zwischen Rachen, Gaumen und Lippe begibt und was doch, möchte es an und für sich noch so »unrein« wirken, in die so ganz anders geartete Tonwelt des Kunstwerkes eingeht? Und ergibt sich nicht als das einzige Kriterium des Reims: daß der Gedanke in ihm seine Kraft bewährt bis zu dem Zauber, den an und für sich leeren Klang in einen vollen, den unreinen und in einen reinen zu verwandeln? So sehr, daß der Reim als die Blüte des Verses noch abgepflückt für das Element zeuge, dem er entstammt ist. In dem Sinne nämlich, daß das Gedicht auf seiner höchsten Stufe den Einklang der gedanklichen Sphären im Reim mindestens ahnen lassen wird. Ein Schulbeispiel für das Gegenteil bei vollster lautlicher Erfüllung bildet ein Reim Georges in einem auch sonst verunglückten Gedicht (»Der Stern des Bundes«):

Nachdem der kampf gekämpft das feld gewonnen
Der boden wieder schwoll für frische saat
Mit kränzen heimwärts zogen mann und maat:
Hat schon im schönsten gau das fest begonnen

Philipp Veit - Germania - 1834-1836
Philipp Veit – Germania – 1834-1836

Von allem orthographischen und interpunktionellen Hindernis abgeschen: nur lesbar und syntaktisch zugänglich, wenn man sich die Imperfekta der Mittelverse – welche unmöglich von »nachdern« abhängen könnten – als eingeschaltete Aussage zwischen Gedankenstrichen denkt. Aber welch einen Mißreim bedeutet dieses »Maat« (Schiffsmaat, Gehilfe); welche Überraschung für die Saat, die doch von Natur höchstens auf Mahd gefaßt wäre. Wie wenig sind hier die zwei Gedanken einverstanden und wie anschaulich fügt sich das Beispiel in das Kapitel der Beiläufigkeiten, »mit denen dichterische Werte besät sind«. Und wie blinkt dieser Reim doch vor Reinheit! Ein ästhetisches Gesetz wäre dem Vorgang der Schöpfung, der im poetischen Leben kein anderer ist als im erotischen – und wundersam offenbart sich diese Identität eben in der Wortpaarung zwischen Faust und Helena –, eben nicht aufzuzwingen. Etwas anderes ist es, von den Kräften auszusagen, die da am Werke sind; und ganz und gar ohne den Anspruch, sie dort, wo sie nicht vorhanden, verleihen zu können. Der Nutzen einer solchen Untersuchung kann füglich nur darin bestehen, daß den Genießern des Dichtwerks der Weg zu einer besseren Erkenntnis und damit zu einem Genuß höherer Art gewiesen wird. Und der Einblick in das, was im Gedankenraum der gebundenen Sprache das Wort zu leisten vermag, wird sich gewiß einer Betrachtung des Reimes abgewinnen lassen als der Form, die in Wahrheit den Knoten des Bandes und nicht die aufgesetzte Masche bedeutet.

Die Dichtungsart

Wenn wir Lyrik nicht dem Herkommen gemäß als die Dichtungsart auffassen, die die Empfindung des Dichters zum Ausdruck bringt – was doch jeder literarischen Kategorie vorbehalten bleibt –, sondern als die unmittelbarste Übertragung eines geistigen Inhalts, eines Gefühlten oder Gedachten, Angeschauten oder Reflektierten, in das Leben der Sprache, als die Gabe, das Erlebnis in der andern Sphäre so zu verdichten, als wäre es ihr eingeboren, so wird sie alle Gestaltung aus rein sprachlichen Mitteln vom Liebesgedicht bis zur Glosse umfassen. Einmalig und aus dem Vor-Vorhandenen geschöpft ist jede echte Zeile, die in diesem Bereich zustande kommt, aber nicht dem Rausch (welcher vielleicht die Grundstimmung ist, die den Dichter von der Welt unterscheidet), sondern dem klarsten Bewußtsein verdankt sie die Einschöpfung ins Vorhandene. Und zwar in dem Grade der Bindung, die ihr Rhythmus und Versmaß auferlegen, deren eigenste Notwendigkeit zu ergreifen doch vorweg nur dem geistigen Plan gelingt. Andere Sprünge als den einen, den die Rhodus-Möglichkeit gewährt, versagt die gebundene Marschrichtung des Verses. Je stärker die Bindung, desto größer die sprachliche Leistung, die innerhalb der gegebenen Form – und die »neue« ist immer nur der Ausweg des Unvermögens – den psychischen Inhalt bewältigt. Der Verdacht einer rein technischen Meisterung auf Kosten des sprachlichen Erlebnisses wächst mit der Kompliziertheit der Form, während die Enge des Rahmens die wahre Bindung bedeuten wird, in der sich ein originaler Inhalt entfaltet. In dieser Hinsicht kann ein »Gstanzl« kunstvoller als eine Kanzone sein. Wenn eine meiner zahlreichen Zusatzstrophen zur Offenbach’schen Tirolienne lautet:

Ungleichheit beschlossen
hat die Vorsehung wohl.
Nicht alle Genossen
hab’n a Schloß in Tirol.

so ist in die Nußschale von 24 Silben mit dem Zwang zum Doppelreim die ihm entsprechende Gegensätzlichkeit einer ganzen Sphäre eingegangen, und die große Schwierigkeit solcher Gestaltung liegt noch in dem Erfordernis, daß sie von der Leichtigkeit der Form verdeckt sei. Eine Erleichterung, die von der Musik ohneweiters verantwortet würde, wäre jene hier wie sonst übliche Beschränkung der Reimkorrespondenz auf den zweiten und den vierten Vers, welche mir aber dermaßen widerstrebt, daß ich auch die Grundstrophe mit dem typischen Text, der doch nur den Anlaß zu lustigem Geblödel und Gejodel bietet:

Mein Vater is a Schneider
A Schneider is er,
Und wann er was schneidert,
So is’s mit der Scher‘

durch die so naheliegende Wendung verbessert habe:

Und macht er die Kleider.

Ohne die musikalische Unterstützung jedoch empfinde ich den Vierzeiler, der erst in der Schlußzeile die Vergewisserung der Harmonie bringt, förmlich als die Beglaubigung jenes Dilettantismus, der von Heine ins Ohr der deutschen Menschheit gesetzt wurde, und seine satirische Leier als ein Geräusch, weit unerträglicher als der Gassenhauer, der im Hof gespielt wird, während man Musik macht. Mithin ganz als die, die hier gemeint ist:

Mißtönend schauerlich war die Musik.
Die Musikanten starrten
Vor Kälte. Wehmütig grüßten mich
Die Adler der Standarten.

Es wäre ja in den meisten dieser Fälle – besonders in »Deutschland, ein Wintermärchen« – auch kein Gedicht, wenn es durchgereimt wäre. Aber hin und wieder hinkt sogar der eine Reim, auf den diese ganze rhythmisch geförderte Witzigkeit gestellt ist, wie das von mir schon einmal hervorgehobene Beispiel dartut:

Von Köllen bis Hagen kostet die Post
Fünf Taler sechs Groschen preußisch.
Die Diligence war leider besetzt
Und ich kam in die offene Beichais‘.

Selbst wenn man also aus irgendeinem unerfindlichen dialektischen Grund »preußesch« sagen dürfte, hätte die Beischäs dermaßen geholpert, daß ihrem Passagier gar ein »preuscheß« nachklang. (Akustisch etwas plausibler wird der – nur in einer berühmten Satire mögliche – Reim: »Wohlfahrtsausschuß – Moschus«, zwar nicht durch einen Mauschus, aber immerhin durch einen Oschuß.) Wenn’s ebener geht und der Reim glückt, ist er in seiner Vereinzelung doch nur die Schelle, mit der die Post nach Deutschland läutet und zu der sich dem Reisenden, wie heute zum Geratter der Eisenbahn, eine Melodie einstellen mochte. Ich verbinde mit solchen Versen mehr noch als die akustische eine gymnastische Vorstellung, eine, die ich der Erfahrung verdanke, daß wenn man im Finstern eine Treppe hinuntergeht, die letzte Stufe immer erst die vorletzte ist. In der Heine-Strophe (deren Vorbild geschicktere Nachahmer entfesselt hat) glaubt man in der dritten Zeile auf festen Reim zu treten, tritt darum ins Leere und kann sich sehr leicht den Versfuß verstauchen. Wenn’s gut abgeht, ist man nach der vierten Zeile angenehm überrascht. Da sich jedoch immer von neuem diese Empfindung einstellt, so stellt sich auch die einer lästigen Monotonie ein, welche von der Durchreimung eines satirischen Kapitels keineswegs zu befürchten wäre, weil der Reim dann eher als Ausdrucksmittel wirkte, als Selbstverständlichkeit und nicht immer wieder als Draufgabe auf eine skandierte Prosa. So aber erweist er nicht nur seine Überflüssigkeit, sondern auch seinen Mangel. Denn was sich da vor jedem sonstigen Eindruck dem Leser aufdrängt, ist das Gefühl, daß der Verfasser sich’s noch leichter gemacht habe, als er’s ohnedies schon hatte. Ist das Reimen nur eine Handfertigkeit, dann zeigt sich dies vollends an der geringeren Leistung. Und umsomehr dann, wenn von Gnaden des Zufalls plötzlich doch ein Reim hineingerät, der das System verwirrt und den Leser erst recht auf das aufmerksam macht, was der Verfasser sonst nicht getroffen hat.

König ist der Hirtenknabe,
Grüner Hügel ist sein Thron;
Über seinem Haupt die Sonne
Ist die große, goldne Kron‘.

Mit aller Dürftigkeit im vorhandenen und im nichtvorhandenen Reim fast etwas Geschautes – das sich dann leider in die Schäkerei fortsetzt von den Kavalieren, die die Kälber sind und sich, da sie den dritten Vers füllen, nicht auf die Schafe reimen, welche bloß Schmeichler sind. Dann vollends niedlich, aber doch durchgereimt:

Hofschauspieler sind die Böcklein;
Und die Vögel und die Küh‘,
Mit den Flöten, mit den Glöcklein,
Sind die Kammermusici.

Warum geht’s denn jetzt? Gewiß, dieser Reim, der sich per Zufall gefunden hat, ist – im Gegensatz zu Küh‘ und Musici – nicht einmal unorganisch; umso organischer der Mangel, ihn nur ausnahmsweise eintreten zu lassen, da doch gerade in diesem Gedicht die Kontrastelemente des Landschaftlichen und des Höfischen, so billig die Erfindung sein mag, durchaus den Wechselreim erfordern würden und erlangen müßten. Abgesehen von der Ungerechtigkeit einer Weltordnung, in der die Kühe Kammermusiker, während die Kälber Kavaliere sind, und weggehört von einem Konzert, das die Vögel, deren Flöten doch nur eine Metapher sind, mit den Kühen aufführen müssen, die wirkliche Glöcklein haben, freut man sich, diese zu hören, denn sie sind ein unerwarteter Einklang mit den Böcklein, welche, ausgerechnet, Hofschauspieler sein dürfen. Im weiteren aber bleibt man wieder nur auf den Schlußreim angewiesen, den man umso lieber gleichfalls entbehren möchte. Ja, durch eine Entfernung dieses Aufputzes ließe sich die sprachdünne Strophe im Nu kräftigen. Man mache einmal den Versuch und setze statt des Endreims ein beliebiges Wort zur Ergänzung des Verses, selbst ohne Rücksicht darauf, ob es dem Sinn gemäß wäre, und die reimlose Strophe hat schon etwas von einem Gesicht und Gedicht. (Nur soll man es nicht gerade mit dem Kehrreim in »Deutschland« versuchen: ‚Sonne, du klagende Flamme!‘, der, wenngleich bloß »der Schlußreim des alten Lieds«, hier doch dichterisch empfunden und verbunden ist.) Wenn ich solchen Eingriff ohne Rücksicht auf den Inhalt empfehle, so spreche ich freilich als einer, der es vermag und gewohnt ist, die Sprachkraft und Echtbürtigkeit eines Verses jenseits der Erfassung des Sinns, den ich geflissentlich wegdenke, zu beurteilen, fast aus dem graphischen Bild heraus. Heines Reim schließt einen Sinn ab, kein Gedicht.

Worte in Versen

Man wird es vielleicht doch nicht als eitel auslegen, daß ich unweit von Beichais‘ und Moschus mich selbst zitiere, aber es kann sehr wohl eine Reimlosigkeit geben, die eben als solche Gestalt hat, und die drei einleitenden Gedichte des VII. Bandes der »Worte in Versen« sind Beispiele für die verschiedenartige, immer stark hervortretende Funktion einer ungereimten (letzten) Strophenzeile. In dem Gedicht »Die Nachtigall« betont und sichert sie, an den Wechsetreim anschließend, den Vorrang der Vögel vor den Menschen:

Ihr Menschenkinder, seid ihr nicht Laub,
verweht im Wald,
ihr Gebilde aus Staub,
und vergeht so bald!
Und wir sind immer.

Diese Gegenüberstellung ist durch zwei weitere Strophen (»Wir weben und wissen«, »Wir lieben Verliebte«) fortgeführt, bis, entscheidend, nur noch der Vorrang – schließlich auch vor den Göttern – zum Ausdruck gelangt, immer aber dank der Besonderheit des letzten, hinzutretenden Verses, der die Besonderheit, der Erscheinung zusammenfaßt. In »lmago« ist solche Absonderung durch den Nichtreim vom ersten zum vierten Vers bewirkt:

Bevor wir beide waren,
da haben wir uns gekannt,
es war in jenem Land,
dann schwand ich mit dem Wind.

Hier ist der Nichtreim die Gestalt dieses Schwindens: »und immer war ich fort«, »ich gab mich überall«, »die Welt hat meinen Blick«. Dann dient er dem Kontrast, die Bindung an eben diesen Verlust zu bezeichnen (welchem Wechsel auch die begleitende Melodie gerecht wird):

In einen Hund verliebt,
in jede Form vergafft,
mit jeder Leidenschaft
ist mir dein Herz verbunden.

Von da an bleibt die Isolation eben diesem Verbundensein vorbehalten: »und nennest meinen Namen«, »in deinem Dank dafür«, um endlich sein Beharren bis zur Verkündung der Schöpferkraft zu steigern:

Und reiner taucht mein Bild
aus jeglicher Verschlingung,
wie du aus der Durchdringung
der Erde steigst empor.

In »Nächtliche Stunde«, wieder absondernd, gehört die ungereimte letzte Zeile dreimal der Vogelstimme, die das Erlebnis der Arbeit über die Stufen der Nacht, des Winters und des Lebens begleitet:

Nächtliche Stunde, die mir vergeht,
da ich’s ersinne, bedenke und wende,
und diese Nacht geht schon zu Ende.
Draußen ein Vogel sagt: es ist Tag.

Seine Stimme ist die Eintönigkeit: widerstrebend dem Einklang. Der erlebten Monotonie ist die des Ausdrucks gemäß, die nur die bange Steigerung zuläßt: »Draußen ein Vogel sagt: es ist Frühling«, »Draußen ein Vogel sagt: es ist Tod«. Man ermesse aber die ungewollte Monotonie, den Greuel einer Ödigkeit, die entstünde,wenn in diesem Gedicht die Schlußzeile in einem Reim auf »vergeht« abwechselte. Doch vor der Möglichkeit solcher Abwechslung sichert es der durchwaltende Wille, hier nur wiederholen und nicht einklingen zu lassen; der einzige Reim, aus dem es besteht, dreimal gesetzt: »wende – Ende« gibt die ganze Trübnis des Gedankens, welcher die Dissonanz: Tag, Frühling, Tod – entspricht. Indem es dreimal dieselbe Strophe ist, an der sich nichts verändert als die einander entgegengestellten Zeitmaße von Nacht zu Tod, ist eine solche Einheit von Erlebnis und Sprache erreicht, eine solche Eintönigkeit aus dem Motiv heraus, daß nicht nur der Gedanke Form geworden scheint, sondern die Form den Gedanken selbst bedeutet.

Erlebte Eintönigkeit

Georg Trakl
Georg Trakl

Hat hier also die erlebte Eintönigkeit ihre Gestalt gefunden, so bewirkt die Reimlosigkeit innerhalb der epigrammatischen Strophe eine Monotonie, die der vorgestellten Gegensätzlichkeit alle Kraft des Eindrucks nimmt. Der Vers ist eine Welt, die ihre Gesetze hat, und die Willkür, die in ihr schaltet, hebt mit den Gesetzen die Welt auf. Mit der reimlosen dritten Zeile läßt sie sie in das Nichts vergehen. Der Dilettant ist des Zwanges ledig, dem sich der Künstler unterwirft, um ihn zu bezwingen: das Ergebnis wird hier freier und müheloser sein als dort. Ich stelle es mir ungeheuer schwer vor, schlechte Verse zu machen. Wenn ich für solche Vorstellung Heine anführe, den für seine Folgen verantwortlich gemacht zu haben, mir eben diese nicht verzeihen können, so beziehe ich mich auf sein Typisches, das die Ausnahme derjenigen (späten) Gedichte selbstverständlich macht, in denen nicht die klingende Begleitung eines Sentiments oder Ressentiments ins Gehör, sondern ein wortdichter Ausdruck des Erlebnisses ins Gefühl dringt. In der typischen und populären Heinestrophe, welche ich gegen eine Welt des journalistischen Geschmacks für die Pandorabüchse des Kunstmißverstandes und der Sprachverderbnis erkläre, ist der Reim so wenig gewachsen wie der Nichtreim, jener überflüssig und dieser nur notwendig aus Not. Er ließe sich verheimlichen durch die Zusammenlegung je zweier Verse zu einer Langzeile, in der die Cäsur den Nichtreim ersetzt: die geistige Gestalt würde sich durch solchen Eingriff, der an Organischem unmöglich wäre, kaum verändern, aber die Leier, die diese Form so geläufig macht, auch wenn’s bloß einmal dazu klingelt, ginge verloren. Wie zwischen Trochäus und Jambus, Daktylus und Anapäst nicht der Zufall entscheidet, so bestimmt er auch nicht die Vers-Einteilung. Man versuche die hier empfohlene Operation an meinen Versen »Traum«, die ich mit dem Selbstbewußtsein, das kunstkritische Untersuchungen sachlich fördert (so anstößig es, im sozialen Leben sein mag), nun der Heinestrophe entgegenstelle, weil sie das Beispiel sind für eine organische Möglichkeit, die dritte Zeile reimlos zu gestalten. Denn eben dieser Mangel ist hier Gestalt:

Stunden gibt es, wo
mich der eigne Schritt
übereilt und nimmt
meine Seele mit.

Dieser kurze Schritt übereilt den Läufer so, daß er den aufhaltenden Reim nicht brauchen könnte, er jagt jenen fiebrig in der Welt des Traums als eines vorlebendigen Lebens, durch alle Wirrsale und Seligkeiten von Kindheit und Liebe. Es ist alles jäh, unvermittelt, abgehackt, durch die Vereinigung je zweier Kurzzeilen wäre dieses Tempo aufgehoben und der Vers vernichtet; denn seine Wirksamkeit besteht darin, daß hinter ihm keine Cäsur steht, sondern ein Abgrund, über den er hinüberjagt. Dagegen wäre wieder das Gedicht »Jugend« mit einem reimlosen dritten Vers ein unvorstellbares Gerassel; eine der Schwingen wäre gebrochen, auf denen der Flug in das Erlebnis der Kindheit geht. Diese Funktion des Reims oder Nichtreims darf natürlich nicht so verstanden werden, daß sie an jeder Strophe nachweisbar sein muß. Eine Unterbrechung der Linie, ausdrucksmäßig schon gesichert, läßt nicht etwa einen plötzlichen Wechsel des Ausdrucks zu. Gerade die Hast, die im »Traum« tätig ist, gibt einem Innehalten die vollere Anschauung:

Staunend stand ich da
und ein Bergbach rinnt
und das ganze Tal
war mir wohlgesinnt.

In der langen Dehnung dieses Tals (mit allen umgebenden »a«) ist fast der Reim auf »da« bewirkt, der in anderer sprachlicher Landschaft wirklich eintreten müßte. Dann geht es wieder rapid:

Und der Wind befiehlt,
damit leichtbeschwingt
alles in der Luft
heute mir gelingt.

»Immer heißer wird’s« nun auf dieser Bahn, bis sie in den Ruhepunkt mündet:

Wär‘ mein Tag vorbei!
Wieder umgewandt
kehrt‘ ich aus der Zeit
in das lichte Land.

Noch in die Ruhe tönt es von dem eiligen Schritt.

Die Kraft des Reimes

rainer-maria-rilke-fotografiert von george bernard shaw - 1906
rainer-maria-rilke-fotografiert von george bernard shaw – 1906

Und hier ist auch ein Beispiel für die Kraft des Reimes, zu dem zwei Partner von ungleicher Quantität gepaart sind: umgewandt – Land. (»Quantität« nicht als Lautmaß: der Silbenlänge oder -kürze, sondern als Maß der Größe des Reimwortes.) Nur daß es hier der erste Partner ist, der sich von der Fessel der Vorsilben lösen muß, um die Paarung zu ermöglichen. Aber können wir uns ihn als den aktiven Teil vorstellen und daß der andere sich dem schon geschwächten Partner ergebe? Aus dem Phänomen der Einheit, das der Reim bedeutet, wird die erotische Tendenz auch in umgekehrter Richtung vorstellbar; man erkennt, daß die Eroberung immer von dem Teil ausgeht, der begrifflich stärker erfüllt ist. In dem Beispiel also, mit dem die Untersuchung einsetzt, vom ersten Gedanken: »landen«, hier aber (wo es, in der Tat »umgewandt« ist) vom zweiten: »Land«. Hier ist es die Vorzeile, die die stärkere Belastung, die Nachzeile, die das größere Gewicht hat. Selbstherrlich wirkend, hat sie so viel Atem und Widerstand zwischen den Worten, daß sich das letzte nicht so leicht ergeben würde: darum kommt, anders als im ersten Beispiel, ihr die Eroberung zu. Wie immer sich nun die Kräfte messen, um sich in den Reim zu ergeben, so wird ersichtlich, daß entweder der äußeren Quantität eine innere gegenübersteht oder daß der Unterschied auch bloß innerhalb dieser zur Geltung kommen kann. Den Widerstand, dessen Überwindung die Reimkraft nährt, wird sie nicht bloß dem Unterschied der sichtbaren, sondern auch dem der wägbaren Quantitäten verdanken. Er kann auch dem isolierten Reimkörper anhaften, vermöge der gedanklichen Stellung, die das Wort im Vers behauptet, und gemäß dem schöpferischen Element der Sprache, das nicht allein im Wort, sondern auch zwischen den Worten lebendig ist und die »sprachliche Hülle« noch aus dem Ungesprochenen webt. Echte Wortkraft wird, jenseits der äußeren Quantität, die glückliche Reimpaarung auch dort erreichen, wo sonst nur Gleichartigkeit ins Gehör dränge. Am vollkommensten aber muß die Wirkung sein, wo innere und äußere Fülle ins Treffen geraten, mag man nun hier oder dort den Angriff erkennen. Die metrische Terminologie unterscheidet in einem äußerlichen Sinn und fern von jeder Ahnung einer Erotik der Sprachwelt zwischen männlichen und weiblichen Reimen. Angewendet auf die eigentlichen Geschlechtscharaktere, die die Gedankenpaarung ergeben, würde diese Einteilung jeweils die Norm eines gleichgeschlechtlichen Verkehrs bezeichnen. Natürlicher wäre die ganz andere Bedeutung, daß ein männlicher und ein weiblicher Vers das Reimpaar bilden, jener, dem die innere, und dieser, dem die äußere Fülle eignet. Ein anschauliches Beispiel für solches Treffen – von der rückwirkenden Art wie bei »umgewandt, Land« – bietet eine jener guten, manchmal leider nur beiläufig fortgesetzten Strophen Berthold Viertels (der mit Schaukal, später mit Trakl und Janowitz zu den heimischen Lyrikern gehört, die durch Zeilen wertvoller sind, als die beliebteren durch Bücher). Es war eine schöpferische Handlung, dem Gedicht »Einsam« drei Strophen zu nehmen und nur diese erste, die das Gedicht selbst ist, in der Sammlung »Die Bahn« stehen zu lassen:

Wenn der Tag zu Ende gebrannt ist,
Ist es schwer nachhause zu gehn,
Wo viermal die starre Wand ist
Und die leeren Stühle stehn.

Wie starr steht hier, innerhalb der ganzen aus dem geringsten Inventar bezogenen Vision, viermal endlos, diese Wand: dem zu Ende gebrannten Tag entgegen! Schließlich fügen sich die Welten in den Reim wie der Heimkehrende in den Raum, wo das Grauen wartet. Wie ist hier alles Schwere des Wegs bewältigt und alles Leere am Ziel erfüllt. Die Fälle in der neueren Lyrik sind selten, wo sich die Wirkung so an den eigentlichsten Mitteln der Sprache nachweisen läßt. Hätte Nietzsche die Anfangsstrophe seines Krähengedichts von den folgenden befreit und gar von dem Einfall, den Wert durch Wiederholung zu entwerten, es wäre ein großes Gedicht stehen geblieben.

Das von einer Nährung der Reimkraft durch den Widerstand, durch die Möglichkeit von Werbung und Eroberung Gesagte wird wohl vorzüglich für die unmittelbare Paarung zu gelten haben, welche durch das äußere Gleichmaß der Reimkörper leicht zu einer glatten und schalen Lustbarkeit wird. Im Wechselreim ist dank dem Dazwischentreten des fremden Verses, der wieder auf seinen Partner wartet, diese Gefahr verringert. Gleichwohl wird auch hier und immer die Deckung der verschiedenen Quantitäten (oder Intensitäten) das stärkere Erlebnis bewirken, und auch da wird etwa die vokalische Abwegigkeit, die der Umlaut bietet, zur Lustvermehrung des Gedankens dienen, welcher nun einmal »es in sich« hat, trotz allen Normen der Sitte und Ästhetik seine Natur zu behaupten; denn wie nur ein Erotiker formt er sich das Bild der Liebe nach der Vorstellung und weil er die Vorstellung selbst ist, so hat er noch näher zu ihr. Der »unreine Reim« – die Hände ihm zu reichen, schauert‘s den Reinen – wird für die Ächtung durch den Gewinn entschädigt sein und dem »Blick«, der ihn strafend trifft, stolz sein »Glück« entgegenhalten. Der Reimphilister (unerbittlicher als der Reim-Bürger, der in glücklichen Stunden seiner eigenen Strenge vergaß) stellt Forderungen, die in der Welt der Dichtung nicht einmal gehört werden können, obgleich sie nichts als Akustisches enthalten. »Menge – enge« darf gelten, doch »Menge – Gedränge«, an und für sich schon ein Gedicht, weniger. »Sehnen und wähnen« weniger als »sehnen und dehnen«, »Ehre und Leere« eher als »Ehre und Chimäre«. Der Reimbund »zwei und treu« wird erst in der Leierei anerkannt, die eine so volle begriffliche Deckung entstellt:

Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue!

Frank Wedekind
Frank Wedekind

Von der Funktion der Widerstandssilbe weiß man vollends nichts: davon, daß sich der Reim in dem Maße der Verschiedenheit dessen verstärkt, was dem Reim angegliedert ist. Diesseits aller schöpferischen Unerschöpflichkeit, diesseits dessen, was nicht ermeßbar ist, ließe sich, soweit Geistiges sich der Quantität selbst entnehmen läßt, vielleicht ein Schema aufstellen. Da wäre der Reim am stärksten, wenn das isolierte Reimwort der einen Zeile dem komplizierten der andern entspricht: Halt und Gewalt. (Oder das komplizierte dem komplizierteren: Gewalt und Vorbehalt.) Schwächer im Gleichmaß der isolierten Reimwörter: Halt und alt. Noch schwächer im Gleichmaß der komplizierten: Gehalt und Gestalt (oder: Vollgehalt und Mißgestalt). Am schwächsten, wenn sich bereits die Vorsilben reimen: behalt und Gestalt. Denn je selbständiger sich beiderseits der Klang der Vorsilbe macht, umsomehr Kraft entzieht er dem Reim. Im stärksten Fall dient die Vorsilbe dem Reimwort, dem sie alle Kraft aufspart, da sie sich selbst an kein Gegenüber zu vergeben hat. Fehlt sie, so ist der Reim auf sich allein angewiesen. Ist sie da wie dort vorhanden, so wird ihm umsomehr entzogen, je reimhafter sie selbst zu ihrem Gegenüber steht. Ein Wortspiel, das in der Prosa noch ein Witz ist, erfährt im Vers eine klangliche Abstumpfung, die den Witz aufhebt. Erzählte etwa jemand, die menschlich saubere Persönlichkeit des österreichischen Bundespräsidenten sei irgendwo beim Händedruck mit einem Finanzpiraten beobachtet worden, und würde daraus ein Epigramm, so könnte der starke Kontrast der Sphären den Reim ergeben: »Hainisch – schweinisch«, also einen Einfall, der in der Prosa gewiß keine sonderliche Kraft hätte. Dagegen würde eine Gegenüberstellung: »Hainisch – Haifisch« einen Witz als dürftigen Reim zurücklassen. Gegen das Spiel der betonten Vorsilben kann sich der Reim nicht halten. Die Verödung tritt aber auch im sogenannten männlichen Reim ein, der als solcher die Tonkraft bewahrt. »Unternimmt – überstimmt«, »übernimmt – überstimmt«: je analoger der Vorspann, auch wenn er den Ton nicht völlig abzuziehen vermag, umsomehr entwertet er den Reim. Wird die Ähnlichkeit der Vorsilbe gar zum Vorreim, so tritt eine solche Schwächung des Reims ein, daß sie zur Lähmung führen kann, indem die Reime einander aufheben. Das wird anschaulicher werden an der Entwicklung bis zu dem peinlichen Reim der zusammengesetzten Wörter, der in der Witzpoesie eine so große Rolle spielt. Am stärksten: Gestalt – Hochgewalt; schwächer: Dichtgestalt – Hochgewalt; noch schwächer: Dichtgestalt – Dichtgewalt; am schwächsten: Dichtgestalt – Richtgewalt. Oder: Gast – Sorgenlast; schwächer: Gast – Last; noch schwächer: Erdengast – Sorgenlast; am schwächsten: Morgengast – Sorgenlast. Der Zwillingsreim ist von altersher, dem Ohr und Humor widerstrebend, Element der gereimten Satire; wohl auch seit Heine, bei dem es von Monstren wie »Dunstkreis – Kunstgreis«, »Walhall-Wisch – Walfisch« wimmelt. Leider hat Wedekind, dessen Sprache der leibhaftigste Feuerbrand ist, in den Papier aufgehen konnte, diesen Reimtypus, welchen ich den siamesischen nennen möchte, wenngleich doch nicht ohne plastischere Wirkung, übernommen:

Heute mit den Fürstenkindern,
Morgen mit den Bürstenbindern.

Heinrich_Heine-Oppenheim
Heinrich Heine (Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim, 1831)

Und gar: »Viehmagd – nie plagt« (unmöglich, dem »plagt« den ihm zukommenden Ton zu retten), »niederprallt – widerhallt« (der männliche Reim macht es möglich), »weine und – Schweinehund«, »Tugendreiche – Jugendstreiche«. Besser wäre der einheitliche Viersilbenreim: Tugendreiche – Jugendreiche; nimmt man ihn als Doppelreim, so wirkt die Gefolgschaft, die jeder der zweiten Reimkörper erhält, fördernd wie sonst der Vortrab, der zu einem der beiden stößt: Reiche – Jugendstreiche. Schwächer wäre: Reiche – Streiche, noch schwächer. Tugendreiche – Mädchenstreiche, und am schwächsten ist eben die Form des Originals »Tugendreiche – Jugendstreiche«, wo der Doppelreim doppelt paralysierend wirkt. Die Teile heben einander aus den Angeln, ehe jeder zu seinem Gegenüber gelangt, und es ist in der Konkurrenz der Tonkräfte kaum möglich, auch nur einem der Paare zu seinem Recht zu verhelfen. Dieser Doppelmißreim ist nicht etwa die Zusammensetzung des Reims mit einem Binnenreim, der eine stärkende Funktion hat. Er gleicht vielmehr einer Vorstufe zu jenem »Schüttelreim«, der sein Spiel völlig außerhalb der dichterischen Zone treibt, aber als die sprachtechnische Möglichkeit, die er vorstellt, durch die deutliche Wechselbeziehung der Konsonanten den Reimklängen doch ein gewisses Gleichmaß der Wirkung sichert. Ein (nur von Musik noch tragbarer) Mißreim ist ferner der zweier Fremdwörter: kurieren – hofieren, weil sich auch in solchem Fall, der die leerste Harmonie darbietet, eine begriffliche Parallelleistung vollzieht, bevor der Reim eintritt, der dann nur in der Gleichartigkeit der Fremdwort-Endung beruht: der reimführende Konsonant hat nicht dieselbe Geltung wie im deutschen Wort. (Auch hier in abschreckendster, kneiphumoriger Ausprägung bei Heine, zumal im Namengereime wie »Horatius« auf »Lumpacius« – in einer Strophe, die sich über den Reim bei Freiligrath lustig macht – und »Maßmanus«, nämlich der lateinsprechende Maßmann, auf »Grobianus«. Anders und karikaturhafte Gestalt geworden, in der Nachbildung des Geschniegelten und Gebügelten, der Sphäre, die das Fremdwort als Schmuck trägt, bei Liliencron: »Vorne Jean, elegant«.) Umso stärker der Reim, wenn ein Fremdwort mit einem deutschen gepaart wird: führen – kurieren; in welchem Beispiel freilich noch das Mißverhältnis der Quantitäten fördernd hinzukommt wie bei regen – bewegen, eilen – verweilen. Ein Notausgang ist der sogenannte »reiche Reim«, von welchem Bürger im allgemeinen mit Recht meint, daß er eher der armselige heißen sollte, freilich nicht ohne selbst von ihm reichen Gebrauch zu machen:

Hilf Gott, hilf! Sich uns gnädig an!
Kind, bet‘ ein Vaterunser!
Was Gott tut, das ist wohlgetan.
Gott, Gott erbarmt sich unser!

Oder schlimmer, weil benachbart:

Graut Liebchen auch vor Toten?
»Ach nein! – doch laß die Toten!«

Und wieder:

Graut Liebchen auch vor Toten?
»Ach! Laß sie ruhn, die Toten !«

»Wenn es die Umstände erfordern«, sagt Bürger, wohl im Bewußtsein solcher Lücken, »daß einerlei Begriff in zwei Versen an das Ende zu stehen komme, so ist nichts billiger, als daß er auch mit ebendemselben Worte bezeichnet werde«. Solches dürfen aber die Umstände nie erfordern, weil sie sonst auch alles andere erfordern könnten, wie daß etwa plötzlich anderes Versmaß oder Prosa eintrete. Was die Umstände erfordern, hat freilich zu geschehen und zu entstehen, aber innerhalb der künstlerischen Gesetzlichkeit, die die Umstände erfordert. Wenn einerlei Begriff in zwei Versen an das Ende zu stehen kommt, so ist dies eben die Schuld der zwei Verse, und dann gewiß »nichts billiger«, als ihn mit demselben Wort zu bezeichnen. Was aber an das Ende zu stehen kommen muß, ist nicht einerlei Begriff, sondern die Kongruenz der zweierlei Begriffe. Der »reiche Reim«, der keineswegs durch ein Versagen der Gestaltungskraft gerechtfertigt wird, den aber sie selbst erfordern könnte, vermag recht wohl auch die Kongruenz zum Ausdruck zu bringen. Der Ruf an Euphotion:

Bändige! bändige,
Eltern zu Liebe,
Überlebendige
Heftige Triebe!

offenbart nicht nur die Verjüngung des ältesten, sondern auch den Reichtum desjenigen Reims, der nur ein reicher ist. Dank Umlaut und Silbenvorspann, dank der unvergleichlichen Übereinstimmung der Sphären, in denen Gewalt und Kraft leben, wird hier die Gleichheit des reimführenden Konsonanten, wird die Reimlosigkeit gar nicht gespürt. Es ist durch dichterische Macht ein Ausnahmswert der Gattung: im Lebendigen erscheint das, was zu bändigen, förmlich enthalten und entdeckt. Der »reiche Reim« wird also gerade nur dort gut sein, wo nicht einerlei Begriff dasselbe Wort verlangt, sondern zweierlei sich zu ähnlichen Wörtern finden, deren gleicher Konsonant dem vokalischen Einklang nicht die Reimkraft nimmt. Vielleicht ist Bürgers Entschuldigung eine Verwechslung mit dem sehr erlaubten Fall, wo allerdings einerlei Begriff in zwei Versen an das Ende zu stehen kommt, aber aus dem Grunde, weil einerlei Begriff beide ganz und gar erfüllt – mit dem Fall, wo die gewollte Gleichheit des Gedankeninhalts die Verse selbst gleichlautend oder doch gleichartig macht. Das dürfen sie sein und reimen dann stärker als mit einem Reim. Ein solcher Fall kommt gleichfalls in der »Lenore« vor:

Wie flogen rechts, wie flogen links
Gebirge, Bäum‘ und Hecken!
Wie flogen links und rechts und links
Die Dörfer, Städt‘ und Flecken!

Das ist – da es so und nicht anders weitergeht – namentlich durch die Variation »und rechts« ungemein stark, stärker als es etwa ein Reim mit »ging’s« und stärker als es ein Nichtreim (etwa: »rechts und links und rechts«) wäre. Ein Vers könnte aber zu stärkster Wirkung auch völlig gleichlautend wiederholt sein, wie etwa bei Liliencron das alle Lebensstadien begleitende Gleichnis:

Es jagt die Schwalbe weglang auf und nieder.

Hier wäre kein Reim denkbar außer dem der Identität, dem innern Reim auf »immer wieder«, dem Kehrreim einer ewigen Wiederkehr.

Doch mehr noch als Identität, mehr selbst als der Übereinklang des echten Reimes kann der eingemischte Nichtreim dem dichterischen Wert zustatten kommen. Von allen Schönheiten, die zu dem Wunder vom »Tibetteppich« verwoben sind (welches allein EIse Lasker-Schüler als den bedeutendsten Lyriker der deutschen Gegenwart hervortreten ließe), ist die schönste der Schluß:

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron
Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.

Stanislaus Stückgold: Else Lasker-Schüler 1916
Stanislaus Stückgold: Else Lasker-Schüler 1916

Der vorletzte Vers, dazwischentretend, hat nirgendwo in dem Gedicht, das sonst aus zweizeilig gereimten Strophen besteht, seine Entsprechung. Wie durch und durch voll Reim ist aber dieses »wohl«, angeschmiegt an das »schon«, süßes Küssen von Mund zu bunt, von lange zu Wange vermittelnd. Auf solche und andere Werte ist einst in einer verdienstvollen Analyse – von Richard Weiß in der Fackel Nr. 321/322 – hingewiesen worden, mit einer für jene Zeit (da zu neuem Aufschluß der Sprachprobleme wenig außer der Schrift »Heine und die Folgen« vorlag) gewiß ansehnlichen Erfassung der Einheit in Klang- und Bedeutungsmotiven, wenngleich vielleicht mit einer übertreibenden Ausführung der Lautbeziehungen, die im Erspüren einer Gesetzmäßigkeit wohl auch der Willkür des Betrachters Raum gab. Achtungswert aber als der Versuch, in jedem Teile den lebenden Organismus darzustellen und zu zeigen, wie »in jeder zufälligst herausgegriffenen Verbindung der mathematische Beweis höchster notwendiger Schönheit nur an der Unzulänglichkeit der Mathematik scheitern könnte«. Vielleicht auch an der Unzulänglichkeit des Kunstwerks, wenn der Autor diesen Versuch mit einem Gedicht von Rilke unternommen hätte, mit welchem er Else Lasker-Schüler verglich. Während bei ihr – in den männlichsten Augenblicken des Gelingens – zwischen Wesen und Sprache nichts unerfüllt und nichts einem irdischen Maß zugänglich bleibt, so dürfte die zeitliche Unnahbarkeit und Unantastbarkeit von Erscheinungen wie Rilke und dem größeren George – mit Niveaukünstlern und Zeitgängern wie Hofmannsthal und gar Werfel nicht zu verwechseln – doch keinem kosmischen Maß erreichbar sein. Else Lasker-Schüler, deren ganzes Dichten eigentlich in dem Reim bestand, den ein Herz aus Schmerz gesogen hatte, ist aber auch der wahre Expressionist aller in der Natur vorhandenen Formen, welche durch andere zu ersetzen jene falschen Expressionisten am Werk sind, die zum Mißlingen des Ausdrucks leider die Korrumpierung des Sprachmittels für unerläßlich halten. Trotz einer Stofflichkeit unter Sonne, Mond und Sternen (und mancher Beiläufigkeit, die solches Ausschwärmen begleitet), ist ihr Schaffen wahrhaft neue lyrische Schöpfung; als solche, trotz dem Sinnenfälligsten, völlig unwegsam dem Zeitverstand. Und wie sollte, wo ihm zwischen dem Kosmos und der Sprache keine Lücke als Unterschlupf bleibt, er anders als grinsend bestehen können? Selbst ein Publikum, das meine kunstrichterliche Weisung achtet und lyrischer Darbietung etwas abgewinnen kann, sitzt noch heute ratlos vor dieser Herrlichkeit wie eben vor dem Rätsel, das die Kunst aus der Lösung macht.

Im Wort die Welt erschaffen ist

Wie könnten aber solche Werte, wie könnte das Befassen mit ihnen den Leuten eingehen, die zu der Sprache keine andere Beziehung haben, als daß sie verunreinigt wird, weil sie in ihrem Mund ist! Sie in solchem Zustand als das höchste Gut aus einem zerstörten Leben zu retten – trotz allen greifbareren Notwendigkeiten, die es nicht mehr gäbe, hätte der Mensch zur Sprache, zum Sein zurückgefunden –, ist die schwierigste Pflicht: erleichtert durch die Hoffnung, daß der Kreis derer immer größer wird, die sich durch solche Betrachtungen angeregt, ja erregt und belebt fühlen. Es ist Segen und Fluch in einem, daß solchen Denkens, wenn es einmal begonnen, kein Ende ist, indem jedes Wort, das über die Sprache gesprochen wird, deren Unendlichkeit aufschließt, handle es nun von einem Komma oder von einem Reim. Und mehr als aus jedem anderen ihrer Gebiete wäre aus eben diesem zu schöpfen, wo die Fähigkeit der Sprache, gestaltbildend und -wandelnd, am Gedanken wirkt wie die Phantasie an der Erscheinung, bis, immer wieder zum ersten Mal, im Wort die Welt erschaffen ist. In solcher Region der Naturgewalten, denen wirkend oder betrachtend standzuhalten die höchste geistige Wachsamkeit erfordert, muß jeder Anspruch vor dem ästhetischen gelten; denn die formalen Erfordernisse, auf die es dieser absieht, betreffen beiweitem nicht den Klang, der dem Gedanken von Natur eignet und den ihm ein die Sphäre erfüllendes und noch in der Entrückung beherrschendes Gefühl zuweisen wird. Der Reim als die Übereinstimmung von Zwang und Klang ist ein Erlebnis, das sich weder der Technik einer zugänglichen Form noch dem Zufall einer vagen Inspiration erschließt. Er ist mehr »als eine Schallverstärkung des Gedächtnisses, als die phonetische Hilfe einer Äußerung, die sonst verloren wäre«; er ist »keine Zutat, ohne die noch immer die Hauptsache bliebe«. Denn »die Qualität des Reimes, der an und für sich nichts ist und als eben das den Wert der meisten Gedichte ausmacht, hängt nicht von ihm, sondern durchaus vom Gedanken ab, welcher erst wieder in ihm einer wird und ohne ihn etwas ganz anderes wäre«. Aber lebt er einmal im Gedicht, so ist es, als ob er noch losgelöst dafür zeugte. Ich könnte, was er alles vermag, was er alles ist und nicht ist, stets wieder nur mit jenen Reimen sagen, von denen man nun – um das Landen der Einverstandenen herum – alle behandelten Arten des Reims, sofern er einer ist, ablesen kann; und deren jeder man die begriffliche Deckung zugestehen wird: daß er nicht Ornament der Leere, des toten Wortes letzte Ehre, daß er so seicht ist und so tief wie jede Sehnsucht, die ihn rief, daß er so neu ist und so alt wie des Gedichtes Vollgestalt. Und daß dem Wortbekenner das Wort ein Wunder und ein Gnadenwort ist. Denn »reimen« – bekannte ich – »kann sich nur, was sich reimt; was von innen dazu angetan ist und was wie zum Siegel tieferen Einverständnisses nach jenem Einklang ruft, der sich aus der metaphysischen Notwendigkeit worthaltender Vorstellungen ergeben muß«.

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Quelle: Der Reim – Karl Kraus – Gesammelte Werke in drei Bänden – Band 3 – Verlag Volk und Welt 1971

Felix Pirner • Platon & Alkibiades • Aristoteles Stimmen für die Nachwelt

Sokrates und Alkibiades - 1911 - Kristian Zahrtmann (1843-1917) - Dänemark
Sokrates und Alkibiades – 1911 – Kristian Zahrtmann (1843-1917) – Dänemark

Alle großen Denker des Abendlandes haben ihre Erkenntnisse und Lehren durch Schriften der Nachwelt überliefert. Einzig Sokrates hat nicht ein Wort geschrieben. Er wirkte auf seine Mitmenschen allein durch die lebendige Rede und durch sein Vorbild. Erst seine Freunde und Schüler, allen voraus der geistgewaltige Platon, überlieferten dann der Nachwelt diesen Sokrates. Es ist, als habe Platon überlegt, wem er in seinen Schriften das Lob des Sokrates in den Mund legen solle, damit es auch überzeuge. Er wählte den Neffen des allmächtigen Perikles; Alkibiades. Wenn der einen Mitmenschen lobte, dann durfte man diesem Lob glauben. Alkibiades, von Kind auf gewöhnt, dass seine Launen Gesetze waren, reich, schön, klug, aber auch verdorben, ein Menschenverächter und spöttisch – eleganter Lebemann.

Mit Efeu und Veilchen bekränzt, von bunten Bändern umflattert, kommt Alkibiades in das Haus des Dichters Agathon, wo Sokrates und seine Freunde zur Seite des Gastgebers eben von dem Schönen und Guten sprechen und wie man Menschen rechtschaffen macht, auf dass sie gerecht und gut seien gegen die anderen. Sokrates hat das Gespräch zu jener einsamen Höhe geleitet, wo der Mensch das Wesen des Guten selbst erkennt, von dem die Seele lebt wie der Leib von den Bedingungen seines Wachstums. „Man darf keinem der Menschen weder mit Unrecht noch mit Übel vergelten, was man auch von ihnen zu erdulden habe.“ Da also, als Sokrates mit großer Leidenschaft dieses ausspricht, stürmt Alkibiades herein, die Flötenspielerin tanzt ihm voraus, der Schwarm der Mitzecher lärmt ihm nach. Er wirft sich neben dem Gastgeber auf das Lager, reißt sich die Bänder vom Haupt und umwindet damit den Agathon. Der ist ja tags zuvor zum Dichterkönig Athens ausgerufen worden. Die große „Kühlschale“ lässt sich Alkibiades reichen, trunken will er sie alle sehen, kredenzt den Wein und … da erst bemerkt er neben sich den Sokrates. Er lässt die Schale sinken, wendet sich Sokrates zu und spricht fortan nur noch von ihm und zu ihm, dem einzigen Menschen, dem selbst ein Alkibiades die Ehrfurcht nicht versagen kann.

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,Gib mir von deinen Bändern, Agathon“, ruft Alkibiades, „dass ich auch diesem Mann sein wunderbares Haupt umwinde. Er soll nicht glauben, dass ich dich bekränzte und ihn vergesse. Er hat ja nicht, wie du, bloß einmal gesiegt, er war immer und überall durch sein Reden und Dichten allen Menschen überlegen.“ Dann leert Alkibiades in einem Zug die volle Schale, ,,die ihre guten acht Manchen fasst“, lässt sie wieder füllen und dem Sokrates reichen, der sie bedachtsam leert. Und halb spöttisch, halb ernst auf Sokrates nieder blickend, fährt er fort: „Ist er nicht wie ein Flötenspieler, der die Menschen durch sein Spiel verlockt? Und er verlockt sogar ohne Instrument, nur mit seinen Lippen, durch sein bloßes Wort. Wild pocht mir das Herz, die Tränen rinnen mir, wenn ich ihn höre.“ Wegwerfend schnippt Alkibiades mit den Fingern: „Und das geschieht mir, der ich doch schon manchen Redner hörte, die besten des Landes. Lausche ich ihnen, dem großen Perikles etwa, so verspüre ich nichts von Unruhe und noch weniger von Unwillen darüber, dass ich in solch einem Zustand lebe. Dieser hier aber packt mir die Seele derart, dass ich manchmal meine, ich könnte nicht weiterleben, wenn ich der Nichtsnutz bliebe, der ich bin. Sokrates hat mich in seiner Gewalt, er zwingt mich, mir selber einzugestehen, es fehle mir noch fast alles von dem, was einer haben muss, der andern zu gebieten sich erdreisten will.“

PlatonEs kümmert ihn nicht im mindesten, ob etwas oder ob einer schön, reich, berühmt sei. Keinen Pfifferling ist ihm das wert. Wenn es anders scheint, verstellt er sich nur vor den Leuten und führt sie an der Nase herum sein Leben lang. Inwendig jedoch, ihr Männer und Zechgenossen, wenn er sich da einem öffnet, ist er voller Weisheit. Ich weiß nicht, ob sonst noch einer die Götterbilder schaute, die Sokrates in sich trägt. Ich schaute sie, so göttlich, golden, erhaben und wunderbar. Mir war, ich müsste auf der Stelle tun, was er nur immer wünschte.“ Die Miene des Sprechenden erhellt sich, die Stimme spöttelt wieder: ,,Wir waren auch zusammen Soldat im Feldzug gegen Potidaia. Waren wir dann einmal abgeschnitten, wie das im Feld so vorkommt, und mussten wir hungern, — er machte sich nichts daraus. Wenn es dann ein andermal hoch herging, verstand er zu genießen, besser als jeder andere. Trinkgelagen wich er zwar aus, wo er konnte. War er aber einmal dabei, so überrundete er uns alle, und doch hat ihn noch nie einer betrunken gesehen. Die Winter dort waren furchtbar. Umwickelten wir dann die Füße mit Filz und Pelz, so sprang er barfuß über das Eis und lief leichter einher als wir in Schuhen.“ Das Kinn auf die Hand stützend, ahmt Alkibiades einen vergrübelten Menschen nach. „Einmal, da draußen bei Potidaia, ist unserem Sokrates etwas eingefallen, des Morgens in aller Frühe schon. Er bleibt also stehen, wo er steht. Die Gedanken gehorchen ihm wohl nicht recht. Aber er gibt nicht nach und jagt hinter ihnen drein und steht doch immer noch auf demselben Fleck. Darüber steigt die Sonne in den Mittag, die Leute treten vor das Lager und glotzen zu dem merkwürdigen Manne hinüber. Er sieht es nicht und steht und sinnt. Wie es Abend wird und wir gegessen haben, tragen einige ihre Schlafdecken ins Freie und legen sich dort hin für die Nacht. Es ist da kühler, geben sie vor; doch wollen sie nur den Sokrates im Auge behalten und sind gespannt, ob er auch die Nacht über so stehen bleibe. Und er ist so geblieben bis zum anderen Morgen, bis die Sonne wieder aufging. Dann betete er noch zur Sonne und ging seiner Wege.“ „Und in der Schlacht hast du ihn auch einmal im Kampf gesehen, Alkibiades?“fragt einer der Männer.

Anselm Feuerbach (1829-1880) painted this scene from Plato's Symposium in 1869. It depicts the tragedian Agathon as he welcomes the drunken Alcibiades into his house.
Anselm Feuerbach (1829-1880) malte diese Szene aus Plato’s Symposium im Jahre 1869. Es zeigt Agathon wie er den betrunkenen Alcibiades in seinem Haus begrüßt.

Eine Weile sinnt er vor sich hin, wendet sich dann wieder Sokrates zu, mit dem Finger auf ihn weisend: „Dieser Mensch hat in mir vermocht, was noch kein anderer je zuvor fertig brachte und was man bei mir auch kaum vermutete: dass ich mich nämlich schämte und noch immer schäme. Ich kann ihm nie widersprechen. Ich spüre, das eben müsste ich tun, was er mir anrät. Freilich, wenn ich ihn dann nicht mehr höre, wenn mich das Volk wieder umschmeichelt, mir Ehre um Ehre zuträgt, so habe ich auch den Sokrates bald vergessen … Aber ich schäme mich desto mehr, wenn er mir wieder unter die Augen kommt. Manchmal bin ich so weit, dass ich heimlich wünsche, er lebte gar nicht mehr. Wäre das aber so, ich weiß gewiss, sein Tod schmerzte mich noch mehr als sein Leben.“ — Wieder schweigt er lange und nickt dann den andern zu und fährt leiser fort: „Ihr kennt ihn ja alle nicht. Ich kenne ihn und will ihn euch vollends schildern, da ich einmal damit begonnen. So bildet ihr euch ein, Sokrates sei vernarrt in schöne Dinge und Menschen, wolle derlei stets um sich haben; oder auch, er sei ein unwissender Tropf. Aber das ist bei ihm alles nur Verstellung und äußeres Gehabe. Es „In dem berühmten Gefecht, für das mir dann die Heerführer den Preis zuerkannten, da wäre ich verloren gewesen ohne ihn. Ich war verwundet, und er rettete mich, er trug meine Waffen und mich selbst aus dem Getümmel heraus zu den unsrigen. Ich verlangte, Sokrates solle den Ehrenpreis der Tapferkeit bekommen. Als aber die Heerführer auf meine vornehme Herkunft Rücksicht nahmen und mir den Preis zuschanzen wollten, hast du, Sokrates, noch eifriger für mich geredet als selbst die Heerführer. —- Auch auf einer Flucht sah ich ihn, wie wir uns nämlich von Delion absetzen mussten. Ich war zu Pferde, er dagegen in schwerer Rüstung zu Fuß, er und noch einer, und sonst weit und breit keiner mehr von den unsrigen. So schreitet er dahin, ruhig, stark, dann und wann um sich blickend. Jedermann merkt, wer den da anrührt, muss sich auf allerhand Gegenwehr gefasst machen. Es rührt ihn auch keiner an, der Feind hält sich lieber an andere, denen die Todesangst in den Knien zittert.“

Dialog des Platon, Phaidros oder Philebos; 2. Jht. n. Chr.; Ägyptisches Museum Berlin, Germany; P 9809 - Anagoria - CC BY 3.0
Dialog des Platon, Phaidros oder Philebos; 2. Jht. n. Chr.; Ägyptisches Museum Berlin, Germany; P 9809 – Anagoria – CC BY 3.0

Noch einmal blickt Alkibiades auf Sokrates nieder und fährt dann fort: „Andere Männer lassen sich mit dem und jenem Helden aus der Vorzeit vergleichen. Aber Leute wie ihn, Worte, wie er sie vorbringt, hat es noch niemals gegeben. Nicht als ob diese Worte und Zwiegespräche allen leicht aufgingen, den meisten kommen sie erst ganz unbedeutend vor, handeln sie doch von Schustern und Schmieden, von Köchen und Ackerbauern, faseln von Lasteseln und Pferden. Seine Sprache hat er in das Fell eines Fauns gehüllt, und dem Dummkopf bleibt sein Wort verschlossen. Wem es aber aufging, der findet darin Götterbilder der Tugend und was nur immer darauf zielt, den Menschen besser und edler zu machen …“ Während Alkibiades noch spricht, da stürmen noch mehr junge Zecher von der Straße her ins Haus des Agathon und füllen es mit gewaltigem Lärm. Und ein wildes Gelage hebt an. Dem Erzähler fallen die Augen zu. Gegen Morgen, als er erwacht, ist es still geworden. Die Zecher schlafen oder sind heimgegangen. Nur drei neigen sich noch zusammen und lassen den Becher umgehen: Der Hausherr nämlich, Aristophanes, der Komödiendichter, und Sokrates. Die beiden hören zu, was Sokrates ihnen beweisen will, dass nämlich ein Dichter sich ebenso gut auf Lustspiele wie auf Tragödien verstehen müsse. Erst nickt Aristophanes ein, schließlich bei Tagesgrauen auch Agathon. Sokrates steht auf und schreitet über die Schläfer weg hinaus, badet, geht dann auf den Markt und verbringt den Tag wie gewöhnlich. Erst des Abends kehrt er heim und geht zur Ruhe.

Felix Pirner • Das aufgehende Sprachlicht • Ein Essay über das Bildhafte in unserer Sprache

SPRACHBILDER 

Felix Pirner - Foto: Privat
Felix Pirner – Foto: Privat

Es kommt uns nur selten zum Bewusstsein, wie bildhaft unsere Muttersprache arbeitet. Man könnte versucht sein zu sagen: Wenn wir uns ausdrücken, immer wieder kommen Bilder heraus. Es bedarf meist nur eines Winks, und wir erkennen diese Bildersprache. Wenn wir unter einem Einfluss stehen, fließen neue Erkenntnisse und Einsichten in uns ein. Auch Eindrücke drücken sich in unsere Seele ein und hinterlassen dort ihre Spuren. Wenn wir etwas begreifen, hat es unser Verstand in den Griff bekommen. Wenn wir das Wort Erziehung als Herausziehen ernst nehmen, wissen wir, dass man nur erziehen kann, was in einem Menschen angelegt und veranlagt ist. Ein Grübler versucht geistig in die Tiefe zu graben. Da er aber zu keinem Ergebnis kommt, setzt er immer von neuem an und bringt es nur zu kleinen Gruben, zu Grüblein. Wenn jemand entzückt ist, so zuckt gleichsam sein Körper vor ‚ Freude. Ist er entrüstet, so hat er seine Rüstung abgelegt und steht ohne diese Fassung, also fassungslos da. Der Beschränkte bleibt in den Schranken, die ihm gemäß sind. Der Einfältige ist nur einmal gefaltet und mit den vielfältigen Kniffen nicht vertraut. Der Gescheite hat einen scharfen Geist, mit dem er die Dinge und Begriffe gut zu sondern und zu scheiden weiß; er leistet geistig, was ein anderer tut, wenn er Holzscheite spaltet oder den Scheitel auf seinem Kopf genau abteilt. Wenn wir etwas entwickeln, so wickeln wir es aus, seien es Keime, Anlagen, Bilder oder Gedanken. Wer denkt noch daran, dass in dem Wort Geselle die Vorstellung eines Saales enthalten ist? Gesellen sind demnach Menschen, die in einem Saale zusammen sind, sich gesellen. Etwas Ähnliches meint das Lehnwort Kumpan, das nur der Lateiner versteht: Es bezeichnet einen Menschen, der mit mir Brot isst (cum = mit, panis = Brot). Der Kamerad befindet sich mit mir in der gleichen Kammer (lateinisch camera = Raum mit gewölbter Decke). Der Gefährte geht mit mir auf Fahrt, und der Genosse nutzt und genießt mit mir gemeinsamen Besitz. Das Wort Kumpan zeigte, dass sich bei den aus dem Lateinischen oder einer anderen Sprache entlehnten Wörtern, den Lehnwörtern, der bildhafte Kern und die bildhafte Vorstellung verdunkeln und für den, der die jeweilige fremde Sprache nicht kennt, unverstanden bleiben. So sagt z. B. das Wort Fenster, das wir von den Römern übernommen haben (fenestra), nur dem etwas, der bis auf das von den Römern aus dem Griechischen übernommene Wort „phaino“ (sichtbar machen, scheinen) zurückgeht. Wir müssten Fenster also sinngemäß mit Scheiner übersetzen.
Der Hamburger Dichter und Fremdwortgegner Philipp von Zesen (1619—1689) empfand Fenster noch als lästiges Fremdwort und wollte es deshalb durch „Tagleuchter“ ersetzt wissen. Wenn der Engländer für unser Fenster „window“ sagt, so hat er bei diesem germanischen Wort eine bildhafte Vorstellung: Sein Fenster ist ein Windauge, sein Haus hat, wie es in ältesten Zeiten der Fall war, Luken, die ihm wie Augen erscheinen, durch die der Wind herein wehen kann. Ebenso bildhaft sprachen die alten Goten vom „Augentor“.

Auch das von den Römern mit dem Steinbau übernommene Wort Mauer (lateinisch: murus) vermittelt uns keine bildhafte Vorstellung, während das germanische Wort Wand uns an das Flechtwerk der Fachwerkbauten erinnert. In Wand ist noch das Flechten, das Hin- und Herwenden der Ruten und Zweige lebendig, durch das die Wände entstanden, die dann mit Lehm verschmiert und verputzt wurden. Der bildhafte Gehalt eines Lehn- und Fremdwortes wird nur dem deutlich, der die fremde Sprache beherrscht. Wenn er aber den ursprünglichen bildhaften Gehalt ernst nehmen wollte, bekäme das so leichthin gebrauchte Fremdwort einen anderen, meist tieferen und ernsthafteren Sinn, als er uns geläufig ist. Das vielgebrauchte Wort Materie z.B. müsste er mit Mutterstoff übersetzen (lateinisch: mater = Mutter), Urgrund alles Lebendigen. Nation würde demnach den Geburtszusammenhang bezeichnen (lateinisch: natus = geboren), -also nur Menschen gemeinsamer Abstammung meinen, könnte demnach mit dem Begriff Staat nicht verwechselt werden, der oft Angehörige verschiedener Nationalitäten in sich vereinigt. Die Natur würde zur Gebärerin und Mutter alles Lebens. So fasste sie ja auch Goethe im wahren Sinne des Wortes auf. Der schon genannte Philipp von Zesen wollte das Fremdwort Natur durch „Zeugemutter“ ersetzt wissen. Wer Griechisch kann, weiß, dass der Kosmos nichts anderes als die bildhafte Vorstellung des schön Geordneten ist. Das Wort ist in diesem griechischen Sinne für uns noch in Kosmetik (Schönheitspflege) lebendig. Ein Text ist eigentlich etwas Gewebtes (lateinisch: textilis = gewebt; vgl. Textilien). Ein guter Text wäre demnach ein Gewebe von Wörtern und Sätzen, was ja auch zutrifft.

VERWANDTSCHAFTEN

Oft genügt nur ein Wink, und uns geht bei der Betrachtung von Wörtern ein Sprachlicht auf. Wir entdecken geheime oder auch offenbare Verwandtschaften und Zusammenhänge. Sobald ich weiß, dass ausmerzen mit dem Monat März zu tun hat, kann ich den Zusammenhang leicht herstellen: Im März werden die untauglichen Schafe aus der Herde ausgemerzt. Wenn ich weiß, dass werben und wirbeln (sich drehen) einer gemeinsamen Wortwurzel entstammen, sehe ich gleich den werbenden Freier vor mir, wie er sich dreht und wendet, um die Gunst seiner Erwählten zu erringen. Aber auch wer ein Gewerbe treibt, muß sich tüchtig wenden und tätig sein, muß werben, wenn er etwas erwerben will. Die süddeutsche Hausfrau sagt heute noch für Staub wischen und rein machen stöbern. Da stiebt der Staub auf, wie wenn der Stöber (Hund) das Flugwild verbellt und aufjagt, aufstöbert. Im Schneegestöber, dem leichten, flockigen Stäuben, wird dann die diesen staubigen Wörtern gemeinsame Wurzel und Bedeutung abermals deutlich.

Ein Garten war ursprünglich ein eingefriedetes Stück Land. Das Schwergewicht der Bedeutung lag also nicht auf dem Land und seinem Wachstum, sondern auf dem Schutz und der Einfriedung. Von hier aus ergibt sich dann leicht der Zusammenhang mit Gürtel und Gurt: Auch sie umschließen, grenzen ab und sichern. Der Garten ist das umgürtete Land. Unser Kindergarten entpuppt sich bei dieser Betrachtung als ein umschlossener und umhegter Bereich, in dem Kinder ungestört spielen und wachsen können.

Das Wort umhegen erinnert an den Hag, an das dichte Gebüsch und Gesträuch, das als Gehege und Hecke diente, aber auch einen umfriedeten Wald bezeichnete. Die Hexe war ihrem Namen nach eine Hecken- und Wald-Dämonin. Dem Hag und Hege-Zaun verdanken nicht nur die Hagebutten, die Heckenbutzen, ihren Namen, sondern auch der Hagestolz, der ewige Junggeselle. Sein Name hat weder mit hager noch mit stolz etwas zu tun. Er war in früheren Zeiten ein armseliger Hag-Besitzer, ein „hage-stalt“. Er hatte nicht den Herrenhof geerbt, der dem ältesten Sohne zustand, und war nur auf ein eingefriedetes Grundstück verwiesen (gestellt), eine kleine Landstelle also, die ihm nicht erlaubte zu heiraten und eine Familie zu gründen.

Es gibt Wortwurzeln, die der Ursprung besonders weitverzweigter Verwandtschaften geworden sind, denen nachzugehen den Betrachter der Sprache immer von neuem reizt. So entwickelt sich aus der indogermanischen Wurzel glei, die etwas Klebriges, teils Schmieriges, teils Schlüpfriges bedeutet, eine klebrige Wortfamilie. Wenn wir den Anteil von Eiweiß im Getreidekorn Kleber nennen, dann bezeichnen wir damit eben seine Fähigkeit, einen klebrigen Teig zu bilden. Die Kleberschicht des Korns ist uns als Kleie vertraut, die wir als Kraftfutter weniger den Menschen als den Schweinen angedeihen lassen. Auch der Klei, den ein angesehener Marschbauer unter den Füßen haben muss, wie es z. B. in Storms Erzählung „Der Schimmelreiter“ zu lesen ist, ist der lehmige, fruchtbare Erdboden, der sich unseren Schuhen nachhaltig anhängt. Kleister als umfassender Klebestoff ergibt sich aus den Eigenschaften von Kleie und Klei. Der Familienname Kleiber meint einen Maurer, wie ja auch unser Blauspecht und Baumrutscher, der Kleiber, diesen Namen trägt, weil er den Eingang zu seiner Bruthöhle mit Lehm verklebt und vermauert. Diese Übersicht wird noch reicher, wenn wir die wortgeschichtlich mögliche Verbindung zu klettern herstellen. Klebt sich doch der Bergsteiger mit Händen und Füßen gleichsam am Felsen fest, wenn er klettert. Und darin ist er wieder der Klette verwandt, die sich mit Widerhaken jedem Streifenden anklebt. Zuletzt hat auch das Kleid in dieser Sippe seinen Platz: Es wäre dann das unserem Körper Anhaftende, während wir mit Gewand, von seiner Grundbedeutung als Gewendetes und Gefaltetes her, die Vorstellung des Weiten und Faltigen verbinden.

Zu erstaunlichen Ergebnissen kommen wir auch, wenn wir von der indogermanischen Wurzel ble oder blä ausgehen. Unser blähen und blasen leitet sich davon ab. Beiden ist die Vorstellung des Schwellens gemeinsam. Aber auch Blatt hängt damit zusammen. Wir verbinden mit Blatt wohl die Vorstellung des Schmalen, Dünnen und Flächigen (vgl. Ruderblatt, Schulterblatt, Zeitungsblatt). Dennoch entspricht dem Blatt ursprünglich eine andere Vorstellung: Es ist das Geblähte, das Ergebnis eines Sich-Entfaltens und Ausdehnens aus der Knospe. Auch die Blattern bezeichnen etwas Geblähtes, die Pocken-Bläschen, die dann ihre Narben hinterlassen. Bei einiger Überlegung verstehen wir auch, warum wir blühen und Blut in diese sprachgeschichtliche Verwandtschaft einbeziehen dürfen. Auch das Entfalten einer Blüte und Blume ist ein Schwellen und Blähen, verwandt dem Wachstumsvorgang des Blattes. Bei Blut wiederum mag die Vorstellung des Quellens bestimmend sein. Blut wäre demnach das Gequollene und wie Blüte, Blume und Blatt dem Geheimnis allen Wachstum und seiner Entfaltung auch wortgeschichtlich verbunden.

Eine fruchtbare Sippe gruppiert sich um die Wurzelsilbe ber und bar. Die Grundbedeutung tragen haben wir noch im englischen „to bear“ (tragen) und dem plattdeutschen „boren“, aber auch in der zweiten Silbe von fruchtbar: fruchttragend. Gebären heißt demnach ein Kind tragen. Gebaren ist die Art, wie ich mich trage und gebe, und die Gebärde das Zeichen, in dem mein Gebaren sichtbar wird. Die Magdeburger Börde hat ihren Namen von ihrem reiche Frucht tragenden Boden. Die Bahre ist ein Gestell, mit dem wir eine Last tragen, und die Bürde ist das Getragene, diese Last selbst. Der Zuber lautet in der alten Form „zwi-bar“, d. h. ein Gefäß mit zwei Griffen oder Henkeln zum Tragen, während der Eimer ein „ein-ber“ ist; er hat nur einen Träger. Die ursprüngliche Wurzel von Bauch ist bhu oder bhou. Sie deutet die Linie des Schwellens und die ihr entsprechende Krümmung an. Aus dieser Ursilbe entwickelt sich auch der Bug des Schiffes sowohl (ursprünglich der vordere Oberschenkel bei Tieren, vor allem bei Pferden) als auch der Buckel, ja jedes Bücken und Beugen, samt dem Bügel sind nur sprachliche Erscheinungsformen dieser geschwungenen Urlinie, die sich dann am reinsten in Bogen darstellt. Der mit dem Bogen so gerne gekoppelte Bausch (in Bausch und Bogen) bezeichnet eine wulstige Schwellung, ähnlich der ebenfalls stammverwandten Beule, und ist wiederum verwandt mit Busch und Büschel, wie wir sie allenthalben in der Landschaft finden, vor allem an Böschungen. Wenn das Meer mit einer bauchigen Schwellung in die Strandlinie eingreift, nennen wir diese gebauchte Krümmung Bucht. Im poetischen Bild wird sie zum Meeres-Busen, der ebenfalls der Ursilbe „bhu“ entstammt. Auch Bett und Beet entspringen derselben Wurzel, ja sie wurden früher in der Schreibung nicht einmal unterschieden. Dennoch bedarf es einiger Besinnung, den verwandtschaftlichen Zusammenhang ihrer Bedeutung herzustellen. Das Bett ist ursprünglich eine in die Erde gegrabene Lagerstätte, wobei das Schwergewicht auf graben liegt. So verbinden wir auch mit dem Flussbett den in das Land eingegrabenen Lauf. Der Name des Harzflüsschens Bode meint nur dieses Flussbett. Auch bei dem stammverwandten Wort Boot haben wir es mit dieser eingegrabenen Vertiefung der Bode und des Bettes zu tun. War doch das Boot anfänglich ein ausgehöhlter Baumstamm, ein sog. Einbaum. Ein Beet aber stellen wir uns meist als etwas Erhöhtes vor und vergessen, daß es ein Ergebnis des Grabens und Umgrabens ist, wie es ja auch der Wortverwandtschaft entspricht. Offenkundig ist, daß die Granne an Bart und Ähre, der Grat des Felsens und die Gräte des Fisches etwas gemeinsam haben, nämlich das Stechende und Hervorstechende. Und genau diesen Zusammenhang bestätigt die Wortverwandtschaft. Einer Wortsippe gehören auch Schere, Schar, Schäre und Scharte an. Mit der Schere verbinden wir die Vorstellung des Trennens und Zerschneidens. So ist die Schar eine von den übrigen abgetrennte Gruppe. Die Pflugschar schneidet in die Erde ein und trennt die Schollen los. Ähnlich sind die Schären abgetrennte Felsenstücke im Meer. Auch Scharten sind Einschnitte und Spalten, die wir am schartigen Werkzeug finden. Kluft und klaffen verweisen auf eine gemeinsame Wurzel mit der Bedeutung des Spaltens. Ihr entwächst auch der Kloben, ein abgespaltenes Stück Holz. Aber auch das norddeutsche Weihnachtsgebäck der Kloben, gehört hierher. Er trägt den Namen, weil er in der Mitte einen Spalt aufweist und aufgerissen ist. Wenn wir etwas auseinander klauben und ordnen, trennen und spalten wir ebenfalls das eine vom andern. Selbst der wortgeschichtlich etwas rätselhafte Klee mit seinen dreifach (im Glücksfall auch vierfach) gespaltenen Blättern wird wohl noch dieser Verwandtschaft angehören. Am Müller, der in der Mühle das Korn zu Mehl mahlt, wird wohl jedem unmittelbar deutlich, was eine Wortfamilie ist. Aber auch das alte Kornmaß, der Malter, eine bestimmte Menge von. Gemahlenem, gehört zu dieser Sippe, die sich aus der gemeinsamen Wurzel „mel“ (zerreiben) entwickelt hat. Malmen und zermalmen bezeichnen für uns den gewaltsamen Prozeß des Zerreibens. Aber auch in Mull, der uns als Torfmull besonders vertraut ist, und in Müll (ursprünglich trockener Staub), den wir in den Mülleimer kehren, spüren wir die alles zerreibende Ursilbe. „mel“ am Werke. Unser Maulwurf (eigentlich Mulwerfer) beschäftigt sich emsig mit dem lockeren, zerriebenen Erdstaub und hat somit von ihm seinen Namen. Wenn der Boden unter unseren Füßen nachgibt, wenn wir keinen festen Stand mehr haben, dann wird uns mulmig zumute, und wir machen uns aus dem Staub. Daß in dieser staubigen und mehligen Wortfamilie auch die Milbe erscheint, wird uns nicht mehr wundern, wenn wir bedenken, daß die Milben (man denke nur an die Käsemilbe) zu Mehl zerkauen, was ihnen anheimfällt. Die Melde, das allenthalben wuchernde Unkraut, trägt ihren Namen, weil ihre Blätter mehlig bestaubt erscheinen. Wer nun glaubt, daß auch Mahl und Gemahl in diese Familie einzubeziehen seien, etwa aus der Vorstellung, daß wir beim Mahl mit den Zähnen malmen und mahlen, daß Gemahl und Gemahlin ihre Mahlzeiten gemeinsam einnehmen (sollten), dessen Phantasie würde.vom Wortforscher mit Recht als unwissenschaftlich belächelt. Beide Wörter gehen nämlich auf jeweils ganz andere Wurzeln zurück. Das Mehl ist dasselbe Wort wie „mal“ in ein-mal und geht auf eine indogermanische Wurzel „me“ (messen, abmessen zurück). Mahl bezeichnete also ursprünglich den Zeitpunkt, die feste Stunde, dann die Zeit, wann gegessen wurde. Gemahl und Gemahlin gehen trotz Gleichklang wieder auf ein anderes noch im Althochdeutschen lebendiges Wort zurück: „mahal“, das ursprünglich Versammlung bedeutete, dann den in dieser Versammlung geschlossenen Vertrag, vor allem den Ehevertrag. Gemahl ist dann der durch Vertrag dem andern Zugesprochene, der Vermählte, Verlobte. Das alte Wort Mahlschatz (Brautgabe) leitet sich ebenfalls von diesem mahal, der Vertragsversammlung, ab. Schon diese wenigen Beispiele zeigen, daß Wortbetrachtungen ohne den Blick auf die Wortgeschichte leicht ins Blaue führen können, wobei jedem so unwissenschaftlich Ausfahrenden wenigstens der Trost bleibt: Eine Fahrt ins Blaue ist immer noch besser als überhaupt keine.

AUS BAUM UND HOLZ GESCHAFFEN

Wenn wir es nicht auf Grund unserer Geschichtskenntnisse wüßten, daß unser Land ehemals, in germanischer Zeit und weit bis ins Mittelalter hinein, ein Wald- und Baumland war, dem ein hölzernes Zeitalter entsprach, so könnten wir es aus Wörtern und Wendungen ersehen, die wir, ohne ihren Sinn zu bedenken, alltäglich im Munde führen. Es scheint uns nicht weiter verwunderlich, wenn jemand sagt, er sei aus hartem oder weichem Holz geschnitzt. Diese Redewendung ist vermutlich ältesten Ursprungs und gründet in der germanischen Göttersage. Dort nämlich schaffen die Götter das erste Menschenpaar nicht aus Lehm und Erde, sondern aus zwei Baumstämmen, aus Ask und Embla (Esche und Ulme). Das Weib ist nach diesem Glauben nicht aus der Rippe des Mannes gebildet, sondern steht vom Ursprung her gleichberechtigt als eigene, selbständige Gestalt dem Mann zur Seite. Es ist verständlich, wenn der Baum als Sinnbild des Lebens erscheint und als Stammbaum weitverzweigte Geschlechterfolgen umfaßt.

Da Holz der Werkstoff der Götter für die menschliche Gestalt war (wir sprechen ja heute noch von einem stämmigen oder baumlangen Menschen), konnte man auch den Bengel (das Wort bezeichnet eigentlich grobes Knüppelholz) auf einen ebenso groben Menschen übertragen. Es ist keineswegs immer böswillig gemeint, wenn wir einen ungebärdigen jungen Menschen einen Bengel nennen. Auch wenn wir einen Halbwüchsigen als Stift bezeichnen, greifen wir zu einem Namen, der eigentlich ein staksiges, stangenartiges Gebilde aus Holz meint. Nicht anders verhält es sich mit dem Knaben, dessen Grundbedeutung ebenfalls auf ein Stück Holz, einen hölzernen Pflock verweist. Wir brauchen uns nur des Knebels zu erinnern, des Querholzes, das zum Knebeln dient, und der sprachliche Zusammenhang mit Knabe wird deutlich. Immer handelt es sich bei diesen Holz-Namen um junge, wachstumskräftige und stämmige menschliche Gestalten. Damit ließe sich auch vereinbaren, daß die Kegel, die unehelichen Kinder, die innerhalb der germanischen Familie mit heranwuchsen (deshalb „mit Kind und Kegel“), ursprünglich auch nur den Namen für einen hölzernen Pflock oder Pfahl tragen. Die Sprachwissenschaft nimmt an, daß auch der Knecht seinen Namen von einem knorrigen und knotigen Stück Holz übernommen habe.

Den höchsten Rang erreicht diese von der Sicht des Baumes her sich ergebende Namen-Reihe mit dem Stab, der wohl ursprünglich stellvertretend für den Baum und seine Lebenskraft galt. Er wird in mehrfacher Hinsicht zum Zeichen des Lebens, der Macht und damit auch des Rechtes. Vom Hirten- und Marschallstab bis zum Szepter des Herrschers reicht seine Macht und Würde stiftende Wirkung. Und wo sich Menschen zusammenfinden, in denen sich Macht und Bedeutung jeglicher Art verkörpert, so vereinen wir sie im Sinnbild des Stabes: sei es ein Generalstab oder der Mitarbeiterstab in den Unternehmungen der Wirtschaft, Wissenschaft und Presse. Aber in noch umfassenderem und tiefgreifenderem Sinne wirkt sich der Vorgang der menschenschaffenden Tätigkeit der Götter in unserer Sprache aus: Das Wort schaffen selbst leitet sich von der schöpferischen Bearbeitung des Holzes ab. Ursprünglich ist dieses Schaffen ja nichts anderes als Schaben, d. h. aus Holz schneiden und schnitzen (vgl. englisch: shape =gestalten, formen). In dem geglätteten, blankgeschabten Speer-Schaft wird ein solches aus Holz geschaffenes Gebilde im Wort anschaulich. Auch das süddeutsche Schaff, der hölzerne Bottich, und der kleinere Scheffel (ein verschwundenes Hohlmaß) verraten deutlich ihre Herkunft und Be-schaffenheit. Die Holzbearbeitung als Urform allen Schaffens finden wir auch in dem Wort Ge-schäft wirksam. Ja, jede besondere Beschaffenheit (äußere und innere) von Menschen, Sachen, Gemeinschaften fasst unsere Sprache folgerichtig in der Endung schaft zusammen: Gemeinschaft, Brüderschaft, Herrschaft, Liebschaft usw. Da auch das Wort für jedes schöpferische Tun, für Schöpfer und Schöpfung, derselben Wortwurzel entwächst wie schaffen und schaben, darf man behaupten, daß der gesamte Wortbereich des Schaffens seine Heimat im Wald, seinen Bäumen und Hölzern hat. Daß dieses schöpferische Tun auch noch den Namen der Schöffen bestimmt, die einst das Recht schöpften und eine Rechtsordnung schufen, mag hier am Rande erwähnt sein. Man weiß, daß der Werkstoff Holz, ehe die steinerne Mauer von den Römern übernommen wurde, auch den Hausbau bestimmte. Selbst wenn wir uns heute in Bauten aus Beton und Glas aufhalten, so verraten doch die Zimmer, daß ihr Name aus dem hölzernen Zeitalter stammt: Zimmer bezeichnet ursprünglich nur das Bauholz, aus dem ein Raum gezimmert wurde (vgl. englisch: timber = Bauholz, Baumstamm) und dann erst diesen Raum selbst. Der Zimmermann ist für unser Gefühl auch heute noch diesem Holz werkend verbunden. Auch in dem Wort Diele erfassen wir heute noch unmittelbar den hölzernen Ursprung. Dielen sind Bretter, aus denen man nicht nur Wände fügte, man belegte mit ihnen vor allem Fußböden. Im Niederdeutschen entwickelte sich dann die Bedeutung der Diele als Hausflur. Auch wenn die Diele in unserem Neubau aus modernsten Werkstoffen bestehen sollte, ihr Name erinnert noch an Dielenbretter und Holztäfelung. Weniger offenkundig ist es, daß auch der perfekteste Selbstbedienungsladen mit seinem Namen noch an das hölzerne Zeitalter des Waldes in unserer Geschichte erinnert. Ursprünglich ist der Laden nur ein Brett oder eine Bohle (die Bettlade ist ein aus solchen Brettern gezimmerter Kasten), womit man dann auch Fenster sichern und abdichten konnte. So entstand unser Fensterladen und zuletzt der aus Brettern und Latten hergerichtete Verkaufsstand, der Verkaufsladen. Es ist tröstlich zu wissen, daß die Sprache beharrlicher ist als die Menschen, die sie „im Laufe der Zeit“ sprechen. Auch wenn wir aus Beton, Stahl und synthetischen Stoffen unsere Bauten und Werke „schaffen“: Die Sprache gibt uns allenthalben Erinnerungen und Winke, die uns veranlassen könnten, dem Holz die Ehre und den Ehrenplatz zu geben, die ihm und seinem Ursprung, dem Walde, in unserem Leben immer noch gebühren.

ALTDEUTSCHES RECHTSWESEN IN UNSERER SPRACHE

Nur wenigen wird es bekannt sein, daß eines unserer alltäglichsten und in der Bedeutung allgemeinsten Wörter in unserer Sprache sich vom germanischen Rechtswesen aus breit gemacht hat: das Ding. Ursprünglich der Termin, die bestimmte Zeit (von der indogermanischen Wurzel „ten“ her besteht ein Zusammenhang mit dem lateinischen „tempus“ Zeit), bezeichnet das Wort dann die Gerichtsverhandlung und auch den Gegenstand, der verhandelt wird. Im Laufe der Zeit meinte es jeden Gegenstand und wurde zum Allerweltswort für schlechterdings alles und nichts, für Dings und Dingsda. Nur in einigen Redewendungen wird die Grundbedeutung des Wortes für uns noch sichtbar: wenn wir jemanden verdingen, wenn wir Bedingungen stellen, uns etwas ausbedingen oder gar jemanden dingfest (für die Gerichtsverhandlung fest) machen. In der Redensart „aller guten Dinge sind drei“ wirkt die alte Rechtsgepflogenheit nach, den Angeklagten wenigstens dreimal vor die ordentliche Gerichtsversammlung zu laden. Auch in verteidigen finden wir die alte Bedeutung, wenn wir die alte Wortform „vertagedingen“ betrachten: Ich vertrete meine Sache vor dem Tageding (die Verhandlungen fanden nur am Tage statt), ich verteidige mich.

Ähnlich verhält es sich mit der Sache, die ursprünglich auch nur den Rechtshandel und Rechtsstreit bezeichnete. In unserem Sachwalter, aber auch in den Zivil- und Straf-Sachen ist noch die alte Bedeutung lebendig, wie auch im Wider-Sacher, der vor allem an den Streitcharakter des Wortes erinnert.

Neben den Richtern, Klägern und Angeklagten spielten die Schöffen eine entscheidende Rolle, die, wie ihr Namen verrät, je nach den „Umständen“ das Recht „schöpften“, gelegentlich wohl auch schufen, wobei der Umstand wörtlich als die Schar der den Gerichtsplatz Umstehenden, vor allem der Sippenangehörigen, zu verstehen ist. Jeder Mann aus diesem Umstand hatte die Befugnis, das Urteil zu Recht zu weisen, wovon sich unsere „Zurechtweisung“ herleitet. Diese Art der Urteilsiindung war eine wahrhaft umständliche Sache, und mancher mag sich gedacht haben: Warum so viele Umstände machen! — eine Redensart, die auch uns noch als Seufzer bei langwierigen Verhandlungen geläufig ist.

Haben wir es bei Ding, Sache und Umstand mit Wörtern zu tun, deren ursprüngliche Bedeutung sich im Laufe der Zeit sehr erweitert hat, so vollzog sich bei dem Worte Ehe schon sehr früh eine Verengung des Begriffs: „Ehe“ ist anfänglich das Gesetz schlechthin, wobei der Anklang an „ewig“ nicht nur lautlich, sondern auch sprachgeschichtlich zu Recht besteht. Die altdeutsche Form lautet „ewa, ewe“ und verweist auf die zeitlich unbeschränkte Dauer des Gesetzes. Die Beziehung zum lateinischen „aevum“ (Ewigkeit, Lebenszeit) besteht ebenso wie zum griechischen „aion“. Es ist verständlich, daß das Gesetz (ewa, ewe), das eine dauernde Ordnung gewährleisten sollte, in seiner Bedeutung vor allem auf das Grundgesetz der Gesellschaft, die Ehe, bezogen wurde.

Da den Menschen der germanischen Vorzeit sowohl wie denen des Mittelalters das Denken in reinen Begriffen nicht gemäß war, verlangten sie nicht nur das anschauliche Wort, sondern auch die Darstellung in sinnbildlichen Handlungen und Zeichen. Diese Art des Denkens und Anschauens schlug sich wiederum in Redewendungen und Redensarten nieder, die wir heute noch im Mund führen, selbst wenn ihr ursprünglicher Sinn uns nicht mehr zum Bewußtsein kommt. Schon das Wort besitzen ist ein solcher sprachlicher Rest altdeutscher Rechtsbilder: Das Eigentumsrecht bekundete man, indem man wortwörtlich eine Sache in Besitz nahm. Nachdem z. B. die Grenze des Ackers abgesteckt war, stellte mancherorts der Käufer einen dreibeinigen Stuhl auf das Land und setzte sich darauf. So erst wurde er zum Be-Sitzer. Auch der Hammerschlag konnte den rechtsgültigen Übergang einer Sache an einen neuen Eigentümer bekräftigen, wie es heute noch bei Versteigerungen üblich ist, wenn etwas „unter den Hammer“ kommt und jemandem der „Zuschlag“ erteilt wird. Der Hammer als Symbol göttlicher Kraft und Weihe gründet im germanischen Donarkult. Dem Gotte war der Hammer als Sinnbild seiner zeugenden Kraft geweiht. In diesem Sinne diente er zur Bekräftigung von Rechtsakten. So sind uns z. B. Grenzsteine in Hammerform aus Island überliefert. Die älteste Bedeutung von Hammer ist „Fels, Stein“, woraus ja auch ursprünglich der Hammer sowohl wie der Donnerkeil des Gottes gebildet und geschliffen waren. Ein anderes uns noch geläufigeres Zeichen richterlicher Macht ist der Stab, von dessen sinnbildlicher Bedeutung wir schon im Kapitel „Aus Baum und Holz geschaffen“ hörten. Als Richterstab wird er zum Zeichen richterlicher Macht über Leben und Tod. Wenn der Richter in früheren Zeiten nach dem Todes- oder Achturteil „den Stab über jemanden brach“, so wird dieser Stab ursprünglich wohl auch das Leben des Verurteilten gemeint haben. Eine sinnbildlich weniger gefestigte, aber urkundlich besser begründete Deutung sieht darin die Beendigung des amtlichen Auftrags dem Verurteilten gegenüber. Ganz im Dienste sinnbildlicher Gebärdensprache stand im altdeutschen Rechtsleben die Hand. Der Handschlag gilt ja heute noch auf den Viehmärkten und anderswo als verbindlicher Abschluß eines „Handels“, und die Redensart „jemandem etwas in die Hand versprechen“ ist uns noch so vertraut wie jene sprachliche Gebärde feierlicher Beschwörung: Hand aufs Herz! Die Hand war aber auch das Zeichen des Schutzes, den man jemandem gewährte. Zumindest in der Sprache halten auch wir noch unsere Hand schützend über einen jungen Menschen. Das Wort für diese schützende Hand ist uns noch in Vormund und Mündel erhalten. Es lautete im Altdeutschen „die raunt“ und ist vom Indogermanischen her mit dem lateinischen „manus“ (Hand) verwandt. Diese „Mund“ ist auch in unserem meist falsch verstandenen Sprichwort „Morgenstund hat Gold im Mund“ gemeint; d. h. wer seine Hand (munt = manus) schon in früher Stunde regt und fleißig arbeitet, wird reich werden. Die schützende Wirkungskraft dieser munt-Hand lebt auch noch in Eigennamen weiter: Siegmund (siegreicher Schützer), Edmund (Schützer des Erbgutes) und Egmont (Schwertschutz). Als „mundtot“ bezeichnete man früher einen Menschen, der des Rechts, als „Muntherr“ seine oder die Sache anderer zu vertreten, verlustig gegangen war. Wie die uns fremden Bräuche mittelalterlicher Gottesgerichte in der Sprache weiterleben, ist jedem so vertraut, daß hier nur einige Hinweise genügen mögen. Auch wenn wir nicht mehr glauben, daß Gott, um unsere Unschuld zu bezeugen, mit Wundertaten in ein Gerichtsverfahren eingreift, bestehen wir in der Sprache noch Feuerproben, sitzen wir wie auf glühenden Kohlen, gehen wir für jemanden durchs Feuer oder legen die Hand hinein. Selbst Gift nehmen wir noch „auf“ etwas, so sicher scheinen wir unserer gerechten Sache zu sein: Da kannst du Gift darauf nehmen! In der Erregung sind wir noch bereit, auf „Stein und Bein“ zu schwören, d. h. mit der Hand auf der steinernen Altarplatte und ihren Reliquien Eide zu leisten. Aus dem Brauchtum der Femgerichte stammt vermutlich noch unser Steckbrief. Die schriftliche Vorladung dieses geheimen Freigerichts wurde mit dem Dolch an das Tor oder den Gartenzaun des zu Ladenden festgesteckt. Unsere Redewendung „einem etwas stekken“ wird von diesem Rechtsbrauch stammen. Der Ausdruck „einem etwas anhängen“ entspricht der Gepflogenheit, dem am Pranger zur Schau gestellten Übeltäter einen Zettel oder eine Tafel anzuhängen, worauf die Schandtat zu lesen war. Wenn wir heute noch jemandem „aufs Dach steigen“, so wirkt in dieser Redensart eine symbolische Ehrenstrafe nach, die der Komik nicht entbehrte: Ehemännern, die sich von ihren Frauen hatten schlagen lassen, stieg man in manchen Gegenden tatsächlich aufs Dach und deckte es ab. Solche Dachabdekkungen sind uns bis ins 18. Jahrhundert überliefert. Nach einem Mainzer Amtsbericht aus dem Jahre 1666 soll sich ein solcher Strafvollzug folgendermaßen abgespielt haben: Wenn eine Frau ihren Mann geschlagen hatte, so nahmen sich sonderbarerweise die Bewohner des Nachbardorfes dieses Falles an. Mit Trommeln, Pfeifen und fliegenden Fahnen, so erzählt der Bericht, zogen sie vor des geschlagenen Mannes Haus, stiegen auf das Dach, hauten ihm den First ein und rissen ihm das Dach bis auf die vierte Latte von oben an ab. Nicht ohne Humor liest man die Deutung dieser -Strafe bei Jakob Grimm, wonach man „einen Mann, der sich dem häuslichen Unwetter so geduldig unterzogen, auch dem physischen preisgeben wollte.“ Wie tröstlich, daß dieser volksrechtliche Strafvollzug heute nur noch als ungefährliche bildliche Redensart umgeht!

RITTERLICHES SPRACHERBE

Wenn wir heute ein Ereignis ausführlich schildern, kommt es uns kaum in den Sinn, daß dieses Schildern sich von den Schilden der Ritterzeit herleitet. In germanischer Zeit waren die Schilde bunt bemalt, die Ritter trugen sie mit dem Bild ihres Wappens. Der „schiltaere“ war damals ein Wappenmaler, und erst später erweiterte sich die Tätigkeit des Schilderers auf die Wiedergabe jedes Geschehens. Am Wappen erkannte man Rang und Familie des Ritters. Darum war es wichtig zu wissen, was einer im Schilde führte, ob er Freund oder Feind war. Das galt vor allem, wenn er auf einer Reise war, wenn er als Reisiger, als Bewaffneter, zu Krieg und Fehde aufgebrochen war (vgl. englisch: to rise = sich erheben; es ist wahrscheinlich, daß der „Riese“ sich aus derselben Sprachwurzel erhob). Die Vorstellung, daß man irgendwohin aufbricht, hat sich wohl vom Zeltlager her ergeben. Deshalb brechen wir noch auf, auch wenn wir kein Zeltlager mehr auf- oder abzubrechen haben. Wenn die reisigen Ritter zur Herberge kamen, d. h. dorthin, wo das Heer Obdach und Geborgenheit fand, hängten sie zum Zeichen ihrer Anwesenheit wohl ihre Schilde vor das Tor und an die Mauern. Mancher Wirt mag im Gefolge dieser ritterlichen Sitte später seiner Herberge das Schild seines Hauses und Gewerbes angehängt haben, das Wirtshausschild. Damit war aus dem ritterlichen Schild das gewerbliche geworden, das seine eigene Mehrzahl bildete: Die Schilde der ritterlichen Herren wurden ersetzt durch die Schilder der bürgerlichen Wirte, Handwerker und Kaufleute.

Sporen waren ein Zeichen ritterlicher Würde. Erst nach dem Ritterschlag durfte sie der Jungherr anlegen. Auch unsere jungen Männer verdienen sich noch die Sporen, wenn sie sich in Beruf und Amt bewähren. Ohne Kampf zu Pferde und mit der Lanze heben wir auch heute noch unsere Gegner aus dem Sattel, wenn sie nicht sattelfest und in ihrer Beweisführung stichfest sind. Einen Kameraden lassen wir ebensowenig im Stiche (liegen), wie der anständige Ritter es tat, d. h. wir helfen ihm, wenn er im hin und her des Turniers, im „Gestech“, zu Fall kommt. Das von der französischen Ritterschaft übernommene Wort Turnier ist übrigens mit unserem Turnen (wenden, drehen, vgl. englisch: to turn) sprachverwandt. Turnen (das Wort kam erst wieder durch Turnvater Jahn zu Ehren) und Turnier haben ihren gemeinsamen Ursprung in dem lateini- i sehen „tornare“ (drechseln). War während des ritterlichen Turniers einer in den Sand (Gries) gefallen, so hielt der Turnier- oder Grieswart eine Stange über den Gestürzten: eine Gebärde des Schutzes, die auch wir noch in ‚ der Sprache nachahmen, wenn wir jemandem die Stange halten. Ähnlich verhält es sich mit unserer Redensart nicht viel Aufhebens machen. Sie bezieht sich auf einen ritterlichen Brauch vor dem Zweikampf. Die Waffen lagen auf dem Boden und wurden mit bestimmten Gebärden aufgehoben, ehe man gegeneinander anging. Auch wenn wir „es“ (nämlich die Waffe) mit jemandem aufnehmen, erinnern wir uns sprachlich an diese Turniersitte. Die Ballzeremonie zu Beginn eines Fußballspieles könnten wir damit vergleichen, wie ja der Sport eine Zuflucht ritterlichen Geistes geblieben ist. Ohne viel Aufhebens aufeinander loszuschlagen, wäre auch heute noch unritterlich.

Von den zahlreichen Nachwirkungen ritterlicher Art und Lebensführung in unserer Sprache wollen wir nur noch drei Redensarten erklärend betrachten. Wenn wir heute noch eine Rede aus dem Stegreif, d. h. ohne Vorbereitung halten, so ist dieser Stegreif der Steigreif oder Steigbügel des Ritters. Wie es leidenschaftliche Autofahrer gibt, die möglichst alles vom Auto aus er- J leben und erledigen wollen (z. B. Einkauf und Kinobesuch), so konnte sich wohl auch mancher Ritter nicht entschließen, vom Pferde abzusteigen, wenn es angebracht gewesen wäre. Ohne Rücksicht auf Formen der Höflichkeit wird er Burg und Gut aus dem Steigreif verwaltet haben. Kann ein kleiner Geist dem genialen Meister das Wasser nicht reichen, dann finden wir die Erklärung solcher Rede in den Tischsitten der Ritterzeit, als man noch nicht mit der Gabel, sondern mit den Fingern aß und ein Knappe anschließend Wasser und Handtuch zum Händewaschen reichte. Wer nicht einmal diesen Dienst zu leisten berechtigt ist, wäre weniger als ein Knappe, der den Damen und Herren immerhin das Wasser reichen durfte. Daß heute noch die Frau dem Manne einen Korb geben kann (aber nicht der Mann einer Frau), diese Redensart erinnert an eine neckische Gepflogenheit des ritterlichen Minnedienstes: Burgfrouwen zogen ihren Verehrer, ihren „friedel“, wenn sich keine andere Gelegenheit zum Stelldichein bot, in einem Korbe hoch zu sich in die Kammer. Manchmal wird auch eine verschwiegene Kammerzofe nächtlicherweile mitgezogen haben, bis der kühne Raumfahrer die Zinne oder Brüstung ergreifen und sich mit eigener Kraft hinüberschwingen konnte. Ein Bild aus der berühmten Manessischen Handschrift zeigt uns einen Herrn Kristan von Hamle in solcher schwebenden Situation, während oben die Freundin eine Art Flaschenzug betätigt. Nun scheint es aber bösartige Damen gegeben zu haben, die dem nicht genehmen Bewerber einen Korb mit brüchigem Boden hinunterließen und in geeigneter Höhe den Durchfall und Absturz des Minnenden veranlaßten. Manche sollen den Herrn der Schöpfung auch in der Schwebe gelassen und nicht nur der nächtlichen Kühle, sondern auch dem nachfolgenden Spott ausgesetzt haben. Späterhin hat man einem unbequemen Verehrer wohl einen Korb ohne Boden zugehen lassen, damit er gleich wußte, was ihm blühte, wenn er es dennoch versuchen wollte. Man gab ihm also einen Korb zum Durchfallen. Deshalb ist heute jeder Korb, den man von einer Dame bekommt, nur eine bodenlose Angelegenheit.

Vermutlich hat sich diese symbolische Aktion des Durchfallen* in der folgenden Zeit auch auf andere Arten von Bewerbungen und Prüfungen übertragen, so dass wir heute bei verschiedenen Gelegenheiten durchfallen können.

MONATE UND TAGE

Der Zusammenstoß der germanischen Welt mit der römischen hat zu manchen Verwirrungen geführt, das zeigen noch unsere Monatsnamen. Sie alle nämlich sind römischer Herkunft. Soweit sie noch an römische Gottheiten erinnern, entbehren sie nicht ganz des Sinnes, wenn auch eines fremden: Der Januar gilt dem doppelköpfigen Tanus, dem Gott der Schwelle, des Aus- und Eingangs, und steht deshalb mit einigem Recht am Beginn des Jahres. Der März erinnert an den Kriegsgott Mars, für den die Germanen gewiß Verständnis hatten, der Mai an einen Jupiter Majus, einen für uns unbekannten Gott des Wachstums. Im Juni lebt der Name der jugendlich blühenden Juno, der Gemahlin Jupiters weiter. Juli und August sollten uns an Julius Cäsar und den ersten römischen Kaiser Augustus gemahnen, die Helden einer fremden Geschichte. Der Februar hat weder mit Göttern noch mit Kaisern etwas zu tun. Er ist der Fieber-Monat und war bei den Römern der Monat der Reinigung und Entsühnung. Sein Name ist die Erinnerung an diese feierlichen religiösen Übungen. April könnten wir als Monat des öffnens bezeichnen, wenn die Beziehung zum lateinischen aperire = eröffnen zutrifft. Er wäre dann der Frühlingsmonat, der die Zeit des Wachsens und Blühens eröffnet. September, Oktober, November und Dezember sind nichts als numerierte Monate und bezeichnen den siebten, achten, neunten und zehnten Monat. Sie wären für uns nur sinnvoll, wenn wir die Zählung der Römer hätten, für die das Jahr bis in die Zeit Cäsars mit dem März einsetzte. Für unsere Zählung stimmen die Nummern nicht mehr; denn wir müßten den September — den siebten Monat — November — den neunten — nennen und dann weiter für diese Monate bis zwölf zählen. Die römische Zählung ist für uns widersinnig. Aber es ist nun einmal so, daß sich in der Geschichte auch Wider- und Unsinniges durchzusetzen und zu bewahren weiß. Sinnvoller wären gewiß die alten deutschen Namen, die übrigens Karl der Große noch gebraucht wissen wollte. Sie nämlich entsprechen dem Ablauf des Jahres im Zusammenhang mit dem Naturgeschehen und der bäuerlichen Arbeit in unseren Landstrichen. Der Härtung, auch Wintermond und Eismond, erinnert an die harte Jahreszeit. Im Hornung werfen die Hirsche ihr Gehörn, ihr Geweih ab. (Ganz gesichert ist diese Erklärung freilich nicht.) Der Name des Monats Lenz leitet sich von „lang“ ab und weist darauf hin, daß sich jetzt die Tage „längen“. Der Ostermond erinnert an die germanische Fruchtbarkeitsgöttin Ostara. Sie gibt ja auch unserem Osterfest den Namen. Ihre Sinnbilder der Fruchtbarkeit und Erneuerung des Lebens sind bis auf unsere Tage der nachwuchsreiche Hase und das Ei. Wenn wir den Mai mit seinem deutschen Namen Wonnemond nennen, so dürfen wir nicht einfach an den herkömmlichen Begriff Wonne denken. Diese Wonne (oder richtiger Wünne) stand ursprünglich nur dem Vieh zu, das auf die Wünne, auf das frisch ergrünte Wiesenland getrieben wurde, um dort sein Weideglück zu genießen. Erst später erweiterte sich die Bedeutung zum gesteigerten Glück mancher Art. Der Brächet erinnert an die alte Dreifelderwirtschaft, als noch jeweils ein Drittel des bebauten Landes zur Erholung brach blieb und im Juni umgebrochen wurde.

Der Heuert ist der Heumond, in dem das Gras gemäht und getrocknet wurde, weshalb wir mit dem Wort Heu meist die Vorstellung des dürren, getrockneten Grases verbinden, was aber der eigentlichen Bedeutung des Wortes nicht entspricht: Heu ist das „gehauene“, also nur gemähte Gras. Der Ernting bezeichnet die Zeit der Getreideernte. Im Scheiding geht der Sommer seinem Ende entgegen. Nun heißt es Abschied nehmen von der schönen, warmen Zeit.

Ein geradezu poetischer Name ist der Gilbhard. Sein Name beschwört die Herbstfärbung des gilbenden, sich verfärbenden Waldes. Die zweite Silbe Hard (Hart) meint den Bergwald und ist uns noch in den Namen unserer Mittelgebirge erhalten: Haardt, Harz, Spessart (Spechtswald). Der Neblung verweist auf die grauen, regnerischen und nebeligen Novembertage. Der alte deutsche Name für den letzten Monat des Jahres ist, entsprechend dem Nebeneinander von heidnisch germanischer Überlieferung und jungem Christentum, doppelt überliefert. Karl der Große soll für ihn noch den Namen Christmond (auch Heiligmond) bestimmt haben. Der nordgermanische Name ist Julmond. Er lebt auch noch in Julklapp weiter. Das Wort Jul ist in seiner Bedeutung unklar. Es könnte die Zeit der Schneestürme meinen. Aber auch eine Beziehung zum Rad (vgl. englisch: wheel) ließe sich herstellen. Das Rad wäre dann ein Zeichen für die Wende des Jahres.

Mancher bedauert, daß diese recht sinnvollen und im ganzen auch verständlichen Monatsnamen verschwunden sind und für uns nur noch historische Bedeutung haben. Es wäre vergeblich, sie entgegen dem internationalen Sieg der römischen Bezeichnungen wieder hervorholen zu wollen. Wer diese zum Teil sinnlos gewordenen Namen nicht gebrauchen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als die Monate von eins bis zwölf zu beziffern, wie es geschieht, wenn wir abkürzend schreiben: 21. IX. 1963, 17. XI. 1964, 25. XII. 1959. Günstiger und sinnvoller als die Monatsnamen haben sich die Namen für die Tage der Woche entwickelt. Hier setzten unsere Vorfahren an die Stelle der römischen Götternamen, welche die siebentägige Planetenwoche bezeichneten, germanische Namen ein, die sich fast alle erhalten haben. Für die römischen Namen Sol und Luna konnten sie einfach die entsprechenden germanischen wählen: Sonne und Mond, Sonntag und Montag; wobei wir bedenken müssen, daß diesen Gestirnen früher noch religiöse und kultische Bedeutung zukam. An die Stelle des römischen Kriegsgottes Mars trat der germanische Kriegs- und Glanzgott Ziu (Tiu). Ursprünglich war er ein indogermanischer Himmelsgott, und sein Name ist noch in Zeus, in Jiu-piter, auch in den lateinischen Wörtern „deus“ (Gott) und „divus“ (göttlich) erhalten. Im englischen Wort für unseren Dienstag erkennen wir ihn noch deutlich: Tuesday. An die Stelle des Merkur trat der germanische Wanderergott Wodan, dessen Name sich im englischen Wednesday erhalten hat. Wir haben für den Wodanstag den Mittwoch, der die Mitte der Woche bezeichnet. Für den römischen Jupiter trat der germanische Donar (Thor) ein und gab unserem Donnerstag den Namen. Die römische Venus hat ihr germanisches Gegenstück in der Liebesgöttin Freya, der demnach der Freitag geheiligt ist. Daß heute noch der Freitag eine für Hochzeiten bevorzugter Tag ist, ist vermutlich auf ihren Einfluß zurückzuführen. Der römische Saturn lebt noch im englischen Saturday weiter. Im Deutschen setzte sich durch gotisch-arianische Vermittlung im Süden der hebräische Sabbattag als Samstag durch, während der Norden diesen Tag am Vorabend des Sonntags zum Sonnabend machte, zum Feierabend vor dem Sonntag.

KLANGBILDER

Die lautmalende Fähigkeit der Sprache fällt auch dem oberflächlichen Betrachter auf. Schallnachahmende (die Wissenschaft nennt sie „onomatopoetische“) Selbst- und Mitlaute scheinen die Geräusche und Klänge der Natur und Menschenwelt zu wiederholen. Jedermann ist die Wirkung dieser Wörter vertraut: trillern, klingen, wispern, wiehern, klappern, klatschen, plappern, quaken, rattern, schnarchen, summen, schnurren, pusten, meckern, krächzen usw. Man kann einwenden: Wenn solche Wörter wirklich Naturlaute nachahmen, müßten sie sich in allen Sprachen gleichen. Das ist aber nicht der Fall. Der deutsche Hahn schreit kikeriki, der englische cock-a-doodle-doo, der griechische kokkü, der mongolische dschordschor und der chinesische kiao. Wenn sich diese Wörter auch nicht gleichen, so ist in allen doch ein Bestreben festzustellen, dem Ruf des Hahnes im Klangbild gerecht zu werden. Die Völker und ihre Sprachen nehmen die Naturlaute verschieden auf und finden darin jeweils besondere Kennzeichen, die sie in ihrer Sprache lautlich festzuhalten versuchen. Diese schallnachahmenden Wirkungen der Sprache sind nicht immer leicht abzugrenzen von den sinnbildlichen. Wenn wir aber feststellen, daß eine Fülle von Wörtern der Bewegung mit W beginnen, dann hat dieser Laut sinnbildlichen Wert: Weg, Wasser, Waage, Wind … Das W kennzeichnet die diesen Wörtern gemeinsame Bewegung: Woge, Wirbel, Quelle, Qualle, schwanken, schwellen, wallen, wandern, wenden, weben, wehen, wechseln . .. Das bewegende W in einer fast unerschöpflichen Fülle von Wörtern der Bewegung dürfte nicht mehr als Zufall angesprochen werden. Hier bestehen Zusammenhänge zwischen Wortklang und Wortbedeutung, die sinnbildlicher Art sind. Es wäre verkehrt und würde jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehren, aus einer von Fall zu Fall möglichen Lautsymbolik ein allgemein gültiges Gesetz ableiten zu wollen. Dennoch ist eine klangbildliche Wirkung bestimmter Laute immer wieder festzustellen: Es kann nicht Zufall sein, daß fast alle Bezeichnungen für schlaffe, lässige und lasche Menschen ein L enthalten: Laffe, Lackel, Lorbaß, Lappe, Lump, Lotterbube. . . Dieses L, das hier eine abwertende Bedeutung hat, erscheint im Sinne des Milden und Gelinden in anderen Wörtern: Liebe, laue Luft, Klang, laben, gleiten, leise, lösen, stillen … Es entspricht der Wirklichkeit des Lebens, daß dieselbe Erscheinung verschiedene Bedeutungen haben kann. In der Endung el hat das L eine verkleinernde und verniedlichende Wirkung. So wird aus dem Tanzen ein Tänzeln, aus dem Lachen ein Lächeln, aus Trappen ein Trappeln und Trippeln, aus Äugen ein Äugeln. Aus der Eiche wird das Kind der Eiche, die Eichel, aus dem massigen Schinken der schlanke Schenkel. Mit der Verkleinerung geht oft eine Wertminderung Hand in Hand: Den Grübler, der mit seinem Graben in die Tiefe zu keinem rechten Erfolg kommt, haben wir schon an anderer Stelle erwähnt. Auch wenn der Kluge zu klügeln anfängt, nehmen wir seine Klugheit nicht mehr ernst, und einem soliden Liebhaber steht es nicht zu, anderweitig zu liebeln. Gesindel ist ein verlottertes Gesinde. Wenn wir beobachten, daß sich die Lautverbindung KR überall dort einfindet, wo es sich um krumme Linien und Kurven handelt, dann sind wir wohl berechtigt, uns über diese klangbildliche Wirkung Gedanken zu machen. In jedem Fall widerspräche das KR den Vorstellungen des Glatten, Ebenen und Geraden: Krüppel, Krücke, kriechen, Krampf, Kropf, Krone, Krempe, Kragen, Krause, Kralle, Kringel, krumpeln, kritzeln.. . Auch die indogermanische Wurzel „glei“, aus der sich eine zahlreiche Wortfamilie vom Kleber bis zum Kleister nährt vermittelt schon als Klangbild die Vorstellung des Klebrigen und Schmierigen. Eine geradezu zaubrische Lautgebärde haben die indogermanischen Wortwurzeln „blä“ und „blä“, von denen sich blühen, Blatt, Blut usw. ableiten. Schon beim Sprechen dieser Konsonantenverbindung vollziehen wir mit den Lippen den Vorgang des Entfaltens und Blühens, der dann auch die Bedeutung der ganzen Wortfamilie bestimmt. Auf die sinnbildliche Wirkung und Bedeutung der Vokale verweist Ernst Jünger in seiner Abhandlung „Das Lob der Vokale“. Jünger meint z. B., das A sei „der eigentliche väterliche Laut, das höchste und königliche Zeichen der Paternität“, der Vaterwürde. In ihm klinge zugleich die Höhe und umfassende Weite des Lebens und der Herrschaft an. „Diese doppelte Ausdehnung“, so sagt Jünger, „tritt in unserem Wort Aar prächtig hervor .. . Als Ausruf kündet das volle A den höchsten Grad der Bewunderung an, im Lachen die hohe, joviale Heiterkeit. In unseren Formeln, Zaubersprüchen und Gebeten verkündet das A den Anruf der höchsten Macht, und je weiter wir in dieses Gebiet eindringen, desto mehr erstaunt uns der hohe Grad der Notwendigkeit, der unserer Sprache innewohnt. Die gewaltigste dieser Formeln lautet: ,1m Namen des Vaters‘.“ Dem väterlichen A ist das mütterliche U entgegengesetzt. Das U, sagt Jünger, ist der Laut des Ursprungs, der Wurzel und der feierlichen Dunkelheit. Bezeichnend ist, daß das U in einer großen Zahl von Wörtern erscheint, die etwas Abgeschlossenes und Verborgenes bezeichnen: Urne, Grube, Gruft, Grund, Mulde, Muschel, Truhe, Krug, Turm, Burg, Kugel, Brust, Mund, Stube, Hut, Glucke, rund, unten. Dem E ordnet sich nach Jünger die Ausdehnung der Ebene zu. „Die beiden Reiche, die sich in diesem Laute begegnen und überschneiden, sind die des Leeren und des Erhabenen.“ Er verweist auf Wörter wie Meer und Schnee, See und Seele. Aber auch das Langweilige und Eintönige erscheine in diesem Laut, besonders sinnfällig in einer Wendung wie „Der Regen regnete“. Die Bühnensprache vermeide deshalb die reine Aussprache dieses Vokals. Das E ist auch der Vokal des abstrakten Denkens. „Wir sehen es vornehmlich in Verben auftreten, die eine ganz allgemeine Tätigkeit ausdrücken, welche auf eine Unzahl von wechselnden Inhalten bezogen werden können. Sehen, reden, denken, nennen, messen, rechnen, begrenzen, leben, werden, weben, erkennen, entstehen, vergehen, verwerfen sind Tätigkeitswörter dieser Art, von denen unsere Sprache eine unerschöpfliche Fülle besitzt, und die sich im besonderen in jenen Sätzen einstellen, in denen wir uns mit den Formen des Denkens selbst, also mit der Logik beschäftigen.“

Wir wollen und können hier nicht im Sinne Jüngers alle Laute auf ihre klang- und sinnbildlichen Wirkungen untersuchen, zumal da wissenschaftlich zuverlässige Grundlagen wohl kaum zu gewinnen sind. Aber an der Tatsache klangbildlicher Wirkungen der Sprache kann niemand vorübergehen, dem Sprache mehr ist als nur ein notdürftiges Verständigungsmittel. Manche der Betrachtungen Jüngers mögen dichterische Auffassungen sein. Aber auch die Dichtung hat ihre Wahrheit. Weite Bereiche der Lyrik werden von der Wirkung der sprachlichen Klangbilder bestimmt. Das ist auch einer der Gründe, warum Gedichte nie lautgerecht zu übersetzen sind. Schon die Übertragung folgender altdeutschen Verse ins Neuhochdeutsche ergibt ein anderes Klangbild: „Du bist min, ich bin din: des solt du gewis sin.“ Das in den Reimen wirksame I gibt den Versen einen innigen Minne-Ton, den die neuhochdeutsche Reimfolge mein-deinsein nicht mehr wiedergeben kann. Die Übersetzung mag begrifflich richtig sein, das veränderte Klangbild aber verändert auch den Charakter der Verse. Wie sehr das Klangbild lyrische Verse be-stimmt, d. h. die Stimmung schafft, möge noch der Vergleich von zwei Strophen zeigen, die wir Nacht-Gedichten von Eichendorff und Hebbel entnehmen:

Eichendorf: Es rauschen die Wipfel und schauern, Als machten zu dieser Stund Um die halbversunkenen Mauern Die alten Götter die Rund.

Hebbel: Quellende schwellende Nacht Voll von Lichtern und Sternen; In den ewigen Fernen, Sage, was ist da erwacht!

Kein empfängliches Ohr wird überhören, daß hier ganz verschiedene Bilder und Stimmungen der Nacht schon im Klang der Verse deutlich werden (auch der unterschiedliche Rhythmus spielt dabei natürlich mit). Ohne auf die feinen Unterschiede einzugehen, kann man behaupten, daß das bei Eichendorff vorherrschende U (in Verbindung mit dem feierlichen A) auf die geheimnisvollen Schauer nächtlicher Versunkenheit deutet, während das bei Hebbel tonangebende E (ebenfalls in Verbindung mit dem feierlichen A) die sternenhafte Ferne erschließt.

Sternbild-Kalligramme – Phainomena

Die „Phainomena“ des Aratos (um 300 v. Chr.) sind in einer karolingischen Darstellung überliefert. Es handelt sich dabei  um einen astronomischen Text, der die verschiedenen Sternbilder in Gedichtform aufzählt: ihre jeweiligen Stellungen am Himmel, ihre Leuchtstärke, ihre Stellung zu den Tierkreiszeichen usw.

Sternbild-Kalligramm
Sternbild-Kalligramm – Scan

Cicero  (106 – 43 v. Chr.) übersetzte die „Phainomena“ ins Lareinische, Hugo Grotius (1583 – 1645) vervollständigte die erhaltenen Fragmente durch eigene  Verse. Die mit Capitalis rustica gefüllten Figuren stammen angeblich von Hyginus (1. Jhrd. nach Chr.). Der angelsächsische Kopist der Karolingerzeit schließlich führte um 800 n. Chr. die schrift der Figuren meist in Mennige-Rot oder -Braun, aber auch Blau- und Grautönen aus.

Peseus Sternbild Kalligramm
Peseus Sternbild Kalligramm

Felix Pirner über Fridtjof Nansen: Forscher und Menschenfreund

Henry Van der Weyde - Fridtjof_Nansen - Norwegischer Wissenschaftler und Diplomat
Henry Van der Weyde – Fridtjof_Nansen 
Norwegischer Wissenschaftler und Diplomat

Neapel ist eine Stadt des Meeres, und der Vesuv, dessen zarte Rauchfahne den blauen Himmel streichelt, ist ihr Wappen. Die Bewohner der Stadt, dieses arme, frohsinnige Volk, lebt vom Meer und seinen Fischen, von der Lava des Vesuvs, der fruchtbaren Erde, die Orangenhainen und Ölbaumwäldern die Nahrung schenkt. So ist es heute, und 1886 war es nicht anders, als einige junge Männer durch die Gassen der Stadt schlenderten. Man sah ihnen an, dass sie keine Italiener waren; aber einer der jungen Leute fiel besonders auf, ein großer, hellblonder Mann mit dem kühn geschnittenen Gesicht und den blauen Augen des Wikingers. Er erregte nicht nur wegen seines Aussehens in der südlichen Landschaft Aufsehen, sondern er gab mehr als andere mit beiden Händen und einem fröhlichen Lächeln Geldmünzen an die Bettler. Zwei junge Neapolitanerinnen sahen ihm aus der Schneiderwerkstatt ihres Vaters nach. Die eine meinte: „Er muss sehr gut sein. Neulich wollte er das Aufbügeln seines Anzugs zahlen und hatte zu wenig Geld mit, nur weil er zu viel unterwegs an die Armen verteilt hatte.“

„Er soll herrlich tanzen können — die Tarantella, wie unsere Burschen. Mario sah ihn auf Capri; er war eifersüchtig, weil die Mädchen alle mit dem großen Blonden tanzen wollten“, sagte die andere und sah ihn mit bedauerndem Lächeln um die nächste Ecke verschwinden.
Der junge Riese, der Norweger, war Fridtjof Nansen, Zoologe und Assistent am Biologischen Institut in Neapel. Die jungen Männer wanderten zu den Lavafeldern von San Sebastiano. Auf einmal blieb Nansen hinter ihnen zurück. Er setzte sich auf einen der dicken Brocken und antwortete nicht auf die Zurufe seiner Freunde. Hatte Fridtjof Nansen Liebeskummer? Nein. Nansen überfiel jäh und mit Wucht die Sehnsucht nach Hause, nach Norden. Die starken bunten Farben und die lauten fröhlichen Menschen peinigten ihn auf einmal. Er wusste nicht, warum; denn bis zu diesem Augenblick, so schien es ihm, hatte er sich noch an dem Gegensatz gefreut — nun war alles wie erloschen. Er sehnte sich maßlos nach dem Packeis und der Robbenjagd, nach den zarten Farben und den kurzen flammenden Sommern, denen die rasche Vergänglichkeit ihren unwiderstehlichen Reiz gab.

pompeii-431577_1280_PhilP61Schließlich stand der junge Norweger von dem Lavafelsen auf, reckte sich und blickte zum Vesuv hinüber, dann schloss er sich seinen Freunden wieder an.  „Bist du traurig?“
„Nein, nicht mehr. Ich weiß aber jetzt, warum ich es war. Ich melde mich zurück nach Hause.“
„Warum denn so schnell? Im Meeresinstitut von Neapel gibt’s doch die seltensten Sorten von Tintenfischen.
Nansen lachte: „Aber keine Robben und Eisbären. Ich will Grönland durchqueren, auf Schneeschuhen.“
Und warum? „Weil kein Mensch das Innere kennt. Gibt es grüne Täler dort? Menschliche Ansiedlungen? Oder findet man eine einzige platte Eisfläche? Nichts weiß man davon. Aber ich werde es herausbekommen.

1888: Sechs Männer kämpften sich quer durch Grönland, von Osten nach Westen, vier Norweger und zwei Lappen. Sie schoben schwerbeladene Schlitten über Schrofen und Buckel hinauf, zeitweise in eisigem Sturm bei vierzig Grad Kälte. Grönland war keine glatte Fläche, und als die Männer endlich die Höhe der Insel erreicht hatten, da maßen sie 2400 Meter. Das war am 1. September 1889. Sie freuten sich und machten ein Festessen; denn die Anstrengungen, die hinter ihnen lagen, waren schwer gewesen, überschwer. Sie hatten sogar die Ölhäute ihrer Schlafdecken als Brennstoff benutzen müssen, um die Schlitten zu erleichtern. An manchen Tagen war der Schnee schwer geworden, fast hatten sie die Schlitten tragen müssen, und immer noch ging es bergauf. Nachtmärsche hatten sie schon lange aufgegeben; sie fühlten sich glücklich, wenn sie des Nachts im Zelt lagen und heißen Tee tranken.

Nun waren sie endlich oben. Hinunter geht’s bekanntlich schneller. Leider mussten sie noch tagelang auf der gleichen Höhe voranziehen und stoßen, während der Sturm raste. Hunger plagte sie; denn bei dem Marsch quer durch Grönland hatte es sich herausgestellt, dass ihre Hauptnahrung „Pemmikan“ — ein gepresstes Fleischpulver, mit Mehl versetzt, von außen nicht unähnlich einer Schokoladentafel — zu wenig fetthaltig war. Und Durst hatten sie! Sie trugen eine kleine Flasche mit Schnee gefüllt auf der Brust, das aufgetaute Wasser tranken sie.
Dann glitten eines Tages die Schlittenkufen von selbst, sanft, fast gemütlich, bis auf einmal der Bergkamm steiler ins Tal fiel. Die Schlitten rasten. Die Männer sprangen auf und versuchten sie zu lenken. Eine halsbrecherische Fahrt; denn sie flogen nun über die gleichen Unebenheiten, die ihnen bergauf trotz der harten Kälte den Schweiß auf die Stirn getrieben hatten, sie sprangen über Schächte und Gräben. Sie rasten mit dem Tod um die Wette, immer schneller und schneller. Nansen führte. Plötzlich — eine Gletscherspalte! Sie waren schon dicht dran! Da riss Nansen an den Kufen, schwang ab und hielt — Zentimeter nur trennten ihn von dem tödlichen Spalt; der Bruchteil einer Sekunde hatte über sein Leben entschieden.

Wohl nur ein Mensch, der sich je einmal im Schnee verirrt hat, kann die Freude ermessen, die einen Mann im ewigen Eis durchzuckt, wenn ihn wieder eine Spur warmen Lebens streift. Eine Fliege, ein Schmetterling, eine Moosfaser. Die sechs Männer setzten sich beglückt in das erste Kissen von Moos und Heidekraut, sie legten die Hände auf die Erde und freuten sich. Nun waren sie durch! Wieder hielten sie ein Festmahl. Sie brannten ein Feuer aus Heidekraut an und sogen den Duft von Moos und Erde ein. War das herrlich!
Nun kamen sie schneller vorwärts. Sie schossen wieder Vögel und aßen Beeren. Die frische Nahrung gab ihnen neue Kraft. Sie ruderten einen Fjord entlang und gelangten zum offenen Meer.

Nansen_auf_dem_Schiff_Nordpolexpedition_BergenIn einer Eskimosiedlung kam ein junger Mann auf sie zu und fragte nach Nansen. Er wollte ihm zum Doktordiplom gratulieren. Ein Schiff hatte die Nachricht mitgebracht. Der junge Doktor stand vor ihm, verschmiert und ungewaschen, seinen ersten Erfolg als Forscher gerade hinter sich. Nansen blieb, bis das nächste Schiff im Frühjahr in seine Heimat fuhr, bei den Eskimos, und er wurde fast einer der Ihren. Er wohnte mit ihnen in Hütten und gewöhnte sich an den atemberaubenden Gestank, der in diesen Behausungen herrschte; er aß mit ihnen ihre Leckerbissen, wie rohe Heilbutthaut und gefrorene Beeren mit ranzigem Speck. Wenn man seinen Bericht darüber liest, dann weiß man, dass er nicht nur als Forscher sich ihren Sitten anpasste, sondern man fühlt, dass er die Eskimos liebte. Er bewunderte ihre Heiterkeit und Hilfsbereitschaft, ihre Kunst, zu jagen und Kajak zu fahren, die er von ihnen erlernte. Hier spricht zum ersten Mal der Menschenfreund Nansen, der sich nie überheblich anderen Menschen genähert hat, sondern ihnen mit Achtung und Bescheidenheit entgegentrat und der darum Gastfreundschaft und Respekt fand.

Nansen war ein Held seines Landes geworden, ein junger Gelehrter mit großen wissenschaftlichen Aussichten. Er wurde Kurator am Zoologischen Museum in Oslo, schrieb sein Buch über die Durchquerung Grönlands und hatte geheiratet. Seine Frau, Tochter eines bekannten Zoologen, als Sängerin ausgebildet, passte in ihrer Lebenskraft und Fröhlichkeit zu ihm. Wie sonst hätte er an einem Silvesterabend mit ihr eine Skifahrt auf einen Berg machen können! In einer Zeit, in der kaum ein Mann auf den langen Brettern zu laufen verstand. Bei diesem seltsamen Unternehmen kamen sie in die Dunkelheit und mussten im Zwielicht von der Bergkuppe abfahren. Schließlich wurde die Fahrt so steil, dass sie die Bremse aller Skileute benutzen mussten, den Hosenboden. Es wurde Nacht und kalt und stürmisch, und sie waren froh, als sie endlich in einem Gehöft landeten und gastlich aufgenommen wurden.

Mit so einem kleinen Buben fährt man aber nicht in einer solchen Silvesternacht Schneeschuh“, meinte der Bauer und Hausherr, als er die Gäste ins warme Haus holte. Der „kleine Bub“ war Frau Nansen. Eva Nansen ließ ihren Mann auch mit einem tapferen traurigen Lächeln auf die große Fahrt ins Eismeer zum Nordpol ziehen. Sie hatte einen Forscher geheiratet und verschloss sich den daraus folgenden Notwendigkeiten nicht. Schon knapp vier Jahre nach ihrer Hochzeit, 1893, kehrte die „Fram“, das Schiff, dem Frau Nansen selbst den Namen gegeben hatte, seinen Bug nach Norden zu der großen Reise. „Fram“ heißt „Vorwärts“, vorwärts zum Nordpol.
Nansen hatte die Reise gewissenhaft vorbereitet; er wollte einer Strömung folgen, die sie nach Norden treiben sollte. Bisher hatten die Expeditionen sich gerade gegen diesen Strom gestemmt. Nansen wollte sich dem Strom anvertrauen, auch dann, wenn er einen großen Umweg fahren müsste. Er sagte in diesem Zusammenhang einmal ein weises Wort, das sich nicht nur auf Strömungen im Nordmeer anwenden lässt: „Ich glaube, dass, wenn wir auf die Wege achten, die sich in der Natur selber finden, und versuchen, mit ihnen und nicht gegen sie zu arbeiten, dass wir den leichtesten und sichersten Weg zum Pol finden werden.“

Nansen fuhr nicht als Abenteurer, und die Worte, die er am Tage seines Abschieds von zu Hause in sein Tagebuch geschrieben hatte, greifen auch dem heutigen Leser noch ans Herz. Wir lesen da: „Nun ein letzter Gruß dem heimatlichen Hause, das dort auf der Landzunge liegt. Vorn der glänzende Fjord, Fichten- und Kiefernwald ringsum, lachendes Wiesenland und langgezogene, waldbedeckte Gipfel dahinter. Durchs Fernrohr sah ich eine weiße Gestalt schimmern, auf der Bank unterm Fichtenbaum. .. Das war der schwerste Augenblick der ganzen Fahrt.“
Die Polarexpedition hatte begonnen. Drei Jahre musste Eva Nansen auf ihren Mann warten, und die kleine Tochter Liev war ihr Trost. Über zwei Jahre hatte sie keine Nachricht von ihm, denn man hatte von Nansen geglückt. Sie hatten erkundet, was sie wollten, und viel wissenschaftliches Material gesammelt, das Jahre zum Auswerten bedurfte. Alle kehrten sie gesund zurück.

 Fridtjof Nansen (left) and Hjalmar Johansen after their arrival at Jackson's camp - Aug 1896
Fridtjof Nansen (links) und Hjalmar Johansen nach ihrer Ankunft im Jackson’s camp – Aug 1896

Nansens Lebensweg schien nun, nachdem er der Erforscher des nördlichen Polarlandes geworden war, glücklich vorgezeichnet: der Weg des erfolgreichen Wissenschaftlers. Nansen bekam in Oslo eine Professur. Gelehrte aus aller Welt, Ethnologen, Zoologen, Meeresforscher und Polarforscher korrespondierten mit ihm. Amundsen wandte sich um Rat und Hilfe an ihn, und Nansen überlegte, ob er noch eine Südpolexpedition unternehmen sollte. Aber Nansen blieb nicht allein Forscher. Norwegen, das Land und der Staat riefen nach ihm, und als sich Nansen entschloss, diesem Ruf zu folgen, da wurde der kühne Forscher zum großen Menschenfreund.

Norwegen kämpfte um seine Unabhängigkeit; im Jahre 1814 war es von Dänemark aus politischen Gründen im Zusammenhang mit den napoleonischen Kriegen an Schweden abgetreten worden. Das arme, karge Norwegen passte nicht zu den reicheren Schweden; außerdem hatte das norwegische Volk einen zähen Willen für ein eigenständiges Leben durch Jahrhunderte hindurch und auch unter dänischer Herrschaft bewahrt. Jetzt wollte Norwegen frei werden. Hart am Krieg stand die Situation, als man Nansen bat, in England um das Verständnis für die Lage Norwegens zu werben.
Der große Jäger musste aus den Bergen geholt werden. Er verhandelte in Kopenhagen; er interessierte große Zeitungen in London für die Lage seines Landes; er besprach sich mit dem englischen Außenminister und erreichte es, dass Schwedens König auf die Union mit Norwegen verzichtete und Norwegen freigab. Noch durfte Nansen nicht zu seiner wissenschaftlichen Arbeit zurückkehren. Ausschließlich kam er überhaupt nie mehr dazu. Zwei Jahre vertrat er sein Land als Gesandter in England. Der Polarforscher, der jahrelang ungewaschen, verschmutzt und mit einer Fettschicht überzogen gegen Eisstürme angekämpft, rohen Tran getrunken und Blutkuchen geschmort hatte, er stand nun im Frack, mit Degen, den Dreispitz unter dem Arm, und meldete sich bei dem König von England als neuer Gesandter.

Nansen_vor_SchiffEr schritt durch den Saal auf den König zu, ebenso selbstverständlich, wie er einmal in die Höhlen der Eskimos gekrochen war; er sprach ein tadelloses Oxford-Englisch und überreichte dem König sein Beglaubigungsschreiben. Er benahm sich auf dem Parkett ebenso sicher wie auf Schneeschuhen und auf der Pirsch, der große Forscher, der zutiefst ein bescheidener Mensch geblieben war und deshalb die Sicherheit des Freien besaß. Der erste Weltkrieg kam und verging und brachte Europa an einen Abgrund. In der Russischen Revolution wurden Millionen von Menschen vertrieben und ermordet, Millionen Kriegsgefangener und Zivilverschleppter wurden wie Sklaven gehalten, die hungerten, an Seuchen starben oder sich sonst zu Tode quälten, nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder.

Nansen sollte Völkerbundsdelegierter in Genf werden. Erst lehnte er ab, schließlich sagte er zu. Er musste sich also wieder von seinen wissenschaftlichen Arbeiten trennen. In Genf trug man ihm an, Flüchtlingskommissar zu werden, er, der geschickte Organisator, sollte Millionen von Menschen, die unter den Folgen des Krieges litten, helfen. Er nahm den Auftrag an, nicht weil er ein großer Organisator war, die gibt es in Industriekonzernen auch, im Übrigen besser bezahlt. Er nahm das schwere und oft undankbare Amt an, weil er die Menschen liebte, weil er den Menschen helfen wollte.

Nansen, obwohl schon über sechzig Jahre alt, gab sein behagliches großes Heim in Norwegen auf und reiste pausenlos quer durch Europa und Russland, oft in ungeheizten Zügen, und wohnte in billigsten Hotels. In billigsten? Der Völkerbundsdelegierte? Er pflegte an Reisespesen nicht zu verdienen — oder besser: er verdiente, aber nicht für sich, sondern für seine Flüchtlinge. Und er machte die Erfahrung, die jeder macht, der für einen guten Zweck Geld sammelt: es gaben vor allem die Armen, und sie sagten niemals: Schon wieder eine Sammlung!
Nansen stand in Sibirien am Eismeer, an der Murmanskbahn, die von Gefangenen gebaut worden war und die dort dabei an Hunger und Typhus zu Zehntausenden starben. Inmitten aller Elenden lebte er, er fror selbst; er scheute sich nicht vor Krankheiten; die Elenden umringten ihn und suchten nach seinen Händen. Wie alle großen Helfenden hatte er meist das Gefühl, seine guten Taten seien nur Tropfen auf den heißen Stein. Nicht nur in Russland, auch in der Türkei und in der Tschechoslowakei, in Belgrad und in Warschau wurden Familien aus der Heimat verjagt, teils durch Revolutionen, teils durch Grenzverschiebungen nach Beendigung des Krieges. Eine neue Völkerwanderung brach an, ein Heer Heimatloser, Staatenloser irrte umher. Keiner wollte sie als Staatsbürger aufnehmen. Nansen schuf eine Notlösung: den Nansenpass. Der Besitzer eines solchen Passes hatte nun endlich wieder einen Ausweis in der Hand, ein Blatt gestempeltes Papier, das man ebenso nötig wie ein Stück Brot brauchte. Man muss ein „registrierter Mensch“ sein, um überhaupt Anrecht und Anteil am äußeren Leben, am Dasein innerhalb eines Staatsverbandes zu haben. Nansen gab dieses Leben den Heimatlosen wieder, denn der Nansenpass wurde allmählich von den meisten Staaten anerkannt.

Der Friedensnobelpreis

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The picture was taken by a unknown photographer for Fridtjof Nansen in 1922. Nansen later included the picture in his book he wrote in 1929 – but one year before he died. From left: Fridtjof Nansen, King Haakon VII. of Norway, Crownprince Olav (later King Olav V. of Norway).- Quelle: wikimedia

1922 wurde Fridtjof Nansen von seinem König der Friedensnobelpreis in Oslo überreicht. Nansen gab das mit dem Preis verbundene Geld an seine Schützlinge; denn die große Hungersnot in Russland 1921 hatte seinen Fonds, den „Nansenfonds“, recht ausgeschöpft. Knapp zehn Jahre, bevor die Welt wieder in Flammen stand, wieder eine Völkerwanderung des Elends durch Europa und Asien strömte, starb Fridtjof Nansen 1930. War seine Arbeit umsonst? Taten der Barmherzigkeit sind nie vergebens. Im Übrigen setzte einer seiner Söhne, mit einigen Jahren der Unterbrechung, die er in deutschen Konzentrationslagern verbrachte, die Arbeit des großen Menschenfreundes fort.

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Fridtjof Nansen wurde als Sohn eines Juristen am 10. Oktober 1861 geboren. Studierte Naturwissenschaften, Zoologie, Meereskunde. 1888 durchquerte er Grönland. 1893 bis 1896 Nordpolexpedition. 1907 Professor der Zoologie. 1906 bis 1908 erster Gesandter Norwegens in England. 1920 Kommissar für das Flüchtlingswesen im Völkerbund. 1922 Friedensnobelpreis. Gestorben 1930. Das sind nur einige Daten aus einem reichen Leben.

Der Ruhm gebührt dem Mann in der Arena – Th. Roosevelt

Jean-Léon Gérôme - Pollice Verso (1872)
Jean-Léon Gérôme – Pollice Verso (1872)

Es kommt nicht auf den Kritiker an. Nicht der Mann ist wichtig, der das Straucheln des Starken analysiert oder er dem Tatkräftigen nachweist, wie er noch besser hätte handeln können. Der Ruhm gebührt dem Mann in der Arena, dessen Gesicht von Staub und Schweiß und Blut gezeichnet ist, der tapfer ringt … der die Begeisterungsfähigkeit kennt, die restlose Hingabe, der sein Leben einer großen Sache widmet. Nur er kann ermessen, welcher Triumph ihn im besten Fall erwartet. Er weiß aber auch, daß er im Fall des Scheiterns wenigstens in Ehren scheitert und daß er nie in einem Atemzug mit jenen Teilnahmslosen und Kleinmütigen genannt werden wird, die niemals Sieg oder Niederlage gekostet haben.

Theodore Roosevelt

Unsere Weltwunder – Das größte Theater der Welt

Das größte Theater der Welt

Kolosseum -"Stierkampf in den Ruinen des Kolosseums - Rom (Italien) - Gemälde - 1552 - Maerten van Heemskerck (1498-1574) - Öl auf Holz
Kolosseum -„Stierkampf in den Ruinen des Kolosseums – Rom (Italien) – Gemälde – 1552 – Maerten van Heemskerck (1498-1574) – Öl auf Holz

trennlinie2Viele Millionen Menschen haben während längst vergangener Jahrhunderte in dem Kolosseum zu Rom gesessen und den nach unserm Geschmack höchst barbarischen Schauspielen zugesehen, die in der ungeheuren Arena dargeboten wurden. Viel Menschenblut ist dort drinnen unter wütendem Beifall der Massen vergossen worden; noch größer aber war das Morden unter wilden Tieren. Als der Kaiser Titus den von Vespasian begonnenen Bau im Jahre 80 n. Chr. einweihte, fanden hundert Tage lang ununterbrochen Schaustellungen statt; hierbei allein verloren 5000 wilde Tiere ihr Leben.

Für die außerordentlichen Dimensionen dieses Baus, der an Stelle eines künstlichen Sees bei der goldenen Villa des Nero errichtet wurde, spricht nichts deutlicher als die Tatsache, daß er nach manchen Zerstörungen durch Unwetter, Blitzschläge und Erdbeben lange Zeit als Steinbruch gedient, daß der Palazzo di Venezia, die Cancelaria, Palazzo Farnese, der Ripetta-Hafen aus Steinen des Kolosseums errichtet wurden, und daß das gewaltige Gebäude doch heute noch in überwältigender Größe dasteht. Fast die Hälfte dieses Denkmals der römischen Größe zur Blütezeit des Kaisertums ist verschwunden, aber immer noch künden die erhabenen Reste die Großartigkeit dessen, was einst dort gewesen. Das Theater hatte vier gewaltige Geschosse aus Travertinquadern von fast 50 Metern Höhe. Der Umkreis des elliptisch geformten Baus beirägt einen halben Kilometer. 80 Eingangsportale, die in Bogenform zwischen den riesigen Tragpfeilern ausgespart waren, sorgten dafür, daß 85 000 Besucher bequem Ein- und Ausgang finden konnten. Alle Sitze waren mit Marmor belegt; von diesem Material ist heute kein Bröckelchen mehr vorhanden.

Neuere Ausgrabungen haben unter der Arena großartige maschinelle Theatereinrichtungen bloßgelegt. Man fand die Vorrichtungen, die das Anfüllen des Schauplatzes mit Wasser für die sehr beliebten Seeschlachten gestatteten, und auch die Käfige, in denen die wilden Tiere bis zu ihrem »Auftreten« untergebracht wurden. Alles zusammen zeigt, daß dieses Wunderwerk der Antike ebenso groß als Kunstleistung wie als zweckmäßig eingerichtetes Theatergebäude gewesen ist.

Unsere Weltwunder – Die große Sphinx

Die große Sphinx

Franz von Stuck - Sphinx
Franz von Stuck – Sphinx

trennlinie2Geheimnisvoll lächelnd heute noch wie vor tausend Jahren ist in der Nähe der Pyramiden, mächtig in den Wüstensand hingelagert, die Kolossalgestalt der großen Sphinx zu sehen. Sie stellt einen Löwen dar, der den Kopf eines Königs trägt, des Pharao Chefren wahrscheinlich, der das Steinbild, ebenso wie die zweitgrößte der Pyramiden, erbaut hat. Die Sphinx ist 55 Meter lang, bis zum Scheitel 20 Meter hoch; die Breite des Antlitzes beträgt über vier Meter. Die Gestalt ist aus dem natürlichen Felsen herausgehauen, der freilich hier und da durch Einfügung passender Steine ergänzt werden mußte. Obgleich das Antlitz der Sphinx im Lauf der Jahrtausende stark gelitten hat, sodaß der Bart gänzlich, die Nase zum Teil fehlen, ist es doch noch heute von wundersamer Wirkung; der majestätische Blick dieses von allen Schauern ungeheurer Erlebnisse umwobenen Kolosses hat auf Erden nicht seinesgleichen.

Sokrates und sein Prozess – Felix Pirner

Paul Gauguin, Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (1897/98)
Paul Gauguin, Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (1897/98)

Nach dem Peloponnesischen Krieg fragten sich die Athener, wer das Land derart in Not und Niederlage gebracht habe. Die schuldigsten erschienen ihnen jetzt die beiden, denen sie vordem am lautesten zugejubelt hatten: Der nichtsnutzig verwegene Alkibiades und der brutale Kritias, einer der Dreißig Tyrannen. Beide waren freilich schon tot, beide aber auch Schüler dieses Sokrates, der noch immer auf allen Gassen stand und den biederen Bürgern seine Redensarten anhing. Man warf ihm vor, er treibe es nicht anders als die Sophisten. Und den Sophisten war nichts zu groß, nichts zu alt, heilig und ehrwürdig, dass sie nicht ihr freches Wort dagegen warfen, die Jugend zu gleichem Frevel verführten und so allmählich die Grundlagen des Staates unterwühlten.Weiterlesen

Sokrates und die Zeit in der er lebte – Felix Pirner

Akropolis mit dem Parthenon-Tempel - Nachbau
Akropolis mit dem Parthenon-Tempel – Nachbau

Geboren im Jahre 469 v.Chr. und gestorben siebzig Jahre später, also 399 v. Chr., hat Sokrates den Aufstieg wie den Niedergang seiner Vaterstadt Athen erlebt, den Reichtum der Feste, den Glanz der Bauten, den Ruhm der Flotte in den Zeiten des großen Staatsmannes Perikles, aber auch die dreißig Jahre des Peloponnesischen Krieges, Hunger, Pest, Niederlage im Krieg, Neid, Bosheit der Mitbürger und nachher die Willkür feindlicher Besatzungen. Sokrates hat dies alles mit dem Herzen erlebt. War doch sein binnen und Trachten stets nur dieser einen Stadt Athen zugewandt, die er nie verlassen hat, es sei denn gezwungen auf Feldzügen. Vater und Vorväter waren geachtete Bildhauer. Den gleichen Beruf hatte auch Sokrates. Man möchte sich ihn vorstellen unter den Gesellen des Meisters Phidias, an den Propyläen und am Parthenon-Tempel mitbauend und gestaltend. Doch zeigt Sokrates nirgendwo Künstlerehrgeiz. Nicht nur gab er den Beruf bald auf und stand den Tag über auf dem Markt, sich mit den Leuten zu unterhalten; er rühmte sich sogar, dem Beruf seiner Mutter zu folgen, die Hebamme war, und Hebammenkunst nannte er, was er da mit den Leuten auf dem Markte trieb. Er meinte nämlich, das Gute und Rechte liege in jedem Menschen drin, wie das Kind im Mutterschoß und müsse gleich diesem mit Hebammenkunst und gutem Willen ans Licht gebracht, ins Leben geboren werden.
Das beste Werkzeug dieser seiner Hebammenkunst dünkte Sokrates die Ironie, also eine schalkhafte Verstellung. Er tut so, als sei er ganz dumm und suche Belehrung, schiebt seine banal scheinenden Fragen wie im Brettspiel die Steine Zug um Zug weiter — bis plötzlich der andere merkt, er ist rings eingeengt und rettungslos geschlagen.Weiterlesen

Der Prozess der Sokrates – Kapitel 1: Der Philosoph – Felix Pirner

Sokrates - ProzessUnter den tausendmal tausend Halmen der Wiese blüht immer wieder eine seltene, einzigartige Blume. So auch ersteht inmitten der Menschen immer wieder ein stiller, nachdenklicher Mann, ein Weiser, ein Philosoph. Er braucht nicht gelehrt zu sein, kein Examen zu bestehen, keinen großen Geldbeutel zu besitzen. Auch ist er an kein Volk, keine Zeit und an keinen Stand gebunden. So war im alten Rom der gewaltige Heerführer und Kaiser Marc Aurel ein begnadeter Philosoph, aber der arme schlesische Schuster Jakob Böhme, der vierzehnhundert Jahre später lebte, war es nicht minder. Wie ein granitenes Mal steht immer wieder ein Weiser auf dem Jahrmarkt des Lebens. So vielgestaltig die Welt des Philosophen sich auch darbietet, so einheitlich blieb sein Gesicht von der fernsten Urzeit bis in unsre Tage: Der Philosoph erfährt Lust und Leid, Sehnsucht, Liebe, Geburt, Tod, Irrtum und Wahrheit in und um sich wie jeder andere. Er weicht dem Leben nicht aus, er geht auch nicht darin unter. In aller wirren Vielfalt sucht er die Einfalt und das Gesetz. Zu lauschen, zu schauen ist ihm gegeben. Wo andere nur obenhin sehen und hören und weiter rennen, verweilt er und forscht hinter den blinkenden Schein und drängt zum Grund aller Wesen. Auch beugt er sich zum Staub und hebt auf, was keinem sonst des Aufhebens wert scheint. Und was er so aufhebt, erlauscht, erschaut, das trägt er zusammen in sein Innerstes. Wie auf Dürers Bild „Hieronymus im Gehäuse“ lebt der Philosoph in der Geborgenheit seiner Seele, indes hinter den bunten Butzenscheiben draußen das Leben tobt, indessen Löwe wie Hund, Leidenschaft, Gier und Wildheit eingeschlafen liegen. Er sitzt und knüpft das Getrennte zusammen, ordnet und windet den Kranz um die Stirne der Gottheit. Und diese Stille und Geborgenheit, sein „Gehäuse“, trägt der Philosoph dann überall und immer mit sich. Die um ihn leben, wissen es nicht und spüren doch die Wohltat. Denn es ist gut mit ihm leben, man meint sich irgendwie gehegt und geborgen und trägt leichter, was man zu tragen hat. Nicht verstoßen, verfluchen, verzweifeln ist seine Art, sondern trösten, beistehen, aufrichten, das liegt ihm an. Erfolgreich im kaufmännischen Sinne, also reich an münzbaren Erfolgen wird der Philosoph nicht sein. Dafür beschäftigt ihn zu viel, was nur der Seele dient. Er wird aber auch niemand zur Last fallen, oder, wenn er schon eines andern Brot isst, wird er königlich dafür bezahlen mit einem Geschenk aus seiner Seele.Weiterlesen

Hier wird deutsch gespuckt – Karl Kraus – Ein Essay

Karl Kraus - Fotoquelle: wikipedia
Karl Kraus – Fotoquelle: wikipedia

Die Muttersprache zugleich reinigen und bereichern ist das Geschäft der besten Köpfe. Reinigung ohne Bereicherung erweist sich öfters geistlos. … Der geistreiche Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern, aus was für Elementen er bestehe; der geistlose hat gut rein sprechen, da er nichts zu sagen hat. Wie sollte er fühlen, welches künstliche Surrogat er an der Stelle eines bedeutenden Wortes gelten läßt, da ihm jenes Wort nie lebendig war, weil er nichts dabei dachte? Es gibt gar viele Arten von Reinigung und Bereicherung, die eigentlich alle zusammengreifen müssen, wenn die Sprache lebendig wachsen soll. Poesie und leidenschaftliche Rede sind die einzigen Quellen, aus denen dieses Leben hervordringt, und sollten sie in ihrer Heftigkeit auch etwas Bergschutt mitführen, er setzt sich zu Boden und die reine Welle fließt darüber her.
Goethe

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Hugo Ball – Über Okkultismus, Hieratik und andere seltsam schöne Dinge

Hugo Ball - Hugo Ball war ein deutscher Autor und Biograf. Außerdem war er einer der Mitgründer der Dada-Bewegung und ein Pionier des Lautgedichts - 1886 - 1927
Hugo Ball – Hugo Ball war ein deutscher Autor und Biograf. Außerdem war er einer der Mitgründer der Dada-Bewegung und ein Pionier des Lautgedichts – 1886 – 1927

Vor etwa zwei Monaten fand in Ascona ein Kongreß statt, dessen Sitzungen ein seltsames Publikum vereinigten. Niemand hätte dem kleinen Fischerdorf eine so interessante Fremdenkolonie zugetraut, wie sie sich hierbei in den einfachen, aber eleganten Landhäusern auf dem Monte Verità zusammenfand. Aber Ascona ist heute ein Hauptsitz von Vertretern und Anhängern der okkulten Wissenschaften, und so brachte der Kongreß des »Ordo Templi Orientalis« im August, wenn auch viele Gäste aus England, Österreich, Deutschland und Frankreich ausgeblieben waren, desto nachhaltigeres Leben in die ortsansässigen Zirkel.Weiterlesen

Hugo Ball – Das erste Dadaistische Manifest

Hugo Ball - Hugo Ball war ein deutscher Autor und Biograf. Außerdem war er einer der Mitgründer der Dada-Bewegung und ein Pionier des Lautgedichts - 1886 - 1927
Hugo Ball – Hugo Ball war ein deutscher Autor und Biograf. Außerdem war er einer der Mitgründer der Dada-Bewegung und ein Pionier des Lautgedichts – 1886 – 1927

Dada ist eine neue Kunstrichtung. Das kann man daran erkennen, daß bisher niemand etwas davon wußte und morgen ganz Zürich davon reden wird. Dada stammt aus dem Lexikon. Es ist furchtbar einfach. Im Französischen bedeutet’s Steckenpferd. Im Deutschen heißt’s Addio, steigts mir den Rücken runter. Auf Wiedersehen ein andermal! Im Rumänischen: »Ja wahrhaftig, Sie haben recht, so ist’s. Jawohl, wirklich, machen wir.« Und so weiter.
Ein internationales Wort. Nur ein Wort und das Wort als Bewegung. Sehr leicht zu verstehen. Es ist ganz furchtbar einfach. Wenn man eine Kunstrichtung daraus macht, muß das bedeuten, man will Komplikationen wegnehmen. Dada Psychologie, Dada Deutschland samt Indigestionen und Nebelkrämpfen, Dada Literatur, Dada Bourgeoisie, und ihr, verehrteste Dichter, die ihr immer mit Worten, aber nie das Wort selber gedichtet habt, die ihr um den nackten Punkt herumdichtet. Dada Weltkrieg und kein Ende, Dada Revolution und kein Anfang, Dada ihr Freunde und Auchdichter, allerwerteste, Manufakturisten und Evangelisten Dada Tzara, Dada Huelsenbeck, Dada m’dada, Dada m’dada Dada mhm, dada dera dada Dada Hue, Dada Tza.Weiterlesen

Tommaso Campanella – Der Sonnenstaat – Poetischer Dialog über eine Utopie

Ernst Mollenhauer: Nehrungssonne (Öl auf Karton, 1948)
Ernst Mollenhauer: Nehrungssonne (Öl auf Karton, 1948)

La città del Sole oder auch Civitas solis (deutsch „Sonnenstadt“) ist ein 1602 von dem Dominikaner Tommaso Campanella verfasstes und 1623 publiziertes Werk, das den wirtschaftlichen und politischen Aufbau eines idealen Staates darstellt. Er führt alle sozialen Übel auf das Privateigentum zurück. Dieses will er mit seiner kollektivistischen Gesellschaftsordnung, die sämtliche Lebensbereiche umfasst, beseitigen. Genau ermittelte Bedarfspläne bestimmen nach ihm die Produktion.
Die Institution der Familie, die das materielle Denken fördert und deshalb das Privateigentum stützt, soll aufgelöst werden. An ihrer Stelle soll ein Frauen- und Kinderkommunismus verwirklicht werden, der eugenischen Zielen dient. Im „Sonnenstaat“ bedeutet die Gattung alles, das Individuum nichts. Politisch träumt Campanella von einer päpstlichen Universalmonarchie; im „Sonnenstaat“ liegt daher die Macht absolutistisch in den Händen der priesterlichen Hierarchie.


Tommaso Campanella –  Der Sonnenstaat
Idee eines philosophischen Gemeinwesens.

                       Ein poetischer Dialog

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Joseph Fraunhofer – ER BRACHTE UNS DIE GESTIRNE NÄHER

Joseph von Fraunhofer
Joseph von Fraunhofer

Joseph Fraunhofer, seit 1824 Ritter von Fraunhofer (* 1787 Straubing; † 1826 München) war ein deutscher Optiker und Physiker.

Am 1. Juni 1801, um die Mittagsstunde, trug sich in der kurfürstlichen Haupt- und Residenzstadt München ein sonderbares Unglück zu, von dem die Leute noch lange zu erzählen wußten. Nahe beim Dom Unserer Lieben Frau stürzte plötzlich das Haus des Glasschleifers und Spiegelmachers Weichselberger mit fürchterlichem Krachen in sich zusammen. Der Meister selbst und sein kleines Mädchen konnten sich mit eigener Kraft aus den Trümmern befreien, seine Frau aber und sein Lehrbub waren verschüttet. Ohne viel Hoffnung, sie noch lebend bergen zu können, machte man sich an die schwierigen Aufräumungsarbeiten; auch der Kurfürst Max Joseph kam von der nahen Residenz zur Unglücksstätte und ließ sich von dem Geschehen berichten. Nach vierstündiger Arbeit brachten die Männer den Lehrbuben wieder ans Tageslicht, leicht verletzt, aber lebendig. „Ein armer Waisenknabe . ..“, flüsterte man dem Kurfürsten zu. „Nun denn, so will ich fortan sein Vater sein!“ sagte der Landesherr, schenkte dem Geretteten achtzehn Goldstücke und versprach, auch weiterhin für ihn zu sorgen. Das Unglück wurde für den jungen Joseph Fraunhofer — so hieß der Lehrbub — zum Segen und zum Tor in eine hellere Zukunft. Als elftes Kind eines armen Glasers war er in Straubing zur Welt gekommen. Die Mutter war früh gestorben; als Elfjähriger verlor er auch den Vater, und um dem Waisenhaus zu entgehen,
entschloß er sich, ein Handwerk zu erlernen und sich sein Brot selbst zu verdienen. Er kam nach München in die Lehre, zum Glasschleifer Weichselberger, auf eine sechsjährige Lehrzeit verpflichtet, weil er kein Lehrgeld zahlen konnte. Weiterlesen

Erich Mühsam – Freiheit ist ein religiöser Begriff

Erich Mühsam
Erich Mühsam

Freiheit ist ein religiöser Begriff. Wer mit dem Ziele der Freiheit Revolutionär ist, ist ein religiöser Mensch, Revolutionär sein ohne religiös zu sein, heißt mit revolutionären Mitteln andre als freiheitliche Ziele anstreben. Anders gesagt: Revolutionäre Entschlossenheit kann aus einer seelischen Not stammen, aus dem Empfinden der Unerträglichkeit von Zwang, Gesetz und Entpersönlichung — dann ist sie religiös; sie kann auch stammen aus der nüchternen Errechnung von Zweckmäßigkeit, wenn sich unter ihren Faktoren die Revolution als unumgängliches Mittel erwiesen hat — dann ist sie positivistisch. Der Positivist, — das ist der kirchliche Mensch im Gegensatz zum religiösen, der Leugner der Wildheit, des Rausches und der Utopie: der Dogmatiker und Fatalist, dem die Freiheit eine Kleinbürger-Phantasie und der Kampf ums Dasein eine Bestimmungs-Mensur scheint. – Aus „Bismarxismus“

Die Freiheit als gesellschaftliches Prinzip – Ein Essay von Erich Mühsam

Illustration: Stefan Otte
Illustration: Stefan Otte

Die Geschichte der Menschheit mit ihren Kriegen und Revolutionen, mit ihren Bestrebungen um Änderung, Besserung, Beseitigung oder Erhaltung von Zuständen und Einrichtungen, mit all ihren politischen, wirtschaftlichen, religiösen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Kämpfen vollzieht sich in immer veränderten Forderungen dennoch immer mit derselben Begleitmusik. In allen Zeiten, in allen Völkern, wo Meinung gegen Meinung, Losung gegen Losung stand und steht, empfehlen sich die Beschützer des Alten wie die Pioniere des Neuen als die Sachverwalter der Freiheit. Es gibt keine Bewegung, hat nie eine gegeben und kann keine geben, die erfolgreich um Anhang für sich werben könnte, wenn nicht auf ihrer Standarte das Bekenntnis zur Freiheit beschworen ist. Wo Ziele erstrebt werden, die über materielle Nützlichkeit hinausreichen oder doch hinauszureichen scheinen, kann Gefolgschaft nur mit sittlichen Zwecksetzungen gewonnen werden; zum sittlichen Begriff schlechthin aber, dem alle übrigen sittlichen Werte ein- und untergeordnet sind, der die hohen seelischen Eigenschaften der menschlichen Gesellschaft wie Ehre, Ruhm, Kultur, glückliche Verbundenheit, in der natürlichen Vorstellung aller zur Gefolgschaft geeigneten Massen umfasst, wird von allen verschiedenen und entgegengesetzten Parteien und Vereinigungen die Freiheit erhoben. Denn das Wort Freiheit ist im Sprachgefühl der Menschen das einzige, das in sich die Eigenschaften der individuellen Tugend mit denen eines gesellschaftlichen Ideals verbindet.   Weiterlesen

Franz Blei – Männer und Masken – Bildnis eines Boxers

Franz Blei (1871 - 1942), österreichischer Schriftsteller, Essayist, Kritiker, Herausgeber der Zeitschrift "Hyperion"und Übersetzer.Er  emigrierte 1933 in die USA
Franz Blei (1871 – 1942), österreichischer Schriftsteller, Essayist, Kritiker, Herausgeber der Zeitschrift „Hyperion“und Übersetzer.Er emigrierte 1933 in die USA

Bildnis eines Boxers

Mit dem Namen, den er heute als seinen dritten oder vierten trägt, steht er nicht im Taufregister seiner Pfarrgemeinde als das zweite Kind irgendeiner geborenen Soundso, verehelichten Krause oder Huber. Wie er gerufen wird, das ist wichtiger, als wie er heißt. Die Behörde, die ihm einen Paß ausstellt, sie fühlt den Embryonamen staatlicher Polizei und bürgerlicher Reputation so nebensächlich, daß sie das »genannt« vor den anderen drei Benennungen des Helden zweimal unterstreicht. Man ist nah am Mythischen, wo der namenlose Gott mit vielen Namen angerufen wird.Weiterlesen

Inuit – Fotos von 1879

Inuit10Die Inuit sind wohl eines der bekanntesten Völker unserer Erde. Ihre Zahl wird auf 150.000 geschätzt. Seit Jahrtausenden überleben sie ohne technische Hilfsmittel in Schnee und Eis. Sie nennen sich selbst "Inuit" was soviel wie  "Mensch" bedeutet. Ihre Nachbarn, die Indianern, nannten sie "Eskimo", was wahrscheinlich "Rohfleischesser" bedeutet. Sie überlebten als Jäger von Karibus, Robben und Walen. In einer modernen Gesellschaft zählt ein guter Jäger nicht mehr viel, es bleibt also offen, wie sich ihre Kultur weiterentwickelt. Die beiden Hauptgruppen sind die Inuit im Norden von Alaska, Kanada und Grönland und das Yupik Mitte Alaska.

'Iglu' bedeutet "Haus", aber eigentlich bauen sie temporäre Schneestände für die Jagdsaison und in Notfällen.

Sie haben keine tausend Wörter für "Schnee", aber sie haben eine Menge für "Eis". Wie auch immer, hier sind die Fotos:

LATERNEN FANGEN AN ZU BRENNEN – Geschichten rund um die Erfindung des Kunstlichtes – nach M. iljan

Tag und Nacht – (oder hier zu Teil 1)

Pieter Brueghel d. J. -Die Volkszählung in Bethlehem
Pieter Brueghel d. J. -Die Volkszählung in Bethlehem

In alten Zeiten begannen die Leute sowohl in der Stadt als auch auf dem Lande den Tag mit dem Morgengrauen und beendeten ihn mit dem Sonnenuntergang. Es gab keine Fabriken/ und es gab keine Nachtarbeit: Alle Industrieerzeugnisse wurden in den Werkstätten der Handwerker hergestellt. Die Menschen gingen früh schlafen und begannen ihr Tagewerk mit dem Morgengrauen. Ein besonderes Bedürfnis für Lampen und Laternen war nicht vorhanden. Aber als sich die Industrie entwickelte, als große Werkstätten und später auch Fabriken entstanden, änderte sich das Leben in den Städten. Die Fabriken brachten einen langen Arbeitstag und Nacht, schichten mit sich. Fabriksirenen heulten, die die Arbeiter bereits lange vor Sonnenaufgang zusammenriefen. Die Städte begannen früher aufzuwachen und später einzuschlafen. Die Städter richteten sich nicht mehr nach der Sonne, und der Tag wurde gewissermaßen länger, die Nacht aber kürzer. Dazu waren Lampen und Laternen nötig, man brauchte ein billiges und zugleich helles Licht. Die Arbeit der Erfinder begann, die schließlich zur Beleuchtung durch Gas und Elektrizität führte. Aber das geschah nicht mit einem Male. Denn auch eine mittelalterliche Stadt verwandelte sich nicht von heute auf morgen in eine moderne Stadt der Maschinen und Fabriken. Unsere Glühbirne hat eine lange Reihe von Ahnen. Weiterlesen

Nächtliche Sonne | Die Erfindung des Kunstlichts

Jozef Israëls - Bauernhof in Delden, - Dordrechts Museum - 1885
Jozef Israëls – Bauernhof in Delden, – Dordrechts Museum – 1885

Wer hat die Glühbirne erfunden? Gewöhnlich antwortet man darauf: der amerikanische Erfinder Edison. Aber das stimmt nicht. Edison war nur einer von den vielen, die an der Erfindung der künstlichen Sonne, die heute unsere Straßen und unsere Häuser beleuchtet, arbeiteten. Früher einmal gab es in den Straßen der Städte keine einzige Laterne, und in den Häusern verbrachten die Menschen ihre Abende im Lichtschein einer Talgkerze oder einer trüben, rußenden Öllampe. Würden wir diese alte Öllampe, die an eine Teekanne erinnert, mit unserer Glühbirne vergleichen, so würden wir zwischen den beiden keine Ähnlichkeit finden. Aber von der »Teekanne« bis zur Glühbirne führt eine lange Reihe Verwandlungen, eine lange Kette geringer, aber sehr wichtiger Veränderungen. Tausende von Erfindern mühten sich im Laufe von tausend Jahren darum, unseren Lampen mehr Leuchtkraft zu geben und sonstige Verbesserungen anzubringen.

Das Lagerfeuer im Zimmer

Die unförmige Öllampe war noch ein sehr schöner, gut durchdachter Gegenstand, verglichen mit den Lampen, die vor ihr in Gebrauch waren. Doch es gab auch Zeiten, in denen man überhaupt keine Lampen kannte. Vor anderthalbtausend Jahren hätten wir an der Stelle des heutigen Paris ein schmutziges Städtchen, Lutetia, gefunden, ein Städtchen mit Holzhütten, die mit Stroh oder Dachziegeln gedeckt waren. Wären wir in eines dieser Häuser eingetreten, so hätten wir ein offenes Feuer erblickt, das inmitten der einzigen Stube brannte.

Obwohl im Dach eine Öffnung war, wollte der Rauch nicht aus der Stube weichen und reizte Augen und Lungen unerträglich. Dieses primitive Herdfeuer diente den Menschen jener Zeit als Lampe, Küchenherd und als Ofen zugleich. Ein offenes Feuer in einem Holzhaus zu unterhalten, war äußerst gefährlich. Kein Wunder, dass damals sehr häufig Brände ausbrachen. Man fürchtete das Feuer wie einen bösen, unersättlichen Feind, der nur darauf wartete, wie er am besten ein Haus überfallen könnte, um es zu vernichten. Ofen mit Schornsteinen kamen im Westen Europas vor ungefähr siebenhundert Jahren auf, in Russland aber noch später. Vor der Oktoberrevolution gab es in Russland noch hier und da »schwarze Hütten« oder »Hütten ohne Rauchfang«, die durch Öfen ohne Schornstein geheizt wurden. Während des Heizens musste man die Tür öffnen.

Ein brennender Span an Stelle eines offenen Feuers

Zur Beleuchtung des Zimmers war es nicht nötig, unbedingt ein ganzes Lagerfeuer zu entfachen, denn hierzu genügte schon ein einziger Span. Vom Herdfeuer wurde es im Hause rauchig und heiß, und außerdem verbrauchte man dabei viel Holz. So ersetzten also die Menschen einen Haufen Reisig durch einen einzigen brennenden Kienspan. Von einem trockenen, astfreien Holzscheit spaltete man einen dreiviertel Meter langen Span ab, den man dann anzündete. Der Kienspan war eine ausgezeichnete Erfindung. Nicht umsonst blieb diese Art der Beleuchtung viele Jahrhunderte in Gebrauch — fast bis in unsere Tage hinein. Ein offenes Feuer in einem Holzhaus zu unterhalten, war äußerst gefährlich. Kein Wunder, dass damals sehr häufig Brände ausbrachen. Man fürchtete das Feuer wie einen bösen, unersättlichen Feind, der nur darauf wartete, wie er am besten ein Haus überfallen könnte, um es zu vernichten. Ofen mit Schornsteinen kamen im Westen Europas vor ungefähr siebenhundert Jahren auf, in Russland aber noch später. Vor der Oktoberrevolution gab es in Russland noch hier und da »schwarze Hütten« oder »Hütten ohne Rauchfang«, die durch Ofen ohne Schornstein geheizt wurden. Während des Heizens musste man die Tür öffnen.

Im Schein der Fackeln

Edvard Munch - Mädchen zündet Kamin an - 1883
Edvard Munch – Mädchen zündet Kamin an – 1883

Nicht überall konnte man leicht das richtige Holz für den Kienspan finden. Aber die Menschen haben vor diesem Hindernis nicht haltgemacht. Sie merkten, dass der Span besonders hell brannte, der aus harzhaltigem Holz bestand. Es lag also weniger am Holz als am Harz. Man braucht nur einen beliebigen Zweig in Harz oder Pech zu tauchen, und schon erhält man einen künstlichen Kienspan, der nicht schlechter, sondern eher besser brennen wird als der natürliche.
So kam die Fackel auf. Die Fackeln brannten sehr hell. Es wurden damit bei Festgelagen ganze Säle erleuchtet. Es wird berichtet, dass in der Burg des Ritters Gaston de Foy zwölf Diener während des Abendessens mit Fackeln in den Händen rund um den Tisch standen. In Königsschlössern wurden Fackeln nicht selten von silbernen Statuen an Stelle von lebenden Dienern gehalten. Die Fackeln und der Kienspan sind auch noch heute nicht verschwunden. Es kommt sogar jetzt noch vor, dass durch Dorfstraßen Feuerwehrwagen mit brennenden Fackeln fahren und uns so an eine ferne Vergangenheit erinnern.

Die erste Lampe

Aus Stein geformte Öllampe
Aus Stein geformte Öllampe

In einer Höhle in Frankreich haben Archäologen neben Schabern aus Feuerstein und Speerspitzen aus Hirschgeweih eine kleine, flache, aus Sandstein gearbeitete Schale gefunden. Der runde Boden der Schale war mit irgendeinem dunklen,Anflug bedeckt. Als man diesen Belag im Laboratorium untersuchte, stellte es sich heraus, dass es Brandspuren waren, die davon herrührten, dass einmal in der Schale Öl verbrannt worden war. So hat man die erste Lampe gefunden, die die menschliche Behausung schon zu einer Zeit erhellte, als die Menschen noch in Höhlen wohnten. Diese Lampe hatte weder einen Docht noch einen Zylinder. Beim Brennen füllte sie die Höhle mit Qualm und Ruß. Es mussten Jahrtausende vergehen, ehe die Menschen eine Lampe erfanden, die nicht rußte.

Die Lampe und der Fabrikschornstein

Warum rußen Lampen? Aus demselben Grunde, warum Fabrikschornsteine rußen. Seht ihr einmal, daß aus einem Fabrikschornstein dicker, schwarzer Rauch quillt, so könnt ihr sicher sein, daß in der Fabrik entweder der Feuerrost nicht in Ordnung ist oder die Heizer nichts taugen. Nur ein Teil des Holzes verbrennt hier im Feuerungsraum, der andere Teil aber fliegt unverbrannt durch den Schornstein. Es fliegen natürlich keine Holzscheite heraus, sondern Ruß — kleine Kohleteilchen, die keine Zeit zum Verbrennen hatten. Das liegt daran, daß kein Feuer ohne Luft brennen kann. Damit das Holz vollständig verbrennt, muß der Heizer in den Feuerungsraum genügend Luft hineinlassen, was er durch Heben oder Senken der Klappe im Schornstein erreichen kann. Wenn wenig Luft in den Ofen hineinströmt, kann ein Teil des Heizmaterials nicht verbrennen; er fliegt als Ruß davon. Gelangt zuviel Luft hinein, so ist es auch nicht gut: der Feuerungsraum des Ofens wird zu sehr abgekühlt. Der Lampenruß besteht auch aus Kohlestückchen. Aber woher kommt die Kohle in die Flamme der Lampe? Aus dem Petroleum, dem Fett oder dem Harz, je nachdem, was wir in der Lampe verbrennen. Zwar sehen wir im Petroleum oder im Harz keine Kohle, doch ebenso wenig sehen wir auch den Käse in der Milch. Ist eine Petroleumlampe gut eingestellt, so kann sie nicht rußen: die gesamte Kohle verbrennt in der Flamme. Eine altmodische Funzel, die mit den heutigen Lampen kaum zu vergleichen ist, rußte immer. Das lag daran: die Luft zum Verbrennen reichte nicht aus, und nicht alle Kohlestückchen der Flamme hatten Zeit, zu verbrennen. Die Luft aber reichte deswegen nicht, weil in der Lampe zu viel Fett auf einmal brannte. Man hätte es so einrichten müssen, dass das Fett nur allmählich der Flamme zugeführt würde. Zu diesem Zweck erfand man den Docht. Der Docht besteht aus Hunderten von Fäden. Jeder Faden aber ist ein Röhrchen, durch das das Fett allmählich zur Flamme emporsteigt, wie die Tinte beim Löschpapier, das man in ein Tintenfass hinein hält.

Die Lampe in Saucieren und Teekannenform

Wahrscheinlich habt ihr alle schon einmal etwas von Pompeji und Herkulaneum gehört. Das sind zwei Städte, die einmal vor langer Zeit während eines Vesuvausbruchs durch Asche verschüttet wurden. Sie sind jetzt mit allen ihren Häusern, Plätzen und Straßen freigelegt worden. In den Häusern fand man zwischen allem möglichen Hausrat auch Lampen.

Diese alten römischen Lampen waren aus Lehm gemacht und mit Bronze verziert. Dem Aussehen nach ähnelten sie einer Sauciere. Aus dem Schnabel ragte ein Docht, und an der Seite befand sich ein Henkel, an dem man die Lampe beim Hin und Hertragen anfaßte. Die Lampe wurde mit Öl gefüllt. Der Docht brannte allmählich ab, und man mußte ihn von Zeit zu Zeit aus dem Schnabel weiter herausziehen. Jahrhunderte gingen dahin, aber der Lampenbau änderte sich fast gar nicht. In einer mittelalterlichen Burg hättet ihr fast die gleiche Lampe wie in Pompeji vorgefunden, nur daß sie etwas größer war. Große Lampen — mit mehreren Dochten — hängte man mit Ketten an die Decke. Damit das Öl von den Dochten nicht auf den Tisch tropfte, befestigte man unter den Lampen noch kleine Schüsseln, in die das Öl tropfen konnte. Das Öl war teuer. Arabische Kaufleute brachten es aus dem Osten. Ärmere Leute verbrannten Fett in Tongefäßen oder in Nachtlampen, die einer Teekanne ähnelten. Die Dochte waren aus Hanf. In Paris wurden sie von Hausierern verkauft, die durch die Straßen gingen und ausriefen:  »Fürs Öl die Dochte hier sind gut,  Damit die Lampe brennen tut!«

Die Lampe ohne Gefäß

Die wichtigsten Dinge an einer Lampe sind das Fett und der Docht. Das Gefäß aber ist nicht so wichtig. Wie kann man nun aber ohne Gefäß auskommen? Das ist sehr einfach. Man braucht nur einen Docht in warmen, ausgelassenen Talg zu tauchen und ihn dann herauszuziehen. Der ganze Docht bedeckt sich mit einer Schicht, und wenn diese erstarrt, haben wir eine Kerze. So machte man das früher. Einige Dutzend Dochte, die an einem Stock befestigt waren, wurden gleichzeitig in einen Kessel mit Talg getaucht. “ Man tauchte die Dochte einige Male in den Talg, damit sich an ihnen eine dicke Schicht bilden konnte. Solche Kerzen nannte man »getauchte Lichte«. Größtenteils haben die Hausfrauen nicht fertige Kerzen gekauft, sondern sie haben sich die Kerzen selbst gemacht. Später lernte man, Kerzen in besonderen Blech oder Zinnformen zu gießen. Die gegossenen Kerzen waren bedeutend hübscher als die getauchten. Sie waren glatter und gleichmäßiger.

Kerzen wurden nicht nur aus Talg, sondern auch aus Wachs gemacht. Wachskerzen waren viel teurer. Man fand sie nur in Kirchen und Schlössern. Übrigens konnten sich euch Könige diesen Luxus nur zu feierlichen Anlässen leisten. Während großer Festlichkeiten wurden die Säle der Schlösser mit Hunderten von Wachskerzen erleuchtet. Folgendes erzählt ein Reisender von einem Fest in Moskau, das im 16. Jahrhundert stattfand: »Der Abend brach an, aber das Gelage war noch immer nicht zu Ende, so daß man vier silberne Kronleuchter, die an der Decke hingen, anzünden mußte. Der größte, gegenüber dem Großfürsten, hatte zwölf Kerzen, die drei anderen je vier. Alle Kerzen waren aus Wachs. Zu beiden Seiten der Tafel standen achtzehn Männer mit großen Wachskerzen; die Kerzen brannten sehr hell und erleuchteten den Raum sehr gut. Auf unseren Tisch brachte man auch sechs große Wachskerzen; die Leuchter waren aus Jaspis und Kristall in silberner Fassung.« Ein Gelage galt für um so prunkvoller, je mehr Kerzen dabei brannten. So war es nicht nur im 16. Jahrhundert, sondern auch noch viel später. Uns wird von einem großen Ball berichtet, den einmal der Fürst Potemkin zu Ehren Katharinas II. gegeben hat. In den Sälen des Palastes, der dem Fürsten gehörte, waren hundertvierzigtausend Öllampen und zwanzigtausend Wachskerzen angezündet. Man kann sich vorstellen, wie heiß es dabei war; überall im Kristall der Kronleuchter und in dem verschiedenfarbigen Glas der Lampen funkelten die Lichte.

Der Fächer war auf einem solchen Ball kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Die Hitze war aber noch nicht das Schlimmste. Es kam vor, daß sich zur Hitze ein dichter Nebel gesellte. Paul I. gab einmal in seinem feuchten, düstern Schloß Michajlowskij einen Ball. Auf Befehl des Zaren zündete man in den Sälen Tausende von Kerzen an. Infolge der Feuchtigkeit erzeugten diese Kerzen einen solchen Nebel, daß die Gäste einander nur mit Mühe erkennen konnten. In dem dichten Nebel sah man kaum die Kerzen. Die »Roben« der Damen, die mit Gold und verschiedenfarbiger Seide bestickt waren, schienen einfarbig zu sein. Die Wachskerzen waren ein Luxus, der nur wenigen zugänglich war. Aber auch die Talgkerzen waren nicht billig. Noch vor hundert Jahren verbrachten ganze Familien ihre Abende beim Schein einer Kerze. Aber wenn Gäste kamen, wurden zwei oder drei Kerzen angezündet. Und alle waren überzeugt, daß es im Zimmer sehr hell sei. Ein Tanzabend bei drei Kerzen erscheint uns heute lächerlich. Denn wir halten selbst eine fünfzehnkerzige Glühbirne für schwach. Nicht einmal beim Schein einer Stearinkerze würden wir leben wollen, während unsere Vorfahren Talglichte hatten, die viel schlechter als die aus Stearin waren. Ein Talglicht rußt sehr stark, doch das Unangenehmste daran ist, daß man dauernd die Lichtschnuppe abschneiden muß. Wenn man das nicht tut, bedeckt sich die Kerze mit herabtropfendem Talg, weil das freistehende Ende des Dochtes nicht abbrennt, sondern immer größer und größer wird. Dabei wird auch die Flamme größer, genau so wie bei der Petroleumlampe, wenn man den Docht herausschraubt. Aber eine große Flamme bringt mehr Talg zum Schmelzen als verbraucht werden kann. So fließt denn auch der Talg an der Kerze herab. Aus diesem Grunde mußte man den Docht mit besonderen Scheren verkürzen. Die Schere lag gewöhnlich auf einem Tablett neben der Kerze. Die Lichtschnuppe mit den Fingern abzunehmen, hielt man für nicht sehr fein. Wenn man die Lichtschnuppe mit der Schere entfernte, mußte man sie auf die Erde werfen und sie mit dem Fuß austreten — »damit kein schlechter Geruch unsere Nasen belästige«. Der Docht unserer jetzigen Stearinkerzen ist so eingerichtet, daß sich eine Lichtschnuppe nicht bilden kann.

Es verhält sich nämlich so, dass sich die heißeste Stelle nicht in der Mitte der Flamme befindet, wohin die Luft nur schwer gelangen kann, sondern außen, wo es mehr Luft gibt. Das kann man leicht überprüfen. Man braucht nur vorsichtig und schnell die Kerzenflamme mit einem Stück Papier zu überdecken. Auf dem Papier bildet sich eine Brandkreislinie. Das bedeutet, daß die Flamme innen nicht so heiß ist wie außen. Bei einem Talglicht bleibt der Docht die ganze Zeit in der Mitte der Flamme. Deswegen brennt er schlecht und bildet eine Lichtschnuppe. In der Stearinkerze ist der Docht nicht wie in der Talgkerze gedreht, sondern geflochten. Das Ende des Dochtes, der zu einem strammgezogenen Zöpfchen geflochten ist, biegt sich ständig um und ragt somit in den äußeren, heißesten Teil der Flamme hinein, wobei er allmählich verbrennt.

Die Kerze als Uhr

Wenn man früher einen Menschen fragte, wie spät es sei, sah er nicht auf die Uhr, sondern auf die brennende Kerze. Das geschah aber nicht aus Zerstreutheit, sondern weil die Kerzen damals nicht nur zur Beleuchtung, sondern auch zum Messen der Zeit dienten. Es wird erzählt, dass in der Kapelle König Karls V. Tag und Nacht eine große Kerze brannte, die durch schwarze Striche in vierundzwanzig Teile, die die Stunden anzeigten, eingeteilt war. Die zur Aufsicht bestellten Diener waren verpflichtet, dem König von Zeit zu Zeit mitzuteilen, bis zu welchem Strich die Kerze herunter gebrannt war. Diese Kerze war natürlich nicht klein. Man machte sie gerade so lang, dass sie im Laufe von vierundzwanzig Stunden herunter brannte.

Hunderte von Jahren im Dunkeln

Nachdem Fackeln, Öllampen und Kerzen erfunden waren, begnügten sich die Leute lange Zeit mit dieser traurigen Beleuchtung. Es war wirklich eine traurige Beleuchtung. Die Lampen und die Kerzen qualmten und rußten. Von ihrem Prasseln und den Geräuschen, die sie verursachten, würden wir, weil wir nicht daran gewöhnt sind, Kopfschmerzen bekommen. In gewöhnlichen Laternen, die man mit sich herumtragen konnte, waren an Stelle der Glasscheiben Metallplatten, die wie 3i n Sieb durchlöchert waren. Durch die Löcher drang wenig Licht. An Straßenlaternen war damals überhaupt noch nicht zu denken. Wenn der Mond nicht für die Beleuchtung der Stadt gesorgt hätte, würde man in den Straßen nicht einmal die Hand vor Augen gesehen haben. Aber Laternen waren damals notwendiger als heute. Die Straßen waren nur selten gepflastert. Der Erdboden war uneben, schmutzig, mit Abfällen bedeckt. In der Mitte der engen Gässchen zogen sich Abflussgräben hin. Die Menschen gingen möglichst dicht an den Häusern entlang. Aber auch dort lauerten nicht wenige Gefahren. Es kam vor, dass aus den Fenstern der oberen Stockwerke, die über die Hausfront hinausragten, Spülwasser auf die Köpfe der Vorübergehenden gegossen wurde. Gil Blas, der lustige Held eines alten Romans, erzählt folgende Geschichte: »Zum Unglück war die Nacht außerordentlich dunkel. Ich tastete mich durch die Straße vorwärts und hatte schon die Hälfte des Weges zurückgelegt, als man aus einem Fenster ein Geschirr mit einem für den Geruchssinn nicht besonders angenehmen Inhalt über meinen Kopf entleerte. So schrecklich zugerichtet, wusste ich nicht, wozu ich mich entschließen sollte. Wenn ich umgekehrt wäre: was für ein Schauspiel hätte das für meine Kameraden gegeben? Das hätte ja geheißen, sich freiwillig zum Gegenstand des Gespötts machen.« Um sich vor Unannehmlichkeiten dieser Art zu schützen, gingen vornehme Leute mit Dienern aus, die ihnen angezündete Fackeln vorantrugen. Auch im alten Moskau versanken die Straßen nachts in tiefste Finsternis. »In der Dunkelheit erreichten wir die große Palasttreppe. Zwanzig Schritte davor standen viele Bedienstete, die Pferde an den Zäumen hielten. Sie warteten auf ihre Herrschaften, die beim Zaren zu Gast waren, um sie nach Haus zu begleiten. Aber um bis zu der Stelle zu kommen, wo die Pferde standen, mussten wir in tiefster Finsternis bis zum Knie im Dreck waten.« Das erzählt ein Reisender, der Ausländer Barberino, der im 16. Jahrhundert in Moskau weilte. Übrigens kam es manchmal vor, dass in den dunklen Moskauer Straßen plötzlich ein Dutzend heller Feuer aufflammte. Diese Feuer blieben nicht auf der Stelle stehen, sondern bewegten sich, zogen sich bald zu einer langen Kette auseinander oder verschwanden bald hinter einer Ecke. In den Häusern wurden die Fensterläden geöffnet. Hinter den Fenstern sah man erschrockene Gesichter: Was ist das für ein Feuer auf der Straße? Ist es etwa ein Brand? Und die Feuer kamen imrner näher und näher. Schon erschienen die Läufer des Zaren, die große Glimmerlaternen trugen, und hinter den Läufern kamen Reiter in fremdländischen Trachten. Das war der Gesandte eines fremden Königs, der nach dem Empfang beim Zaren in das für ihn bestimmte Quartier zurückkehrte. Das Tagebuch eines Ausländers berichtet darüber wie folgt: »Auf der Treppe im Palast waren große Ölschalen angezündet. In der Mitte des Hofes brannten zwei große Feuer. Als wir nach Hause fuhren, bereits gegen zehn Uhr abends, trugen sechs Bürger, die vor den Pferden einher schritten, große Laternen mit Kerzen, doch vor dem Wagen des Herrn Gesandten gingen sechzehn Bürger mit Laternen und begleiteten ihn zu seinem Quartier.«

Hier lesen Sie Teil 2: Laternen fangen an zu brennen.


Eine Münzwerkstatt aus alten Zeiten – Stolberg im Harz

Das Heimatmuseum Stolberg Harz mit der Münzwerkstatt
Das Heimatmuseum Stolberg Harz mit der Münzwerkstatt

Metallmünzen wurden erstmals Ende des 7. Jh. vor unserer Zeitrechnung in den ionischen Stödten Kleinasiens hergestellt. Durch den Handel mit griechischen Städten breitete sich die Kunst des Münzprägens rasch aus. Wie im 18. Jh. im Harz Münzen gefertigt wurden, darüber kann man sich im Heimatmuseum der Harzstadt Stolberg informieren.
Eine fast komplette Münzwerkstatt aus vergangener Zeit, in diesem Umfang die einzig erhaltene in unserem Lande, ist in Stolberg zu besichtigen. Reich mit Schnitzwerk verziert ist doas Gebäude aus dem Jahr 1535, das das Kulturhaus des Harzstädtchens und im zweiten Geschoss dos Heimatmuseum beherbergt. Besucher erhalten hier u.a., einen Überblick über den einstmals im Harz betriebenen Bergbau, vor allem ober über das Münzprägen vor mehr als zweihundert Jahren. Weiterlesen

Macht als Schreiber der Mächtigen

Schreibgeräte_Mesopotamien
Schreibutensilien – vermutlich Ägypten – 2.500 Jahre vor Christus

Um diesen Text in hieratischer Kursivschrift sind einige Instrumente angeordnet, deren sich die Schreiber bedienten: links ein Etui mit gespritzten Schreibrohren, unten eine Platte, die als Schreibunterlage und zum Glätten des Papyrus diente. Die beiden Näpfchen waren mit schwarzer und roter Tinte gefüllt (rot für die Götternamen).
Rechts daneben ein Messer zum Schneiden des Papyrus.