Auf den Mond- und Sonnenstrahlen bis hin zum Himmel ¦ Lermontovs und Puschkins Dichtung

¦Auf den Mond- und Sonnenstrahlen bis hin zum Himmel ¦
Lermontovs und Puschkins Dichtung

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Auf der Beerdigung von Puschkin sagte Wladimir Fjodorowitsch Odojewski (russischer Schriftsteller und Komponist) folgendes: „ Die Sonne der russischen Poesie ist untergangen. Lermontov kam, um Puschkin abzuwechseln, wie der Mond kommt, um die Sonne abzuwechseln.“
Puschkin und Lermontov hatten eins gemeinsam – das große Talent zu schreiben und zu dichten. Beide Schriftsteller und Dichter lernten die bitteren Seiten des Lebens kennen – Betrug, Verrat und Verfolgung. Während diese Erfahrungen, die Sehnsucht nach einem besseren, gerechteren Leben und die tiefe Enttäuschung Lermontovs Gedichte dominieren, erstrahlen die von Puschkin, auch wenn sie ebenfalls die schmerzhafte Welt darstellen, voller Hoffnung, handeln von seiner Lebenslust. Genau das ist der Grund, weshalb Puschkin mit der Sonne und sein Nachfolger mit dem Mond verglichen werden.
Die Lyrik des „mystischen Dichters“ spiegelt seinen Seelenzustand in den Mondstrahlen wieder. Das sinnlose Sein auf der Erde und der tief sitzende Schmerz, nichts in dieser Welt ändern zu können, verleiten den Poeten zur finsteren Dichtung.

GRIGORI GRIGOREVICH GAGARIN (1810 - 93) - ILLUSTRATION ZUM GEDICHT "DER TRAUM" VON M. LERMONTOW - Staatliches Museum Moskau
GRIGORI GRIGOREVICH GAGARIN (1810 – 93) – ILLUSTRATION ZUM GEDICHT „DER TRAUM“ VON M. LERMONTOW – Staatliches Museum Moskau

Im Kaukasus, wohin Lermontov zum zweiten Mal verbannt wurde, diesmal nach der Widmung an Puschkin „Der Tod des Poeten“, erlebte der Poet eine besonders schwere Lebensphase. Zu dieser Zeit, als er auch seinen baldigen Tod verspürte, ist eines seiner letzten Gedichte „Der Traum“ entstanden.
Dieses Gedicht enthält keine autobiographischen Züge. Es ist vielmehr ein Einblick Lermontovs in sein eigenes Schicksal. Es lässt sich aber behaupten, dass die Grundidee für dieses Gedicht der wichtigste Traum des Poeten war – die Erkenntnis des Seelenfriedens und der wahren Liebe.
Das Gedicht lässt sich in zwei Teile zerlegen. Im ersten Teil sieht man das landschaftliche Bildnis des Südens von Daghestan:

„In Daghestan, im Brand der Mittagsstunde
Lag still ich da, im Herzen das Geschoss;
Es rauchte noch die tiefe Todeswunde,
Draus sickernd tropfenweis mein Blut entfloss.
Still lag ich da im heißen, gelben Sande,
Und scheitelrecht der Strahl der Sonne traf
Die Felsen rings; doch ihre Glut verbrannte
Vergebens mich; ich träumt ich ewigen Schlaf…“

Der Autor beschreibt eine raue und beschwerliche Landschaft. Diese tritt als eine Art feindliche und tödliche Macht auf. Die Felsen umringen ähnlich den Mauern eines Gefängnisses den sterbenden Dichter.
Der zweite Teil des Gedichts beschreibt eine große Feierlichkeit, die dem Poeten im Traum erscheint:

„Es träumte mir: Von hellen Feuern glänzend,
Die Heimat nächtlich lag; im Festgewirr
Die Menge summte; festlich sich bekränzend
Die Mädchen schelmisch plauderten von mir…“

Neben Lermontov und gleichzeitig der Hauptfigur seines Gedichts, der sich am Rande des Lebens und Todes befindet, taucht in der zweiten Hälfte seiner Dichtung ebenfalls sein Wunschbild einer geliebten Frau auf, die seinen Tod verspürte:

„Nur eine will nicht plaudern, will nicht scherzen,
Sie sitzt allein und sinnt und atmet kaum,
Und quälend lastet auf dem jungen Herzen
Ein ahnungsvoller, wunderbarer Traum…“

Der Aufbau des Gedichts „Der Traum“ ist kompliziert, da es eine spiegelnde Komposition enthält. Boris Eikhenbaum (Gelehrter und Historiker der russischen Literatur) bezeichnete den Aufbau des Gedichts als „widerspiegelnd“; als wären es zwei Spiegel, die gleichzeitig die verschiedenen Schicksale der beiden Figuren zurückwerfen: zuerst sieht die Hauptfigur im Traum seine geliebte Frau, die später wiederum von ihm träumt:

„Es träumte ihr: Im fernen Talesgrunde
Ein wohlbekannter Körper einsam ruht;
Es klafft in seiner Brust die Todeswunde,
Und schon erkaltend sickert draus sein Blut.“
(Übersetzt von Hans Gerschmann)

Somit zeigt uns der Autor das Gedicht auf zwei verschiedene Weisen – einmal wird der Standpunkt der Hauptfigur, des Dichters selbst präsentiert, dann wird die Sichtweise seiner Liebsten gezeigt.
In „Der Traum“ vollendet Lermontov die Gestalt einer idealen Liebe. Auch, wenn er diese Liebe nur in seinem Todestraum findet, hat er es trotzdem geschafft, sie zu entdecken. Diese gibt ihm die Möglichkeit dazu, dem Tod etwas mutiger und hoffnungsvoller zu begegnen.
Das Gedicht eröffnet den Lesern den Zustand Lermontovs Seelenwelt, die sich hinter keiner Maske versteckt. Er offenlegt seine Sehnsucht nach dem erlösenden Tod.
Erleuchtend wie die Strahlen der Sonne schreibt auch Puschkin in seinem Gedicht „Die längst verschollene Lust vergangener Tage“, wie schwer sein Herz von der Last des Schmerzes wurde. Im Gegensatz zu Lermontov will er sich jedoch von dem Band des Lebens nicht lösen.
Puschkins Gedicht lässt sich auch in zwei Teile splitten. Der erste Teil seines Gedichts erzählt vom Kummer der alten Tage und seiner tief im Herzen sitzenden Sorgen:

„Die längst verschollne Lust vergangner Tage
Drückt wie ein Kopfweh mich nach einem Trinkgelage.
Doch meines Herzens Gram dem Weine gleicht,
Der, wie er altert, auch an Stärke steigt…“

Durch die qualvollen „vergangenen Tage“ weiß der Dichter, dass auch seine Zukunft nicht anders ausschauen wird:

„Mein Pfad ist trüb. Vom grauenvollen Meer
Der Zukunft dröhn Gefahr und Leiden her.“

Der zweite Teil seines Gedichts repräsentiert Puschkins lebensbejahende Natur. Darin zeigt er, wie sehr er das Leben zu schätzen weiß. Nach Puschkin gehören das Denken und das damit verbundene Leiden unausweichlich zur menschlichen Existenz:

„Doch ich will, Freunde, von der Welt nicht scheiden!
Will leben, um zu denken und zu leiden…“

Puschkin schaut auch den schweren Zeiten des Lebens positiv entgegen, denn sie sind es, die das Leben interessant und farbenfroh gestalten. Ohne sie wüssten wir nicht, was Glück und Freude bedeuten. Er weiß, dass das Leben voller Dynamik ist und auch „der Sturm“ vergehen wird. Umso wertvoller werden für ihn die schönen Momente des Seins:

„Ich weiß, daß zwischen Sorgen, Sturm und Wehen
Auch Lust und Freude mir noch auferstehen.
Ich werde Kunst und Leben neu genießen,
Noch Thränen der Begeisterung vergießen…“

Sogar die letzten zwei Zeilen des Gedichts offenbaren Puschkins Optimismus, der sich hin bis zum Tod erstreckt:

„Und einst auf meines Grabes trüber Nacht
Vielleicht der Liebe Lebewohl mir lacht.“
(Übersetzt von Friedrich Martin Bodenstedt)

Puschkin und Lermontov gingen zwei verschiedene Wege der Poesie. Beide Seelenwelten – die der Mond- und Sonnenstrahlen führen jedoch zu einem gemeinsamen Nenner, dem sich im Himmel befindenden Genie.


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