Artemisia Gentileschi • Eine der bedeutendsten Malerinnen • Ihr Hauptmotiv: heroische Frauenfiguren.

Artemisia Gentileschi - Selbstporträt
Artemisia Gentileschi – Selbstporträt

trennlinie2Über ein Jahrhundert galt das Gemälde als verschollen. Jetzt wurde die „Maria Magdalena“ (ca. 1613) von Artemisia Gentileschi beim Auktionshaus Sotheby’s in London für 865.500 € versteigert. Gentileschi, die als junge Frau von ihrem Lehrer vergewaltigt wurde, ist eine der bedeutendsten Malerinnen. Ihr Hauptmotiv: heroische Frauenfiguren. Sie malte das berühmte Bild „Judith enthauptet Holofernes“, das heute noch so manchem Mann großes Unbehagen verursacht.

Was macht man, wenn eine Frau das gängige Vorurteil von der weiblichen Unfähigkeit widerlegt? Ganz einfach: man tut so, als habe sie nie existiert, oder – wenn sie sich nicht so ohne weiteres totschweigen lässt -, man diffamiert sie. So geschehen im Fall der italienischen Malerin Artemisia Gentileschi.

Ganze dreihundert Jahre musste sie darauf warten, bis sie als Künstlerin anerkannt wurde. Erst 1916 widmete ihr der italienische Kunsthistoriker Roberto Longhi eine ausführliche Studie. Er stöberte ihre Bilder auf, identifizierte, verglich und beurteilte sie. Am Ende war er davon überzeugt, dass Artemisia Gentileschi „die einzige Frau Italiens war, die je gewusst hatte, was Malerei und Farben sind.“

Keine Spur von weiblicher Schwäche und Sanftmut

Laut Longhi gehört sie – obwohl eine Frau – zu den „großen Meistern“ des17. Jahrhunderts. Sie ist Begründerin des „napoletanischen Caravaggismus“, und ihre Bilder brauchen den Vergleich mit den Werken so anerkannter Zeitgenossen wie Vermeer und van Dyck keineswegs zu scheuen. Letzterem hatte man sogar einige ihrer Gemälde zugeschrieben – versehentlich natürlich.

Davor war die Malerin in der Kunstgeschichte kaum zur Kenntnis genommen worden. Wenn sie überhaupt zitiert wurde, dann deshalb, weil das angeblich „lockere und frühreife Mädchen Artemisia“ als 19-Jährige in einen Vergewaltigungsprozess verwickelt war. Es nützte ihr nichts, dass sie dort als Geschädigte und Klägerin aufgetreten war. Was von da an durch die Geschichtsbücher geisterte, waren die nie bewiesenen Anschuldigungen ihres Vergewaltigers.

Zum Skandalruhm der Malerin trug allerdings noch etwas anderes bei. Angeblich malte sie gar nicht wie eine Frau (hört! hört!), sondern, so die Kunsthistoriker, fertigte „männliche“ Bilder an. Dabei hatten sie vor allem ihr berühmtes Gemälde Judith enthauptet Holofernes vor Augen, das in der Tat wenig mit den üblichen Projektionen von der „weiblichen Schwäche und Sanftmut“ zu tun hat.

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Im Mittelpunkt des Gemäldes steht eine realistisch gemalte, tatkräftige Judith, die mit dem Schwert dem auf dem Bett ausgestreckten Holofernes den Kopf abschlägt. Die Magd im Hintergrund hilft der Herrin bei der Ausführung des Verbrechens, Blut spritzt durch den Raum, die Mörderin neigt sich voller Abscheu zur Seite vielleicht damit ihr goldgelbes Kleid nicht beschmutzt wird -, und in ihrem Gesicht zeichnet sich nicht die Spur von Mitleid ab.

Artemisia wurde 1593 in Rom geboren. Ihr Vater war der Maler Orazio Gentileschi, ihre Mutter, Prudenzia Montone, starb, als sie noch klein war. Die Gentileschis wohnten im römischen Künstlerviertel in der Nähe der Porta del Popolo und dort inmitten von Werkstätten, Malerateliers, Farben und Staffeleien begann Artemisias Karriere als Malerin. Damals für eine Frau ein höchst ungewöhnlicher Beruf, schließlich war das Trientiner Konzil, auf dem die Kirche den Frauen das Menschsein abgesprochen hatte, kaum vier Jahrzehnte vorbei, und die Gegenreformation mit ihrem Antifeminismus war in vollem Gange.

Ihr Lehrer Agostino Tassi vergewaltigte sie

Artemisia begann früh mit ihren ersten Malversuchen. Der Vater unterrichtete sie zusammen mit ihren drei Brüdern, und rasch stellte sie die Geschwister mit ihrem Können in den Schatten. Dass von seinen Kindern ausgerechnet ein Mädchen am begabtesten war, schien Orazio nicht weiter gestört zu haben, auf jeden Fall bildete er Artemisias Talent nach Kräften aus. In einem Brief an die Herzogin von Lothringen aus dem Jahr 1612 bekennt er mit unverhohlenem Vaterstolz, dass seine Tochter trotz ihrer Jugend „bereits Kunstwerke geschaffen hat, die vielleicht große Meister dieses Handwerks nicht erreichen werden“. Wie recht er hatte!

An die Karriere seiner Tochter mag der ehrgeizige Orazio auch gedacht haben, als er den befreundeten Maler Agostino Tassi für sie als Lehrmeister engagierte. Er besaß den Ruf eines virtuosen Landschaftsmalers und sollte Artemisia in der Perspektive unterrichten. Damals, als Tassi begann, im Hause Gentileschi ein- und auszugehen, war Artemisia gerade achtzehn geworden, sie war hübsch, sie war begabt und stolz…

Doch durch die Begegnung mit Tassi wurde dem Höhenflug der jungen Malerin ein jähes Ende gesetzt. Er sorgte dafür, dass ihr die Niederungen eines gewöhnlichen Frauenschicksals nicht erspart blieben. Doch lassen wir Artemisia selbst erzählen:

„Als wir an der Tür waren, stieß er mich ins Zimmer und schloss hinter uns zu. Mit einem Schlag auf die Brust warf er mich aufs Bett, dann fuhr er mit seinem Knie zwischen meine Schenkel und stopfte mir mit einem Taschentuch den Mund, damit ich nicht schreien konnte. Jetzt schob er mir die Röcke hoch, was ihm Mühe bereitete, fuhr mit dem zweiten Knie zwischen meine Beine und steckte sein Glied in meine Scham. Dann ließ er meine Hand los und begann zu stoßen. Beim Hineinstecken spürte ich ein starkes Brennen und einen Schmerz. Ich leistete Widerstand, konnte aber keine Hilfe herbeirufen, weil er mir immer noch den Mund zuhielt. Ich zerkratzte sein Gesicht, riss ihm Haare aus und versetzte seinem Glied, bevor er es hineinsteckte, einen so kräftigen Hieb, dass ein Stückchen Fleisch abging. Doch ließ er sich nicht beirren und fuhr mit seinem Treiben fort. Er stieg erst von mir herunter, als er seine Sache erledigt hatte. Als ich frei war, rannte ich zur Tischschublade, nahm ein Messer heraus, stürzte auf Agostino los und schrie: ,Mit diesem Messer will ich dich töten, denn du hast mich geschändet!'“

Das war der Tathergang. Artemisia gab ihn so ein Jahr nach dem Vorfall bei einem richterlichen Verhör zu Protokoll. Nicht sie (aus verständlicher Angst vor den Folgen), sondern ihr Vater hatte den Fall publik gemacht und Tassi wegen „Entjungferung“ seiner Tochter und Nichteinhaltung des Eheversprechens angeklagt. Einen Dienst erwies er Artemisia mit dieser Anzeige nicht, denn was nun folgte, war die übliche Ungeheuerlichkeit: Die vergewaltigte Frau wird zum zweiten Mal Opfer männlicher Gewalt – diesmal durch die Richter. Artemisia musste gynäkologische Untersuchungen bezüglich ihrer nicht mehr vorhandenen Jungfräulichkeit über sich ergehen lassen – in Anwesenheit der Richter natürlich – und wurde noch zusätzlich gefoltert. Mit angelegten Daumenschrauben schrie sie in einem Kreuzverhör dem anwesenden Tassi ins Gesicht: „Dies ist der Ring, den du mir gegeben hast, und das sind deine Versprechungen!“

Tassi leugnete die Tat – die Richter glaubten ihm

Von Tassi wurde das Vergehen während der ganzen Verhandlungsdauer hartnäckig geleugnet. Er bezichtigte Artemisia der Lüge und konterte alle Beschuldigungen mit dreisten Gegenangriffen. Bei jedem Verhör hatte er eine neue Lügengeschichte parat. Gefoltert wurde Tassi natürlich nicht. Daran änderte auch sein Sündenregister nichts, das immerhin Mord, Raub und Blutschande beinhaltete. Die Richter schenkten ihm Glauben.

Im Oktober 1612, nach achtmonatiger Verhandlungsdauer, wurde der Prozess schließlich ohne nennenswertes Ergebnis niedergeschlagen. Tassi kam auf freien Fuß, seine Karriere ging bruchlos weiter, und auch Orazio,Artemisias Vater, nahm die alte Freundschaft zu ihm wieder auf. Anders stellte sich die Situation für Artemisia dar. Zum dritten Mal musste sie für ihr Frausein büßen. Die Wogen des Skandals, der im ganzen Land bekannt war, mussten wieder geglättet, ihre öffentliche Reputation wieder hergestellt werden. Sie versuchte es durch eine überstürzte Heirat und durch Verlassen der Stadt. Mit ihrem neuen Mann, Pietro Antonio Stiattesi, von dem sie sich bald wieder trennte, siedelte sie noch im gleichen Jahr nach Florenz über.

Sieben Jahre, von 1613-1620, blieb sie in der toskanischen Hauptstadt. Verwandte halfen ihr beim Einstieg in die dortige Malerszene, und Artemisia behauptete sich nicht schlecht. In relativ kurzer Zeit verschaffte sie sich, jetzt ganz unabhängig von ihrem berühmten Vater, den Ruf einer angesehenen Malerin. Über mangelnde Aufträge konnte sie nicht klagen, selbst der toskanische Großherzog Cosimo II ließ bei ihr arbeiten, und die Accademia dei Disegni (Kunstakademie) nahm sie als erste Frau in ihren Reihen auf.

Artemisias Spezialität waren vor allem Portraits und menschliche Figuren. Ihre Malweise ist realistisch, ohne Pathos und Idealisierungen, wie sie damals üblich waren. In ihrem Stil, bei dem sie mit starken Farbaufträgen und dramatischen Hell-Dunkel-Kontrasten arbeitete, war sie zweifellos von der Malerei Caravaggios (1573-1610) beeinflusst, was nicht wundert, denn ihr Vater und Lehrmeister war ein Freund dieses Malers gewesen. Caravaggios Bilder bedeuteten seinerzeit eine Revolution in der Malerei. Sie verstießen gegen das herrschende ästhetische Empfinden des Manierismus, und viele seiner Zeitgenossen fanden.seine Bilder seien „unheilig und würdelos“. In die Kunstgeschichte ging er unter dem Stichwort des „plebejischen Realismus“ ein.

Sie wählte heroische weibliche Figuren

Auch Artemisia Gentileschi gilt als „Caravaggistin“, doch hat sie diese Stilrichtung um eine eigenständige weibliche Komponente bereichert. Aus den biblischen Stoffen, die damals in Mode waren, wählte sie stets diejenigen aus, in denen die weibliche Rolle heroisiert wurde, in denen die Frau im Mittelpunkt des Geschehens stand. Judith, Lukrezia, Batsabee, Loths Schwestern heißen ihre Heldinnen, und sie alle sind keine manirierten Idealprojektionen weiblicher Schönheit, sondern ganz konkrete, handelnde Subjekte aus Fleisch und Blut.

Höhepunkt ihrer Frauendarstellungen und gleichzeitig ihr Hauptwerk ist besagte Judith, die Holofernes enthauptet. Allein in sechs Variationen hat Artemisia dieses Motiv bearbeitet, und es ist das Bild, das die Betrachter/innen am direktesten anspricht. Die Kommentare der Kunsthistoriker zur vermeintlichen Grausamkeit und Brutalität des Bildes sprechen Bände. Roberto Longhi erfleht Gnade“ angesichts eines solchen „Schrekkensweibs“ (von wem wohl?), und auf Roland Barthes wirken die beiden Frauen wie „Arbeiter, die gerade dabei sind, ein Schwein zu schlachten“.

Wie dem auch sei, viel psychologischen Scharfsinn braucht man nicht, um in der Gewaltszene einen gemalten Racheakt zu sehen, eine Art Abrechnung Artemisias mit ihrem Vergewaltiger Tassi. Indem sie symbolisch den Mann tötet, der sie verletzt und gedemütigt hat, kann sie sich von ihrer Rolle als Sexualobjekt befreien: Artemisias Judithdarstellung – ein Emanzipationssymbol.

Reichlich emanzipiert muss es auch in ihrem wirklichen Leben zugegangen sein, das so war, wie das der meisten Künstlerexistenzen: rastlos und unstetig. Häufige Ortswechsel führten sie über Rom und Florenz nach Genua, Neapel, Paris, Venedig und sogar an den englischen Hof von Karl I. Arbeit hatte sie immer genug, und zu ihren Auftraggebern gehörten neben Privatleuten und Bischöfen auch Könige und Herzöge. Genügend Geld muss Artemisia immer verdient haben, und das sicherte ihr auch die ökonomische Unabhängigkeit von einem Mann. Ob sie nach ihrer ersten Ehe ein zweites Mal verheiratet war, ist nicht genau bekannt. Auf jeden Fall hatte sie zwei Töchter, die sie alleine erzog und versorgte. Als deren Verheiratung bevorstand, nahm sie zusätzliche Arbeit an, um sie mit einer anständigen Mitgift versorgen zu können.

Sie wurde geschätzt und anerkannt, hatte ein eigenes Atelier

In Neapel schließlich, wo Artemisia zwanzig Jahre lang lebte, und wo sie als Sechzigjährige 1653 starb, leitete sie ein gut florierendes Maleratelier mit männlichen Mitarbeitern. Sie bekam hier auch öffentliche Aufträge und wurde zusammen mit Lanfranco, Stanzione, Beltrano und Fracanzano aufgefordert, Leinwände zur Ausschmückung der Kathedrale von Pozzuoli anzufertigen. Bei ihren Malerkollegen war sie geschätzt und anerkannt, und keiner fand es unter seiner Würde, das Atelier der „Maestra Artemisia“ aufzusuchen, um dort zu fachsimpeln.

Doch bei all den Erfolgen, die Artemisia für sich verbuchen konnte, dürfen wir uns nicht darüber hinwegtäuschen lassen, wie schwer ihr Stand in der Malerzunft und bei den Auftraggebern wirklich gewesen sein muss. Aus einigen wenigen Andeutungen ihrer Geschäftsbriefe lässt sich eine Mischung aus Trotz und Selbstbewusstsein herauslesen. Artemisia war sich sehr wohl im klaren darüber, dass sie als malende Frau die absolute Ausnahme war. Und so kommentierte sie einen Betrug, bei dem ein Auftraggeber den von ihr gefertigten Entwurf einfach von einem anderen Maler ausführen ließ, weil dieser billiger war, ganz richtig mit den Worten: „Wenn ich ein Mann wäre, ich weiß nicht, ob so etwas durchgegangen wäre.“

Andererseits wusste sie ihren Wert und die Qualität ihrer Bilder auch zu schätzen. „Sie kommen zu einer Frau“, hält sie einem anderen Auftraggeber entgegen, „die sich in der Malerei bestens auf Variationen versteht. Nie hat man auf einem meiner Bilder die gleiche Figur ein zweites Mal angetroffen.“

An Selbstbewusstsein hat es dieser Artemisia Gentileschi demnach nicht gefehlt. Dass sie es zurecht besaß, davon können wir uns zum Glück noch heute überzeugen. Ihre Bilder sind in den Uffizien in Florenz, im Prado in Madrid, im Metropolitan Museum in New York, in der Schönbornsammlung in Pommersfelden, in den Museen von London, Ohio, Detroit und Berlin zu bewundern.

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