Arno Holz – Weltgeschichte

Vasari - Kastration des Uranus - ca. 1560

trennlinie2Heimlich durchwandert die Nacht den Tann,
Duftend im Vollmond schwanken die Gräser;
Alles schläft! Nur ein steinalter Mann
Putzt sich geschäftig die Brillengläser.
Nimmt sich ein Prieschen und sagt: Hätschi!
Ich bin der achte der sieben Weisen!
Ach, und er merkt es nicht einmal, wie
Ueber ihm leuchtend die Sterne kreisen!

Sehnsüchtig harft durch die Zweige der Wind,
Blüthen erschliessen sich, Knospen schwellen;
Alles still! Nur der Nachtthau rinnt
Und von den Bergen her rauschen die Quellen.
Raune nur traumhaft, Du dunkle Natur,
Raune das Räthsel der Elemente,
Hat doch der alte Graukopf nur
Sinn für Bücher und Pergamente!
Wenn er nur schnüffeln und büffeln kann,
Mag dreist dies Sonnensystem erkalten;
Ihm ist’s schon recht, denn was geht es ihn an,
Dass sich die Welten wie Blumen entfalten?
Festgeleimt an den Stuhl das Gesäss,
Fängt er sich Grillen und mästet sich Motten,
Hüstelt und schreibt gelehrte Essays
Ueber Assyrer und Hottentotten.

Tintenfässer bilden Spalier,
Goldstreusand und Radiermesser blinken,
Ganze Ballen von Schreibpapier
Liegen bekritzelt ihm schon zur Linken.
Säuberlich hat er drin aufnotirt
Jede Schlacht und jedes Gemetzel,
Neben Napoleon figurirt
Kaiser Tiber und der Hunnenchah Etzel

Ekelerregend mit jedem Band
Schwillt das Gemengsel von Blut, Fleisch und Knochen;
Leute wie Sokrates, Shakesspeare und Kant
Werden nur so nebenbei besprochen.
Weltharmonie und Sphärenmusik
Können ihm vollends gestohlen bleiben;
Interessanter ist schon die Rubrik,
Wie sich die Kaiser von China entleiben!

Also sitzt er und schmiert und schmiert
Todte Zahlen und trockne Berichte,
Bis er dann endlich »Schluss« drunter kliert
Und auf das Titelblatt: »Weltgeschichte«.
Weltgeschichte! O blutiger Hohn!
Uralter Hymnus auf die Bornirtheit!
Wann, o wann kommt des Menschen Sohn,
Der Dich erlöst aus Deiner Verthiertheit?

Immer noch brütet die alte Nacht
Grauenvoll über den Völkern der Erde,
Aber schon seh ich rothlodernd entfacht
Flammen des Geistes auf ewigem Herde,
Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit
Jubelt die neugeborene Trias!
Freu Dich, mein Herz, denn die goldene Zeit
Dämmert und predigen wird der Messias:

Lebt in Frieden und baut euer Zelt,
Viel, ach, müsst ihr noch lehren und lernen;
Ein Herz schlägt durch die ganze Welt,
Ein Geist fluthet von Sternen zu Sternen.
Ruft drum als Loosung von Land zu Land:
Eins sei die Menschheit von Zone zu Zone
Erst wenn sie staunend sich selbst erkannt,
Dann erst ist sie der Schöpfung Krone!


Arno Holz (1863–1929)

Arno Holz
Arno Holz

Als Apothekersohn 1863 in Ostpreußen geboren – 1875 nach Berlin übergesiedelt – bricht Arno Holz die Schule ab – ohne Abschluss – und lebt als freier Schriftsteller im Berliner Wedding. Seine wirtschaftlichen Verhältnisse würde man wohl als schwierig bezeichnen. Seine Lyrik entwickelt sich nach 1885 um soziale Fragen herum: er tritt dem naturalistischen Literaturverein »Durch!« bei und wird in der literarischen Avantgarde, die ihn trotz junger Jahre halb liebevoll, halb spöttisch »Papa Holz« nennt, ein ebenso aktiver wie sendungsbewusster Mann.

»Kunst=Natur-X« ist die Formel, auf die Holz das Ziel künstlerischen Schaffens bringt.

1887 zieht er mit seinem Freund Johannes Schlaf zusammen und schreibt gemeinsam mit ihm unter dem Pseudonym Bjarne P. Holmsen eine Reihe naturalistischer Werke. Sie entweien sich allerdings über die Aufteilung der kargen Honorare in einem öffentlich geführten Streit. Holz erhält die Ehrendoktorwürde der Universität Königsberg, wird Mitglied der Preußischen Akademie der Künste zu Berlin und als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis nominiert.
Alfred Döblin schreibt über Arno Holz: »Er war bis zuletzt eine Lehrernatur, ein Mann, der etwas bestimmt wusste und es demonstrierte.«

Arno Holz starb am 26.10.1929 in Berlin.

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