Arkadij Awertschenko – Wie ich ein Lügner wurde

Pinocchio - Enrico Mazzanti (1852-1910)
Pinocchio – Enrico Mazzanti (1852-1910)

Jeder, der mich von Kindheit kennt, kann bestätigen, daß kein Knabe die Wahrheit mehr liebte als ich. Alles, was sie wollen – pflegte ich zu sagen –, nur nicht lügen!
Ein Scherz, ein Schabernack – das vielleicht! Aber Lügen riefen in mir Gefühle hervor wie die Seekrankheit in einem Passagier, der zum erstenmal eine Schiffsreise unternimmt.

****

Eines Tages fuhr ich in einer Droschke auf dem Liteyniprospekt. Von der Liteynaja kamen wir auf den Newski und wollten von da auf die Wladimirskaja. Plötzlich hört mein Pferd das Signal einer Autohupe. Das Pferd bleibt stehen, ein Auto fährt in die Droschke, die Droschke stürzt, das Pferd fällt, die Deichsel bricht. Ich falle auf das Pflaster, der Kutscher stürzt vom Bock auf das Pferd.
»Kutscher!« rief ich, als ich vom Boden aufstand, »kriechen Sie vom Pferd herunter, Sie sind kein Reiter. Fahren Sie nach Hause.«
Etwa zwanzig Personen liefen auf mich zu. Ich sagte zu dem Polizeioffizier, der unter der Menge war:
»Könnte man nicht eine andere Droschke holen? Ich muß dringend weiterfahren.«
»Haben Sie sich weh getan?«
»Danke, die Hand ist ein wenig verrenkt. Das ist meine eigene Schuld, weil ich so unglücklich gefallen bin.«
»Darf ich um Ihre Visitenkarte bitten.«
»Ich kann nichts dafür. Ich saß in der Equipage und . . .«
»Sie sind nicht schuld. Die Schuld trägt der Kutscher.«
»Dann verlangen Sie seine Visitenkarte. Übrigens ist auch er nicht schuld. Als er sah, daß das Pferd ins Auto lief, schrie er laut auf. Er glaubte, daß das Pferd erschrecken würde. Sie wissen, wenn ein Pferd erschrickt, so nimmt es Reißaus. Mein Pferd kennt diese Regel nicht und blieb stehen. So fuhr das Auto in die Droschke hinein.«
»Erzählen Sie von Anfang an.«
»Bitte. Gestern abend bekomme ich ein Radiotelegramm: Komme dringend zu mir. Dein Täubchen.«
»Das interessiert mich nicht – erzählen Sie, wie Sie gefahren sind.«
»Wir fuhren durch die Liteynaja auf den Newski. Plötzlich tönt von der Seite her eine Autohupe. Das Pferd erschrickt, bleibt stehen. Der Chauffeur kann den Motor nicht abstellen, fährt in die Droschke hinein . . .«
»So. Und jetzt bitte um Angabe Ihres Namens, Ihres Berufes und Ihrer Adresse.«

Als ich diese Formalitäten erledigt hatte, konnte ich nach Hause gehen.

****

Nach diesem Vorfall verbrachte ich ruhig fünfzehn Stunden.
Am anderen Morgen, gegen sieben Uhr, läutete das Telephon.
»Hallo! Bist du es?«
»Ja, ich bin’s. Ah, das bist du, Pelikanow? Was läutest du Sturm in so früher Stunde?«
»Mein Lieber, wie steht es mit deiner Gesundheit? Ich bin so beunruhigt! Diese Autos!«
»Woher weißt du es?«
»Ich hab‘ es in der Zeitung gelesen. Erzähle, wie das passiert ist!«
»Du hast es ja in der Zeitung gelesen.«
»Nein, erzähle selbst. Die Zeitungen schreiben nie die Wahrheit.«

Ich erzählte: »Wir fuhren durch die Liteynaja auf den Newski und wollten auf die Wladimirskaja. Plötzlich ertönt ein Autohupensignal, das Pferd erschrickt, bleibe stehen, das Auto fährt in die Droschke, der Wagen wird umgeschmissen, das Pferd stürzt zu Boden, der Kutscher fällt auf das Pferd, ich fliege zu Boden, verletze ein wenig meinen Arm. Die Schmerzen sind schon vorüber, aber die Deichsel ist hin.«
»Furchtbar! Auf Wiedersehen!«
Ich ging vom Apparat, mußte aber gleich dahin zurückkehren.
»Hallo, sind Sie das?« rief die süße Stimme meines Täubchens.
»Ja, guten Morgen! Wie geht’s?«
»Danke. Sie sind nicht im Bett? Dann ist das Unglück nicht so gefährlich. Ich war besorgt, so beunruhigt! Wie ist das passiert?«
»Es steht in den Zeitungen . . .«
»Erzählen Sie selbst.«

Ich unterdrückte einen Seufzer und sagte:»Wir fuhren durch die Liteynaja auf den Newski, dann auf die Wladimirskaja, plötzlich von der Seite ein Autohupensignal, das Pferd erschrickt, bleibt stehen, das Auto fährt in die Droschke hinein – wir liegen am Boden. Die eine Rippe tut weh, aber die Deichsel ist schon gesund.«
»Sie fiebern, armer Freund! Ich werde heute zu Ihnen kommen. Auf Wiedersehen!«
Auf die dritte telephonische Anfrage antwortete ich kurz:
»Fahrtroute: Liteyni, Newski, Wladimirskaja. Autohupe. Zusammenstoß. Equipage und Pferd fallen um. Ich auf die Seite. Schmerzen. Die Deichsel hin. Jetzt alles in Ordnung. Schluß!«
Nach dem vierten Läuten – lakonische Erklärung des Unfalles:
»Geh zum Teufel!«
Ich legte mich auf den Diwan und begann nachzudenken:
Eigentlich sind die armen Leute gar nicht schuld. Sie wollen mir ihre Teilnahme beweisen. Man muß gerecht sein. Es ist langweilig, ein und dieselbe Geschichte zehnmal zu erzählen, aber jeder hört sie zum erstenmal. Man kann auch nicht jeden, der sich nach meinem Befinden erkundigt, zum Teufel schicken! Ich werde vielleicht hundert illustrierte Broschüren mit einer detaillierten Beschreibung des Falles drucken lassen und sie unter meine Freunde verteilen. Nein, das hat keinen Sinn; bis ich die Broschüre aus dem Druck erhalte, werden alle meine Freunde angerufen haben. Ich werde sie lieber zum Tee einladen und ihnen die Geschichte erzählen. Aber das geht auch nicht! Sie werden nicht auf einmal kommen und ich werde jedem einzeln die Geschichte erzählen müssen . . .

Ich war in einer verzweifelten Lage und wußte nicht ein noch aus . . .

Das Läuten des Telephons zwang mich, den Diwan zu verlassen.
»Hallo! Sind Sie das?«
»Ja! Sie wollen über den Zusammenstoß mit dem Auto nähere Details erfahren? Lesen Sie die Zeitung!«
»Die Blätter verdrehen alles!«
»Ja«, sagte ich plötzlich mit Wut, »Sie haben recht. Die Zeitungen lügen. Hören Sie die Wahrheit: Ich fahre auf der Liteynaja, neben mir sitzt ein alter Freund, der englische Gesandte. Er schaut sich um und sagt: ›Wir werden verfolgt‹. – ›Von wem?‹ – ›Von einer Sekte indischer Würger . . . Als ich Oberst im zehnten indischen Regiment war, habe ich viele dieser Würger hängen lassen, und jetzt . . .‹ Er beendet die Phrase nicht – plötzlich ein wildes Geschrei – aus einem Auto springen fünf Inder, packen die Räder unserer Droschke, der Wagen fällt. Der Oberst reißt von der Brust ein Amulett, zeigt es den Indern, ruft ihnen auf indisch ein paar Worte zu – sie laufen davon.«
»Schrecklich! Die Zeitungen haben es anders beschrieben!«
»Das glaube ich!«

****

»Hallo! Ja, ich! Gewiß. Furchtbarer Fall. Sie wollen es von mir hören? Gut. Wir fahren an der Ecke der Liteynaja, sehen auf dem Trottoir einen Schatten, der steht, brummt . . .«
»Ein Auto auf dem Trottoir!«
»Woher? Das war ein Königstiger!«
»Hören Sie? Was erzählen Sie da? Wie kommt ein Tiger auf den Newski?«
»Er ist aus dem Zirkus durchgegangen! Was ist denn dabei: Kommt alle Tage vor! Mit einem gigantischen Sprung stürzt der Tiger auf die Droschke, wirft den Wagen um – wir schweben in Lebensgefahr. Zu unserem Glück geht ein Schütze vorbei. Er packt sein Gewehr, schießt und trifft den Tiger. Wir waren gerettet . . .«
»Mein Gott, woher kam der Mann?«
»Aus dem Zirkus! Ein Schütze, der dort auftritt und jeden Gegenstand trifft.«
»Aber in den Zeitungen . . .«
»Ach was, in den Zeitungen – die Zeitungen lügen!«

****

»Danke, daß Sie mich persönlich aufsuchen. Zu nett! Ich kann bis jetzt kaum zu mir kommen . . .«
»Erzählen Sie ausführlich! Die Zeitung hat sicher den Fall nicht detailliert gebracht. Ich möchte es von Ihnen hören!«
»Ja, die Zeitungen lügen. Erstens spielte sich der Fall nicht auf dem Newski, sondern in meiner Wohnung ab.«
»Bei Ihnen? In der Wohnung? Eine Droschke mit Pferd – ein Auto?«
»Ja, stellen Sie sich vor!«
»Hören Sie . . .«
»Ich behaupte ja nicht, daß das Auto groß war. Es war ganz klein – ich habe meinem Buben ein Spielauto gekauft.«
»Und das Pferd?«
»War ein Holzpferd. Mein Bub legte auf das Auto verschiedene Sachen, darunter fünf Kilo Pulver, die ich für die Jagd besorgt hatte. Der Bub saust im Zimmer herum, stößt mit dem Pferd zusammen. Das Pulver explodiert – alles fliegt in die Luft – der Knabe, das Auto, das Pferd, die Bonne, die ins Zimmer tritt – alles war in Stücke zerrissen. Man wußte nicht, wo die Bonne aufhörte und der Bub anfing . . .«
»Furchtbar. Wo ist das alles?«
»Man hat es hinausgetragen . . .«

Ich erzählte bis zum späten Abend. So bin ich ein Lügner geworden! Und wer hat mich dazu gemacht? Die Menschen, die mir die Wahrheit nicht glauben wollten . . .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!