Arkadij Awertschenko • Was für Lumpen sind doch die Männer

Arkadij Awertschenko • Was für Lumpen sind doch die Männer

Der Chef des Verkehrsdienstes, der alte Mischkin, rief das Schreibmaschinenfräulein Ninotschka in sein Kabinett. Er überreichte ihr zwei Bogen und bat sie, diese Abschrift auf der Maschine fertigzustellen.
Als Mischkin ihr die Papiere gab, schaute er Ninotschka aufmerksam an, und da die Sonnenstrahlen ihre Figur streiften, fiel sie ihm ganz besonders auf.
Vor ihm stand ein schlankes, reizendes Mädchen mit einem wunderschönen Gesichtchen, tiefen dunkelblauen Augen und entzückendem blonden Haar.
Er trat näher an sie heran und sagte:
»Hm, also Sie werden diese Akten abschreiben, ich bemühe Sie doch nicht zu sehr?«
Ninotschka schaute ihren Vorgesetzten an und erwiderte :
»Ich bekomme ja mein Gehalt dafür!«
»So, so, Gehalt, das ist richtig. Sagen Sie, Fräulein, schmerzt Sie nicht die Brust, wenn Sie sich lange über die Maschine beugen? Es wäre schade um so ein hübsches, junges Ding.«
»Nein, danke, mich schmerzt nichts.«
»Das freut mich. Und fröstelt es Sie nicht?«
»Weshalb soll mir denn kalt sein?«
»Sie haben eine so dünne Bluse, der Arm schimmert durch. Was für schöne Arme! Haben Sie auch Muskeln?«
»Bitte, lassen Sie meine Arme in Ruhe!«
»Einen Moment . . . warten Sie, warum reißen Sie sich los? Ich wollte ja nur Ihre Muskeln prüfen.«
»Lassen Sie meine Hand, Sie tun mir weh, Sie Lump!«
Ninotschka riß sich aus den zitternden Armen des alten Mischkin los und lief ins Arbeitszimmer. Der linke Arm tat ihr über dem Ellbogen weh.
»Na warte«, sagte sie zu sich, »das wirst du teuer bezahlen.«
Sie schloß die Maschine, kleidete sich an, verließ das Amt und ging zum Anwalt . . .

****

Der Anwalt empfing Ninotschka sofort und hörte sie aufmerksam an.
»So ein Lump! Dabei ein alter Herr! Was wollen Sie unternehmen?«
»Kann man ihn nicht nach Sibirien verbannen?« fragte Ninotschka.
»Das geht nicht, aber zur Verantwortung kann man ihn ziehen.«
»Dann ziehen Sie ihn zur Verantwortung!«
»Haben Sie Zeugen?«
»Ich bin die Zeugin«, erwiderte das Mädchen.
»Nein, Sie sind diejenige, auf die das Attentat verübt wurde. Wenn Sie keine Zeugen haben, ist nichts zu machen, sofern nicht Spuren des Attentates vorhanden sind.«
»Gewiß sind Spuren da. Er packte mich fest beim Ellbogen, da oben sieht man noch den blauen Fleck.«
Der Anwalt schaute nachdenklich das hübsche Mädchen an, zwinkerte mit den Augen und sagte:
»Zeigen Sie den Arm!«
»Es ist da, unter der Bluse!«
»Dann ziehen Sie die Bluse aus!«
»Aber Sie sind doch kein Arzt, sondern ein Anwalt!«
»Das hat nichts zu sagen, die Funktionen eines Arztes und eines Anwaltes sind beinahe identisch Wissen Sie, was ein Alibi ist?«
»Nein, das weiß ich nicht.«
»Na, sehen Sie, ich muß die Richtigkeit des Verbrechens feststellen, muß sozusagen Ihr Alibi konstatieren, also bitte, ziehen Sie Ihre Bluse aus!«
Das Mädchen seufzte und ließ seine Bluse von der einen Schulter herabsinken. Der Anwalt half ihr, berührte einen roten Fleck und sagte höflich:
»Verzeihen Sie, aber ich muß Sie untersuchen. Heben Sie Ihre Hand auf.«
»Rühren Sie mich nicht an«, schrie Ninotschka.
Sie zog rasch ihre Bluse an und lief hinaus.

****

Als sie auf der Straße stand, zitterte sie vor Empörung. Dann beschloß sie, einen Journalisten, der als ehrlicher Mensch bekannt war, aufzusuchen und ihm den Fall vorzutragen.
Der Journalist empfing sie zuerst unfreundlich, als sie ihm aber ihr Abenteuer erzählte, lachte er hellauf:
»Da haben Sie die besten Menschen, da haben Sie die Träger der Wahrheit! Sie benehmen sich wie Wilde, die kaum von der Kultur beleckt sind.«
»Soll ich die Bluse ausziehen?« fragte Nina verlegen.
»Die Bluse, wozu die Bluse? Übrigens können Sie die Bluse ausziehen, es ist interessant, diesen Fleck zu sehen.«
Als er den nackten Arm und die Schulter sah, schüttelte er den Kopf:
»Haben Sie aber Arme! Die wirken geradezu verführerisch – verstecken Sie sie, oder nein, warten Sie, was wäre, wenn ich Sie an dieser Stelle küssen wollte? Sie hätten dabei nichts verloren!«
Aber der Journalist kam übel an. Rasch lief das Mädchen von ihm fort.
Auf der Straße lächelte sie zwischen Tränen und sagte:
»Mein Gott, alle Männer sind Lumpen.«
Am Abend saß Ninotschka zu Hause und weinte, dann hatte sie das Bedürfnis, jemandem ihr Leid zu erzählen. Sie kleidete sich um und ging zu ihrem Nachbar, einem Studenten, der in derselben Pension wohnte.
Der Student stand vor dem Examen, saß den ganzen Tag bis in die späte Nacht und studierte.
Als Nina ins Zimmer trat, hob er den Kopf vom Buche und sagte:
»Guten Abend, Ninotschka! Wollen Sie Tee? Dort steht der Samowar. Ich werde inzwischen mein Kapitel zu Ende lesen.«
»Iwanow, man hat mich heute beleidigt«, bemerkte traurig das Mädchen.
»Wer hat Sie beleidigt?«
»Mein Chef, ein Anwalt und ein Journalist. Alle Männer sind Lumpen!«
»Wieso hat man Sie beleidigt?«
»Einer packte mich fest am Arm und alle anderen wollten den Fleck sehen.«
»So«, sagte der Student und las ruhig weiter.
»Aber mir tut der Arm so weh«, bemerkte Nina.
»Trinken Sie Tee!«
»Wahrscheinlich«, sagte Ninotschka, »werden auch Sie meinen Arm ansehen wollen?«
»Weshalb soll ich ihn anschauen?« bemerkte der Student. »Ich glaube Ihnen aufs Wort, daß dort ein Fleck ist.«
Ninotschka trank ihren Tee und der Student arbeitete weiter.
»Der Arm tut mir weh«, klagte das hübsche Mädchen, »soll ich vielleicht eine Kompresse machen ?«
»Ich weiß es nicht!«
»Soll ich Ihnen nicht den Arm zeigen? Ich weiß, Sie sind nicht wie die anderen, zu Ihnen habe ich Vertrauen.«
Der Student zuckte die Achseln:
»Wozu sich bemühen? Ich bin kein Mediziner, sondern Naturwissenschaftler!«
Nina biß die Lippen zusammen, stand auf und sagte trotzig:
»Sie sollen trotzdem meinen Arm anschauen!«
»Also, bitte, zeigen Sie. Tatsächlich, da ist ein blauer Fleck. Diese Männer! Na, es wird bald vorübergehen.«
Er schüttelte den Kopf und griff wieder nach seinem Buche.
Nina saß schweigend da, ihre Schulter war von der Lampe beleuchtet.
»Ziehen Sie die Bluse an«, bemerkte der Student, »im Zimmer ist es verflucht kalt!«
»Aber er hat mich auch am Fuß gezwickt«, sagte sie nach einer Pause und streifte ihren Rock ein wenig in die Höhe.
Der Student erwiderte kühl:
»Da müßten Sie den Strumpf ausziehen. Aber hier zieht es. Sie können sich erkälten, und ich verstehe nichts von Medizin. Das Vernünftigste ist, Sie trinken Ihren Tee weiter.«
Dann begann er von neuem zu büffeln.
Das Mädchen saß noch eine Weile da, endlich seufzte es und sagte:
»Ich fürchte, daß mein Gespräch von der Arbeit ablenkt«, drückte seine Hand und verließ das Zimmer.
Und als sie in ihrem Stübchen war, ließ sie sich auf ihrem Bett nieder, senkte den Blick, seufzte nochmals und sagte leise:
»Was für Lumpen sind doch die Männer!«

trennlinie2

Aus: Arkadij Timofejewitsch Awertschenko:Kurzgeschichten – Was für Lumpen sind doch die Männer – 1940

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!