Arkadij Awertschenko | Mein Reisebegleiter

Es gibt Menschen, zu denen man sich vom ersten Augenblick an hingezogen fühlt. Ihre Stimme, ihr Lächeln rufen blindes Vertrauen hervor. Und wenn man eine Stunde in ihrer Gesellschaft verbracht hat, möchte man glauben, daß man sie schon viele Jahre kennt. Ich habe einmal einen solchen Menschen getroffen. Es war ein Erlebnis, das man nicht vergißt.

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Ich fuhr damals in der zweiten Klasse des Nachtzuges nach dem Städtchen Pitschugino, wo ich einen Vortrag über Aviatik halten sollte.

Im Abteil befand sich außer mir noch ein junger Mann, der mir von Anfang an gefiel.

Er lächelte mich freundlich an und sagte:

»Ich glaube, wir bleiben zu zweit. Das ist angenehm, nicht wahr?«

»Ja«, erwiderte ich angeregt. »Ich bin ein Feind überfüllter Coupés. Wo haben Sie übrigens Ihr Gepäck?«

Er lachte hellauf.

»Alles, was ich habe, trag‘ ich bei mir. – Wohin reisen Sie?«

»Nach Pitschugino. Ich soll dort einen Vortrag über Aviatik halten. Mein Name ist Worobjew!«

»Sehr angenehm«, bemerkte mein Begleiter. »Ich fahre ebenfalls geschäftlich nach Pitschugino. Mit Vergnügen werde ich Ihrem Vortrag beiwohnen. Wo findet er denn statt?«

»Im Saal der Aviatischen Gesellschaft. Ich bekomme zweihundert Rubel dafür.«

»Oho! Das ist eine schöne Summe. Um diesen Betrag kann man die ganze Aviatische Gesellschaft fliegen lassen!« sagte lachend mein Reisebegleiter.

Ich schaute auf die Uhr und gähnte.

»Man sollte eigentlich jetzt ein wenig schlafen. Wo bleibt der Kondukteur? Ich liebe es nicht, wenn man mich aus dem Schlaf weckt!«

»Legen Sie sich ruhig auf die Bank nieder«, sprach mein Nachbar und nahm eine Zeitung aus der Tasche. »Ich werde lesen. Und wenn Sie wollen, zeige ich Ihre Fahrkarte dem Kondukteur, damit er Sie nicht stört.«

»Machen Sie sich doch keine Ungelegenheiten!« rief ich.

»Ach, ich schlafe sowieso nicht!«

Ich streckte mich auf der Bank aus und gab meinem Reisebegleiter die Fahrkarte. Dann stand ich wieder auf, nahm meinen Koffer herunter, öffnete ihn und zog ein Schlafkissen hervor.

Der junge Mann schaute mir voll kindlicher Neugierde zu und rief entzückt:

»Was für ein wunderschöner Koffer!«

»Ja, das ist ein ausgezeichnetes Stück. Ich habe es in Berlin gekauft. Da ist ein Abteil für Wäsche, hier eines für Kleider, da eine Tasche für Mundvorrat und hier eine für Banknoten, Paß und Dokumente. Ich habe diesmal meinen Paß nicht mitgenommen, aber ich glaube, daß man mir in Pitschugino keine Schwierigkeiten machen wird!«

»Das kann man nicht wissen. Der dortige Polizeimeister ist sehr streng. Ich fahre nie ohne meinen Paß.«

Er zog ihn aus der Tasche und schwenkte ihn vergnügt.

»Sie werden ihn verlieren, Sie großes Kind! Man sollte Ihnen den Paß fortnehmen und ihn aufbewahren.«

Sein sympathisches Gesicht wurde ein wenig besorgt:

»Hm, ich werde ihn nicht verlieren. Aber man kann ihn in der Nacht stehlen. Was fange ich dann an?«

»Geben Sie ihn her! Ich werde den Paß in meinem Koffer verstecken! Haben Sie Geld?«

»Woher soll ich Geld haben? Da ist mein Paß, und verstecken Sie ihn in Ihrem Koffer.«

Er schaute noch einmal neugierig herüber und sagte:

»Wenn ich einmal reich bin, fahre ich nach Berlin und kaufe mir so einen Koffer. Wo haben Sie ihn her?«

Ich nannte die Firma und sagte zu ihm:

»Sie sind ein fescher Kerl!«

Er lächelte verlegen:

»Auch Sie gefallen mir, nur aus diesem Grund habe ich Ihnen meinen Paß anvertraut.«

Ich gähnte, lehnte mich zurück, wünschte meinem Reisebegleiter angenehme Ruhe und schlief bald ein.

****

Nach einer Weile fühlte ich, wie jemand mich kräftig schüttelte und eine heisere Stimme mir zurief:

»Sie, Herr, wachen Sie doch auf!«

Ich öffnete die schläfrigen Augen und sah vor mir den Kondukteur.

»Was wünschen Sie?« brummte ich.

»Ihre Fahrkarte!« erwiderte der Kondukteur. Ich stand auf, sah meinen Reisebegleiter mir gegenüber sitzen und ruhig die Zeitung lesen.

»Hören Sie«, sage ich zu ihm, »haben Sie dem Kondukteur nicht meine Fahrkarte gezeigt?«

Er schaute mich erstaunt an und sagte in kühlem Ton:

»Was für eine Fahrkarte?«

»Mein Gott, ich habe Ihnen doch früher meine Fahrkarte gegeben!«

»Sie mir? Wann denn?«

»Vor einer Stunde. Sie sagten doch, ich sollte Ihnen meine Karte geben, wenn ich nicht aus dem Schlaf geweckt werden wollte.«

»Ich soll von Ihnen eine Fahrkarte genommen haben, Herr? Sie träumen! Ich habe nur meine eigene Karte, und die hab‘ ich dem Kondukteur vorgewiesen! Vielleicht haben Sie jemand anderem Ihre Karte gegeben!«

Das Gesicht meines Mitreisenden gefiel mir nicht mehr . . .

»Junger Mann«, erwiderte ich, »das ist eine bodenlose Frechheit!«

»Schauen Sie lieber in Ihren Taschen nach!« erwiderte er kühl und las dann ruhig seine Zeitung weiter.

An dem Gesicht des Kondukteurs konnte ich feststellen, daß er meinen Worten keinen Glauben schenkte und mich für einen blinden Passagier hielt. Um einem Skandal aus dem Wege zu gehen, zog ich meine Brieftasche und sagte dem Kondukteur:

»Wahrscheinlich habe ich die Karte verloren. Geben Sie mir eine andere!«

Der Kondukteur schüttelte mißtrauisch den Kopf und gab mir eine neue Karte, für die ich einen Zuschlag zahlen mußte. Dann verließ er das Abteil.

»Herr, was bedeutet das?« fragte ich meinen Nachbar.

Er summte ein Liedchen vor sich hin, zog den Rock aus, legte ihn auf die Bank, reckte sich und ließ sich dann nieder.

»Gauner!« rief ich ihm zu.

Er lächelte, zwinkerte freundschaftlich herüber und schloß die Augen.

»Ich dachte, daß Sie ein anständiger Mensch sind«, rief ich voll Wut, »und Sie erweisen sich als Hochstapler! Schämen Sie sich nicht? Warum schweigen Sie? Sie sind ein gewöhnlicher Eisenbahndieb, den man ins Gefängnis stecken sollte! Hol Sie der Teufel!«

Ein Schnarchen war die Antwort.

Ich war empört und schimpfte eine ganze Stunde lang. Dann wurde ich müde, lehnte mich zurück und dachte im Einschlafen: Wart nur, du Gauner! Deinen Paß werde ich der Polizei übergeben . . .

****

Ich erwachte ziemlich spät. Mein Reisebegleiter war schon auf, aß mit Appetit ein belegtes Brötchen und trank ein Glas Tee.

»Darf ich Ihnen ein Schinkenbrötchen anbieten?« sagte er mit freundlichem Lächeln, als ob nichts vorgefallen wäre.

»Scheren Sie sich zum Teufel!«

Er schaute mich an und sprach:

»Hm, das Wetter bessert sich, es hat aufgehört zu schneien.«

Ich übersah ihn vorläufig, saß in meiner Ecke und wartete, bis er den Paß zurückverlangen würde. Aber er sprach kein Wort über den Paß und verzehrte mit Seelenruhe seine Schinkensemmel.

Inzwischen studierte ich das Material für meinen Vortrag.

Endlich unterbrach mein Reisebegleiter das Schweigen:

»Die Aviatik muß eine sehr interessante Sache sein. Die Zeitungen schreiben sehr viel über Flieger!«

»Ich bitte, mich in Ruhe zu lassen!« erwiderte ich.

»Diese Flugzeuge, Luftschiffe und die übrige Aviatik befinden sich noch in den Kinderschuhen«, fuhr er gelassen fort. »Und da behauptet man, daß die Luft bereits bezwungen sei.«

»Das ist keine Wissenschaft für Eisenbahndiebe!« bemerkte ich voll Wut. Seine Frechheit entwaffnete mich jedoch.

»Die nächste Station ist Pitschugino«, sprach er, »wir müssen dort den Zug verlassen!«

Gleich wird er um seinen Paß bitten, dachte ich.

Aber er zog seinen Mantel an, legte die Zeitung in die Seitentasche, nickte mir freundlich zu und ging in den Korridor.

Der Zug blieb stehen.

Ich kleidete mich an, nahm meinen Koffer und verließ den Waggon. Da kein Träger auf dem Perron stand, mußte ich ihn selber tragen. Plötzlich hörte ich hinter mir Schritte, jemand packte mich bei der Hand:

»Ist er das?«

»Ja, das ist er!« ertönte die wohlbekannte Stimme meines Reisebegleiters. »Stellen Sie sich vor, er hat meinen Koffer ergriffen und ist davongerannt. Was sagen Sie dazu, Herr Wachtmeister?«

Ich versuchte mit Mühe die Hand fortzureißen.

»Das ist ein alter Trick«, fuhr der junge Mann fort, »Herr Wachtmeister, verhaften Sie den Herrn!«

»Was unterstehen Sie sich? Das ist mein Koffer! Ich kann genau angeben, was er enthält . . .«

»Machen Sie sich nicht lächerlich. Ich habe diesen Koffer in Berlin gekauft. Und weil ich ihn in Ihrer Anwesenheit einigemal geöffnet habe, wissen Sie vielleicht den Inhalt. Aber wenn das Ihr Koffer ist – sagen Sie mir doch, wessen Paß in der Geheimtasche liegt? Sie schweigen? Was für ein Paß befindet sich also im Koffer? Auf wessen Namen lautet der Paß?«

Mein Mitpassagier hob den Koffer auf und sagte zum Wachtmeister: »Nehmen Sie den Mann mit. Er wird gewiß seine Tat bereuen. Gott mit ihm!«

Dann verschwand er mit meinem Koffer, und ich wurde abgeführt . . .«

****

Ich schlief die ganze Nacht mit Verbrechern zusammen, in aller Frühe wurde ich verhört. Dabei fiel zufällig mein Blick auf eine Zeitung, die auf dem Tisch des Polizeioffiziers lag. Ich las eilig folgende Notiz:

»Der gestern gehaltene Vortrag des Herrn Worobjew aus Petersburg über ›Moderne Aviatik‹ endete mit einem großen Skandal. Es erwies sich, daß der Vortragende keine Ahnung von seinem Thema hatte. Das zahlreiche Publikum brüllte vor Lachen, als der Vortragende die Wörter Aerostat mit Aeroplan verwechselte und ähnlichen Unsinn sprach.

Bedauerlich ist jedoch, daß der Lektor sich das Honorar im voraus bezahlen ließ und während des Skandals damit durchging.«

Selbstverständlich konnte ich meine Schuldlosigkeit beweisen. Aber mein wunderschöner Koffer war fort und mein Ansehen als Aviatikfachmann dahin!

Sagt, was ihr wollt! Ich halte nichts mehr von den Menschen . . .

***

Aus: Arkadij Awertschenko | Was für Lumpen sind doch die Männer | Paul Neff Verlag

Arkadi Timofejewitsch Awertschenko * 15. Märzjul./ 27. März 1881greg. Sewastopol; † 12. März 1925 Prag) war ein russischer Schriftsteller und Satiriker.


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