Arkadij Awertschenko – Der Mann unter dem Bett – Kurzgeschichte

Der Mann unter meinem Bett - Illustration: Stefan Otte
Der Mann unter meinem Bett – Illustration: Stefan Otte

Kuroslepow ging ins Theater. Infolge einer Erkrankung der Primadonna wurde die Vorstellung abgesagt, und er kam statt um elf Uhr um acht nach Hause. Seine Frau begegnete ihm außergewöhnlich freundlich, das ließ ihn aber ganz kalt. Er schaute sich nach rechts und links um und sagte finster:
»Wessen Fuß ist dort unter dem Bett?«
»Das ist kein Fuß«, antwortete seine Frau lachend, »das sind deine Schuhe, die du unters Bett geworfen hast.«
»Du glaubst, daß es meine Schuhe sind? Schön. Ich werde gleich eine Kugel in den Absatz feuern.«

Unter dem Bett ertönte ein sonderbares Räuspern, und wie ein Krokodil kroch ein junger Mann hervor.
»Sie sind ja voller Staub«, sagte Kuroslepow. »Wer sind Sie eigentlich?
Der junge Mann schwieg.
»Weshalb schweigen Sie? Antworten Sie! Ich glaube, ich habe das Recht, Sie zu fragen! Entweder sind Sie ein Dieb, oder der Hausfreund, oder ein Wahnsinniger!«
Darauf beschloß der junge Mann, die Rolle eines Wahnsinnigen zu spielen. Er sprang dreimal in die Höhe, hüpfte auf einem Bein und breitete die Hände aus.
»Was haben Sie?« fragte erstaunt Kuroslepow.
»Ich bin ein Vogel. Ich fliege.«
Die Frau Kuroslepows begann zu lachen.
»Da gibt es nichts zu lachen«, sagte der junge Mann, »es ist eine Sünde, sich über Kranke lustig zu machen.«
»Also, Sie sind ein Irrsinniger?« sagte Kuroslepow.
»Ich bin ein Vogel! Ich fliege! öffnen Sie das Fenster, und ich werde davonfliegen.«
»Sehen Sie«, sagte der Mann, »wenn ein Vogel ins Haus fliegt, so sperrt man ihn in einen Käfig. Ich werde Sie einsperren lassen. Übrigens sind Sie vielleicht gar kein Wahnsinniger?«
»Doch!« sagte der junge Mann und schaute erschreckt auf den Stock, den Kuroslepow in der Hand hielt. »Ich bin ein stiller Narr.«
»Das kann nur der Psychiater feststellen. Katja: telephoniere sofort an das Irrenhaus, es sollen ein Arzt und zwei Diener kommen. Rasch!«
»Schicken Sie mich lieber nach Hause«, sagte der junge Mann. »Ich bin ein stiller Narr . . . Ich stehe in häuslicher Pflege.«
»Nein! Das ist eine Gefahr für die ganze Stadt.«

Jack and Jill 2 - WW Denslow - Project Gutenberg etext 18546
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Man wartete lange auf den Arzt. Der junge Mann stand in der Ecke und markierte von Fall zu Fall den Flug eines Vogels.
Endlich erschien der Arzt mit den zwei Dienern.
»Wo ist der Kranke?« fragte er rasch.
»Dort steht er. Ich kam etwas früher nach Hause und fand ihn unter dem Bett meiner Frau. Ich fragte ihn, wie er dort hingekommen sei, und er antwortet mir: ›Ich bin ein Wahnsinniger! Ich bin ein Vogel!‹ Herr Doktor, untersuchen Sie ihn!«

Der Doktor warf einen Blick auf die junge Frau und auf den jungen Mann. Er erfaßte richtig die Situation, und da er zu Hause eine junge Frau hatte, dachte er, daß auch er einen Fuß unter dem Bett entdecken könnte. Er war wütend gegen junge Leute, die verheiratete Frauen verführen, und besonders gegen den Missetäter, der ihm gegenüberstand.
»Gehen Sie ins Kabinett«, sagte er schroff, »ich werde Sie untersuchen!«
Im Kabinett entschloß sich der junge Mann, eine andere Rolle zu spielen. Er kreuzte die Hände auf der Brust und sagte zum Arzt:
»Mensch, wenn du ins Paradies kommen willst, so melde dich bei mir. Ich habe die Schlüssel.«
»Dann bist du der heilige Petrus?« sagte der Arzt.
»Du hast es erraten«, antwortete der junge Mann.
»Mich interessiert nur eines: Wie konnte Petrus unters Bett kommen?«
»Gottes Wege sind unergründlich!«
»Genug!« rief nervös der Arzt. »Zieht ihm die Zwangsjacke an!«
»Gestatten Sie«, sagte erblassend der junge Mann, »was heißt das? Sie haben kein Recht . . .«
»Sie werden gleich sehen, was für ein Recht ich habe! Ich werde Sie in die Isolierzelle einsperren lassen . . . Ich werde kaltes Wasser auf Ihren Kopf fließen lassen.«
»Ich bin verloren«, dachte der junge Mann, und versuchte, sich aus den Händen der Diener zu befreien.

Es entwickelte sich ein schwerer Kampf, während dessen die Diener ihm die Hände hielten, dabei wurde er ziemlich stark geprügelt. Der Arzt schaute mit sichtlichem Vergnügen zu.
»Doktor, lassen Sie mich frei! Ich werde die Wahrheit sagen!« rief der junge Mann fast weinend.
»Schön! Laßt ihn los! Nun?«
»Ich bin kein Wahnsinniger.«
»Wie kamen Sie in ein fremdes Haus unters Bett der Frau?«
»Herr Doktor! Der Kampf um die Existenz, die Arbeitslosigkeit – da muß man zu jedem Mittel greifen!«
»Sie sind ein Dieb?«
»Ja«, sagte der junge Mann mit einem falschen Seufzer. »Aber dieses Mal habe ich nichts gestohlen. Lassen Sie mich laufen.«
»Nein«, sagte der Doktor, »ich bin kein Patron der Diebe!«
Er hob das Hörrohr des Telephons und rief: »Hallo! Fräulein! Bitte Polizeikommissariat! Herr Pristav? Hier Doktor Orlow. Wir haben einen Dieb erwischt. Worjanskaja 7, Tür 10. Verhaften Sie ihn!«

Zwangsjacke - Illustration: Stefan Otte
Zwangsjacke – Illustration: Stefan Otte

Als der Pristav kam, sagte der Doktor: »Man fand diesen Herrn unter dem Bett der Hausfrau. Er spielte zuerst den Wahnsinnigen, dann gestand er, daß er ein Dieb sei.«
Auch der Pristav hatte zu Hause eine junge, fesche Frau. Er dachte: Ich bin den ganzen Tag im Dienst und inzwischen . . .
Blinde Wut packte ihn.
»Ah, du Lump«, rief er, »stehlen! Ich werde dir’s zeigen. Wo sind deine Komplicen? Gestehe, sonst . . .«
Er hob die Hand, und der junge Mann flog in die Ecke.
»Das war der Vorschuß. Wart‘, Bürschchen. Auf dem Polizeikommissariat wirst du den Gummiknüttel kennenlernen.«
»Herr Pristav«, rief der junge Mann und fiel vor ihm auf die Knie. »Es ist ein Justizirrtum. Ich bin kein Dieb. Ich bin ein guter Bekannter der Hausfrau. Als ich bei ihr war, kam unerwartet der Mann nach Hause.«
»Legitimieren Sie sich«, sagte der Pristav.
»Ich bin Anwalt, fünfunddreißig Jahre alt, verheiratet, bisher unbescholten. Darf ich mich vorstellen? – Doktor Galkin! Sehr angenehm!«
»Telephonnummer?« fragte der Pristav kurz. So und so.

Der Pristav wählte die Nummer. Dann rief er ins Telephon: »Ist dort Galkin? Gnädige Frau? Wir haben Ihren Mann unter dem Bett von Frau Kuroslepow gefunden. Was sollen wir mit ihm machen? Ha! Sehr gut.«
Er hängte den Hörer auf und sagte vergnügt: »Sie sollen auf der Stelle nach Hause kommen.«
Im Vorzimmer wurde Galkin vom Hausherrn aufgehalten.
»Du bist also Katjas Freund? Und fliegen wolltest du, Vogerl? Da hast du – flieg!« Und er warf ihn die Stiege hinunter.
Zu Hause prügelte ihn seine Frau.

Hat man das nötig? dachte Galkin seufzend. Wenn man nicht lügt, prügelt einen nur der Mann! Lohnt es sich also, die Wahrheit zu verschweigen? Durch Schaden wird man klug! Das nächste Mal . . .

 

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