unterwegs | Annemarie Schwarzenbach | In Aleppo, Syrien

Aleppo, 8. Dezember

Annemarie Schwarzenbach
Annemarie Schwarzenbach

Hinter uns die kilikischen Waldgebirge, weit weg der nüchterne Höhenrausch, hier die Stadt der sarazenischen Zitadelle, der mächtigen Torbrücke, hallender Gewölbetreppen, der kleinen Falken über dem Trümmerfeld. Von den Mauern sieht man auf die Stadt hinab; eine Strasse läuft rings um den steilen Hügel, da gehen die langsamen Kamele, die schreienden Esel, die Reiter auf weißen Pferden, die Soldaten, große Nubier in Turbanen, die Frauen, schwarz verschleierte Nachtvögel, und die singenden Straßenhändler. Hinter der Strasse die Gassen, die in den gedeckten Basar führen, die Kuppeln der Bäder, die Türme der Moscheen und Höfe mit farbigen Brüstungen voller Teppiche und gelb gefärbter Tücher, unten die Kaufleute und die Kameltreiber, weiße Kamele geduldig ruhend zwischen den Warenballen. Wir besuchten einen reichen Textilkaufmann; hinter dem Kontor, wo er uns Kaffee anbot, waren die halbdunklen Gewölbe angefüllt mit gestreiften Tuchen aus der Türkei, Seide aus Japan, Baumwolle aus Alexandrien, draußen im Hof lagen große verschnürte Ballen blauer Wolle aus Bombay. »Aus der Schweiz kaufen wir Kunstseide«, erklärte er mir, und buchstabierte die Namen Steckborn und Rorschach.
Ein anderer Hof gehörte einem Wollhändler, der syrische Schafwolle nach Europa schickte. »Dieses Jahr«, erzählte er, »haben wir zum erstenmal grosse Geschäfte mit den Sowjets gemacht.«

In den feuchten Gewölben seines Hofs sassen, in Wolken von Staub und eingebettet in Haufen schmutziger Wolle, Beduinenfrauen mit grossen Scheren. »Sie arbeiten wie Tiere«, sagte der Händler und rief Namen auf – die Gerufenen senkten scheu das Gesicht –, er fuhr fort: »Sie bringen das Geld, welches sie bei mir verdienen, ihren Männern. Es ist eine ungesunde Arbeit; die meisten sterben mit 35 Jahren.«

Der Mann mit dem Fes zuckte die Achseln.

Jacques hieß unser junger Freund, ein blasser, kraushaariger Libanese griechischer Abstammung, der uns in Aleppo von früh morgens bis spät in die Nacht begleitete. Am Abend führte er uns in alle Clubs der Stadt, zu den syrischen Nationalisten etwa, wo man kein Französisch, sondern nur Arabisch hörte und wo der europäische Hut verpönt war. Cercle de famille hieß der Club, wo keine Muslime zugelassen waren. Christen und Juden spielten dort Tischbillard, tranken Raki, der mit Wasser gemischt weiß im Glas schäumte, und aßen heiße Würstchen und gebratene Fleischklösse in warmem, aufgeschnittenem Brot.

Am späten Abend sassen wir mit Jacques, seinen Freunden und dem blonden Mädchen Maria bei Ibor, und Jacques erzählte uns von Musslimija: eine kleine Station, ich erinnere mich, traurig in gelbem Dämmerlicht, die Sonne schien zwischen den kahlen Zweigen schwarzer Bäume. Dort ist eine junge Fliegerin gestorben – sie landete, ihre Maschine erlitt einen kleinen Unfall, die Offiziere stürzten herbei, halfen ihr heraus, nichts war geschehen. »Drei Tage Reparatur«, sagte man ihr. Sie ging scherzend mit den Offizieren zur Baracke, man trug ihr Gepäck in ein kleines Zimmer und liess sie allein. Gleich darauf hörte man zwei Schüsse. Sie hatte sich getötet.

Jacques klopfte mit der geballten Hand auf den Tisch. »Ich habe das Mädchen nachher gesehen«, sagte er, verzerrt, »draussen in Musslimija.«

»Sie hiess Marga von Etzdorf«, sagten wir.

»Sie war noch jung . . .«

Ein junger algerischer Offizier begleitete uns auf dem Heimweg – ein auffallend schöner Mensch, blondhaarig, mit hellen Augen, die das Licht des Wassers, des Eises und des afrikanischen Himmels vereinigten. Der weisse Turban umrahmte ein schmales, dunkles Gesicht. Er redete knabenhaft und schwärmerisch, als gelte es die Sterne anzusprechen, dann zu uns, sich besinnend, eindringlich, männlich. »Ich liebe Algier«, sagte er, »und ich bin Soldat. Aber können Sie verstehen, dass dies eine Entschuldigung für den Krieg ist?« Wir beschwichtigten ihn, niemand behauptet das, sagten wir. »Ich habe es mitgemacht«, sagte er eigensinnig, »Krieg ist abscheulich, glauben Sie mir, es geht gegen die Ehre.«

Er blieb stehen und verabschiedete sich. Wir hörten seinen raschen Schritt auf dem Pflaster. Es war drei Uhr – um fünf Uhr musste er bei den Pferden sein.

Einige Tage später fuhren wir nach dem Dorfe Rihanija, welches auf halbem Wege zwischen Aleppo und Antiochia liegt. Dort, als Gast der amerikanischen Expedition, lernte ich in den nächsten Wochen die Grundlagen der praktischen Archäologie.

Wir harten in Rihanija zwei Chauffeure, beides Türken, und beide hiessen Hussein. Wir liebten Hussein den Jüngeren, der während des Fahrens türkische Lieder sang und uns Zigaretten verkaufte, hundert Stück zu zwanzig Centimes.

Aleppo Bazzar | Olivenseife
Aleppo Bazzar | Olivenseife

Wir fuhren während der Weihnachtsferien zu viert mit Hussein durch ganz Syrien und lernten alle Städte von Homs und Damaskus bis Latakia und Antiochia kennen. Keine verdarb uns den Geschmack an unserer Stadt Aleppo, die mit der weitschauenden Warte ihrer Zitadelle zwischen Meer und Wüste liegt, den Taurus im Rücken, nicht weit vom Euphrat: eine Grenzstadt, wo sich Türken und Araber hassen, vertriebene Armenier sich aufhalten und Juden, die nach Palästina wollen; Kaufleute aus allen Gegenden zwischen Japan und Russland, Irak und der Türkei, afrikanische Soldaten und französische Offiziere – alle unfreiwillig hier, alle bereit, über die Grenze zu wechseln, nach Beirut oder Ägypten zu fahren. Ja selbst die bunten Mädchen werden aus Beirut für kurze Zeit nach Aleppo geschickt und kehren in jene mildere und reichere Stadt zurück, wenn sie genug Geld verdient haben.

Daher kommt es, dass in Aleppo mehr gearbeitet wird als in anderen orientalischen Städten. Eine fast europäische Geschäftigkeit herrscht am Tag; am Abend und des Nachts gibt es leicht Streit. Man kann das im Laden von Leon beobachten, dem braven Mann mit den grossen Narben im Gesicht (sie kommen von den berüchtigten Aleppobeulen, im Basarviertel sieht man sie besonders häufig): Leon verkauft Raki, Whisky, Bier, Konserven, Hühner, Gewürze, Oliven und Fische. Des Nachts öffnet er seinen Laden gegen zwölf Uhr, brät Hühner, bereitet Sandwichs für seine späten Gäste und hört wortlos ihren geschwätzigen und streitsüchtigen Disputen zu. Um zwei Uhr, wenn die Bars und Dancings geschlossen werden, ist sein Laden voll von Offizieren und Mädchen, Kutschern und den dicken, französischen Barbesitzerinnen. Solange die Leute sich über Leon lustig machen, geht alles gut. Es wird gefährlich, sobald sie sich gegeneinander wenden. Ich sah dort einen Streit zwischen einem Libanesen und einem türkischen Kutscher. Der Kutscher war ein wüster Bursche, nicht älter als sechzehn. Er schimpfte den Libanesen einen sale Arabe – worauf dieser aufsprang und ihn drohend fragte: »Und du? Du nennst dich Franzose? Du bist nichts als ein Türke.« – Der blonde Algerier brachte die Streitenden auseinander und schob den fluchenden Türken auf die Strasse hinaus.

Zitadelle Aleppo
Zitadelle Aleppo

Die Türken sind hier sehr verhasst. Man hat mir erzählt, dass die meisten Banditen, die des Nachts die Automobile überfallen, aus der Türkei herüberkommen. Vor kurzer Zeit nahm ein französischer Leutnant etwa zehn solcher Leute gefangen und ließ sie auf der Stelle köpfen. Die Fotografie dieser schauerlichen Exekution wurde auf seinen Befehl an der Grenze in jedes Automobil gereicht, das in die Türkei hinüber fuhr. Der Mann ist später ohne Bestrafung versetzt worden.

Dieses Jahr wird es viele Beduinenüberfälle geben, weil die Schafherden durch den langen Regenmangel zusammengeschmolzen sind und die Nomaden schon jetzt Hunger leiden. Für gewöhnlich ist es weniger gefährlich, durch die Wüste zu fahren als des Nachts hier auf den grossen Strassen . . .

Immerhin haben wir mit Hussein, dem Türken, eine Reihe von Nachtfahrten gemacht, ohne dass uns etwas geschehen ist. Wir sind in vier Tagen durch ganz Syrien und zweimal über das Gebirge gefahren. Am ersten Tag verliessen wir Rihanija um fünf Uhr morgens und waren fünfzehn Stunden unterwegs. Ich kann mich an keine merkwürdigere Dämmerung erinnern als an die dieses langen Wintermorgens. Bei uns ist es um diese Jahreszeit um acht Uhr noch dunkel, und der Tag beginnt ohne Aufwand und allmählich – in Anatolien war es ein Feuer, ein Konzert von Farben, ein dramatischer Wechsel. Fast immer gab es Wind und fliehende Wolkenstreifen, und die Hügel, die schwarz die Ebene umkränzten, wurden plötzlich von goldenem Licht übergossen, während die Nacht sich in das sanfte und durchsichtige Blau des Gebirgshimmels auflöste.

Hier aber begann die Dämmerung schon um sechs Uhr, es wurde hell, Hussein drehte das Licht aus – aber die Ebene blieb grau, stumpf und leblos. Wir fuhren eine Stunde, zwei Stunden, ohne dass sich etwas veränderte. Das fruchtbare Ackerland von Rihanija ging in eine felsige Hochfläche über, und diese bald darauf in eine Steinwüste. Ein endloser Tag schien uns zu erwarten, ein grauer Dämmertag in dieser dumpfen Lichtlosigkeit, die an Traumlandschaften erinnerte.

Dann stieg plötzlich, dort, wo wir die irakische Wüste vermuteten, die Sonne wie eine kreisende Kugel empor, unwirklich rasch, ohne Strahlen, nur einen flimmernden Hof gelben Lichts um sich sammelnd. So schwebt das geflügelte Sonnensymbol auf den schönen Reliefs über den Göttern und Königinnen der Hethiter . . .

Simoinskloster bei Aleppo
Simoinskloster bei Aleppo

Nach einiger Zeit kam der Nebel und verschlang gierig das Land. Araberdörfer lagen an der Strasse; die sonderbaren, spitzen Bienenkorbhäuser wirkten nun durchaus gespenstisch, und als wir vor einem solchen Dorf haltmachten, kamen die Männer aus den Hoftüren, in ihre langen Mäntel gehüllt, blieben in einiger Entfernung stehen und riefen uns in ihrer rauhen Sprache ein paar Worte zu. Wir gingen näher, nur um uns von der Wirklichkeit ihrer Höfe und Lehmkuppeln zu überzeugen; sie folgten uns ernst, nun ganz schweigsam, und wieder war uns, als seien es keine Menschen, sondern Traumbilder.

Wir stiegen in den Wagen, einen Augenblick hellte sich alles auf, die Strasse wurde sichtbar, ein weisses Band, welches gerade über die Hügel lief. Gleich darauf war wieder alles von Nebel überströmt, Kamele traten plötzlich auf uns zu, reckten ihre langen Hälse empor oder schritten in stummer Kette, gravitätisch und grotesk, seitwärts durch das Feld.

Wir waren nachmittags in Damaskus; die schönen Ölhaine vor der Stadt versprachen viel, nachher war alles enttäuschend: die nüchternen Strassen, die Geschäfte, Taxihalteplätze, englischen Anschriften. Wir hielten uns nicht auf; eine herrliche Gebirgslandschaft führte uns hinüber in das grosse Tal von Baalbek. Daran hatten wir vielleicht den ganzen Tag gedacht – aber Baalbek gehört zu jenen heroischen Namen, die man nicht leichtfertig ausspricht, zu den Evokationen, den Anrufungen in der Wüste unserer Zweifel. Viele sind nachher enttäuschend, wie die Stadt Damaskus, andere werden gewaltsam profaniert und beraubt und sind anklägerisch wie geschändete Heilige . . . Ich glaube, dass für die üblichen Reisenden Baalbek schon zu den Plätzen gehört, die man gesehen haben muss – Palmyra, weit draussen in der Wüste, ist besser geschützt. Beide werden standhalten und vielleicht einmal vergessen und wiederentdeckt werden.

Ich hatte, wie jedermann, Fotografien von Baalbek gesehen. Aber man kann Dimensionen nicht fotografieren und Erlebnisse der Schönheit und der Vollkommenheit nur unvollkommen vermitteln.

Es war dunkel, als wir in Baalbek ankamen. Wir waren furchtbar müde und dachten, dass kein Bauwerk der Welt solche Strapazen wert sei. Wir stiegen zwischen den Häusern hinunter und folgten einem Fussweg, der einem Bach entlang führte. Aus einer Hütte kam Feuerschein und Gesang. Ein Araber folgte uns eine Weile und verschwand dann im Dunkeln. Nun gab es Bäume; es roch herbstlich nach feuchtem Gras und Nussblättern. Wir sahen zum Himmel empor, der hell und von Wind erfüllt war, und fast zufällig empfingen wir jetzt den mächtigen Anblick des Tempels.

Thronend erhöht der Rumpf über einem Feld zusammengestürzter Säulen; die letzten aufrecht stehenden ruhten gewaltig vollendet im nächtlichen Himmel. Durch eine Bresche in der Mauer erblickten wir eine andere Säulenreihe, ein einsames Bruchstück; aber was wir sahen, war vollkommen und gigantisch und fast übermenschlich. Ein Gefühl von Ohnmacht und Hingerissenheit erfüllte mich ganz – und die »Wüste des Unglaubens« schrumpfte zusammen wie die berühmte Haut des Wildesels. Aber was zurückblieb, war der ewige Zwiespalt jener Stufenreihe vom Verächtlichen bis zum Anbetungswürdigen, die das menschliche Wesen verurteilt und auszeichnet.

Noch in derselben Nacht fuhren wir nach Damaskus zurück, schweigsam diesmal; nur Hussein sang vorn das Lied vom betrunkenen Hodscha und trank dazu den Rest unseres Raki – man sollte nicht glauben, wie gut ihm das nach fast fünfzehnstündigem Fahren bekam. Am nächsten Tag sahen wir einiges in der Paulus-Stadt, aber ohne rechte Lust, denn es waren zuviel Führer da, die uns wie reiche Amerikaner betreuten; als wir jedoch Deutsch sprachen, zeigten sie uns in der Grabkammer des weisen Saladin eine Bronzelampe mit den Insignien Wilhelms II. Auch der Basar gefiel uns nicht. So blieb der Hof der grossen Omajjaden-Moschee mit den grünen Mosaiken, den Landschaften, Wasserläufen und Flüssen von bezaubernder, fast japanischer Zartheit; der Hof selbst aber, ein Festsaal unter dem leuchtenden Himmel, erinnerte uns an Venedig, und die Moschee, die einst eine christliche Kirche war, an die Hagia Sophia und an Byzanz.

Am Nachmittag fuhren wir auf herrlichen Strassen durch die blaue Kette des Libanon und erblickten noch vor der Dämmerung das Meer. Terrassenförmig senkte sich das Gebirge hinab, auf flachen Felsplatten und geschützten Erdhügeln standen die letzten Zedern Salomos; kleine Dörfer wechselten mit Lagern schwarzer, viereckiger Nomadenzelte, tiefer unten sahen die Ortschaften französisch aus; es gab kleine Restaurants an der Strassenseite, auch Tankstellen, Gärtnereien, Weekendhäuser. Die meisten Dörfer, nur im Sommer bewohnt, waren ausgestorben. Dann wieder Wald, und über das dunkle Laub der Orangenhaine hinweg erblickte man Beirut, vorgebaut auf die Landzunge einer weissen Bucht, eine südliche Küstenstadt, geschützt durch das Gebirge, reich an Gärten, Palmen, Pinien, hellen Häusern, kleinen Hotels. Im Hafen schaukelten die Maste der Fischer- und Handelsboote, Dampfer stiessen langatmige Sirenenrufe aus, Matrosen gab es, auch Offiziere und Negersoldaten . . . Bald sassen wir auf der besonnten Terrasse des Hotels Metropol und lernten Machmud kennen, einen Araber, zwanzig Jahre alt, der uns allen die Schuhe putzte. Wir fühlten uns schnell heimisch in Beirut.

Am nächsten Morgen fuhren wir in die Amerikanische Universität, um eine Keilschrifttafel abzuliefern, die man uns in Rihanija anvertraut hatte.

Professor Ingholdt zeigte uns dort sein archäologisches Museum: zuerst die Funde aus Hama, wo er jeden Winter einige Monate für Kopenhagen gräbt, dann die Säle mit den wunderbar vielseitigen Gegenständen aus ganz Syrien, von der Grenze Palästinas bis zur östlichen Wüste und der vielumkämpften Nordgrenze. Nebeneinander und in gleicher Vollendung findet man hier die schönen, bemalten Tongefässe Kretas und Mykenes, ägyptische Götter und den blitzschleudernden Teschup der Hethiter, und allein die Vergangenheit der Seestädte und jener grossen Heerstrasse, deren Reliefs und Bilderinschriften wir am Hundefluss sahen, ist eines der erregendsten Kapitel der orientalischen Geschichte.

Mir scheint dieses Land bei weitem gefährlicher als Anatolien, weil es gemischter und empfänglicher ist – gleichsam weiblich, eine Versuchung und Verführung des Geistes. Dort oben, in der rauheren Landschaft, herrschte eine durchaus männliche Kraft, eine, die sich widersetzte und sich nicht besiegen liess. Alle Durchziehenden, Eroberer und wandernde Völker, mussten dem Boden einen Tribut zahlen; die, welche blieben, veränderten sich und empfingen ihrerseits das Siegel Kleinasiens. Obwohl die Rassenmischung dort kaum geringer ist als in Syrien und die türkischen Einwanderer nur einige tausend betrugen, scheint uns doch die Bezeichnung, jemand sei Türke, durchaus befriedigend, während man jeden Syrer oder Libanesen danach fragt, ob er Araber, Grieche, Armenier, Jude sei.

Was sich dort oben zutrug, war stets Kampf, Sieg, Unterwerfung; Syrien aber war der grosse Raum der Umarmung und eines sonderbar faszinierenden Liebesspiels zwischen den Elementen der alten Kulturen.

Später kam die fruchtbare und leidenschaftliche Vermischung griechischen und orientalischen Geistes, aus der eine Quelle der Lieblichkeit entstand: griechische Anmut mit der religiösen Inbrunst des Ostens gepaart, und die schmalen geneigten Jünglinge vertauschten die lächelnde Trauer ihrer halboffenen Lippen mit der nach innen gekehrten Weisheit des östlichen Antlitzes.

Symbol jener liebenden Eroberung ist immer Alexander.

Wir hatten vom ersten Augenblick an grosse Sympathie für Beirut; das Leben muss dort leicht sein, der syrische Winter dringt nicht bis über den Libanon, und das Meer verspricht die milde Dauer von Riviera und Côte d’Azur. Wir wären gern einige Tage dageblieben, aber Bob bekam ein Telegramm, dass wir spätestens am nächsten Morgen in Rihanija zurück sein sollten. Wir fuhren den ganzen Nachmittag der Küste entlang nordwärts. Wir hatten herrliches Wetter, eine gute Strasse und die wechselnde Aussicht auf Meer und Gebirge. Unterwegs fotografierten wir ein arabisches Dorf, etwa in der Mitte zwischen Tripoli und Latakia. Der Küstenstrich ist dort nicht mehr so fruchtbar wie unten in Beirut; ein starker Wind wehte über die kahle Fläche, wo die niederen, langgestreckten Strohhäuser standen. Die arabischen Bewohner kamen mir sehr schön vor, besonders die halbwüchsigen Mädchen und die Kinder. Die Männer liessen sich gern fotografieren; sie erklärten Bob, dass wir ihnen Bilder schicken sollten, und jeder verlangte, allein aufgenommen zu werden. Mit den Mädchen war es schwieriger. Sie trugen keine Schleier, aber sie wandten das Gesicht ab, sobald sie den Apparat sahen. Als wir weiterfuhren, begleiteten uns alle Männer und Knaben zum Auto und gaben uns die Hand.

Es fing an zu dämmern, als wir nach Tartus kamen, aber wir hatten noch Zeit, die Kathedrale zu sehen, dieses ausserordentliche Bauwerk, welches die Kreuzritter hier zurückgelassen haben: einsamer und halbzerstörter Zeuge inbrünstigen Glaubens. Der grösste Teil der Ornamentik, die in Stein gehauenen Umrahmungen der Fenster und der Türe, sind herausgebrochen – aber irgendwo über einer leeren Fensterhöhle hockt noch ein Affenfrätzchen, ein winziger Verwandter der Chimären von Notre-Dame.

Wir liessen das Tor öffnen und fanden uns staunend in einer gotischen Kathedrale. Nur die griechischen Säulenkapitelle erinnerten daran, dass wir weit weg vom Boden Frankreichs waren. Über eine enge und steile Treppe gelangten wir auf das Dach eines der Seitenschiffe; nun war es schon dunkel, Schatten sanken über Gärten, Felder und Gebirge, aber das Meer glänzte mit tausend Schaumspitzen bis dorthin, wo die Nachtwolken es berührten. Wir fuhren noch zwei Stunden bis Latakia und übernachteten dort in einem grossen Hotel, wo wir die einzigen Gäste waren. Wir rauchten zu dritt eine Wasserpfeife; Bob tat es meisterlich, offenbar mit Erfahrung, aber auch er gab es auf, das Häufchen dunklen Krautes zu Ende zu bringen.

Ich schlief in einem Zimmer, welches auf eine grosse Terrasse mündete. So habe ich einmal in Südfrankreich geschlafen, und am Morgen flogen Schwalben vom Meer her in mein offenes Fenster.

Wir verliessen Latakia vor Morgengrauen und fuhren über das nebelumhüllte Gebirge wieder in die winterlichen Regionen. Hussein war schweigsam und nachdenklich. Erst als der Nebel dichter und der Weg immer schlechter wurde, begann er belustigt mit den Schultern zu zucken und uns einige verächtliche Bemerkungen zuzurufen. Kamele begegneten uns, ihre Treiber hatten die Gesichter zum Schutz gegen Wind und Kälte verhüllt. Endlich senkte sich die Strasse, wir sahen Daphne und das Tal des Orontes in der Tiefe liegen; die Sonne stand bleich über dem Fluss. Hussein begann rascher zu fahren; wir hielten uns in Antiochia nicht auf und kamen um elf Uhr vormittags nach Rihanija.

Quelle: Annemarie Schwarzenbach | Winter in Vorderasien | 1934

Annemarie Schwarzenbach (* 23. Mai 1908 in Zürich; † 15. November 1942 in Sils im Engadin; heimatberechtigt in Thalwil) war eine Schweizer Schriftstellerin und Journalistin.


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