Annemarie Clarac-Schwarzenbach | Kein Platz für den Vierbeiner

An einem Pier des altmodischen Hafens von Lissabon liegt ein Hund [Tyras?] vor dem amerikanischen Dampfer «Siboney» und bewacht eine Kajütenluke, hinter welcher das Gesicht seines Herrn soeben verschwunden ist. Der Herr gehört zu den 350 Menschen, die auf dem kleinen, für die Unterbringung von höchstens der Hälfte dieser Zahl von Passagieren eingerichteten Schiff die Reise über den Atlantischen Ozean antreten, für den Hund gab es keinen Platz.

Annemarie Schwarzenbach

Die Dampfer der «American Export Lines» sind die einzigen, die noch in diesem letzten freien Hafen der europäischen Atlantik-Küste anlegen, um den Passagier-Verkehr zwischen der Alten und der Neuen Welt aufrecht zu erhalten. Außer ihnen gibt es nur die Clipper-Flugzeuge, auf denen die Plätze auf Monate im Voraus gebucht sind. Auch auf einen Schiffsplatz muss man in Lissabon oft wochenlang warten. Jeden Freitag, dem Abfahrtstag der «Export-Liners», spielen sich am Hafen schmerzliche Szenen der Trennung ab. Denn die meisten Menschen, die sich heute in Lissabon einschiffen, sind Flüchtlinge, Emigranten, unfreiwillige Auswanderer, Heimatlose aus den in diesem Krieg geschlagenen Ländern Europas, und wie viele von ihnen werden ihre Heimat nie wiedersehen! Aber sie, die ein amerikanisches Visum und eine Fahrkarte nach New York besitzen, sind beneidenswert, verglichen mit den Tausenden, die gezwungen sind, Europa zu verlassen und die in Lissabon auf einen Pass, auf Geld, eine Reisemöglichkeit warten. Sie füllen die Hotels, Pensionen, billigen Mietzimmer, die Cafés, Reisebureaux, die Wartezimmer der Konsulate in Lissabon und geben der vor kurzem noch idyllisch stillen Hauptstadt Portugals ein internationales Gepräge, eine hektische Betriebsamkeit, die seltsam und traurig eindrucksvolle Atmosphäre eines letzten Postens am Rande des fürchterlich heimgesuchten europäischen Kontinents. Vom gleichen Hafen fuhren einst die Schiffe Heinrichs des Seefahrers, von Weltumseglern und Eroberern aus. Jetzt blicken von hier aus besiegte Menschen mit kummervoller Hoffnung nach Westen.  | Annemarie Clarac-Schwarzenbach


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1 Kommentar zu “Annemarie Clarac-Schwarzenbach | Kein Platz für den Vierbeiner

  1. I wish I could but don’t write in german

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