Ankara – Annemarie Schwarzenbach: Winter in Vorderasien

Ankaratrennlinie2

26. Oktober 1933

ankara-71878_1280_AnkaraUmland_tpsdaveAsphaltstrassen führen von der neuen Hauptstadt in die Steppe und die Anstiege und Schluchten aus braunem, unbewachsenem Erdreich. Unendliche Farbenskalen spielen an fernen Horizonten, der Himmel selbst ist so gross wie über dem Meer und spannt sich, ein durchsichtig seidenes Gewölbe mit langen Wolkenstreifen, über dem trostlosen Land.

Es ist eine öde Hochgebirgslandschaft: Zwischen den letzten flachen Gipfeln der Welt führt die Strasse ins Unbekannte, wo man ewig im Kreise geht . . .

Manchmal gibt es eine Wasserader, ein bescheidenes Rinnsal; da grünen einige Büsche, neigen sich schwache Bäume, wächst ein zarter Rasenteppich: Leben und Wachstum genug; ein Pferd weidet am Bachufer, sein Reiter liegt im kleinen Schatten und schläft. Weiter draussen, in einem Becken zwischen Felshügeln, wird das grosse Stauwerk der Stadt Ankara gebaut. Eine Mauer aus Eisenbeton wächst gewaltig empor, aber das Wasser ist noch nicht gefunden, welches das Becken füllen soll. Nun wartet die Mauer, ein verirrter Gigant.

Als wir im Ford, der sinkenden Sonne entgegen, heimwärts fuhren, erblickten wir von weitem die ersten Kamele.

Annemarie_Schwarzenbach_PorträtSie standen in langer Kette auf einem Hügelrücken, dunkel und gross im leeren Himmel. Wir riefen Hassan zu, dass er halten solle, sprangen aus dem Wagen und liefen die Anhöhe hinauf. Die Tiere standen und lagen, einige reglos, andere bewegten beim Fressen die sonderbaren Langhälse auf und ab, taten ein paar Schritte und liessen sich in die Knie nieder.

Als ich mich einem Kamel bis auf zwei Meter genähert hatte, um es zu fotografieren, wandte es mir sein uraltes Faltengesicht mit feuchtglänzenden Augen zu und folgte mir; ich fühlte seine wiegende Grösse in meinem Rücken.

Die Treiber, Mongolentypen, lachten uns an. Als wir, ausser Atem, wieder beim Wagen anlangten, war der Hügel schwarz, und die gereckten Hälse und dunklen Höcker schienen leuchtend umrissen wie auf überbelichteten Filmbildern.

Es ist die Zeit der grossen Kamelkarawanen, die zum Salzsee aufbrechen und durch die einsamen Hochebenen das weisse, im Sommer verkrustete Salz zu den Städten der Menschen bringen. Ein Aufbruch ohne Kalender, dem Zug der Vögel vergleichbar und den Wanderungen der Tierherden. Denn solche Völker, umgeben von einer kargen und übermächtigen Natur, bewahren sich das Gefühl für Notwendiges und die fromme Abhängigkeit von den Mächten der Erde und des Himmels. Da wird das einzelne Leben geringer bewertet, man handelt ohne Eile und Ehrgeiz; was aber mit den grösseren, von natürlichen Bedürfnissen vorgeschriebenen Handlungen zusammenhängt, tut man ernst und unwandelbar, wie einen religiösen Akt.

monument-471329_1280_d97jroDrei Tage brauchen die Kamele von hier bis zum Salzsee. Langsam, wiegend, begleitet vom Ruf ihrer Treiber und dem dumpfen Klang der Glocken, ziehen sie zwischen den meergleichen anatolischen Hügeln hindurch, während oben die Flugzeuge pfeilgeschwind vom Bosporus herfliegen und täglich die Diplomaten aus der ganzen Welt mit dem Taurus-Express eintreffen. Sie verlassen den Zug am kleinen, windigen Bahnhof, werden von neuen Autos in die neue Stadt gefahren; die Räume des Ankara-Palace füllen sich, Wiener spielen Johann Strauss in roten Fräcken; draussen beflaggen eifrige Pfadfinder alle Strassen und Gebäude, ein blutroter Block mit Hammer und Sichel steht drohend an einer Kreuzung . . . und Soldaten, Soldaten kampieren rings um die Stadt, in runden weissen Zelten, die der Nachtwind schüttelt, in rasch errichteten Baracken, in offenen Lagern.

Dies sind die Vorbereitungen für den 29. Oktober, den Festtag der jungen, türkischen Republik. Eine Hymne wird gesungen: Jeder Bauer, jeder Soldat, jeder Schuljunge weiss sie auswendig. Nadolny kommt aus Berlin, Titulescu aus Bukarest, und Litwinow schickt seine Vertreter, junge Russen in feldgrauen Blusen. Und alle erleben staunend das Schauspiel der Stadt Ankara, die, so versichert man uns, das schlagende Herz der Türkei sein wird. Da thront noch die Burg mit mächtigen dreigekanteten Seldschuken-Mauern auf dem Hügel, häufen sich die steilen Gassen des alten dörflichen Angora; eine Moschee lehnt sich an die Ruine des Augustus-Tempels . . .

Unten aber wächst die Stadt in die Ebene und erobert sie, Strassen laufen asphaltiert und ohne Ziel und verlieren sich als Feldwege in den Hügeln; eine Promenade führt, kilometerweit, in das Regierungsviertel, wo das Innenministerium Holzmeisters breit die Front beherrscht; davor wird ein Forum entstehen, man wird Obelisken aufrichten; links davon sollen, in kurzer Zeit, die Ministerien von Handel, Industrie, Landwirtschaft ihre Plätze einnehmen. Unheimlich ist dies alles, sinnlos, imponierend wie die Ereignisse einer Film-Wochenschau. Der Mensch greift ein . . .

Und nun rollen des Nachts hölzerne Taxicabs durch die dunklen Strassen, elegante Frauen lassen sich vom Palace zum Club bringen; unter viel Gelächter, »denn bei uns«, sagen sie, »werden die Kälber in solchen Wagen befördert«. Sie erschauern ein wenig und verstummen, als man unter dem Russenblock hindurchfährt, wo Arbeiter in rötlichem Lampenschein die Dekorationen für den Aufzug der Tausenden fertigstellen.

Dies alles ist Ankara, der steingewordene Wille des Ghasi. Ein paar Stunden davon entfernt, in der Steppe, ein anatolisches Dorf.

MAnnemarie_Schwarzenbach_Privataufnahmean stelle sich einen Hügel vor, von unregelmässigen, rohen Grabsteinen bedeckt. Dahinter die Sonne, verhüllt und milchig. Einen gelben Schäferhund, feig wie die Hunde im Orient, der schattenhaft rasch zwischen den Gräbern hindurchläuft. Einige Stellen aufgewühlt: Knochen, ein Schädel. Wenn man sich umwendet, sieht man unten und den jenseitigen Hügeln hinangebaut das Dorf. Graue Lehmbauten, in der Farbe des Bodens. Ein grauer, metallener Himmel, Wolken, vom scharfen Wind vorübergejagt. Ganz oben steht ein Greis unter der offenen Türe seines Hauses und hebt die Hand an die Augen. Dann wütendes Gebell, und um die Ecke biegen Reiter, zehn oder zwanzig, in eine Staubwolke gehüllt. Sie singen laut, während sie den Hügel hinabtraben. Unten springen sie von ihren kleinen Pferden, immer noch singend: die neue Hymne für den 29. Oktober. Ihre Pferde tragen schwere Sättel, buntbestickte Satteltaschen, Mäntel, rote Schlafsäcke. Um den Hals blaue Perlenketten, als Schutz gegen böse Geister.

Jetzt belebt sich das Dorf. Die Frauen, in langen Hosen, das Gesicht unter gelben Tüchern verborgen, schauen aus engen Hoftüren. Die Männer stehen in einem Haufen beisammen, reglos. Sie wechseln mit den Reitern kein Wort, gehen ihnen nicht entgegen. Der Wind weht ihnen Staub und Sand ins Gesicht. Sie sind dunkelbraun, rasiert, flachäugig. Alle in Lumpen gekleidet, ihre Kleider waren nie neu. An einer Hausmauer sitzen die kleinen Knaben in einer langen Reihe. Die Mauer schützt sie vor dem Wind. Sie sitzen still nebeneinander und beobachten die Reiter. Grössere haben die Pferde am Halfter genommen und führen sie umher. Die Reiter stehen auf dem freien Platz und singen.

Aus einer der Lehmhütten kommt ein Mann und fragt, ob wir Kaffee haben wollen. Herr W. unterhält sich mit ihm. »Wohin gehen die Reiter?« fragt er.

»Sie kommen aus Kaletschik und reiten nach Ankara zum Fest.«

Kaletschik ist eine alte Stadt, sie hat einen Burghügel, der wie eine Basaltpyramide emporsteigt; oben sieht man die Reste der Seldschuken-Festung. Unten liegt die Stadt. Die Reiter haben einen ganzen Tag bis in dieses Dorf gebraucht. Morgen werden sie in Ankara sein.

Wir trinken den heissen Kaffee. Der Greis ist von seinem Haus heruntergekommen und unterhält sich mit Herrn W. Die anderen Männer hören schweigend zu. Dann steigen wir in unser Auto und fahren weg.

Es wird Abend. Wir fahren an den Arbeitern vorbei, die die Strasse verbessern. Sie laden jetzt ihre Betten auf die kleinen Esel, nehmen die Schaufeln auf den Rücken und ziehen die Strasse entlang. Viele kampieren schon im Feld, sie schichten die Betten auf, kauern um ihr Feuer und warten auf die Dunkelheit. Viele singen und jauchzen uns zu. Und immer wieder überholen wir Reiter, Bauern, Greise, Jünglinge, die nach Ankara unterwegs sind. Einmal im Leben wollen sie den Ghasi sehen . . .

Einem biblischen Brunnen begegnen wir. Da fliesst Wasser in einen schmalen, langen Trog; dahinter eine Mauer, zwei Bäume, ein wenig Gras. Frauen sitzen am Trog, verhüllt, auf ihre Tonkrüge gestützt.

Von einer Anhöhe aus überblicken wir das gelbe Land. An den Hügeln lagern wie weisse Schatten grosse Schafherden. Das Licht bricht sich an den Wolken, eine eigentümliche Nachthelle erfüllt den Himmel, anwachsend bis zu sanfter Mondklarheit. Dann ist es Nacht. Kurden lagern an der Strasse, ihre Weiber hocken um runde Kupferkessel, deren Rand, eine kreisrunde Scheibe, über dem dürftigen Feuer leuchtet.

Von weither tönt das kreischende Drehen der »Nachtigallen«, der geduldige Gesang der Ochsenkarren seit hundert und tausend Jahren auf allen Wegen des grossen Landes. Esel trotten, verhüllte Frauen mit Säuglingen tragend – stumm und eilig ziehen sie vorüber, dem heiligen Land zu.

Aber wer weiss wirklich, wohin die Strassen führen, und wer kennt die Namen der Städte, der uralten, versunkenen und wiedererstandenen?

ankara-70528_1280_mfkDer Weg wird sich ausdehnen, die Strasse sich endlos über Hügel wellen, immer am Horizont der rötliche Glanz der namenlosen Stadt. Und Esel, Kamele, Reiter werden vor uns herziehen, hinter uns auf allen Wegen die schwarzen Ochsenkarren aufbrechen; ihr Gekreisch wird vielfältig sein, und das Echo der Felstäler wird es verhundertfältigen. Nun ist es schon ein gewaltiger Aufbruch, selbst das Land setzt sich in Bewegung, die Hügel drehen sich um ihre Achse in einer sanften, schwingenden Kreisellinie, die steinigen Bachbette eilen wasserlos, aber wie von Wellen auf- und niedergehoben; die bebauten Felder schrumpfen ein, die jungen Kulturen vertrocknen, die Bäume werden gelb und neigen sich schweigend dem Steppenboden zu; aber der Steppenboden selbst streckt gelbe Zungen aus, die fressen sich wie sickerndes Wasser und wandernde Flamme bis in die namenlosen Städte-Strassen; nun schiesst Unkraut aus den Ritzen der Pflastersteine, nun fallen die Gebäude langsam in Schutt, Staub hüllt die sinkenden Mauern ein, die Leute leben noch, essen in den Lokalen unter erblindeten Fensterreihen; über ihnen droht die Burg; die Kurden, die Verschleierten, die Räuber, die Bettler kommen hügelabwärts, breiten sich aus wie Fledermäuse, singen ihre traurigen Gesänge – da rumpeln die Ochsenkarren an, da ist die Steppe wieder in der Stadt; noch stehen die Soldaten, die eisern Gehorsamen, aber Unruhe ergreift sie vor ihren hölzernen Wachthäuschen, sie sehen: ein Sturm trägt ihre runden Zelte fort, sie stehen auf verlorenen Posten und warten auf das Signal der Ablösung, das niemals ertönen wird . . .

Die Europäer fürchten sich in diesem Land. Keiner von ihnen wird heimisch; daran ändern Jahre nichts.

Man stellt ihnen grosse Aufgaben, sie lösen sie, ohne dass der Erfolg sie zufriedener macht.

Als man, vor einigen Jahren, in Ankara noch täglich Schaffleisch oder Hühner zu essen bekam, gerieten die Herren einer bedeutenden Firma eines Abends an den Eisschrank, aus dem sie Selterswasser holen wollten. Statt der Flaschen fanden sie darin, sorgfältig gerupft und zusammengebunden, die Hühner für das Mittagessen des nächsten Tages. Die Herren rissen die Hühner heraus und schleuderten sie in einem sinnlosen Zornanfall an die frisch getünchten Wände ihres Speisezimmers. Es war eine Hassorgie.

Seither kann man in Ankara Schweinebraten und Apfelstrudel essen wie in Wien. Man lässt nichts mehr an den Hühnern aus.

Man hat hübsche Wohnhäuser, Tennisplätze, einen Klub, gute Pferde. Man besitzt noch dies und jenes, und man lebt in einem Land, welches an seine Zukunft glaubt und an die Güter der Vernunft, der Zivilisation und des Fortschritts, die man in Europa so erniedrigend preisgibt.

Das Land wird von einer Auswahl geistig hochstehender Männer regiert, von aufrichtigen Demokraten, die kein anderes Ziel kennen, als ihr Volk möglichst bald mündig zu machen.

Und die Europäer, die man beruft, um an dieser Aufgabe mitzuwirken, dürfen glauben, dass sie bald überflüssig werden. Keiner zweifelt an dem Land, am Volk. Aber jeder zweifelt an seiner Aufgabe. Das ist die Furcht . . .

Ich kam gestern erst in der Dunkelheit von einem Spaziergang zurück. Es wird hier so rasch Nacht und ganz anders als in unsern Ländern: mit einem Konzert von Farben, die strichweise den Himmel überfluten, und dies mit solcher Gewalt, dass unter ihnen Hügel und Täler es gleichsam erschauernd über sich ergehen lassen.

In Europa beansprucht uns die Natur fast niemals unfreiwillig, und wenn einmal ein Gewitter unerwartet und mit grosser Macht ausbricht, sind wir davon betroffen wie von einer übernatürlichen Äusserung.

Hier ist die Natur immer gegenwärtig und stets stärker als die Menschen.

Als wir gestern am frühen Vormittag draussen bei der Zementfabrik auf die Pferde warteten, die von den Burschen herausgeführt werden sollten, äusserte sich dies augenfällig und eindringlich. Es waren viele Personen mitgekommen: die Damen von den Gesandtschaften, Kinder, Diener, Burschen. Man unterhielt sich und rauchte; ein fahrendes Buffet wurde eingerichtet, die Zeit verging.

Da erschienen plötzlich, weit drüben auf der Anhöhe, die Pferde. Sie tauchten über den Hügelrand empor, eine Schar von dreissig Tieren, dunkel, sonderbar gross, umwettert von weissem Licht, versanken dann wieder in den Schatten und trabten durch den glatten Talgrund auf uns zu.

Wir galoppierten; endlos schien der sanfte Wechsel von Hügel und Ebene, von abgeernteten Feldern und trockenen Sandflächen voll hoher Disteln, über welche die Pferde mit kleinen Sprüngen hinwegsetzten. Wir ritten schnell genug, ein scharfer Wind pfiff und sauste, ich fühlte mich von allem Missbehagen befreit und fragte mich, was hier den Fremden, den Europäern nicht geheuer sein könne.

Da sah ich über mir einen Falken in grossem Kreis durch das Gewölbe schweben. Einen Augenblick verwirrte mich das Licht – der Flügel des Vogels wuchs und verdeckte den leuchtenden Himmel wie die Sonnenscheibe der Mondschatten. Ich sah auf, da schwebte der Vogel wieder reglos in der Höhe. Das war die Gefahr, dachte ich, fand mich ein wenig abseits von den anderen und trabte zu ihnen zurück.

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