Alois Senefelder – AUF DASS DIE STEINE REDEN – Ein Porträt

Alois Senefelder
Alois Senefelder (1771 — 1834) ist der Erfinder der Lithografie. Außerdem war er Theaterschriftsteller, Sänger, Musiker und Komponist.

„Leutein, nehmt’s die Wasch von der Leine — die Komödianten kommen…!“ So wenig schmeichelhaft wie überall damals in der Welt begrüßt man in der Altstadt von Prag auch die wandernde Schauspielertruppe, der Herr Senefelder aus München angehört. Der „Jugendliche Liebhaber“ aber freut sich über den ersten Sohn, Alois, den die Gattin ihm während des Prager Gastspiels schenkt, und zu dritt kehrt die Familie in die bayerische Heimat zurück. Der kunstsinnige Kurfürst beruft Senefelder als Hofschauspieler an sein Münchner Residenztheater; auch Alois zieht’s zum Theater, jedoch der Vater will seinem Ältesten die bitteren Erfahrungen der eigenen Jugend ersparen und bestimmt den Hochbegabten zum Juristen. Fleißig, aber ohne große Begeisterung, studiert der Junge an der Universität zu Ingolstadt Rechtswissenschaft, bis der allzufrühe Tod des Vaters alle Pläne zunichte macht. Mutter Senefelder eröffnet eine kleine Wäscherei, mit der sie ihre neun Kinder zu ernähren hofft, während Alois, der ehemalige Rechtsstudent, sich als Schauspieler und Lustspieldichter versucht. Nicht ohne Erfolg übrigens, seine Theaterstücke werden freundlich aufgenommen, aber es fehlt das Geld, sie drucken zu lassen. Selber drucken müßte man können!

Steindruckschnellpresse von Hugo Koch, um 1880 - Quelle: wikipedia.org
Steindruckschnellpresse von Hugo Koch, um 1880 – Quelle: wikipedia.org

Einmal will es der Zufall — so wird er später in seinem „Lehrbuch des Steindrucks“ berichten —, daß er für die Mutter eine eilige Wäscherechnung schreiben soll, doch in dem ärmlichen Haushalt sind weder Papier noch- Tinte zu finden. Da schreibt er in der Eile die Rechnung mit Wachstinte auf eine Solnhofener Steinplatte, die er sonst zum Farbeanreiben benützt. Eine flüchtige Laune läßt ihn — mal sehn, was daraus wird! — die Platte mit Scheidewasser ätzen, und als die von der Wachstinte geschriebenen Worte erhaben im Stein stehen bleiben, da fühlt er sich als glücklicher Erfinder eines funkelnagelneuen Druckverfahrens. Als er erfahren muß, daß die Steinhochätzung eine altbekannte Sache ist, versucht der Enttäuschte sein Glück als Soldat in der bayerischen Armee, bis man auf der Schreibstube dahinterkommt, daß der Alois Senefelder ja in Prag geboren ist, und den „Ausländer“ schleunigst nach Hause schickt. Hier bastelt und bosselt er weiter; er verbessert seine „Steintinte“ und seine kleine Druckpresse, er schreibt Musiknoten auf Papier, druckt sie auf Stein über und kommt so zum ersten Umdruckverfahren von Papier auf Stein, das er unermüdlich fortsetzt. Seine beiden Brüder, die der Arbeit gern aus dem Weg gehen, weiht der Gutmütige in sein Erfindergeheimnis ein, auf das ihm ein bayerisches Privileg für vorläufig fünfzehn Jahre erteilt wird.

Nun winken Ehre, Ruhm und Reichtum —• es kommen die verlockendsten Angebote, und ein namhafter Offenbacher Musikverleger läßt den jungen Mann auf eigene Kosten nach London reisen, damit er dort mit englischen Privilegien eine Steindruckerei eröffnen kann. An der Themse aber siegt wieder Senefelders Phantasie über Alltag und Wirklichkeit, er läßt Geschäft Geschäft sein und macht sich an die Erfindung eines lenkbaren Luftschiffes und eines Perpetuum mobile. Die Mühen enden mit Enttäuschung und ruhmloser Heimkehr. Inzwischen haben seine nichtsnutzigen Brüder in München die Erfindung des Steindrucks weiterverkauft an den bayerischen Staat, der unter Mißachtung des von ihm an Senefelder erteilten Privilegs eigene „Lithographische Anstalten“ errichtet. Erst als der Heimgekehrte vor Gericht seine Ansprüche vertritt, erfährt der Kurfürst, nun König von Napoleons Gnaden, von dem begangenen Unrecht; er befiehlt schleunigste Wiedergutmachung und ernennt Alois zum Inspektor an der Königlichen Vermessungsdruckerei. Der Senefelder aber ist für ein ruhiges, sorgenfreies Beamtendasein nicht geschaffen, er verkauft seine so hart umkämpften Erfinderrechte wieder, verkauft sie — was man ihm übelnimmt — gleich zweimal. Seine hochfliegenden Pläne einer Staatsdruckerei in Paris verwirklichen sich ebensowenig wie seine Träume von eigenen großen Fabriken in England. Mit seiner an Leichtsinn grenzenden Sorglosigkeit in Geldsachen schiebt er ein glänzendes Angebot aus Wien achtlos beiseite und stürzt sich mit Feuereifer in neue, phantastische Projekte. Während er sich mit diesen Erfindungen erfolglos abmüht, tritt sein „Flachdruckverfahren“, das ihm eine Sternstunde seiner Jugend geschenkt, den Siegeszug durch die Welt an, fast so bedeutend wie Gutenbergs Tat für die Verbreitung des Wissens und die Erweiterung der Bildungsmöglichkeiten. Die „Steingravur“, die der achtundzwanzigjährige Senefelder „so nebenbei“ erfunden hatte, begründet den Weltruf der deutschen Anstalten für Landkartendruck, und mit seinem Verfahren der Steinzeichnung schaffen Menzel, Daumier, Gericault und andere die ersten Spitzenleistungen der Künstlerlithographie. Zu neuer Blüte gelangt sie später durch die Bildwerke Manets, Renoirs, Toulouse-Lautrecs, Munchs, Liebermanns, Corinths, Kokoschkas, Barlachs und der Käthe Kollwitz. „Ich bin und bleib‘ ein armer Lump .. .“

Aber allen Rückschlägen und Enttäuschungen zum Trotz nennt sich der rastlos Tätige einen „glücklichen Erfinder“. Wer weiß — vielleicht hätte der gute alte Gänsekiel als Schreibinstrument sich noch hinübergerettet ins technische Zeitalter, wenn Senefelder nicht auf den Gedanken gekommen wäre, breite, stählerne Uhrfedern zu „Schreibfedern“ zu zerschneiden und durch Ausglühen und blitzschnelles Abkühlen zu härten. So entstand die Stahlfeder, über ein Jahrhundert lang das bevorzugte Schreibwerkzeug der zivilisierten Welt — die Stahlfeder, die noch in den Goldfedern unserer Füllhalter fortlebt. Die Engländer entwickelten diese Erfindung Senefelders — für die er nie einen Groschen erhalten hat — zu einem Industriezweig, der Millionengewinne erbrachte. Noch am Ende seines reichen und bewegten Lebens erinnert sich der Sohn des fahrenden Komödianten an das fehlende Stückchen Papier in der Waschküche seiner Mutter: „Hätte ich damals das nötige’Geld gehabt, so würde ich mir Lettern, eine Buckdruckpresse und Papier gekauft haben zum Druck meiner Theaterstücke, und die Steindruckerei wäre wahrscheinlich so bald nicht erfunden worden. Ich habe den Wunsch, daß meine Erfindung der Menschheit durch vortreffliche Erzeugnisse vielfältigen Nutzen bringen und zu ihrer größten Veredelung gereichen, niemals aber zu einem bösen Zweck mißbraucht werden möge . . .“

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