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Sybille Pauli | Meine Sudienreise zum Rio Grande & die Schaffung von fotografierten Realitäten

Der Jaraquí ist ein Fluss wie der Apuaú, der Couieras, der Nini und hundert andere. Sie bilden zusammen den Rio Negro und sind Teil meines fotografischen Projektes über diese Region Amazoniens.
Ich sitze am Fluss und frage mich allen Ernstes, warum ich noch versuche, irgend etwas zu fotografieren. ich vergesse mein Thema, meine eigenen Vorgaben und beginne, die Kamera nahezu beiläufig zu gebrauchen, ebenso beiläufig wie das Ruder meines Einbaumes.  Ich beginne,mit meinen Bildern das zu tun, was ich im Geiste schon lange vollzogen habe.ich ergreife Partei für den Fluss, den Wald und die Menschen. Ich frage nicht mehr nach dem Warum, die Bilder kommen von alleine – aus mir heraus.

Amazona | Regenwald
Amazona | Regenwald

Fotografie ist ebenso wenig objektiv wie unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit und die ist, seien wir ehrlich, doch sehr subjektiv. Und wenn viele sich verpflichtet fühlen, in Brasilien Leid und Elend zu finden, so finde ich ohne die Probleme dieses Landes zu leugnen, eine ebenso präsente Realität, auch wenn es vielleicht nur meine Realität ist. Indem ich den Betrachter mit meinen Fotografien berühre, stärke ich Brasilien, ein Land, das wegen polarisierender Berichterstattung nur noch in Begriffen wie Armut, Elend, Karneval und Günstlingsstaat gehandelt wird. Seit Jahren finde ich in Amazonien viel von der Ruhe und Harmonie, die mir so oft abhanden kommen. Meine Fotografien sind Ausdruck dieser Sehnsucht, sichtbar gemacht in Bildern, die hoffentlich über das Zweidimensionale hinaus auch emotionale Spuren hinterlassen. Zum Teil trifft dies auf mich zu; allerdings brauche ich die dreidimensionale Atmosphäre in regelmäßigen Abständen brauche. Und wenn ich nur am Fluss sitze und mich frage, was ich hier überhaupt mache.

Sybille Pauli • Unser Urlaub steht an – aber wohin?

Sybille_PauliHallo Frau Pauli. Mein Lebenspartner & ich wollen zwischen Januar und März 2016 (noch nicht genau klar wann) in die Ferien! Das Reiseziel  ist uns ehrlich gesagt “Schnuppe” – Hauptsache es ist schön warm und man kann ausgiebig baden & Sonne tanken. Ok, vielleicht noch ein wenig shoppen und Sightseeing wäre klasse! Haben Sie Tipps für uns? Dom. Rep., Thailand, Mexiko oder doch lieber Florida?! Können Sie uns aus eigener Erfahrung etwas empfehlen? Liebe Frau Pauli, es wäre schön, wenn Sie uns den nervigen Gang ins Reisebüro ersparen würden. Seit gefühlten 10’000 Stunden habe ich im Internet durch zig Reiseseiten klickt und den Überblick total verloren und fast die Lust die Koffer zu packen. Ich freue mich über Ihre Tipps, Karla 36 – Berlin

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Liebe Karla,

einer 36jährigen, die ihren Freund als Lebenspartner bezeichnet, muss ich einfach helfen, da kann ich nicht anders.

Leider schreiben Sie mir überhaupt nichts über Ihr Reisebudget. Aber die erwähnten Reiseziele machen klar, dass Sie sich einen Langstreckenflug leisten können und ich Sie darum nicht ans Steinhuder Meer schicken muss.

Nun denn. Wenn Sie mich fragen, dann lautet die Antwort schlicht und ergreifend THAILAND. Und nicht nur deshalb, weil es eine der Destinationen ist, die Sie selbst ins Spiel gebracht hatten, sondern weil ich ein bekennender Thailand-Fan bin. Für mich ist ein Urlaub dort der Inbegriff vom paradiesischen Sein. Es stimmt dort alles.

Das Wetter ist warm bis heiß. – Das Wasser ist warm bis heiß. – Die Anreise ist unkompliziert. – Das Essen ist einfach GÖTTLICH!!!

Zudem sind die Menschen sind sehr freundlich und zuvorkommend.

Die politische Lage ist weitgehend stabil; abgesehen vom Grenzgebiet zu Kambodscha. Dort ist  die Lage seit längerem angespannt ist.

Die medizinische Versorgung ist hervorragend (wenn Sie sich nicht gerade in der absoluten Pampa, mitten im Regenwald aufhalten). Sie müssen keine übergroße Sorge vor Malaria haben (wenn Sie sich nicht gerade mitten im Regenwald aufhalten und sich nachts mit einem Moskito-Netz schützen.)

Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist unschlagbar. Nirgendwo bekommen Sie mehr Paradies für weniger Geld.

Die wirtschaftliche Lage Thailands hat sich in den letzten Jahren stark verbessert. Die Weltbank hat Thailand 2011 offiziell zum Land mit “gehobenem mittleren Einkommen” erklärt. Das hat auch Einfluss auf Ihren Urlaub. Auf der einen Seite sind Sie eine wertvolle Einkommensquelle für den wichtigen Tourismussektor, auf der anderen Seite werden Sie nicht tagtäglich mit bitterer Armut konfrontiert.  

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Soviel zu den vernünftigen Gründen. Nun aber zur konkreten Ferienplanung:

Sie fliegen mit Thai Airways – das Essen ist einfach gut und der Service an Bord um Welten freundlicher als bei vielen anderen Fluglinien – nach Bangkok. Dort bleiben Sie ein paar Tage und shoppen, was das Budget hergibt. Ihren Hunger nach Kulturellem stillen Sie bitte auch dort, denn auf den Ferieninseln ist davon nicht viel zu finden. Besuchen Sie den Kaiserpalast! Kratzen Sie etwas Gold vom Tempel und staunen Sie über die unglaublich schönen Wandmalereien. Danach fliegen Sie weiter nach Koh Samui und nehmen ein Boot auf die nahe Insel Koh Phangan. Dort habe ich im Frühjahr einen „Liebesurlaub“ verbracht. Die  Schönheit der Insel ist kaum zu ertragen. Je nachdem, ob Ihnen mehr nach Halligalli ist, buchen Sie ein Bungalow am Haad Rin Beach, wo die Vollmondpartys steigen, oder aber Sie suchen sich einen der ruhigeren Strände aus. Wir waren am Thong Nai Pan Beach; der ist beschaulich und für Sie vielleicht etwas zu ruhig. Testen Sie es einfach aus.

Hotels finden und buchen Sie z.B. unter Asiarooms.com oder aber Sawadee.com.  Asiarooms hat den Vorteil, dass Sie bis kurz vor der Anreise kostenfrei stornieren können. Den Reality Check machen Sie am besten bei Holidaycheck, wo Sie viele wertvolle Gästereviews und ungeschönte Fotos von Hotels finden können. Und wenn immer möglich, bleiben Sie mindestens 2 Wochen und buchen für jede Woche ein anderes Hotel: auch den großartigsten Ort hält man kaum länger als 7 Tage aus.

Wo auch immer Sie Ihren Urlaub verbringen, schicken Sie mir bitte eine Postkarte und schreiben Sie mir, ob es Ihnen gefällt!

Eine schöne, sinnliche Reise wünscht Ihnen Sybille Pauli.

Heinrich von Maltzan • Meine Wallfahrt nach Mekka • Einleitung von Fritz Gansberg

Heinrich von Maltzan - Grafik von Hermann Scherenberg - 1871
Heinrich von Maltzan – Grafik von Hermann Scherenberg – 1871

1860 unternahm Heinrich von Maltzan als Muslim getarnt eine Pilgerfahrt nach Mekka. Als Tarnung diente ein Pass, den sich Maltzan durch Bestechung eines algerischen Arabers besorgt hatte. Dieses Vorgehen war notwendig, weil der Besuch der heiligen Stadt des Islam für Nichtmuslime bei Todesstrafe verboten war und ist. Nach dem Tod des offiziellen Passbesitzers veröffentlichte Maltzan 1865 einen Bericht über diese Reise. 

Heinrich von Maltzan wurde am 6. September 1826 in Dresden geboren und starb am 22. Februar 1874 in Pisa. Er war ein deutscher Forschungsreisender, Ethnograph, Sprachforscher und Reiseschriftsteller.

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Vorrede an die [jungen] Leser – Eine Einleitung von Fritz Gansberg

G ö t z e n d i e n s t !

[avatar user=“SybillePauli“ size=“medium“ align=“right“]Redaktion: Sybille Pauli[/avatar]

Gewiss habt ihr schon davon gehört. Gewiss kennt ihr auch aus dem Museum die fratzenhaften Gestalten, die sich die armen Wilden in ihre Tempel stellen, und denen sie mit größter Ehrfurcht nahen; sie knien davor nieder und beten sie an, sie suchen sie gnädig zu stimmen durch ein Opfer, sie bringen ihnen dampfende Speisen, die freilich der Tempeldiener nachher wegholt und anderweitig verwendet, und sie bitten sie um Hilfe in der Gefahr. Wie kann es nur Menschen in den Sinn kommen, Puppen von Holz oder Stein göttlich zu verehren? Wie können sie nur auf den Gedanken kommen, diese in bunte Lappen gewickelten Fratzen könnten ihnen helfen, ja könnten ihnen noch da helfen, wo menschliche Hilfe vollkommen unmöglich ist? Puppen sollen das Wetter machen können, sollen den durstenden Feldern Regen schicken und den Blitz vom Hause abwehren können! Puppen, die man in der Schlacht voranträgt, sollen die feindlichen Pfeile in Verwirrung bringen, sollen die Herzen der Feinde erzittern machen, sollen Krankheit und Unruhen im feindlichen Lager anstiften können! Verwundert schütteln wir den Kopf über solche Kindereien, über solchen Aberglauben. Wir wissen längst, dass sich die Natur nicht durch den Glauben und durch fromme Wünsche besiegen lässt, dass der Feind nur durch stärkere Waffen, durch geübte Truppen und durch mutiges Draufgehen in die Flucht geschlagen werden kann. Wir wissen, dass das Wetter von Naturkräften gemacht wird, die sich nicht kommandieren lassen, wissen, dass Sonnenschein und Regen nicht kommen und gehen, wie wir wollen, sondern wie sie wollen. Wir denken, dass es den Menschen wohl noch einmal gelingen wird, auf die Kräfte, die das Wetter machen, ein wenig Einfluss zu gewinnen; wir sind aber zufrieden, wenn uns heute annähernd vorausgesagt werden kann, was der morgige Tag bringen wird: Sturm oder Stille, Niederschläge oder Trockenheit. Und diese Götzen können alles – sie sind Wettermacher, Krieger, Ärzte, Propheten und Künstler in einer Person! Wie ist nur solcher Aberglaube in die Menschheit eingedrungen und hat sich dort so hartnäckig festgesetzt? Denn so leicht lassen sich die Wilden ihren Glauben nicht ausreden. Tritt zufällig das gewünschte Ereignis ein, so ist das natürlich der übermenschlichen Kraft ihres Götzen zu verdanken; tritt das Ereignis nicht ein, so ist der Götze seinem Stamme – nicht gnädig gesinnt; dass er zaubern kann, hat er ja in tausend Fällen bewiesen; er kann ihnen wohl helfen, er will es nur nicht! So bewegen sich ihre Gedanken immer im Kreise herum, und alle unsere Überredung und Belehrung ist einfach in den Wind gesprochen. Und überall bei den Wilden ist der Wunderglaube verbreitet; ja er findet sich auch noch bei den Völkern, die bereits durch ihre Einrichtungen und Erfindungen bewiesen haben, dass sie die Wege kennen, die einzig und allein zu Wundern führen, die durch Fleiß, Geschicklichkeit und Ausdauer Dinge geschaffen haben, die das Staunen der Nachbarvölker erregen, die diesen einfach als Zauber- oder Wunderdinge erscheinen müssen. Auch bei klugen und mächtigen Völkern findet sich noch Wunderglaube. Ich glaube, er findet sich auch noch bei uns. Wie ist nur der Wunderglaube in die Menschheit hineingeraten?

Mekka-view-66973_640Ein wenig finden wir diese schwierige Frage in der vorliegenden Erzählung von einer Pilgerfahrt nach Mekka beantwortet. Mekka bildet den Mittelpunkt und das größte Heiligtum für alle die vielen Millionen Menschen, die an Mohammed und an seine Lehre glauben. An einen Götzen glauben sie nicht mehr, sie glauben an einen Gott. Gott ist für sie eine Person, die allmächtig und allgegenwärtig ist, die die ganze Welt geschaffen hat und täglich und stündlich neue Wesen ins Leben ruft, die hoch über den Wolken in einer Wunderwelt thront, die aber auch in der kleinsten Hütte wohnt, und die jedes Wort kennt, ganz einerlei, ob es schon gesprochen ist oder noch in Gedanken verborgen ruht. Jede Religion ist zuerst einmal eine große Erkenntnis gewesen, ein plötzliches, gewaltsames, herrliches Verstehen dessen, was in der Natur und im Menschenherzen vor sich geht. Dieser gewaltige Gott, von dem man sich kein Bild machen kann und machen darf, gehorcht nicht wie ein Götze den Launen der Menschen, die heute gutes Wetter und morgen eine Schlacht und übermorgen einen anderen kleinen Vorteil mit seiner Hilfe erringen möchten. Er regiert die Welt nach ewigem Plan, und da gehen die Dinge ihren großen, ruhigen Gang, nicht wie der Einzelne möchte, sondern wie es der ganzen Menschheit letzten Endes zum Besten dient. Und was sind die Wünsche von heute und morgen, wenn es sich um das Glück deines ganzen Lebens handelt?! Jede glückliche Stunde deines Lebens, jeden Sonnenstrahl und leisen Windhauch dankst du dem allmächtigen Gott; aber er schickt dir auch bittere Leiden, Schmerzen und Krankheiten, um dich zu prüfen, und er lohnt dir dein treues Ausharren durch endliche ewige Seligkeit. Wie natürlich ist dieser Glaube; das ganze Leben stellt er unter die Gesetzmäßigkeit der Natur, nur der Tod schließt noch ein Wunder ein, ein Wunder, das aber auch die heidnischen Wunder in ihrer Gesamtheit aufwiegt! Und wie stark macht dieser Glaube! Die ärgsten Verfolgungen machen ihn nur immer stärker, denn – »Gott will dich ja nur prüfen!« Wie mächtig muss aber erst eine Gemeinde von Gläubigen werden, ein Volk von Gläubigen; kein Heidenvolk kann vor ihm bestehen bleiben. Die Glaubensboten wandern über hohe Berge, übers weite Meer, um die neue Lehre hinauszutragen; die große Masse der Gläubigen folgt ihnen mit dem Schwerte, um, wenn nötig, mit blutiger Strenge die Gemeinde Gottes zu vergrößern. So ist auch der Islam, die Religion der Mohammedaner, siegreich von Land zu Land vorgedrungen, um überall den Götzenglauben auszurotten, die Altäre zu stürzen und die heidnischen Tempel zu verbrennen, um überall Menschen zu erziehen, die Gutes tun, nicht um von heute bis morgen Vorteil dadurch zu gewinnen, sondern im Hinblick auf die letzte große Belohnung, die Gott den Gläubigen zuwenden wird. Fast scheint es schon, als übten diese Menschen das Gute um des Guten willen. Sie fühlen sich glücklich in der Gemeinschaft der Gläubigen, bauen herrliche Versammlungshäuser, die gegen den Alltag abschließen und schon beim Eintritt Andacht erwecken, und die Freude an den Erscheinungen in der Natur und in der Geschichte der Menschheit, die sie alle als Werke Gottes erkannt haben, führt sie zur Kunst und Wissenschaft. Aber dann beginnt auch sachte, sachte wieder der Wunderglaube. Wo kann man diesen allmächtigen Gott verehren? Sicher überall, denn er ist ja allgegenwärtig. Wo kann man ihn am besten verehren? Da, wo er zuerst geschaut wurde, wo er sich zuerst offenbarte, an der Wiege oder am Grabe des Propheten. Auch das ist so sicher, daß es keines besonderen Beweises bedarf. Wenigstens einmal im Leben sollte mithin jeder Gläubige zum Grabe des Propheten wallfahrten, einmal auch so Gott von Angesicht zu Angesicht schauen, wie es der heilige Stifter der Religion tat. Dann ist dem Gläubigen der höchste Lohn sicher, dann mag ihm auch manche böse Tat verziehen sein. So finden wir denn die Gläubigen in gewaltiger Ansammlung auf Pilgerfahrten zum Zentralheiligtum ihrer Religion. Auf solchen Pilgerfahrten aber findet der Wunderglaube tausendfältige Nahrung, hier wächst er riesengroß. Da treffen sich die Gläubigen aus allen Provinzen ihres großen Reiches; aller Augen sind auf das ferne, glänzende Ziel gerichtet, alle Erwartungen sind auf das höchste gespannt. Schon gehen von Mund zu Mund die Berichte der Wunderdinge, die dort an heiliger Stätte geschehen sein sollen: Krankheiten sind geheilt worden, Unglück ist abgewendet worden. Die Anstrengungen der Reise machen die Aufregung, die alle Pilger angesteckt hat, noch größer. Gott will es, dass wir leiden, ehe wir selig werden; darum vorwärts, verachtet die Schmerzen! Einer versucht es dem andern in der Überwindung von Leiden zuvor zu tun; ein allgemeiner Wetteifer entsteht, zu dursten, zu hungern, sich zu peinigen, und reißt alle Bedächtigen und Zweifler mit sich fort. Endlich ist der große Augenblick erschienen.

mecca-109852_640»Es war die erste Tagesdämmerung,« so wird in diesem Buche erzählt, »jene Zeit, welche nicht mehr Nacht und noch nicht Tag ist, jene Zeit, in der man nicht einen weißen Faden von einem schwarzen soll unterscheiden können. Dieses matte, rosige Licht dauerte vielleicht nur eine Minute. Aber diese Minute genügte uns, um auf dem zarten, matt gefärbten Himmelsrande eine graue Masse mit undeutlichen Umrissen sich abzeichnen zu sehen. Beim Anblick dieser grauen Masse brach auf einmal ein fürchterlicher, unaussprechlicher Jubel aus allen Kehlen los. Ein tausendfaches »Labik« begrüßte die Erscheinung. Mekka, die neunmal heilige Stadt, Mekka, in dem jeder Stein heilig ist, Mekka, in dem die Kaaba liegt, die Kaaba, das Heiligste auf Erden, die Wiege des Islam, die feste Burg Gottes auf Erden, Mekka war es, das aus allen Kehlen mit donnernden Rufen begrüßt wurde. Eine Begeisterung, wie ich sie noch nie in meinem Leben gesehen hatte, gab sich kund. Viele Pilger warfen sich auf die Erde nieder, streckten die Arme sehnsüchtig nach der schwarzen Häusermasse aus oder bedeckten den Wüstensand mit brünftigen Küssen. Die meisten weinten, schluchzten oder seufzten in lauten, gellenden Tönen.«

mecca-66985_640Aber auch die Ankunft an der heiligen Stätte lässt keine Ernüchterung aufkommen. Schon der Gedanke, an der Stätte zu weilen, vor dem Stein zu knien, vor dem Tausende vor dir gekniet haben, zu dem Millionen von Herzen täglich beten, hat etwas Verwirrendes an sich. Dazu kommt die riesige Ansammlung von Menschen, die hier für wenige Tage aus allen Richtungen zusammenfluten. Und aufs neue verstärkt sich die Aufregung, denn nun gilt es, eine Menge von religiösen Übungen auszuführen, wenn nicht die ganze Pilgerfahrt vergeblich sein soll. Und die Begeisterung der Masse reißt alle Vernunft wie in einem wilden Strom mit sich fort. In einem solchen Schwarm wütender, entzückter Menschen ist der einzelne fähig, Hunger und Durst zu vergessen, Frost und Hitze zu verachten und körperliche Leistungen zu vollbringen, über die man sich später, in Zeiten ruhiger Besinnung, einfach – wundert. Da kann auch wohl der übermächtig sich fühlende Wille im Menschen seiner Krankheit Herr werden. Solche Heilungen, die sich oft auf den Pilgerfahrten ereigneten, sind gewiß Wunder, aber sie sind – natürliche Wunder. – So sind ja auch alle großen Taten zustande gekommen, alle Eroberungen, Entdeckungen und Erfindungen: tausend Schwierigkeiten waren zu überwinden, tausendmal verzagte der Mensch, aber immer wieder trieb ihn der Gedanke vorwärts, der Gedanke an den Sieg, an den Ruhm, an das Glück! – Mit welchen Erinnerungen werden die Pilger in ihre Heimat zurückkehren! Wie wird sich dort alles, was sie an der heiligen Stätte schauten, verklären und vergolden! Und wie leicht können sich nun die wunderbaren Vorfälle, die dort schon das Entzücken der Pilger bildeten, in der Heimat ins Fabelhafte und Übernatürliche vergrößern, um nun wieder die Sehnsucht und das Verlangen, die heiligen Stätten zu betreten, in Tausenden ihrer Brüder lebendig zu machen!

mekka-minarets-15079_640Aber diese gewaltige Aufregung und Begeisterung ist nicht von Dauer. Sie kommt und geht; sie steigt an wie die Meeresflut, und sie fließt wieder zurück und macht einer großen Ernüchterung Raum. Die Menschheit erwacht aus einem glühend schönen Traum und findet sich im grauen Alltag wieder, im Alltag, der keine Wunderdinge verschenkt, der nur Treue, Fleiß und Ausdauer belohnt und auf ganz andere Weise zu Wundertaten führt – nicht durch gewaltsame Anstrengungen und unerhörte Selbstpeinigungen, sondern durch treue Beobachtung der Naturgesetze, durch fleißige Umschau bei den Meistern, und durch unermüdliches Probieren und Studieren.

Der Islam, der nicht mehr in diese Welt passt, wird alt. Seine Reiche zerfallen. Seine Kirchen sinken in Schutt und Trümmer. Seine Gläubigen werden müde, verzagt und gleichgültig. Sie träumen den alten Traum weiter, und auch der dumpfe Fall der Kirchenmauern kann sie nicht aufrütteln. Gott hat es so gewollt! »Ihr Leben war so kurz berechnet.« –

Und andere Völker übernehmen nun die Führung. Und nun fängt unter den Ruinen der Götzendienst leise wieder an. Die Leute verstehen die Pilgerfahrt nicht mehr; eine große Versammlung sollte sie sein, in der die Gläubigen aller Länder sich ihre Freuden, ihre Hoffnungen, ihre Erfahrungen mitteilen, um gestärkt im Glauben wieder zurückzukehren. Die Nachkommen wissen nichts von einer solchen Vereinigung und Verbrüderung der Gläubigen; sie sehen nur noch die toten Dinge, vor denen die Heilungen und Wunder passierten. Und solcher Heiligtümer gibt es bald eine ganze Menge. Da ist die heilige Kirche, die unzerstörbar ist und die Herzen aller Gläubigen wie ein Magnet anzieht. Da ist in einer der Wände der Kirche der schwarze Stein, der Mittelpunkt des ganzen Reiches, der ein Engel ist und seit der Erschaffung der Welt hier ruht. Da ist der heilige Brunnen, der sich niemals entleert und wenn Millionen daraus trinken, und dessen Wasser alle Krankheiten heilt. Da sind noch viele, viele Heiligtümer, die angebetet werden und von denen sich eine heilkräftige und wunderbare Wirkung erhoffen lässt. Man muss aber auch in der rechten Weise vor diesen heiligen Gegenständen seine Andacht verrichten, denn sonst helfen sie nicht; ein einziges falsches Wort kann alles verderben. Darum ist es gut, dass sich Gehilfen finden, die den Pilger in den vielen Irrwegen eines solchen Gottesdienstes zurechtweisen. Wer aber alle Worte richtig gesprochen und alle vorgeschriebenen Handlungen ausgeführt hat, dem wird auch die große Belohnung nach dem Tode zuteil. Man muss nur warten können! Und die größten Tugenden werden nun Geduld und Ergebenheit in den Willen Gottes, der doch das Leben der Menschen schon im voraus bis ins kleinste fest bestimmt hat! Was kümmern diese Glücklichen noch die kleinen Obliegenheiten und Geschäfte des Tages: So lange sich noch Essen und Trinken findet und ein leidliches Gewand, und so lange das Dach nicht einstürzt, so lange können sie sich dem ungestörten Traum von der späteren Glückseligkeit hingeben. Und die Völker, die für einige Jahrhunderte durch die feurige Kraft des neuen Glaubens lebendig geworden waren, versinken wieder in den alten Dämmerzustand, sind wieder heidnisch, treiben Götzendienst.

So mag auch in dem Götzendienst der armen Wilden einmal Sinn und Vernunft gewesen sein. Die fratzenhaften Gestalten sind vielleicht Abbilder des großen, schon längst verstorbenen Urvaters und Gründers der Gemeinde, dessen Anordnungen, Taten und Worte noch immer in aller Munde sind, dessen »Geist« noch jetzt im Dorfe umgeht. Oder sie sind die erdichteten Figuren der großen Naturkräfte, von deren Spiel und Gunst alles abhängt, der Sonne, des Meeres, der fruchtbaren Mutter Erde. So wird auch im Götzendienst im tiefsten Grunde ein schöner Sinn gelegen, ein Morgenrot der Erkenntnis geleuchtet haben; aber über die Nachkommen sank die Dämmerung des Kinderglaubens herab, und der Gottesdienst endigte in einem Possenspiel.

Gewiss, dieser kindische Aberglaube fordert unseren Spott heraus, und unser trefflicher Erzähler lässt es nicht daran fehlen. Aber wenn wir recht auf den Grund dieser Verirrungen sehen, so finden wir, daß doch überall dieselben Hoffnungen und dieselben Zweifel das menschliche Herz bewegen, bei den Wilden so gut wie bei den Menschen unserer Heimat. Und dann lernen wir auch den Götzendienst verstehen. Und alles verstehen heißt – alles verzeihen!

Bremen 1909

Fritz Gansberg

Der März • bild dir nichts ein • a work in progress

bild-dir-nichts-ein
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Folgende Beiträge finden Sie in unserer Märzausgabe (eine Auswahl):

Leserbrief an Lawrence Norfolk zu seinem Buch Lemprièrs Wörterbuch

Janosz Rehbaum • Die Kunst des Erzählens über die Kurzweil hinaus • Ein Gedankengang

Eine //Lit\\ Kolumne zu Christine Böers Buch „Darf ich Sie zeichnen?“

Maria Aronov stellt Ihnen Sultan Süleyman vor. Sein Leben und seine Gedichte.

anatol knotek – konkrete & visuelle poesie, textinstallationen & konzeptkunst – Ein Porträt

Die Autorin Alma Johanna Koenig

Paul Klee • In der Luft über dem Wasser • Randbemerkungen über seine Handzeichungen

Paul Klee und seine Handzeichnungen • Eine Galerie

Im Zauber des Lichts – Hitorische Fotografie aus den 1940er Jahren

Jurek Beckers Neuigkeiten – Aus der Reihe: Wörterbuch-Roman

Reinhard Johannes Sorge – Eine Auswahl seiner Gedichte

Franz Kafka • Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg

Der Barcode in der Kunst

Rainald Goetz – Fleisch – Eine Begehung

Der Tango • Klabund Die Lausitz und die Pariserinnen – …

Daniel Barbiero  • Die Anamnesis von Platon • musikalisch interpretiert

Ursula Poznanski- Erebos – Eine Rezension

Bosse – Engtanz – Eine Begehung [Erstveröffentlichung: 12. Februar 2016]

Arndt – Mein Besuch bei einer Amsterdamer Hure

Sybille Pauli über Reisebücher aus einer Zeit, wo jede Exkursion eine echte Herausforderung war:
Alma Johanna Koenig,
Annemarie Schwarzenbach,
Mark Twain,
Walter Benjamin…

Wir stellen Ihnen das Buch „Der lyrische Bass“ vor, dass am 18.03. im Verlag mannstreu erscheint.

Texte  und Leben des polnischen Autors Stanislaw Przybyszewski

Hat der Feminismus die Liebe kaputt gemacht? Eine Kolumne in Bezug eines Artikels in der „bild am sonntag“  und der Reaktionen einiger Feministinnen darauf.

„Kein Talent zum Tellerwäscher“ – Autobiografie Eric Godal – Eine //lit\\ Kolumne von Janosz Rehbaum

Über Ariadne von Schirach und ihre Bücher: Du sollst nicht funktionieren & Der Tanz um die Lust – Janosz Rehbaun

Erzählungen und Novellen:
Friedrich Glauser – Der alte Zauberer

Paul Scheerbart • Krebsrot • Ein Herren-Scherzo