Paul Scheerbart – Glasarchitektur – Teil 2

Ornamentsaal im Glashaus der Kölner Werkbundausstellung 1914 - Fotograf unbekannt - Quelle: wikipedia.org
Ornamentsaal im Glashaus der Kölner Werkbundausstellung 1914 – Fotograf unbekannt – Quelle: wikipedia.org

Zu Teil 1 – Zu Teil 3
Abschnitte XXXI – LX

XXXI

Das Glasmosaik und der Eisenbeton

Es muß betont werden, daß der Eisenbeton mit Glasmosaik bedeckt wohl das dauerhafteste Baumaterial darstellt, das wir bislang entdeckt haben.
Man hat immer so große Furcht, daß das Glas von ruchloser Hand zertrümmert werden könnte. Nun die Fälle, in denen von der Straße aus Fenster durch Steine zertrümmert werden, sind heute wahrhaftig nicht mehr zahlreich; man wirft viel eher nach einem Menschenkopf mit Steinen als nach einer Fensterscheibe.
Daß Glasmosaik aber mit Steinen beworfen wurde, ist mir gänzlich unbekannt.
Im 19. Jahrhundert, als die Drähte der Telegraphie aufkamen, wollte man diese Drähte aus Furcht vor der rohen Bevölkerung sämtlich unterirdisch anlegen. Heute aber denkt kein Mensch an die Zerstörung der oberirdischen Drähte.
Deshalb braucht man auch nicht zu fürchten, daß die Glashäuser von Steinen aus roher Hand zugrunde gerichtet werden könnten.
Doch dieses auch nur so nebenbei.

XXXII

Heiz- und Kühlvorrichtungen in besonderen Säulen, Vasen, Hängekörpern usw.

Da zwischen den Doppelwänden das elektrische Licht den Raum beherrscht, so ist die Heizung und Kühlung nicht zwischen den Doppelwänden anzubringen, dadurch ginge ja, wie schon gesagt, die Hälfte der warmen und kalten Luft an die uninteressierte Atmosphäre des Hauses ab.
Darum kann die Heizung in Säulen, Vasen und Hängekörpern im Zimmer stehen und hängen und ihre Umschalung kann wie die orientalische Ampel zu einem köstlichen Zierstück ausgestaltet werden.

XXXIII

Die Beleuchtung zwischen den doppelten Wänden (die hängende im Zimmer natürlich nicht ausgeschlossen)

Daß die doppelten Wände nicht nur zur Temperaturerhaltung der Zimmer da sein sollen, sondern auch die Leuchtkörper aufzunehmen haben, das habe ich jetzt so oft gesagt, daß ich um Entschuldigung bitten muß. Aber ich wollte betonen und unterstreichen. Durch diese Beleuchtungsart wird das ganze Glashaus zur großen Laterne, die in stillen Sommer- und Winternächten glühen kann wie Leuchtkäfer und Glühwürmer.  Man kann dabei poetisch werden.
Man kann aber auch die Beleuchtung im Innern des Zimmers anbringen. Diese innere Beleuchtung läßt ja die Wände auch aufleuchten wenn auch nicht so heftig wie das Licht zwischen den Doppelwänden.

XXXIV

Der Staubsauger auch im Park zugleich als Insektenvertilger

Der Staubsauger wird in allernächster Zukunft uns so wichtig erscheinen wie die Wasserleitung.
Und man wird den Staubsauger auch im Park verwenden, da die parkettierten Parkwege vom Staube freizuhalten sind.
Dann wird man naturgemäß die Staubsauger auch als Insektenvertilger gebrauchen. Es ist geradezu haarsträubend, daß der Staubsauger heute noch nicht zum Insektenvertilgen gebraucht wird.
Daß der Staubsauger bereits bei Beseitigung des Straßenstaubes Verwendung findet, setze ich als bekannt voraus.

XXXV

Die Ventilatoren, die die üblichen Fenster verdrängen

Daß die Ventilatoren in einem Glashause eine »Hauptrolle« zu spielen haben, wird sehr natürlich erscheinen.
Die Ventilatoren werden aber auch alles Fensterartige verdrängen.
Wenn ich in meinem Glassaale bin, will ich von der Außenwelt nichts hören und sehen.
Hab ich Sehnsucht nach Himmel, Wolken, Wald und Wiese – so kann ich ja hinausgehen oder mich in eine Extra-Veranda mit »durchsichtigen« Glasscheiben begeben.

XXXVI

Die Lichtsäulen und die Lichttürme

Die Säulen waren bislang nur zum Stützen da. Der Eisenbau braucht weniger Stützen als der Backsteinbau; die meisten Stützen sind im Glashause überflüssig.
Um nun die Säulen in größeren Glashallen noch leichter zu machen, kann man sie mit Lichtkörpern hinter voller Glasumrahmung ausstatten, dann machen diese Lichtsäulen nicht den Eindruck des Stützenden, und die ganze Architektur wirkt viel freier – so als trüge sich alles von selbst; die Glasarchitektur wird etwas Schwebendes bekommen durch diese Lichtsäulen.
Die Türme sollten immer einen Ort oder eine Stadt kennzeichnen. Es ist naturgemäß, daß man bestrebt sein muß, die Türme auch zur Nacht herauszuheben. Darum müssen alle Türme unter der Herrschaft der Glasarchitektur Lichttürme werden.

XXXVII

Die Orientierung für die Luftschiffahrt

Die Luftschiffahrt wird zweifellos bestrebt sein, auch die Nacht zu erobern.
Schon darum müssen alle Türme Lichttürme werden. Und – damit die Orientierung leicht ist, wird man jeden Lichtturm anders bauen, anders beleuchten und durch Glaskörper verschiedenster Form ausstatten.
Eine Uniformierung der Lichttürme ist deswegen vollständig ausgeschlossen.
Das Signalwesen in den Türmen kann noch so einfach sein, der Turm selbst muß so von jedem andern verschieden sein, daß der Luftschiffer sofort informiert wird, wo er ist.

XXXVIII

Ukelei-Perlmutter auf der Betonwand

Überall werden natürlich nicht die lichtdurchlassenden Wände möglich sein – vor allem deshalb, weil der Hausbesitzer auch mal zwischen nicht Licht durchlassenden Wänden in vollkommener Abgeschlossenheit sitzen oder liegen möchte.
Pür derartige Räume sind aber Papier- und Stofftapeten ihrer Feuergefährlichkeit wegen zu vemeiden – und auch die Holzverschalung ist nicht mehr zeitgemäß – sie ist ebenso vergänglich wie Papier und Stoff, läßt den Wurm hinein und ist auch feuergefährlich.
Da muß nun ein anderes Wandbekleidungsmaterial verwandt werden. Der Eisenbeton ist nicht leicht künstlerisch zu bearbeiten; er ist so hart wie Granit, und Email und Niello sind immerhin nicht allzu billig.
Die Wachsperlen sind mit Ukelei-Perlmutter überzogen.
Vielleicht empfiehlt sich dieser Uberzug auch für die Wände. Sie könnten leicht mit Halbedelsteinen oder Glasbrillanten verziert werden.
Doch ist es wohl möglich, daß dieser Perlmutterüberzug, wenn ihm unebene Grundfläche gegeben ist, auch allein wirken könnte.
Ob dieses künstliche Perlmutter die Farbe behält, wenn das Tageslicht fern gehalten wird, müßte ausgeprüft werden.
Kuppelförmige, wellenartige Anschwellungen sind vielleicht sehr möglich, auch wenn sie regelmäßig und symmetrisch angebracht werden.

XXXIX

Drahtglas

Doch das Wertvollste bleibt natürlich für die Wände ein gutes Glasmaterial.
Das nach dem Glasmosaik haltbarste Glasmaterial ist aber das sattsam bekannte Drahtglas. Es kommt besonders für die Außenwand in Betracht.
Das Drahtglas kann heute schon so behandelt werden, daß das Drahtnetz kaum noch sichtbar ist.
In der Außenwand stört aber das Netz nicht, da es von außen der größeren Entfernung wegen nicht zu sehen ist.

XL

Das Senkrechte in der Architektur und dessen Uberwindung

Die Backsteinarchitektur der Vorzeit hat in den Kuppeln oft das Senkrechte überwunden. In den Wänden vom Senkrechten abzugehen, schien aber unmöglich. Das wird in der Glasarchitektur ganz anders.
Schon das große Palmenhaus im Botanischen Garten zu Berlin hat nicht mehr senkrechte Wände; die Krümmung nach oben fängt schon in drei Metern Höhe an.

XLI

Die Möglichkeiten, die die Eisenkonstruktion entwicklungsfähig machen

Die Eisenkonstruktion gestattet, den Wänden ganz beliebige Formen zu geben. Das Senkrechte in den Wänden ist nicht mehr eine Notwendigkeit.
Die Möglichkeiten, die die Eisenkonstruktion entwicklungsfähig machen, sind darum ganz unbegrenzt.
Man kann die Kuppeleffekte oben in die Seiten verlegen, sodaß man an einer Tafel sitzend nur seitwärts nach oben zu blicken braucht, um die Kuppeleffekte zu überschauen.
Die gekrümmten Flächen wirken aber auch in den unteren Teilen der Wände – besonders leicht ist diese Wirkung bei kleineren Räumen zu erzielen.
Die kleineren Räume sind ganz und garnicht mehr an das Senkrechte gebunden.
Die Bedeutung des Grundrisses in der Architektur wird dadurch sehr zurückgedrängt; die Profilierung des Ge- bäudes wird jetzt wichtiger als bisher.

XLII

Die verstellbaren Glaswände in der Wohnung und im Park

Der Japaner macht seinen Wohnraum dadurch immer wieder anders, daß er durch Wandschirme den ganzen Wohnraum in kleinere Räume zerlegt. Uber diese Wandschirme werden immer wieder andere Seidenstoffe gelegt, sodaR der kleinere Raum auch immer wieder anders aussehen kann.
Ähnliches läßt sich durch verstellbare und verschiebbare Glaswände in den Wohnräumen der Glasarchitektur erreichen.
Bringt man die verstellbaren Glaswände, die natürlich nicht senkrecht sein müssen, auch im Park an, so kann man dort die herrlichsten Perspektiven schaffen, und eine sehr leichte höhere Wandschirmarchitektur könnte dem Parke eine neue architektonische Bedeutung geben.
Und stets variabel wäre dieses Neue.

XLIII

Die Uberwindung der Feuersgefahr

Es ist wohl deutlich, daß die Glasarchitektur nach dem Gesagten die Feuerwehr überflüssig macht.
Bei Vermeidung aller brennbaren Materialien ist die Feuerversicherung abzuschaffen.
Die Vermeidung der Feuersgefahr aber sollte die Architektur immerzu im Auge behalten, deshalb auch im Kunstgewerbe und in der Innendekoration nur Stoffe zulassen, die nicht brennen können.

XLIV

Die Überwindung des Ungeziefers

Daß das Ungeziefer in einem Glashause, wenn es richtig gebaut ist, unbekannt sein muß, braucht wohl nicht weiter erörtert zu werden.

XLV

Die Scheinwerfer im Park und auf den Türmen und Hausdächern

Da die farbigen Gläser das Licht sehr stark dämpfen, so haben wir momentan noch viel zu wenig elektrisches Licht. Wir hätten aber tausendmal mehr, wenn wir überall, wo fließendes Wasser ist, soviel Wasserturbinen anbrächten, als möglich ist.
Haben wir aber erst genügend viel Licht, so haben wir auch viel mehr Scheinwerfer als bisher. Die Nacht kann zum Tage werden.
Und die Nacht kann herrlicher sein als der Tag – ganz abgesehen von der Pracht des Sternenhimmels, der ja bei Umwölkung des Himmels nicht für uns da ist.
Auch der Privatmann wird dann in seinem Park Scheinwerfer haben. Und die werden auch auf allen Dachkonstruktionen und auf den Dachgärten da sein. Und ein Turm o h n e Scheinwerfer wird dann ganz unbekannt werden und unnatürlich wirken. Die Luftschiffer werden sich über Türme o h n e Scheinwerfer empört zeigen.

XLVI

Die Uberwindung der »usuellen« Illuminationseffekte

»llluminationsarchitektur« wird die Glasarchitektur von ihren Gegnern, die natürlich nicht ausbleiben dürften, höhnisch genannt werden. Dieser Spott der Gegner ist aber als ungerecht zu bezeichnen, da es keinem Menschen einfallen wird, ein Glashaus so zu illuminieren, wie heutzutage ein Backsteinhaus illuminiert wird; das Glashaus ist ja, wenn es innerlich erleuchtet wird, ein ganz selbständiger Illuminationskörper, der ja infolge der vielen Illuminationskörper nicht so grell wirken kann wie die primitiven Illuminationskörper der heutigen Zeit.
Durch Einstellung beweglicher Spiegelscheiben lassen sich die Scheinwerfer tausendfältig und in allen möglichen Farben zum Himmel emporsenden.
Spiegel (mit Vorsicht zu verwenden!) und Scheinwerfer zusammen werden die usuelle Illumination verdrängen. Die neue Illumination wird hauptsächlich für die Luftschiffahrt – gleichzeitig orientierend – da sein.

XLVII

Das Ende der Fenster, die Loggia und der Balkon

Nach Einführung der Elektrizität im Koch- und Heizwesen muß unbedingt der Schornstein in Wegfall kommen. Man sagt ja, daß diese Einführung sehr kostspielig sei. Aber man vergißt, daß die Technik sich immer noch rapider weiterentwickelt; die Technik entwickelt sich allerdings in der Werkstatt und im Gelehrtenzimmer und verschmäht es, viel von sich reden zu machen. Dadurch wird jedoch der Eifer nicht geringer.
Und auch von Fenstern wird man nach Einführung der Glasarchitektur nicht mehr viel reden; das Wort Fenster wird auch im Lexikon verschwinden.
Wer die freie Natur sehen will, kann ja auf seinen Balkon oder in seine Loggia gehen, die natürlich so eingerichtet sein können, daß man die freie Natur so sieht wie einst. Die freie Natur wird dann aber nicht mehr durch häßliche Backsteinhäuser unangenehm wirken.
Das sind freilich Zukunftsbilder, doch solche, die wir im Auge behalten müssen, wenn die neue Zeit mal entstehen soll.

XLVIII

Steinmosaik für den Fußboden

Es ist bislang der Fußbodenbelag hier noch nicht genügend erörtert worden. Die Steinfliesen sind für alle Wege und Plätze des Parkes empfohlen, aber für das innere der Häuser ist der Fußbodenbelag als nebensächlich behandelt – nur Steinholz wurde erwähnt.
Für den besseren Raum ist nun nur Steinmosaik zu empfehlen. Natürlich – die Farben des Fußbodens müssen den Glaswänden entsprechend abgestimmt werden oder Kontrastwirkungen zeigen.
Vielleicht ist auch ein Teppich aus Glashaaren durchzuführen. Nur die brennbaren Stoffe sind zurückzudrängen – auch die Stoffteppiche, wenn sie sich nicht imprägnieren lassen, sind zu vermeiden – wenns auch schwer fällt.

IL

Die Modelle für Glasarchitektur

Das Allerwichtigste wäre natürlich, wenn eine Anzahl von Modellen für Glasarchitektur ausgestellt würde. Hoffentlich geschieht das auf der Werkbundausstellung zu Köln am Rhein 1914, für die Bruno Taut ein Glashaus gebaut hat, in dem die ganze Glasindustrie vertreten sein soll.
Mir scheint es nicht richtig, die Modelle für Glasarchitektur aus Pappe und Marienglas herzustellen. Aber die Modelle aus Messing und Glas werden nicht billig sein.
Es müßte sich eine neue Modellbau-Industrie bilden, die nur mit guten Materialien die Modelle für Glasarchitektur herstellt; unter diesen Modellen müßten sich auch Kirchenbauten befinden.
Vielleicht empfiehlt es sich, für größere Modelle eine andere Glasimitation zu verwenden. Vor zirka 20 Jahren gab es einen Stoff, der »Tektorium« genannt wurde – es war ein lichtdurchlassender, farbiger, lederartiger Stoff auf Drahtnetz. Für Modellzwecke wäre er wohl zu empfehlen, für Bauten ist er nicht haltbar genug, obwohl er immer ausgeflickt werden kann.

L

Gebirgsbeleuchtung

Phantastisch klingt so manches, was im Grunde ganz und gar nicht phantastisch ist. Denkt man bei Gebirgsbeleuchtung an die Beleuchtung des HimalayaGebirges, so ist das wohl eine scherzhafte Phantasterei, die von Praktikern garnicht diskutabel genannt werden dürfte.
Anders wirkt schon die Beleuchtung der Berge in der Nähe des Luganer Sees. Da gibt es so viele Hotels, die sich gerne in Szene setzen möchten, daß sie zur Glasarchitektur wohl Neigung hätten, wenn die Sache nicht ihre Mittel überstiege; die Mittel dieser Hotels sind aber nicht unbedeutend, und die Beleuchtung der Gebirge durch die Beleuchtung der Hotels, wenn diese zu Glasarchitektur werden, ist wohl nicht mehr phantastisch zu nennen.
Die Zahnradbahn, die zum Rigi hinauffährt, ist sehr leicht effektvoll (auch durch Scheinwerfer) zu beleuchten.
Und – hat erst die Luftschiffahrt die Nacht erobert, so wird die ganze Schweiz bald ihre Berge auch des Nachts durch Glasarchitektur bunt leuchtend machen.
Man vergißt immer wieder, wie rasch sich in den letzten Jahrhunderten so manches verändert hat. In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts kannte der alte Goethe noch nicht die Schienenwege der Dampfeisenbahn. Es sind noch nicht hundert Jahre seitdem vergangen – und die ganze Erde ist mit Schienenwegen umspannt. So schnell kann sich auch die Gebirgsbeleuchtung entwickeln, die heute noch vielen immer wieder als Phantasterei erscheint.

LI

Parkbeleuchtung

Früher als die Gebirgsbeleuchtung aber wird sich die Parkbeleuchtung entwickeln.
Haben wir erst mehr elektrisches Licht, so ergibt sich vieles ganz von selbst.
Vor allem sollte man in den Parks (wie schon erörtert) an verschieden geformte Türme zur Orientierung der Luftschiffahrt denken.
Ein Glasturm ist nicht n u r mit Scheinwerfern auszustatten; viele Glasflächen lassen sich verschiebbar herstellen und könnten so kaleidoskopartig öfters wieder anders zur Wirkung gelangen.
Die Möglichkeiten sind auch hier unübersehbar groß.

LII

Gespensterhafte Beleuchtung

Wir denken, wenn wir vom Licht sprechen, gewöhnlich nur an das grelle Licht von Gas und Elektrizität. In den letzten 50 Jahren hat das Licht sich ganz überraschend entwickelt. Das geht alles so schnell, daß man kaum mitkommt.
Hat man aber das Licht in größerer Fülle, was durch Verwendung von mehr Wasserturbinen und Windmotoren durchaus erreichbar ist, so braucht man das L~cht nicht immer grell wirken zu lassen, man kann es durch Farbe dämpfen.
Und man kann es durch Farbe so dämpfen, daß es gespensterhaft wirken könnte, was ja vielleicht sehr vielen Menschen sympathisch erscheinen wird.

LIII

Die feste Wand als Hintergrund für Plastik

Wo man die festen undurchsichtigen Wände nicht beseitigen kann oder will, da eignen sie sich vielleicht als Hintergrund für plastische Gebilde. Diese brauchen ja nicht figürlicher Art zu sein. Auch Ornamentales läßt sich plastisch sehr wirksam vor einer Wand ausspannen. Und Pflanzenmotive sind auch leicht anzubringen.
Nur die Malerei halte man von der Wand fern; sie beeinträchtigt in jedem Falle die architektonische Geschlossenheit eines Gebäudes.

LIV

Die Automobile und Motorboote und das farbige Glas

Nun aber übertrage man die Glasarchitektur auf die beweglichen Dinge – auf die Automobile und Motorboote.
Dadurch wird die Landschaft ganz anders werden; schon die Schienenwege der Dampfeisenbahn haben die Landschaft verändert – so verändert, daß sich Jahrzehnte hindurch die Menschen garnicht an die Veränderung gewöhnen konnten. Die farbigen Automobile aus glänzenden Glasflächen und die Glas-Motorboote werden die Landschaft aber in so angenehmer Weise verändern, daß die Menschheit sich an diese Veränderung hoffentlich rascher gewöhnen dürfte.

LV

Die Dampfbahn und die Elektrischen farbig leuchtend

Wenn die Glasarchitektur einmal siegreich auch die Automobile und Motorboote ergriffen hat, so wird natürlich auch den anderen Vehikeln – besonders denen, die auf Schienenwegen dahinrasen – nichts andres übrig bleiben – als sich auch der Glasarchitektur anzupassen.
Dann werden wir einen wundervollen Eindruck haben, wenn wir einen Schnellzug farbig leuchtend am Tage oder in der Nacht durch die Landschaft sausen sehen.
Die von den empfindsamen Naturen anfangs so unfreundlich begrüßte Eisenbahn wird uns schließlich ein künstlerisches Entzücken verschaffen, das momentan noch garnicht zu beschreiben ist.

LVI

Die Natur in andrem Licht

Die ganze Natur wird uns nach Einführung der Glasarchitektur in allen Kulturregionen in ganz andrem Licht erscheinen. Das viele farbige Glas muß der Natur einen andern Ton geben, so als wenn ein neues Licht über die ganze Natur der Erde ausgegossen würde.
Dabei ist es garnicht nötig, daß man die Natur durch ein farbiges Stück Glas ansieht. Ist überall sehr viel farbiges Glas in Gebäuden, dahinsausenden Wagen, Luft- und Wasservehikeln, so geht von den Glasfarben zweifellos so viel neues Licht aus, daß man wohl behaupten könnte, die Natur erscheine in »andrem« Licht.

VII

Der Eisenbeton im Wasser

Der Eisenbeton hat sich bekanntlich im Wasser bewährt; er ist gradezu unverwüstlich.
Der Eisenbeton eignet sich also für ein neues Venedig, das in seinen Fundamenten undurchsichtig, fest, rostfrei und unverwüstlich sein muß. Auf dieser guten Grundlage kann dann die bunteste Glasarchitektur kommen und sich im Wasser spiegeln.
Ein derartiges neues Venedig wird das alte sehr verdunkeln. Wasser »gehört« eigentlich der Spiegelung wegen zur Glasarchitektur; beide sind beinahe nicht voneinander zu trennen, sodaß man später auch dort viel Wasser anbringen wird, wo momentan gar kein natürliches Wasser ist.
Würde man aber nach dem Beispiel des alten Venedig eine Kolonie mit stillen Wasserstraßen anlegen, so ist natürlich von vornherein auf die altvenetianische Fassadenarchitektur zu verzichten; die verträgt sich nicht mit den Glasbauten, die, wenn sie mehrere Etagen hoch sein sollen, in jedem Falle pyramidal mit Terrassen gebaut werden müssen, sonst kommt zu wenig von den Glaswänden an das Tageslicht.
Liegen die einzelnen Terrains sehr nahe aneinander, so ist für imposante Umwandung der Terrains zu sorgen. Diese kann aus Eisenbetonwänden sein, die oben überdacht und auf einer Seite frei als Wandelhallen zu denken wären.
Doch kann man die Umwandung noch ganz anders herstellen.
Dieses Thema kann jedermann weiter ausgestalten, auch wenn er nicht Architekt ist.

LVIII

Schwimmende Architektur

Wenn der Eisenbeton, wie doch von vielen Seiten auch von der staatlichen Materialprüfungskommissior – öfters erklärt wurde, tatsächlich vom Wasser nich angegriffen werden kann, so ist der Eisenbeton im stande, schiffartig die größten Bauten zu tragen.
Und wir können ganz im Ernste von einer schwimmen den Architektur reden. Für diese gilt natürlich alles das, was im vorigen Kapitel vom neuen Venedig gesagl worden ist.
Die Gebäude lassen sich natürlich immer wieder anders zusammensetzen oder voneinanderschieben, sodaß jede schwimmende Stadt alle Tage anders ausseher könnte.
Die schwimmende Stadt kann in größeren Seegebieten herumschwimmen. Aber sie könnte vielleicht auch im Meer herumschwimmen.
Das klingt sehr phantastisch und utopisch, ist es aber ganz und gar nicht, wenn der Eisenbeton als unverwüstlicher Schiffskörper die Architektur trägt. Boote – unverwüstliche – aus Eisenbeton sind bereits in Deutsch-Neuguinea hergestellt. Das ist eine Tatsache.
Immer wieder müssen wir uns daran gewöhnen, daß neue Baumaterialien, wenn sie wirklich von unerreichter Festigkeit und Rostfreiheit sind, die ganze irdische Architektur in neue Bahnen bringen können.
Der Eisenbeton ist aber ein solches Baumaterial.

LIX

Flußschiffahrt und Seeschiffahrt in farbiger Beleuchtung

Sobald es schwimmende Glasarchitektur gibt, wird natürlich das Schiff – sowohl das größere wie das kleinere – sich auch mit Glasarchitektur ausstatten.
Das wird dann sehr bunt auf den Flüssen, Seen und Meeren werden.
Es gehört nicht viel Scharfsinn dazu, diese Entwicklung der Fluß- und Seeschiffahrt vorauszusagen, wenn eine schwimmende Architektur irgendwo durchgeführt ist und Nachfolge erhalten hat.

LX

Die Luftvehikel mit farbigen Scheinwerfern

Daß sich die Luftschiffahrt der Nacht bemächtigen möchte, ist allgemein bekannt.
Daß sie sich der Nacht noch nicht bemächtigt hat, ist sehr wohl motiviert; auf der Erde ist es des Nachts noch nicht hell genug.
Ist es aber erst durch die Glasarchitektur unten hell geworden, so wird es auch oben in den Lüften hell werden; die Luftvehikel werden mit farbigen Scheinwerfern ausgerüstet, die gleichzeitig für eine Signalsprache Verwendung finden, sodaß eine Verständigung mit den Scheinwerferstationen der Erdtürme überall möglich wird und dem Farbenspiel unten wie oben auch einen praktischen Wert verleiht.
Es greifen hier die Entwicklungsfaktoren überall harmonisch ineinander und verwandeln langsam aber stetig das Leben auf der Erdoberfläche vollständig.
Die Umwandlungen, die die Dampfbahn hervorbrachte, sind nicht so bedeutend und umfassend gewesen wie die bevorstehenden Umwandlungen, die der Glas- und Eisenbau hervorbringen muß. Der Hauptfaktor dabei ist zweifellos der Eisenbeton.

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