Walther von der Vogelweide • Traumdeutung • Richard Zoozmann

Traumdeutung
L. 94. Dô der sumer komen was

Als der Sommer wiederkam
Alle Blumen wonnesam
Aus dem Grase drangen
Und die Vöglein sangen,
Bin ich hingeschritten,
Wo aus Feldesmitten
Hell ein frischer Born entsprang:
Schnell floß er den Wald entlang
Bei der Nachtigall Gesang.

Dicht am Bronnen stand ein Baum,
Da entspann sich mir ein Traum;
Und mir wars: zum Bronnen,
Schritt ich aus der Sonnen;
Schatten wollt ich finden
Unterm Dach der Linden.
An dem Quell ich niedersaß,
Aller Sorgen ich vergaß
Und entschlief im weichen Gras.

Und ich sah in Traumeswahn
Meer und Land mir untertan,
Sah den Geist geborgen
Hier vor allen Sorgen,
Sah dem Leib gegeben
Ungebundnes Leben.
Alles Weh entschwand mir da.
Weiß der Herrgott, wies geschah,
Niemals schönern Traum ich sah!

Gern ich dort noch länger schlief!
Aber eine Krähe rief
Mit unzeitgem Schalle.
Krähn, wärt ihr doch alle,
Wo ihr müßt dran glauben!
Mir solch Glück zu rauben!
Von dem Schrein ich so erschrak,
Daß, – wenn da ein Stein nur lag –
Wärs gewiß ihr letzter Tag!

Doch ein Weib, das hochbetagt,
Tröstete mich unverzagt:
Als mein Leid ich klagte,
Mir die Wackre sagte,
Was der Traum bedeute –
Hört es, lieben Leute:
Zwei und einer, das sind drei,
Und erklärte mir dabei,
Daß mein Daum ein Finger sei!

(Übertragen von Richard Zoozmann)

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