Ludwig Hevesi • Eine schöne Bescherung • Weihnachtserzählung

Eine schöne Bescherung  [1889]

In der Weihnachtsstube bei Haberers war alles bereits in schönster Ordnung. Der Baum zwar grünte vorderhand nur so still vor sich hin und hatte noch nicht ausgeschlagen, in Flämmchen nämlich, nicht in Knospen; aber an den Bescherungen für die ganze Familie fehlte kaum etwas. Ungezählte Merkwürdigkeiten lagen da, offen und verhüllt, in so appetitlicher Anordnung, daß man in Dinge, die im Grunde gar nicht eßbar waren, hätte hineinbeißen mögen. Deutlich verriet sich an jeglichem die warme Hand der Hausmutter, und an einigem auch das feine Händchen des Haustöchterleins, Liese geheißen, was die Untergebenen wie Lisbeth aussprachen. Den Schlüssel hatte Mama in der Tasche, denn so fertig alles war, jede Stunde wenigstens mußte sie doch hineingehen, um irgendetwas geschwind noch fertiger zu machen.

Eben jetzt zum Beispiel, als ein Amtsdiener ihr ein ziemlich großes Paket eingehändigt hatte. Ein Paket mit einem ziemlich großen Siegel. Einem Siegel mit ziemlich großen Buchstaben, so daß sie sogar ohne Brille lesen konnte: »K. k. Akademie der Wissenschaften, Wien« . . . Welch einen Ruck ihr das gab im Herzen, und wie rot sie wurde. Da war es ja endlich, das Langerwartete, das Wohlverdiente, das ihren lieben Florian seit Wochen nicht schlafen ließ. Der Bescheid der Akademie auf die antonologische . . . nein, ontemologische . . . nein, entomologische Abhandlung ihres Gatten. Und welch ein dickes Paket. Offenbar war die Abhandlung schon in Druck gelegt, ja vielleicht sogar schon das Diplom eines außerordentlichen Mitgliedes der Akademie hinzugefügt, denn das konnte ihm doch nicht entgehen für eine so geniale anti . . ., ante . . ., kurz eine so bahnbrechende Arbeit.

O, das durfte er jetzt noch nicht sehen, das mußte mit unter den Christbaum; es war ihm ja auch offenbar als Weihnachtsgeschenk zugedacht von dieser guten, lieben Akademie der Wissenschaften. Und wieder einmal huschte sie in das Festzimmer hinein, nicht ohne hinter sich den Riegel vorzuschieben, der eigens zu solchem Zweck an dieser einzigen Thüre angebracht war. Und sie legte das großgesiegelte Paket ganz obenauf, damit er es gleich erblicke. Nur die Pulswärmer lagen doch auf dem Paket, die Pulswärmer, die sie ihm seit dreißig Jahren, seit ihrem Brautjahr, zu jedem Weihnachtsfest gestrickt hatte, weil er sie damals als junger Tischlermeister gebraucht, . . . später als reicher Thüren- und Fensterfabrikant freilich nicht mehr . . . und jetzt als gelehrter Naturforscher schon gar nicht. Wie er sich trotzdem jedes Jahr damit freute, der gute Alte. Stets zog er sie sofort an und gab dann der Spenderin einen tüchtigen Kuß auf den Mund, einen von jenen alten Küssen.

In diesem lieblichen Vorgefühl verging ihr die Zeit bis zu dem Augenblick, da der volle Glanz des Festes entzündet wurde und die Weihnachtsstube vom Jubel der Beschenkten widerhallte. Wie altherkömmlich das alles, und doch jedesmal wie funkelnagelneu!

Am größten aber war diesmal allerdings die Überraschung des Hausvaters. Herr Florian Haberer stand unter dem Christbaum, der seine gemütliche Glatze festlich beleuchtete, ganz starr vor freudigem Schreck. Nichts von allem, was ihm beschert worden, sah er; selbst die Pulswärmer, dieses Symbol seiner glücklichen Ehe, schob er achtlos zur Seite, so daß Frau Brigitta sich mit den Zähnen, die sie erst vorigen Sommer einsetzen lassen, betroffen auf die Lippen biß und bei sich dachte: »Es geschieht mir ganz recht.« Er aber ergriff nun ganz sachte das bedeutsame Paket, setzte sein Glas auf und las laut die Adresse, noch lauter die Schrift auf dem Siegel. Dann sagte er »Hüh,« denn es war ihm sehr warm, und trocknete sich mit dem roten Seidentuch das Antlitz und das schimmernde Haupt. Erwartungsvoll umstand ihn die Familie, denn feierlich sah er sich in dem Kreise um und sein Wuchs schien um ein Beträchtliches höher geworden, auch ging ein merkliches Zittern durch sein oberstes Knopfloch links.

»Seht ihr, Kinder,« sagte er im tiefsten Tone seiner Kehle, etwas stolz und etwas gerührt, »hier ist die Frucht eines jahrelangen, redlichen, wissenschaftlichen Strebens. Hier ist der Beweis, daß ich recht hatte, meine Fabrik glänzend zu verkaufen und mich gänzlich der Entomologie, d. h. Insektenkunde zu widmen.«

»Wie du nur das fatale Wort so auf einmal ohne Fehler aussprechen kannst,« sagte seine Frau unwillkürlich, aus reiner Bewunderung.

Aber er winkte ihr ab und fuhr fort: »Was ich einst als Dilettant in Mußestunden betrieben, das angenehme Fangen der Schmetterlinge, das unterhaltende Sammeln der Käfer, das thue ich jetzt planmäßig als Mann der Wissenschaft, und der liebe Gott hat mein Streben durch eine schöne Entdeckung belohnt, welche unter den gelehrten Herren der Akademie Aufsehen gemacht haben muß. Doch sehen wir, was die Akademie schreibt.«

Ehrfurchtsvoll öffnete er den Umschlag, wobei er das große Siegel sorgfältig schonte. Aber wie ward ihm, als er den Inhalt erblickte! Ganz oben befand sich eine längliche Schachtel, die er gar wohl kannte; sie hatte einen Glasdeckel und enthielt drei Schmetterlinge, die ihm nicht minder geläufig waren. Dann kam ein blaues Heft, dessen weißes Papierschild in seiner eigenen Handschrift die Worte trug: »Buchstabenlilie (lilium scripturatum),« und ein zweites ganz ähnliches mit der Aufschrift: »Buchstabentulpe (tulipa scripturata),« welche beiden Blumen die blauen Hefte zierlich gepreßt enthielten. Dann kam ein fingerdicker Quartband, seine Abhandlung über jene Schmetterlinge und Blumen; zwei Jahre hatte er daran gearbeitet und sie war geradezu kalligraphisch abgeschrieben. Und ganz unten lag das Schreiben der Akademie, worin ihm mit jener gewissen kühlen Sachlichkeit mitgeteilt wurde, daß seine Abhandlung von der naturwissenschaftlichen Klasse geprüft worden und zum Abdruck in den »Mitteilungen« nicht geeignet befunden sei.

Herr Haberer sank in einen Lehnstuhl und saß lange wie bewußtlos da. Er war aus zu hohen Himmeln herabgestürzt, um sich nicht zerschmettert zu fühlen. Aber seine gutbürgerliche Tischlernatur ermannte sich wieder, er trank ein Glas Wasser, das ihm Liese mit bekümmerter Miene reichte, und gab seiner Frau plötzlich einen lautschallenden Kuß auf den Mund, den Pulswärmerkuß, an den er sich nur zu spät erinnerte. Frau Brigitta war wieder ganz glücklich und hielt ihren alten Florian in den Armen, wie ein pflegebedürftiges Kind. Er ermannte sich nun ganz und hatte sogar den Unternehmungsgeist, das Paket näher zu untersuchen, wobei er ganz unten noch einen kleineren Brief entdeckte. Es war ein Privatbrief des Sekretärs der Klasse, den er persönlich kannte, und dies war der Wortlaut:

»Geehrter Herr Haberer. Machen Sie sich nichts daraus, tragen Sie es als Mann. Sie sind offenbar von einem Spaßvogel getäuscht worden. Die mikroskopische Untersuchung hat ergeben, daß die goldgelben Buchstaben überall mit Ölfarbe, sogenanntem jaune brillant, aufgemalt sind. Daß die Natur dies gethan habe, davon kann weder bei den Blumen, noch bei den Schmetterlingen die Rede sein. Die Herren von der Klasse glaubten anfangs, Sie hätten sie mystifizieren wollen; da ich Sie aber als ernsten Mann kenne, trat ich dieser Auffassung erfolgreich entgegen und befürwortete eine ordnungsgemäße Erledigung Ihrer Einsendung. Also nochmals, lassen Sie sich die Stimmung nicht verderben und – fröhliche Weihnachten! Ihr ergebener . . .«

Herrn Haberer schwindelte. Die Lichter des Christbaumes tanzten toll um ihn her, wie Irrwische auf einem Friedhof voll begrabener Hoffnungen. Auch Weib und Kind schienen an diesem tollen Reigen teilzunehmen, und standen doch eigentlich ganz mäuschenstill und sehr bekümmert da.

Aber da es immer ein Weib ist, das sich zuerst ermannt, so war es diesmal Frau Brigitta. »Ha!« rief sie und griff nach dem Briefe, den sie erregt zu durchforschen begann. Dann ließ sie ihn kraftlos aus der Hand fallen und sagte dumpf: »Er ist’s.«

»Wer ist’s?« wiederholte ein dumpfes Echo aus dem Lehnstuhl, in dem ihr Gatte saß.

»Oskar Merz,« stieß sie hervor.

»Oskar Merz,« wiederholte Liese halblaut, wie unwillkürlich; es klang wie das Flöten eines Vogels. Und sie wurde rot und preßte beide Hände auf ihr Herz, denn ihr war, als müßten die Eltern jetzt »Herein!« rufen, so laut hörte sie es klopfen.

»Oskar Merz, wer ist das?« fragte der Vater weiter.

»Ach,« rief die Mutter unwillig, »das war ein junger Maler, der vor zwei Jahren in Henningsdorf die große Erkerstube über unserer Sommerwohnung hatte. So ein Milch- und Blutgesicht, mit goldblondem Spitzbärtchen, so die rechte Künstlerballfigur; ich verbot der Liesel eigens mit ihm zu sprechen.«

»Aber er hat mit mir gesprochen, Mama,« platzte die Kleine heraus, noch röter als vorher. Und als die Mutter darüber ganz entsetzt war, fügte sie kleinlauter hinzu: »Ihm hattest du’s ja nicht verboten.«

Diese zartere Seite der Angelegenheit nun kümmerte Herrn Haberer jetzt gar nicht. Zornig fuhr er auf: »Was? Jener Mensch sollte sich unterstanden haben, mit mir ein frivoles Spiel zu treiben? Meiner Wissenschaft einen gemeinen Schabernack zu spielen? O . . . o . . . hätt‘ ich ihn da zwischen meinen Fäusten, nicht lebendig sollte er . . . Doch nein, nein, das ist unmöglich, undenkbar, unglaublich. So schlau konnte er nicht sein! Und ich so dumm nicht. Nein, nein, Brigitta, du irrst.«

»O Papa,« sagte Liese, »Oskar Merz ist ein frischer, heiterer Geist, ein . . .«

»Was kannst du davon wissen?« unterbrach sie Herr Haberer; »wenn man den Mann da hätte und befragen könnte, bin ich sicher, sein Erstaunen würde sogleich verraten, daß er nichts von der Sache weiß.«

»Nichts leichter als das, lieber Papa,« rief Liese, »er wohnt ja im Hause gegenüber, er hat da sein Atelier, im vierten Stock . . .«

»Was? Davon weiß ich ja gar nichts,« sagte die Mutter zwischen Staunen und Entrüstung.

»Er ist sogar noch zu Hause!« rief Liese, die ans Fenster geeilt war, »seine Atelierfenster sind noch beleuchtet. Es wäre ja so einfach, hinüberzuschicken und ihn bitten zu lassen . . . auf einen Augenblick . . . wegen einer Frage . . .«

Mama lehnte aufgeregt ab, Papa aber war Feuer und Flamme für diesen Plan. Da konnte ja sogleich jeder Verdacht beseitigt werden. Und schleunigst gab er seinem Sohne Konrad den Auftrag, eine Zeile, die er mit fliegender Hand auf eine Visitenkarte warf, hinüberzutragen.

Der Jüngling ging . . . und eine Viertelstunde später trat Oskar Merz mit ihm ein. Ein liebenswürdiger junger Mann, der der Hausfrau so anmutig die Hand küßte und die dargebotene Hand des Hausherrn so muskelstark drückte, daß er »Au« rief, was Liese keineswegs that, obgleich er auch ihr die Hand drückte.

Oskar Merz war natürlich überrascht und Herr Haberer entschuldigte sich umständlich wegen der Störung, berief sich jedoch auf ehemalige Nachbarschaft im Grünen u. s. f., um endlich auf seine Angelegenheit zu kommen.

»Haben Sie jemals solche Schmetterlinge gesehen, Herr Merz?« fragte er, indem er ihm die Schachtel mit der Glasplatte hinschob.

Oskar Merz warf einen Blick auf die merkwürdigen Exemplare und sagte dann, sichtlich mit einem raschen Entschluß: »Ja, Herr Haberer, ich habe sogar welche gemacht.«

Versteinert starrte ihn Herr Haberer an, während Frau Brigitta mit einem schweren Seufzer die Hände faltete.

»Ja wohl,« fuhr Oskar Merz fort, »ich will und muß beichten, da ich ohne böse Absicht ein solches Unglück angerichtet habe. Die Sache kam so. An einem warmen Sommernachmittag saß ich in meinem Zimmer und wollte malen, aber es ging nicht. Mich störte eine Stimme, die unter mir ein Lied sang.«

»Ja, ich pflege manchmal zu singen,« sagte Herr Haberer.

»Eine helle, süße Stimme,« fuhr Oskar Merz fort, »die liebste von allen, die ich je gehört.«

Liese hatte in diesem Augenblicke alle Hände voll zu thun, die herabgebrannten Wachslichte zu löschen.

»Oft hatte ich diese Stimme schon gehört, diesmal aber bewegte sie mich ganz eigentümlich. Die Luft war so lau, draußen schien die Sonne ganz sanft durch einen feinen Dunstschleier . . . Und ein Schmetterling gaukelte zur offenen Thüre herein und setzte sich auf meine Staffelei. Er war müde und ich haschte ihn. Gerade hatte ich einen dünnen Pinsel in der Hand, mit jaune brillant gefüllt . . .«

»Jaune brillant« rief Herr Haberer und fuhr sich mit beiden Händen in die Haare.

»Ja wohl,« sagte Oskar Merz, »und da kam mir der Einfall, ich weiß nicht wie, und ich malte dem Schmetterling – ein ganz gemeiner Kohlweißling war es – ein kleines goldenes L auf jeden Flügel. Dann setzte ich ihn auf die Brüstung des Erkers und sagte ihm freundlich: Fliege, kleiner Vogel, fliege, und bring ihr meine Huldigung.«

Die höchste Kerze des Christbaumes wollte durchaus nicht erlöschen.

»Und er flog,« fuhr Oskar Merz fort, »und ich dachte mir. Jetzt fliegt er zu ihr und . . . und . . . Dann aber fiel mir ein: wie, wenn er die Adresse verfehlte? Und da wiederholte ich die kühne That. Wohl hundert Weißlinge habe ich nach und nach in dieser Weise gezeichnet und dann im Garten fliegen lassen. Aber wenn ich dann mit . . . jener Stimme zusammentraf und Anspielungen darauf machte, schien sie nicht zu verstehen; offenbar hatte sie jene Schmetterlinge nicht beachtet.«

»Aber ich!« rief Herr Haberer mit dem Stolze eines Naturforschers, dem nichts entgeht.

»Ja, Ihren Augen scheint nichts zu entgehen,« erwiderte Oskar Merz mit einem Anflug von Bewunderung. »Übrigens schrieb ich jenes L auch auf die Flügel von Käfern und sogar Fliegen, . . . man hat schon solche merkwürdige Anwandlungen, . . . das waren mir lauter kleine Botschafter, oder Briefträger . . . Lachen Sie nicht, gnädige Frau?«

Aber Frau Brigitten war es eigentümlich zu Mute. Nie war ihr das Lachen ferner gewesen. Es wurde ihr im Gegenteil ganz feucht in den Augenwinkeln und sie genierte sich nur, mit dem Taschentuch dahinzulangen, das doch an jeder Seite zwei Zipfel hat, offenbar für beide Augen.

»Und,« fuhr Oskar Merz fort, »eines Tages, als jenes Lied ganz besonders himmlisch klang, ganz engelhaft süß, da stand zufällig eine Lilie in einem Wasserglas an meinem Fenster. In blendender Reinheit entfaltete sie mir ihren Kelch und da . . . schrieb ich auch dort mit goldgelber Farbe jenes L hinein. Und dann, in der Abenddämmerung, stellte ich das Glas heimlich in . . . in das Fenster der Sängerin.

»Lilium scripturatum,« murmelte Herr Haberer tonlos.

»Und den anderen Tag that ich das nämliche mit etlichen Tulpen . . .«

»Die Buchstabentulpe (Tulipa scripturata),« murmelte Herr Haberer weiter.

Endlich war auch jene höchste Kerze des Christbaums erloschen.

»Aber,« fuhr Herr Haberer mit einer gewissen Anstrengung fort, ohne diese optische Erscheinung zu beachten, »ich erinnere mich, daß schon die alten Griechen von einem Jüngling erzählten, . . . sein Name steht in meiner Abhandlung, . . . aus dessen Blut eine Blume entsproß, welche . . . Warten Sie einmal, ich will doch nachsehen.« Und er schlug sofort die Stelle in seiner Handschrift auf. »Richtig, da steht’s; Hyacinthus hieß er, und so hieß auch jene Blume, auf der man noch jetzt die Buchstaben AI erblickt. Das ist doch unleugbar?«

»Gewiß,« sagte Oskar Merz, »aber . . .«

»Ich sage nun,« fuhr Herr Haberer fort, »könnte nicht auch auf jener Lilie und jenen Tulpen das L auf ähnliche Weise entstanden sein? Es wären eben neue Abarten, die ich entdeckt habe.«

»Aber . . .« wandte Oskar Merz ein, Herr Haberer jedoch ließ ihn nicht ausreden, sondern fuhr immer eifriger fort:

»Wenn ich nun annehme, daß gewisse Schmetterlinge sich vorzugsweise gerade auf diesen Blumen nähren, so ist es nach Darwin ganz zulässig, ja nicht einmal überraschend, wenn sie nach so und so vielen Generationen ebenfalls jenen Buchstaben auf ihren Flügeln zeigen. Tiere nehmen ja nach Darwin die Farben ihrer Umgebung an. Kurz und gut, was da in meiner Abhandlung steht, das ist noch keineswegs widerlegt, und wenn auch die hochwohlweisen Herren von der Akademie . . .«

»Aber Herr Haberer!« rief nun Oskar Merz, dem die Sache bedenklich zu werden begann, »ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich es war, der jene Buchstaben mit jaune brillant auf jenen Blumen und Schmetterlingen anbrachte.«

Dieses Ehrenwort gebot dem Redner Halt. Er griff mit den Händen in der Luft umher nach einem neuen Argument und fand richtig noch eins. Ziemlich unsicher sagte er: »Wie kommt es denn aber, daß, als ginge es einem Naturgesetze nach, immer nur ein L und kein anderer Buchstabe zu finden ist? Warum tragen nicht die Blumen ein L und die Schmetterlinge ein O oder M? Offenbar doch, weil diese sich auf jenen nähren?«

»Nein, Herr Haberer,« sagte Oskar Merz, ganz unbefangen, »weil Liese mit L anfängt, und weil ich Fräulein Lisbeth geliebt habe und noch liebe, wie sie mich liebt, aus tiefstem Herzensgrund. Allerdings war ich damals noch ein Maler ohne Stellung und konnte nicht hoffen, bei pflichtbewußten Eltern Gehör zu finden, . . . Jetzt aber steht meine Ernennung zum Professor bevor und, wenn Sie meine innige Bitte erhören, auch die Ernennung Fräulein Lisbeths zur Frau Professorin.«

Diese kurze, aber sehr nachdrücklich gesprochene Rede machte auf die Anwesenden einen tiefen Eindruck, der sich in ganz verschiedener Weise äußerte. Am passendsten jedenfalls bei Frau Brigitten, welche laut aufschluchzte und augenblicklich die Hände der jungen Leute in einander legte. Sie begleitete diese Handlung mit einer Anzahl von Küssen, welche, da ihre Augen von Thränen getrübt waren, mehr als eine Person trafen. Was Herrn Haberer betrifft, schien er eine Menge Einwendungen auf dem Herzen zu haben, aber das stürmische Vorgehen seiner Frau schüchterte ihn ein und riß ihn schließlich mit.

Er segnete das Paar und gab dem Maler, nicht ohne einen schweren Seufzer, seine Abhandlung nebst Zugehör als Weihnachtsgeschenk. »Es sind ja Ihre Werke,« sagte er.

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