Maria Aronov | Das große Herz des kleinen Prinzen

Das große Herz des kleinen Prinzen

„Mit der wahren Liebe verhält es sich wie mit Geisteserscheinungen: alle Welt redet davon, aber nur wenige haben sie gesehen.“

Francois de La Rochefoucauld (*15. September 1613 in Paris; † 17. März 1680).

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Titel der US-amerikanischen Originalausgabe von "Der kleine Prinz" - 1943
Titel der US-amerikanischen Originalausgabe von „Der kleine Prinz“ – 1943

Wir wissen also von der Existenz der wahren Liebe, aber nicht jeder ist in der Lage, diese auch zu sehen. So möchte ich das Zitat der französischen Literaten und Moralisten interpretieren. Folglich möchte ich erläutern, was der Grund für diese Misere sein könnte.

Es ist in unserer Kultur alles andere als einfach, hinter die Dinge zu sehen: das zu erkennen, was wirklich wahr, aufrichtig und einzigartig ist. Wir sind abgelenkt von Äußerlichkeiten, teilen die Welt in Kategorien auf; wie zum Beispiel schön und hässlich. Der Mensch grenzt sich ein, schafft Stereotype und übersieht dabei das Wichtigste. Doch nicht nur das Äußere, sondern auch die Worte können vieles falsch rüberbringen. Der Schall und auch das geschriebene Wort benötigen nämlich Materie, einen speziellen Raum, ein Medium, um seinen Adressaten zu erreichen. Es entstehen oft Missverständnisse, weil wir uns durch Äußerlichkeiten und Worte irritieren lassen. Auch Antoine de Saint Exupery bezeichnet die Sprache in seiner Erzählung „Der kleine Prinz“ als „die Quelle der Missverständnisse“.

Als irdischen Wesen fällt es uns nicht leicht, das Äußere loszulassen und uns auf unser Inneres zu konzentrieren. Wenn wir vom Inneren sprechen, meinen wir die wesentliche Substanz, die jedem Menschen gegeben ist, nämlich die Seele. Der Psychokardiologe Dr. Jochen Jordan (seit 2006 Leiter der Klinik für Psychokardiologie am Kerckhoff Rehabilitationszentrum in Bad Nauheim) beweist, dass der Sitz der Seele im Herzen ist. Mit ihm könnten wir hören und sehen, doch diese Fähigkeit entwickeln wir zu selten. Wir bleiben blind, denn unsere Augen können die geistige Welt nicht wahrnehmen. Wir sehen lediglich Hüllen, nicht ihre Inhalte.

Diese Problematik beschreibt Antoine de Saint Exupery auch in „Der kleine Prinz“. Der sanfte Junge mit dem schönen goldenen Haar erkennt dank dem Tipp des Fuchses, dass er die wahre Liebe längst gefunden, doch nichts von ihrer Existenz gemerkt hat. Die Rose, die er auf seinem Planeten hatte, glich seiner Meinung nach äußerlich vielen Anderen. Sie war für ihn nicht einzigartig.

fuchs-902802_1280_Alexas_FotosDer Fuchs, dem der traurige Junge auf seiner Reise durch die Welt begegnet, offenbart ihm, dass nicht das Äußere die Liebe ausmacht, sondern Unsichtbares wie die gemeinsam verbrachte Zeit, die damit verbundenen Erinnerungen sowie Freude und Schmerz, in denen sich unvermeidbar ein Teil der Seele befindet, der die Verbindung zueinander schafft. Dasselbe gilt auch für die Freundschaft. Die in das sich gegenseitige Kennenlernen und in das gemeinsame Miteinander investierte Zeit und Geduld machen die Freundschaft so kostbar. Die Abwesenheit der beiden Faktoren verweigert die Existenz der Freundschaft. Jedes Lebewesen gleicht dem Anderen. Es gibt in ihm keine Besonderheit:

„ … Mein Leben ist eintönig. Ich jage Hühner, die Menschen jagen mich. Alle Hühner gleichen einander, und alle Menschen gleichen einander. Ich langweile mich also ein wenig. Aber wenn du mich zähmst, wird mein Leben wie durchsonnt sein. Ich werde den Klang deines Schrittes kennen, der sich von allen andern unterscheidet. Die anderen Schritte jagen mich unter die Erde. Der deine wird mich wie Musik aus dem Bau locken. Und dann schau! Du siehst da drüben die Weizenfelder? Ich esse kein Brot. Für mich ist der Weizen zwecklos. Die Weizenfelder erinnern mich an nichts. Und das ist traurig. Aber du hast weizenblondes Haar. Oh, es wird wunderbar sein, wenn du mich einmal gezähmt hast! Das Gold der Weizenfelder wird mich an dich erinnern. Und ich werde das Rauschen des Windes im Getreide liebgewinnen.

Man kennt nur die Dinge, die man zähmt. Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund willst, so zähme mich…“

Durch die Worte des Fuchses verstehtreef-984352_1280 der kleine Prinz, dass die seiner Rose gleichenden anderen Rosen „leer“ sind, dass er für sie nicht sterben könnte, weil er ihr Inneres nicht kennt. Er erwidert: „Gewiss, ein Irgendwer, der vorübergeht, könnte glauben, meine Rose ähnle euch. Aber in sich selbst ist sie wichtiger als ihr alle, da sie es ist, die ich begossen habe. Da sie es ist, die ich unter den Glassturz gestellt habe. Da sie es ist, die ich mit dem Wandschirm geschützt habe. Da sie es ist, deren Raupen ich getötet habe (außer den zwei oder drei um der Schmetterlinge willen). Da sie es ist, die ich klagen oder sich rühmen gehört habe oder auch manchmal schweigen. Da es meine Rose ist.“

Der Fuchs offenbart dem Jungen daraufhin sein Geheimnis für eine erfolgreiche Freundschaft und Liebe: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Nachdem sich der sanftmütige Prinz mit den Worten des Fuches intensiv beschäftigt hat, beschließt er zu sterben, um sich von der trügerischen Materie zu lösen. Denn es war sie, die ihn um seine Liebe gebracht hat. Darauf deutet der Satz hin: „Es ist zu weit. Ich kann diesen Leib da nicht mitnehmen. Er ist zu schwer.“ Der Prinz will nach Hause, zu seiner einzigen Geliebten, als Geist zurückkehren. Mehr braucht er nicht, denn in seiner Seele sind Liebe und Wärme, die ihm nicht nur zu seinem Planeten, sondern auch zum Herzen der Rose den richtigen Weg zeigen.

horse-430441_1280_387310Die Philosophie in der Erzählung des kleinen Prinzen verdeutlicht, dass die wahre Liebe und auch die Freundschaft, die der ersteren als Basis dient, auf einer geistigen Ebene existieren, die keinen Tod kennt: „Es wird aussehen, als wäre ich tot, und das wird nicht wahr sein…“ Der Körper „wird daliegen wie eine alte verlassene Hülle. Man soll nicht traurig sein um solche alten Hüllen…“

Trotz der Traurigkeit, gibt uns der kleine Prinz viel Licht mit auf den Weg. Er zeigt uns, dass alles wirklich Wichtige unsichtbar, nicht greifbar ist. Es sind Dinge, die man spüren und fühlen, aber nicht sehen kann. Man kann sie geben und nehmen, aber nicht erzwingen. Sie lassen sich erhoffen, aber nicht erwarten. Es sind Geschenke der Seele, die demjenigen, der sie erhält, leicht aus der Hand fallen und zerbrechen können, wenn er sie nicht in seinem Herzen erkennt. Es sind Begriffe wie Geduld, Zweisamkeit und Zeit, die die wahre Freundschaft und die damit verbundene Liebe ausmachen.

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