Hans Schliepmann: Zwei Träume – Leben

Leben

Auf hohem Ufer lag ich; Buchen rauschten über mir, Meeresrauschen, leise und gleichmäßig, tief unter mir, – und die ersten Schatten des Abends umhüllten mich ruhevoll, friedebringend.

Den Leib in welken Blättern und Farnkraut fast vergraben, den Kopf auf den Arm gestützt, tiefatmend blickte ich hinaus.

In weitem Bogen reckte sich der Strand bis drüben zum scharfgezackten Kreidevorgebirg, das grell von der untergehenden Sonne beleuchtet wurde. Zum hellen Dünensande warf in ewig gleichem, einschläferndem Takte die See ihre Schaumperlen hinauf. Um den Halbkreis des Ufers, zu den Höhen hinauf, flüsterten die Buchen wie über meinem Haupte, – eine unendliche Melodie, ruhevoll, friedebringend.

Kein Segel auf der weiten Wasserfläche, nur ein müdes, hellgraues Flimmern bis zur starren, stählernen Ferne.

Weiße Federwolken bogen sich wie Friedenspalmen über den Himmel, bewegungslos. Kein Wesen ringsum. Nur Welle und Wald atmeten im ersten milden Kusse des Abends, ruhevoll, friedebringend.

Und ruhevoll war meine Seele, gleich der Natur himmlischen Friedens voll. Weit offen standen der Sinne Thore, doch kein flüsternder Wunsch, kein verwirrendes Begehren zog ein, nur in heiligem Festzuge alle Schönheit der sonnigen Welt zu weihevollem Tempeldienste vor der Unendlichkeit. Weit offen standen der Sinne Thore, doch die einziehende Freude weckte nicht das Tier in meinem Innern. Die Leidenschaft schlief; hinter mir lagen die Kämpfe der Sinnlichkeit, das Sorgen um des Leibes gebrechlichen Bau, die, tausend üppige Wünsche durchzitternde Daseinsangst der todahnenden Kreatur. Über den Tod hinweg zur Unendlichkeit schlug mein erdentrückter Geist goldene Brücken, gleich wie der Himmel seine Federwolken herabbog bis hinter den endlosen Horizont, und ich meinte hinüberzuschreiten, fern von Menschen und Menschenverhängnis, losgelöst vom Irdischen, furchtlos vor der verschleierten Zukunft, ohne erst in die Abgründe des Todes hinabsteigen zu müssen. Aufwärts, aufwärts – ruhevoll, dem Frieden entgegen. –

Und ruhevoll, wie Odem der Gottheit, atmeten Wald und Meer – stolz und demutvoll, sehnsüchtig und beseeligt floß mein Hauch leise hinüber in den göttlichen. – –

Hundegebell!

Näher ertönt es, und ich höre glockenhelles Lachen.

Jetzt bricht es hervor, inmitten der Bucht aus dem Buchenschatten: ein junges Mädchen, fröhlich umtanzt von zottigem Pudel. Das weiße Gewand flieht zurück von ihrer jungfräulich herben Gestalt. Langes blondes Haar umflattert die Dahinjagende.

Inmitten des Dünensandes bleibt sie plötzlich stehen. Der Hund springt weiter voran und zerrt, lüstern auf wilderes Spiel, an dem seidenen Bande, daran das Mädchen ihn zurückhält. Sie aber bleibt im Anschauen des Meeres regungslos.

Lockend springt das Tier an ihr auf. Sie lacht; doch mit verwunderlicher Hoheit wehrt sie es gleich darauf ab: – Ich will, nicht du! klingt ihre Glockenstimme.

Gehorsam duckt sich der Pudel in den wärmehauchenden Sand. Sie aber breitet die Arme dem Meere entgegen; aufatmend lösen sich ihre Lippen wie zu seligem Beten und in selbstvergessenem Anschauen weitet sich ihr tiefes, fragendes Auge.

Nun kreuzt sie die Arme über der Brust, ihre klare Stirn senkt sich, das Auge sucht die rätselvollen Tiefen des dunklen Meeres. – –

Vom letzten Sonnenlicht ist alles umflutet; nur unter den Buchen ein tiefer, warmer Schatten; inmitten des Glanzes gleich einem lichten Marmorbilde das sinnende Mädchen; zu ihren Füßen der einzige dunkle Fleck in der schimmernden Fläche: das ruhende Tier. Kein Laut, nur das tiefe, gleichmäßige Atmen des Meeres und des Waldes, ruhevoll, friedebringend. Und jetzt der schwermütige Ruf einer Amsel: die Nacht verschlingt den frohen Sonnentag! – – –

Was aber fiel da in mein Auge? Ein Schreck faßt mich, daß ich auffahre. – Eine Änderung kam in das Bild, aber ich fühle es nur, ich sehe es nicht. Alles ruhig, leuchtend wie zuvor. – Doch! Das ist es! Dort! Hinter dem scharfen Grate des Vorgebirges schiebt sich etwas hervor! – – Nein, ich sehe nichts!

Doch, dort ist etwas! Ich weiß es, und es legt sich wie ein Alb auf meine Brust: Ich fühle nur: ein Etwas dringt herein, setzt sich mit mir in Verbindung, sieht – ja, das ist’s! Es sieht! Ich fühle es, wie kalte, bohrende Augen herüberstarren, riesenhaft, versteinernd.

Und jetzt biegt es herum um die Klippe, deutlich sagt es mir jeder fliegende Nerv. – Nein, jetzt sehe ich’s auch! Ich sehe es, doch nur – seinen Schatten. Einen ungeheuren bewegten Schatten, den die untergehende Sonne auf die bleiche, starre, senkrechte Kreidewand malt! Den Schatten eines riesigen verhüllten Wesens, langsam, langsam sich fortbewegend. Mein angststieres Auge versucht umsonst, den fürchterlichen Umriß zu entwirren. Ich raffe mich endlich auf, wende den Blick ab, scheu umherschauend, ob ein Segel, eine Menschengestalt drunten am Ufer mich äfft: Leblos ist alles, wie zuvor. – Langsam, lautlos schleicht der gespenstische Schatten weiter dahin am Rande des Ufers. Und ich fühle die Augen, versteinernde Augen!

Und das Mädchen? –

Sie hat sich aus ihrer Erstarrung gelöst. Ich sehe, wie sie sich zum Hunde niederbeugt, um ihn zu streicheln. Das Tier zittert. Seine Nüstern wittern angstvoll umher. Jetzt heult es markerschütternd auf.

Sie blickt um sich. Wieder tönt ihr glockenhelles Lachen:

Komm, armer Gefangener! Hier ist kein Wesen, keine Gefahr, und du bleibst unter meinem Blick: Sei frei! Genieße!

Sie löst das Seidenband und schreitet zum Strande, ruhig, hoheitvoll dorthin, wo ein schmaler Holzsteg weit in die Flut vorspringt. Doch winselnd gräbt sich das Tier in ihre Spuren. Sie wendet sich, und es scheint mir, als ob sie wüchse, voller und königlicher würde, da sie den Finger befehlend ausstreckt und tönend ruft:

Du kriechst winselnd zusammen vor dem Unendlichen? – Hinweg! Hier ist meine Freude! –

Sie schreitet auf den Steg. – Leuchtet sie selbst oder ist es der Widerschein aus dem Wasser zu ihren Füßen? – Wieder breitet sie wie betend die Arme und steht in Verzückung.

Das Tier springt angstvoll um den schmalen Steg, läuft zurück, sieht hinauf zu den Buchen, bellt, heult, zerrt endlich am Gewände der schönen, seligen Gestalt, blickt wieder zu ihr, dann zum hohen Ufer, als wolle es jene dorthin locken. Endlich umkreist es den Steg mit ersticktem Winseln in immer weiteren Bogen.

Wieder wendet sich mein Blick zu dem Gräßlichen dort hinten am Vorgebirge.

Langsam, langsam ist der Schatten dem Bogen des Ufers gefolgt. Wie eine königliche Schleppe wallt es ihm nach, breit und dunkel bis zu dem Kreidefelsen.

Doch diese Schleppe: nein, das ist kein Schatten! das ist kein Schatten; bläulich metallisch glänzt es auf, wallt und schwillt: – Fürchterlich! Es ist das Meer! – Eine große, massige Welle, eine düstere flüssige Wand, rollt lautlos, gischtlos dem Schatten nach über das Ufer! Langsam, langsam schwillt sie näher.

Und kein Lüftchen regt sich. Die Federwolken biegen sich rosig in der scheidenden Sonne über den Himmel; goldig glühen die Buchen über dem Vorgebirge.

Doch nein! Es ist kein Gold der Abendröte! Jetzt sehe ich es deutlicher! Wo die Schattengestalt entlang gleitet, immer riesiger wachsend, da scheidet sich das grüne Laub von dem goldigen. Nicht goldigen! Es ist welkes Laub! Das grüne verdorrt plötzlich unter der Berührung des schrecklichen Schattens!

Schon regnen die Blätter lautlos kreisend vom hohen Kreidegrat herab in die schleichende Welle. – Da schwindet die Sonne – und mit ihr der Schatten. Ich will aufatmen aus der Erstarrung des Entsetzens. Aber da fühle ich wieder das Näherkommen des Unergründlichen, Unnennbaren, Unentrinnbaren, fühle die bohrenden, kalten, suchenden, findenden Augen. Und ich verfolge ihr Nahen aus dem Anwalzen der Flutwelle, aus dem Welken des Buchenkranzes um die Höhe.

Und jetzt ein fürchterlicher Ton! Der Hund hat sich in wahnwitziger Angst dem Dräuenden entgegengereckt. Sein Fell ist struppig und klebrig; zwischen breitgestellte, flatternde Pfoten ist der triefende Schwanz zurückgebogen. Aus schaumigem Rachen hängt braun die Zunge, und mit zurückgeworfenem Kopfe heult er jammernd auf. Dann bricht er im Todeskrampf zusammen.

Und die nahende Welle hat ihn verschlungen! – –

Das Mädchen aber? – –

Sie sitzt an der Spitze des Steges; noch höher erscheint sie mir, als zuvor, als könne sie sich schon an Größe dem spukhaften Schatten vergleichen. Ihre Sohlen berühren die stille dunkle Flut und ihre Hände ruhen gefaltet im Schoße. Ihr Haar leuchtet wie ein Strahlenkranz um ihr reines Antlitz und die tiefen, wundersamen, sehnsuchtsvollen Augen haften am Himmel. Silbern blinkt aus seinem dunkelnden Blau der Abendstern.

Hat sie den Ton nicht gehört? – Oder wird sie die Welle emportragen? – –

Und sie singt. Ein Himmelston, der alle meine Furcht bannt, quillt von ihrem Munde zu mir herüber, ruhevoll, friedebringend:

Meiner Füße Schemel
Ist die Unendlichkeit
Und mein spähendes Haupt
Ragt in den ewigen Äther,
Mein sehnendes Auge
Hängt an dir,
Strahlender Stern der endlosen Liebe!

Hinter mir liegt
Der Triebsand der Erde,
Hinter mir weit
Ist das Tier geblieben;
Doch meine wachsende Seele
Schwingt sich entgegen dem ewigen Glück.

Siehe, du kommst,
Strahlender Liebesstern,
Kommst als Verheißung entgegen mir.
Aber zu dir, zu dir
Über Unendlichkeiten
Soll meiner Seele
Ewige, reine, unsterbliche Kraft …

Ein Entsetzensschrei! Ein dumpfer Schlag, als ob ein schwerer Hammer prangende Glieder zermalmte.

Hingestreckt lag die Vernichtete. Das Rätselvolle, Furchtbare hat sie erreicht. Und die dunkle Flutwelle rollt schweigend um sie herum; über ihr glänzt stumm und ernst das kalte, suchende, findende, überweltliche Auge. Da wankt die Flutwelle. Ein Wirbel kreist um die Hingesunkene und reißt sie hinab in die unergründliche Tiefe. –

Schwarz wurde es vor meinen Blicken. Noch einmal sah ich das schreckliche Auge, – sah es, wie es mich suchte. In meinem Ohre dröhnte es: morgen dir!

Dann sank ich zurück in tötlichem Schauer. – –

*

Und ich erwachte. Die Sonne leuchtete. Kinder spielten am trockenen Strande. Die Buchen der Höhen grünten bis zum fernen Kreidevorgebirge; die Vögel sangen. Ich – hatte Hunger! – – – Und doch! Und doch: morgen dir!

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